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AUGUST MESSER
Der kritische Realismus
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"Bei Kant ist die Annahme eines - uns allerdings unerkennbaren - psychischen Realen enthalten in der Lehre, daß wir auch das in der inneren Erfahrung Gegebene nicht erkennen, wie es ansich ist, sondern wie es uns erscheint, vermöge unserer Anschauungsform der Zeit, wie unserer Denkkategorien, mittels deren wir das Gegebene auffassen. Psychisch real wäre dann das, was nach Abzug unserer Anschauungs- und Denkformen noch bliebe - einen Abzug, den wir freilich nicht vornehmen können."

"Auch wenn nicht alle Fragen gelöst werden können, so braucht man doch nicht die Zuversicht aufzugeben, in der Erkenntnis der Realitäten fortzuschreiten."

"Bei Kant finden wir folgende Erwägung: Die reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) sind für sich leere Formen, denen Objekte gegeben werden müssen, damit sie Inhalt gewinnen. Das ist aber nur möglich in der Anschauung, der sinnlichen Wahrnehmung."

"Ich meine, daß diejenige theoretische Auffassung und Deutung unseres Erkennens, die ich als kritischen Realismus bezeichne, in Übereinstimmung steht mit dem Wesen des Erkennens wie mit dem der Realität. Daß sie ihrem Kern nach mit der instinktiven Überzeugung des naiven Realismus harmoniert, die wir alle im praktischen Leben teilen, darf sicher als eine gewichtige Empfehlung angesehen werden, wenn dies auch nicht entscheidend ist für die Frage der Gültigkeit."


5. Kapitel
Die Methoden der Erkenntnis
des Daseins realer Objekte

Das Realitätsproblem hatte sich uns in vier Teilprobleme zerlegt. Das erste von diesen ist nunmehr gelöst: durch die Zurückweisung der Einwände des subjektiven und des objektiven Idealismus haben wir gezeigt, daß wir berechtigt sein, die Existenz realer Objekte anzunehmen und deren Erkennbarkeit zu bejahen.

Es gilt nunmehr die positiven Gründe für die Annahme von Realitäten zu entwickeln; damit werden wir zugleich die zweite Frage beantworten: wie ist es möglich, das Dasein von Realitäten zu erkennen, welche Methoden leiten zu diesem Ziel?

Wir führen diese Untersuchung getrennt für die beiden Hauptgebiete der Realwissenschaften: der Natur- und der Geisteswissenschaften.

A. Realistische Methoden in den Naturwissenschaften. Im Bereich der Naturwissenschaften können wir die Gründe einteilen in empirische, in rationale und in gemischte.

1. Empirische Methoden. a) Als empirischer Grund für die Annahme einer realen Außenwelt werden zunächst die Erfahrungen des Tastsinns angeführt (denen wir auch die Widerstands- und Schmerzempfindungen zuordnen können). Wenn wir selbst unseren Augen und Ohren nicht trauen, so glauben wir uns doch durch das Betasten vom Dasein realer Objekte sicher überzeugen zu können.

Aber sosehr Tast-, Widerstands- und Schmerzempfindungen geeignet sein mögen, unsere Überzeugung von einer Außenwelt psychologisch zu motivieren, so können sie doch für sich nicht als ausreichende logische Gründe angesehen werden. Es gibt ja auch Tast-Halluzinationen, es gibt Schmerzen, für die keine reale Ursache vorliegt, es gibt die sogenannte "paradoxe" Widerstandsempfindung (die auftritt, wenn man ein nicht zu leichtes Gewicht, das durch einen Faden an der Hand oder einem Finger befestigt ist, ziemlich rasch senkt, bis es auf eine weiche Unterlage möglichst lautlos und plötzlich auftrifft). Auch kann man Gegenstände als reale Objekte annehmen, die gar nicht betastet werden können wie die Himmelskörper, die Atome usw. -

b) Die Sinneswahrnehmung im Gegensatz zur bloßen Vorstellung gilt als ein Erfassen realer Objekte. Wenn dabei auch vom kritischen Realismus (in der Naturwissenschaft) die Scheidung des phänomenalen und des realen Objekts durchgeführt wird, so gilt doch auch ihm die Wahrnehmung als Grundlage der realistischen Überzeugung. Und zwar ist weitaus am bedeutsamsten die Gesichtswahrnehmung, während Gehör-, Geruch- und Tastwahrnehmungen nur zur Aushilfe und Kontrolle herangezogen werden.

Die einzelne Wahrnehmung als solche - d. h. ohne eine Beziehung auf andere und unsere Erfahrung - nicht über ihre Gegebenheit, also über das Phänomenale hinaus, fordert kein von ihrem Inhalt verschiedenes reales Objekt. So kommt auch der Naturforscher erst dadurch, daß er Wahrnehmungen vergleicht, kombiniert, wiederholt usw. dazu, die Existenz von Realem anzunehmen.

Experimentell-psychologische Untersuchungen (8) haben gezeigt, daß man es den Wahrnehmungsbildern selbst nicht ansieht, ob sie objektiv oder subjektiv sind. Die Beziehung auf ein reales Objekt gehört nicht im gleichen Sinn zum Wahrgenommenen, wie etwa Farbigkeit und Helligkeit oder Duft und Ton.

Halluzinationen endlich und Jllusionen haben völlig einen Wahrnehmungscharakter; nicht weniger Traumvorstellungen. Folglich kann dieser Charakter für sich nicht ausreichen, um unsere Überzeugung zu rechtfertigen, daß wir es mit etwas Realem zu tun haben.

So darf man zusammenfassend sagen, daß die Wahrnehmungen als einzelne kein hinreichender Grund sind für die Annahme von Realitäten; freilich sind sie notwendige Gründe dafür, sie allein eröffnen uns gleichsam den Zugang zum Realen, wobei freilich die Beziehungen zwischen dem in der Wahrnehmung gegebenen Phänomenalen und dem Realen verwickelt sein können. Es ist nicht so, daß jeder Wahrnehmung einfach eine Realität entspricht. -

c) Schon bei HUME tritt uns die Ansicht entgegen, daß unsere Überzeugung von einer realen Welt sich auf die besondere Intensität, bzw. Lebhaftigkeit von Sinneseindrücken stützt.

Unzweifelhaft kann die Intensität als Motiv bei der Annahme von Realitäten mitwirken, zumal sie uns für die Unterscheidung von Wahrnehmung und Vorstellung dienlich sein kann, aber einen logisch hinreichenden Grund bildet die Intensität schon deshalb nicht, weil sich kein bestimmter Grad derselben angeben läßt, der für die Annahme von Realem erforderlich wäre.

Man könnte weiterhin versuchen, den Realismus durch einen Hinweis auf räumliche und zeitliche Bestimmtheiten der Wahrnehmungen zu begründen, insbesondere könnte man versuchen, dazu Gestalt, Ort und Bewegung zu verwenden, da diese in der Naturwissenschaft den realen Objekten selbst beigelegt werden.

Indessen sind diese Bestimmungen an bloß vorgestellten Objekten gegeben, ohne sie hier eine realistische Deutung erfahren. Nicht die Tatsache eines Ortes oder einer Bewegung, sondern das von uns unabhängige Gegebensein derselben führt zur Begründung realistischer Annahmen.

Da Qualität und Intensität, räumliche und zeitliche Merkmale die Gesamtheit der in den Wahrnehmungen gegebenen Momente darstellen, so hat sich ergeben, daß sie alle nicht notwendig über das Phänomenale zur Annahme realer Objekte hinausführen.

d) Man hat nun die Gefühle für die Begründung des Realismus herangezogen. Schon LOCKE sagt: "Die Wirklichkeit der Außenwelt ist so gewiß wie unser Schmerz und unsere Lust, wie unser Elend und unser Glück." ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus III, 2, 1887, Seite 168f, meinte, wie Liebe und Sympathie über uns hinaus auf das Dasein anderer Wesen hinweisen, so Hunger und Atembedürfnis auf Nahrung und Luft.

Jedoch setzt die Existenz von Liebe und Sympathie zwar Wahrnehmungsinhalte, aber nicht deren realistische Deutung notwendig voraus, können sich doch auch derartige Gefühle gegenüber bloßen Vorstellungen, z. B. dichterischen Phantasiegestalten regen! Naturwissenschaft und Psychologie bedienen sich auch nicht dieser Gefühle zur Begründung der Annahme einer Außenwelt oder fremden Seelenlebens.

Daß Hunger nicht die Existenz von Nahrung beweist, zeigt sich - bei jeder Hungersnot.

e) Man hat aber auch ganz allgemein erklärt, daß alle äußere Wahrnehmung schon für sich beweist, daß etwas existiert, was von meinem eigenen Dasein unabhängig ist (so RIEHL, a. a. O., Seite 168).

Jedoch bei der Unterscheidung "äußerer" und "innerer" Wahrnehmung handelt es sich nicht um eine Verschiedenheit der Tatsachen, sondern der Gesichtspunkte, der zudem in bildlicher Weise recht mißverständlich bezeichnet wird. Wenn man z. B. Töne unter dem Gesichtspunkt der Physik als realen Vorgang oder unter dem der Psychologie als Bewußtseinsinhalt auffaßt, so haben wir im ersten Fall eine "äußere", im zweiten eine "innere" Wahrnehmung; aber das unmittelbar Wahrgenommene ist in beiden Fällen genau dasselbe. Das in der Wahrnehmung Gegebene muß aber nicht realistisch gedeutet werden; es enthält nach seinem qualitativen Bestand ansich keinen logisch zwingenden Hinweis auf reale Gebiete.

Ist so die reine Erfahrung für sich unvermögend uns den Zugang zur Realität zu öffnen, so ist jetzt zu prüfen, ob dies vielleicht dem reinen Denken gelingt, d. h. ob es rationale Gründe für die Annahme von Realitäten gibt.

2. Rationale Methoden. a) Man hat zunächst versucht, aus der Gültigkeit der induktiven Methode die Annahme einer Außenwelt zu begründen. Denn diese Methode setzt regelmäßige Zusammenhänge voraus. Solche gibt es aber fast nur in der Außenwelt.

Regelmäßigkeiten sind jedoch auch in den Bewußtseinsinhalten vorhanden. Jede Beobachtung von Naturobjekten (astronomischer, physikalischer, chemischer oder biologischer Art) enthält eine Reihe gesetzmäßig verbundener Wahrnehmungsinhalte. In diesem Sinn hat der Konszientialist MACH die "Körper" geradezu relativ konstante Verbindungen von Empfindungen genannt. Wir kämen nie dazu, eine Gesetzmäßigkeit der realen Außenwelt zu behaupten, wenn nicht schon die Inhalte der äußeren Wahrnehmungen (die aber als solche zum Bewußtsein gehören) Regelmäßigkeiten aufweisen. So kann also auch von einem Konszientialisten die Induktion anerkannt werden, ohne daß er eine reale Außenwelt voraussetzt. Induktion ist ja in gewissem Umfang auch in der Psychologie und der Mathematik anwendbar, ohne daß hierbei von einer realen Außenwelt die Rede ist.

b) Nach dem Vorgang KANTs und SCHOPENHAUERs haben BENEKE und EDUARD von HARTMANN die Ansicht vertreten, daß die Kausalität notwendig zur Annahme einer Außenwelt führt.

Nach SCHOPENHAUER faßt der Verstand vermöge der Kausalitätskategorie die gegebene Empfindung a priori als eine Wirkung auf und verlegt deren Ursache außerhalb des Organismus in einer intuitiven und ganz unmittelbaren Operation. Die reale Natur wird danach gefaßt als die erschlossene hypothetische Ursache der Inhalte unserer äußeren Wahrnehmungen.

Es ist aber zu beachten, daß KANT als Sinn der Kausalität lediglich die gesetzmäßige Zeitfolge betrachtet; neuere Positivisten wie MACH und CORNELIUS sehen im Anschluß an HUME in der Kausalität lediglich eine Funktions- oder Abhängigkeitsbeziehung. Bei SCHOPENHAUER ist in der Kategorie der Kausalität die der Realität bereits enthalten. Aber selbst dann folgt noch nicht aus der Kausalität das Dasein einer realen Außenwelt; es wäre ja auch denkbar, daß ein reales Ich die Erfahrungsinhalte produziert.

c) Ein weiteres rationales Argument für eine reale Außenwelt lautet etwa so: der Begriff des Subjekts ist nicht denkbar ohne den des Objekts, der des Ich und des Bewußtseins nicht ohne den des Nicht-Ich und des Nicht-Bewußtseins, der der Innenwelt (des Bereichs des Phänomenalen), nicht ohne den der Außenwelt (des Realen).

Die Gegensätze von Subjekt (Ich) - Objekt (Nicht-Ich) können jedoch auch innerhalb des Bewußtseins vollzogen werden, sofern ich jeden Bewußtseinsinhalt als Objekt bzw. Nicht-Ich fassen und meinem Subjekt (Ich) entgegensetzen kann. Ebenso kann ich alles, was außerhalb meines Körpers von mir wahrgenommen wird, als "Außenwelt" bezeichnen, auch wenn ich lediglich die Wahrnehmungsinhalte meine, also auf dem Standpunkt des Konszientialismus verbleibe.

Außerdem gilt für alle diese Begriffspaare (auch für phänomenal und real), daß ihre Beziehung über das Gebiet der Begriffe nicht hinausleitet. Ich kann aus dem Begriff der "Eltern" auf den der "Kinder" schließen, aber ob bestimmte Menschen unter den Begriff Eltern fallen und wirklich Kinder haben, weiß ich damit noch nicht. Ebenso mag der Begriff "real" nur in Korrelation zum Begriff "phänomenal" denkbar sein, aber daraus folgt noch nicht, daß es Reales gibt; es könnte ja auch eine Einbildung sein.

Endlicht ist es gar nicht nötig, daß wir den Inbegriff unserer Wahrnehmungsinhalte "phänomenal" nennen; verzichten wir darauf, so fällt auch die Beziehung auf den Begriff "real" fort.

d) Eine alte und längst bestrittene, aber immer wieder geltend gemachte Beweisführung ist die ontologische, die gegenüber unserem Problem etwa so lauten würde: alles, was widerspruchslos gedacht werden kann, ist real; aus dem Begriff einer widerspruchslos gedachten Außenwelt folgt deren Realität.

Wir verstehen unter einem "Begriff" die Gesamtheit der notwendigen und hinreichenden Bedingungen für die Anwendung eines Namens. Bilde ich also den Begriff "Außenwelt", so bestimme ich die Bedingungen, unter denen dieser Name verwendbar ist. Es fragt sich nun, ob zu diesen Bedingungen auch die reale Existenz des Denkobjekts gehört, auf das sich der Name bezieht. In diesem Fall wäre das ontologische Argument berechtigt.

Aber die Namen für Gestalten in Märchen, Sagen, Mythen, Romanen zeigen, daß wir Namen auch dann anwenden können, wenn die ihnen entsprechenden Denkobjekte nicht real sind. Folglich ist die ontologische Argumentation ohne Beweiskraft: aus Begriffen kann man nicht entnehmen, ob etwas existiert, worauf sie anwendbar sind.

e) Schon früher drängte sich mir die Tatsache auf, daß jeder Gedanke (Begriff, Urteil) über sich hinausweist, also sich selbst transzendent ist. "Der Begriff dieses Begriffs, den ich jetzt denke", ist ein Begriff ohne Inhalt, er ist gar kein Begriff. Immer muß ich ein Etwas denken, das in Bezug auf den es denkenden Gedanken gleichsam als "Ding-ansich" gilt. Das trifft auch für den Begriff der realen Außenwelt zu. Indem ich sie denke, denke ich nicht ihren Gedanken, sondern sie selbst. Im Begriff der Außenwelt liegt eine Tendenz nach ihr selbst.

Aber so richtig es ist, daß alles Denken in diesem Sinn "transzendent" ist, so braucht doch das, worauf es hinweist, nicht alles real zu sein; ein Denken von Fabelwesen, von mathematischen Gebilden, Fiktionen, überhaupt idealen Objekten, wäre ja dann gar nicht möglich. -

f) Schließlich hat man noch das Prinzip der Denkökonomie für die Annahme der Außenwelt verwertet. Diese Annahme soll die relativ einfachste, einfacher als ihre Bestreitung oder Verwerfung sein. Unser Erkenntnisstreben soll allenthalben auf die möglichste Vereinfachung gerichtet sein.

Es sagt uns aber schon unser Wahrheitsgefühl, daß die Einfachheit einer Annahme ansich noch nicht über deren Gültigkeit entscheidet. Daß die realistische Annahme für die Beschreibung und Erklärung des "Gegebenen" zweckmäßiger, insofern ökonomischer als die anti-realistischen Ansichten ist, ist richtiger, aber dieser Vorzug kommt erst in zweiter Ordnung in Betracht, wenn über die Wahrheit jener Annahme entschieden ist. -

g) Es ergibt sich somit, daß auch die rationalen Argumente für sich nicht ausreichen, die Annahme von realen Objekten zu begründen.

Die reine Erfahrung (Anschauung), von der bei den empirischen Argumenten die Rede war, leistet zu wenig, weil sie nicht über sich selbst, d. h. über den Bereich des Phänomenalen, hinausweist, das reine Denken leistet insofern zuviel, als es in seiner "Transzendenz" nicht auf reale, sondern auch auf ideale bzw. fiktive Objekte hinweisen kann.

3. Empirisch-rationale Methoden. Es bleiben nunmehr noch die gemischten Argumente übrig. Es hat sich uns früher ergeben, daß die Wahrnehmungen notwendig sind für die Annahme realer Objekte, daß sie für sich aber keine hinreichende Begründung dieser Annahme bilden. Wir werden also vermuten, daß noch ein rationaler Faktor zum empirischen der Wahrnehmung hinzutreten muß, um ihm volle Geltung zu geben.

a) Man kann nun sagen: Die Wahrnehmungen werden von uns empfangen, wir verhalten uns ihnen gegenüber passiv, und so denken wir dazu ein Nicht-Ich, eine Realität, die sie uns aufzwingt.

Aber freilich, die Wahrnehmung ist kein einheitliches Gebilde. Es wäre das, was Aufmerksamkeit, Apperzeption, Organisation des Erkennenden hinzubringt, in Abzug zu bringen. Somit kann jener unabhängige reale Faktor nicht unmittelbar in der Wahrnehmung aufgezeigt werden; er ist nur begrifflich zu bestimmen. Ferner ist festzustellen, ob die Unabhängigkeit vom erkennenden Subjekt oder vom psycho-physischen Subjekt gemeint ist.

Jedenfalls eignet sich die Unabhängigkeit vom letzteren nicht zu einem Argument für eine reale Außenwelt, weil das psycho-physische Subjekt als körperlicher Organismus selbst schon zur Außenwelt gehört. Nur soviel kann man sagen, daß das, was in der Erfahrung vom psycho-physischen Subjekt abhängig ist, den Ausgangspunkt für die psychologische, was von ihm unabhängig ist, den Ausgangspunkt für die naturwissenschaftliche Forschung bildet. Damit aber ist über die realen Objekte, zu denen etwa diese Forschung führt, noch nichts bestimmt.

Was vom erkennenden Subjekt abhängt, ist auch vom psycho-physischen Subjekt abhängig, aber nicht umgekehrt. So sind die Gegenstände der Naturwissenschaft wie der Psychologie unabhängig vom erkennenden Subjekt. Diese Unabhängigkeit muß zwar allen realen Objekten zukommen, aber nicht alles, dem ich diese Unabhängigkeit zuspreche, ist deshalb real. -

b) Man kommt nun zur Annahme einer realen Welt durch das Bedürfnis, unsere Wahrnehmungen auf Ursachen zurückzuführen (9).

Prüfen wir dies! Ich sehe ein Objekt! Ist ein reales Objekt die unmittelbare Ursache des Sehens?

Die Ursache liegt vielmehr zunächst im psycho-physischen Subjekt, sei es, daß physiologische oder unbewußt psychische Prozesse oder beides sie hervorgerufen haben. Inwieweit reale Objekte dabei ursächlich beteiligt sind, steht zunächst dahin.

Man beachte auch, daß die Wahrnehmungen sehr lückenhaft sind; wollte man die reale Welt lediglich als Ursache der Wahrnehmungen annehmen, so müßte sie genauso flüchtig, vergänglich, fragmentarisch sein, wie die Wahrnehmungen, die ihr entsprechen.

Endlich ist diese Ansicht von der Voraussetzung getragen, daß die Wahrnehmungen also solche nur in uns, rein subjektiv sind, und daß ihnen der Bezug auf Gegenstände lediglich durch das Denken und zwar durch einen Kausalschluß zuteil wird.

Aber die Empfindungen, d. h. die einfachen anschaulichen Elemente der Wahrnehmungen, werden von vornherein nicht als etwas "in uns" oder gar "im Gehirn" Vorhandenes erlebt, und erst durch einen Kausalschluß auf Äußeres bezogen, sondern sind uns von vornherein etwas "Äußeres", im Raum Befindliches. Auch die Beziehungen der Wahrnehmungen untereinander, ihre raumzeitliche Gesetzmäßigkeit, ihr Kommen und Gehen, ihre Verbindungsweise in Raum und Zeit sind aus dem Subjekt nicht ableitbar, sie sind etwas vom Subjekt (sowohl als lediglich erkennenden wie als psycho-physischen) Unabhängiges. Darin zeigt sich uns nun auch der berechtigte Kern des Kausalitätsarguments: das in der Wahrnehmung vom psycho-physischen Subjekt Unabhängige weist auf Ursachen außer sich hin. -

c) Ferner hat RIEHL (a. a. O., Seite 194) geltend gemacht: Gerade in der Unvergleichlichkeit der Aussagen verschiedener Sinne über dasselbe Objekt, in der Selbständigkeit der einzelnen Sinne liegt einer der stärksten Gründe für die Existenz einer von den Empfindungen unabhängigen Realität. Daß ich etwa das Sehen, Riechen, Tasten, Schmecken eines Apfels - in sich ganz verschiedenartige Empfindungen - in einem regelmäßigen Zusammenhang erlebe, das erkläre ich durch ein einheitliches reales Objekt, auf das ich alle diese Empfindungen beziehe, deren Vereinigung weder aus ihnen selbst noch aus dem Subjekt ableitbar ist. Damit eröffnet sich uns in der Tat der Ausblick auf eine reale Außenwelt als Inbegriff solcher Objekte. -

d) Aber es besteht nicht nur eine Übereinstimmung meiner Wahrnehmungen untereinander, sondern auch eine solche unter den Wahrnehmungen verschiedener, vieler Subjekte. Auch diese Übereinstimmung kann man weder aus den Wahrnehmungen selbst noch aus den Subjekten erklären; sie scheint also als "soziales Argument" für eine einheitliche reale Welt zu sprechen.

Indessen sind in diesem Argument die Mitmenschen schon als real vorausgesetzt. Zunächst aber kommen diese wie ihre Verhaltensweisen, Aussagen usw. nur als Wahrnehmungsinhalte, folglich als etwas Phänomenales in Betracht. -

e) Während wir dem sozialen Argument keine Beweiskraft zuerkennen können, steht es anders mit dem Kontinuitätsargument. Unsere Wahrnehmungen sind fragmentarisch, lückenhaft, durch mehr oder minder lange Pausen voneinander geschieden, erscheinen aber gleichwohl als zusammenhängend und zueinander gehörig. Diese Tatsache dürfte hinweisen auf kontinuierliche Objekte, die diesen Zusammenhang erklären. Dabei ist freilich schon ein psychologischer Realismus insofern vorausgesetzt, als ja die früheren Wahrnehmungsinhalte, di auf die jetzigen bezogen werden, mit diesen als gleichwertig gedacht werden. -

f) Als bedeutsamstes Argument (das ebenfalls den psychologischen Realismus voraussetzt) kann man endlich noch das "Substratargument" geltend machen, nämlich die Notwendigkeit, für die von uns unabhängigen Beziehungen gesetzmäßiger Art zwischen den Wahrnehmungsinhalten reale Träger zu denken, da weder wir selbst noch die Wahrnehmungsinhalte als solche die Beziehungsglieder sein können.

Diesem Argument lassen sich auch die beiden einordnen, die sich uns allein bisher als stichhaltig herausgestellt haben, das Beziehungs- und das Kontinuitätsargument; denn auch bei ihnen handelt es sich darum, die realen Objekte als Träger von Beziehungen zu denken, dort der Zusammengehörigkeit gleichzeitiger, hier in Pausen aufeinander folgender Wahrnehmungen. Allgemein läßt sich also sagen:
    eine reale Außenwelt wird angenommen als Inbegriff der Bedingungen für das in den Wahrnehmungen von uns und ihnen Unabhängige.
Da aber diese Realität nicht wie das Phänomenale unmittelbar zur Gegebenheit gebracht, noch streng logisch bewiesen werden kann, so haftet dem kritischen Realismus dauernd ein hypothetisches Element an. Nennt man solche bleibende Hypothesen "Glaube", so kann man sagen: der Realismus ist ein Glaube.

Realistische Methoden in den Geisteswissenschaften. In Psychologie und Geisteswissenschaften ist der Zugang zur Realität ein anderer als in den Naturwissenschaften. Freilich kann man auch hier an die drei Klassen von Beweisgründen denken. Aber da sich uns empirische wie rationale Argumente, für sich genommen, als unzulänglich erweisen, so werden wir hier nur gemischte Argumente zu prüfen haben.

a) Bei KANT ist die Annahme eines - uns allerdings unerkennbaren - psychischen Realen enthalten in der Lehre, daß wir auch das in der inneren Erfahrung Gegebene nicht erkennen, wie es ansich ist, sondern wie es uns erscheint, vermöge unserer Anschauungsform der Zeit, wie unserer Denkkategorien, mittels deren wir das Gegebene auffassen. Psychisch real wäre dann das, was nach Abzug unserer Anschauungs- und Denkformen noch bliebe - einen Abzug, den wir freilich nicht vornehmen können.

Gegen KANT kann man jedoch geltend machen, daß Zeitordnung und zeitliche Bestimmtheit uns ebenfalls gegeben, also vom erkennenden Subjekt unabhängig sind. Dasselbe gilt für die Kategorien mit Ausnahme der der Qualität und Modalität. Der Verstand schafft ja nicht Vielheit, Einheit, Allheit, Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung aus nichts, sondern faßt Vorgefundenes aufgrund bestimmter Beschaffenheiten in diese Formen. -

b) Ebensowenig weist uns HERBART den Weg zur psychischen Realität durch die Erwägung, daß die Einheit des Ich sich nicht mit der Vielheit der Bewußtseinsvorgänge (Empfinden, Vorstellen, Fühlen, Begehren usw.) und der Vermögen verträgt. Er lehrt, daß diese vielen Bewußtseinsinhalte nur Selbsterhaltunngen des einen einfachen Seelenrealen sind. Indessen ruht diese Lehre auf der Voraussetzung, daß jedes Reale nur eine einfache Qualität haben kann. Diese Voraussetzung ist irrig; sie leidet an der Verwechsung von "Sein" und "seiend". "Sein" ist allerdings ein einfacher Begriff; "absolute Position", wie HERBART sagt. Aber daraus folgt nicht, daß alles Seiende absolut einfach ist. Wenn ich etwas ein Sein zuerkenne, so ist damit gar nicht gesagt, was für und wieviele Beschaffenheiten es sonst hat. -

c) Auch das kausale Argument hat man in der Psychologie geltend gemacht. So hat insbesondere THEODOR LIPPS (Leitfaden der Psychologie, 1903, Seite 5f und 183f) ausgeführt, daß alles psychologische Erklären (das über das einfache Beschreiben des im Bewußtsein Vorfindlichen hinausgeht) eine Zurückführung der vorgefundenen zeitlichen Zusammenhänge von Bewußtseinsinhalten auf den Kausalzusammenhand eines darin erscheinenden psychisch Realen ist.

Aber entscheidend ist diese Erwägung deshalb nicht, weil LIPPS stillschweigend voraussetzt, "erklären" soll den Nachweis eines realen Zusammenhangs bedeuten. In seinem Begriff der Kausalität ist der der Realität schon enthalten. Demgegenüber finden wir aber bei Konszientialisten wie MACH und CORNELIUS, daß sie unter "erklären" einfach verstehen, einen einzelnen Tatbestand einem allgemeinen (einer Regel) unterordnen; ferner kann Kausalität lediglich als regelmäßige Folge von Bewußtseinsinhalten (also ohne Annahme eines Realen) gedacht werden.

Immerhin darf man einen berechtigten Kern dieser Beweisführung im Folgenden finden: soweit keine Abhängigkeit vom erkennenden Subjekt und keine zu anderen Bewußtseinsinhalten besteht, ist man befugt, für das in diesem Sinn Unabhängige nach einer anderweitigen Verknüpfung zu suchen - in einem realen psycho-physischen Subjekt. -

d) Ein solches hat man auch durch folgende Erwägung zu erschließen gesucht: Eine einheitliche Beziehung mannigfaltiger und wechselnder Inhalte des Bewußtseins auf ein Ich oder Subjekt ist uns gegeben. Da aber dieses Ich selbst kein Bewußtseinsinhalt ist, so ist darunter eine Realität zu verstehen, die als substantielle Trägerin aller jener Inhalte und weiterhin entsprechender Akte und Fähigkeiten zu denken ist.

Die Frage ist nur, ob diese einheitliche Beziehung der Inhalte lediglich durch eine reale Seelensubstanz erklärbar ist. Zum Beispiel beruth die Einheit des Planetensystems ja auch nicht auf einen einheitlichen "Träger", sondern auf dem für es geltenden Gravitationsgesetz. Auch haben Psychologen wie LIPPS (a. a. O. Seite 2f) im Ich, in der unmittelbar erlebten Identität des Ich, eine eigenartige und letzte Bewußtseinstatsache gesehen. Andere (wie HERMANN EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie, dritte Auflage, 1911, Seite 9f) haben im Ich lediglich die Gesamtheit der Bewußtseinstatsachen erblickt, das so wenig ein besonderes reales Wesen darstellt, wie eine Pflanze ein solches ist, wenn man alle ihre Bestandteile (Blüten, Stengel, Wurzel usw.) in Abzug bringt.

e) Beweiskräftiger als dieses "Einheitsargument" ist das "Kontinuitätsargument": Vergangene Bewußtseinsinhalte haben, wie die Erfahrung zeigt, Einfluß auf gegenwärtig gegebene. Mithin ist das psychisch Vergangene sofern es nachwirkt, nicht schlechthin nichts, sondern etwas; wir können vorläufig sagen: irgendein Zustand oder eine Eigenschaft, Fähigkeit in einem psycho-physischen Subjekt. Insofern kann man sagen, daß ein psychisch Reales anzunehmen ist als Bedingungen der Kontinuität von Bewußtseinsinhalten.

f) Das kausale und das Kontinuitätsargument wird schließlich noch umfaßt durch das darüber hinausgehende Substratargument, das überhaupt aus dem Bestehen selbständiger vom erkennenden Subjekt unabhängiger gesetzlicher Beziehungen der Bewußtseinsinhalte (die für diese selbst zufällig sind) auf ein psychisch Reales als Substrat derselben schließt. Solche Beziehungen bliegen vor im Auftreten und in der Verbindung von Empfindungen (bzw. Nachempfindungen), im Ablauf der Vorstellungen, der Reproduktion, der Bildung von Phantasievorstellungen, der Entstehung und Herrschaft von Gemütsbewegungen.

Da nun das erkennende Subjekt weder mit den Bewußtseinsinhalten noch mit dem Real-Psychischen zusammenfällt, so bleibt auch die Annahme des letzteren eine (wenngleich ausreichend begründete) Hypothese, deren Geltung, wie wir gesehen haben, auch beim naturwissenschaftlichen Realismus vorausgesetzt wird.


6. Kapitel
Die Erkenntnis der Beschaffenheit
realer Objekte

1. Kants Phänomenalismus. Wir treten nunmehr ein in die Behandlung unseres dritten Teilproblems: ist es möglich, die Beschaffenheit und Beziehungen realer Objekte zu erkennen? Durch die Tat wird diese Frage bejaht im Verfahren der Vertreter der Realwissenschaften, die ebensogut Gestirne, wie Pflanzen, Länder wie geschichtliche Persönlichkeiten, Reflexbewegungen, wie Assoziationen näher bestimmen. Aber es gilt nun, das Recht dieses Verfahrens darzulegen, und zwar in der Auseinandersetzung mit dem sogenannten Phänomenalismus, der zwar Realitäten (Dinge-ansich) anerkennt, sie aber vür völlig unerklärbar erklärt.

Geschichtlich ist dieser Phänomenalismus besonders durch KANT vertreten. Er lehrt bekanntlich, daß unser Erkennen auf Erscheinungen beschränkt ist, daß dagegen die den Erscheinungen zugrunde liegenden "Dinge-ansich" völlig unerkennbar bleiben.

Dabei ist nun der Begriff der "Erscheinung" doppeldeutig. Erstens wird darunter der "unbestimmte", d. h. der noch nicht vom Denken ergriffene und bestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung verstanden. Das ist einfach das durch die Sinnes- und Selbstwahrnehmung anschaulich Gegebene, das "Phänomenale". Zweitens bedeutet "Erscheinung" dasjenige, was in den Realwissenschaften zur Deutung und Erklärung des Phänomenalen als real gedacht wird wie Körper, kausal verbundende Substanzen oder Vorgänge usw. In diesem zweiten Sinn bedeuten "Erscheinungen" nichts anderes als, was wir "reale Objekte" nennen. Wenn KANT die Erkenntnis der Erscheinungen in diesem Sinn zugibt, so gibt er das zu, was die Grundbehauptung des kritischen Realismus ausmacht. Wenn er nun noch von den "Erscheinungen" in diesem zweiten Sinn die "Dinge-ansich" unterscheidet, so könnte man darunter nur noch ein Reales verstehen, sofern es außerhalb aller Erkenntnisbeziehungen zum Subjekt gedacht wird. Daß ein "Ding-ansich" in diesem Sinne unerkennbar ist, ist dann ein analytisches Urteil, also eine Selbstverständlichkeit, die uns hier nicht weiter zu beschäftigen braucht.

Indessen wird doch von KANT auch in Bezug auf die Erscheinungen im zweiten Sinn (d. h. unserer "realen Objekte") behauptet, daß sie "bloße Erscheinungen" sind, weil ihr Wesen durch Bestimmungsmittel rein subjektiver Natur (unsere Anschauungen mit ihren Formen Raum und Zeit und unsere Denkkategorien) erfaßt wird.

Aber es ist richtig, daß diese Bestimmungsmittel rein subjektiver Art sind ? KANT (10) beweist aus ihrer Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit ihre Apriorität, d. h. ihre Unabhängigkeit von der Erfahrung. Er schließt ferner: was von der Erfahrung unabhängig ist, das ist vom Erkenntnisvermögen des Subjekts abhängig; so wird hier "a priorisch" soviel wie "subjektiv".

Aber das Unabhängig- oder Abhängigsein kann sich sowohl auf die Entstehung wie auf die Geltung beziehen. Nur was der Entstehung nach (also genetisch) unabhängig von der Erfahrung ist, ist vom Subjekt abhängig, aber was der Geltung nach (also logisch) von der Erfahrung unabhängig ist, das muß deshalb nicht vom Subjekt abhängig, also subjektiv sein. Man denke an mathematische Sätze wie 7 + 5 = 12; ihre Geltung kann ja in Wesensbeziehungen der Gegenstände (hier: der Zahlen) beruhen.

Jedoch auch wenn wir von der irrigen Gleichsetzung der Begriffe a priori und subjektiv absehen, darf man fragen: warum muß denn die Subjektivität der Bestimmungsmittel eine Erkenntnis realer Objekte verhindern oder unmöglich machen? Der Schluß von der Subjektivität auf bloße Subjektivität ist ebenso ungerechtfertigt wie der Schluß vom Vorstellungscharakter der Welt auf den bloßen Vorstellungscharakter. Es wäre doch sehr wohl möglich, daß die Realitäten selbst mit jenen Formen unseres Anschauens und Denkens in enger gesetzmäßiger Übereinstimmung stehen. Wollte KANT das ausdrücklich in Abrede stellen, so würde er dem Grundgedanken seines eigenen Phänomenalismus widersprechen. Wie die Dinge-ansich (die für ihn mit den Realitäten zusammenfließen) sind oder nicht sind, vermag er ja gar nicht anzugeben, da sie völlig unerkennbar sein sollen; er kann somit auch nicht behaupten, daß sie von unseren Anschauungs- und Denkformen verschieden sind.

Die Annahme einer Übereinstimmung der Realitäten mit den Erkenntnisformen würde allerdings auch dann noch als das Rechnen mit einem unwahrscheinlichen Zufall, als ein willkürlich ersonnenes Präformationssystem erscheinen, solange man mit KANT daran festhält, daß diese Formen eine rein subjektive Zutat unseres Erkenntnisvermögens sind. Indessen bleibt doch die Möglichkeit, daß sie selbst aus der Erfahrung stammen. Gerade wenn wir festhalten, daß sie rein subjektiv sind, bleibt es rätselhaft, daß der Erfahrungsstoff so gut in sie hineinpaßt.

KANTs Lehre von Raum, Zeit und den Kategorien im Einzelnen zu kritisieren, würde hier zu weit führen (11). Jedenfalls hat KANT keine "Theorie der Erfahrung" in dem Sinne geliefert, daß er die empirische Forschung mit ihrer Setzung und Bestimmung von Realitäten theoretisch ausreichend behandelt hätte: seine Aufstellungen treffen im Wesentlichen nur für Ideal-(Formal-)Wissenschaften wie die reine Mathematik und reine Mechanik zu, die wirklich ihre Gegenstände selbst bilden und insofern auch a priori erkennen können.

2. Angebliche Unsicherheit und Subjektivität unseres Erkennens. Man hat weiterhin geltend gemacht, daß der Wechsel und Streit in der wissenschaftlichen Bestimmung realer Objekte zeigt, daß es sich hier um ein unerreichbares Ziel handelt. Man soll darum das Trachten nach einer Erkenntnis der Realitäten und ihrer Beschaffenheit aufgeben und sich auf die Bestimmung des Phänomenalen beschränken.

Die Geschichte der Wissenschaft beweist jedoch, daß der Streit der Hypothesen nicht überall ewig dauert; z. B. das kopernikanische Weltsystem hat sich gegen das ptolemäische durchgesetzt, die Auffassung der Wärme als Bewegung hat die Wärmestofftheorie überwunden. Tatsächlich ist unsere Einsicht in die Beschaffenheiten und Beziehungen der Realitäten nach Ausdehnung und Tiefe gewachsen. Und wenn nicht alle Fragen gelöst werden können, so braucht man doch nicht die Zuversicht aufzugeben, in der Erkenntnis der Realitäten fortzuschreiten.

Freilich tritt dieser Zuversicht auch das allgemeine skeptische Bedenken entgegen, z. B. bei F. A. LANGE, MACH u. a.], daß die Beschränktheit unserer sinnlichen Organisation und unseres Verstandes die Möglichkeit offen ließen, daß die Realitäten ganz anders sind, als wir sie auf Grund von Wahrnehmung und Denken bestimmten. Hätten wir andere Sinne, so würden wir andere Wahrnehmungen haben, für Wesen mit anderen Denkorganen würde eine andere Logik und Mathematik bestehen.

Indessen würden diese Skeptiker schon zu weit gehen und sich selbst widersprechen, wenn sie die Unrichtigkeit unserer Realitätsbestimmung behaupten, denn dann würden sie ja tatsächlich behaupten, daß sie selbst eine zutreffende Erkenntnis der Realitäten besitzen. Ferner folgt aus der Tatsache, daß unsere Erkenntnisprozesse dem Subjekt zugehören, insofern "subjektiv" sind, noch nicht, daß auch ihre Ergebnisse nur "subjektiv", d. h. nicht für die realen Objekte gültig sind.

Daß die Sinnesqualitäen (wie Farben, Töne usw.) nicht ohne weiteres den Realitäten beigelegt werden, sondern nur Ausgang und Kontrolle ihrer Bestimmung bilden, ist ja bekannt. Daß aber das Denken, mittels dessen nun jene Bestimmung vorgenommen wird, seine Objekte nicht notwendig verändert (und dadurch subjektiviert), kann leicht dargelegt werden. Ob man eine Gleichung heute oder morgen, ob das Subjekt A oder B sie denkt, sie bleibt dieselbe Gleichung. Entsprechendes gilt für das Denken realer Objekte wie Gestirne, Zellen, geschichtliche Personen. Sie ändern sich damit nicht, daß das Denken über sie sich etwa ändert. Sofern aber gedachte Bestimmungen, die aus dem phänomenal Gegebenen abgeleitet sind, dieses Unabhängigkeit vom Gedachtwerden aufweisen, dürfen sie als Bestimmungen von Realitäten gelten. Mit dem allgemeinen Gedanken anderer Denkorgane und einer anderen Logik und Mathematik läßt sich wirklich nichts anfangen. Wenn man etwa sagt, daß für anders organisierte Wesen 2 x 2 nicht = 4 sein könnte, so könnte das nur möglich erscheinen, wenn die verwendeten Zeichen (2, x, =, 4) einen anderen Sinn haben. Dies zeigt, daß die Geltung solcher Sätze gar nicht von den sie denkenden Subjekten und ihrer "Organisation" abhängt, sondern von den gedachten Gegenständen. So bleibt auch der Begriff eines viereckigen Kreises ein widersinniger und darum ungültiger, welches Wesen ihn auch denken mag.

3. Empirische Bedenken. Aus dem empirischen Gedankenkreis HUMEs stammt ein Bedenken, das freilich auch KANT aufgenommen hat, dessen Inhalt etwa dieser ist: Nur im Gebiet einer möglichen Erfahrung, also des Phänomenalen, haben unsere Begriffe Sinn und Inhalt. Außerhalb dieser Sphäre angewandt werden sie leer und geben sie zu Täuschungen und Irrtümern Veranlassung.

Wenn aber HUME den Satz aufstellt, daß alle "Ideen" (Begriffe) nur Nachbildungen von "Impressionen" (phänomenalen Gegebenheiten) sind, so ist dieses allgemeine Behauptung von ihm gar nicht bewiesen. Es könnte auch sehr wohl sein, daß Begriffe zwar aufgrund (aus Anlaß) von Wahrnehmungen gebildet werden, aber diese nicht nachbilden. Derart sind gerade die Begriffe von den idealen und realen Objekten.

Bei KANT finden wir folgende Erwägung: Die reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) sind für sich leere Formen, denen Objekte gegeben werden müssen, damit sie Inhalt gewinnen. Das ist aber nur möglich in der Anschauung, der sinnlichen Wahrnehmung.

Tatsächlich hat aber auch KANT für seine Behauptung, daß die Verstandesbegriffe nur auf anschaulich Gegebenes anwendbar sind, keinen Beweis erbracht. Selbstverständlich ist das aber nicht. Ja, sein Satz erweist sich als unrichtig angesichts der Tatsache, daß wir doch auch Begriffe selbst zu Gegenständen unseres Denkens machen können wie in der Logik. Ferner denkt KANT selbst transzendente (nicht anschauliche) Objekte wie Gott, Freiheit, Unsterblichkeit; zwar erklärt er sie für (theoretisch) unerkennbar, aber er hat sie voneinander unterschieden und mannigfache Aussagen über sie gemacht. Das setzt voraus, daß auch nicht anschaulich gegebene Objekte gedacht und denkend bestimmt werden können. Zwar ist das anschaulich Gegebene überall die Grundlage unserer Gedanken über das Reale, aber das Ziel dieses wissenschaftlichen Denkens ist nicht die Art, wie die Realität sich in unserer Anschauung darstellt, sondern wie sie ansich ist.

4. Unvollständigkeit der Realerkenntnis. Daraus freilich, daß wir die realen Objekte selbst nicht anschauen können (infolge der Subjektivität der Sinnesqualitäten) hat man ein weiteres Bedenken gegen den Realismus abgeleitet, nämlich unsere Erkenntnis des Realen sei im besten Fall schematisch.

Dabei wird aber übersehen, daß eine schematische Erkenntnis doch auch eine Erkenntnis ist, ferner daß sich trotz des Verzichts auf die Sinnesqualitäten in realistischer Weise über Atome und Molekularbewegungen, über Ätherschwingungen und über astronomische und geologische Verhältnisse usw. eine Fülle von Angaben machen lassen. Endlich werden ja auch die Sinnesqualitäten bei der Bestimmung der realen Objekte nicht einfach ersatzlos weggelassen, sondern sie ermöglichen uns z. B. Angaben über die Fähigkeit von Flächen, Farben, bzw. Ätherschwingungen zu absorbieren oder zu reflektieren. Übrigens kann die denkende Bestimmung des Realen uns weit mehr bieten als die Sinnesqualitäten je zu bieten vermögen. Man denke z. B. an die durch eine Spektralanalyse gewonnene Erkenntnis von Stoffen der Himmelskörper, oder an Ergebnisse der modernen Chemie über die Konstitution organischer Verbindungen oder an die Forschungen über den Zellkern. Ebenso hat sich für die realistische Auffassung der Umfang des Seelenlebens über den Bereich des Bewußtseins erweitert.

Wenn man aber klagt, daß man nicht zu einer Einsicht in den inneren Zusammenhang des realen Geschehens gelangt, so muß man fragen, was denn eigentlich mit diesem "inneren Zusammenhang" gemeint ist, und ob hier überhaupt ein sinnvolles Problem vorliegt.

Ebensowenig Gewicht ist dem Einwand beizulegen, daß unsere Erkenntnis der Beschaffenheit des Realen ewig hypothetisch bleibt. Daß ein Rest von Hypothetischen der Setzung (Annahme) von realen Objekten stets anhaftet, haben wir bereits zugegeben. Dasselbe gilt natürlich für deren "Bestimmung". Aber es ist eine Halbheit, die "Setzung" zuzulassen, dagegen die "Bestimmung" für unmöglich zu erklären, wie der Phänomenalismus es tut. Sie ist ja selbst nur eine Setzung von Bestimmungsstücken.

Mag also unsere Erkenntnis der Beschaffenheiten des Realen dauernd unvollständig und hypothetisch und insofern eine unendliche Aufgabe bleiben: grundsätzlich muß sie als möglich, d. h. als berechtigt anerkannt werden.


7. Kapitel
Die Methoden der Erkenntnis
der Beschaffenheit realer Objekte.

Das Ergebnis unserer Auseinandersetzung mit dem Phänomenalismus war, daß die Erkenntnis nicht bloß der Existenz, sondern auch der Beschaffenheit realer Objekte möglich ist. Noch bleibt uns jetzt das vierte Problem zu lösen, wie diese Erkenntnis (d. h. die "Bestimmung") der Realitäten möglich ist (12). Wir müssen dazu eine "Kriterienlehre" aufstellen, d. h. diejenigen Kennzeichen finden, die gestatten, reale Objekte von phänomenalen und idealen zu unterscheiden. Wir verstehen dabei unter den realen die Substrate einer selbständigen Gesetzlichkeit, der Wahrnehmungen und sonstiger Bewußtseinsinhalte. Je nachdem wir dieses Substrat innerhalb oder außerhalb des psycho-physischen Subjekts suchen, haben wir es mit einer Außenwelt (Natur) oder Innenwelt (Seele) zu tun; denken wir das Substrat als ein absolutes, so können wir es als metaphysische Realität bezeichnen.

Schon beim zweiten Problem, der Frage nach dem Dasein der Realitäten ergab sich uns, daß weder die empirischen noch die rationalen Argumente allein für sich, sondern daß sie nur in ihrer Kombination als gemischte Beweiskraft besagen. Entsprechendes läßt sich hier hinsichtlich der Kriterien für die Beschaffenheiten der Realitäten darlegen (13). Die verschiedenen Kriterien und die damit gegebenen Methoden der Realitätserkenntnis tragen somit einen "gemischten", d. h. empirisch-rationalen Charakter. Sie kommen aber alle für die drei Hauptgebiete der Realwissenschaften (Natur-, Geisteswissenschaften und Metaphysik) in Betracht, so daß eine gesonderte Behandlung dieser Gebiete sich erübrigt.

1. Realistische Deutung von Erscheinungen. a) Als Beispiele für dieses erste Verfahren der Realitätsbestimmungen seien folgende angeführt. Man läßt Körper von verschiedener Höhe herabfallen und vergleicht die dabei durchlaufenen Strecken mit den dazu gebrauchten Zeiten. Aufgrund einer solchen Beobachtung empirisch gegebener Tatsachen gelangt man zur Erkenntnis eines realen Verhaltens realer Körper, das man im "Fallgesetz" ausdrückt.

In der Psychologie fanden schon PLATON und ARISTOTELES durch Beobachtung, daß die Vorstellungen nicht zufällig kommen und gehen, sondern nach gewissen Regeln des realen Geschehens, den sogenannten "Assoziationsgesetzen".

Das empirische Moment in aller Realerkenntnis stellt sich hier dar in der Beobachtung. Das rationale Moment zeigt sich darin, daß man versucht durch das Denken das Subjektive auszuschalten, z. B. Beobachtungsfehler, Sinnes- und Urteilstäuschungen.

Als Kriterien der Realität gelten dabei folgende:
    a) Stellt sich bei verschiedenen subjektiven Bedingungen (z. B. Wechsel der Beobachter) der gleiche Tatbestand heraus, so gilt dieser als real.

    b) Ergibt sich bei gleichen subjektiven Bedingungen ein verschiedener Tatbestand, so gilt dieser ebenfalls als real.
Der realistische Ertrag dieses ersten Verfahrens ist gering; er besteht in einer provisorischen Orientierung über das Reale in der Erscheinung; und zwar kann dieses nur als etwas Unselbständiges (Eigenschaft, Beziehung), nicht als reale Substanz gefaßt werden. Jedoch bleibt dieses Verfahren grundlegend für alle Methoden der Realisierung; auch kann es noch spezieller gestaltet und ergänzt werden. So kommt man zu der Unterscheidung: In der realisierten Erscheinung gibt es ein reales Beisammen und einen realen Zusammenhang. Kriterium für letzteren ist die gegenseitige reale Abhängigkeit oder Zusammengehörigkeit; Kriterium des ersteren das Fehlen derselben.

Ferner kann man zwischen wesentlichen und zufälligen, engeren und loseren Zusammenhängen unterscheiden. So kann man z. B. keine Farbe ohne eine gewisse Ausdehnung denken, während das Nebeneinander zweier Farben zufällig sein kann.

Die engeren Zusammenhänge entsprechen im allgemeinen den "Dingen" des naiven Realisten und den diesen Dingen zugeschriebenen Eigenschaften; die loseren entsprechen den "Zuständen" und "Vorgängen" und den zufälligen und wechselnden Beziehungen.

Da dieses Kriterium individuelle reale Zusammenhänge charakteristischer Art bestimmt, so kann man es auch Kriterium der Individualität nennen. Das hic et nunc (hier und jetzt), das vielfach als solches gilt, ist vielmehr das Kennzeichen der Einzigkeit.

2. Realistische Folgerungen aus Beobachtungen. Beispiele für das zweite Verfahren sind etwa folgende: Ich schließe aus der verschiedenen Klangfarbe, mit der zwei Instrumente denselben Ton erzeugen, auf Nebentöne verschiedener Zahl, Höhe und Stärke; oder aus dem Aufsteigen von Blasen in einer Flüssigkeit auf das Vorhandensein eines Gases, aus der zwangsmäßigen Wiederkehr gewisser Vorstellungen auf die Stärke ihrer Perseverationstendenz [im Bewußtsein zu verbleiben - wp]. Ein Schluß auf Reales liegt auch vor in der Undulationstheorie des Lichts, in der Atom- und Elektronentheorie usw.

Was nun den Gegenstand der realistischen Bestimmung betrifft, so kann dieser zu einer beobachteten Erscheinung gehören oder nicht; ferner kann dieser Gegenstand bestimmt oder erschlossen werden. Gerade daß reale Objekte direkt erschlossen werden, ist bedeutsam. Manche Philosophen wie EDUARD von HARTMANN vertraten die Ansicht, daß der Realismus nur auf solchen Schlüssen von den Erscheinungen auf Reales als ihrer Ursache beruth.

Aber wie sollte man bei solchen Schlüssen jemals über etwas ganz Unbestimmtes (X) hinauskommen. Von einer Tonempfindung aus könnte ich z. B. nur schließen: Etwas tönt, aber nie würde ich eine bestimmte Tonquelle, z. B. eine Stimmgabel erschließen. Dazu gehören schon gewisse Kenntnisse.

Übrigens wird die gewöhnliche Logik diesen Schlüssen nicht gerecht. Es gibt nicht nur Begriffs-, sondern auch Objektschlüsse, wenn wir z. B. aus Tönen auf Stimmgabeln, aus einer roten Färbung von Lackmuspapier auf den negativen Pol eines elektrischen Stroms, aus einer leichteren Reproduktion auf größere Festigkeit der Assoziation schließen. Solche Schlüsse beruhen auf der Kenntnis realer (meist kausaler) Zusammenhänge. Woher eine solche Kenntnis stammt, zeigt das erste, aber auch weitere später zu erörternde Realisierungsverfahren.

Wir haben dabei zwischen Notwendigkeits- und Wahrscheinlichkeitsschlüssen zu unterscheiden. Als Kriterien dafür gelten diese:
    a) Die Eindeutigkeit und Notwendigkeit eines Zusammenhangs läßt mit Notwendigkeit von einer Erscheinung auf die zugehörige Realität schließen;

    b) die Vieldeutigkeit von Zusammenhängen läßt mit Wahrscheinlichkeit von einer Erscheinung auf eine der damit möglicherweise zusammenhängenden Realitäten schließen, wobei die Wahrscheinlichkeit der Zahl der Möglichkeiten reziprok [umkehrbar - wp] ist;

    c) die Häufigkeit von Zusammenhängen läßt mit Wahrscheinlichkeit von einer Erscheinung auf die zugehörige Realität schließen, wobei die Wahrscheinlichkeit mit der Häufigkeit wächst.
Auch Analogieschlüsse sind hier möglich, wenn folgender Tatbestand vorliegt: Bekannt ist der Zusammenhang von a und b; gegeben ist ein dem a ähnliches a¹. Daraus schließt man auf ein dem b ähnliches b¹. Dies ist dann statthaft, wenn a und a¹ wesentliche Eigenschaften gemeinsam haben. Ein Analogieschluß bleibt aber immer nur ein Wahrscheinlichkeitsschluß.

3. Realistische Folgerungen aus realistischen Bestimmungen. Der Ausgangspunkt bei diesem Verfahren ist nicht das phänomenal Gegebene, sondern schon eine realistische Bestimmung. Diese kann zunächst dem ersten Verfahren entstammen, also ein realer Zusammenhang sein. Man denke z. B. an naturreale Beziehungen, die sich bei der Analyse der Sinneseindrücke ergeben: Beziehungen zwischen Drucken und Temperaturen, zwischen Gerüchen und Geschmäcken. Die Erscheinungsglieder dieser Beziehungen (die Empfindungen) gehören zufolge der Subjektivität der Sinnesqualitäten nicht selbst zur Realität solcher Naturzusammenhänge. Aber es kann aus ihnen auf reale Träger dieser Zusammenhänge geschlossen werden. Nicht die Druckempfindungen als solche haben Gewicht und Schwere, nicht die Temperaturempfindungen nach CELSIUS, nicht die Geruchs- und Geschmacksempfindungen selbst sind mehr oder weniger konzentriert. Man kann auch nicht von unseren Wahrnehmungen der Zellen sagen, daß sie sich teilen oder befruchten, noch von unseren jetzigen Vorstellungen früherer Erlebnisse, daß sie der Vergangenheit angehören, noch endlich vom Gedanken eines Kohlenstoffatommodells, daß es die Gestalt eines Tetraeders hat. Indem wir nun für das, was in unserem Bewußtsein phänomenal gegeben ist (und zwischen dem wir bereits reale Beziehungen festgestellt haben), Körper oder Massen oder sonstige Wesen einsetzen, schließen wir aus den realisierten Beziehungen auf reale Grundlagen derselben.

Auch kann von diesen erschlossenen Realitäten weiter auf realistische Bestimmungen geschlossen werden. Man kann z. B. aus der Entfernung der Sonne von der Erde auf die Größe der Sonne, vom realen Einfluß des Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Organen auf die allmähliche Entstehung höherer Arten aus anderen schließen.

Hier liegt ein prinzipiell neues Verfahren vor: bei der Realisierung des phänomenal Gegebenen, oder zumindest seiner Beziehungen ist das Realisierte schon irgendwie gegeben; im zweiten ist ein Wissen von realen Zusammenhängen vorausgesetzt: hier im dritten Verfahren wird das Reale neu gesetzt und bestimmt, es wird denkend postuliert. Während wir die realistischen Ergebnisse des ersten Verfahrens als unselbständiges Reales bezeichnen mußten, erhalten wir hier ein selbständiges, d. h. von anderem Realem unabhängiges ("substantielles") Reales, das wir als Träger der einer selbständigen Gesetzlichkeit (die sich im Phänomenalen bekundet) brauchen: Atome und Moleküle, Massen und Energien, Körper und Seele sind solche erschlossene selbständige reale Objekte. Der bildliche Ausdruck des "Träger-seins" bedeutet lediglich, daß etwas (z. B. Bewegung, Wollen) nicht ohne ein anderes (Körper, Seele) vorkommt; es drückt also die abhängige Existenz des unselbständigen und die unabhängige des selbständigen Realen aus. Die "Träger" sind die Existenzbedingungen für die realisierten Erscheinungen. Das Wesen (die essentia) der letzteren muß aber deshalb nicht lediglich von ihrem Träger abhängen. Gewiß muß der Körper, der eine Bewegung ausführen soll, beweglich, die Seele, die wollen soll, willensfähig gedacht werden, aber für das wirkliche Zustandekommen von Bewegung und Wollen können doch noch andere Existenzbedingungen in Frage kommen.

Ferner ist durch die Angabe, daß ein selbständiges Reales die Existenzbedingung für ein unselbständiges ist, für die Erkenntnis seines Wesens noch nicht viel gewonnen. Damit z. B. ein Körpter der Träger von Bewegungen sein kann, braucht er nur zeitlich-räumlichen Bestimmungen zugänglich zu sein. Nicht einmal Größe oder Gestalt ist eindeutig gefordert; es bleibt also ein weiter Spielraum für nähere Bestimmungen der Realität offen. Doch wird derselbe in der Regel erheblich eingeengt, wenn dasselbe Reale von verschiedenen realisierten Erscheinungen her bestimmbar ist, z. B. von Teilbarkeit, Dehnbarkeit, Gestalt, Beweglichkeit, Löslichkeit, Leitfähigkeit, Wärme usw. Wenn wir z. B. vom Gold sagen, daß es in bestimmten regulären Formen kristallisieren kann, in gewissen Ländern gefunden wird, keine merkliche Spaltbarkeit besitzt, hakigen Bruch zeigt, die Härte 2,5 - 3 und ein spezifisches Gewicht von etwa 19 hat, äußerst dehnbar und geschmeidig ist, bei etwa 12oo° schmilzt suw., so wird durch diesen Inbegriff realisierter Erscheinungen das reale Objekt "Gold" recht eindeutig bestimmt. -

Wir faßten bisher nur den Schluß von realisierten Erscheinungen auf reale (substanzielle) Träger ins Auge. Nun kann aber auch von Substanzen auf deren Existenzbedingungen (also gleichsam deren substanzieller Träger) zurückgeschlossen werden, so z. B. wenn man aus dem Entstehen und Vergehen eines Lebewesens auf dessen Existenzbedingungen schließt, oder wenn man die Welt auf eine Gottheit zurückführt. Als Kriterien für die Zulässigkeit dieses Schlußverfahrens haben folgende zu gelten:
    a) Dieser Schluß gründet sich auf das Entstehen und Vergehen der an eine Substanz gebundenen realisierten Erscheinungen oder auf die Annahme eines entsprechenden Entstehens und Vergehens der Substanz selbst,

    b) dieser Schluß ist nur bei komplexen Substanzen anwendbar und besteht hier in der Zurückführung auf einfache, beharrende Substanzen,

    c) die Wesenseigentümlichkeit der komplexen Substanz läßt sich durch eine solche Zurückführung nicht ausreichend erklären, sondern es bleibt ein Unterschied zwischen der Existenz- und der Essenz-(Wesens-)abhängigkeit. (An die komplexen Substanzen können eigentümliche realisierte Erscheinungen gebunden sein, so daß die komplexe Substanz nicht als eine bloße Addition einfacher erscheint. Das "Prinzip schöpferischer Synthese", das Wundt als charakteristisch lediglich für das Geistige aufstellte, gilt also für alle komplexen Substanzen.)
4. Kombination von Realem. Man kann hier entweder (A) realisierte Erscheinungen kombinieren (wenn man z. B. Qualität, Intensität und Dauer als realisierte Erscheinungen zu einer Empfindung zusammenfaßt), oder (B) Realitäten (z. B. bei der Herstellung chemischer Synthesen, die Annahme eines Sternensystems) oder endlich (C) Realitäten und realisierte Erscheinungen (wir kombinieren etwa physikalische Bestimmungen, elektrische oder chemische Reaktionen mit den Kristallen; wir schreiben Pflanzen gewisse Assimilations- und Wachstumsprozesse, den Seelen Denken und Wollen zu).

Als Kriterien für die erste Unterform (A) dieses Verfahrens lassen sich aufstellen:
    a) die Kombination realisierter Erscheinungen ergibt stets eine realisierte Erscheinung, die im Phänomenalen vorgefunden wird oder darin gegeben sein könnte;

    b) die Glieder einer solchen Kombination müssen sich zueinander verhalten wie die Teile ein und desselben Ganzen;

    c) sind die Kombinationsglieder Abstrakta, so ist diese Forderung erfüllt, wenn sie in wechselseitiger Existenzabhängigkeit voneinander stehen; sind sie Konkreta, wenn sie durch eine reale Gemeinschaft verbunden sind. Und zwar steht das durch die Konkreta zu bildende Ganze (wie z. B. die aus Tönen gebildete Melodie) in Existenz- und Essenzabhängigkeit von ihnen.
Für die zweite Unterform (B), die Kombination von Einzel- oder einfachen Substanzen zu einer Kollektiv- oder komplexen Substanz, gilt die Bedingung, daß sie sich wie die Teile ein und desselben Ganzen zu diesem verhalten müssen, wenn eine Realisierung gültig sein soll.

Die dritte Unterform (C), die reale Kombination einer realisierten Erscheinung mit einer Substanz ist möglich, sofern diese als die Existenzbedingung jener angesehen werden kann, also ein Inhärenzverhältnis zwischen ihnen besteht.

5. Realistische Deutung von Symbolen. Dieses Verfahren hat ein überaus weites Anwendungsgebiet in allen Zweigen der Geschichte und überhaupt bei der Deutung fremden Seelenlebens. Wir schließen auf Reales, wenn wir Fundtatsachen deuten; wenn wir historischen Quellen Bestimmungen über Personen, Ereignisse, Zustände der Vergangenheit entnehmen, endlich wenn wir auf Ausdruckserscheinungen von Nebenmenschen die Erkenntnis fremden Seelenlebens gründen. Ob das Reale dabei der Vergangenheit oder Gegenwart angehört, macht keinen wesentlichen Unterschied aus. Unser Schließen gründet sich stets in dieser Methode auf das Verhältnis von Zeichen zum Bezeichneten. Und zwar kommen hier nicht in Betracht sogenannte natürliche Zeichen (wie etwa Rauch Zeichen für Feuer und Anbau Zeichen für die Nähe menschlicher Siedlungen ist); diese Fälle sind schon bei unserer zweiten Methode berücksichtigt. Hier handelt es sich lediglich um konventionelle Zeichen. Soweit diese sprachlicher Art sind, ist ihre Sinndeutung eine Sache der Philologie, die so die Vorarbeit für die realistische Deutung des Historikers zu leisten hat.

Da sich die geschichtlichen Ereignisse als vergangene ebensowenig wie das fremde Seelenleben mit den Zeichen im Bewußtsein des sie Deutenden vergleichen und dadurch verifizieren lassen, so kann eine Verifikation nur dann stattfinden, wenn ein konventionelles Zeichen durch ein natürliches bestätigt wird (etwa die Entdeckung alter Bauten oder sonstiger Denkmäler).

Zu scheiden sind dabei die Fragen nach der Echtheit, der Glaubwürdigkeit und dem Erkenntniswert der Zeichen (insbesondere der historischen Quellen oder psychologischen Aussagen.)

Als "echt" gilt eine Quelle, wenn sie der Bericht, die Aussage über einen Gegenstand wirklich ist, für die sie gehalten wird oder werden soll; wenn sie also z. B. wirklich von der Person stammt, die als ihr Verfasser genannt wird. Mit der Wahrheit des Inhalts hat das unmittelbar nichts zu tun. "Glaubwürdig" ist eine Quelle, sofern sie als adäquater Ausdruck der berichteten Tatsachen gelten darf. Der Erkenntniswert endlich richtet sich nach der Ergiebigkeit, Genauigkeit usw. eines historischen Berichts oder der Aussagen einer psychologischen Versuchsperson.

Die Kriterien der Echtheit sind für den Philologen und Historiker, weit weniger für den Psychologen bedeutsam. Die Echtheit einer Quelle ergibt sich:
    a) aus ihrer Übereinstimmung mit anderen, unzweifelhaft echten Quellen nach Form und Inhalt;

    b) aus der Übereinstimmung ihres Inhalts mit unzweifelhaft feststehenden Tatsachen;

    c) aus der Übereinstimmung in der Formgebung ihrer einzelnen Bestandteile;

    d) aus den äußeren Umständen, die für eine Quelle und ihre Auffindung in Betracht kommen.
Als Kriterien der Glaubwürdigkeit sind anzusehen:
    a) die Übereinstimmung eines Berichts mit feststehenden Tatsachen oder mit dem Inhalt glaubwürdiger Quellen;

    b) die innere Übereinstimmung der einzelnen, namentlich der wesentlichen Teile eines Berichts miteinander;

    c) die innere Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit des berichteten Tatbestandes (d. h. ihre Übereinstimmung mit unseren sonstigen wohlbegründeten Voraussetzungen und Kenntnissen;

    d) die individuelle Beschaffenheit des Verfassers des historischen Berichts, des Orts und der Zeit ihrer Entstehung (der zuverlässige Augenzeuge giolt im allgemeinen als der glaubwürdigste).
Der besondere Erkenntniswert von Quellen hängt ab:
    a) von ihrer Reichlichkeit und Vielfältigkeit (besonders sofern sie sich gegenseitig ergänzen);

    b) von ihrer Selbständigkeit und Unmittelbarkeit;
    c) von ihrer Ergiebigkeit und Vollständigkeit;
    d) von ihrer Unbefangenheit und Objektivität;
    e) von ihrer Eindeutigkeit und Sachlichkeit.

8. Kapitel
Ergebnis

Mit ein paar Worten soll noch das Hauptergebnis unserer Erörterungen kurz zusammengefaßt werden. Ich meine, daß diejenige theoretische Auffassung und Deutung unseres Erkennens, die wir als "kritischen Realismus" bezeichnen, in Übereinstimmung steht mit dem Wesen des Erkennens wie mit dem der Realität. Daß sie ihrem Kern nach mit der instinktiven Überzeugung des "naiven Realismus" harmoniert, die wir alle im praktischen Leben teilen, darf sicher als eine gewichtige Empfehlung angesehen werden, wenn dies auch nicht entscheidend ist für die Frage der Gültigkeit. Bedeutsamer ist, daß der Realismus den Voraussetzungen und Verfahrensweisen der Natur- und Geisteswissenschaften und ebenso einschließlich der Metaphysik gerecht wird, sofern er seine "naive" Gestalt durch die "kritische" ersetzt. Es gelingt ferner diesem kritischen Realismus, die Bedenken, die von Seiten des subjektiven und objektiven Idealismus (14) und des Phänomenalismus gegen ihn erhoben werden, zu widerlegen und seinerseits eine ausgeführte Methoden- und Kriterienlehre der genannten Wissenschaften zu liefern, während die übrigen erkenntnistheoretischen Richtungen bei ihrer Umdeutung aller Erkenntnisgegenstände in phänomenale oder ideale Objekte sich ganz auf allgemeine Behauptungen beschränken und eine auf die konkreten Forschungsweisen eingehende Wissenschaftstheorie jedenfalls bis jetzt nicht einmal ernsthaft versucht haben.

So darf der kritische Realismus als die weitaus am Besten gesicherte erkenntnistheoretische Richtung bezeichnet werden, zumal sie auch dem relativen Wahrheitsgehalt der anderen Richtungen gerecht zu werden vermag.
LITERATUR - August Messer, Der kritische Realismus, Karlsruhe 1923
    Anmerkungen
    8) Oswald Külpe, Über die Objektivierung und Subjektivierung von Sinneseindrücken in Wundts "Philosophischen Studien", Bd. 19, 1902, Seite 508-556.
    9) So z. B. Eduard Zeller, Über die Gründe unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt" in "Vorträge und Abhandlungen", Bd. III, 1884.
    10) Vgl. meine Darstellung und Würdigung der kantischen Erkenntnistheorie im dritten Band meiner "Geschichte der Philosophie", 6. und 7. Auflage, Leipzig 1923.
    11) Ich verweise dafür auf Külpe, "Realisierung", Bd. II, Seite 205-244.
    12) Da diese Bestimmung durch das Denken geschieht, so hat Külpe (Realisierung III, 10-114) in diesem Zusammenhang eine sehr interessante "Theorie des Denkens" entwickelt.
    13) Külpe hat diesen Nachweis ausführlich erbracht (Realisierung III, Seite 114-201), worauf hier verwiesen sei.
    14) Bei der Auseinandersetzung mit dem objektiven Idealismus ist nur die von Cohen und der Marburger Schule vertretene Form desselben berücksichtigt worden; auch auf den Idealismus Rickerts und der Badener Schule einzugehen, dazu fehlte leider der Raum. Es sei dafür auf die treffliche Schrift Walter Schirrens, eines Schülers von Külpe und mir, verwiesen ("Rickerts Stellung zum Problem der Realität. Eine Kritik ihrer Grundlagen, Langensalza 1923.