p-4H. RuinJ. G. SulzerJ. VolkeltMFKG. W. CampbellM. Palágyi    
 
HEINRICH HOFMANN
Untersuchungen über den
Empfindungsbegriff

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"Ist all das, was sich uns nach der gewöhnlichen Beziehungsweise als sinnlich wahrgenommene Erscheinung darstellt, schon darum ein Objekt, eine Tatsache in naturwissenchaftlichem Sinn? Oder sind sie es nicht - vorausgesetzt, daß es wahr ist, daß die Objekte der Naturwissenschaften Erscheinungen sind - ganz bestimmt zu charakterisierende Erscheinungen, die allein als naturwissenschaftliche Tatsachen in Betracht kommen? Oder noch anders ausgedrückt: gibt es nicht vielleicht mehrere ganz verschiedenartige Begriffe von Erscheinung, die bei der Objektbestimmung der Naturwissenschaften durcheinander gewürfelt werden, die aber in diesem Zusammenhang unbedingt auseinandergehalten werden müssen?"


Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich der Hauptsache nach mit speziellen Problemen der psychologischen Lehre vom Gesichtssinn. Aber auch wenn es sich in ihr um Psychologisches handelt, so ist ihr Inhalt doch nicht ganz und gar Psychologie, sondern gehört der ganzen Methode der Untersuchung nach in das Gebiet, das man als philosophische Prinzipienlehre der Psychologie oder kurz als Philosophie der Psychologie bezeichnen kann. Das allgemeine Problem, das meinen Untersuchungen zugrunde liegt, ist nämlich - wenn ich die gewöhnliche Formulierung angeben soll - die Frage nach der Grenzscheide zwischen psychologischer und naturwissenschaftlicher Forschung, also eine Frage, die ebensowenig in den Rahmen der eigentlichen psychologischen wie in den der naturwissenschaftlichen Forschung gehört.

Freilich ist es nicht das Problem in seiner ganzen Allgemeinheit, dem ich hier näher zu treten gedenke, sondern ich will nur auf einem engen Gebiet der Forschung mich in bestimmte Einzelheiten des Problems zu versenken suchen. Bekanntlich ist der strittigste Punkt bei der Scheidung der Psychologie und Naturwissenschaft die Beantwortung der Frage, ob bzw. in welchem Sinn die unter dem Namen "Sinnespsychologie" betriebenen Forschungen in den Bereich der eigentlichen Psychologie gehören. Im Bestehen der "Sinnespsychologie" ist ja wohl überhaupt der Ursprung der Erörterungen über das vorbezeichnete Problem zu suchen. Denn historisch hat sich die "Sinnespsychologie" in einem engen Anschluß an die Nervenpsychologie entwickelt, man kann fast sagen, sie hat sich als ein selbständig weiterentwickelter Zweig der Nervenpsychologie abgeschieden. Andererseits aber scheinen die Objekte, mit denen es die "Sinnespsychologie" zu tun hat, die Farben, Töne usw., als subjektive Gebilde des Wahrnehmenden doch durchaus in die Domäne der Psychologie zu gehören. So bleibt es also einstweilen zweifelhaft, wohin man die "Sinnespsychologie" zu rechnen hat, ob zur Psychologie oder zur Physiologie. Allerdings darf man hier seine Fragestellung nicht ohne weiteres in das starre Entweder - Oder zwängen; ansich wäre es doch auch möglich, daß, wie die physikalische Chemnie das Bindeglied der physikalischen mit der chemischen Wissenschaft darstellt, so auch die "Sinnespsychologie" sowohl zur Physiologie als auch zur Psychologie zu rechnen wäre und also nicht unpassend als "physiologische Psychologie" bezeichnet werden könnte.

Doch die Frage ist so einfach nicht zu entscheiden. Zudem pflegt man sich auch mit der Fragestellung nach der Grenze zwischen Psychologie und Physiologie im Besonderen nicht zu bescheiden, sondern man fragt ganz allgemein nach den Trennungslinien zwischen Psychologie einerseits und den Naturwissenschaften insgesamt andererseits. Durch die Verallgemeiner der Problemstellung wird natürlich die Sache noch komplizierter, und die Entscheidung ist erst recht schwierig, da jetzt auch weiter untersucht werden muß, ob man denn überhaupt so allgemein die Naturwissenschaften allesamt gegenüber der Psychologie auf ein und dieselbe Stufe stellen darf. Doch man pflegt nun einmal das Problem in dieser Allgemeinheit zu formulieren und sich dann die folgenden Alternative zu stellen: Entweder Psychologie und Naturwissenschaften unterscheiden sich hinsichtlich des Forschungsobjekts; dann ist der vermutete fundamentale Unterschied zwischen den beiderlei Wissenschaften verständlich. Oder das Forschungsobjekt ist in beiden Fällen dasselbe, und der Unterschied der Wissenschaften ist durch die Verschiedenheit der Betrachtungsweisen bedingt.

Wir wollen nicht näher untersuchen, ob diese Alternative in jeder Hinsicht richtig gestellt ist, aber es leuchtet ein, daß es bei dieser allgemeinen Fragestellung auch wiederum die "Sinnespsychologie" ist, auf die sich bei der Untersuchung das Hauptaugenmerk richten muß. Denn hinsichtlich der Phantasie- und Erinnerungserscheinen, der Urteile und sonstigen Denkoperationen und Triebe versteht es sich gleichsam von selbst, daß sie nicht Objekte irgendeiner Naturwissenschaft sind. Wie man aber die Erfahrungstatsachen, auf welche sich die "Sinnespsychologie" beruft, die "Empfindungen", trennen soll von der Welt der Farben und Formenm, mit denen es doch offenbar auch die Naturwissenschaften zu tun haben, das ist die große Frage, auf die man keine rechte Antwort finden kann. Die "Sinnespsychologie", so sagt man sich, hat es mit dem sinnlich Wahrnehmbaren zu tun, mit Farben, Tönen, Geschmäcken, Gerüchen usw.; in der sinnlichen Wahrnehmung versichern wir uns aber doch andererseits auch der Welt der Dinge, mit denen die Naturwissenschaften operieren. Sollte nun das Objekt der Psychologie, zu der man auch die "Sinnespsychologie" wird rechnen müssen, durchgägig ein anderes sein als das der Naturwissenschaften, so müßte es offenbar zwei getrennte Welten der Sinnlichkeit geben, zwei in sich geschlossene verschiedenartige sinnliche Tatsachengebiete, von denen das eine den Naturwissenschaften, das andere der "Sinnespsychologie" zugewiesen werden könnte.

Doch wie sollten sich zwei derartige Welten der Sinnlichkeit gegeneinander abgrenzen lassen? Entweder etwas ist eine sinnliche Tatsache oder es ist keine. An der Verschiedenheit der Objekte kann also wohl nicht gut der Unterschied zwischen "Sinnespsychologie" und Naturwissenschaft liegen, sondern nur die verschiedenartigen Gesichtspunkte der Betrachtungsweise kann den Unterschied zwischen den beiderseitigen Forschungsgebieten bedingen. Und so hat sich dann - man kann wohl sagen - das Gros der Psychologen mit diesem Weg der Lösung des Problems abgefunden.

Wenn man jedoch die verschiedenen Gedankengänge, durch welche diese Lösung herbeigeführt wird, allseitig prüft, so kommen einem viele Fragen, die durch diese Art der Deduktion gar nicht berührt werden, die bei der Lösung des Problems aber doch von großer Bedeutung zu sein scheinen. Man spricht da ständig von sinnlichen "Erscheinungen", von denen einerseits die Naturwissenschaften ausgehen, die andererseits aber auch das Objekt der "Sinnespsychologie" abgeben sollen. Ja, eine gewisse Gruppe von philosophierenden Naturwissenschaftlern ist stolz darauf, ihr Tatsachengebiet als das der sinnlichen "Erscheinungen" bestimmen zu können; es gilt geradezu als unmodern und vor allem als unphilosophisch, das Tatsachengebiet der Naturwissenschaften anders bezeichnen zu wollen. Doch bei allem Respekt, den man dem auch philosophisch reflektierenden Naturforscher von Seiten der Philosophie entgegenbringen wird, scheint es mir bei derartigen Überlegungen durchweg an der nötigen begrifflichen Klarheit zu fehlen. Das Tatsachenmaterial der Naturwissenschaften sind die sinnlichen "Erscheinungen", das läßt sich hören, wenn man die Untersuchungen über Optik, Akustik usw. im Auge hat. Aber sind es denn wirklich "bloß" irgendwelche herausgegriffenen "Erscheinungen", die der z. B. der Zoologe beschreibt, wenn er Form und Aussehen der Tiere bezeichnen will; die der Chemiker nennt, wenn er "die" Farbe einer Verbindung angibt; die der Biologe heraushebt, wenn er "die" Formbildung und "die" Lebensvorgänge einer Zelle auseinandersetzt. Mit anderen Worten: ist all das, was sich uns nach der gewöhnlichen Beziehungsweise als sinnlich wahrgenommene "Erscheinung" darstellt, schon darum ein "Objekt", eine Tatsache in naturwissenchaftlichem Sinn? Oder sind sie es nicht - vorausgesetzt daß es wahr ist, daß die Objekte der Naturwissenschaften "Erscheinungen" sind - ganz bestimmt zu charakterisierende "Erscheinungen", die allein als naturwissenschaftliche Tatsachen in Betracht kommen? Oder noch anders ausgedrückt: gibt es nicht vielleicht mehrere ganz verschiedenartige Begriffe von "Erscheinung", die bei der Objektbestimmung der Naturwissenschaften durcheinander gewürfelt werden, die aber in diesem Zusammenhang unbedingt auseinandergehalten werden müssen?

Das sind Fragen, die ihre Beantwortung gebieterisch verlangen, wenn man das Objekt der Naturwissenschaften als "Erscheinung" bestimmen will, die man aber bei solchen Bestimmungen nirgends auch nur angedeutet findet. Darum, scheint es mir, muß man das allgemeine Problem der Aufweisung einer Grenzscheide zwischen Psychologie und Naturwissenschaften einstweilen noch vollkommen zurückschieben und erst einmal die umfassenden Vorarbeiten begriffsanalytischer Natur erledigen, welche der Begriff der "Erscheinung" erfordert.

Nicht besser als mit der Objektbestimmung der Naturwissenschaften steht es mit der Festlegung des Objekts der "Sinnespsychologie". Gegenstand der "Sinnespsychologie", so pflegt man wohl zu sagen, sind die Empfindungen und die aus diesen sich aufbauenden Anschauungen und Wahrnehmungen. Fragt man nun aber, was man unter Empfindung, unter Anschauung und Wahrnehmung zu verstehen hat, so wird man von den verschiedenen Forschern die allerverschiedensten Antworten bekommen. Um beim Begriff der Empfindung zu bleiben, so ist man sich nicht einmal darüber einig, ob damit die Farben, Töne, Geschmäkce, Gerüche usw., also sinnliche Data, gemeint sind oder auf solche Sinnesobjekte in bestimmter Weise sich beziehende nichtsinnliche Realitäten, "funktionelle" Gebilde. Die Mehrzahl der psychologischen Forscher, vor allem die Vertreter der experimentellen Erforschung des Seelenlebens, stehen wohl auf dem zuerst bezeichneten Standpunkt, doch es gibt auch eine Gruppe von Psychologen, die nachdrücklich den zweiten Standpunkt vertritt. So hat es z. B. STUMPF (1) ausdrücklich als seine Meinung hingestellt, daß nicht Farben, Töne usw. die Forschungsobjekte der "Sinnespsychologie" abgeben, sondern daß es die durch die sinnlichen Erscheinungen "angeregten" "psychischen Funktionen" sind, deren Gesetzmäßigkeiten die Sinnespsychologie zu erforschen hat. Und STUMPF steht in dieser Hinsicht nicht allein, sondern auch andere Forscher (BRENTANO, PFÄNDER, LIPPS) vertreten denselben Standpunkt. Mit der Aufstellung dieser neuartigen Ansicht aber wird die endgültige Beantwortung der Frage nach der Grenzscheide zwischen "Sinnespsychologie" und Naturwissenschaften wieder um ein gutes Stück weiter hinausgeschoben und das Schwergewicht der Untersuchungen wird in ein ganz neues Gebiet verlegt. Denn es ist klar, daß die Frage, ob es die "Sinnespsychologie" mit Farben, Tönen usw. oder mit "psychischen Funktionen" zu tun hat, nicht entschieden werden kann ohne gründliche Untersuchungen über den Begriff der "psychischen Funktionen" - Untersuchungen, die aber vom Forschungsweg der "Sinnespsychologie", wie sie gewöhnlich betrieben wird, meiner Meinung nach weit abliegen, und die auch von den Philosophen noch nicht so weit geführt sind, daß man eine endgültige Beantwortung unserer Frage erwarten könnte. Nur so viel scheint aus den bisherigen Untersuchungen über den Begriff der "psychischen Funktion" oder, wie man gewöhnlich sagt, des "Aktes" klar hervorzugehen, daß wir noch eine ganze Reihe bedeutungsvoller Schwierigkeiten zu überwinden haben werden, bevor wir den vielgebrauchten Aktbegriff in einer allseitigen Bestimmtheit herausarbeiten können.

Aber abgesehen von der weiteren Frage, ob die Empfindung ein Sinnliches oder Nichtsinnliches ist, lassen auch diejenigen Definition, welche die Empfindung als etwas Sinnliches fassen, an Einheitlichkeit noch sehr zu wünschen übrig (2), so daß es auch von Seiten der "Sinnespsychologie" noch begriffsanalytischer Vorarbeiten bedarf, bevor man eine wirklich befriedigende Objektbestimmung der "sinnespsychologischen" Forschung geben kann. Einen gewissen Teil dieser Vorarbeiten zu leisten, soll nun die Aufgabe der folgenden Untersuchungen sein. Anhand des konkreten Materials wollen wir eine Reihe von fundamentalen Begriffen herauszuarbeiten und so den Grundstock des Begriffsgebäudes aufzubauen suchen, mit dessen Hilfe man auch wirklich allen realen Vorkommnissen gerecht zu werden in der Lage ist. Dieses Ziel zu erreichen, ist keineswegs leicht, sondern führt zur Untersuchungen von zum Teil recht großer Schwierigkeit. Immerhin darf man hoffen, auf hier durch redliche Arbeit schließlich auch einmal vollkommene Klarheit in die Sache zu bringen. Freilich eins wird man sich bei derartigen Untersuchungen stets gegenwärtig halten müssen, daß man sich nämlich vor einer allzu großen Allgemeinheit der Betrachtungsweise hüten muß. Große Gesichtspunknte und weitgreifende Ideen sind zwar für das Ganze der Forschung nirgendes zu entbehren, aber bei der Forschung im Einzelnen führen sie doch nur zu leicht zu einer Vergewaltigung der Tatsachen, und gerade da, wo es sich um das Zurechtzimmern des begrifflichen Apparates eines ganzen Forschungsgebietes handelt, ist die Verführung, alles nur ja recht einfach und systematisch übersichtlich zu gestalten, besonders groß. Kleinste Kleinarbeit zu liefern, muß also auch hier wie überall in der Wissenschaft, wo man bleibende Ergebnisse erzielen will, die erste Forderung sesin. Darum darf man, meine ich, bei den begriffsanalytischen Untersuchungen, die ich vorhin bezeichnet habe, nicht von vornherein sämtliche Sinnesgebiete zusammen ins Auge fassen, sondern muß möglichst jedes Sinnesgebiet für sich studieren und für jedes einzeln und ohne Seitenblick nach den anderen Sinnesgebieten den zur Beherrschung der Tatsachen notwendigen Begriffsapparat zusammenfügen. Andererseits darf man auch innerhalb einer jeden einzelnen Sinnessphäre nicht gleich, wie man das vielfach zu tun pflegt, mit dem Allgemeinen beginnen, sondern man muß erst einmal eine möglichst vollständige Analyse bestimmter konkreter Beispiele durchzuführen versuchen und erst allmählich durch eine Häufung der Beispiele die allgemein anwendbaren Begriffe herauslösen. Gewiß wird und kann eine solche Analyse des Einzelnen nicht gänzlich unsystematisch und ziellos geführt werden, irgendeine allgemeine Idee als richtunggebendes Prinzip muß stets zugrundeliegen, aber die Analyse wird sich doch immer an konkret Aufweisbares halten, die gebrauchten Begriffe werden sich jederzeit kontrollieren, die Behauptungen von jedem Kenner der Tatsachen nachprüfen lassen.

Aus diesen Gesichtspunkten heraus habe ich meine Untersuchungen von vornherein auf bestimmt angebbare Vorkommnisse auf dem Gebiet des Gesichtssinnes, die für die herauszuarbeitenden Begriffe charakteristisch erschienen, beschränkt. Zwar bin ich mir bewußt, daß durch diese Beschränkung meine Betrachtungen in gewisser Weise einseitig werden, da nicht gesagt werden kann, ob und in welcher Weise sich die beim Gesichtssinn gültigen Unterscheidungen auch auf die übrigen Sinnesgebiete übertragen lassen; ja noch mehr: ich glaube überblicken zu können, daß die Mannigfaltigkeit der begrifflichen Unterscheidungen, die ich für den Gesichtssinn machen werde, auf den übrigen Sinnesgebieten nicht besteht. Doch das darf nicht hindern, den Feinheiten der Scheidungen da, wo sie sich finden, auch wirklich nachzugehen, unbekümmert darum, ob sich die entsprechenden Scheidungen auch auf den anderen Sinnesgebieten durchführen lassen.

Daß ich gerade mit dem Gesichtssinn meine Untersuchungen beginne, hat seinen Grund in der großen Bedeutung, die gerade diesem Sinn für die naturwissenschaftliche Tatsachenerkenntnis zugeschrieben werden muß. Will man auf die Klärung der Objektbereiche von Naturwissenschaften und "Sinnespsychologie" hinarbeiten, so wird es also auch das Gegebene sein, sich ein solches Gebiet auszusuchen, wo das zu sichtende Material das mannigfache und am weitesten gegliederte ist. -

Die eigentlichen begriffsanalytischen Untersuchungen werde ich erst im zweiten und dritten Kapitel geben; diese beiden Kapitel werden also auch den Haupttei dieser Arbeit ausmachen. Ich möchte aber diesen positiven Aufstellungen im ersten Kapitel eine Kritik der gebräuchlichsten Empfindungsbegriffe vorausschicken, um zu zeigen, wie wenig in der Tat die üblichen Empfindungsbegriffe genügen, um den Objektbereich einer möglichen Wissenschaft - nenne man sie nun "Sinnespsychologie" oder irgendwie anders - abzugrenzen. Ich möchte meine Kritik jedoch nicht auf sämtliche gebräuchlichen Empfindungsbegriffe ausdehnen. Zunächst möchte ich alle diejenigen Definitionen unberücksichtigt lassen, welche die Empfindung im Sinn eines "psychischen Aktes" zu fassen suchen, da mir der Aktbegriff noch mit gewissen Schwierigkeiten behaftet zu sein scheint, deren Untersuchung aus dem Rahmen der späteren Betrachtungen ganz herausfallen würde. Dann aber würde es im Sinne der späteren Analysen auch zu weit führen, wenn ich die Definitionen, welche die Empfindung als ein Sinnliches betrachten, auf ihre allseitige Bestimmtheit hin prüfen wollte. Der Begriff der Empfindung ist zu mehreren anderen Begriffen in einen Gegensatz zu bringen und eine allseitig abgrenzende Definition der Empfindung würde die aus den verschiedenen Gesichtspunkten heraus gegebenen Bestimmungen zu einer mehr oder weniger einheitlichen Gesamtdefinition zu vereinigen haben. Auf die Gewährleistung einer solchen allseitigen Abgrenzung des Empfindungsbegriffs habe ich es jedoch hier nicht abgesehen. Es kommt mir nicht darauf an, wie weit Empfindung und Gefühl geschieden werden und wie hierbeit die Begrenzungslinien verlaufen, es liegt mir einstweilen auch weiter nichts daran, zu erörtern, wie sich die betreffende Definition zu der vielbehandelten Frage nach der Grenzscheide zwischen Empfindung (und Wahrnehmung) einerseits und Phantasie- und Erinnerungsvorstellung andererseits stellt. Worauf es mir bei dieser Kritik ankommt, das ist vielmehr, wie sich das als Empfindung Definierte zu dem in der Wahrnehmung angeschauten Sinnlichen verhält, ob mit dem Begriff der Empfindung wirklich ein in sinnlicher Wahrnehmung (oder Anschauung) aufweisbarer Tatsachenbereich bezeichnet wird, der die Objekte einer wissenschaftlichen Forschung abgeben kann.
LITERATUR - Heinrich Hofmann, Untersuchungen über den Empfindungsbegriff, [Inaugural-Dissertation] Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 26, Leipzig 1913
    Anmerkungen
    1) CARL STUMPF, Zur Einteilung der Wissenschaften, Abhandlung der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahr 1906, Sonderabdruck Seite 30, Anm.
    2) OSWALD KÜLPE, Zur Lehre von der Aufmerksamkeit, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 110, Seite 8) spricht zwar gelegentlich von einer Eindeutigkeit des Empfindungsbegriffs in der heutigen Psychologie; doch ich weiß nicht, ob dieser Ausspruch so ganz ernst gemeint ist, denn (abgesehen vom Streit über die Ausdehnbarkeit des Empfindungsbegriffs auch über das Gebiet der Gefühle) lassen die Definitionen, die man von der Empfindung gibt, nichts weniger als Eindeutigkeit erkennen.