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AUGUST MESSER
Der kritische Realismus
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"Da Erkenntnis ihrem Wesen nach die Erfassung eines von der Erkenntnis unabhängigen Gegenstandes sein will, führt sie über den Bereich der Logik hinaus, die lediglich gedankliche Inhalte als solche auf die Richtigkeit ihrer Struktur und ihrer Beziehungen prüft und von deren Bedeutung für die Erfassung von Gegenständen ebenso absieht, wie vom Gedachtwerden jener Inhalte durch wirkliche Denksubjekte."

"Die Frage, ob ein gedanklicher Inhalt auch wahr, d. h. mit einem Gegenstand in Übereinstimmung ist, überschreitet dagegen die gedankliche, also die logische Sphäre."

"Die Frage, ob im psychischen Geschehen vorkommende Gedankeninhalte mit irgendwelchen Gegenständen übereinstimmen, führt über den Bereich des Psychischen und damit die Zuständigkeit der Psychologie hinaus."

"Wir sind alle von Haus aus überzeugt, selbst wirklich zu existieren und in einer wirklichen Welt zu leben. Indem diese Welt in uns Lust und Schmerz, Begehren und Widerstreben bewirkt, überzeugt sie uns fortwährend praktisch von ihrer Wirklichkeit, nicht weniger dadurch, daß sie unserem Handeln oft mehr oder weniger großen Widerstand entgegensetzt oder unsere Erwartungen enttäuscht."

"Nun ist mit jeder Wahrnehmung, wie schon Herbart gezeigt hat, eine Apperzeption gegeben , d. h. eine Auffassung und Deutung mittels früherer Erfahrungen, Beobachtungsgesichtspunkte, Erwartungen, Annahmen usw. Daher ist es sinnvoll, zu fragen: was ist das reale, d. h. von unserer Auffassung unabhängige Bestand des Erlebnisses gewesen, und was ist erst durch die Apperzeption unwillkürlich und uns oft zunächst unbewußt hineingetragen worden."


1. Kapitel
Das Wesen der Erkenntnis

1. Vorläufiges über das Wesen des Erkennens. Das Realitätsproblem, d. h. die Frage, ob und wie wir eine unabhängig von uns bestehende reale Welt erkennen können, enthält ansich die beiden Begriffe "Erkenntnis" und "Realität". Mit ihnen müssen wir uns zunächst beschäftigen.

Wir orientieren uns dabei am Sprachgebrauch. Wir fragen: was versteht man allgemein unter Erkenntnis? Oder: da Erkenntnis sowohl einen Vorgang, das Erkennen, als auch das Ergebnis dieses Vorgangs, die gewonnene Einsicht, bezeichnet, so fassen wir unsere Frage noch enger: Was ist Erkennen?

Die Antwort darauf finde ich, indem ich mir möglichst verschiedenartige Vorgänge vergegenwärtige, die ich - von meinem Sprachgefühl geleitet - alle als "Erkennen" bezeichne. Ob auch andere bei demselben Verfahren zu derselben Antwort kommen, kann ich nicht mit Bestimmtheit wissen; ich kann es aber für wahrscheinlich halten aufgrund der Erfahrung, daß mein Sprachgefühl mich ja auch sonst lehrt, die Worte in der Regel in der gleichen Bedeutung zu gebrauchen, wie meine Volksgenossen es tun. So darf ich dann auch zuversichtlich auf Zustimmung hoffen, wenn ich behaupte: Erkennen ist das geistige Erfassen eines Gegenstandes, von dem ich voraussetze, daß er auch unabhängig von der Erkenntnis vorhanden ist. Das Letztere würde das Erkennen unterscheiden von einer anderen geistigen Tätigkeit, die man auch als ein "Erfassen" bezeichnen könnte, bei der aber in und mit dem Erfassen erst der Gegenstand erzeugt oder kombiniert und konstruiert wird: ich meine die sogenannten Phantasietätigkeit, wie sie vor allem beim Dichten und Erfinden jeder Art vorkommt.

2. Psychologische Betrachtung des Erkennens. Wenn ich Erkennen als einen "geistigen" Vorgang bezeichnete, so hätte ich in diesem Zusammenhang auch psychisches Geschehen, Bewußtseinsvorgang, Erlebnis sagen können. Daraus wird deutlich, daß das Erkennen auch in den Untersuchungsbereich der Psychologie fällt. Es muß sich also die Frage erheben, ob die Psychologie berufen ist, das Problem der Realitätserkenntnis zu lösen. Die Psychologie hat die Aufgabe, das psychische Geschehen in seinem Bestand und in seinen Entwicklungsstufen (z. B. bei Tier und Mensch, Kindern und Erwachsenen) zu beschreiben und in seinem Zustandekommen und seinem Verlauf nach Möglichkeit zu erklären. Sie behandelt so auch die Vorgänge des Erkennens in ihrem Verflochtensein mit dem Bewußtseinsgeschehen überhaupt, ja mit dem gesamten Lebensprozeß. Eine Psychologie des Erkennens ist also ein bedeutsamer und in sich berechtigter Teil der Psychologie. Nur wird er wie diese selbst lediglich eine Tatsachenwissenschaft bleiben müssen, d. h. sich darauf beschränken müssen, die seelischen Tatbestände des Erkennens zu beschreiben und zu erklären. So ist es z. B. eine psychologische Erklärung, wenn man sagt, das Erlebnis des "Erkennens" tritt dann ein, wenn es gelingt, etwas, was als unbekannt, als neu erlebt wird, auf Bekanntes zurückzuführen, gleichsam Altes, Vertrautes im Neuen wiederzufinden. So ist es natürlich ebenfalls eine psychologische Feststellung, daß die erkennenden Subjekte in vielen Fällen überzeugt sind, reale Gegenstände zu erfassen. Ob aber diese Überzeugung gültig ist, diese Frage (die den Kern unseres Realitätsproblems ausmacht) kann von der Psychologie nicht beantwortet werden, weil sie nach der ganzen Fragestellung, aus der sie herausgewachsen ist, auf Tatsachenfragen beschränkt ist, und Geltungsfragen außerhalb ihres Bereichs liegen. Wollte sie deren Beantwortung ebenfalls in Anspruch nehmen, so würde sie damit die Grenzen ihrer Zuständigkeit überschreiten, sie würde in den Fehler des "Psychologismus" verfallen.

3. Logische Betrachtung des Erkennens. Dürfen wir so die Lösung des "Realitätsproblems" nicht von der Psychologie erwarten, so könnte umso mehr die Logik dazu berufen erscheinen, denn sie hat doch - nach verbreiteter Anschauung - die Normen des richtigen, also gültigen Denkens festzustellen; sie dürfte demnach für Geltungsfragen zuständig sein, da ja in allem Erkennen zugleich ein Denken liegt. Denn jenes Zurückführen, d. h. Beziehen des Neuen auf das Alte, dürfte wohl mit allgemeiner Zustimmung als ein "Denken" bezeichnet werden.

Indessen Normen für das Denken als eine psychische Betätigung wirklicher Individuen aufzustellen, ist erst Sache der angewandten Logik. Die ihr zugrunde liegende reine Logik stellt überhaupt keine Normen für menschliches Tun auf, denn sie ist eine rein theoretische, keine normative Disziplin; auch kümmert sie sich gar nicht um denkende Individuen, weil sie von ihnen wie von ihren Denkerlebnissen, ja überhaupt von aller Wirklichkeit vollständig absieht. Sie untersucht lediglich Gedanken (Urteile bzw. Sätze ansich und ihre Elemente, die Begriffe und ihre Komplexe: Schlüsse, Beweise, Methoden) nach ihrem Inhalt, ihrem Sinn und stellt fest, unter welchen Bedingungen sie richtig sind.

Erkenntnis ist aber ein Begriff, der über die reine Logik als solche nach der subjektiven wie nach der objektiven Seite hinausreicht. Er gehört ihr nur soweit an, als Erkenntnis einen gedanklichen Inhalt hat. Die Logik sagt über ihn z. B., daß er in sich widerspruchslos sein muß, wenn er richtig sein soll.

Aber ob ein gedanklicher Inhalt von einem Subjekt als "Erkenntnis" erlebt wird, das hängt ja, wie wir sahen, davon ab, ob durch ihn ein Neues mit Bekanntem in Beziehung gesetzt wird. Was aber dem Subjekt neu und was ihm alt und bekannt ist, das ist bedingt durch seine psychische Entwicklung, ist nach Individuen verschieden, und Feststellungen darüber zu machen, ist Aufgabe der Psychologie als einer Tatsachen-, einer Wirklichkeitswissenschaft, nicht der Logik, die sich als Idealwissenschaft um die Wirklichkeit von Gedanken gar nicht kümmert, sondern lediglich ihren Sinn, ihren Inhalt beachtet, ohne auch nur zu berücksichtigen, daß dieser Inhalt irgendeinem Subjekt bewußt ist.

Da ferner "Erkenntnis" ihrem Wesen nach die Erfassung eines von der Erkenntnis unabhängigen Gegenstandes sein will, so führt sie auch nach ihrer objektiven, d. h. dem Gegenstand gleichsam zugewendeten Seite über den Bereich der Logik hinaus, die lediglich gedankliche Inhalte als solche auf die Richtigkeit ihrer Struktur und ihrer Beziehungen prüft und von deren Bedeutung für die Erfassung von Gegenständen ebenso absieht, wie vom Gedachtwerden jener Inhalte durch wirkliche Denksubjekte. Nennen wir die Übereinstimmung von Gedanken (insbesondere Urteilen) mit Gegenständen (Sachverhalten) "Wahrheit", so ergibt sich, daß die Logik es auch mit der "Wahrheit" in diesem Sinn nicht zu tun hat, und daß wir die "Richtigkeit" von Gedanken und Gedankenzusammenhängen von ihrer "Wahrheit" unterscheiden müssen. Richtig kann und muß ein Gedanke oder Gedankenkomplex in sich, d. h. seinem Inhalt nach sein. Richtigkeit ist insofern etwas Immanentes; die Frage, ob ein gedanklicher Inhalt auch "wahr", d. h. mit einem Gegenstand in Übereinstimmung ist, überschreitet dagegen die gedankliche, also die logische Sphäre. Der Begriff der Erkenntnis enthält folglich für die logische Betrachtung den Charakter der Transzendenz; ebenso wie er diesen auch für die psychologische Betrachtung besitzt, denn die Frage, ob im psychischen Geschehen vorkommende Gedankeninhalte mit irgendwelchen Gegenständen übereinstimmen, führt über den Bereich des Psychischen und damit die Zuständigkeit der Psychologie hinaus.

4. Aufgaben der eigentlichen Erkenntnistheorie. Wenn weder die Psychologie noch die Logik das Erkennen als solches umspannen kann, so rechtfertigt sich damit die Existenz einer besonderen philosophischen Disziplin, der "Erkenntnistheorie" (griechisch: Gnoseologie), deren Aufgabe es ist, einerseits das Erkennen zu beschreiben, andererseits die an ihm sich zeigenden Probleme aufzuweisen und ihre Lösung zu versuchen.

Die Beschreibung erfolgt nach der von EDMUND HUSSERL ("Ideen zu einer reinen Phänomenologie", 1913) so genannten "phänomenologischen" Methode. Das bedeutet: Man geht von Erfahrungsbeispielen des vorwissenschaftlichen wie des wissenschaftlichen Erkennens aus und sucht darin festzustellen, welche Wesenszüge an allem Erkennen vorkommen.

Obwohl diese Methode von der Erfahrung ausgeht, so ist sie doch nicht "empirisch", wie die der Erfahrungswissenschaften, denen es auf die Feststellung gewisser Erfahrungstatsachen als solcher (z. B. geschichtlicher Ereignisse) ankommt. Vielmehr ist für die phänomenologische Methode das Erfahrungsbeispiel nur das Sprungbrett, um sich zum Überempirischen zu erheben. Man will an Beispielen aus dem Gesamtgebiet der Erkenntnis, die als solche gleichgültig bleiben, erkennen, was aller Erkenntnis gemeinsam ist, was ihr wesenhaft zugehört. Wir zielen also auf die überempirische Struktur des Erkennens, auf das, was in ihm a priori gegeben ist, und demnach sich an ihm finden muß, wo immer es wirklich wird.

Als solche Wesenszüge des Erkennens (die der Leser an beliebigen Einzelfällen des Erkennens nachprüfen mag) lassen sich folgende anführen (wobei wir uns auf das Allerwichtigste beschränken).

Erkennen ist eine Beziehung zwischen zwei Gliedern, Subjekt und Objekt, die beide von einander verschieden bleiben.

Die Beziehung (Relation) ist eine Wechselbeziehung (Korrelation), denn das Subjektsein des einzelnen Gliedes gilt nur für das Objektsein des anderen.

Dabei ist aber diese Korrelation nicht umkehrbar; das Subjektsein ist etwas ganz anderes als das Objektsein: die Funktion des Subjekts ist ein Erfassen, die des Objekts ein Erfaßbarsein und ein Erfaßtwerden.

Dieses Erfassen ist für das Subjekt gleichsam ein Hinübergreifen in einen ihm jenseitigen ("transzendenten") Bereich. Aber für das Objekt selbst ist es deshalb doch kein Hereingezogenwerden in die Sphäre des Subjekts. Dem Objekt ist es gewissermaßen gleichgültig, ob und wieweit es von einem Subjekt erkannt wird. Nicht am Objekt, wohl aber im Subjekt wird etwas durch das Erkennen geändert. Im Subjekt entsteht nämlich ein Bewußtsein vom Objekt. Von Seiten des Objekts gesehen, ist also das Erkennen ein Bestimmtwerden des Subjekts durch das Objekt (den Gegenstand). Das Umgekehrte liegt bei der "Handlung" vor.

Die im Subjekt entstehende Vorstellung des Gegenstandes heißt "objektiv", sofern sie mit dem Objekt selbst übereinstimmt. Dabei bleibt die objektive Vorstellung vom Objekt für das Bewußtsein verschieden.

Wenn auch das Subjekt die Bestimmtheiten des Objekts gleichsam entgegennimmt, wenn es sich also auch empfangend (rezeptiv) verhält, so braucht es deshalb nicht passiv zu sein. Es kann sich tätig (aktiv), ja selbsttätig (spontan) im Erkennen erweisen und insbesondere so an der Gestaltung der Objektvorstellung beteiligt sein.

Da auch eine vollständige Objektvorstellung vom Objekt selbst verschieden bleibt, so kann das Objekt als unabhängig vom Subjekt, als ihm jenseitig, "transzendent" bezeichnet werden. Alles Erkennen zielt auf ein vom erkennenden Subjekt unabhängiges Sein ("meint" dieses Sein). Das scheint im Widerspruch zu stehen zum Wesesn der Erkenntnisrelation, nach der doch Subjekt und Objekt als solche unlösbar verbunden sind.

Aber beide Glieder, Subjekt wie Objekt, gehen ja nicht völlig auf in ihrer Korrelation; beide können auch herausgelöst aus dieser Korrelation "ansich" bestehen: freilich dann nicht mehr als "Subjekt" und "Objekt" für einander. Nur besteht der Unterschied, daß das Objekt nach Auflösung der Korrelation aufhört, "Objekt" (für das betreffende Subjekt) zu sein, das Subjekt aber "Subjekt" bleibt (wenn auch in diesem Fall kein "erkennendes", so doch etwa ein fühlendes, wertschätzendes, wollendes).

Sofern nun das Objekt als Ansich-Seiendes gemeint ist, läßt sich von dem, was an ihm bereits erkannt ist, das noch zu Erkennende oder das überhaupt Erkennbare unterscheiden. Das Erkannte braucht sich mit dem zu Erkennenden nicht zu decken; es kann ihm "inadäquat" sein.

Das Bewußtsein dieser Inadäquatheit ist gleichsam ein "Wissen des Nichtwissens", ein "Erfassen des Nichterfaßten". In ihm besteht das Problembewußtsein. Aus diesem aber ergibt sich das Bestreben, die Grenze der Erkenntnis immer weiter vorzuschieben, worin sich wieder die - trotz aller Rezeptivität bestehende - Aktivität und Spontaneität des Subjekts beweist.

Soweit nun die vom Subjekt gestaltete Vorstellung des Objekts mit dem Objekt selbst übereinstimmt, nennen wir sie wahr. Nur sofern wahre Vorstellungen erreicht sind, reden wir streng genommen von "Erkenntnis". Ihr entgegen steht der Irrtum, die Täuschung. Das Objekt selbst kann weder wahr noch unwahr genannt werden. Wohl aber kann eine inadäquate Vorstellung trotz ihrer Unvollständigkeit wahr sein, d. h. einzelne Züge des Objekts zutreffend wiedergeben.

Wie es ein Bewußtsein der Inadäquatheit gibt, so gibt es auch ein Bewußtsein der Unwahrheit und demnach auch ein solches der Wahrheit. Damit ist der Anspruch auf ein Kennzeichen (Kriterium) der Wahrheit gegeben. Ferner ergibt sich aus dem Bewußtsein der Unwahrheit das Wahrheitsstreben.


2. Kapitel
Der Begriff der Realität

1. Gemeinsame Eigenschaften aller Objekte. Gleich zu Anfang stellten wir uns die Aufgabe, die beiden Begriffe "Erkenntnis und Realität" zu klären. Wir haben uns bisher mit der Erkenntnis beschäftigt; wir haben versucht, ihr Wesen klar zu denken; wir müssen uns nunmehr dem Begriff der "Realität" zuwenden; das bedeutet, wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Art der Erkenntnisgegenstände richten; denn von den realen (wirklichen) Objekten unterscheiden wir die idealen (bloß gedachten, unwirklichen).

Ehe wir aber auf deren Unterschied näher eingehen, sollen einige Wesenszüge hervorgehoben werden, die ihnen gemeinsam sind, sofern sie allen Erkenntnisgegenständen als solchen zukommen.

Für alle gilt, daß sie verschieden bleiben vom Erkenntnisvorgang. Der Sinn des Erkennens besteht ja darin, daß es die Gegenstände erfassen will, wie sie ansich sind. Denn würde es die Gegenstände irgendwie verändern, so würde es eben damit die Erkenntnis trüben oder fälschen. Gewiß können wir durch unser Handeln die Gegenstände ändern, aber geänderte Gegenstände haben eben andere Beschaffenheiten als vorher und müssen darum, wenn sie zutreffend erfaßt werden sollen, auch andere Erkenntnisinhalte liefern. Was im erkennenden Subjekt an solchen Erkenntnisinhalten entsteht, das ist von den Objekten sogar dann zu scheiden, wenn sie mit jenen völlig übereinstimmen, also wahr und adäquat sein sollten.

Diese Verschiedenheit der Gegenstände von allem Erkennen und allen Inhalten des Erkennens kann als ihre "Transzendenz", ihr "Ansich" bezeichnet werden und zwar als Transzendenz in einem erkenntnistheoretischen Sinn; denn sie gilt - nochmals betont - für alle Erkenntnisgegenstände; auch für die idealen.

Gerade für sie wird man dies nicht leicht zugeben wollen; denn sie sind ja "bloß gedacht", vom Denken "erzeugt"; es steht gleichsam beim Subjekt, sie so oder anders zu denken: wie sollte ihnen da eine Unabhängigkeit, ein "Ansich-sein", eine "Transzendenz" zukommen?

Aber diese Prädikate werden ihnen auch nicht beigelegt, sofern sie gedacht, durch das Denken erst konstruiert werden, sondern sofern sie erkannt werden sollen. Das sind zwei ganz verschiedene Verhältnisse, in denen sie zum Subjekt stehen, und ebenso sind die in Betracht kommenden Funktionen des Subjekts: einmal das Erdenken der Gegenstände, sodann ihr Erkennen, ganz verschieden.

Daß aber für das Erkennen wirklich jene erkenntnistheoretische Transzendenz in Anspruch genommen werden muß, das läßt sich auch an einem beliebig herausgegriffenen Beispiel darlegen. Ideale Gegenstände sind z. B. die Gebilde der reinen Mathematik, die Zahlen, die Figuren der ebenen und räumlichen Geometrie. Wenn nun etwa eine Klasse von 40 Schülern zu verstehen sucht, was eine Dezimalzahl ist, oder welche Beziehung besteht zwischen einem Quadrat über der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks und den Quadraten über den Katheten, so handelt es sich jeweils um 40 Erkenntnisvorgänge mit ihren Inhalten, aber nur um einen Erkenntnisgegenstand, der von jenen zu unterscheiden ist und ihnen transzendent bleibt. Die erkennenden Subjekte, wie die von ihnen erlebten Erkenntnisprozesse sind wirklich, deren Gegenstände unwirklich, "ideal", und trotz ihrer Unwirklichkeit etwas in sich Bestimmtes, Fixiertes, das dem Subjekt gleichsam vorschwebt, wie es aufzufassen ist, und das von ihm zutreffend erfaßt, aber auch verfehlt werden kann.

Es ist gewiß eine wunderliche Sache, daß ein Unwirkliches so gleichsam "wirken", dem erkennenden Subjekt Vorschriften machen soll, aber ehe man die Frage zu beantworten sucht, wie Derartiges möglich ist, muß man sich in einer rein phänomenologischen Beschreibung des Erkennens schlicht zu Bewußtsein bringen, daß wir den Sachverhalt im wirklichen Denken der idealen Gegenstände uns tatsächlich so vorstellen, und daß andernfalls das Erkenntnisstreben diesen Objekten gegenüber seinen Sinn verlieren würde.

Dieses erkenntnistheoretische Ansich-sein kommt in gleicher Weise wie den idealen, so auch den realen (wirklichen) Gegenständen zu.

2. Besonderheiten der realen Objekte. Die Begriffe "real" oder "wirklich" (die wir vorläufig als gleichbedeutend gebrauchen) gehören zu den Grundbegriffen, die wir im praktischen Leben wie in der Wissenschaft durchaus sicher und sinnvoll instinktiv anwenden, wie etwa die Begriffe Raum, Zeit, Ich, Gegenstand, denen gegenüber wir aber in große Verlegenheit kommen, wenn wir sie definieren sollen.

Wir sind alle von Haus aus überzeugt, selbst wirklich zu existieren und in einer wirklichen Welt zu leben. Indem diese Welt in uns Lust und Schmerz, Begehren und Widerstreben bewirkt, überzeugt sie uns fortwährend praktisch von ihrer Wirklichkeit, nicht weniger dadurch, daß sie unserem Handeln oft mehr oder weniger großen Widerstand entgegensetzt oder unsere Erwartungen enttäuscht.

Den Begriff "wirklich" zu bilden, bietet das praktische Leben nur da Anlaß, wo Irrtum, Lüge, Sinnestäuschung, Phantasie, Halluzination uns antreibt, etwas für unwirklich oder für Schein zu erklären. Begriffsbildung setzt wie sonst, so auch hier, eine Unterscheidung voraus.

Sobald es nun aber gilt, Wirkliches von Unwirklichem zu unterscheiden, benutzt der Mensch als Mittel dazu die Wahrnehmung. Vor allem Sehen und Tasten gelten ihm als sichere Mittel, um festzustellen, ob etwas wirklich ist. Dabei kommt dem naiven Menschen die Wahrnehmung als solche zunächst gar nicht zu Bewußtsein: die wahrgenommenen Dinge sind einfach für ihn da, und sie gelten ihm als ansich so beschaffen, wie er sie wahrnimmt. Nicht nur Körperliches, sondern auch Seelisches glaubt man unmittelbar wahrzunehmen und zwar an anderen ebenso wie an sich selbst. Zwar weiß man, daß die Mitmenschen ihre Gedanken und Gefühle auch verheimlichen können, aber im allgemeinen glaubt man doch unmittelbar wahrzunehmen, wie sie gegen uns gesinnt sind, was sie uns mitteilen, von uns wünschen, uns verbieten.

Außer der Wahrnehmung der Objekte selbst, gilt auch die Wahrnehmung ihrer Wirkungen als Kennzeichen ihrer Wirklichkeit. Finden wir z. B. beim Nachhausekommen unseren Schrank erbrochen, so zweifeln wir nicht, daß hier ein wirklicher Mensch tätig gewesen ist.

Die bloß gedachten (idealen (1), unwirklichen) Gegenstände kann man nicht wahrnehmen, sie können auch nicht wirken. Das hingezeichnete Dreieck ist zwar etwas Wirkliches, aber es ist auch nur ein Hilfsmittel, sich das (ideale) Dreieck, das in der Geometrie eigentlich gemeint ist, zu vergegenwärtigen; es ist nicht dieses ideale Gebilde selbst. Eine bloß gedachte Speise kann man nicht sehen, riechen oder tasten, und sie macht uns nicht satt.

3. Naiver und kritischer Realismus. Wenn im allgemeinen der Naive überzeugt ist, daß die wirklichen Dinge ansich so sind, wie seine sinnliche Wahrnehmung, vor allem sein Gesicht sie ihm zeigen, so führt ihn doch schon gelegentlich das praktische Leben zu einer Unterscheidung zwischen den Dingen selbst und seiner Wahrnehmungsvorstellung. Er weiß z. B. durch die alltägliche Erfahrung, daß die Dinge in der Entfernung kleiner "aussehen" als sie wirklich sind; er findet hie und da auch bei genauerer Untersuchung, daß ein Ding in Wirklichkeit eine andere Beschaffenheit hat, als er anfänglich aufgrund einer flüchtigen Wahrnehmung angenommen hatte. Diese Unterscheidung, zwischen den Dingen, wie sie sich unserer Sinneswahrnehmung darstellen und den Dingen, wie sie ansich sind, wird dann vom wissenschaftlichen Denken (in Physik, Physiologie und Psychologie) in größtem Maßtstab vorgenommen. Sie zeigen, daß Farbe und Helligkeit, Festigkeit und Weichheit, Wärme und Kälte, Ton, Geschmack, Duft usw. nicht den Dingen-ansich zukommen, unabhängig von ihrem Wahrgenommenwerden, daß vielmehr eine gewisse Beschaffenheit unserer Sinnesorgane, unseres Gehirns und Bewußtseins - ebenso gewisse physikalische (oder auch chemische) Reizvorgänge die unentbehrlichen Teilbedingungen dafür sind, daß sich an den Dingen diese Eigenschaften (die seit LOCKE sogenannten sekundären Qualitäten) darstellen. Damit ist gegeben, daß sie den Dingen nicht "absolut" zukommen, sondern nur "relativ", nämlich in der Beziehung zu wahrnehmenden Subjekten von bestimmter seelisch-körperlicher ("psycho-physischer") Beschaffenheit.

Mit dieser "Subjektivität in den Sinnesqualitäten" ist nun Anlaß und Berechtigung dafür gegeben, zwischen den Dingen selbst und ihren "Erscheinungen" ("Phänomenen") im Bewußtsein grundsätzlich zu unterscheiden.

Durch den Vollzug dieser Unterscheidung hebt sich der "kritische" Realismus des wissenschaftlich-philosophischen Denkens vom natürlichen ("naiven") Realismus des praktischen Lebens ab.

Hier bietet sich auch eine Veranlassung, zu den Hauptarten der Gegenstände, die wir bisher allein ins Auge gefaßt haben, den idealen und den realen, noch eine dritte Art ins Auge zu fassen, die "phänomenalen"; darunter verstehen wir die Erscheinungen ("Phänomene") der realen Objekte im Bewußtsein. Natürlich sind diese "Phänomene" als Bewußtseinsinhalte selbst wirklich, aber sie sind nicht das, was in der ungekünstelten Wahrnehmung gemeint ist, vielmehr zhielt diese auf die realen Dinge selbst.

Man hat diese Zweiheit von "Erscheinung" und "Ding-ansich" auch zum Ausgangspunkt dafür genommen, den zwei Worten "wirklich" und "real" eine verschiedene Bedeutung zuzuweisen: jene Erscheinungen im Bewußtsein (wie überhaupt alle Bewußtseinsinhalte und -vorgänge) sollten, so schlug z. B. OSWALD KÜLPE vor, als "wirklich", das unabhängig vom Bewußtsein Existierende dagegen als real bezeichnet werden. Die Daseinsart der "wirklichen" Objekte wäre ihr "Gegenwärtigsein" oder "Gegebensein". Dagegen soll die Daseinsart der realen Objekte als "Existenz" bezeichnet werden. Wenn sie auch nur aufgrund von "Gegebenem" angenommen würden, so würden sie doch als unabhängig von ihrer Repräsentation im Bewußtsein existierend gedacht, sind also von den "wirklichen" Objekten scharf zu unterscheiden.

Indessen findet diese Unterscheidung, so begründet sie sachlich ist, keine Stütze im allgemeinen Sprachgebrauch und kann darum leicht zu Mißverständnissen führen. Wir wollen uns ihrer darum nur soweit anpassen, daß wir den Ausdruck "bewußtseinswirklich" benutzen, um das im Bewußtsein unmittelbar Gegebene, besonders die Ding-Erscheinungen, von den "realen" Dingen selbst zu unterscheiden.

Dadurch, daß er diese letztere Unterscheidung grundsätzlich durchführt, hebt sich der kritische Realismus des wissenschaftlich-philosophischen Denkens vom naiven Realismus des vorwissenschaftlichen Denkens und des praktischen Lebens und Handelns ab.

Aber noch ein weiteres Merkmal scheidet diese beiden Entwicklungsstufen des Realismus: die naiv-natürliche Überzeugung, auch das Seelenleben der Mitmenschen so unmittelbar wahrnehmen zu können wie die körperlichen Dinge selbst, wird durch das kritische Nachdenken aufgehoben oder zumindest erschüttert. Wenigstens ist es die in der wissenschaftlichen Psychologie herrschende Ansicht, daß wir Seelisches nur in uns selbst unmittelbar wahrnehmen, daß wir dagegen das Fremd-Seelische nicht direkt in der Wahrnehmung erfassen, sondern daß wir es aufgrund einer sinnlichen Wahrnehmung von Worten, Mienen, Gesten, Bewegungen und Haltungen instinktiv und mit größter Raschheit assoziativ hinzufügen, wobei diese "Einfühlung", erkenntnistheoretisch betrachtet, nicht mehr als die Geltung einer - vielleicht sehr unwahrscheinlichen - Hypothese hat.

Aber wie deutlich sich auch der kritische Realismus vom naiven abhebt, gemeinsam bleibt ihnen doch die Überzeugung, daß wir imstande sind, "Realitäten", d. h. unabhängig von uns existierendes Wirkliches zu erkennen, und zwar nicht bloß in seinem Dasein, sondern auch in seiner Beschaffenheit.

Auch bleibt es eine für alle erkenntnistheoretische Besinnung beachtenswerte Tatsache, daß wir - auch wenn uns die Reflexion vom naiven zum kritischen Realismus (ja noch über diesen hinaus) geführt hat, wir im praktischen Leben, ja zumeist auch in den Einzelwissenschaften ruhig fortfahren, uns als naive Realisten zu verhalten. Das muß die Überzeugung verstärken, daß dem naiven Realismus ein sehr erheblicher Wahrheitsgehalt innewohnt (2).


3. Kapitel
Das Problem der Realitätserkenntnis

1. Schwierigkeiten der Realitätserkenntnis. Nachdem wir uns so über die Begriffe der "Erkenntnis" und der "Realität" (sowie den des "kritischen Realismus") verständigt haben, bleibt noch übrig zu erwägen, inwiefern die Erkenntnis der Realität unser philosophisches Denken vor Probleme stellt.

Schon bei der Beschreibung des Erkennens drängte sich uns eine Schwierigkeit auf. Alles Erkennen zielt auf unabhängig vom erkennenden Subjekt vorhandene Gegenstände ab und ist auch überzeugt, sie zu erfassen, aber dabei sollen doch diese Gegenstände in ihrer unabhängigen Existenz, in ihrem "Ansich-sein" verharren. Nur im Subjekt soll sich etwas verändern: der Erkenntnisvorgang soll in ihm zustande kommen. Wie soll aber im Erkennen das Subjekt auf das ihm jenseits ("transzendent") bleibende Objekt übergreifen, um es zu "erfassen"? Wie soll das erkennende Bewußtsein gleichsam über sich hinauslangen? Bleibt es nicht immer auf seine eigenen Inhalte beschränkt?

Eng mit diesem Problem hängt ein zweites zusammen. Nehmen wir an, es sei (wenn auch in uns unbegreiflicherweise) im erkennenden Subjekt ein Bewußtseinsinhalt entstanden, der mit einem Gegenstand übereinstimmte, der also insofern "wahr" ist: wie soll sich das Subjekt von dieser Wahrheit überzeugen, worin sollte für es ein Kennzeichen der Wahrheit liegen? Er müßte ja dann jenen Bewußtseinsinhalt mit dem Gegenstand selbst vergleichen, es müßte ja zu diesem Zweck ebenfalls über sich hinausgreifen und das Objekt in sich hineinziehen, um es gleichsam neben jenen Inhalt zu stellen. Aber wie sollte sich das mit der "Transzendenz", dem "Ansich-sein" der Gegenstände vertragen?

Diese beiden Probleme: die Fragen: wie Erkennen überhaupt möglich ist, und wie ein Wahrheitskriterium möglich ist, betreffen übrigens nicht nur die Erkenntnis der realen, sondern die aller Gegenstände. Sie drängen sich uns aber im Hinblick auf die Realitätserkenntnis mit besonderer Schärfe auf. Denn da die idealen Gegenstände vom Bewußtsein selbst erzeugt, erdacht und konstruiert werden, so scheinen sie eben damit in weit engerer Beziehung zum Bewußtsein zu stehen als Realitäten, die als gänzlich unabhängig vom Bewußtsein existierend gedacht werden. Was das Bewußtsein schafft, so wird man sagen, das kann es auch erkennen.

Noch weniger scheint die Erkenntnis phänomenaler Gegenstände als solche Schwierigkeiten zu machen, denn sie gehören ja selbst zum Bewußtsein. Freilich ist eine "künstliche" innere Einstellung nötig, um sie zum Objekt der Erkenntnis oder auch nur der Beachtung zu machen; denn in unserer gewöhnlichen Einstellung sind wir ja als naive Realisten auf die realen Gegenstände selbst gerichtet, deren Bewußtseinsrepräsentationen die Phänomene sind; die letzteren heben sich von den Realitäten für unser natürliches Bewußtsein gar nicht ab.

Wenn wir jedoch einmal jene Unterscheidung zwischen der Realität selbst und ihrer "Erscheinung" im Bewußtsein vollzogen haben, so wird sich allem Anschein nach unser Erkenntnisstreben mit weit mehr Aussicht auf Erfolg den "Phänomenen" zuwenden können, die ja der Sphäre des Bewußtseins selbst zugehören, als den bewußtseinsjenseitigen, transzendenten Realitäten. Ja, es erscheint zunächst unbegreiflich, wie das Bewußtsein sich von deren Dasein überzeugen und sie in ihrer Beschaffenheit erkennen sollte; ferner worin das Kriterium der Wahrheit dieser Erkenntnisse bestehen sollte.

2. Die Teilprobleme. Damit stehen wir vor dem großen Problem der Realitätserkenntnis. Wir können es im Anschluß an OSWALD KÜLPE, der in seinem Hauptwerk "Die Realisierung" (an das wir uns im Folgenden anschließen) die weitaus bedeutsamste Darstellung und Verteidigung des kritischen Realismus geliefert hat, in vier Teilprobleme zerlegen:
    1. Ist es möglich, das Dasein von Realitäten zu erkennen?

    2. Wie ist es möglich, das Dasein von Realitäten zu erkennen?

    3. Ist es möglich, die Beschaffenheiten und Beziehungen von Realitäten zu erkennen, sie also in diesem Sinn zu "bestimmen"?
Die von KÜLPE selbst gewählte Formulierung, ob und wie eine "Setzung" und "Bestimmung" von Realem zulässig ist, kann die irrige Auffassung nahe legen, wir selbst "setzen" und "bestimmen" Reales in demselben Sinn wie wir ideale Gegenstände "setzen" (d. h. erzeugen) und "bestimmen" (d. h. konstruieren). In diesem idealistischen Sinn sind die Ausdrücke "setzen" und "bestimmen" von KÜLPE nicht gemeint. Das ergibt sich daraus, daß KÜLPE seinen Grundbegriff der "Realisierung" folgendermaßen definiert:
    "Er bezeichnet ein Forschungsverfahren, bei dem das zu erfassende Reale vorausgesetzt, nicht hervorgebracht wird. Nur die Gedanken, in denen wir es darzustellen und zu verstehen suchen, werden erzeugt und gestaltet". (I, 3)
Um jedes Mißverständnis auszuschließen, wollen wir den Ausdruck "setzen", der es besonders nahelegt, im Allgemeinen vermeiden, und ein für allemal betonen, daß wir den Ausdruck "bestimmen" stets in dem oben angedeuteten Sinn des Erfassens von vorhandenen "Bestimmtheiten" (Beschaffenheiten und Beziehungen) verwenden.


4. Kapitel
Die Erkenntnis des Daseins
realer Objekte

Die Frage, ob es möglich ist, das Dasein von Realitäten zu erkennen, kann nur dann bejaht werden, wenn wir es als berechtigt darlegen, reale Objekte überhaupt als existierend anzunehmen. Nun haben wir neben den realen noch zwei Arten von Objekten kennengelernt: die phänomenalen und die idealen. Die entschiedenste Gegnerschaft gegen den erkenntnistheoretischen Realismus besteht also darin, daß man versucht, das Recht zur Annahme der realen Objekte als einer besonderen Klasse zu bestreiten und die sogenannten realen entweder auf phänomenale oder auf ideale Objekte zurückzuführen. Das erstere geschieht von Seiten des subjektiven Idealismus (den man auch als Konszientialismus, Immanenzphilosophie, Positivismus bezeichnen kann), das zweite von Seiten des objektiven (oder kritischen bzw. transzendentalen) Idealismus (3). Es gilt nunmehr gegenüber diesen beiden Richtungen die Berechtigung des kritischen Realismus darzulegen.

1. Auseinandersetzung mit dem subjektiven Idealismus (Konszientialismus). - a) Die Vertreter des subjektiven Idealismus (die "Konszientialisten") berufen sich zunächst darauf, daß die "Evidenz" (d. h. der einleuchtende Charakter) der Wahrnehmung in den Erfahrungswissenschaften allein eine sichere Erkenntnis ermöglicht. Aber nur die Bewußtseinstatsachen selbst, also lediglich die phänomenalen Objekte könnten mit dieser Evidenz wahrgenommen werden. Es hat keinen Sinn, gleichsam hinter diesen noch nach realen Gegenständen zu suchen, welche die eigentliche Wirklichkeit ausmachen sollten. Indessen die Evidenz der Wahrnehmung ist, selbst gegenüber den eigenen Bewußtseinstatsachen, nicht von so überragender Bedeutung. Sie ist ansich nur ein subjektiver Eindruck, der uns sagt, daß gewisse Erlebnisse sich gerade abspielen oder soeben abgespielt haben, und daß sie von dieser oder jener Beschaffenheit sind oder waren. Aber dieser subjektive Eindruck muß nicht objektiv richtig sein und ist für andere nicht notwendig überzeugend. Ferner ist die evidente Wahrnehmung durchaus nicht mit allen Bewußtseinserlebnissen verbunden; die letzteren können ablaufen, ohne daß eine innere Wahrnehmung sich auf sie richtet. Auch kann sich diese innere Wahrnehmung selbst auf verschiedenen Bewußtseinsstufen vollziehen. Nur auf den obersten Stufen pflegt die Evidenz einzutreten. Diese bezieht sich dabei in erster Linie nur auf die unmittelbar gegenwärtigen Erlebnisse. Zwar erstreckt sie sich auch auf gerade abgelaufene Erlebnisse (als "Erinnerungsgewißheit"), aber nur in geringem Umfang und mit rasch abnehmender objektiver Sicherheit. Man kann sich z. B. darüber im Zweifel befinden oder irren, ob man eine Minute vorher einen bestimmten Gedanken gehabt hat oder nicht. Endlich können mit größerer Sicherheit allgemeine Aussagen gemacht werden (z. B. daß ein Unterschied zwischen zwei Helligkeiten bestand) als speziellere (z. B. ob die erste oder zweite größer, war).

Wir haben bisher nicht zwischen sogenannter "innerer" und "äußerer" Wahrnehmung unterschieden. Ich betone, daß die Evidenz beiden zuteil werden kann; ich kann ebenso evident wahrnehmen, daß ich soeben ein Unlustgefühl erlebe, wie daß mir ein "weiß", ein "glatt", ein "schwer" äußerlich, d. h. im Raum gegeben ist: der Konszientialist im strengsten Sinn müßte sich also darauf beschränken, die ihm selbst gegebenen Bewußtseinstatsachen der inneren und äußeren Wahrnehmung festzustellen, zu beschreiben und etwa Regelmäßigkeiten zwischen ihnen festzustellen.

Wie weit aber die wirklichen Wissenschaften über das, was der Konszientialismus anerkennt, hinausgehen, ist leicht zu zeigen.

Zwar haben Philosophen und Psychologen wie BENEKE, WUNDT, PAULSEN dem Konszientialismus zumindest für das Gebiet des Psychischen recht gegeben. Indem sie jede Substanzialisierung des Seelischen ablehnten und eine "Aktualitäts"theorie desselben verfochten, wollten sie sagen, daß auf dem Gebiet des Psychischen nicht geschieden werden darf zwischen dem im Bewußtsein unmittelbar Gegebenen (also dem Phänomenalen) und einem psychisch Realen (gleichsam einem "Ding-ansich"). Aber für diese Scheidung, die doch auch KANT vorgenommen hat, spricht, daß das Psychische, d. h. das Erleben ganz ohne eine darauf gerichtete Wahrnehmung vorkommen und von dieser auf einer verschiedenen Bewußtseinsstufe begleitet sein kann. Nun ist mit jeder Wahrnehmung, wie schon HERBART gezeigt hat, eine Apperzeption gegeben (4), d. h. eine Auffassung und Deutung mittels früherer Erfahrungen, Beobachtungsgesichtspunkte, Erwartungen, Annahmen usw. Daher ist es sinnvoll, zu fragen: was ist das reale, d. h. von unserer Auffassung unabhängige Bestand des Erlebnisses gewesen, und was ist erst durch die Apperzeption unwillkürlich und uns oft zunächst unbewußt hineingetragen worden.

Auch könnte der Konszientialist, streng genommen, nicht wahrgenommene Erlebnisse im eigenen Seelenleben, ferner das Psychische in den Mitmenschen und in den Tieren nicht als wirklich anerkennen, wenn er seinem Grundgedanken treu bleiben wollte, nur das mit Evidenz innerlich Wahrgenommene als wirklich anzuerkennen und die Annahme von real Psychischem abzulehnen. Wie wenig dieses dem Verfahren der Psychologie entspräche, liegt auf der Hand. Insbesondere die sogenannte objektive Psychologie, die von Äußerungen des Seelenlebens wie Ausdrucksbewegungen, Kunstwerken, religiösen Gebräuchen, Verkehrsformen und anderes auf das Psychische zurückschließt, verzichtet gänzlich auf die Wahrnehmungsevidenz. Es ist übrigens belehrend, daß selbst die genannten Vertreter der "Aktualitätstheorie" Annahmen machten, die weit über den Bereich der phänomenalen Objekte hinausgehen, die der Konszientialismus [Lehre, nach der die Gegenstände der Erkenntnis nur als Bewusstseinsinhalte existieren. - wp]
allein als wirklich anerkennen will. So redet BENEKE von einer "Seele" mit "Angelegtheiten" und "Spuren". WUNDT und PAULSEN vertreten eine voluntaristische Metaphysik, die das ganze Seelenleben auf Willenseinheiten zurückführt, die im Bewußtsein selbst nicht wahrnehmbar sein sollen.

Über das in der äußeren Wahrnehmung mit Evidenz Gegebene, die Farben, Töne, Gerüche, Drucke gehen wir schon im praktischen Leben weit hinaus, indem wir sie als Eigenschaften und Wirkungen von Dingen auffassen, die nach ihrem Gesamtbestand durchaus nicht gegeben sind. Aber auch die Naturwissenschaft beschränkt sich nicht auf das Phänomenale, sondern indem sie von Massen, Energie, Atomen und Elektronen redet, nimmt sie - das ist zumindest die nächstliegende Deutung - Realitäten an, um mit ihrer Hilfe das Phänomenale zu erklären.

Wenn also der Konszientialismus durch einen Hinweis auf die Evidenz, welche die Wahrnehmung phänomenaler Objekte begleiten kann, diese für die allein wirklichen erklärt, so entspricht das weder dem Verfahren der Psychologie noch der Naturwissenschaft. Es würde auch den Erkenntnisbereich beider Wissenschaften in einer für sie geradezu tödlichen Weise verengen. Dabei bleibt freilich richtig, daß die evidente innere wie äußere Wahrnehmung den Ausgangspunkt und die letzte Grundlage für die Annahme von psychischen wie physischen Realitäten bildet. -

b) Eine zweite Gruppe von Bedenken des Konszientialismus gegen den Realismus ist logischer Art.

Man findet zunächst einen inneren Widerspruch im Begriff des realen Objekts als eines Gegenstandes, der "außerhalb" des Denkens, insofern "transzendent", existieren soll. Ein Gedanke an einen Körper bleibt eben ein Gedanke; man kann sowenig Ungedachtes denken wie Ungesehenes sehen.

Aber gerade im letzten Vergleich verrät sich die Schwäche des Einwandes; es verkennt die Eigenart des Denkens und verwechselt es mit dem sinnlichen Vorstellen. Das Rot, das ich sehe, ist Inhalt einer Farbempfindung, aber nicht im gleichen Sinn ist der Baum, an den ich denke, der Inhalt eines Denkens. Der Baum wird kein Gedanke dadurch, daß ich ihn denke. Auch Gefühle der Lust oder Unlust, Empfindungen, anschauliche Vorstellungen kann ich denken (im Denken "meinen"), ohne daß sie deshalb selbst zu Gedanken werden. Also daß ich reale Objekte denke, darin liegt kein Widerspruch, während die Empfindung einer Farbe, die keine Empfindung wäre oder das Erinnerungsbild eines Geruchs, der kein Erinnerungsbild wäre, allerdings etwas in sich Widersprechendes bedeuten würde.

Also darin besteht gerade die Eigenart des Denkens, daß es sich seine Gegenstände nicht angleicht, sondern lediglich auf sie gerichtet ist. Dadurch, daß sie gedacht werden, ändert sich nichts an ihrer sonstigen Beschaffenheit, sie bleiben was sie sind: Begriffe oder Objekte, ideale, phänomenale oder reale Objekte. Die letzteren insbesondere werden dadurch, daß sie gedacht werden, nicht zu bloßenb Gedanken, Denkinhalten und insofern phänomenalen Objekten.

Man hat nun von konszientialistischer Seite geltend gemacht, wohl könnten Bewußtseinsinhalte wie etwa Empfindungen, Gefühle, Willensakte zu Objekten des Denkens werden, ohne sich selbst in bloße Gedankeninhalte zu verwandeln, aber wie sollten "transzendente" Objekte, die außerhalb des Bewußtseins bestehen, in es hineinkommen? Und wenn man selbst annimmt, daß sie ein Bewußtseinsinhalt werden könnten, so muß man doch, wenn diese Inhalte zur Erkenntnis realer Objekte dienen sollen, sie mit jenen vergleichen können; dazu muß man aber die transzendenten Objekte in ihrer realen Beschaffenheit "ansich" kennen, was unmöglich ist, da das Bewußtsein doch nicht über sich selbst hinausgreifen kann. Also alles, was Objekt eines Denkens werden kann, ist schon seinem Begriff nach - Bewußtseinsinhalt.

Aber muß das, was ich denke, deshalb lediglich Bewußtseinsinhalt sein? Freilich muß es insofern "im Bewußtsein" sein, als ich davon wissen muß. Jedoch läßt sich damit jener Einwand auf die harmlose Feststellung zurückführen, daß alle Gegenstände des Denkens eben damit Gegenstände eines Wissens sein müssen. Das ist selbstverständlich; denn im Begriff des Denkens ist eben der eines Wissens mitgedacht. Aber aus jener Feststellung folgt gar nichts über die Beschaffenheit der Denkgegenstände: sie können ebensogut reale wie phänomenale Objekte sein.

Man wird also gerade in der der Transzendenz, im Hinausweisen über sich selbst, einen charakteristischen Wesenszug des Denkens zu erblicken haben. Es vermag zwar auch Bewußtseinsinhalt zu denken, aber ebensogut Gegenstände, die nicht Bewußtseinsinhalt sind, wie reale und ideale Objekte.

Die Unabhängigkeit der Denkgegenstände vom Denken selbst ergibt sich auch aus den logischen Grundprinzipien der Identität und des Widerspruchs. Man kann deren Sinn so wiedergeben, daß bei allem Verlauf und Wechsel des Denkens (des Urteilens, Schließens, Beweisführens) jeweils der Gegenstand unabhängig davon verharrt und durch jene Operationen nicht verwandelt wird.
Aber wenn man selbst einräumt, daß der Begriff eines realen als eines transzendenten Objekts widerspruchsfrei ist, so bleibt den Konszentialisten doch noch der logische Einwand, der Annahme transzendenter Objekte fehle die zureichende Begründung; man komme im wissenschaftlichen Denken mit immanenten Objekten aus. Indessen, das trifft für die Realwissenschaften tatsächlich nicht zu. Wenn in der Metaphysik z. B. von Monaden oder von der Gottheit oder dem Willen als Weltprinzip die Rede ist, so sind damit offenbar ebensowenig Bewußtseinsinhalte gemeint, wie mit der Natur und ihren Faktoren in der Naturwissenschaft oder mit den historischen Personen und Geschehnisse in der Geschichtswissenschaft.

Will man aber alle diese Objekte deshalb für bewußtseinsimmanent erklären, weil sie eben doch als von uns gedacht gewußt werden, so läuft das wieder auf die Selbstverständlichkeit hinaus, daß alle gewußten Gegenstände eben - gewußt werden. Daraus ergibt sich aber folglich, daß alles Sein nur - Gewußtsein (Bewußtseinsinhalt) ist. Es ist geradezu die Überzeugung aller Realwissenschaften, daß die Existenz ihrer Gegenstände nicht mit unserem Wissen von diesen untrennbar verknüpft oder gar identisch ist. Diese an der Erfahrung fortdauern bewährende Überzeugung bildet einen ausreichenden logischen Grund für die Annahme realer Objekte.

c) Einspruch gegen den Realismus erhebt man auch im Geist des Empirismus und Positivismus, also der Geistesrichtungen, die sich beim Erkennen streng auf das in der Erfahrung Gegebene beschränken wollen. Von hier aus macht man geltend: gegeben sind uns nur Bewußtseinsinhalte, alles, was Gegenstand der Erkenntnis werden soll, muß uns bewußt geworden sein.

Versteht man hierbei unter "Bewußtsein" das individuelle, persönliche einzelner Subjekte, so haben wir den sogenannten Solipsismus.

Zunächst wäre gegen diesen zu bemerken: wenn der Solipsist nur noch ein Bewußtsein, nämlich das eigene anerkennt, hat es dann Sinn, wenn er von seinem Bewußtsein spricht, womit doch andere vorausgesetzt sind?!

Ferner bedeutet Bewußtsein entweder die subjektiven Erlebnisse, das Seelenleben des Subjekts oder aber sein Wissen. Im ersteren Fall ist es tatsächlich unrichtig, daß alle Gegenstände dem Bewußtsein angehören, denn schon für den ungeheuren Bereich der Objekte der äußeren Natur trifft nicht zu, daß sie psychisch sind; ein Kristall ist kein subjektives Erlebnis.

Im zweiten Fall aber ist nur gesagt, daß alle Erkenntnis von Gegenständen an ein Wissen von ihnen gebunden ist. Dieser Satz ist evident, aber er steht nicht im Widerspruch zu Bewußtseinstranszendenz und Realismus. Denn er läßt die Frage ganz offen, ob die Gegenstände, abgesehen davon, daß sie gewußt werden, nicht noch anderes sind, z. B. auch unabhängig von einem Bewußtsein existieren. -

Die antirealistische Behauptung, daß lediglich Bewußtseinsinhalte Erkenntnisgegenstände sind, wird auch in dem Sinne vertreten, daß man unter "Bewußtsein" nicht das eigene versteht, sondern eine Abstraktion: ein Bewußtsein überhaupt, ein "erkenntnistheoretisches Subjekt" schlechthin. Man kann diesen Standpunkt im Unterschied vom "Solipsismus" als den der "Immanenz" bezeichnen (wie er z. B. von AVENARIUS, MACH, RICKERT vertreten wird). Wenn die Vertreter dieses Standpunkts alle Gegenstände als Bewußtseinstatsachen bezeichnen, so wollen sie damit nicht sagen, daß sie alle psychischer Art sind. Vielmehr fassen sie das "Immanente", d. h. das dem Bewußtsein Gegebene, das Vorgefundene, zunächst als psychologisch neutral und sind der Meinung, daß es erst in Psychisches und Physisches unterschieden wird, je nachdem man es als abhängig vom erlebenden Ich, vom psycho-physischen Subjekt oder als unabhängig von ihm auffaßt.

Der Vertreter des Realismus erkennt rückhaltlos an, daß die "immanenten" Gegenstände der Ausgangspunkt aller Erfahrungswissenschaften sind, betont aber, daß diese nirgends beim Vorgefundenen einfach stehen bleiben. Für die Naturwissenschaft z. B. ist dies nur die Grundlage zur Erkenntnis einer realen Außenwelt. Warum sollte man sich scheuen, eine solche anzunehmen, da man ja auch unbedenklich fremdes Seelenleben aufgrund der "vorgefundenen" Bewegungen und Äußerungen der Mitmenschen annimmt?

Die Annahme realer Naturobjekte aber wird uns geradezu aufgedrängt durch gewisse formale Beziehungen an den gegebenen Empfindungen. In der Selbständigkeit ihres Kommens und Gehens, ihres Verharrens und Anderswerdens, ihrer Verbindung und ihrer Trennung drückt sich Unabhängigkeit von uns, und somit eine Abhängigkeit von Gegenständen aus, die nicht wir selbst sind, die nicht zu uns gehören, die somit "real" sind.

Indessen machen die Immanenzphilosophen geltend, daß die von uns gedachten realen Naturfaktoren, wie Atome, Energie und deren Erhaltung, Lichtgeschwindigkeit, elektrischer Widerstand, chemische Affinität usw. auch etwas Immanentes sein sollen, nämlich lediglich Begriffe, bloße Gedanken, logische Konstruktionen, die eine widerspruchslose, bequeme und zuverlässige Darstellung von Beobachtungen an Sinneseindrücken ermöglichen.

Jedoch lassen die Aussagen, die in der Wissenschaft von jenen Naturfaktoren gemacht werden, sich auf Begriffe bzw. Gedanken nicht sinnvoll beziehen. Der Begriff der Lichtgeschwindigkeit z. B. beträgt nicht 3oo ooo km in der Sekunde, der Begriff des Atoms ist nicht in Bewegung und hat keine chemische Verwandtschaft.

Wollte man aber die Begriffe von den Objekten scheiden und doch mit der Immanenztheorie die Annahme realer Objekte ablehnen, so müßte man alle Naturobjekte für ideale erklären und sie so den Objekten der reinen Mathematik gleichsetzen. Diese aber sind gedankliche Konstruktionen, bei denen wir das in der Erfahrung Gegebene nur soweit berücksichtigen, als in unserem Belieben steht, während wir uns bei der Erkenntnis der realen Naturobjekte auf das Genaueste am Erfahrungsbestand orientieren müssen.

d) Wir müssen vielfach Abstraktionen vollziehen, wenn wir die Bestimmungen des Realen aus dem vorgefundenen Phänomenalen herausarbeiten, und wir können oft das Reale nur durch recht allgemeine Begriffe charakterisieren.

Nun hat man die Bedenken, die sich bereits bei BERKELEY gegen die Abstraktion und die allgemeinen Begriffe finden, auch gegen die Annahme von realen Objekten geltend gemacht.

Aber diese Bedenken sind schon ansich nicht beweiskräftig; sie beruhen auf einer Verwechslung des eigentlichen "Denkens" mit dem anschaulichen Vorstellen. Ein Abstraktum wie eine bloße Raumbestimmtheit (ohne Farbe) oder ein Allgemeines wie ein Dreieck überhaupt, das weder gleich- noch ungleichseitig ist, läßt sich freilich nicht "vorstellen", aber es läßt sich "denken".

Das Bedeutsamste aber ist für uns, daß die realen Objekte doch nicht selbst Abstraktionen oder Allgemeinheiten sind, weil etwa die Bestimmungen, zu denen wir über sie gelangen, einen solchen Charakter tragen. Die Abstraktion und die Verallgemeinerung ist in allen Wissenschaften notwendig; deshalb können doch die Gegenstände individueller Natur sein. Wie weit wir die Erkenntnis ihrer individuellen Eigentümlichkeiten erstreben oder zu erreichen vermögen, ist dann wieder eine besondere Frage.

e) Einen weiteren Einwand gegen den Realismus sucht man zu gewinnen aus den besonders von HUME näher ausgeführten empiristischen Gedanken, daß die "Ideen" (Begriffe, Gedanken) all ihren Inhalt aus anschaulichen Bewußtseinsinhalten (den "Impressionen") gewinnen und darum auch nur auf solche, d. h. also nur auf phänomenale Objekte anwendbar sind.

Die neuere Psychologie des Denkens (5) hat aber gezeigt, daß sich das "Denken" von den anschaulichen Inhalten (Empfindungen, Vorstellungen) unterscheidet erstens durch seinen unanschaulichen Charakter: wir können uns die mannigfachsten Gegenstände, schließlich den Inhalt ganzer Abhandlungen, vergegenwärtigen, ohne daß eine Veranschaulichung dabei irgendeine nennenswerte Rolle spielt -, zweitens durch sein Bezogensein auf Gegenstände, die aber von den Bewußtseinsinhalten, die etwa beim Denken vorhanden sind, durchaus unterschieden werden müssen.

Deshalb ist das eigentliche Denken weder nach seinem Inhalt, noch nach seiner Anwendbarkeit auf das Anschauliche (Phänomenale) beschränkt. -

f) Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit werden mit Recht als Merkmale wirklich wissenschaftlicher Erkenntnisse angeführt. Sie drücken die Unabhängigkeit der Geltung von Sätzen von der Anerkennung durch Subjekte aus. Ebenso spricht man den Vorzug der Gewißheit einem Satz zu, der das Bestehen eines Sachverhaltes für alle wirklichen Fälle, die darunter gehören, aussagt (z. B. daß überall, wo uns Farbe gegeben ist, auch Ausdehnung gegeben ist).

Man macht nun geltend, daß Sätze über Realitäten nie mit Notwendigkeit, Allgemeingültigkeit und Gewißheit aufgestellt werden können, daß sie stets hypothetisch bleiben müssen, und daß sie darum in der Wissenschaft nicht zuzulassen sind.

Jedoch gibt es in jeder Wissenschaft sehr vieles, was jenen höchsten, idealen Anforderungen der Erkenntnis nicht entspricht - selbst innerhalb der Psychologie, soweit sie sich auf die phänomenalen Objekte beschränkt. Ja, empirische Urteile überhaupt können dieses Ideal nie erreichen, weil Erfahrung immer nur lehrt, was ist und war, aber nicht was sein muß, und weil somit neue Erfahrung die bisherige über den Haufen werfen kann.

In jeder Realwissenschaft gibt es neben gewisser Einsicht auch solche von geringerer und größerer Wahrscheinlichkeit. Gerade die Geschichte der realistischen Theorien (wie z. B. der Atomtheorie) zeigt ein beträchtliches Wachstum an Begründung und Sicherstellung. -

g) Man hat es als eine selbstverständliche ökonomische Forderung bezeichnet, daß das Ziel der Wissenschaft auf direktestem Weg und mit geringstem Kraftaufwand erreicht wird. Nun macht man geltend, daß die Annahme von Realitäten überflüssig ist und deshalb nach dem Prinzip der Ökonomie aus der Wissenschaft auszuschalten.

Entscheidend für den wissenschaftlichen Wert von Sätzen, Annahmen usw. sind Richtigkeit (innere Übereinstimmung) und Wahrheit (6) (Übereinstimmung mit dem Gegenstand). Der Gesichtspunkt der Ökonomie kommt also erst in zweiter Linie in Betracht. Übrigens empfiehlt sich auch von diesem Gesichtspunkt aus die realistische Ansicht und Ausdrucksweise, wie diese z. B. in der bisherigen Naturwissenschaft allein herrschend war. Wenn etwa MACH eine konszientialistische Deutung der Naturgesetze für möglich und wünschenswert hält, so wird eine derartige Physik sich zumindest sehr wenig "ökonomisch" ausnehmen. Man versuche nur einmal ein Gesetz wie das der Gravitation nicht in Bezug auf reale Massen, sondern auf phänomenale Bewußtseinsinhalte von Subjekten auszudrücken!

Daß aber die Annahme von Realitäten nicht überflüssig ist, haben schon frühere Erörterungen gezeigt und werden spätere bestätigen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß sich schon am Gegebenen ein Unterschied zeigt zwischen dem, was vom erlebenden oder es auffassenden Subjekt abhängt, und dem, was von ihm unabhängig ist. Die damit uns aufgedrängte Scheidung einer phänomenalen und einer realen Seite des Gegebenen ist der erste Schritt der Realisierung. Läßt man aber überhaupt eine Erklärung des Gegebenen durch Nicht-Gegebenes zu, will man nicht bei zusammenhanglosen Tatbeständen stehen bleiben, so muß auch noch der zweite Schritt der "Realisierung" erfolgen; es muß für die Eigengesetzlichkeit der von uns unabhängigen Seiten des Gegebenen durch die Annahme realer Objekte eine Erklärung angebahnt werden.

2. Auseinandersetzung mit dem objektiven Idealismus (der Marburger Schule) a) Während der subjektive Idealismus oder Konszientialismus die Annahme realer Objekte bestreitet, weil er mit phänomenalen auszukommen meint, sieht der objektive Idealismus in den realen Objekten nichts anderes als ideale Gegenstände, die wie die Gebilde der reinen Mathematik vom Denken erzeugt werden.

Dieser Standpunkt ist in neuerer Zeit besonders von HERMANN COHEN und PAUL NATORP und manchen Jüngeren der von ihnen begründeten "Marburger Schule" in eindrucksvoller Weise vertreten worden.

Das Denken wird hier als der eigentliche Erkenntnisfaktor gefaßt. Das "vermeintlich Gegebene der Erfahrung" gilt lediglich als ein X, ein erst zu Bestimmendes; der Erkenntnisprozeß gilt als ein unendlicher und zugleich als Weltschöpfungsprozeß. Das Erkenntnisobjekt ist dabei Objekt allemal nur für die erreichte Stufe der Erkenntnis, nicht mehr für jede höhere, noch nicht für jede niedere.
    "Es gibt", nach einem Wort Natorps, "nicht den absolut subjektiven Inhalt so wenig wie den absolut transsubjektiven Gegenstand, sondern was auf einer Stufe Inhalt geworden ist, war auf einer anderen Gegenstand, was auf einer Stufe erst zu erkennender Gegenstand ist, wird auf einer höheren als nunmehr erkannter zum "Inhalt", der wieder auf einen ferneren, höher hinauf erst zu erkennenden Gegenstand = X verweist. Es relativiert sich also der Gegensatz des Subjektiven und des Objektiven selbst, so aber, daß die Richtung der Objektivierung immer voran steht, die Subjektivität überhaupt erst im Rückgang von ihr nämlich zu den niederen Stufen der Objektivierung definierbar wird."
Aus diesen Worten geht auch hervor, daß hier nicht ein für allemal geschieden wird zwischen Inhalt und Objekt der Erkenntnis, sondern daß dieser Unterschied zu einem relativen herabgesetzt wird.

Reale Objekte werden nicht anerkannt, sondern nur einerseits das vom Denken noch nicht bestimmte phänomenale Gegebene, andererseits Objekte, die zur Bestimmung dieses Phänomenalen vom Denken geschaffen werden, die also idealer Art sind.

Die reine Mathematik gilt als Vorbild aller Wissenschaft.
    "Darin besteht ja gerade", wie Cohen einmal sagt, "der methodische Wert des mathematischen Denkes, daß alle seine Inhalte nicht als gegeben hingenommen werden, sondern grundsätzlich zur Erzeugung gelangen."

    "Das Reale, das die Naturwissenschaft sucht in allen ihren Bestimmungen, die Mathematik verleiht es ihr."

    "In der Realität hat der Gegenstand sein Fundament. Und diese Realität ist nichts anderes als Zahl. ... Alle anderen Arten von Realität sind vom Übel des Vorurteils. ... Der Idealismus ist der wahre Realismus." (7)
b) Die Vertreter der Marburger Schule pflegen "Begriffe" und "ideale Objekte" nicht auseinander zu halten. Sie sind in der Tat auch insofern verwandt, als sie beide ideale Gebilde sind. Indessen ist eine Unterscheidung doch sachlich geboten.

Begriffe sind für die Wissenschaft fixierte Zuordnungen zwischen Zeichen und bezeichneten Gegenständen. Den Begriffsinhalt bilden die Bedingungen dieser Zuordnung. Diese Bedingungen, die sogenannten "Merkmale", bestehen in direkten oder indirekten Hinweisen auf den bezeichneten Gegenstand. Der Begriffsinhalt muß nicht dem Gegenstand und dessen Eigenschaften entnommen sein, wie die Möglichkeit indirekter Begriffe zeigt (z. B. der "Alleszermalmer" für KANT). Auch pflegt der Inhalt sich auf diejenigen Hinweise zu beschränken, die hinreichend sind, um die Zuordnung des Wortzeichens zum betreffenden Gegenstand festzulegen. Der Gegenstand ist daher in der Regel reicher als sein Begriff. Besonders bei phänomenalen und realen Objekten wird dies der Fall sein. Aber auch die idealen Gegenstände sind zu scheiden von den Begriffen, die auf sie zielen. So gibt es ihren Merkmalen nach verschiedene Begriffe von der Zahl, dem Punkt, dem Kreis usw.

Objekte brauchen nicht bezeichnet zu werden, sie können ohne Zeichen und Begriff bestehen und haben insofern ein absolutes Sein. Das gilt auch für die idealen Objekte im Unterschied von den Begriffen, wie sehr auch der Umstand, daß beide vom Denken geschaffen werden, dazu beitragen kann, diesen Unterschied zu verdecken. Die zum Wesen des Begriffs gehörige Korrelation zu Zeichen und Gegensetand gilt für die Objekte nicht. Daß auch sie in den mannigfachsten Beziehungen stehen, ist für ihr Wesen belanglos.

Die Untersuchung der Begriffe trägt einen anderen Charakter als die der Objekte. Die sogenannte "Bedeutungsanalyse" d. h. die Zergliederung der Begriffe nach ihren Merkmalen, ist von der Erforschung der Objekte und ihrer Beschaffenheiten völlig verschieden. Wer z. B. feststellt, was das Wort "Wille" bedeutet, stellt keine psychologische Untersuchung des Willens an, sondern fixiert lediglich die Bedeutungsrichtung des Wortes. Auf keinen Fall wird durch eine Bedeutungsanalyse ein neues Wissen von den Objekten gewonnen.

Wenn wir betonten, daß im Allgemeinen die Objekte ihrem Inhalt nach reicher sind als die Begriffe, so muß andererseits betont werden, daß die Begriffe an Zahl insofern die Objekte überragen, als es nicht nur von Objekten, sondern auch von allen anderen Gegenstandsklassen, also auch von Zeichen und Begriffen selbst wieder Begriffe geben kann (während "Objekte von Objekten" in diesem Sinn unmöglich sind).

Veränderungen von Begriffen brauchen nicht notwendig mit Veränderungen der Zeichen und der bezeichneten Gegenstände verbunden zu sein, es kann z. B. durch die Einführung anderer Merkmale die Zuordnung zwischen demselben Zeichen und demselben Objekt in etwas anderer Weise zustande gebracht werden. Ob ich z. B. unter den Merkmalen des Begriffs Körper die Schwere mitdenke oder nicht, ändert zwar den Begriff (die Wortbedeutung), aber nicht den Gegenstand. Diese selbständige Veränderlichkeit der Begriffe gegenüber den Objekten, auch den idealen, bekundet ebenfalls die durchgehende Verschiedenheit von Begriffen und Objekten.

Wenn aber eine Änderung der Objekte mit einer solchen der Begriffe verbunden ist, so ist jene die primäre, von der die Begriffsänderung abhängt. (Weil z. B. Österreich durch den Weltkrieg eine weitgehende Änderung erfahren hat, so hat sich auch der Begriff davon geändert.) Der Begriff hat - trotz HEGEL - keine Macht über die Objekte, sondern hat sich nach ihnen zu richten.

Auch innerhalb der Beziehungen tritt der Unterschied zwischen Begriffen und Objekten hervor. Wenn man z. B. von über- und untergeordneten Begriffen redet, so meint man damit, daß der übergeordnete Begriff einem Umkreis von Gegenständen zugeordnet ist, dem auch die des untergeordneten Begriffs zugehören. Für die Gegenstände bedeutet das nur den Unterschied einer größeren und geringeren Zahl. Ferner lassen sich die räumlichen Beziehungen zwischen den idealen Objekten der Geometrie oder die arithmetischen zwischen Zahlen nicht als Begriffsbeziehungen fassen.

Schließlich wäre noch zu betonen, daß auch die Begriffe als Elemente der Darstellung von Forschungsergebnissen von den Objekten als Gegenständen der Forschung selbst unterschieden werden müssen.

Aus all dem geht hervor, daß die bei den Vertretern des objektiven Idealismus beliebte Vermischung von Begriffen und Objekten unzulässig ist. -

c) Entscheidend aber gegen den objektiven Idealismus ist vollends, daß die Forschungsmethoden gegenüber den idealen und den realen Objekten einen wesentlich verschiedenen Charakter tragen.

Damit wir dem objektiven Idealismus nach Möglichkeit gerecht werden und verstehen, wie er dazu kommen konnte, die realen Objekte als ideal zu erklären, soll zunächst festgestellt werden, welche Übereinstimmungen zwischen diesen beiden Klassen von Objekten bestehen.

Beide werden nicht als Gegebenes einfach vorgefunden. Die Annahme und Bestimmung auch der realen erfordert eine spontane Tätigkeit des Forschers. Insofern kann man auch von den realen Objekten sagen, daß sie durch das Denken "erzeugt" werden - freilich nicht "ansich", sondern "für uns".

Den Anlaß zu dieser Erzeugung liefert für beide Arten von Objekten das Gegebene (Phänomenale). Hinsichtlich der realen Objekte betonten wir das bereits weiter oben. Aber es gilt auch für die idealen: ohne das uns in der Erfahrung gegebene Räumliche und Zählbare wäre keine Geometrie und keine Arithmetik entstanden.

Ferner lassen sich reale wie ideale Objekte in einem strengen Sinn nicht eigentlich anschaulich wahrnehmen und vorstellen (das hingezeichnete Dreieck ist nicht das - ideale - Dreieck der Geometrie und das sichtbare Ding nicht der Atomkomplex der Physik), und dieselben Operationen, die zur Entstehung idealer Objekte führen (Abstraktion, Kombination, Modifikation gegebener Elemente) liegen - zum Teil wenigstens - auch der Erkenntnis realer Objekte zugrunde. Zudem bestehen enge Beziehungen zwischen Ideal- und Realwissenschaften: z. B. sind mathematische Methoden und Ergebnisse für die moderne naturwissenschaftliche Forschung von der größten Bedeutung. Diese engen Beziehungen scheinen für eine gewisse Gleichartigkeit der beiderseitigen Objekte zu sprechen. Und müssen nicht im Interesse der Einheit der Wissenschaft alle ihre Objekte dasselbe allgemeine Gepräge tragen?

Indessen beweisen alle diese Momente, auf die der objektive Idealismus sich berufen kann, nichts Entscheidendes gegen den kritischen Realismus.

Die Spontaneität des Forschers erkennt auch dieser an. Es ist durchaus unbegründet, wenn man ihm immer wieder vorwirft, er sehe im Erkennen lediglich ein "Abbilden". Die realen Objekte sind uns nicht einfach gegeben, wir können sie als solche (d. h. abgesehen von ihrer "Erscheinung") nicht anschaulich vorstellen, mithin auch nicht "abbilden", und ihre erschöpfende Bestimmung durch das Denken erkennt auch der kritische Realist als eine unendliche Aufgabe an. Zwischen dem Abbilden von phänomenalen Objekten und dem Schaffen von idealen steht das Erfassen der realen, die selbst nicht gegeben sind, aber sich durch "Phänomenales" offenbaren ("erscheinen"). Die Spontaneität des Denkens zeigt sich innerhalb der Realwissenschaften nicht in der Erzeugung der Objekte, sondern unserer Auffassungen von ihnen und in ihrer Erforschung.

Die Bedeutung des Gegebenen (und damit der Erfahrung) ist für die Realwissenschaften unvergleichlich größer als für die Idealwissenschaften. In letzteren gibt es nur den Anlaß zur Konstruktion idealer Objekte, für die ersteren bildet es nicht bloß den Ausgangspunkt, sondern auch die beständige Grundlage der Forschung und die Kontrolle ihrer Ergebnisse. Dagegen werden die idealen Objekte der Mathematik, wenn ihre Konstruktion einmal erfolgt ist, ganz unabhängig von der Erfahrung, also a priori, erkannt. Die Beobachtung, die doch die Grundlage der Naturwissenschaft und Psychologie ist, hat in den Idealwissenschaften keine Stätte.

Daß sich die realen wie die idealen Objekte nur "denken", nicht "anschauen" lassen, beseitigt nicht den Unterschied, daß das Denken in den Realwissenschaften ansich existierende Realitäten anhand der Erfahrung zu bestimmen sucht, daß es dagegen in den Idealwissenschaften die Objekte selbständig schafft. Dort Nachkonstruktion, hier freischöpferische Konstruktion. Wenn gewisse Methoden wie Abstraktion, Kombination, Modifikation in beiden Wissenschaftsgruppen eine Rolle spielen, so werden sie doch in den Realwissenschaften im engsten Anschluß an das Gegebene angewandt, in der Idealwissenschaft dagegen in völlig freier Weise.

Da übrigens reale wie ideale Objekte - Gegenstände sind, so ist es erklärlich, daß gewisse Gegenstandsbestimmtheiten ihnen gemeinsam sind: so Zählbarkeit, Gleichheit, Verschiedenheit, Ähnlichkeit usw. Das erklärt auch die Anwendbarkeit der Mathematik auf die Naturwissenschaften, aber trotz ihrer engen Beziehungen bleiben diese Wissenschaften in ihren Zielen völlig verschieden. Die Naturwissenschaft geht nicht darauf aus, mathematische Erkenntnis zu gewinnen, und die Mathematik ist nicht darauf gerichtet, Naturvorgänge zu beobachten und mit Hilfe des Experiments zu erklären.

Was endlich das Einheitsbedürfnis der menschlichen Vernunft betrifft, fordert dies nicht Einförmigkeit und Gleichheit, sondern eine Einheit des Mannigfaltigen. Wo sich Unterschiede zeigen, dürfen sie nicht verdeckt oder abgeschwächt werden. Das gilt auch für die Verschiedenheit der Ideal- und Realwissenschaften, ihrer Objekte und ihrer Methoden. Der von der Einheit geforderte Zusammenhang kann deshalb auch zwischen ihnen bestehen. -

d) Es stellt sich uns als Ergebnis der bisherigen Erörterung heraus, daß der kritische Realismus die Bedenken sowohl von Seiten des subjektiven, wie des objektiven Idealismus abzuwehren vermag. Dabei kann er die relative Berechtigung beider Standpunkte seinerseits anerkennen. Die des subjektiven Idealismus (Konszientialismus) liegt darin, daß er die Theorie einer (in sich sinnvollen) Wissenschaft ist, die sich lediglich mit den Bewußtseinsgegebenheiten (den "Phänomenen") als solchen befaßt, daß er ferner geeignet ist, die Bedeutung des Gegebenen (und damit der "Erfahrung") auch für die Realwissenschaften zu betonen. Der objektive Idealismus seinerseits ist als Theorie der Idealwissenschaften berechtigt, und er bringt die Bedeutung des "Denkens" für die Erkenntnis realer Objekte klar zum Bewußtsein. Diese realen Objekte aber dürfen weder mit den phänomenalen, noch mit den idealen (bzw. mit Begriffen) vermischt und verwechselt werden. Die Eigenart der realen Objekte klarzustellen und darzulegen, wie ihre Erkenntnis auf einer Kombination von Erfahrung und Denken beruth, das ist die Aufgabe des kritischen Realismus.
LITERATUR - August Messer, Der kritische Realismus, Karlsruhe 1923
    Anmerkungen
    1) Mit den Worten "ideal" und "real" darf in der Erkenntnistheorie keinerlei Wertbedeutung, also auch keinerlei Wert- oder Rangunterschied verbunden werden.
    2) Wenn Nicolai Hartmann, dessen Werk "Grundzüge einer Metaphysik des Erkennens", 1921, wir gerade für das Vorangehende wertvolle Anregungen verdanken, unter "Realismus" diejenige Richtung versteht, die das Objekt dem Subjekt überordnet und zeigen will, wie es das Subjekt hervorbringt (Seite 91), so verbindet er mit dem Wort Realismus einen Sinn, der uns ungebräuchlich erscheint, sich jedenfalls von unsrigem völlig unterscheidet. In den erkenntnistheoretischen Grundanschauungen selbst fühle ich mich mit Hartmann einig.
    3) Über historische Vertreter beider Richtungen verweise ich auf Oswald Külpe, Einleitung in die Philosophie, elfte Auflage, 1923 und meine "Philosophie der Gegenwart", vierte Auflage, 1922 (Sammlung: "Wissenschaft und Bildung").
    4) Vgl. meine Schrift "Die Apperzeption", zweite Auflage, Berlin 1921.
    5) Vgl. Messer, Psychologie, 7./9. Tausend, Stuttgart 1922, Kapitel 13/15.
    6) Külpe verwendet die Ausdrücke Richtigkeit und Wahrheit im umgekehrten Sinn. Jedoch entspricht dies nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch, dem wir uns anschließen.
    7) Eine genauere Darstellung und kritische Beurteilung des Marburger Idealismus habe ich in der "Internationalen Monatsschrift", März 1912, Heft 6, gegeben.