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FRANZ von KUTSCHERA
Die falsche Objektivität
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"Da unsere Erfahrung und unser Denken nicht unabhängig von sich selbst sein können, erscheint eine realistische Auffassung von Erfahrung und Denken von vornherein als verfehlt. Die Annahme, daß wir einen externen, gewissermaßen göttlichen Standpunkt einnehmen könnten, von dem aus wir die Welt - einschließlich unserer selbst - befreit von den Bedingtheiten menschlichen Erfahrens und Denkens so sehen können, wie sie  ansich  ist, ist die epistemologische Ursünde, deren Resultat nur eine vernunftlose Sicht der Dinge sein kann."

"Schmerzen sind so, wie wir sie empfinden; hier gibt es keinen Unterschied zwischen Sein und Erscheinen. Ich habe genau dann Schmerzen, von denen es mir erscheint, als hätte ich sie. Man kann also nicht sagen, Schmerzen seien ihrer Natur nach bestimmte Gehirnzustände, die wir nur als Schmerzen empfinden."

"Wir nehmen an, daß jedem biologischen Unterschied ein physikalischer entspricht. Wir sind aber nicht in der Lage, Begriffe wie  Gehirn, Herz  oder  Wirbelsäule  physikalisch zu definieren. Angesichts der Tatsache, daß biologische Klassifikationen quer zu physikalischen verlaufen, daß also den biologisch einfachen oder natürlichen Unterscheidungen keine physikalisch einfachen entsprechen, wären solche Definitionen auch so kompliziert, daß sie für biologische Zwecke unbrauchbar wären."

"Für  Carnap  laufen unterschiedliche ontologische Positionen letztlich auf die Wahl unterschiedlicher Sprachen hinaus, und die relevante Frage ist nicht:  Was gibt es ansich?,  sondern:  Welche Sprache ist für die jeweiligen Zwecke am besten geeignet?  Darin besteht  Carnaps  linguistisch-pragmatische Wende ontologischer Fragestellungen, und daher formuliert er den Physikalismus als These, für die  Zwecke  der Wissenschaften sei die physikalische Sprache am brauchbarsten."


Vorwort

In diesem Buch geht es um die Kritik einer Ansicht, die weithin als so selbstverständlich gilt, daß sie noch nicht einmal einen Namen hat. Ich will sie "objektivistisch" nennen. Ihr Grundgedanke ist kurz gesagt folgender: Als Realisten verstehen wir die Welt als eine Wirklichkeit, die in ihrer Existenz und Beschaffenheit von menschlichem Erfahren und Denken unabhängig ist. Wollen wir also erkennen, wie sie wirklich ist, und nicht nur buchstabieren, wie sie uns aufgrund der Organisation unseres Wahrnehmungs- und Denkapparates erscheint, so müssen wir uns aus dieser spezifisch menschlichen Perspektive lösen und zu einer objektiven Sicht der Dinge kommen. Dieses Ziel ist erreichbar. Die großen Erfolge der Naturwissenschaften beruhen gerade darauf, daß sie sich Schritt um Schritt von dieser Perspektive emanzipiert haben. Die Physik beschreibt heute die Natur mit Begriffen, die mit den sinnlich feststellbaren Qualitäten der Dinge wie Farbe, Wärme oder Härte nichts mehr zu tun haben. Selbst ihre Auffassung von Raum und Zeit unterscheidet sich von der anschaulichen. Sie hat durch die Entwicklung von Beobachtungsinstrumenten Dimensionen der Realität erschlossen, die im Großen wie im Kleinen weit jenseits der Grenzen unserer natürlichen Wahrnehmung liegen. Das Weltbild der Physik ist heute völlig unanschaulich. Für die Astronomie ist die Erde als Ort des Menschen nicht mehr der Mittelpunkt des Universums, für die Biologie hat der Mensch seine Einzigartigkeit verloren, er ist in Glied in der Evolution des Lebens, ein Produkt von "Zufall und Notwendigkeit" (JACQUES MONOD). Die Neurowissenschaften endlich analysieren seelische und geistige Phänomene als physiologische Prozesse im Gehirn und entdecken so die objektiven Grundlagen unseres Bewußtseins und Denkens. Da sich die anderen Naturwissenschaften im Prinzip auf die Physik reduzieren lassen und die Physiker hoffen, daß sie bald über eine große vereinheitlichte Theorie der vier Grundkräfte verfügen werden, ist heute eine vollständige Theorie der gesamten Realität in greifbare Nähe gerückt. In den Naturwissenschaften verwirklicht sich also das Ideal einer objektiven Erkenntnis der Realität. Sie sind daher die Realwissenschaften schlechthin. Wegen ihrer Reduzierbarkeit auf die Physik kann man auch diese allein als die umfassende Realwissenschaft ansehen, wie das der Materialismus tut. Dessen Grundthese hat DAVID LEWIS in großartiger Simplizität so ausgedrückt: "The world is as physics says it is, and there's no more to say". Der Materialismus ist heute die offizielle Doktrin, die herrschende Weltanschauung. Er ist eine Version des Objektivismus, gegenwärtig sogar seine einzige lebendige Version. Prinzipiell ist der Objektivismus jedoch allgemeiner. Für ihn spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob sich alle Realwissenschaften auf die Physik reduzieren lassen. Es ist auch nicht entscheidend, ob die Naturwissenschaften die einzigen Realwissenschaften sind, oder ob man z. B. die Psychologie als eigenständige Grunddisziplin ansehen muß. Entscheidend ist allein die realistische Konzeption der Gesamtwirklichkeit und das Programm einer objektiven Erkenntnis dieser Wirklichkeit. Das Hauptproblem ist dabei das Seelisch-Geistige. Da unsere Erfahrung und unser Denken nicht unabhängig von sich selbst sein können, erscheint eine realistische Auffassung von Erfahrung und Denken von vornherein als verfehlt. Die Annahme, daß wir einen externen, gewissermaßen göttlichen Standpunkt einnehmen könnten, von dem aus wir die Welt - einschließlich unserer selbst - befreit von den Bedingtheiten menschlichen Erfahrens und Denkens so sehen können, wie sie  ansich  ist, ist die epistemologische Ursünde, deren Resultat nur eine vernunftlose Sicht der Dinge sein kann. Ich werde versuchen zu zeigen, daß diese Bedenken tatsächlich berechtigt sind, daß also der Objektivismus am notwendig subjektiven Charakter seelisch-geistiger Akte, Zustände und Vorgänge scheitert.

Die Rede von der falschen Objektivität im Titel dieses Buches bezieht sich auf den Objektivismus. Im normalen Sinn des Wortes "objektiv" ist Objektivität natürlich unverzichtbar für wissenschaftliche Arbeit. In diesem Sinn besagt das Wort einfach soviel wie "unvoreingenommen". Unsere Ansichten werden oft durch Vorurteile oder Interessen beeinflußt, und das hindert uns daran zu sehen, wie sich die Sache tatsächlich verhält. Wollen wir das erkennen, so müssen wir uns um Objektivität, um Unvoreingenommenheit in unseren Urteilen bemühen, wir müssen bestrebt sein, über unsere rein persönliche, individuelle Perspektive hinauszukommen. Das heißt aber natürlich nicht, daß wir auch die allgemein menschliche Perspektive hinter uns lassen sollten, also nach Objektivität in einem sehr viel engeren Sinn streben sollten, von dem der Objektivismus ausgeht. In diesem engeren Sinn versteht sich die Forderung nach Objektivität nicht einfach von selbst, sie ist keine Forderung der Rationalität, sondern sie läßt sich nur bezüglich bestimmter Gegenstandsbereiche rechtfertigen. Wer sich gegen sie wendet, setzt sich zwar leicht dem Vorwurf der Irrationalität aus, aber nur von seiten solcher Kollegen, die nicht zwischen den beiden Objektivitätsbegriffen zu unterscheiden vermögen, so daß man mit diesem Vorwurf durchaus leben kann.

Die Kritik am Objektivismus bildet den ersten Teil der Arbeit, der die Kapitel 1 bis 4 umfaßt. Dabei gehen wir vom Materialismus aus und diskutieren dann objektivistische Konzeptionen menschlichen Handelns, Denkens und Erkennens, die mehr oder weniger unabhängig von spezifisch materialistischen Vorstellungen sind. Da eine Kritik wenig hilfreich ist, die nur sagt, wie es nicht geht, aber keine Alternative aufweist, wird in den Kapiteln 6 bis 8 eine solche Alternative skizziert. Das Ziel ist dabei auch, der vorgefaßten Meinung entgegenzutreten, wer kein Materialist sei, müsse Idealist, Dualist oder neutraler Monist sein. Auf sie stützt sich ein negatives Argument für den Materialismus: Der Idealismus ist absurd, der Dualismus unhaltbar, der neutrale Monismus hoffnungslos vage, also bleibt nur der Materialismus. Eine solche Aufteilung ontologischer Positionen auf vorgefertigte Schubladen beweist aber nur einen Mangel an Phantasie und übersieht zudem, daß jede dieser Positionen viele Varianten hat. Das 5. Kapitel leitet den zweiten Teil ein mit der erkenntnistheoretischen Erörterung über die Rechtfertigungsmöglichkeiten für solche umfassende philosophische Paradigmen, wie sie der Materialismus und seine Alternativen darstellen. Das abschließende 9. Kapitel geht auf den Objektivismus im allgemeinen und seine Motive ein und endet mit einem kurzen Ausblick auf seine praktischen Implikationen.

In diesem Buch geht es um erkenntnistheoretische und ontologische Fragen, um Themen aus der Philosophie des Geistes und der Sprache, der Wissenschaftstheorie und der Handlungstheorie. Diese thematische Breite läßt sich gerade noch mit der angesichts der Schwierigkeiten der Materie erforderlichen Gründlichkeit der Darstellung vereinbaren. Die Erörterung hält sich aber im Rahmen der theoretischen Philosophie, obwohl gerade auch die moralphilosophischen Implikationen der hier diskutierten philosophischen Paradigmen besonders wichtig sind.


1 Materialismus

1.1 Behaviorismus und
Psychologischer Funktionalismus

Der Materialismus ist eine reduktionistische These. Er behauptet, alle realen Dinge und Ereignisse seien in letzter Analyse nichts anderes als physische Dinge bzw. Ereignisse und ließen sich rein physikalisch erklären. Die beiden Hauptprobleme des Materialismus sind die Reduktion biologischer und die seelisch-geistiger Phänomene. Das erstere kann heute grundsätzlich als gelöst angesehen werden. Während noch vor 150 Jahren das organische Leben in seiner Entstehung und Entwicklung außerhalb des Horizonts der Physik zu liegen schien, kann man es heute im Prinzip physikalisch erklären. Daher steht gegenwärtig die Reduzierbarkeit mentaler Phänomene im Mittelpunkt der Diskussion, und auf dieses Problem werden wir uns im folgenden beschränken. Der Materialismus ist keine naturwissenschaftliche Theorie, sondern eine metaphysische These. Das wir schon dadurch deutlich, daß er bereits in der Antike und im 17. und 18. Jahrhundert propagiert wurde, ohne daß eine Physik zur Verfügung stand, die eine empirische Überprüfung ermöglicht hätte. Heute sieht man ihn meist als Extrapolation naturwissenschaftlicher Resultate an. Obwohl er aber für seine Bestätigung auf solche Resultate angewiesen ist, geht er doch über sie hinaus, denn die Naturwissenschaften können nur naturgesetzliche Korrelationen z. B. zwischen Prozessen im Gehirn und psychischen Vorgängen aufweisen. Es ist aber eine logische und wissenschaftstheoretische Frage, ob man von solchen Korrelationen zur Behauptung übergehen kann, psychische Phänomene seien nichts anderes als komplexe physiologische Ereignisse. Um solche Fragen geht es in der Diskussion des Materialismus. Sie ist damit unabhängig von konkreten naturwissenschaftlichen Untersuchungen, wenn sie auch durch deren Ergebnisse angeregt wird.

Mit vielen anderen Positionen teilt der Materialismus das Schicksal, daß er seine anfangs sehr starken Thesen unter dem Eindruck der Kritik immer mehr abschwächen mußte. Im Rahmen der analytischen Philosophie begann er seine Karriere in den 30er Jahren als logischer Physikalismus, wie ihn z. B. CARL HEMPEL und RUDOLF CARNAP vertraten. Reduzierbarkeit wurde dabei als analytische Definierbarkeit aller psychologischen Terme durch physikalische verstanden. Dieser Anspruch wurde dann in den 50er Jahren abgeschwächt zur These einer nomologischen Definierbarkeit. Auch die Behauptung einer nur kontingenten Identität mentaler und physikalischer Ereignistypen durch JOHN C. SMART, ULLIN T. PLACE und HERBERT FEIGL gehört in diesen Umkreis. Etwa seit 1970 wurde dann diese Behauptung abgelöst durch die einer kontigenten Identität der einzelnen konkreten psychologischen Ereignisse mit physikalischen, wie sie z. B. DONALD DAVIDSON vertrat, oder durch Thesen über die Supervenienz [Verhältnis zwischen Eigenschaften - wp] psychologischer bezüglich physikalischer Eigenschaften. Beides sind Formen eines nicht-reduktiven Materialismus, von denen es aber zweifelhaft ist, ob man sie noch als genuin materialistisch ansehen kann. Am Ende dieser Entwicklung steht dann der eliminative Materialismus, der sich aber lediglich als Prophetie über die künftige Entwicklung der Wissenschaftssprache entpuppt. Diese Metamorphosen des Materialismus wollen wir nun kritisch verfolgen.

"Physikalismus" war eine Bezeichnung, die besonders HEMPEL und CARNAP für den Materialismus verwendet haben, die sich aber nicht durchgesetzt hat. Nur der Ausdruck "Logischer Physikalismus" ist geblieben. Er steht für die These einer  analytischen  Definierbarkeit psychologischer durch physikalische Ausdrücke. Da die ersteren bereits eine Bedeutung haben, kann es sich dabei nicht um Nominaldefinitionen handeln. d. h. um Festsetzungen, durch die einem neuen Ausdruck, dem zu definierenden Term (dem  Definiendum),  die Bedeutung des definierenden Ausdruck (des  Definiens)  verliehen wird, sondern um Behauptungen. Im Fall einer analytischen Definition besagen sie, daß Definiendum und Definiens dieselbe Bedeutung haben. In diesem Sinn ist z. B. die Definition von "Junggeselle" durch "unverheirateter Mann" analytisch. Lassen sich alle psychologischen Terme analytisch durch physikalische definieren, so kann man alle Aussagen der Psychologie in solche der Physik übersetzen, wobei die Übersetzung mit der übersetzten Aussage synonym ist. Analytische Definierbarkeit ist die stärkste Form von Reduzierbarkeit. Ist die Psychologie in diesem Sinn auf Physik reduzierbar, so kann man in der Tat behaupten, psychologische Phänomene seien nichts anderes als physikalische, ebenso wie man sagen kann, ein Junggeselle sei nichts anderes als ein unverheirateter Mann.

Man unterscheidet nun im Rahmen des Materialismus zwischen Makro- und Mikroreduktionen. Die ersteren reduzieren mentale Phänomene auf solche des äußeren Verhaltens. Darunter fallen alle Formen des Behaviorismus und einige des Funktionalismus. Die letzteren führen hingegen mentale Zustände auf Gehirnzustände zurück, d. h. auf neurologische Phänomene. Eine Behauptung, der Satz "Die Person  X  hat Schmerzen" sei synonym mit einer Aussage "Das Gehirn von  X  befindet sich im Zustand  Z",  ist nun völlig unplausibel: Die Frage, welche neurologischen Prozesse mentalen Vorgängen entsprechen, läßt sich nicht vom Linguisten - als Spezialisten für Bedeutungsfragen - im Lehnstuhl lösen. Daher fällt der logische Physikalismus im Effekt mit dem  logischen Behaviorismus  zusammen. Danach ist der Satz  "X  hat Schmerzen" synonym mit einem Satz  "X  zeigt ein Verhalten der Art  V",  oder allgemeiner "Unter äußeren Bedingungen der Art  B  zeigt  X  ein Verhalten der Art  V." Daß Zusammenhänge dieser Art Bedeutungswahrheiten sind, ist jedenfalls plausibler als im Fall der Mikroreduktion, wenn auch kaum sehr einleuchtend.

Das Hauptargument für den logischen Behaviorismus lautet so: Mentale Phänomene sind einer intersubjektiven Beobachtung nicht direkt zugänglich. Ausdrücke für sie können also nur dann einer intersubjektiven Sprache angehören, wenn es intersubjektiv prüfbare Kriterien für ihre Anwendung gibt. Das können aber nur Verhaltenskriterien sein. Da diese also unseren Gebrauch psychologischer Prädikate bestimmen und die Bedeutung eines Wortes eindeutig durch seinen Gebrauch festgelegt wird, drücken psychologische Prädikate Verhaltensweisen oder Verhaltensdispositionen aus. Dieses Argument ist offenbar absurd: Einen Unterschied in der Beobachtbarkeit von mentalen und Verhaltensphänomenen kann es nur dann geben, wenn mentale Vorgänge keine Verhaltensformen sind, wenn also der logische Behaviorismus falsch ist.

Die Kritik eines Arguments für eine These ist nun noch kein Einwand gegen die These selbst. Die wichtigsten Einwände gegen den logischen Behaviorismus sind folgende:
    1. Ein perfekter Schauspieler ist jemand, der sich genau so verhalten kann, als befinde er sich in einem bestimmten psychologischen Zustand - als habe er z. B. gewisse Gefühle, Wünsche oder Überzeugungen -, ohne sich tatsächlich in diesem Zustand zu befinden. Ist es logisch möglich, daß es einen Schauspieler gibt, der auch nur einen einzigen psychologischen Zustand in seinem Verhalten perfekt simuliert - und das ist nicht nur logisch, sondern praktisch unmöglich -, so ist die These des logischen Behaviorismus falsch. Denn aus ihr folgt ja, daß es analytisch unmöglich ist, die psychologische Eigenschaft nicht zu haben, die einem bestimmten Verhalten entspricht.

    2. Unser Verhalten hängt nicht nur von einzelnen mentalen Zuständen ab. Ob ich z. B. meinem Zorn freien Ausdruck gebe und wie ich mich dabei verhalte, wird auch von meinen Erwartungen bezüglich der Folgen eines solchen Verhaltens oder von anderen Gefühlen und Wünschen bestimmt. Das monokausale Modell des Behaviorismus ist also unhaltbar. Eine behavioristische Definierbarkeit psychologischer Terme erfordert aber eine Korrelation einzelner mentaler Zustände mit Verhaltensweisen.

    3. Die Zusammenhänge zwischen mentalen Zuständen und Verhaltensweisen sind so komplex, daß sie nicht als analytisch angesehen werden können, sondern allenfalls als nomologisch, und das meist auch nur in einem statistischen Sinn. Dann kann aber der Sinn psychologischer Terme nicht allein durch Verhaltenskriterien bestimmt sein. Um die Aussage "Immer wenn jemand zornig ist, schreit er" bestätigen zu können, muß man das Wort "zornig" schon verstehen, kann es also nicht erst aufgrund dieser und anderer solcher Aussagen deuten. Man muß ferner Zorn unabhängig vom Schreien feststellen können, sonst könnte man die Aussage nicht überprüfen. Sie selbst ergibt dann nur ein zusätzliches Kriterium für Zorn.

    4. Eine Bestimmung psychischer Zustände als Verhaltensdispositionen wird der kausalen Rolle, die wir ihnen zuschreiben, nicht gerecht. Definiert man z. B.  "X  hat Kopfweh" durch  "X  nimmt Aspirin", so wird die Aussage  "X  nimmt Aspirin, weil er Kopfweh hat" trivial, denn sie bedeutet nun soviel wie  "X  nimmt Aspirin, weil er Aspirin nimmt." (1)

    5. Endlich zeigt ein Blick auf Definitionsvorschläge in der Literatur, daß sie entweder hoffnungslos inadäquat sind oder sich nicht nur auf rein äußeres Verhalten beziehen, sondern z. B. auch auf sprachliches Verhalten. Aussagen einer Person geben aber nur dann Aufschluß über ihre psychischen Zustände, wenn sie nicht lügt und meint, was sie sagt. Lügen aber heißt, absichtlich die Unwahrheit sagen, und "absichtlich" ist kein behavioristisch zulässiger Verhaltensterm, ebenswenig wie "meinen". Man müßte also auch für diese Terme Verhaltenskriterien angeben und das dürften nicht wiederum Kriterien sprachlichen Verhaltens sein, weil man sonst in einen unendlichen Regreß geriete. Das Fazit ist also: Ein logischer Physikalismus ist unhaltbar. Das wird heute auch allgemein anerkannt.
Vom logischen ist der psychologische Behaviorismus zu unterscheiden. Ihm liegt ein ähnlicher Gedanke zugrunde wie dem Argument für den logischen Physikalismus: Gegenstand einer Wissenschaft können nur intersubjektiv beobachtbare Phänomene sein. Das sind aber im Fall der Psychologie nur Vorgänge des Verhaltens. Psychologische Vorgänge stellen also nur insofern Phänomene im wissenschaftlichen Sinn dar als sie durch Verhaltenskriterien feststellbar sind. Daher versucht man, operative Definitionen psychologischer Begriffe durch Verhaltensbegriffe anzugeben. Für sie wird zwar meist keine analytische Geltung beansprucht, aber sie sollen doch den wissenschaftlichen Gebrauch psychologischer Terme festlegen. Diesen Gedanken kann man im Sinn der These von einem  nomologischen  Definierbarkeit" psychologischer Ausdrücke durch Verhaltensterme verstehen. Diese These besagt: Jedes psychologische Grundprädikat  F  läßt sich durch ein Prädikat  G  der Verhaltenssprache so definieren, daß die Aussage "Für alle Personen  X  und alle Zeitpunkte  t  gil:  F  trifft in  t  genau dann auf  X  zu, wenn  G  in  t  auf  X  zutrifft" naturgesetzlich wahr ist. Wenn diese These richtig wäre, ließen sich psychologische Aussagen zwar nicht in solche über das Verhalten übersetzen, aber wenn man eine vollständige Theorie menschlichen Verhaltens hätte, könnte man daraus eine Theorie aller psychischen Vorgänge ableiten, und wenn sich unser Verhalten physikalisch erklären ließe, so auch unser seelisch-geistiges Leben. (2)

Gegen die These einer Reduzierbarkeit des Psychischen auf das Physische im Sinn einer nomologischen Definierbarkeit sprechen aber die Einwände [1], [2] und [5] gegen den logischen Physikalismus. Insbesondere sind kaum eineindeutige Korrelationen zwischen psychologischen Zuständen und Verhaltensweisen zu erwarten. Zudem würde auch eine nomologische Entsprechung z. B. zwischen Zorn und unartikuliertem Schreien nicht die Behauptung rechtfertigen, zornig sein sei nichts anderes als unartikuliertes Schreien. Es gilt z. B. auch naturgesetzlich, daß genau die Lebewesen, die ein Herz haben, auch eine Niere haben, aber daraus folgt nicht, ein Herz zu haben sei nichts anderes als eine Niere zu haben. Daher begründen gesetzmäßige Korrelationen allein noch keinen Materialismus. Die Behauptung, man könne von solchen Korrelationen zu Identitätsbehauptungen übergehen, charakterisiert die Identitätsthese, von der im nächsten Abschnitt die Rede sein soll. Zunächst wollen wir aber auf den psychologischen Funktionalismus eingehen, da er sich in manchen Versionen als eine liberalere Version des Behaviorismus darstellt.

Der  psychologische Funktionalismus  besagt, mentale Zustände und Prozesse seien vollständig durch die kausale Rolle charakterisiert, die sie in der Vermittlung zwischen Reizen und Reaktionen spielen. Man weiß also z. B., was Schmerz ist, wenn man weiß, welche äußeren Einwirkungen auf den Körper oder Vorgänge im Körper ihn im Verein mit welchen anderen psychischen Faktoren bewirken, und welches Verhalten er umgekehrt im Verein mit anderen mentalen Zuständen und anderen körperlichen Einflüssen bewirkt. Der Funktionalismus ist so ein verallgemeinerter Behaviorismus: Er versucht nicht mehr, psychische Zustände einzeln durch ihre äußeren Ursachen und Wirkungen zu charakterisieren, sondern erkennt an, daß derselbe Zustand beim Vorliegen oder Nichtvorliegen anderer psychischer Zustände ein unterschiedliches Verhalten hervorrufen kann.

Der Grundgedanke des Funktionalismus ist: "Jedem Unterschied in der psychischen Gesamtverfassung einer Person entspricht ein Unterschied in ihrem physischen Zustand, speziell in ihrem Verhalten". Das ist auf den ersten Blick durchaus plausibel, allerdings nur dann, wenn man sich auf das Verhalten im normalen, weiten Sinn bezieht, und nicht nur auf ein äußeres, physisches Verhalten. Ein Argument, das man oft gegen den Funktionalismus ins Feld führt ist das des  invertierten Spektrums:  Erlebt jemand die Farbe Blau so, wie wir Rot erleben und umgekehrt, und Grün so, wie wir Gelb erleben und umgekehrt, wobei er aber die Farbbezeichnungen in unserem Sinn korrekt verwendet, also z. B. das als "rot" bezeichnet, was er als blau empfindet, so besteht zwischen ihm und uns ein psychologischer Unterschied, der sich nicht im Verhalten ausdrückt. Dagegen ist aber zu sagen: Damit keinerlei Unterschied im sprachlichen Verhalten auftritt, müßten auch seine Aussagen über Farbverwandtschaften und -mischungen mit unseren übereinstimmen. Er müßte ferner ästhetische Prädikate für Farben wie "warm", "kalt", "freundlich", "lebendig" oder "strahlend" in gleicher Weise verwenden wie wir. Da der Anwendungsbereich dieser Wörter über Farben hinausgeht, kann man nicht annehmen, daß er auch sie in einem anderen Sinn verwendet. Sie haben aber einen phänomenalen Sinne, d. h. sie charakterisieren die Dinge nach der Art und Weise, in der wir sie erleben. Wenn er sie also auf dieselben Farben anwendet wie wir, ist es sehr wahrscheinlich, daß er sie auch ebenso erlebt wir wir.

Wenn der Funktionalismus als Grundlage für einen Materialismus verwendet werden soll, darf er nur auf ein mit rein physikalischen Mitteln beschreibbares Verhalten Bezug nehmen, bzw. genereller: auf physikalische Zustände oder Vorgänge. Dann läuft er auf eine These der Supervenienz psychologischer Eigenschaften bezüglich physikalischer Eigenschaften hinaus, d. h. auf die Behauptung "Keine psychologischen Unterschiede ohne physikalische Unterschiede". Auf sie gehen wir in Abschnitt 1.3 ein. Hier wollen wir ein Argument von DAVID KELLOG LEWIS diskutieren, das vom Funktionalismus zur These einer Definierbarkeit psychologischer durch physikalische Terme führen soll. Der erste Schritt besteht darin, daß von der funktionalistischen These ohne nähere Begründung zur Annahme übergegangen wird, es sei möglich, eine Theorie  T  anzugeben, die die kausalen Rollen aller psychischen Zustände vollständig beschreibt. Bei LEWIS soll  T  die Konjunktion aller Gesetze - "Platitüden", sagt er - der Alltagspsychologie sein. Er nimmt an, daß die Aussagen von  T  analytisch gelten, denn  T  soll die funktionale Beschreibung der mentalen Zustände sein, die aufgrund der Bedeutung der psychologischen Terme gilt. Er spricht wohl nur deshalb von "Platitüden", weil er das Wort "analytisch" vermeiden will. Umgekehrt sollen durch  T  im Sinn des Funktionalismus die mentalen Zustände vollständig charakterisiert werden.  T  läßt sich nun als Aussage über das Bestehen einer komplexen Relation zwischen den psychologischen Eigenschaften  P1..., Pn  auffassen, von denen in  T  die Rede ist. Da  T  diese Eigenschaften vollständig charakterisiert, gilt für jede Zahl  i  zwischen  1  und  n:  Es gibt genau eine Eigenschaft Fi derart, daß es Eigenschaften  F1, ... Fi-1, Fi+1, ... Fn  gibt, die in dieser Relation zueinander stehen. Dann kann man aber die psychologischen Eigenschaften physikalisch definieren:  Pi  ist jene Eigenschaft  Fi für die es Eigenschaften  F1, Fi-1, Fi+1, ... Fn  gibt, die zueinander in der fraglichen Relation stehen. Im Ausdruck für diese Relation kommen keine psychologischen Terme mehr vor, weil  P1..., Pn sämtliche psychologischen Eigenschaften sein sollten und die Ausdrücke für sie im Definiens von  Pi  nun durch Variablen für Eigenschaften ersetzt sind. Damit ergibt sich sogar eine analytische Definierbarkeit psychologischer Terme durch physikalische, also ein logischer Behaviorismus.

Das Argument von LEWIS ist aber nicht haltbar. Eine Theorie  T  würde die psychologischen Eigenschaften nur dann eindeutig charakterisieren, wenn sie in dem Sinn vollständig wäre, daß für jede psychologische Eigenschaft  P,  jede Person  X  und jeden Zeitpunkt  t  aus  T  entweder folgt, daß  X  in  t  die Eigenschaft  P  hat oder daß  X  in  t  die Eigenschaft  P  nicht hat. Die Platitüden der Alltagspsychologie bilden sicher keine in diesem Sinn vollständige Theorie. Zudem sind ihre Aussagen - eine Platitüde wäre z. B. "Liebe macht blind" - nicht analytisch wahr. (3) Geht man von einer Theorie der wissenschaftlichen Psychologie aus, so ergeben sich auch aus ihren Gesetzen keine nomologisch gültigen Definitionen für die psychologischen Terme, weil auch sie nicht vollständig ist.

Die Ausführungen von LEWIS von 1980 unterscheiden sich von seinen früheren nur dadurch, daß er annimmt, für verschiedene Gruppen von Lebewesen könnten unterschiedliche psychologische Theorien gelten, es könne also sein, daß Schmerzen bei Katzen andere physikalische Zustände entsprechen als bei Menschen, Hasen und Marsmenschen, oder auch bei Irokesen andere als bei Italienern. Das ist ein Schritt in Richtung auf eine singuläre Identitätsthese, die aber an den grundsätzlichen Problemen seines Ansatzes nichts ändert, sondern zusätzlich das Problem aufwirft, wieso wir Verschiedenes gleichermaßen als "Schmerzen" bezeichnen und wie wir zu Platitüden der Alltagspsychologie von Katzen kommen.


1.2 Die Identitätsthese

Im letzten Abschnitt haben wir gesehen, daß von einer analytischen Definierbarkeit psychologischer durch physikalische Terme nicht die Rede sein kann, daß aber eine nur nomologische Definierbarkeit den Intentionen des Materialismus nicht gerecht wird - jedenfalls jenen, die er in seinen früheren, optimistischeren Phasen verfolgte. Ist  F  eine psychologische und  G  eine physikalische Eigenschaft, und gilt das Gesetz: "Eine Person hat in einem Zeitpunkt die Eigenschaft  F  genau dann, wenn sie in diesem Zeitpunkt die Eigenschaft  G  hat", so wollen wir sagen,  F  und  G  seien  nomologisch korreliert. Daraus folgt, wie schon betont wurde, nicht, daß die Eigenschaften  F  und  G  identisch sind, daß  F-sein  nichts anderes ist als  G-sein. Die  Identitätsthese  besagt nun, daß jede psychologische Eigenschaft mit einer physikalischen nomologisch korreliert ist, und daß sich daraus eine "kontingente Identität" der beiden Eigenschaften ergibt.

Diese Identitätsthese wird im Sinn einer Mikroreduktion verstanden: die korrelierten physikalischen Eigenschaften sollen Zustände des Gehirns der Person charakterisieren bzw. Prozessen in ihrem Gehirn. Ein Gesetz dieser Art wäre also etwa "Die Person  X  empfindet im Zeitpunkt  t  genau dann Schmerzen, wenn die C-Fibern im Gehirn von  X  in  t  feuern" - ein in der Literatur häufig genanntes, mehr oder weniger fiktives Beispiel. Wenn in diesem Zusammenhang von einer Reduktion mentaler auf physikalische Eigenschaften die Rede ist, so ist das Wort "physikalisch" wieder in einem weiten Sinn zu verstehen. Tatsächlich handelt es sich um Begriffe der Neurophysiologie, aber die Idee ist, daß sich diese Begriffe ihrerseits auf physikalische Begriffe im präzisen Sinn des Wortes reduzieren lassen. (4) Die Identitätsthese behauptet ferner eine  generische  oder  Typen-Typen-Identität  psychischer und physischer Zustände: Schmerzen haben besteht bei allen Personen zu allen Zeiten im Feuern ihrer C-Fibern. Daneben gibt es auch eine singuläre Identitätsthese, eine These von der  singulären  oder  Vorkommnis-Vorkommnis-Identität  (engl.  token-token identity)  psychischer und physischer Zustände, nach der z. B. den Schmerzempfindungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen können. Von ihr soll erst im nächsten Abschnitt die Rede sein.

Die Diskussion der Identitätsthese muß sich auf zwei Punkte beziehen: Was spricht für oder gegen eine nomologische Definierbarkeit mentaler durch neurologische Prädikate? Und was spricht für oder gegen den Übergang von einer nomologischen Definierbarkeit zu einer Identitätsbehauptung?

Für eine nomologische Definierbarkeit gibt es zwei Argumente: Erstens ist es angesichts der heute bekannten engen Korrelationen zwischen mentalen und neurologischen Vorgängen völlig unplausibel anzunehmen, daß es mentale Phänomene gibt, denen keine Vorgänge im Gehirn entsprechen. Zweitens sind Denken, Wollen und Fühlen Gehirnleistungen, und da sich die Gehirnfunktionen neurologisch erklären lassen, muß das auch für die mentalen Vorgänge gelten. Man gesteht zwar zu, daß wir bisher noch nicht über  brauchbare  neurologische  Definitionen  mentaler Eigenschaften verfügen, sieht das aber aufgrund solcher Überlegungen nur als  ein vorläufiges Defizit  an.

Zur Kritik ist zu sagen: Aus der Annahme, allen mentalen Vorgängen entsprächen solche im Gehirn, folgt lediglich: "Keine psychologischen Unterschiede ohne unterschiedliche Gehirnzustände", also eine Supervenienz der mentalen bezüglich neurologischer Eigenschaften, nicht aber eine nomologische Definierbarkeit der ersteren durch die letzteren. Zudem ist nach dem zweiten Argument gegen den logischen Physikalismus aus 1.1 eine Korrelation zwischen einzelnen mentalen und neurologischen Zustandstypen weit weniger wahrscheinlich als eine solche zwischen mentalen und neurologischen Zustandskomplexen; die ergäbe aber keine nomologischen Definitionen mentaler Prädikate. Das zweite Argument setzt voraus, was zu zeigen wäre: Denken, Wollen und Empfinden sind nur dann Gehirnleistungen, wenn sich mentale Zustände und Vorgänge als neurophysiologische Zustände oder Vorgänge auffassen lassen, wenn also die Identitätsthese gilt. Keine psychologischen Unterschiede ohne unterschiedliche Gehirnzustände.

Da wir im folgenden Abschnitt auch Argumente gegen die Supervenienz psychologischer Eigenschaften bezüglich physikalischer anführen, also gegen eine These, die schwächer ist als die der nomologischen Definierbarkeit, ist für uns hier die zweite Behauptung der Identitätstheorie der entscheidende Punkt. Bei seiner Diskussion wollen wir einmal annehmen, alle psychologischen Eigenschaften seien mit neurologischen nomologisch korreliert. Die Pointe der Identitätsthese ist dann, daß man von solchen Korrelationen zu Identitätsbehauptungen übergehen kann. Als Argument dafür verwendet man Beispiele aus anderen Wissenschaften, wie z. B. Waser ist  H2O,  Wärme ist mittlere kinetische Energie der Moleküle, Licht ist elektromagnetische Strahlung in einem bestimmten Frequenzbereich. Die entsprechenden Korrelationen, wie z. B. "Ein Stoff ist genau dann Wasser, wenn seine Moleküle die Struktur  H2 haben", gelten auch hier nicht analytisch, sondern nur nomologisch; es sind keine Bedeutungswahrheiten, sondern wissenschaftliche Resultate. Trotzdem gehen wir in diesen Fällen von einer "Genau-dann-wenn"-Aussage zu einer "Ist-identisch-mit"-Behauptung über. Mit demselben Recht kann man das auch bei psychophysischen Korrelationen tun.

Wir wollen im folgenden drei Argumente gegen diesen Anspruch einer Identifizierbarkeit bei nomologischer Korrelation diskutieren, die sich inhaltlich allerdings überschneiden:


1. Identisches muß dieselben
Eigenschaften haben.

Nach dem Prinzip der Substituierbarkeit des Identischen ("Identische Objekte haben genau dieselben Eigenschaften") müßten mentale Zustände und Vorgänge dieselben Eigenschaften haben wie die ihnen entsprechenden neurophysiologischen. Schmerzen sind aber z. B. stechend, Gedanken deprimierend oder unklar, Gefühle tief, während Gehirnzustände weder stechend, noch deprimierend, unklar oder tief sind. (5)

Demgegenüber hat man eingewendet: Nicht das Schmerzenhaben ist stechend, sondern manche Schmerzen sind stechend. Stechende Schmerzen haben ist eine spezielle Form von Schmerzen haben. Ist Schmerzen haben identisch mit dem Gehirnzustand  Z,  so wäre stechende Schmerzen haben mit einen neurologischen Zustand  Z  identisch, der nur, aber nicht immer dann vorliegt, wenn  Z  vorliegt. Der Zustand, stechende Schmerzen zu haben, ist ebensowenig stechend wie  Z.  Dieser Einwand ist zwar korrekt, besagt aber nur, daß das Wort "stechend" im Kontext "stechender Schmerz" keine Eigenschaft von Eigenschaften ausdrückt, daß also das Beispiel unpassend ist. Er widerlegt das Argument damit noch nicht. Wählen wir also ein anderes Beispiel. Sind  X  und  Y  bestimmte Personen, so ist es eine Eigenschaft der Eigenschaft  F,  daß  X  glaubt, daß  Y  die Eigenschaft  F  hat. Ist  F  mit der Eigenschaft  G  identisch, so muß es auch eine Eigenschaft von  G  sein, daß  X  glaubt, daß  Y  die Eigenschaft  G  hat. Aus der Tatsache, daß  X  glaubt, daß  Y  Schmerzen hat, folgt aber nicht, daß  X  auch glaubt, daß die C-Fibern von  Y  feuern, selbst wenn Schmerzenhaben naturgesetzlich mit feuernden C-Fibern korreliert ist. Da jemand auch glauben kann, etwas sei Wasser, ohne es zu glauben, es habe die molekulare Struktur  H2 sind die Eigenschaften Wasser zu sein und  H2 zu sein ebenfalls verschieden.

Gegen solche Überlegungen hat THOMAS NAGEL (Physicalism, Philosophical Review 74, Seite 339-356, 1965) wiederum eingewendet, aus der Wahrheit der Aussage "a = b" folge nicht die Ersetzbarkeit  salva veritate  [unbeschadet der Wahrheit - wp] der Namen "a" und "b" in nichtextensionalen Kontexten wie z. B. in Aussagen über das, was jemand glaubt. Das ist zwar richtig, geht aber am Problem vorbei, denn diese Bemerkung berührt weder die Gültigkeit des Prinzips der Substituierbarkeit des Identischen, noch besagt sie, daß dabei nichtextensionale Kontexte auszuschließen wären. Ist "die Eigenschaft  F  haben" ein nichtextensionales Prädikat, so können die Sätze: "a = b",  "a  hat die Eigenschaft  F"  und  "b  hat nicht die Eigenschaft  F"  nur dann alle wahr sein, wenn "a" oder "b" kein Standardname ist, also nicht in allen Welten dasselbe Objekt bezeichnet. Ist "a" kein Standardname, so besagt aber der Satz  "a  hat die Eigenschaft  F"  nicht, daß das Objekt  a  die Eigenschaft  F  hat. Das Objekt  a  ist jenes Objekt, das der Name "a" in unserer Welt bezeichnet. Will man ausdrücken, daß dieses Objekt die Eigenschaft  F  hat, so muß man sagen: "Das Objekt, das tatsächlich (in unserer Welt) mit  a  identisch ist, hat die Eigenschaft  F".  Wenn "a" in verschiedenen Welten verschiedene Objekte bezeichnet, ist  "a  hat die Eigenschaft  F"  überhaupt keine Aussage über ein bestimmtes Objekt. Entsprechendes gilt für Eigenschaften. Drückt das Prädikat "Schmerzen haben" in allen Welten dieselbe Eigenschaft aus und ebenso das Prädikat "feuernde C-Fibern haben" - und daran besteht kein vernünftiger Zweifel -, so würde aus der Geltung der Identitätsaussage "Schmerzen haben ist dasselbe wie feuernde C-Fibern haben" die Substituierbarkeit  salva veritate  dieser Prädikate in allen Kontexten folgen, auch in Aussagen über das, was jemand glaubt, und ebenso in der Aussage "Es ist analytisch wahr, daß jemand, der Schmerzen hat, Schmerzen hat". Daraus würde man aber die These des logischen Physikalismus erhalten "Es ist analytisch wahr, daß jemand, der Schmerzen hat, feuernde C-Fibern hat." Aus der Aussage "Naturgesetzlich gilt, daß genau die Personen Schmerzen haben, bei denen die C-Fibern feuern" folgt jedoch nicht die Identitätsbehauptung "Schmerzen haben ist dasselbe wie feuernde C-Fibern haben". In Welten, in denen andere Naturgesetze gelten als in unserer, könnte man z. B. gerade dann Schmerzen haben, wenn die C-Fibern nicht feuern. Die beiden Prädikate haben dann aber nicht in allen Welten denselben Umfang, drücken also nicht dieselbe Eigenschaft aus.


2. Es gibt keine kontingenten Identitäten

Den letzten Punkt unserer Überlegung kann man so zusammenfassen: Es gibt keine kontingenten Identitäten, weder von Objekten noch von Eigenschaften, sondern nur kontingente Identitätsaussagen. "Der Morgenstern ist mit dem Abendstern identisch" ist eine kontingente Aussage. Sie gilt in unserer Welt, aber nicht in jeder anderen; in manchen Welten wird der Stern, der am Morgenhimmel am hellsten leuchtet ein anderer sein als jener, der am Abendhimmel am hellsten leuchtet. Der Stern, der in unserer Welt morgens am hellsten leuchtet, die Venus, bleibt aber natürlich in allen Welten mit sich identisch. Ist also der Stern, der abends am hellsten leuchtet, mit ihm identisch, so sind sie in allen Welten identisch. Was sich ändert ist nur die Referenz der Ausdrücke "Morgenstern" und "Abendstern". Zwei Eigenschaften sind nur dann identisch, wenn sie in  allen  Welten auf genau dieselben Objekte zutreffen. Nur im Fall der analytischen Definierbarkeit eines psychologischen Prädikats durch ein physikalisches kann man also von einer Identität der Eigenschaften sprechen, die sie ausdrücken. Eine analytische Definierbarkeit wird aber von den Vertretern der Identitätsthese gerade nicht angenommen. Das Scheitern des logischen Physikalismus war ja der Anlaß, sich auf diese These zurückzuziehen. Soll also die Identitätsthese richtig sein, so kann die "kontingente Identität", von der sie spricht, keine Identität im normalen, strikten Sinn des Wortes sein. Was ist sie aber dann? Man könnte natürlich sagen: "Zwei Eigenschaften sind kontingent identisch, wenn sie in allen naturgesetzlich möglichen Welten dieselbe Extension haben", aber damit hätte man nur einen neuen Term eingeführt, über die nomologische Korrelation wäre man keinen Schritt hinausgekommen.

Der Satz "Wasser ist H2O" gilt offenbar nicht analytisch. "Wasser" bedeutet nicht dasselbe wie "H2O", also ist die Eigenschaft, Wasser zu sein, eine andere als die, H2O zu sein. Man kann daher nicht von einer Identität der beiden Eigenschaften reden. Wie also hat man das "ist" in "Wasser ist H2O" zu verstehen?" Nicht jedes "ist", das zwischen Substantiven steht, drückt eine Identität aus. Wir weisen ja z. B. auch auf eine Fotografie hin und sagen "Das ist Fritz", meinen damit aber nicht, sie sei mit Fritz identisch, sondern sie sei ein Bild von Fritz, sie stelle ihn dar. Das "ist" im Satz "Wasser ist H2O" läßt sich nun im Sinn einer theoretischen Identifikation oder im Sinn einer Aussage über die Natur des Wassers deuten. Von einer  theoretischen  Identifikation kann man im Zusammenhang mit einer Reduktion sprechen. Bei einer Reduktion der phänomenologischen Thermodynamik auf die statistische Mechanik entspricht der Wärme eines Gases die mittlere kinetische Energie seiner Moleküle, so daß man sagen kann: "Im Rahmen der statistischen Mechanik ist Wärme nichts anderes als mittlere kinetische Energie der Moleküle." Ebenso ist die Aussage "Wasser ist H2O" zu verstehen im Sinn von "Chemisch gesehen ist Wasser nichts anderes als H2O". Wenn es nun möglich ist, die Psychologie durch die Angabe von nomologischen Definitionen ihrer Grundterme auf die Neurologie zu reduzieren, und wenn dabei dem Zustand Schmerzen zu haben der Zustand entspricht, daß die C-Fibern feuern, kann man auch sagen "Neurologisch gesehen ist Schmerzen haben nichts anderes als ein Feuern der C-Fibern". Versteht man das Wort "ist" im Sinne einer theoretischen Identifikation, so ist gegen diese Aussage nichts einzuwenden. Die Probleme, die sich mit einer Deutung von "ist" im Sinne der strikten Identität ergeben, stellen sich dann von vornherein nicht. Damit ist man aber wiederum keinen Schritt über die Behauptung einer nomologischen Korrelation psychologischer mit physikalischen Eigenschaften hinausgekommen. In der Aussage "Chemisch gesehen ist Wasser H2O" kann man meist das "Chemisch gesehen" weglassen, da man sich für Wasser in der Regel nur als Stoff interessiert, nicht aber z. B. als Symbol des Lebens. In dem Satz "Neurologisch gesehen ist Schmerzen haben nichts anderes als feuernde C-Fibern haben" kann man das "Neurologisch gesehen" im Kontext von Überlegungen zum Materialismus hingegen nicht weglassen, dann da steht ja gerade zur Diskussion, ob die neurologische Charakterisierung alle für Schmerzen relevanten Aspekte erfaßt.

Bei der zweiten Deutung des Wortes "ist" in "Wasser ist H2O" geht man davon aus, daß Wasser eine bestimmte Natur, eine objektive Beschaffenheit hat, die zu erkennen Aufgabe der Wissenschaft ist. Die Natur des Wassers ist durch Merkmale charakterisiert, die sich von jenen des Begriffs Wasser als der Bedeutung des Wortes "Wasser" mehr oder weniger stark unterscheiden können. Zur objektiven Beschaffenheit des Wassers gehört z. B. nicht die Rolle, die es in unserem Leben spielt oder sein Geschmack, sie umfaßt nur jene Merkmale, die es naturgesetzlich hat. Für die Natur der Stoffe ist die Chemie zuständig, und da die Chemie die homogenen Stoffe durch ihre Molekularstruktur bestimmt, kann man sagen, die Natur des Wassers besteht darin, eine molekulare Struktur H2O zu haben. Daher gilt "Wasser ist seiner Natur nach H2O" und in diesem Sinn "Wasser ist H2O". Die Eigenschaften, Wasser zu sein und H2O zu sein, haben naturgesetzlich denselben Umfang. Daraus folgt aber wie gesagt nicht, daß das Wort "Wasser" dasselbe bedeuten würde wie "H2O", sonst könnte der Satz nicht gelten: "Es hätte sich herausstellen können, daß Wasser nicht H2O ist".

Bei psychischen Zuständen wie Schmerzempfindungen kann man nun nicht von einer "objektiven Beschaffenheit" reden. Bei ihnen gibt es keinen Unterschied zwischen Sein und Erscheinen, denn sie sind Erlebnisformen. Wenn man also von der "Natur des Schmerzes" reden will, kann damit, anders als im Fall des Wassers, keine objektive Beschaffenheit gemeint sein, über die uns erst die Wissenschaften aufzuklären hätten, sondern nur das Wesen des Schmerzens, und zu dem gehört, daß es ein Gefühl ist. Daher ist die Aussage "Die Natur des Schmerzes besteht im Feuern von C-Fibern" unsinnig, denn das Feuern von C-Fibern ist kein Gefühl, sondern ist damit nur korreliert.

Fazit: Das  ist  sogenannter kontingenter Identitäten ist keine Identität, sondern muß in einem schwächeren Sinn von "ist unter neurologischen Aspekten" verstanden werden. Dann ergeben sich zwar aus nomologischen Äquivalenzen solche "ist"-Behauptungen, sie tragen aber noch nichts zu einer materialistischen Reduktion des Psychischen auf das Physische bei.

Auch JAEGWON KIM hat "On the psychophysical identity theory" (American Philosophical Quarterly 3, Seite 227-235, 1966) betont, daß empirische Gründe nur für nomologische Korrelationen von mentalen und neurologischen Zuständen sprechen können, nicht aber für ihre Identität. Das räumen auch die Identitätstheoretiker ein, betonen aber, die Identifikation sei eine theoretisch fruchtbare und vereinfachende Hypothese. Denn mit ihr erledige sich die Frage, wie diese Korrelationen zwischen anscheinend so verschiedenen Bereichen zu erklären seien, und sie ermögliche die Ableitung psychologischer Gesetze aus physikalischen. Demgegenüber betont KIM, daß eine bloße Reduzierbarkeitsbehauptung dieselben Ableitungen gestattet. Zudem "erledigt" sich die Frage, wie psycho-physische Korrelationen zu erklären sind, mit der Identitätsthese nur durch Ausklammerung: Wenn man in dem früher angeführten Beispiel sagt, ein Herz zu haben sei nichts anderes als eine Niere zu haben, "erledigt" sich die Frage, warum alle Lebewesen, die ein Herz haben, auch eine Niere haben, aber damit wird - im Sinn des vierten Einwandes gegen den logischen Physikalismus in 1. 1 - ein physiologisch interessantes Problem verstellt. Der Haupteinwand bleibt aber: die Annahme einer strengen Identität führt zu unhaltbaren Konsequenzen, und eine theoretische Identifikation im angegebenen Sinn besagt nicht mehr als eine Behauptung nomologischer Korrelation.

JOHN JAMIESON CARSWELL SMART versteht in "Sensations and Brain Processes" (Philosophical Review 68, Seite 141-156, 1959) die theoretische Identifikation in einem anderen Sinn, für den nicht "Wasser ist H2O", sondern "Gene sind Abschnitte von DNS-Ketten" das Vorbild ist. Das Wort "Gen" wurde in der Vererbungslehre zunächst im Sinn von "Erbfaktor" verwendet, also für ein unbekanntes Etwas, das Träger einer Erbanlage ist. Man hat dann entdeckt, daß die DNS diese Funktion hat, und daher diese Identifikation vorgenommen. SMART deutet z. B. die psychologische Aussage (a) "Ich habe ein orangefarbenes Nachbild" als (b) "Bei mir liegt ein Vorgang der Art vor, wie er vorliegt, wenn ich bei Tageslicht die Augen offen habe und sich vor mir eine Orange befindet". Dieser in seiner Natur zunächst unbekannte Vorgang wird dann aufgrund neurophysiologischer Erkenntnisse mit einem Vorgang im Gehirn identifiziert. Diese Deutung ist jedoch nicht korrekt. Die Aussage (a) bedeutet erstens nicht dasselbe wie (b). Denn wenn ich die Orange sehe, habe ich auch den Eindruck von etwas Rundem, und das folgt nicht aus (a). Nehme ich die Orange hingegen nicht wahr, weil ich z. B. auf etwas anderes achte, so habe ich auch keinen Eindruck von etwas Orangefarbigem. Zweitens sind psychologische Ausdrücke keine theoretischen Terme wie "Gen", die nur im Kontext einer Theorie eine Bedeutung erhalten, die aber durch den Sinn der in der Theorie verwendeten Beobachtungsterme nicht eindeutig festgelegt wird - Beobachtungsterme sind Ausdrücke für direkt beobachtbare physische Dinge und ihre Attribute. Psychologische Ausdrücke haben vielmehr eine ebenso wohlbestimmte Bedeutung wie Beobachtungsterme.


3. Ausdrücke für Mentales haben
einen phänomenalen Sinn

Ein weiterer Einwand gegen die Identitätsthese bezieht sich auf den schon kurz angesprochenen wesentlich phänomenalen Sinn von Prädikaten für mentale Zustände und Vorgänge. Bisher haben wir das Wort "mental" etwa so verwendet wie "psychisch". Im Folgenden sollen damit aber nur psychologische Zustände, Vorgänge oder Akte bezeichnet werden, die ihrem Träger im Zeitpunkt ihres Vorkommens bewußt sind, und über deren Vorliegen er sich nicht irren kann. Das sind z. B. Gefühle - es gibt keinen unbewußten Schmerz, ich kann mich in der Annahme, jetzt Schmerzen zu haben, nicht irren -, sinnliche Eindrücke, Überzeugungen, Absichten und Akte des Denkens, nicht aber charakterliche Dispositionen wie Feigheit, Einstellungen wie Neid oder Handlungen. Dinge der Außenwelt können anders sein, als sie uns erscheinen, ihre Natur kann sich von ihrem Aussehen unterscheiden. Einen Kristall sehen wir z. B. als etwas Homogenes, Dichtes, die Physik sagt uns jedoch, daß er ein Gitter von Molekülen ist und daß sein Volumen zum größten Teil aus leerem Raum besteht. Schmerzen sind hingegen so, wie wir sie empfinden; hier gibt es keinen Unterschied zwischen Sein und Erscheinen. Ich habe genau dann Schmerzen, von denen es mir erscheint, als hätte ich sie. Man kann also nicht sagen, Schmerzen seien ihrer Natur nach bestimmte Gehirnzustände, die wir nur als Schmerzen empfinden. Schmerzen sind nichts, was wir im Prinzip so, aber auch anders empfinden könnten, denn sie sind selbst Empfindungen. Analoges gilt für Überzeugungen: Auch hier gibt es keine Differenz zwischen Sein und Erscheinen. Es kann mir nicht nur so erscheinen, als glaubte ich das und das. Das Mentale ist, was es für uns ist, wie es uns erscheint, und hat keine davon unterscheidbare objektive Natur, sondern nur ein objektives Korrelat. Daher kann man auch nicht sagen, die Natur des Schmerzes sei das Feuern von C-Fibern, sondern - wie schon oben betont wurde - allenfalls, das sei die  neurologische  Natur des Schmerzes, oder besser: Schmerz sei  neurologisch  gesehen nichts anderes als das Feuern von C-Fibern. Da Schmerz wesentlich eine Empfindung ist, ist das aber eine für die Natur des Schmerzes - im weitesten Sinn des Wortes, in dem "Natur" etwa soviel wie "Wesen" bedeutet -, für die Frage also, was Schmerzen sind, wenig informative Aussage. Darum geht es aber dem Materialismus. Er behauptet in Form der Identitätsthese, Schmerzen seien überhaupt nichts anderes als das Feuern von C-Fibern; das sei die ganze Wahrheit und darüber hinaus sei nichts mehr zu sagen.

THOMAS NAGEL hat in (a. a. O. 1974) betont: Wären Gefühle nichts anderes als Gehirnzustände, so müßten wir z. B. aus einer Theorie, die uns eine komplette Information darüber gibt, welche Vorgänge sich unter den verschiedenen äußeren Bedingungen im Gehirn einer Fledermaus abspielen, sagen können, was sie in den unterschiedlichen Situationen ihres Lebens empfindet. Das ist aber offensichtlich unmöglich. Noch so vollständige neurologische Kenntnisse über Fledermäuse geben uns keine Informationen darüber, was sie fühlen.

Der Einwand vom wesentlich phänomenalen Charakter mentaler Eigenschaften liegt auch der Kritik zugrunde, die SAUL KRIPKE in "Identity and necessity" (in M. K. Munitz, Hrsg., "Identity and Individuality", NY 1971, Seite 135-164) und "Naming and necessity" ( in G. Harmann, D. Davidson, Hrsg., "Semantics for Natural Language, Seite 253-355 und 763-769, 1972) an der Identitätsthese geübt hat: Prädikate, mit denen wir Dinge der Außenwelt beschreiben, haben einen primär objektiven Sinn, der etwa im Sinn ihrer objektiven Natur zu verstehen ist. Ihr phänomenaler Sinn ist demgegenüber sekundär. Wir sagen auch dann, ein Körper sei heiß, wenn wir ihn nicht als heiß empfinden, solange er nur eine hohe Temperatur hat. Empfinden die Bewohner eines fernen Sterns Dinge mit hoher Temperatur nicht als heiß, so würden wir nicht sagen, diese Dinge seien dort nicht heiß, sondern sie empfänden sie nicht so. Behauptet jemand, heiß zu sein sei nicht dasselbe wie eine hohe Temperatur zu haben, so versteht er das Wort "heiß" in einem phänomenalen Sinn, der aber wie gesagt nicht der primäre ist. Hält man jedoch am objektiven Sinn fest, so kann die Aussage "Es hätte sich herausstellen können, daß heiße Dinge nicht immer eine hohe Temperatur haben" nur soviel bedeuten wie "Es wäre möglich, daß wir Dinge mit hoher Temperatur nicht als heiß empfinden." Weil der Primärsinn mentaler Prädikate der phänomenale ist, hat die Aussage "Wir empfinden genau dann Schmerzen, wenn unsere C-Fibern feuern" einen grundsätzlich anderen Charakter als der Satz "Ein Ding ist heiß genau dann, wenn es eine hohe Temperatur hat". Man kann sagen "Heiß sein ist nichts anderes als eine hohe Temperatur haben", aber nicht "Schmerzen empfinden ist nichts anderes als feuernde C-Fibern haben". KRIPKEs Identifikation des objektiven Sinns von Prädikaten für Physisches mit ihrem physikalischen Sinn ist zwar problematisch, das ändert aber nichts an der Schlüssigkeit des Arguments: Die Eigenschaften  heiß sein  und  als heiß empfunden werden  haben verschiedene Umfänge, nicht aber Schmerzen haben und Schmerzen empfinden.

Das Fazit dieser Überlegungen zu generischen Identitätsthese ist also: Voraussetzung dieser Behauptung ist die höchst problematische Annahme einer nomologischen Definierbarkeit psychologischer durch neurologische Prädikate. Mit ihr befassen wir uns noch einmal im nächsten Abschnitt. Die Pointe der These ist aber der Übergang von der nomologischen Definierbarkeit, von einer gesetzmäßigen Korrelation psychologischer und neurologischer Eigenschaften zu ihrer Identität. Eigenschaften oder (generische) Zustände sind nun grundsätzlich nur dann strikt identisch, wenn sie in allen Welten dieselbe Extension haben. Das würde sich nur aus einer analytischen, nicht aber aus einer nomologischen Definierbarkeit psychologischer Terme durch neurophysiologische ergeben, die von den Identitätstheoretikern aber gerade nicht angenommen wird. Aufgrund nomologischer Korrelationen kann man nur sagen,  neurologisch gesehen  (oder: seiner  neurologischen Natur nach sei ein psychischer Zustand nichts anderes als der korrelierte neurologische Zustand. Diesen Zusatz lassen die Identitätstheoretiker weg, weil er die Aussage für materialistische Zwecke unbrauchbar macht. Man könnte ihn aber nur dann weglassen, wenn psychologische Terme einen primär objektiven Sinn hätten, wenn man von einer objektiven Natur mentaler Zustände sprechen könnte, die sich von der Art und Weise unterscheidet, in der wir sie erleben, aber diese Unterscheidung macht eben keinen Sinn.


1.3 Supervenienz

Die generische Identitätsthese wird heute nur mehr von wenigen Autoren vertreten. Der Grund dafür ist nicht so sehr in den logischen Bedenken gegen den Übergang von gesetzmäßigen Korrelationen zu Identitäten zu sehen, als in der Einsicht, daß es keine Korrelationen zwischen einzelnen psychologischen Zustandstypen und neurologischen Zustandstypen gibt. Man nimmt heute meist nicht mehr solche atomistischen Korrelationen an, sondern holistische. Danach entspricht dem psychischen Gesamtzustand einer Person in einem Moment ein neurologischer oder im weiten Sinn des Wortes physikalischer Zustand dieser Person in diesem Moment. Da z. B. eine Schmerzempfindung im Kontext ganz verschiedener psychologischer Gesamtzustände auftreten kann, denen verschiedene physikalische Gesamtzustände entsprechen, kann man dann nicht mehr sagen, bei jeder Person und in jedem Zeitpunkt entspreche eine Schmerzempfindung ein und demselben physikalischen Zustand. Die psychologischen Terme lassen sich daher auch nicht einzeln nomologisch durch physikalische Terme definieren. Da man gewöhnlich eine Reduzierbarkeit des Psychischen auf das Physische im Sinn einer nomologischen Definierbarkeit der psychologische Terme durch physikalische versteht, gelangt man so zu einem  nichtreduktiven Materialismus,  da der Materialismus eine reduktionistische Position ist, also zu einem nichtreduktiven Reduktionismus. Das klingt abwegiger als es ist, denn "nichtreduktiv" hat hier einen speziellen Sinn, und es wäre ansich durchaus möglich, daß man in einer weiten Bedeutung des Wortes auch dann einer "reduktionistischen" Position reden könnte, wenn keine Reduktionen angenommen werden. Es stellt sich freilich die Frage, was ein solcher Reduktionismus beinhaltet, und ob es sich dabei noch um eine genuin materialistische Position handelt.

Von dieser holistischen Auffassung her liegen zwei Hypothesen nahe: Die Supervenienzthese, nach der jedem psychologischen Unterschied ein physikalischer entspricht, und die These einer  singulären Identität  psychologischer und physikalischer Zustände. Die letztere behauptet eine Identität von Vorkommnissen psychologischer Zustandstypen mit Vorkommnissen physikalischer Zustandstypen. Dem Schmerz von  Hans  am 23. 3. 1992 und 9 Uhr kann also ein anderer neurologischer Zustand entsprechen als dem Schmerz von  Fritz  am 23. 3. 1992 oder auch dem Schmerz von  Hans  am 23. 3. 1992 um 10 Uhr. Verschiedenen Vorkommnissen des Typs  Schmerzen haben  können also Vorkommnisse verschiedener Typen von neurologischen Zuständen entsprechen. Während man bei der generischen Identitätsthese von der Annahme ausging: "Zu jeder psychologischen Eigenschaft  F  gibt es eine physikalische Eigenschaft  G,  so daß es naturgesetzlich wahr ist, daß für jede Person  X  und jeden Zeitpunkt  t  gilt:  X  hat in  t  die Eigenschaft  F  genau dann, wenn  X  in  t  die Eigenschaft  G  hat", geht man nun von der sehr viel schwächeren Annahme aus: "Zu jeder psychologischen Eigenschaft  F,  jeder Person  X  und jedem Zeitpunkt  t  gibt es eine physikalische Eigenschaft  G,  so daß naturgesetzlich gilt:  X  hat in  t  die Eigenschaft  F  genau dann, wenn  X  in  t  die Eigenschaft  G  hat". Hier geht es also nicht um die Identität von  F  und  G,  sondern um die Identität der Sachverhalte, daß  X  in  t  die Eigenschaft  F  hat, und daß  X  in  t  die Eigenschaft  G  hat. Daher spricht man auch oft von einer Identität psychologischer und physikalischer Ereignisse. Ereignisse sind als Sachverhalte aber wiederum nur dann identisch, wenn sie in allen Welten identisch sind (6). Gegen die singuläre Identitätsthese erheben sich analoge Bedenken wie gegen die Identifikation von Zustandstypen. Man kann wiederum nur sagen "Unter physikalischen Aspekten ist ein psychologisches Ereignis nichts anderes als ein bestimmtes physikalisches Ereignis", aber das beinhaltet nicht mehr als die Behauptung, daß nach den geltenden Naturgesetzen das eine Ereignis genau dann eintritt, wenn das andere Ereignis eintritt. Der über eine nomologische Korrelation von psychologischen und physikalischen Ereignissen hinausgehende Anspruch der singulären Identitätsthese ist also nicht haltbar. (7)

Die Supervenienzthese erfordert eine eingehendere Diskussion. Man unterscheidet gewöhnlich drei Supervenienzbegriffe.  PS  sei die Menge aller psychologischen Eigenschaften von Personen und  PH  sei die Menge aller physikalischen Eigenschaften, die sie haben können. Man sagt dann,  PS  sei  schwach supervenient  bzg.  PH,  wenn sich zwei Personen, die sich in mindestens einer psychologischen Eigenschaft unterscheiden, naturgesetzlich auch immer in mindestens einer physikalischen Eigenschaft unterscheiden. Setzt man voraus, daß  PH  eine vollständige  Boolsche  Algebra ist, d. h. mit jeder Eigenschaft auch ihre Negation enthält und zu jeder Menge von Eigenschaften aus  PH  auch deren Konjunktion, so kann man das auch so ausdrücken: zu Jeder psychologischen Eigenschaft  F  gibt es naturgesetzlich eine physikalische Eigenschaft  G,  die genau auf dieselben Personen zutrifft wie  F.

Die  starke Supervenienz  von  PS  bzt.  PH  besagt hingegen, daß es zu jeder psychologischen Eigenschaft  F  eine physikalische Eigenschaft  G  gibt, so daß  F  naturgesetzlich auf genau dieselben Personen zutrifft wie  G.  Der Unterschied zwischen schwacher und starker Supervenienz besteht darin, daß im ersten Fall derselben psychologischen Eigenschaft  F  in verschiedenen naturgesetzlich möglichen Welten verschiedene physikalische Eigenschaften entsprechen können. Entspricht als  F  in unserer Welt die physikalische Eigenschaft  G,  so kann man nicht behaupten: Hätte jemand die Eigenschaft  G,  so hätte er auch die Eigenschaft  F,  oder: Hätte er  G  nicht, so auch nicht  F.  Das kann man nur dann sagen, wenn  F  in allen naturgesetzlich möglichen Welten dieselbe Eigenschaft  G  entspricht, und das behauptet die starke Supervenienz. Sie wird freilich zunächst nicht so definiert, sondern durch die Bedingung: Sind  w und w'  naturgesetzlich mögliche Welten und  X  und  Y  Personen, so gilt: Hat  X  in  w  dieselben physikalischen Eigenschaften wie  Y  in  w',  so hat auch  X  in  w  auch dieselben psychologischen Eigenschaften wie  Y  in  w'.  Unter der Voraussetzung, daß  PH  eine vollständige  Boolsche  Algebra ist, ist diese Definition aber mit der zuerst angegebenen äquivalent.

Die  globale Supervenienz  von  PS  bezüglich  PH  besagt endlich: Sind  w  und  w'  dieselben physikalischen Eigenschaften, so hat jede Person in  w  und  w'  auch dieselben psychologischen Eigenschaften. Unter der Voraussetzung, daß  PS  und  PH  vollständige  Boolsche  Algebren sind, ist das äquivalent mit der Behauptung: jeder psychologische Sachverhalt  A,  der beinhaltet, daß bestimmte Personen bestimmte psychologische Eigenschaften haben, ist nomologisch äquivalent mit einen physikalischen Sachverhalt  B,  d. h. in allen nomologisch möglichen Welten besteht  A  genau dann, wenn  B  besteht. Aus der starken Supervenienz folgt sowohl die schwache wie die globale, aus der globalen wie der schwachen folgt aber keine der beiden anderen. Die starke Supervenienz ist also der stärkste dieser drei Begriffe.

DONALD DAVIDSON hat sich in "Mental Events" (in L. Foster, J. W. Swanson, Hrsg., "Experience and Theory", 1970, abgedruckt in DAVIDSON: Essays on Action and Events 1980, Seite 207-227) für die Annahme einer schwachen Supervenienz psychologischer bezüglich physikalischer Eigenschaften ausgesprochen. Für ihn fällt sie mit der singulären Identitätsthese zusammen. Das ist aber offensichtlich falsch, denn erstens ergibt sich aus den Supervenienzthesen keine Identität von psychologischen mit physikalischen Ereignissen, und zweitens setzt die Identitätsthese andere Korrelationen voraus: Statt "Zu jeder psychologischen Eigenschaft  F  gibt es naturgesetzlich eine physikalische Eigenschaft  G,  so daß  F  und  G  auf dieselben Personen zutreffen" wird gefordert "Zu jedem  F  und jeder Person  X  gibt es ein  G,  so daß  G  naturgesetzlich genau dann auf  X  zutrifft, wenn  F  das tut".

Die schwache Supervenienz ist eine zu schwache Grundlage für einen Materialismus, denn wie wir schon sahen bestehen danach keine naturgesetzlichen Zusammenhänge zwischen einer psychologischen Zustand und einem bestimmten physikalischen, so daß man auch nicht sagen kann, wäre die Person  X  im letzteren Zustand, so auch im ersteren. Zudem gibt es physikalische Identitätskriterien für Personen:  X  und  Y  sind identisch, wenn sie sich zu einem Zeitpunkt am gleichen (hinreichend eng umschriebenen) Ort befinden. PH  enthält aber Eigenschaften, die den Ort einer Person zu einem Zeitpunkt charakterisieren, und daher folgt  "X  und  Y  haben dieselben physikalischen Eigenschaften" der Satz "X ist mit  Y  identisch", und daraus ergibt sich dann nach dem Substitutionsprinzip, daß  X  und  Y  alle Eigenschaften, insbesondere alle psychologischen gemeinsam haben, d. h. die schwache Supervenienz wird zur inhaltslosen Trivialität.

Der für einen Materialisten weitaus interessanteste Begriff ist der einer starken Supervenienz. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als falle sie mit der Annahme der nomologischen Reduzierbarkeit zusammen. Das ist aber nicht der Fall: Läßt sich jedes psychologische Prädikat nomologisch durch ein physikalisches definieren, so gilt auch: Zu jeder psychologischen Eigenschaft  F  gibt es eine physikalische,  G,  so daß die beiden naturgesetzlich auf dieselbe Person zutreffen, und das ist es, was die starke Supervenienz behauptet. Die Umkehrung gilt jedoch nicht: Die  F  entsprechende Eigenschaft  G  wird erstens durch einen Rückgriff auf  F  bestimmt, so daß diese Bestimmung als Definition zirkulär wäre. Zweitens wird  G  mit unendlichen Konjunktionen [Verbindungen - wp] und Disjunktionen [Unterscheidungen - wp] bestimmt, die sich in den normalen Wissenschaftssprachen nicht in der Form eines definierenden Ausdrucks nachbilden lassen. Aus der Existenz einer physikalischen Eigenschaft, die mit der psychologischen Eigenschaft  F  nomologisch korreliert ist, folgt also nicht die Definierbarkeit des Prädikats für  F  durch einen Ausdruck der physikalischen Sprache.

Dieser Punkt ist auch zu beachten, wenn von einer Reduzierbarkeit z. B. der Biologie auf die Physik die Rede ist. Was man behaupten kann, ist nur eine starke Supervenienz der biologischen bezüglich der physikalischen Eigenschaften, nicht aber eine nomologische Definierbarkeit der biologischen Terme durch physikalische, erst recht nicht eine Übersetzbarkeit der Sprache der Biologie in die der Physik. Wir nehmen an, daß jedem biologischen Unterschied ein physikalischer entspricht. Wir sind aber nicht in der Lage, Begriffe wie  Gehirn, Herz  oder  Wirbelsäule  physikalisch zu definieren. Angesichts der Tatsache, daß biologische Klassifikationen quer zu physikalischen verlaufen, daß also den biologisch einfachen oder natürlichen Unterscheidungen keine physikalisch einfachen entsprechen, wären solche Definitionen auch so kompliziert, daß sie für biologische Zwecke unbrauchbar wären. Ein Organ ist z. B. durch seine Funktion für den Blutkreislauf als Herz bestimmt, physikalisch müßte man hingegen von seiner Gestalt und seiner chemischen und damit letztlich molekularen Zusammensetzung ausgehen, und in beiden unterscheiden sich die Herzen verschiedener Tierarten ganz erheblich. Man erhielte also für "Herz" eine sehr lange Disjunktion von physikalischen Beschreibungen der Herzen der verschiedenen Spezies, aus der aber die Funktion eines Herzens für den Blutkreislauf nicht ersichtlich wäre. Die Supervenienz der Begriffe der Biologie bezüglich jener der Physik bedeutet also nicht, daß sie in der Physik aufgeht und ihre Eigenständigkeit verliert. Für ihre Probleme sind ihre eigenen Begriffsbildungen weit brauchbarer als die der Physik. Analoges gilt für Chemie und Neurophysiologie. Wir wollen aber trotzdem in unserer Praxis fortfahren, biologische oder physiologische Eigenschaften oder Vorgänge als "physikalisch" zu bezeichnen, denn wir haben schon gesagt, daß wir dieses Wort oft einfach im Sinn von "naturwissenschaftlich" verwenden.

Im Gegensatz zur Annahme einer schwachen Supervenienz ist die einer starken keineswegs trivial, sondern, wie wir sehen werden, außerordentlich problematisch. Selbst wenn sie richtig wäre, würde sie aber wesentliche Ansprüche des Materialismus nicht abdecken, denn sie rechtfertigt weder die Behauptung, geistig-seelische Phänomene seien nichts anderes als spezielle physikalische Phänomene, noch jene einer Abhängigkeit des Psychischen vom Physischen. Zum zweiten Punkt ist zunächst zu betonen, daß Abhängigkeit eine asymmetrische Relation ist; hängt also  PS  von  PH  ab, so kann nicht zugleich auch  PH  von  PS  abhängen. Das wird zwar durch die starke Supervenienz als solche nicht ausgeschlossen, eine Supervenienz von  PH  bezüglich  PS  ist aber jedenfalls nicht anzunehmen. Im Zusammenhang mit dem Materialismus als metaphysischer These ist nun eine Abhängigkeit der psychologischen Zustände von physikalischen so zu verstehen, daß diese Seinsgründe, also Ursachen von jenen sind, und nicht etwa Erkenntnisgründe. Der Materialist will ja nicht leugnen, daß sich z. B. aus den Schmerzempfindungen einer Person etwas über die Vorgänge in ihrem Gehirn erschließen läßt. Nun geht aber erstens die Ursache ihrer Wirkung zeitlich voraus, während mit der starken Supervenienz nur eine Beziehung zwischen gleichzeitigen psychologischen und physikalischen Zuständen behauptet wird. Wie THOMAS GRIMES betont hat, kann zweitens eine naturgesetzliche Korrelation zwischen zwei Ereignissen auch deswegen bestehen, weil sie beide Wirkungen derselben Ursache sind. Drittens gilt analytisch, daß Skandinavier genau die Personen sind, die Norweger, Schweden oder Lappen sind. Danach ist die Eigenschaft, ein Skandinavier zu sein, stark supervenient bezügich der Menge der Eigenschaften: ein Norweger sein, ein Schwede sein, ein Lappe sein, während eine umgekehrte starke Supervenienz nicht besteht. Trotzdem kann man nicht sagen, die Tatsache, daß jemand ein Norweger ist, sei die Ursache dafür, daß er ein Skandinavier ist. Die starke Supervenienz ist also keine Beziehung der Abhängigkeit oder Determination, wie oft behauptet wird, erst recht gilt das also nicht für die schwache und die globale Supervenienz.

Die globale Supervenienz scheint auf den ersten Blick eine sehr schwache Relation zu sein. Sie besagt ja nur: Ändert sich bei irgendwem etwas in psychologischer Hinsicht, so ändert sich auch bei irgendjemandem etwas in physikalischer Hinsicht. Wenn ich Schmerzen bekomme, heißt das also nicht, daß in meinem Gehirn etwas passiert oder sonstwo in meinem Körper, es genügt z. B., daß irgendein Atom im Körper irgendeines Chinesen eine geringfügige Beschleunigung erfährt. Da in den Körpern der Milliarde Chinesen immer etwas passiert, ist die Aussage, daß auch dann etwas passiert, wenn ich Schmerzen bekomme, nicht sehr erhellend. Noch stärker als für die starke Supervenienz stellt sich also für die globale die Frage, ob es sich dabei noch um eine These handelt, die das Etikett "materialistisch" verdient.

Für eine globale statt einer starken Supervenienz spricht folgende Überlegung: Es gibt psychologische Eigenschaften,  das Wort "konservativ" zu verstehen,  die extrinsisch sind. Während eine intrinsische Eigenschaft einem Ding als solchem zukommt, unabhängig davon, welche anderen Dinge es gibt und wie sie beschaffen sind - intrinsisch sind z. B. Farb- und Formeigenschaften oder die Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies -, charakterisieren extrinsische Eigenschaften ein Ding durch seine Beziehungen zu anderen, wie z. B.  von Fritz gesehen werden  oder  auf dem Schrank liegen.  Die Präzisierung dieser Unterscheidung ist zwar nicht einfach, aber darauf kommt es hier nicht an. Ob  Hans  das Wort "konservativ" versteht, hängt jedenfalls nicht nur davon ab, wie er selbst es versteht, sondern auch davon, wie es von den anderen Mitgliedern seiner Sprachgemeinschaft gebraucht wird. Man kann also die Menge  PS  der psychologischen Eigenschaften nicht auf intrinsische beschränken, und entsprechendes gilt für die Menge  PH  der physikalischen Eigenschaften (8). Läßt man aber extrinsische Eigenschaften allgemein zu, so fällt die starke Supervenienz mit der globalen zusammen. Es dürfte schwierig sein, zulässige extrinsische Eigenschaften so abzugrenzen, daß diese Konsequenz ohne inhaltliche Einschränkung der Supervenienzthese vermieden wird.

Gegen die Annahme einer globalen Supervenienz der psychologischen Eigenschaften, dies und jenes von der physischen Welt zu glauben, spricht nun das Argument, daß sich daraus sehr starke und völlig unplausible naturgesetzliche Beschränkungen dessen ergeben, was wir von der physischen Welt glauben können. Für eine Person, die tatsächlich glaubt, daß ein bestimmter physikalischer Sachverhalt besteht, wäre es z. B. naturgesetzlich unmöglich zu glauben, daß er nicht besteht. Stellen wir Sachverhalten dar als Mengen jener Welten, in denen sie gelten, so gibt es aus rein logischen Gründen sehr viel mehr Überzeugungen einer Person bezüglich dieser Sachverhalte als es solche Welten gibt. Zur Darstellung all dieser möglichen Überzeugungen braucht man also auch viel mehr mögliche Welten als zur Darstellung jener Sachverhalte, auf die sich diese Überzeugungen beziehen. Das heißt in unserem Fall: Es muß eine ganze Menge von Welten geben, in denen dieselben physikalischen Sachverhalte gelten, von Welten also, die sich physikalisch nicht unterscheiden, wohl aber in den Überzeugungen, die eine Person in ihnen hat. Die globale Supervenienz schließt das aber gerade aus. (9) Es ist daher nicht anzunehmen, daß sich zwei Welten, in denen jemand unterschiedliche psychologische Eigenschaften hat, auch immer physikalisch unterscheiden, daß also alle psychologischen Eigenschaften global supervenient sind bezüglich physikalischer Eigenschaften. Das ist zugleich ein Argument gegen die Annahme einer starken Supervenienz, denn aus ihr folgt ja die globale, wie gegen eine nomologische Definierbarkeit, aus der wiederum die starke Supervenienz folgen würde. Da die schwache Supervenienz, wenn nicht überhaupt trivial, so in jedem Fall für einen Materialismus zu schwach ist, ergibt sich also, daß ein Materialismus auch in Gestalt einer Supervenienzthese unhaltbar ist. Das heißt natürlich nicht, es gebe psychische Vorgänge, bei denen sich nicht gleichzeitig Prozesse im Gehirn vollziehen, sondern nur, daß unterschiedlichen psychischen Vorgängen dieselben neurologischen Prozesse entsprechen können, daß neurologische Klassifikationen gröber sind als psychologische Klassifikationen der entsprechenden mentalen Vorgänge.


1.4 Der Eliminative Materialismus

Viele Materialisten vertreten heute nicht mehr die Ansicht, die Sprache der Psychologie lasse sich auf jene der Physik reduzieren oder psychologische Eigenschaften seien supervenient bezüglich physikalischer. Statt dessen glauben sie, mit dem Fortschreiten der Neurowissenschaften werde die Sprache der Psychologie durch die der Neurologie ersetzt. Damit würden psychologische Begriffe obsolet, so daß sich die Fragen der Reduktionisten von selbst erledigen werden.

Den Hintergrund dieser Idee bildet CARNAPs pragmatische Auffassung des Materialismus. In seiner frühen, radikal empiristischen Phase sah CARNAP alle Aussagen der Metaphysik, also auch die der Ontologie, als sinnlos an. Nach seinem empiristischen Sinnkriterium sind Sätze, die nicht der Logik oder Mathematik angehören, nur dann sinnvoll, wenn sie sich durch Beobachtungen verifizieren - später heißt es dann liberaler: bestätigen - lassen. An die Stelle der materialen Fassung ontologischer Fragen muß daher eine formale treten, die nur auf Sprachen Bezug nimmt. In seinem Buch "Der logische Aufbau der Welt" (1928) faßte CARNAP aus erkenntnistheoretischen Gründen die Beobachtungssprache noch als eine phänomenalistische Sprache auf, mit dem Aufsatz "Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft, Erkenntnis 2, Seite 432-465, 1931) ging er dann aufgrund wissenschaftstheoretischer Überlegungen zur "Dingsprache" über; darunter verstand er die alltägliche Sprache über Physisches. Sein Argument war: Nur die Sätze dieser Sprache sind intersubjektiv, d. h. für alle Menschen prinzipiell in gleicher Weise überprüfbar und damit die geeignete Basis für die Wissenschaften. Die ontologische These des Materialismus "Es gibt nur physikalische Objekte" wurde so ersetzt durch die formale: "Alle Aussagen der Wissenschaften lassen sich in der physikalischen Sprache formulieren". Ein programmatischer Aufsatz CARNAPs hatte den Titel: "Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft" (1931). Die physikalische Sprache ist die Dingsprache, erweitert um die wissenschaftlichen Terme der Physik, die sich nach CARNAP in der Dingsprache einführen lassen. Er hat seine These zunächst im Sinn einer Übersetzbarkeit der Sprachen aller anderen Wissenschaften in die der Physik verstanden, also im Sinn einer expliziten Definierbarkeit aller wissenschaftlichen Terme durch solche der Physik. Später, beginnend mit der Arbeit "Testability and Meaning, Philosophy of Science 3, Seite 107-142, 1936), hat er nur mehr eine implizite Definierbarkeit aller wissenschaftlichen Terme in der physikalischen Sprache behauptet. Am Anfang stand bei ihm ferner die Behauptung einer analytischen Definierbarkeit, später ging er dann zu der einer nomologischen Definierbarkeit über. Noch in der Antwort auf den Aufsatz von HERBERT FEIGL in SCHILPP "The Philosophy of Rudolf Carnap" (1963) wendet er sich gegen die ontologische Formulierung der generischen Identitätsthese mit dem Argument, auch eine dualistische Sprache sei möglich und in ihr gelte die Identität von mentalen mit Gehirnzuständen nicht; der Physikalist könne also nicht mehr behaupten, als daß die physikalische Sprache auch für psychologische Zwecke brauchbar ist. Als zweite These des Physikalismus kommt bei CARNAP noch die Behauptung hinzu, alle psychologischen Phänomene ließen sich physikalisch, d. h. mit physikalischen Gesetzen, erklären.

Wir haben nun schon gesehen, was gegen eine explizite analytische oder auch nomologische Definierbarkeit psychologischer durch physikalische Ausdrücke spricht. Eine bloß implizite Definition kann aber den Sinn psychologischer Terme nicht vollständig erfassen. Von einer impliziten Definition von Termen spricht man, wenn sie im Rahmen einer Theorie vorkommen, und ihre Interpretation sich nur aus der Forderung ergibt, diese Theorie solle wahr sein.

Solche Terme bezeichnet man auch als  theoretische Terme.  Die Deutung der Beobachtungsterme - sie stehen für direkt beobachtbare Dinge und Attribute, gehören also der Dingsprache an -, die in den Aussagen der Theorie verwendet werden, legen bei Annahme der Wahrheit der Theorie die Bedeutung der theoretischen Terme nur dann eindeutig fest, wenn sich diese explizit durch Beobachtungsterme definieren lassen; dann bezeichnet man sie aber nicht als "theoretische Terme" (10). Man kann nun psychologische Ausdrücke, wie schon früher betont wurde, nicht als theoretische Terme in physikalischen Theorien ansehen, denn ihre Bedeutung ist nicht weniger genau bestimmt als die der Ausdrücke der Dingsprache. Sie werden nicht erst im Kontext physikalischer Theorien eingeführt und durch die Forderung der Wahrheit dieser Theorien interpretiert, sondern sie haben bereits eine Bedeutung, und im Blick auf sie ist festzustellen, ob die Theorien tatsächlich wahr sind. Diese Einsicht war auch ein Grund, warum HERBERT FEIGL und DAVID LEWIS zu einer expliziten Definierbarkeit zurückkehrten. Sachlich ergibt sich also nichts Neues. Zudem ist zu betonen: Man befreit sich nicht von ontologischen Aussagen, wenn man von Sprachen redet. Diese können ja nicht uninterpretiert sein - eine Sprache ist nur kraft ihrer Interpretation eine physikalische oder psychologische Sprache -, und jede interpretierte Sprache setzt die Existenz jener Entitäten voraus, von denen sie spricht. Sprachen sind also ontologisch nicht neutral, und das gilt dann auch für linguistische Formulierungen des Physikalismus.

In (a. a. O. 1950) hat CARNAP seine Skepsis gegenüber ontologischen Fragen nicht mehr mit einen empirischen Sinnkriterium begründet. Dort geht er nun selbst davon aus, daß sich mit jeder Sprache ontologische Voraussetzungen verbinden. Nach WILLARD van ORMAN QUINE setzt jede Sprache all jene Entitäten als existent voraus, die Werte ihrer gebundenen Variablen sind. (11) Die Aussagen "Es gibt Elektronen" und "Alle Elektronen haben eine negative elektrische Ladung" werden logisch mit gebundenen Variablen formuliert als "Es gibt ein Ding  x,  so daß  x  ein Elektron ist" bzw. "Für jedes Ding  x  gilt: Ist  x  ein Elektron, so hat  x  eine negative elektrische Ladung". Jeder Sprache liegt nun ein  universe of discourse  zugrunde, eine Menge  U  von Entitäten, z. B. Objekten, von denen in der Sprache die Rede ist, und die beiden Aussagen sind daher so zu verstehen, daß es ein Ding  x  aus  U  gibt, so daß ..., bzw. daß für jedes Ding  x  aus  U  gilt ... Nehmen wir einmal an, daß der  universe of discourse  der Sprache  S  die Menge der Lebewesen ist. Dann gibt es in  S  Existenzsätze, deren Wahrheitswert durch die Interpretation von  S  nicht festgelegt ist, so daß die Frage, ob sie gelten, eine sinnvolle, z. B. empirische Frage ist - CARNAP nennt sie "interne Existenzfragen". Eine solche Frage wäre in unserem Beispiel etwa "Gibt es fliegende Hunde?" Die Frage hingegen "Gibt es Lebewesen?" ist in der Sprache  S  trivialerweise zu bejahen, denn Lebewesen werden ja von  S  vorausgesetzt. CARNAP spricht in solchen Fällen von "externen Existenzfragen". (12) Es ist also nicht möglich, in einer Sprache ihre eigenen ontologischen Voraussetzungen zu problematisieren, die Existenz von Dingen, die angenommen werden müssen, damit die Aussagen der Sprache den Sinn haben, den wir ihnen zuschreiben. Eine externe Existenzfrage läßt sich nur in einer anderen Sprache sinnvoll stellen, in der sie eine interne Existenzfrage darstellt. Diese andere Sprache macht dann aber wiederum spezielle ontologische Voraussetzungen.

Existenzfragen lassen sich also nur in einer Sprache formulieren, und sie lassen sich nur relativ zu den ontologischen Voraussetzungen dieser Sprache beantworten. Absolute Antworten, d. h. solche, die nicht nur relativ zu bestimmten ontologischen Voraussetzungen gelten, sind also nicht möglich. Daher laufen für CARNAP unterschiedliche ontologische Positionen letztlich auf die Wahl unterschiedlicher Sprachen hinaus, und die relevante Frage ist nicht: "Was gibt es ansich?", sondern: "Welche Sprache ist für die jeweiligen Zwecke am besten geeignet?" Darin besteht CARNAPs linguistisch-pragmatische Wende ontologischer Fragestellungen, und daher formuliert er den Physikalismus als These, für die Zwecke der Wissenschaften sei die physikalische Sprache am brauchbarsten. Ontologische Voraussetzungen sind für bestimmte Zwecke gerechtfertigt, wenn es eine Sprache gibt, die sich dafür bewährt - in der man die fraglichen Phänomene mit der gewünschten Genauigkeit und hinreichend einfach beschreiben kann -, und wenn keine Sprache in Sicht ist, die dasselbe leistet und mit weniger ontologischen Voraussetzungen auskommt.  Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem  [in der Erkenntnis dürfen nicht ohne zwingende Notwendigkeit zusätzliche Entitäten in Anspruch genommen werden - wp], sagt OCKHAM, und CARNAP deutet diese Notwendigkeit im Sinn praktischer Erfordernisse.

Diese pragmatische Behandlung ontologischer Fragen hat viel für sich. Sie spricht aber erstens nicht für, sondern gegen den Materialismus, da sich psychologische Phänomene - und ebenso biologische und physiologische - eben nicht zureichend in einer physikalischen Sprache beschreiben lassen. Bewährt sich zweitens eine Sprache bei der Beschreibung von Phänomenen, so rechtfertigt das die Annahme, daß es die Entitäten auch wirklich gibt, die sie voraussetzt. Eine Sprache wird sich ja zur Beschreibung eines Gegenstandsbereiches nur dann bewähren, wenn sie vorhandene Dinge benennen und vorhandene Unterschiede ausdrücken kann. Wenn sie funktionieren sollen, müssen Sprachen die Realität von der sie reden, hinreichend umfassend und korrekt darstellen. Die Wahl einer Ontologie ist also zwar eine Sache der Zweckmäßigkeit, am zweckmäßigsten ist aber immer das Richtige, und nur es wird sich auf Dauer bewähren. Ontologische Fragen haben daher durchaus einen materialen Gehalt und lassen sich nicht beliebig entscheiden. Es ist gerechtfertigt, jene ontologischen Annahmen zu machen, die sich bei der Beschreibung der Welt bewähren. Das gilt dann aber auch für psychische Zustände und Akte.

Der eliminative Materialismus, wie er z. B. von PAUL FEYERABEND, RICHART RORTY und PAUL CHURCHLAND vertreten worden ist, behauptet keine Identität von mentalen und physikalischen Zuständen oder Ereignissen, keine Reduzierbarkeit psychologischer Sprachen oder Theorien auf physikalische und nicht einmal eine Supervenienz. Er nimmt vielmehr an, daß die Psychologie im Verlauf der weiteren Wissenschaftsentwicklung von Biologie und Neurologie verdrängt werden wird. Dabei geht er von der Feststellung aus, unsere Vorstellungen von psychischen Phänomenen, wie sie in der Alltagspsychologie oder auch in der wissenschaftlichen Psychologie formuliert werden, seien völlig unzulänglich. Die Psychologie könne vieles nicht erklären wie z. B. Geisteskrankheiten, Kreativität, Intelligenzunterschiede, Schlaf oder Erinnerung, sie stagniere seit 2500 Jahren (so CHURCHLAND) und lasse sich wegen ihres mentalistischen Vokabulars nicht mit naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Biologie und Neurologie verbinden. Die traditionelle Psychologie sei daher ein unfruchtbares Forschungsprogramm. So ließe sich absehen, daß sie im Verlauf der weiteren Entwicklung durch naturwissenschaftliche Disziplinen, insbesondere durch die Neurologie verdrängt wird. Damit werde auch die Sprache über Psychisches verschwinden und mit ihr die Annahme psychischer Zustände und Vorgänge. Ebenso reden wir heute nicht mehr von Dämonen, ohne die Identität von Dämonen z. B. mit Halluzinationen anzunehmen oder eine Reduzierbarkeit der Sprache über Dämonen auf naturwissenschaftliche Sprachen. Wir kommen bei der Beschreibung der Welt ohne die Annahme von Dämonen aus und daher hat die Rede von ihnen für uns keinerlei Interesse mehr. Im gleichen Sinn werde die Annahme von Psychischem obsolet werden und damit die ganze Reduzierbarkeitsproblematik.

Der eliminative Materialismus ist also eine Prognose über künftige wissenschaftliche Entwicklungen und Veränderungen unserer Sprache in ihrem Gefolge. Über eine solche Vorhersage läßt sich schlecht streiten. Mir jedenfalls erscheint sie als höchst unplausibel, denn das Interesse an psychologischen Phänomenen werden wir kaum verlieren, und die Begriffe und Theorien der Psychologie sind im Gegensatz zu denen der Neurologie oder gar der Physik auf diese Phänomene zugeschnitten. Selbst wenn die prognostizierte Entwicklung einträte, würde sie aber nichts über die Legitimität, die sachliche Berechtigung der Elimination der Sprache über Psychisches besagen, und allein darum geht es hier. Es wäre ja schließlich auch möglich, daß man später einmal die Physik aufgibt und zur Dämonologie zurückkehrt. Die Ersetzung der Psychologie durch die Naturwissenschaften wäre nur dann gerechtfertigt, wenn sie sich auf diese reduzieren ließe, aber das ist eben nicht der Fall. Der eliminative Materialismus ist also eine These, die in unserem Zusammenhang ohne sachliches Interesse bleibt.

Auch der Eliminative Materialismus empfiehlt eine pragmatische Behandlung ontologischer Fragen. Von ihm unterscheidet sich der Ansatz CARNAPs jedoch dadurch grundlegend, daß dieser sich nicht wie FEYERABEND als Prophet bezüglich der künftigen Sprachentwicklung betätigt und ihr die Entscheidung über die Richtigkeit des Materialismus überlassen will. CARNAP sagte keine Reduktion der Wissenschaftssprache der Psychologie auf die der Physik voraus, sondern wollte sie rechtfertigen, d. h. begründen, daß eine solche Reduktion ohne Verlust an Differenzierungs- und Erklärungsmöglichkeiten durchführbar ist.

Das Ergebnis unserer Erörterungen in diesem Kapitel ist also: Der Materialismus hat seine Ansprüche unter dem Druck der Kritik zunehmend abgeschwächt. Er begann als logischer Physikalismus, der tatsächlich eine Identität des Mentalen mit dem Physischen und eine Übersetzbarkeit der Sprache der Psychologie in jene der Physik beinhaltet, aber von vornherein völlig abwegig ist. Er ging dann über zu der These einer kontingenten, generischen Identität von mentalen und physikalischen Zuständen. Und nachdem nicht nur die, sondern auch die schwächere Behauptung einer nomologischen Definierbarkeit psychologischer durch physikalische Terme, die wenn schon keinen Materialismus, so doch jedenfalls eine Reduzierbarkeit der Psychologie auf die Physik zur Folge hätte, sich als unhaltbar erwiesen hat, traten nichtreduktive Materialismen auf den Plan. Da die singuläre Identitätsthese aber unter ähnlichen Mängeln leidet wie die generische, wird heute meist nur mehr eine Supervenienz psychologischer bezüglich physikalischer Begriffe vertreten. Wir haben jedoch gesehen, daß nur eine schwache Supervenienz plausibel ist, die sich allerdings auch am Rande der Trivialität bewegt und für einen Materialismus sicher zu schwach ist. Die letzte Version, der eliminative Materialismus, erwies sich als eine wenig glaubhafte Prophetie über künftige wissenschaftliche Entwicklungen, die, selbst wenn sie sich erfüllen würde, keine sachliche Signifikanz hätte. Im Verlauf dieser Metamorphosen ist der Gehalt des Materialismus zunehmend verdunstet. ANTHONY FLEW hat einmal von der Theologie gesagt, ihre Behauptungen stürben "den Tod der 1000 Qualifikationen"; unter dem Druck der Gegenargumente hätten die Theologen ihre Thesen immer mehr eingeschränkt, so daß sie schließlich jeden Gehalt verloren hätten. Dasselbe hätte er vom Materialismus sagen können.

ff
LITERATUR - Franz von Kutschera, Die falsche Objektivität, Berlin - New York 1993

    Anmerkungen
    1) So FODOR in "Representations", 1981, Seite 4f
    2) Der Einfachheit halber sehen wir hier von psychologischen Relationen ab und insbesondere von nichtextensionalen psychologischen Kontexten wie  X glaubt, daß Y Schmerzen hat.  Aus der nomologischen Definierbarkeit von "Schmerzen haben" durch ein Verhaltensprädikat folgt nicht, daß man beide im angegebenen Kontext füreinander  salva veritate  [unbeschadet der Wahrheit - wp] substituieren kann; diese Korrelation kann  X  ja unbekannt sein. Die Berücksichtigung solcher nichtextensionaler Kontexte würde die Relevanz nomologischer Korrelationen für den Materialismus nur noch fragwürdiger erscheinen lassen. Vgl. dazu auch Abschnitt 1.3.
    3) Gegen den Einwand von N. BLOCK "Troubles with functionalism, in W. Savage, Hrsg., "Perception and Cognition", Minnesota Studies in the Philosophy of Science, Bd. 9, Seite 261-325, 1978), nicht alle Platitüden der Alltagspsychologie seien richtig und miteinander verträglich, sagt LEWIS, man könne  T  als eine Disjunktion von Konjunktionen jeweils der meisten von ihnen betrachten; dann schade es nicht, wenn einige falsch sind. Aber dan wäre  T  nicht mehr hinreichend, um die mentalen Zustände eindeutig zu charakterisieren. Daß die Alltagspsychologie dazu ausreichen soll, ist freilich ohnehin nicht anzunehmen. BLOCK führt das Beispiel des Gerbsäuregeschmacks von Wein an; die Alltagspsychologie sagt darüber gar nichts aus.
    4) Auf diese Frage gehen wir im nächsten Abschnitt näher ein.
    5) Vgl. dazu PAUL FEYERABEND "Mental Events and the Brain", The Journal of Philosophy 60, Seite 295-296, 1963). Der Gegeneinwand von J. W. CORNMAN "The identity of mind and body", The Journal of Philosophy 59, Seite 486-492, 1962), die Substituierbarkeit des Identischen gelte nur für Eigenschaften, die für beide Eigenschaftsklassen (oder Klassen von Zuständen - Zustände sind, logisch gesehen, Eigenschaften, vgl. dazu KUTSCHERA "Global supervenience and belief, Journal of Philosophical Logik, 1993) definiert sind, ist unbrauchbar, denn ist  F  mit  G  identisch, so ist eine Eigenschaft genau dann für  F  definiert, wenn sie für  G  definiert ist.
    6) Zum Ereignisbegriff vgl. wieder KUTSCHERA (a. a. O. 1993). Sachverhalte stellt man in der Semantik als Mengen möglicher Welten dar. Es ist klar, daß dann die Identität von Sachverhalten nicht von Welten abhängt.
    7) Der Kern des Arguments von DONALD DAVIDSON für eine singuläre Identitätsthese in (a. a. O. 1970) ist die Bestimmung: Jedes Ereignis, das sich in physikalischer (bzw. psychologischer) Terminologie beschreiben läßt, ist ein physikalisches (bzw. psychologisches) Ereignis. Da man z. B. die Schmerzempfindung von  Fritz  im Zeitpunkt  t  auch durch den Ausdruck "Was das Zusammenzucken von  Fritz  in  t  verursachte" beschreiben kann, und sein Zusammenzucken als "Was die Schmerzempfindung bewirkte", werden damit im normalen Sinn des Wortes psychologische Ereignisse wie Schmerzempfindungen  eo ipso  [schlechthin - wp] zu physikalischen und umgekehrt. Solche Beispiele zeigen, daß DAVIDSONs Bestimmung nicht dem üblichen Sinn der Ausdrücke "psychologisches" bzw. "physikalisches Ereignis" entsprechen.
    8) JERRY FODOR hat dazu ein ökonomisches Beispiel angegeben: die extrinsische Eigenschaft einer Münze, Geld zu sein.
    9) Dieses Argument setzt die epistemische Logik voraus, kann hier also nicht ausführlicher entwickelt werden.
    10) Bis zur Rehabilitation der Semantik durch ALFRED TARSKI in "Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen", (Studia Philosophia 1, Seite 261-405, 1936) erschien sie CARNAP als suspekt.
    11) Vgl. dazu den Aufsatz von QUINE, "On what there is" in "From a logical point of view", Cambridge/Massachusetts 1964).
    12) Da eine extensionale Interpreation einer Sprache den Wahrheitswert aller Sätze festlegt, wäre bei dieser Unterscheidung von intensionalen Interpretationen auszugehen. Eine interne Existenzfrage hätte dann den Sinn "Ist die reale Welt eine, in der es Dinge der und der Art gibt?".


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