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AUGUST MESSER
Der kritische Idealismus

"Der eigentliche Streitpunkt zwischen kritischem Idealismus und Realismus liegt in der verschiedenen Auffassung dessen, was man die wissen- schaftliche Konstruktion des Objektes, und zwar in den Realwissenschaften nennen kann. Für den Idealisten ist diese Konstruktion ein wirkliches Schaffen, Erzeugen des Begriffs und des damit identischen Gegenstandes, der Realist gibt zwar zu, daß in der Erkenntnis der Begriff erzeugt wird, aber er sieht in diesem nur eine Nachkonstruktion (bildlich gesprochen) eines Gegenstandes, der auch auch ohne diese Nachkonstruktion vorhanden ist, und der insofern unabhängig von der Erkenntnis besteht. Diesen tiefen Gegensatz der beiden Richtungen darf man nicht darum abschwächen oder übersehen, weil sie sonst in so vielem einig sind oder zumindest einig sein können."

Die Vertreter des "kritischen Realismus" haben ihre erkenntnistheoretische Grundansicht zu verteidigen sowohl gegen den "Phänomenalismus", dem die Realität (das "Ding-ansich") für zwar denkbar, aber nicht erkennbar gilt, als auch gegen den "Idealismus", der eine unabhängig vom erkennenden Bewußtsein bestehende Realität überhaupt leugnet. Innerhalb des Idealismus aber sind zwei Richtungen zu unterscheiden: der "subjektive" Idealismus (oder "Konszentialismus"), der bei seiner Beweisführung an das "erkennende Bewußtsein" von Individuen denkt, und der kritische oder objektive Idealismus (1), der dabei das wissenschaftliche Bewußtsein (losgelöst von den Individuen) ins Auge faßt. Eine Auseinandersetzung des kritischen Realismus mit dieser zweiten Form des Idealismus (2) erscheint mir als eine besonders bedeutsame Aufgabe, weil sie in der Philosophie der Gegenwart von einer Schule vertreten wird, die durch ihre einheitliche Problemstellung und Arbeitsmethode und durch hervorragende Leistungen sich aller Ignorierung und allem Mißverstehen zum Trotz Beachtung und Würdigung erzwingt. Der kritische Idealismus ist die Philosophie der "Marburger Schule", von deren Vertretern hier COHEN, NATORP, CASSIRER, KINKEL, GAWRONSKY genannt sein sollen. Die "Schule" ist überzeugt, die eigentlichen Grundgedanken KANTs zu vertreten und in ihrer ganzen Tragweite auszugestalten und damit zugleich KANTs System von den ihm noch anhaftenden Mängeln zu befreien (3).

Möglichst bestimmt sucht man auch den eigenen Standpunkt von dem des subjektiven Idealismus zu unterscheiden. Man versichert mit Nachdruck: Nicht das einzelne erkennende Subjekt, das Individuum darf zum Träger der Wirklichkeit gemacht werden; die Welt besteht nicht nur im Bewußtsein des einzelnen erkennenden Ich. SCHOPENHAUERs Satz: "Die Welt ist meine Vorstellung" ist falsch. - Ob allerdings die Trennung zwischen "subjektivem" und "objektivem" ("kritischem") Idealismus ganz reinlich durchgeführt werden kann, scheint uns zweifelhaft; allein darauf können wir erst an einer späteren Stelle unserer Erörterung eingehen. Jedenfalls wollen die Vertreter des kritischen Idealismus nicht mit den subjektiven Idealisten verwechselt werden. Sie erkennen eine vom individuellen Bewußtsein, von den Vorstellungen der einzelnen Subjekte verschiedene Erfahrungs-Realität an und betrachten sich darum zugleich auch als die wahren Realisten.

In der Tat besteht in wichtigen Fragen Übereinstimmung zwischen dem kritischen Idealismus und dem Realismus. Sie sind nicht nur einig in der Ablehnung des subjektiven Idealismus: in und mit diesem lehnen sie auch den "Psychologismus" ab, d. h. die Ansicht, daß die Psychologie die grundlegende Wissenschaft für die Philosophie, insbesondere auch für Logik und Erkenntnistheorie sein soll. Der "Psychologismus" würde allerdings im Recht sein, wenn wirklich alle Gegenstände der Erkenntnis nur Vorstellungen von Individuen wären; denn diese Vorstellungen nach ihrer Beschaffenheit und Gesetzmäßigkeit zu untersuchen, ist tatsächlich Sache der Psychologie.

Ebenso sind die beiden Richtungen Gegner des "Sensualismus", der alle Erkenntnis einzig und allein auf die Empfindung zurückführen will; vielmehr gelten ihnen beiden neben den Empfindungen die Denkelemente: Begriffe und Urteile als unentbehrliche Faktoren der Erkenntnis. Die Bedeutung der Empfindungen wird freilich (wie wir noch sehen werden) vom kritischen Realismus höher eingeschätzt als vom Idealismus. Indessen besteht auch beim ersteren Klarheit darüber, daß die Empfindungen erst zustande kommen bei der Einwirkung objektiver Reize auf bestimmt organisierte Lebewesen, daß also die Eigenschaften, mit denen wir aufgrund unserer Empfindungen die Dinge ausstatten: die Farben, Helligkeiten, Gerüche, Geschmäcke usw. ihnen nicht "ansich" zukommen. Eben durch diese Einsicht unterscheidet sich der "kritische" Realismus vom "naiven" Realismus des Alltags, der den Dingen schlechthin diese Eigenschaften zuschreibt. Für den, der diesen naiven Standpunkt nicht mehr einnimmt, ergibt sich ohne weiteres, daß das Erkennen auch nicht als eine "Abspiegelung" oder "Abbildung" der Dinge aufgefaßt werden kann. Denn jegliches Bild ist die anschauliche Kopie eines anschaulichen Originals. Daraus, daß der kritische Realismus die anschaulichen Eigenschaften, die wir empfinden, den Dingen selbst abspricht, folgt, daß diese Dinge für ihn zu unanschaulichen Objekten werden, die nur mittels begrifflichen Denkens genauer bestimmt werden können. Also ist für den kritischen Realismus ebensowenig wie für den kritischen Idealismus das Erkennen ein " Abbilden" - wenn diese Übereinstimmung auch (wie so manche andere) gelegentlich verkannt wird.

Es kann ebenfalls nur auf einem Mißverständnis beruhen, wenn von idealistischer Seite der Vorwurf erhoben wurde, der realistische Metaphysiker wähne sich "im Besitz des absoluten Seins" (4) zu befinden. Wenn anders der Realist "kritisch" denken gelernt hat und einen Einblick in das Wesen der Wissenschaft besitzt, wird er genauso wie der Idealist das Ziel der Erkenntnis, sofern es in der vollkommenen Bestimmung der wirklichen Welt besteht, als im Unendlichen liegend ansehen.

Übereinstimmung zwischen den beiden Richtungen besteht (oder kann zumindest bestehen) auch in der Art, wie das Verhältnis der Erkenntnistheorie (5) zu den Einzelwissenschaften bestimmt wird. Jene hat den letzteren nicht etwa vorzuschreiben, wie sie erkennen sollen, sie hat in ihre Arbeit überhaupt nicht hineinzureden, sondern von ihnen zu lernen. An den Einzelwissenschaften stellt sie fest, mit welchen obersten Voraussetzungen und Begriffen sie arbeiten, in welchen Beziehungen diese Grundsätze und Begriffe zueinander stehen, welche grundlegenden Bestimmungen für den jeweiligen Gegenstand der Forschung gelten usw. Auch damit kann der Realist einverstanden sein, daß die Erkenntnistheorie mit ihrer Arbeit bei den "exakten" Wissenschaften: Mathematik und mathematische Naturwissenschaft einsetzt und sich an ihnen zunächst über das Wesen der Erkenntnis orientiert. Freilich wird er betonen müssen, daß die prinzipiellen Verschiedenheiten, die schon zwischen diesen beiden Wissenschaften und weiterhin zwischen ihnen und den anderen Disziplinen bestehen, nach ihrer vollen Bedeutung zu würdigen sind.

Höchst Beachtenswertes ist von Seiten der "Marburger Schule" geleistet worden in der Untersuchung der grundlegenden Gedanken der mathematischen Naturwissenschaft. Diese machen Zugleich die Bedingungen aus, denen ein Gegenstand entsprechen muß, um ein Objekt der Naturerkenntnis zu werden, und sie gelten insofern a priori. Der Gehalt dieser die Wissenschaft konstituierenden Begriffe und Grundsätze, ihre innere Beziehung (Korrelation), ihre unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit sind in scharfsinniger Weise von COHEN und seinen Schülern untersucht worden.

Alle diese Forschungen ruhen aber auf einer Voraussetzung, die vom kritischen Realismus ebenfalls gemacht wird: daß der Inhalt von Begriffen, Urteilen, kurz von Gedanken jeder Art in der Abstraktion von den Denkvorgängen in den einzelnen wirklichen Individuen gleichsam losgelöst und für sich betrachtet werden kann.

Von hier aus gelangen wir allerdings unmittelbar zum eigentlichen Gegensatz zwischen kritischem Realismus und Idealismus. Der erstere unterscheidet noch von den Gedankeninhalten der Wissenschaften die unabhängig daon bestehenden Gegenstände (6). Der Idealist ist der Ansicht, daß diese Unterscheidung zwischen Inhalt und Gegenstand überflüssig, ja falsch ist, daß vielmehr beide identisch sind. Diese Grundansicht, die recht eigentlich den spezifisch "idealistischen" Charakter der "Marburger Schule" ausmacht, soll zunächst durch einige Aussprüche ihrer oben erwähnten Vertreter belegt und erläutert werden. So lesen wir z. B. bei COHEN (7):
    "Es muß bei der Relation verbleiben, die Parmenides als Identität von Denken und Sein geschmiedet hat. Das Sein ist das Sein des Denkens. Daher ist das Denken, als Denken des Seins, Denken der Erkenntnis."
PLATO bringt den ewigen Grundgedanken der wissenschaftlichen Vernunft ans Licht.
    "Das Denken erschafft die Grundlagen des Seins. Die Ideen sind diese Grundlagen, diese Grundlegungen." "Die Idee bezeichnet und bedeutet das wahrhafte Sein, den wahrhaften Inhalt der Erkenntnis." "Das Sein ruht nicht in sich selbst; sondern das Denken erst läßt es entstehen." "Nur das Denken selbst kann erzeugen, was als Sein gelten darf."
NATORP erblickt den Grundirrtum des Realismus darin, daß er meint, "das Resultat des Erkennens, die fertige Welt, voraus zu haben". Das nennen man dann "Erfahrung" und durch "Abstraktion" ziehe man dann all das wieder heraus, was man zuvor selber hineingedacht hat. Aber die fertige Welt, die Wirklichkeit sei nichts weiter als die schließliche Resultante aller Denkbestimmungen. So kommt er (übrigens in Übereinstimmung mit der "Schule") zu der terminologischen Unterscheidung von "Sein" in allgemeinster Bedeutung, als Bestand (Geltung) eines Denkinhalts für sich, und von "Wirklichkeit" ("Existenz" oder "Sein" im engeren Sinn, das ist "konkretes Sein", "Dasein") als allseitig bestimmtem Denkinhalt oder (wie er sich ausdrückt:) als Bestand in der Resultante aller Denkkomponenten und unter deren Voraussetzung (8). In Übereinstimmung damit lehnt er es ab, im Sinne des "Positivismus" in den "Tatsachen" das Gegebene und damit das Sicherste in aller Erkenntnis zu sehen.
    "Die Tatsache im absoluten Sinn ist erst das Letzte, was die Erkenntnis zu erreichen hätte, in Wahrheit nie erreicht; ihr ewiges X. Dieses Letzte hat man zum Ersten, dieses X zur bekannten Größe, das ewig Gesuchte, nie Erreichbare zum Gegebenen gemacht. Woher dieser befremdliche Fehlgriff? Weil allerdings die Notwendigkeit dieser Determination der Tatsache, nämlich als Forderung, selbst a priori feststeht, so antizipiert man ohne Bedenken im Begriff der Tatsache als des Gegebenen das, was vielmehr erst das letzte Resultat der Erkenntnis wäre."
Auch die Wissenschaft ist sich nach NATORP dieses Sachverhalts mehr und mehr bewußt geworden; sie erkennt an, "daß das Urteil darüber, was Tatsache ist, in jedem Augenblick der Berichtigung gewärtig sein muß". Er will auch nicht den Einwand gelten lassen: "Aber die Tatsachen müssen doch ansich bestimmt sein, wenngleich nicht für uns." (9) Damit wäre allerdings der Realismus anerkannt und die Grundbehauptung des Idealismus, daß alles Sein, alle Wirklichkeit und Tatsächlichkeit Denkinhalt, Denkerzeugnis ist, aufgegeben.

Endlich seien noch einige Sätze KINKELs angeführt (10):
    "Nur das Denken kann das Sein erkennen, denn beide, das Denken und das Sein, sind im Grunde genommen dasselbe. Durch diese Lehre ist Parmenides recht eigentlich zum Schöpfer des wissenschaftlichen . . . Idealismus gworden." "Die Formel des kritischen, philosophischen Idealismus heißt: Sein = wahrer Begriff." "Der Gegenstand ist zwar nicht mit dem Erlebnis des Vorstellens (11), wohl aber mit dem Inhalt des wissenschaftlichen Begriffs (Denkinhalt) völlig identisch." "Nach der Grundvoraussetzung des Idealismus existiert die Natur nicht unabhängig von der Erkenntnis, sondern sie ist in den Begriffen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst enthalten." "Die Natur verdankt ihre Festigkeit und innere Sicherheit allein den Gesetzen des Geistes, aus denen sie entspringt und in denen sie ihrem Wesen nach besteht"; denn "die Gesetze des wissenschaftlichen Bewußtseins sind zugleich die Prinzipien des Seins". -
Die in all diesen Sätzen behauptete Identität von Denken und Sein, von Inhalt und Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis kann nun freilich der kritische Realismus nicht anerkennen. Er sieht sich eben darum einer scharfen Kritik von Seiten der Idealisten ausgesetzt. Wenn dabei dem Realismus vorgeworfen wird, er fasse die Erkenntnis "sensualistisch" und als ein "Abbilden" der Wirklichkeit (12), so beruth dies auf einem Mißverständnis, es ist dabei die weitgehende Übereinstimmung verkannt, die tatsächlich (wie oben gezeigt) zwischen Realismus und Idealismus besteht. Der wirkliche Unterschied zwischen beiden kommt nur da zur Sprache, wo sich die Kritik gegen die realistische Unterscheidung von "Inhalt" und "Gegenstand" der Erkenntnis richtet. In meiner "Einführung in die Erkenntnistheorie" (13) hatte ich im Sinn des kritischen Realismus bemerkt, der Denkinhalt wolle nichts weiter sein als die Erfassung des Gegenstandes, er sei "gewissermaßen der Gegenstand selbst, wie er für das Subjekt da ist." Von idealistischer Seite (14) wurde hingegen eingewendet: wie könne man dabei behaupten, der Denkinhalt sei vom subjektiven Denkerlebnis unabhängig, denn der Gegenstand, "wie er für das Subjekt da ist", sei doch eben der Gegenstand, "wie er sich im subjektiven Erlebnis darstellt". Darauf wäre zu sagen: der Realist behauptet nur, daß sich der Denkinhalt vom subjektiven Denkerlebnis durch isolierende Abstraktion herauslösen läßt; nicht, daß er unabhängig vom Denkerlebnis oder von der Natur des Subjekts da ist. Wenn z. B. 20 Zeitungen Originalberichte über denselben Vorgang bringen, dann lassen sich die Inhalte dieser 20 Berichte etwa auf ihre Übereinstimmungen und Verschiedenheiten vergleichen, wobei man ganz absehen kann von den Denkerlebnissen, die sich in den Berichterstattern beim Niederschreiben ihrer Berichte abspielten. "Unabhängig" von diesen Denkerlebnissen sind natürlich diese Inhalte nicht in die Wirklichkeit getreten, sie waren vielmehr die bedeutsamsten Bestandteile dieser Erlebnisse, allerdings innig verwebt mit anderen Bewußtseinsvorgängen, z. B. anschaulichen Vorstellungen dies zu erzählenden Vorgangs, dadurch erregten Gefühle, Wortvorstellungen mannigfacher Art, begleitenden Spannungsempfindungen usw. Bei der Lektüre des Berichts aber vermag der Leser aufgrund der Wahrnehmung der gedruckten Worte Gedanken in sich zu erzeugen, welche mit denen des Berichterstatters mehr oder weniger genau übereinstimmen, er lernt dadurch den Vorgang kennen, wie er für den Berichterstatter da war. Von den 20 Berichten aber ist noch der eine reale Vorgang zu unterscheiden, auf den sie sich alle beziehen. Und selbst wenn wir die Fiktion machten, daß alle diese Berichte den Vorgang völlig getreu und erschöpfend wiedergäben, so würden zwar ihre Inhalte ganz gleich sein, sie hätten also "denselben Inhalt", aber dieser wäre immer noch zu scheinden von einem "Gegenstand", nämlich dem wirklichen Vorgang, der sich doch unabhängig von seinem Erkanntwerden abspielen würde.

Allein eben hiergegen erhebt man von idealistischer Seite Widerspruch. "Wie soll man jene vom Denkinhalt unabhängige Existenz des Gegenstandes verstehen?" (15). Existenz, so argumentiert man, muß einem bestimmten Gesetz unterworfen sein.
    "Sicherlich kann man doch nicht sagen, daß ein Gegenstand oder ein Ding Existenz oder Dasein hat, wenn er regellos sich bald so, bald so verhält, bald auftaucht, bald verschwindet." (16)
Wie verhält sich nun dieses Gesetz zum Begriffsinhalt? Wenn man (wie der Realist) behauptet, das Gesetz eignet beidem, dem Denkinhalt und dem Gegenstand:
    "wie will man dann konstatieren, daß das Gesetz, welches den Denkinhalt ausmacht, dasselbe ist mit dem Gesetz, welchem der Gegenstand folgt? . . . Ganz abgesehen von der unnötigen Verdoppelung der Wirklichkeit, die man hier vornimmt, ist auch jedes Kriterium der Wahrheit verlorengegangen."
Daß dem Realismus jegliches Wahrheitskriterium fehlt, ist eine unbewiesene Behauptung. Die Frage nach diesem Kriterium läßt sich kurz so beantworten:
    "Wahr sind diejenigen Wahrnehmungsergebnisse, die durch keinen Fortschritt der Beobachtungstechnik mehr verändert werden können, sowie diejenigen Vorstellungen und Gedanken, die logisch einwandfrei aus solchen unerschütterlichen Wahrnehmungsergebnissen abgeleitet oder abzuleiten sind." (17)
In der idealistischen Literatur begegnet uns gelegentlich die Erwägung, daß bei der (realistischen) Unterscheidung von Inhalt und Gegenstand der Weg vom Inhalt zum Gegenstand abgeschnitten ist, da ja das Bewußtsein nicht über sich hinaus kann. Aber dem liegt eine irrige Auffassung des Bewußtseins zugrunde, die es fälschlich verdinglicht, die es wie einen rings geschlossenen Raum auffaßt, bei dem man nur drinnen oder draußen sein kann. Über diese Verkennung des Bewußtseins muß übrigens der Vertreter des kritischen Idealismus selbst hinausgehen, wenn er wirklich seinen Standpunkt von dem des subjektiven Idealismus unterscheiden will. Der Begriff ist ja nach dem kritischen Idealismus nicht lediglich ein Bewußtseinsinhalt des Individuums (einen solchen nennt er ja "Vorstellung"). Wenn z. B. drei Beobachter drei Wahrnehmungsbilder haben,
    "so meinen sie doch, sobald sie von einem Gegenstand sprechen, ein und denselben Gegenstand; sie denken eben an dasselbe Seiende. (18) Dieses Seiende ist es nun, welches der Begriff des Gegenstandes in sich schließt" (genauer: das mit dem Begriff identisch ist). "Der Begriff eines Gegenstandes ist für alle Menschen ein und derselbe, so mannigfaltig auch immer die Vorstellungsbilder für die verschiedensten Individuen sein mögen". (19)
Eben dadurch, daß der Begriff nicht bloß ein individueller Bewußtseinsinhalt ist, ermöglicht er die Verständigung zwischen Individuen.

So muß also auch der kritische Idealismus ganz darauf verzichten, das einzelne Subjekt gleichsam in den Bereich seines Individualbewußtseins einzusperren (was ja der Grundirrtum alles "subjektiven" Idealismus ist); er muß selbst jene spezifische Eigentümlichkeit des Bewußtseins, genauer des "Gegenstands"bewußtseins, anerkennen: daß es sich auf etwas bezieht, etwas "meint", was es selbst nicht ist, sondern was von ihm verschieden ist. Das ist sozusagen das eigentliche "Wunder" des Bewußtseins. Freilich "wunderbar" erscheint es nur dann, wenn wir stillschweigend voraussetzen, daß sich auch die Bewußtseinsvorgänge nach Art des Räumlichen und Körperlichen auffassen lassen, und wenn wir nun inne werden, daß diese Voraussetzung unhaltbar ist.

Es ist aber unverkennbar, daß der Begriff im Sinne des kritischen Idealismus, indem der von der individuellen "Vorstellung" unterschieden und zu etwas Überindividuellem gemacht wird, an dem beliebig viele Individuen "teilhaben" können -, daß der "Begriff" völlig an die Stelle des Gegenstandes (im Sinne des Realismus) rückt. Und eben in dieser Identifikation besteht ja das Eigentümliche des kritischen Idealismus.

Ist aber der "Begriff" etwas von der individuellen Vorstellung Verschiedenes, wie der Idealismus mit gutem Grund behauptet, so läßt sich ihm gegenüber die Frage aufwerfen: welches ist das Wahrheitskriterium? Denn auch der Idealist gibt zu: "Wenn das Individuum falsch denkt (wir müßten besser sagen, falsche Vorstellungen bildet), so hat es eben den Begriff nicht erreicht und damit das Sein in der Erkenntnis nicht ergriffen." (20) Woran erkennt dann also das Individuum, daß es den "Begriff" und damit das Sein erfaßt hat? Darauf wird der Idealist kaum eine wesentlich andere Antwort zu geben haben, als wir sie oben mit den Worten DÜRRs, eines Vertreters des kritischen Realismus, gegeben haben. Diese Wahrheitsdefinition hat nämlich den Vorzug, daß sie den Gegensatz zwischen Idealismus und Realismus in der Auffassung des Erkenntnisgegenstandes ausschaltet und darum von beiden Richtungen akzeptiert werden kann. Damit ist auch klar, daß die eine Richtung gegen die andere nicht das Argument anführen kann, daß es ihr an einem Wahrheitskriterium fehlt. Für beide sind und müssen sein (wie schon KANT gesehen hat) Begriff und Anschauung (bzw. Empfindung) (21) die Elemente und konstituierenden Faktoren der Wahrheitserkenntnis, und Denken und Wahrnehmen in fortwährender Wechselbeziehung die Mittel, um die Wahrheit zu erfassen. Allerdings scheinen manche Idealisten die Bedeutung des Empfindungsfaktors für die Erkenntnis weit geringer zu veranschlagen als die Realisten. Darauf deuten Aussprüche wie diese:
    "Man darf sich nicht auf die sinnliche Wahrnehmung berufen als auf eine Ergänzung des Denkens." "Nicht in der Erscheinung (sinnlichen Wahrnehmung) liegt das Kriterium der Wahrheit der Erkenntnis, sondern in der Vernunft, welche entscheidet, ob die Erscheinung dem zugrunde gelegten Begriff gemäß ist." (22) "Die Empfindung ist letztlich nichts anderes als ein Fragezeichen." "Das Einzelne ist die (Denk-)Kategorie, welche den Anspruch, welchen die Empfindung stammelt, zur Aussprache bringt." (23)
Falls derartige Aussprüche nur bedeuten, daß alles, was "Erkenntnis" sein soll, sich als Gedanke in einer begrifflichen Fixierung (losgelöst von Empfindungen) muß fassen lassen, so kann dem auch der kritische Realist zustimmen. Er wird aber doch betonen, daß die Empfindungen nicht lediglich "Fragezeichen" sind, sondern daß sie auch - wie im Grunde jede wirkliche Frage - richtunggebend sind für die Beantwortung und mit als Kriterien der richtigen und falschen Antwort dienen. Die Empfindungen (Erscheinungen) sollen doch durch das Denken "erklärt" werden. Wie wäre das möglich, wenn die Empfindungen immer und überall das gleiche Fragezeichen wären. Wir haben ja doch zunächst die verschiedenen Empfindungsinhalte. Man denke nur an die so ganz unvergleichbaren Empfindungen, die Ohr oder Geruch, Gesicht oder Geschmack usw. liefern, und an die zahllosen Nuancen innerhalb der einzelnen Empfindungsklassen! Diese Unterschiede faßt der Realist auf als Hinweise auf eine Verschiedenheit des realen Sachverhalts, sei es hinsichtlich der Reize, sei es der Organisation des empfindenden Individuums. Ferner kommen für die begriffliche Bestimmung der Realität das Auftreten und Verschwinden der Empfindungen in Betracht, ihre verschiedene zeitliche Dauer, ihr Zusammensein und ihre Folge, ihre räumlichen Eigenschaften und Beziehungen. Und dabei bilden sie für die Denkarbeit nicht nur die Ausgangspunkte, sondern auch die Kontrollinstanz. Was liegt denn z. B. bei naturwissenschaftlichen Experiment anderes vor, als daß sich der Forscher gewisse begriffliche Hypothesen über die Wirklichkeit und den darin waltenden gesetzlichen Zusammenhang gebildet hat, und daß er bei dem Versuch bestimmte Erscheinungen erwartet für den Fall, daß seine Vermutung über den wirklichen Sachverhalt richtig ist. Mit der Wahrnehmung dieser Erscheinungen aber (sei es, daß es sich um die bestimmte Färbung einer Flüssigkeit oder um die Bewegung einer Quecksilbersäule oder eines Zeigers oder anderes handelt) ist Empfindung gegeben. Ohne Empfindung keine Wahrnehmung. Sofern also überhaupt Beobachtung, d. h. planmäßige Wahrnehmung entscheiden hilft über die Richtigkeit von hypothetischen Annahmen, insofern gehört auch die Empfindung mit zu den Wahrheitskriterien (womit nicht im Widerspruch steht, daß auch diese Beobachtungsergebnisse sich wieder begrifflich müssen fassen und in Worte formulieren lassen).

Natürlich können auch die Idealisten nicht umhin, dieser Sachlage Rechnung zu tragen. So heißt es z. B. bei COHEN (24): "Nur was die Empfindung als Außeninhalt ankündigt, wird ein Problem der Wirklichkeit." Und Natorp (25) erklärt:
    "Die Erkenntnis muß sich als fähig erweisen, sozein ta phainomena, apparentias salvare Rettung der Erscheinung - wp], die Erscheinungen zu wahren, d. h. es muß aus ihren Voraussetzungen klar werden, daß unter solche und solchen Bedingungen die Sache sich so und so darstellen mußte; sie könnte selbst nicht die Geltung der Erkenntnis behaupten, wenn sie diese Probe nicht bestände. Die Erscheinung war auch nicht nur der erste Ausgang für die Objekterkenntnis, sondern sie bildet fort und fort ihre Grundlage; wäre die Erscheinung eine andere, so müßte auch die wissenschaftliche Konstruktion des Objektes eine andere sein".
Das alles könnte ein Vertreter des kritischen Realismus auch so sagen. Wenn man aber diese Gedanken in ihre Konsequenzen verfolgt, so ergibt sich, daß sowohl über die Frage der Wahrheitskriterien wie der Bedeutung, den "Begriff" einerseits und "Empfindung" andererseits für die Erkenntnis haben, eine prinzipielle Einigung zwischen Idealismus und Realismus sehr wohl möglich ist.

Aber trotz einer so weit gehenden Verständigung würde immer noch nicht der eigentliche Streitpunkt zwischen kritischem Idealismus und Realismus beseitigt sein. Es liegt eben in der verschiedenen Auffassung dessen, was man die "wissenschaftliche Konstruktion des Objektes", und zwar in den Realwissenschaften nennen kann. Für den Idealisten ist diese Konstruktion ein wirkliches Schaffen, Erzeugen des Begriffs und des damit identischen Gegenstandes, der Realist gibt zwar zu, daß in der Erkenntnis der Begriff erzeugt wird, aber er sieht in diesem nur eine Nachkonstruktion (bildlich gesprochen) eines Gegenstandes, der auch auch ohne diese Nachkonstruktion vorhanden ist, und der insofern unabhängig von der Erkenntnis besteht. Diesen tiefen Gegensatz der beiden Richtungen darf man nicht darum abschwächen oder übersehen, weil sie sonst in so vielem einig sind oder zumindest einig sein können. Nachdem wir aber die bisher betrachteten Einwürfe des Idealismus gegen den Realismus als nicht stichhaltig erkannt haben, bleibt noch das eine idealistische Bedenken zu erörtern, daß die Scheidung zwischen Inhalt und Gegenstand unnötig ist, daß sie einen überflüssigen Dualismus einführt. Dieser Einwand gewinnt schon dadurch viele für sich, weil man in so weiten Kreisen für den Monismus schwärmt und geneigt ist, im Festhalten an dualistischen Ansichten ein Zeichen von Rückständigkeit zu erblicken. Demgegenüber soll hier nun zunächst der Nachweis geführt werden, daß auch der Idealist es nicht vermeiden kann, Unterscheidungen zu vollziehen, die sich mit der realistischen von Inhalt und Gegenstand der Sache nach decken, dabei aber den Nachteil haben, daß sie von dem allgemein üblichen Sprachgebrauch abweichen (worin ein Hauptgrund für die vielbeklagte "Dunkelheit" dieser Philosophie liegen dürfte).

Erst wo der Begriff erzeugt ist, da "ist" nach dem Idealismus der Gegenstand. Wie steht es da mit den unbegriffenen Erscheinungen?
    "Der Begriff muß, wenn er wahr sein soll, die Erscheinung ihrem Wesen und ihrem Auftreten nach erklären. Der Fall des Apfels z. B. ist wirklich begriffen, d. h. erkannt, wenn man weiß, welche Geschwindigkeit dem Apfel während jeden Momentes seines Falls zukommt, warum er gerade in diesem Moment fiel, wie lange der Fall dauerte usw." (26)
Daß aber auch schon vor GALILEI Äpfel wirklich von den Bäumen fielen, wird auch der Idealist nicht leugnen, aber er wird vielleicht sagen, wir können diesen Vorgang jetzt wirklich nennen und auch als in der Vergangenheit wirklich bezeichnen, weil jetzt das Gesetz des Fallens entdeckt und damti der Begriff des Vorgangs erzeugt ist. Indessen wie steht es z. B. mit dem Reich der Organismen - "wieviele tausend und abertausend Rätsel harren hier noch der Erkenntnis!" Ja, ist es uns denn überhaupt möglich, auch nur irgendein Ding oder Geschehnis vollständig zu begreifen?
    "In der Tat, um auch nur das kleinste Sandkörnchen am Weg restlos erkennen zu können, müßte man ja die Physik, die Chemie und die ganze mathematische Naturwissenschaft überhaupt vollendet haben; denn erst dann könnten wir ja sagen, daß wir das Sandkörnchen völlig erkannt hätten, wenn wir es in das System der vollendeten Gesetzmäßigkeit des Seins einzureihen vermöchten." (27)
Mithin gibt es für den Idealisten eigentlich überhaupt noch kein "Sein"; nichts "ist", weil noch nichts vollkommen begriffen ist.

So sieht sich denn der Idealist genötigt zu unterscheiden zwischen der "relativen Wirklichkeit einer Zeit, wie sie im Wissen der Gegenwart vorhanden ist, und dem uns als Aufgabe zu denkenden absoluten Sein" (28), welches als "Idee" bezeichnet wird. Im Einzelnen redet dann auch der Idealist von "Wirklichkeit" (oder "Dasein") genau wie der Realist, aber sobald er sich auf seine Grundansicht besinnt, muß er erklären, daß all dieses "Wirkliche" und "Daseiende" noch kein - "Sein" besitzt; denn das "Sein" im streng idealistischen Sinn ist der vollendete Begriff, und dieser ist und bleibt stets - Aufgabe, Idee. Wieviel einleuchtender und mit dem allgemeinen Sprachgebrauch übereinstimmender ist da doch die realistische Ausdrucksweise! Auch hier wird der vollendete Begriff als ewige Aufgabe, als Idee bezeichnet, aber er wird nicht mit dem "Sein", mit dem "Gegenstand" selbst identifiziert, und darum braucht man auch nicht zu scheiden zwischen "Sein" und "Dasein" oder "Wirklichkeit", sondern kann mit allen diesen Worten das Existierende, die Realität bezeichnen, die mittels der (immer mehr zu vervollkommnenden) Begriffe zu erfassen ist. Wir können eben sehr wohl etwas als wirklich, als existierend erkennen, es von Unwirklichem unterscheiden und uns darüber verständigen, wenn wir auch noch nicht sein "Gesetz" erkannt oder seinen "vollendeten Begriff" gewonnen haben.

Und wie es für den Idealisten kein "Sein" im strengsten Sinn gegeben kann, so auch keinen Begriff als vollendeten; denn dieser bleibt ja wie das "Sein" stets Aufgabe, also stets unerreichtes Ziel.
    "In den höchsten und kompliziertesten Gestaltungen selbst muß der Begriff immer doch Frage sein und Frage bleiben." (29)
Und nur wenn man lediglich den vollkommenen Begriff im Auge hat, gilt der Satz:
    "Die Vorstellungen von demselben Gegenstand der Erkenntnis können bei den verschiedenen Individuen so verschieden sein, wie es die Individuen selbst sind; der Begriff des Gegenstandes kann nur einer sein, denn er bedeutet ja eben das Gesetz (30) der Existenz des Gegenstandes."
Wie aber an dieser Stelle, so verfallen auch sonst die Idealisten immer wieder in die dualistische Ausdrucksweise des Realismus. Man redet von einem "Weltbild der Wissenschaft", von "obersten Begriffen, die die Wissenschaft beim Begreifen der Welt und der Wirklichkeit zugrunde legt"; man nennt die Wissenschaft einen "Versuch, sich des letzten und wahrhaften Seins zu bemächtigen". (31) Aber der überzeugte Idealist wird nicht anerkennen, daß es der Zwang der Sache ist, der immer wieder diese realistische Ausdrucksweise herbeiführt; er wird sie aus ihrer größeren Bequemlichkeit und ihrer leichteren Verständlichkeit für den "Naiven" erklären. Jedenfalls wäre es verfehlt, wenn man den Gegensatz zwischen Realismus und Idealismus (wie es gelegentlich den Anschein hat) als einen bloßen Unterschied in der Terminologie ansehen wollte.

Dem Idealisten ist es völlig ernst mit seiner Identifizierung von Denken und Sein, von Begriff und Gegenstand und mit seiner Bestreitung einer von der wissenschaftlichen Erkenntnis unabhängig existierenden Realität. Wir wollen nunmehr diese Identifizierung in ihrer Tragweite und in ihren Konsequenzen überblicken, um von hier aus zu beurteilen, ob wirklich die realistische Unterscheidung von "Inhalt" und "Gegenstand" der wissenschaftlichen Erkenntnis unnötig ist.

Der Idealismus behauptet also: die Wirklichkeit ist mit der Wissenschaft von der Wirklichkeit identisch, die Natur mit dem Inhalt der Naturwissenschaft, der geschichtliche Verlauf der Dinge mit der Geschichtswissenschaft. Da die Vollendung der wissenschaftlichen Erkenntnis eine nie gelöste Aufgabe, Idee, bleibt, so bleibt das Sein, das absolute Sein (KANTs "Ding-ansich")
    "das nur ideelle Ziel, gleichsam der unendlich ferne Punkt, der im Grunde nur ein anderer Ausdruck ist für die immer identische Richtung des unendlichen Weges der Erkenntnis, nicht aber ein erreichbarer Endpunkt, in dem sie zu einem unbedingten Abschluß käme".
Sehen wir nun von diesem nie erreichten absoluten Sein ab, so würde doch auch der jeweilige Inhalt der wissenschaftlichen Erkenntnis mit der "Wirklichkeit" (dem Dasein) (32) identisch sein. Da sich nun der Inhalt der wissenschaftlichen Erkenntnis wandelt und entwickelt, so muß das Gleiche und zwar auch im gleichen Sinn für die Wirklichkeit gelten. Das wird auch von den Idealisten zugegeben. Nach ihnen "entsteht ja der Gegenstand erst in und mit der Erkenntnis";
    "Fortschritt der Erkenntnis ist identisch mit Fortschritt im Sein." "Von der Erkenntnis hängt die besondere Form des Seins ab. Offenbar lebt z. B. der, welcher der Emissionstheorie des Lichts anhängt, in einer ganz anderen Wirklichkeit als jener, welcher von der Wahrheit der Undulationstheorie überzeugt ist." (33)
Gewiß könnte sich auch der Realist so ausdrücken, wie es im letzten Satz geschehen ist. Er würde ihn dabei so verstehen, daß für den Erkennenden die Wirklichkeit mit dem Wandel seiner Theorien eine andere geworden ist, allein er würde hinzufügen, daß die Wirklichkeit selbst ("ansich") von diesem Wandel der Theorien unberührt bleibt. Aber der Idealist leugnet ja diese ansich bestehende Wirklichkeit, er muß also behaupten, daß die Stoffe und Kräfte der Natur, die natürlichen Geschehnisse und deren Gesetze, nicht weniger früher unbekannte Himmelskörper, Länder, Tiere, Pflanzen erst damit ein "Sein" erlangen, "wirklich" werden, daß sie von der Wissenschaft entdeckt werden. Und wenn ein wissenschaftlicher Forscher eine Entdeckung macht, sie aber - ohne jede Mitteilung an andere - wieder mit sich ins Grab nimmt, dann ist eine Wirklichkeit erzeugt worden, aber wieder ins Nichts zurückgesunken. Oder wie soll man sich das anders denken?

Entwicklungen in der Wirklichkeit leugnet natürlich auch der Realist nicht; es erscheint fast überflüssig, das zu betonen. Aber er meint, daß diese Entwicklungen sich vollziehen ganz unabhängig davon, ob und in welchem Umfang sie wissenschaftlich erkannt werden, und daß darum auch die Entwicklung der Wirklichkeit selbst nicht identisch ist mit der Entwicklung der Wissenschaften von dieser Wirklichkeit.

In besondere Schwierigkeiten aber kommt der Idealismus bei seiner Identifikation beider gegenüber der Vergangenheit. Wenn die Wissenschaft einen verschollenen babylonischen oder ägyptischen König entdeckt, oder eine versunkene Kulturstätte wieder zu unserer Kenntnis bringt, oder eine verlorene Handschrift auffindet, oder endlich berechnet, daß zu dieser oder jener Zeit eine Sonnen- oder Mondfinsternis stattgefunden hat - dann wird all dieses Vergangene erst "erzeugt", es wird erst "wirklich"!

Natürlich wollen die Idealisten dieser Konsequenz entgehen. Sie erklären: die Wissenschaft besagt ja gerade, daß diese historische Persönlichkeit oder diese Kulturstätte von soundso viel Jahrhunderten wirklich gewesen ist, daß dieses astronomische Ereignis an jenem fernen Zeitpunkt der Vergangenheit stattgefunden hat. Es wäre also dem Sinn der wissenschaftlichen Erkenntnis entgegen, wollte man behaupten, erst im Zeitpunkt der wissenschaftlichen Entdeckung sei jenes Vergangene "wirklich" geworden. - Gewiß verbietet das der Sinn solcher wissenschaftlichen Feststellungen. Aber dieser "Sinn" läßt sich eben nicht mit der idealistischen Grundansicht vereinigen, erfordert zwingend die realistische Auffassung vom Erkenntnisgegenstand. Denn indem wissenschaftlich bewiesen wird, daß bereits in einer Zeit etwas wirklich war, wo es noch keine Erkenntnis, keinen wissenschaftlichen Begriff von diesem "Etwas" gab, so ist doch damit die Notwendigkeit, zwischen Begriff (Inhalt) und Gegenstand zu unterscheiden, dargetan und eine Wirklichkeit als "ansich" bestehend (unabhängig von ihrer Erkenntnis) behauptet.

Aber vielleicht wendet man von idealistischer Seite ein: Die Zeit selbst ist ja nach KANT nichts vom erkennenden Bewußtsein Unabhängiges, folglich ist die Verlegung von Ereignissen in die vergangene Zeit selbst nur eine Schöpfung des wissenschaftlichen Bewußtseins. - Indessen gerade durch Erwägungen wie die vorhin angestellten scheint mir die kantische Lehre von der "Idealität" der Zeit als unhaltbar dargetan zu werden. Man braucht deshalb noch nicht die leere Zeit als eine für sich bestehende Wirklichkeit anzuerkennen, wohl aber wird der Realist daran festhalten, daß die zeitlichen Eigenschaften und Beziehungen, die von der wissenschaftlichen Forschung den Dingen und Vorgängen beigelegt werden, in realen Verhältnissen ihre Grundlagen haben, daß sie gewisse Momente der Wirklichkeit wiedergeben. -

Noch eine höchst wunderliche Konsequenz des Idealismus will ich hervorheben. Da die Wirklichkeit identisch ist mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, die letztere aber die Existenz vernünftiger Wesen voraussetzt, so hängt von deren Existenz die Existenz der - Welt ab. Die Welt ist erst da, seitdem es eine Welterkenntnis gibt, und sie wird mit dieser verschwinden. Nehmen wir also an, daß nur auf er Erde Vernunftwesen existieren, so würde mit der Vernichtung des Menschengeschlechts das Weltall zu nichts werden.

Will man all diese Konsequenzen (die sich noch beliebig vermehren ließen) in Kauf nehmen, dann mag man sich zum kritischen Idealismus bekennen. Aber soviel dürfte schon jetzt klar sein, daß die realistische Unterscheidung von Inhalt und Gegenstand allein es ermöglicht, derartige wunderliche Folgerungen (die doch geradezu wissenschaftlichen Ergebnissen widersprechen) zu vermeiden; daß mithin die Gültigkeit dieser Unterscheidung eine notwendige Voraussetzung der Realwissenschaften (d. h. der Natur- wie der Geschichtswissenschaften) ist, und daß diese Disziplinen auch nur so gegen die Ideal-wissenschaften wie die reine Mathematik, Logik und Ethik (in denen wirklich die Gegenstände "erzeugt" werden) abgegrenzt werden können. Darin aber sind ja die Idealisten mit den Realisten einig, daß die Erkenntnistheorie die Wissenschaft nicht erst zu erfinden hat, sondern an den bestehenden Wissenschaften feststellen muß, welches ihre notwendigen Voraussetzungen sind. Wenn dazu aber (wie gezeigt) die Voraussetzung einer von der wissenschaftlichen Erkenntnis unabhängig existierenden Wirklichkeit (in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) gehört, so besagt dies: die realistische Behauptung einer solchen Wirklichkeit ist richtig (wenn überhaupt irgendeine wissenschaftliche Feststellung richtig ist), und die idealistische Leugnung dieser Wirklichkeit ist falsch. -

Gerade die letzte Erwägung aber, die wir gegen den Idealismus ins Feld führten, leitet noch auf eine weitere Gruppe von Einwänden, denen er ausgesetzt ist. Hängt nämlich das Vorhandensein der Wissenschaft vom Vorhandensein vernünftiger, Wissenschaft betreibender Individuen ab, dann ergibt sich auch, daß die Scheidung, die der "kritische" Idealismus zhwischen individueller "Vorstellung" und wissenschaftlichem "Begriff" vollzieht, durchaus keine so schroffe ist, wie er annimmt, um sich vom "subjektiven" Idealismus reinlich zu sondern, und daß er darum auch selbst von den Bedenken (34) mitbetroffen wird, denen der "subjektive" Idealismus unterliegt.

Was an der Unterscheidung zwischen "Vorstellung" (als individuellem Denkprozeß) und "Begriff" richtig ist, das wurde schon früher hervorgehoben. Auch der Realist gibt zu, daß man aus Denkprozessen in Individuen "Inhalte" (durch isolierende Abstraktion) herauszulösen und für sich zu betrachten vermag, ja daß man solche Gedankeninhalte zum Objekt einer wissenschaftlichen Untersuchung machen kann, ganz absehend von denkenden Individuen und von der Frage, ob diese Inhalte je wirklich gedacht wurden oder nicht. In dieser Weise untersucht die Logik Denkinhalte elementarer und komplizierterer Art. Sie stellt die Normen auf, denen Denkinhalte entsprechen müssen, um richtig zu sein. Den tatsächlichen Denkinhalten aber, wie sie von den Individuen gedacht werden (mögen sie nun richtig oder falsch sein), die Bezeichnung "Begriff" zu versagen, liegt gar kein Grund vor. "Begriff" kann man meines Erachtens alles nennen, was den Sinn, die Bedeutung von Worten ausmacht. Gewiß entsprechen diese "Begriffe" nicht alle den logischen Normen; nicht minder kann der Realist den Idealisten zugeben, daß "der letzte wahre Begriff noch nirgends gefunden ist". Aber eben darum wird man den Ausdruck "Begriff" nicht auf eine nach Form und Inhalt vollendete Erkenntnis einschränken dürfen, und man wird auch die Vorstellungen der Individuen "Begriffe" nennen dürfen. An diesen sind allerdings zahllose Abstufungen der Richtigkeit und Vollständigkeit anzuerkennen. Aber damit ist gesagt, daß kein wesentlicher Unterschied zwischen den ungenauen und dürftigen Begriffen eines Laien, der sich durch vorwissenschaftliche Erfahrung auf irgendeinem Gebiet Kenntnisse gesammelt hat, und den bestimmteren und reichhaltigeren des Fachgelehrten besteht. Ferner ist doch zu bedenken, daß auch die Begriffe des Gelehrten in individuellen Denkprozessen, also in Akten des "Vorstellens" (nach idealistischer Terminologie) gedacht werden. Wenn nun der "kritische" Idealist die Meinung des "subjektiven" Idealismus, daß Sein = Vorgestelltwerden ist, bestreitet: wie denkt er sich da eigentlich das "Erzeugen" des Seins durch das Denken, das "Entstehen des Gegenstandes in und mit der Wissenschaft"? Er versichert uns: "Es fällt dem Idealisten nicht ein, die Realität, die wirkliche Existenz der uns umgebenden Dinge zu leugnen und die Welt wohl gar aufzulösen in ein Spiel von Vorstellungen einzelner Menschen." - "Der Gegenstand ensteht nicht in der willkürlichen Vorstellung und Meinung des einzelnen, sondern in den Begriffen und Gesetzen der Wissenschaft." (35) Aber was sind diese Begriffe und Gesetze anderes als Gedankeninhalte (Vorstellungen) einzelner Gelehrter, die diese in Schriften niedergelegt und dadurch der Allgemeinheit zugänglich gemacht haben. "Willkürlich" sind diese Vorstellungen natürlich nicht, sondern methodisch erarbeitet, aber sie bleiben doch die (mehr oder weniger richtigen) Vorstellungen von einzelnen, wenn sie sich auch durch Lehre und Schrift auf sehr viele einzelne verbreiten. Wenn man aber summarisch von "der" Wissenschaft einer Zeit redet oder "dem" Stand der Forschung, so sind das Abstraktionen, es ist gewissermaßen der Inbegriff all der zutreffenden Vorstellungen, die zu einer gewissen Zeit erarbeitet sind, die jedoch kein einziges Individuum, und sei es das gelehrteste, wirklich beherrscht. Soll nun eine solche Abstraktion - fast möchte man sagen: Fiktion - die Wirklichkeit "erzeugen" oder vielmehr mit ihr identisch sein?!

An dieser Stelle läßt sich aber auch erkennen, wie es kommt, daß die Auseinandersetzung mit dem kritischen Idealismus so schwierig ist. In der Tat kann man sagen: die wissenschaftliche Erkenntnis unserer Zeit stellt unsere Wirklichkeit dar, aber eben nur die Wirklichkeit "für uns", nicht "ansich". Da aber jedem Element der erkannten Wirlichkeit Begriffe entsprechen, in denen wir jenes Element erfassen, so ist es dem Idealisten immer möglich, Begriffe für die darin gemeinten gegenständlichen Elemente einzusetzen. Und da wir über die Beschaffenheit der von uns noch nicht erkannten Gebiete und Seiten der Wirklichkeit auch nichts aussagen können, so glaubt der Idealist sich berechtigt, sie als - nichts zu behandeln. Im besten Fall erklärt er die "unabhängig om Denken bestehende Wirklichkeit" (oder "das Ding-ansich", die "in sich bestimmte Tatsächlichkeit") für den Begriff des letzten Erkenntnisziels, für eine leitende Idee.

Sehen wir zu, wie z. B. NATORP (36) sich mit dem Einwand abfindet:
    "Aber die Tatsachen müssen doch ansich bestimmt sein, wenngleich nicht für uns".
Er führt aus:
    "Erstens, die Erkenntnis muß doch die Bestimmung der Tatsache stets von sich aus erst leisten, ihr ist nichts bestimmt, was sie selsbt nicht bestimmt hat".
Das kann sich der Realist Wort für Wort zu eigen machen; er wird nur daran erinnern, daß diese Bestimmung der Tatsache nicht durch das bloße Denken frei aus sich heraus vollzogen wird, sondern aufgrund gegebener Empfindungen und Empfindungsverhältnisse (zu deren Erklärung und unter stetiger Kontrolle an diesen); ferner daß "eine Tatsache bestimmen" nicht bedeutet "eine Tatsache erzeugen". NATORP fährt fort:
    "Zweitens aber: nur von einer schon erreichten Erkenntnis aus, oder in bloß gedanklicher Vorausnahme ihres schließlichen Ergebnisses, vielmehr ihres ewig fernen Zieles, läßt sich mit Sinn reden von dem, was ansich bestimmt ist".
Auch dies ist richtig; es ist dabei zu beachten, daß dieses "ewig ferne Ziel" eben die vollkommene Erfassung des "ansich Bestimmten" wäre. Gibt aber der Idealist einmal zu, daß sich "mit Sinn" von einem "ansich Bestimmten" reden läßt, so kann der Realist damit schon zufrieden sein; denn alsdann wird sich der Nachweis erbringen lassen, daß die Unterscheidung des "ansich" und des "durch und für uns" Bestimmten (und damit die Scheidung von "Inhalt" und "Gegenstand" der Erkenntnis) nicht bloß möglich, sondern auch notwendig ist. Zu den bisher dargelegten Argumenten dafür sind hier noch zwei weitere hinzugefügt. Erstens: von Begriffen lassen sich Aussagen machen, die für die in ihnen gemeinten (realen (37)) Gegenstände nicht gelten und umgekehrt. Zwischen Begriffen z. B. bestehen die logischen Beziehungen der Überordnung, Beiordnung, Unterordnung; zwischen Gegenständen nicht. Allgemeinbegriffe sind etwas von Individualbegriffen verschiedenes; allgemeine reale Gegenstände dagegen gibt es nicht, alles Reale ist individuell, und das in den Allgemeinbegriffen Gemeinte ist an und im Individuellen realisiert. Vom Realen lassen sich auf der anderen Seite eine Menge von Eigenschaften und Beziehungen aussagen, die Begriffen in sinnvoller Weise nicht beigelegt werden können. Reale Dinge nehmen einen bestimmten Raum ein und stehen in räumlichen Beziehungen, Begriffe nicht; reale Dinge bewegenb sich nach bestimmten Gesetzen, Begriffe nicht (38); reale Vorgänge (die wir unter der Bezeichnung "Gegenstand" mitumfassen) sind gleichzeitig oder nacheinander, haben eine bestimmte Dauer, stehen im Verhältnis von Ursache und Wirkung. Begriffe tragen den Charakter des Zeitlosen, auch stehen sie in keinem Kausalverhältnis.

Unser zweites Argument ist dieses: Die verschiedenen Entwicklungsstadien gewisser Begriffe bilden gerade dadurch eine zusammengehörige Reihe, daß sie sich auf denselben Gegenstand beziehen. Mochten frühere Menschen den Mond als eine Göttin oder als ein feuriges Rad oder als eine glühende Steinmasse ("so groß wie der Peloponnes") begreifen, sie meinten doch denselben (in der Wahrnehmung gegebenen) Mond, auf den sich auch der so viel reichere und zutreffendere Begriff der heutigen Astronomen bezieht. Man streiche diesesn bleibenden, realen Gegenstand: und man hat eine Anzahl verschiedenartiger Begriffe, denen mit dieser Beziehung auf denselben Gegenstand das zusammenhaltende Moment abhanden gekommen ist. Oder sind die Wahrnehmungen des Mondes dieses zusammenhaltende Moment? Aber "Wahrnehmungen" für sich genommen als psychische Erlebnisse von Individuen sind flüchtige Vorgänge, die sich niemals in völliger Übereinstimmung wiederholen. Betont man aber, daß doch stets der eine Mond wahrgenommen wird, so setzt man diesen als dauernd und unabhängig von den Wahrnehmungen existierend voraus. Man denkt also realistisch.

Nunmehr können wir auch noch den dritten Einwand NATORPs gegen den Gedanken der "ansich bestimmten Tatsache" ins Auge fassen. Er lautet:
    "Da unsere Erkenntnis stets bedingt und begrenzt bleibt, so würde, was auch immer wir vom Standpunkt unserer Erkenntnis über das Ansichsein des Gegenstandes aussagen möchten, doch immer so bedingt und in seiner Geltung begrenzt bleiben, wie unsere Erkenntnis überhaupt." -
Tatsächlich stellt dieses Argument gar keinen Einwand gegen den kritischen Realismus dar; denn dieser bestreitet gar nicht, daß unsere Erkenntnis stets bedingt und begrenzt bleibt, und daß unsere Aussagen über das Ansichsein des Gegenstandes denselben Charakter tragen.

Allein möglicherweise schwebt hier NATORP ein Gedanke vor, der nicht selten in der Diskussion dem Realisten von idealistischer Seite entgegengehalten wird, daß nämlich alles, was wir überhaupt von "ansich" bestehenden Gegenständen denken und aussagen können, doch in Denkinhalten, in Begriffen besteht; Daß wir es also immer mit Begriffen zu tun haben, über sie nie hinauskönnen.

Darin liegt nichts Geringeres als eine Verkennung der wesentlichen Eigentümlichkeit alles Denkens. Kein Gedanke meint sich selbst, sondern einen davon verschiedenen Gegenstand. Man wendet ein: Aber der Gegenstand ist doch gedacht, und jeder Gegenstand, von dem wir etwas aussagen, muß doch gedacht sein - auch das "Ding-ansich"? - Darauf ist zu antworten: Nicht der Gegenstand ist gedacht, sonder "der auf ihn bezügliche Gedanke, der allein ist Begriff" (39). Gewiß können Begriffe selbst wieder zu Gegenständen des Denkens gemacht werden, aber dann geschieht dies durch neue Begriffe, die sich auch jene beziehen. Daraus, daß wir nur mittels Begriffen denken, Gegenstände meinen können, folgt nicht, daß nur Begriffe existieren. -

Doch dürfte in der Verkennung der wesentlichen Eigentümlichkeit der Begriffe und Gedankeninhalte überhaupt, ihrer Beziehung auf Gegenstände, nicht die letzte Wurzel des kritischen Idealismus liegen. In der Tat wäre es psychologisch schwer begreiflich, wenn sich eine von so temperamentvollen, tatkräftigen Persönlichkeiten begründete Schule, die begeisterte Anhänger, besonders unter der Jugend, findet, lediglich auf eine rein theoretische Grundansicht aufbauen würde; vielmehr ist von vornherein anzunehmen, daß die eigentliche Quelle ihrer Kraft und ihres Zusammenhalts in praktischen Überzeugungen liegt. Mit dieser Vermutung stimmt überein, daß von der "Marburger Schule" die Ansicht vertreten wird, der praktische Idealismus setze den theoretischen notwendig voraus; eine idealistische Ethik sei nur auf einer Erkenntnistheorie (bzw. Logik) idealistischen Charakters aufzubauen.

Um diese Behauptung in ihrer vollen Tragweite zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß die Logik für den kritischen Idealisten ja zugleich zu einer Metaphysik wird. Fallen die Begriffe mit dem "Sein" zusammen, so enthüllt die Logik, die die Grundbegriffe und ihre Beziehungen feststellt, zugleich die Grundlagen des Seins, und "die Erkenntnis des Seins ist nichts anderes als die Selbstentfaltung der Vernunft, bei welcher sie sich ihrer eigenen Gesetze immer mehr bewußt wird". (40) Ganz ähnlich wie bei HEGEL erscheint das gesamte Weltgeschehen als eine Entwicklung der Vernunft, genauer: der Begriffe.

Diese metaphysische Grundüberzeugung erfüllt den Idealisten mit grenzenlosem Optimismus. Die Welt ist ja eine Entwicklung er "Vernunft". "Vernunft" aber hat für ihn nicht bloß einen theoretischen Sinn, als Inbegriff der Erkenntnisse, sondern auch einen praktischen, als Inbegriff der Werte, zumal der sittlichen Werte. So garantiert ihm die vollkommene theoretische Einsicht auf einem Gebiet auch seine vollkommene wertvolle Gestaltung. Die vollendete Wissenschaft wird den Menschen ermöglichen, alle Krankheiten zu heilen, Wind und Wetter zu beherrschen, die Zwischenräume zwischen den Himmelskörpern zu durchfliegen, wenn anders dies im Dienst sittlicher Zwecke geboten erscheint (41).

Auch das Grundproblem hinsichtlich der Verwirklichung sittlicher Werte, das Freiheitsproblem, glaubt der Idealist aufgrund seines theoretischen Idealismus in einfachster Form lösen zu können. Bekanntlich macht alle Naturerkenntnis, nicht minder die nach dem Vorbild der Naturwissenschaft arbeitende Psychologie, die Voraussetzung, daß alle Geschehnisse, also auch alle Willensentscheidungen, kausal bedingt sind und unter den obwaltenden Bedingungen nur so geschehen konnten und können, wie sie tatsächlich geschehen. Der Determinismus bemüht sich daraus die Konsequenzen für die Ethik zu ziehen und den populären indeterministischen Freiheitsbegriff durch einen geläuterten zu ersetzen (42).

Alle deterministischen Bedenken aber schiebt der Idealist zur Seite mit der Erklärung: "Die Kausalität ist selbst ein Produkt der Freiheit." Das ist doch wohl so gemeint, daß "Kausalität" ein "Begriff" und als solcher ein Vernunftprodukt ist. Damit wird also der Vernunft selbst eine kausallose, mithin - "indeterministische" Freiheit beigelegt!

Oder hält der deterministischen Erwägung, daß wir bei vollständiger Kenntnis aller bestimmenden Faktoren jede Willensentscheidung vorausberechnen könnten, den Satz entgegen:
    "Wir haben die bestimmenden Faktoren, nämlich die, aus denen irgendeine Tatsache restlos bestimmt wäre, nicht nur nicht in den Händen, sondern es gibt sie gar nicht". (43)
Das ist konsequent idealistisch gedacht, denn diesen Faktoren kommt ja damit erst "Wirlichkeit" zu, daß sie erkannt sind. Aber tatsächlich wird auch so eine "indeterministische" Freiheit behauptet, nämlich ein Geschehen, für das die vollständigen ursächlichen Faktoren nicht vorhanden sind. Andererseits vertritt aber der Idealismus selbst den Satz, daß bei der Erkenntnis die Geltung des Kausalgesetzes für alles Geschehen notwendige Voraussetzung ist. Mit jenem Festhalten am indeterministischen Freiheitsbegriff scheint es mir nicht vereinbar zu sein, daß der Kausalsatz als oberstes Naturgesetz von der Wissenschaft proklamiert wird. Und ist nicht - nach dem idealistischen Grundgedanken - mit dieser Aufstellung durch die Wissenschaft die allgemeine Geltung des Satzes "Wirklichkeit" geworden, und hat man damit nicht dem Determinismus Recht gegeben?

Zumeist verlegen nun die Idealisten die Diskussion des Freiheitsproblems auf ein ganz anderes Gebiet. Man läßt die Frage der Verwirklichung des Sittlichen (wo recht eigentlich die Gegensätze von Indeterminismus und Determinismus zu Hause sind) beiseite und bezeichnet mit dem Wort "Freiheit" das sittliche Ideal, das sittliche Wesen des Menschen, das er sich erst (in lebenslanger Selbsterziehung) erobern muß. Die Freiheit in diesem Sinne deckt sich mit KANTs "Autonomie". Die ideale menschliche Persönlichkeit wird in diesem Begriff gedacht (44) als
    "nur dem Gesetz, das sie sich selbst gibt, unterworfen, nicht von irgendetwas dem Willen Äußerlichem abhängig, heteronom bestimmt".
Dieser Fassung des sittlichen Ideals kann sowohl der Determinist wie der Indeterminist zustimmen: nicht minder der Realist. Es ist ein unbegründeter Vorwurf, wenn man von idealistischer Seite erklärt, der erkenntnistheoretische Realismus führe in der Ethik notwendig zu "Heteronomie" und einer "eudämonistischen" (oder "utilitarischen") Moral (45). Man muß sich eben darüber klar werden, daß aus einer noch so vollständigen theoretischen Erkenntnis des Seienden doch nie zwingend die Erkenntnis von Werten und damit von Normen abgeleitet werden kann. Sein und Sollen, Wirklichkeit und Wert, Seinsurteile und Werturteile, Realwissenschaften und Wertwissenschaften (also auch die Ethik) sind voneinander unabhängig. Das wird gelegentlich auch von den Idealisten anerkannt: "Nur die Verwirklichung des Sollens unterliegt den (in den Realwissenschaften erkannten) Gesetzen der Erfahrung, nicht das Sollen selbst." Die Zwecksetzung, die
    "unter dem Gesichtspunkt des Sollens erfolgt, ist im Unterschied vom bloßen Verstand (der sich in den Realwissenschaften betätigt) vorgreifend, nicht nachfolgend, und damit schöpferisch, nicht bloß abbildend." (46)
Wenn abe wirklich Seins- und Wertwissenschaft prinzipiell in ihren Grundlagen gegeneinander selbständig sind, so muß es auch für die Begründung der obersten Wertwissenschaft, der Ethik, gleichgültig sein, ob man sich den "Gegenstand" der Seinswissenschaften in einem idealistischen oder realistischen Sinn zuerechtlegt. Selbstverständlich leugnet auch der Realist nicht, daß wir bei allem Handeln, bei aller Verwirklichung von Zwecken und Normen theoretische Erkenntnis des Seienden und seiner Gesetze brauchen; er behauptet nur: welches denn wertvolle Zwecke und verpflichtende Normen sind, das läßt sich nicht aus dieser Erkenntnis des Seienden ableiten.

Wenn man bei den Idealisten dies zumeist verkennt und den theoretischen Idealismus als notwendige Voraussetzung des praktischen (ethischen) Idealismus bezeichnet, so beruth dies (abgesehen von der erwähnten Behandlung des Freiheitsproblems) auf - Äquivokationen [Mehrdeutigkeiten - wp], d. h. auf der Verwendung vieldeutiger Ausdrücke ohne eine ausreichende Scheidung ihrer Bedeutung. So schwankt man in der Verwendung des Wortes "Vernunft" hin und her zwischen den Bedeutungen theoretischer und praktischer Vernunft, d. h. der Seinserkenntnis und der Wertbeurteilung (und Aufstellung von Idealen und Normen). Die Auffassung der Wirklichkeit als einer Vernunftentwicklung scheint den Idealisten zugleich auch den Wert der Wirklichkeit zu garantieren. Dieses Wirkliche gilt als "vernünftig", nicht bloß im Sinne von "rational", "durch Vernunft erkennbar", sondern auch in dem (übrigens durch den Sprachgebrauch nahegelegten) davon ganz verschiedenen Sinn, daß es unserem Wertbedürfnis, insbesondere unseren ethischen Forderungen, entspricht oder in Zukunft entsprechen kann.

Ebenso scheidet man beim Ausdruck "Begriff des Menschen" nicht zwischen seiner Bedeutung im Sinne der theoretischen und im Sinne der praktischen Erkenntnis. Der theoretische Begriff des Menschen ruht auf der Erfahrung vom tatsächlichen Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, der praktische (ethische) Begriff auf Werturteilen. Jener besagt, wie der Mensch durchschnittlich war und ist, dieser, wie er sein sollte.

Eine besonders wichtige Rolle aber spielt bei jener Behauptung, theoretischer und praktischer Idealismus gehörten notwendig zusammen, die Doppeldeutigkeit des Wortes "Sein" im idealistischen Sprachgebrauch. Da hier "Sein" mit Begriffsinhalt identifiziert wird, da aber die Begriffe vom Wertvollen, von Idealen und Normen gleichfalls einen Inhalt haben, so wird auch diesen Begriffen ein "Sein" zugesprochen. So kommt es, daß "Sein" sowohl Existenz, Wirklichkeit, wie auch Wert bedeutet. Es werden z. B. "der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir" einfach nebeneinander als "Schöpfungen des Menschengeistes" bezeichnet (47) - beide sind ja für den Idealisten Begriffe, also "Seiendes". So erklärt es sich, daß NATORP (48), trotzdem er sich sonst um eine Scheidung von Sein und Sollen bemüht, doch selbst wieder den Satz aufstellt: "Das Sollen ist selbst ein Sein, und zwar das höchste". Auch jener idealistische Optimismus zieht Nahrung aus diesem doppeldeutigen Gebrauch des Wortes "Sein". Das Übel und das Böse hat danach kein "Sein" (49). Das bedeutet dann nicht nur: es hat keinen Wert (was eine leere Tautologie wäre), sondern auch: es hat keine Wirklichkeit. Wahrlich, es gehört ein starker Glaube zum kritischen Idealismus!

Aber nicht nur das sollte gezeigt werden, daß ein neuer Glaube die Wurzel der idealistischen Ansicht ist; es sollte auch die Behauptung, daß der erkenntnistheoretische Idealismus eine notwendige Voraussetzung des praktischen Idealismus ist, widerlegt werden. Denn wäre diese Behauptung richtig, so läge darin in der Tat ein gewichtiger indirekter Beweis für die Richtigkeit des Idealismus auf theoretischem Gebiet.

Gewiß ist von den Vertretern des kritischen Idealismus sowohl in der Erkenntnistheorie wie in der Ethik Wertvolles geleistet worden. Gerade wegen der zu Anfang aufgewiesenen zahlreichen Übereinstimmungen mit dem kritischen Realismus kann der Realist diese Verdienste rückhaltlos anerkennen und selbst verwerten, aber die idealistische Grundansicht, die Identifizierung von Inhalt und Gegenstand der Erkenntnis, dürfte weder auf direktem noch auf indirektem Weg als richtig zu erweisen sein.
LITERATUR - August Messer, Der kritische Idealismus, Internationale Monatsschrift für Wissenschaft Kunst und Technik, Bd. 6, Berlin 1912
    Anmerkungen
    1) Er wird auch als "transzendentaler", "logischer", "methodischer" der "philosophischer" Idealismus bezeichnet.
    2) Eine Verteidigung des kritischen Realismus gegen den Phänomenalismus und subjektiven Idealismus hat Karl Groos im Anschluß an Külpe in der "Internationalen Wochenschrift, 5. Jahrgang, Nr. 15 (15. April 1911) gegeben.
    3) Hermann Cohen hat sich schon früher durch seine der Kant-Auslegung gewidmeten Werke hohe Verdienste um die Philosophie erworben. Von seinem eigenen "System der Philosophie" hat er bis jetzt zwei Bände: "Logik", 1902 und "Ethik", 1904, veröffentlicht. Von den übrigen Hauptschriften der "Marburger" seien erwähnt: Paul Natorp, "Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften", 1910, "Philosophie" ("ihr Problem und ihre Probleme"), 1911; Ernst Cassirer, "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit", Bd. 1, 1906, Bd. 2 1907; Walter Kinkel, "Idealismus und Realismus", 1911; Dimitry Gawronsky, "Das Urteil der Realität", 1910.
    4) KINKEL, a. a. O. Seite 59
    5) Sie wird von den Idealisten meist dem Begriff der "Logik" eingeordnet.
    6) Wenigstens für die sogenannten Realwissenschaften (die Natur- und Geschichtswissenschaften, ebenso die beide zusammschließende Metaphysik) hält er diese Unterscheidung für notwendig. Anders steht es mit den "Idealwissenschaften" (wie z. B. reine Mathematik), wo die Objekte bloß "gedacht" sind.
    7) COHEN, Logik der reinen Erkenntnis, Seite 14, 18, 5, 28, 67.
    8) Vgl. seine Schrift "Jemand und Ich", Stuttgart 1906, Seite 35 und 27.
    9) NATORP, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, Seite 96.
    10) KINKEL, Idealismus und Realismus, Seite 13, 24, 51, 57, 75, 56.
    11) Es muß hier die terminologische Unterscheidung beachtet werden, die von den Vertretern des kritischen Idealismus (zur Abgrenzung ihres Standpunkts von dem des subjektiven Idealismus) vollzogen wird: "Der Vorgang, in welchem das einzelne Individuum sich den Begriff (z. B. des Kausalgesetzes) zum Bewußtsein bringt, muß Vorstellen genannt werden. Der Inhalt des Vorstellens aber ist der Begriff, und in ihm liegt das Sein." (Kinkel, a. a. O. Seite 23).
    12) Vgl. KINKEL, a. a. O., Seite 48, 59f
    13) MESSER, Erkenntnistheorie, 1909, Seite 17
    14) KINKEL, a. a. O., Seite 49.
    15) Kinkel, a. a. O., Seite 49f.
    16) Da ließen sich bereits Einwendungen erheben, von denen aber hier abgesehen werden soll.
    17) So im Sinne des kritischen Realismus, Ernst Dürr, "Erkenntnistheorie", 1910, Seite 202. Dort wird dieses Wahrheitskriterium eingehend begründet, auch durch eine Kritik der von anderen Richtungen vertretenen Wahrheitsbegriffe.
    18) All das kann auch der kritische Realist unterschreiben, aber nicht mehr das folgende.
    19) KINKEL, a. a. O., Seite 14; vgl. Seite 17: "Erst wenn ich zum Begriff vordringe, wenn ich den Begriff im Denken erfasse, habe ich Anteil am Sein; der Begriff aber ist nicht mehr auf das Individuum eingeschränkt."
    20) KINKEL, a. a. O., Seite 23
    21) Die Ausdrücke "Anschauun" und "Wahrnehmung" verwende ich hier als gleichbedeutend und unterscheide sie von der Empfindung (d. h. anschaulichen Bewußtseinsinhalten wie grün, warm, Ton c usw.) in dem Sinne, daß in der Wahrnehmung schon ein Denkakt, nämlich eine begriffliche Auffassung von Empfindungen stattfindet, z. B. wenn das Grün als Eigenschaft eines Dings gedacht wird. Diese Auffassung kann dabei verschiedene Grade von Bestimmtheit haben. Der anschauliche Charakter der Empfindungen aber bedingt, daß das im Begriff gemeinte Ding sozusagen vor uns steht.
    22) KINKEL, a. a. O., Seite 51 und 18
    23) COHEN, a. a. O., Seite 389, 407. Es ist aus solchen Äußerungen aber nicht zu schließen, daß Cohen das Problem der Empfindung nicht genug berücksichtigt hat, er widmet ihm sehr eingehende Erörterungen.
    24) COHEN, Logik a. a. O., Seite 420
    25) NATORP, Philosophie, Seite 150f.
    26) KINKEL, a. a. O., Seite 18
    27) KINKEL, a. a. O., Seite 19
    28) KINKEL, a. a. O., Seite 44
    29) COHEN, a. a. O., Seite 27
    30) KINKEL, a. a. O., Seite 16
    31) KINKEL, a. a. O., Seite 24, 22, 20
    32) NATORP, Philosophie, Seite 16. Dort heißt es auch: "Jede Behauptung eines absoluten Seins als verschieden von der Methode der Erkenntnis würde in der Tat dem unendlichen Prozeß des Erkennens ein Ende setzen, d. h. aber ihn als solchen - zunichte machen." Indessen, warum sollte nicht auch ein unabhängig vom Erkennen bestehendes (und insofern "absolutes") Sein diesem unerschöpfliche Erkenntnisaufgaben bieten?
    33) KINKEL, a. a. O., Seite 23, 21, 20
    34) Diese selbst anzuführen, kann ich mir hier versagen. Ich verweise dafür auf den im Anfang erwähnten Aufsatz von Karl Groos; ferner auf die darin verwertete Schrift von Oswald Külpe: "Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft" 1910 und auf meine "Einführung in die Erkenntnistheorie", 1909, Seite 61f.
    35) KINKEL, a. a. O., Seite23
    36) NATORP, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, Seite 96f.
    37) Nur um solche handelt es sich ja bei der Auseinandersetzung mit dem Idealismus.
    38) Hieraus ergibt sich auch, daß man von "Gesetzen" nicht in demselben Sinn in Bezug auf Gegenstände und in Bezug auf Begriffe reden darf. Diese irrige Voraussetzung liegt aber einer Frage zugrunde wie der: Hat das Gesetz: 1. eine objektive Existenz im Verhalten des Gegenstandes und 2. noch eine wiederholte Existenz im Denkinhalt? (Kinkel, a. a. O., Seite 50). - Das Gravitationsgesetz z. B. gilt für reale Gegenstände, nicht Begriffe (die ziehen sich nicht an); als Denkinhalt ist es einer (der eine bestimmte Zahl von Begriffen enthält), die realen Körper, für die es gilt, sind unbestimmt viele usw.
    39) So Franz Staudinger in seiner Kritik von Cohens Logik, Kant-Studien VIII, Seite 28.
    40) KINKEL, a. a. O., Seite 21. Wobei sich wieder die Frage aufdrängt, ob mit dem Bewußtwerden, dem Begreifen dieser Vernunftgesetze dieselben auch erst "erzeugt" werden.
    41) Mögen derartige überschwängliche Hoffnungen auch nur von vereinzelten Idealisten im Stillen gehegt werden, sie werden tatsächlich gehegt, und sie liegen in der Konsequenz des Idealismus. Freilich muß auch er zugestehen, daß es mit ihrer Verwirklichung gute Wege hat; denn die vollendete Einsicht auf einem Gebiet ist nur mti der Vollendung der Gesamtwissenschaft möglich, und diese bleibt, wie wir wissen, immer eine - Idee.
    42) Eine ausführliche Erörterung des Indeterministischen und des deterministischen Freiheitsbegriffs findet man in meiner Schrift "Das Problem der Willensfreiheit", 1911.
    43) NATORP, Philosophie, Seite 76 (die letzten Worte sind von mir gesperrt).
    44) NATORP, Philosophie, Seite 78; vgl. Kinkel, a. a. O., Seite 70.
    45) KINKEL, a. a. O., Seite 64-66.
    46) NATORP, Philosophie, Seite 85 und 13. Man beachte übrigens die ganz realistische Auffassung der Verstandestätigkeit! -Auch Seite 31f ist die Scheidung von theoretischer und praktischer Vernunft, von Sein und Sollen durchgeführt.
    47) NATORP, Philosophie, Seite 118.
    48) NATORP, a. a. O., Seite 133.
    49) Aber enthält die Wissenschaft nicht sehr sorgfältig ausgearbeitete Begriffe von Krankheiten und Übeln jeder Art, ebenso wie von unsittlichen Handlungen? Man denken an die juristischen Begriffe von Vergehen und Verbrechen. Alle diese Begriffe haben doch "Inhalt", also auch "Sein" (im Sinne des Idealisten). Und doch wird all dem das "Sein" abgesprochen, weil es keinen - Wert hat. Es wird mit dem Wort "Problematik des Daseins" abgetan.