p-4cr-2G. TeichmüllerO. WeidenbachEleatenH. Pichler    
 
JULIUS BAHNSEN
Andeutungen über
verschiedene Arten des Seins


"Daß die Welt seine Vorstellung ist, wird kein Vernünftiger bestreiten, der sich einmal auf die Bedeutung dieses Satzes besonnen hat, aber daß sie außerdem durchaus gar nichts weiter ist, will aber auch niemand wahr haben, nicht einmal  Berkeley,  dessen subjektiver Idealismus ihm nur die Brücke zur Absolutheit seines Gottes schlagen muß. Und wer in mehr naiver Weise das  konkrete  Sein dem  abstrakten  in demselben Sinn gegenüberstellt, wie die Metaphysiker das reale dem idealen, das objektive dem subjektiven, der ist sich in seinem  Gefühl  dessen gewiß, daß die Unterscheidung, welche  er meint,  eine berechtigte sein muß, obgleich es seinem stammelnden Denken nicht gelingen will, sich mit strenger fixierten Schulbegriffen den Unnaiven (den nicht mehr und noch nicht wieder Naiven) recht vernehmlich zu machen."

Sicherlich ist in aller Philosophie seit PLATO mit keiner Homonymie [Mehrdeutigkeit - wp] soviel Unwesen getrieben worden, wie mit denen des Seinsbegriffs.

Wir brauchen vorläufig noch gar nicht auszubiegen zu den Diametern Nichts und Werden, um in der Stammlinie selber eine weit sich verzweigende Sippe aufmarschieren zu sehen. Und die in ihren anderweitigen Hilfsmitteln erschöpfte Sprache mußte selbst in so zart nuancierenden Idiomen wie Griechisch und Deutsch zum chinesischen Verständigungsmedium der Betonung (Akzentuierung) greifen, um das bloß kopulative vom existientiellen Sein zu sondern. Das Substanz setzende  verbum substantivum  unterschied sie nicht sichtbar, sondern nur hörbar von der bloßen Begriffsverbindung und verführte so der Schwaben Einen dazu, alles Prädizieren für ein schöpferisches Setzen auszugeben. Da mußte die ge- und verschmähte Scholastik wieder einmal herhalten, weil sie wenigstens ihr Latein nicht ganz vergessen und zum  esse  und  existere  sogar noch ein  exstare  "unter die Füße geben konnte", in römischer Kraft derber als die in Metaphysik verdüftelten Germanen - und für etwaigen weiterreichenden Bedarf auf ihre hispanische Tochter verweisend, zum  Ser  [Sein - wp] und  Estar  [Dasein - wp].

Das Dasein und das Dassein, das Etwa- und das Etwassein - das reale und phänomenale, das potentiale und aktuale, das mögliche und wirkliche, das zufällige und notwendige, das substantiale und akzidentielle, das essentielle und existentielle Sein, sie alle erheben in ihrem Unterschieden-Sein und unterschiedenen Sein Einspruch gegen die Wahrheit des scheinbar so trivialen, so langweilig tautologischen, so bloß identischen und nicht einmal analytisch urteilenden Satzes: Was ist, das ist; - denn ehe sie dem zustimmen, wollen sie alle zuvor eine Auskunft darüber, welches von ihnen denn eigentlich gemeint ist, ob das eigentliche oder uneigentliche, das bloß nominale oder das faustpfandkräftige Sein eine greifbare Valuta darstellt.

Mit seiner Gedankenexistenz als Zwillingsbruder des Nichts nicht zufrieden, sieht das Sein sich um nach einer Garantie seiner reinen Objektivität und strampelt mit beiden Füßen aus den Verschlingungen der Korrelation zu irgendetwas Subjektivem heraus. Es mag sich in seinem Ansich nicht so bettlerhaft abhängig anlehnen an ein Für-Anderes - und würde, um nur seine Selbständigkeit zu retten, lieber noch auf die Eventualität eines Für-sich-seins ganz verzichten, falls diese nur erkauft werden kann um den Preis der Beziehung zu einem Außer-sich-sein, gleichviel ob damit das räumlich bedingte  Extra  [außer - wp] oder das gedankenhaft verbleibende  Praeter  [neben - wp] gemeint wäre - denn es will als Ansich auch ein reines Beisich-sein genießen.

Ob es aber wohlgetan sei, in diesen Sphären eines präexistentiellen und noch essenzlosen Urseins mit der Definierstange herumzusteigen und Marksteine in und zwischen dem Unseienden errichten zu wollen - ob das Denken sich nicht besser jedes Versuchs entledigt, eine chronologische Familientafel und Geburtsregister dieser seiner Kinderschar aufzustellen, statt sich an ihrem Dasein genügen zu lassen, ohne ausmachen zu wollen, wieweit dieses Dasein heraustritt aus der subjektiven Existenz in die objektive, und ob es zwischen diesen beiden Seinsformen vermittelnde Blendlinge gibt und in welchem Flußbett des ewig strömenden Werdens die erzeugt und geboren sind - - darüber und über noch manch Anderes könnte man freilich zweifelhaft werden, umso mehr, je mehr man von dem ontologischen Gerede arischen und semitischen Ursprungs durch seinen armen Schädel den Freipass erteilt hat.

Nächst dem Was und Wie ist es zuerst die Vermischung mit der Zeitvorstellung, was sich dem Seinsbegriff aufdringlich anhängt. - Einstweilen noch gleichgültig gegen die Fülle der konkreten Qualitäten, fragen wir sofort nach der Dauer: ob in dem (jedesmal gegebenen) Sein ein zeitliches oder ewiges vor uns steht, ob wir das etwaige Nichtsein als Noch-nicht- oder als Nicht-mehr- oder als Nie-gewesen-sein und Nie-sein-werden anzusehen haben. Und indem sich eine Kategorie aus der anderen entspinnt, können wir uns des Weiteren nicht entschlagen, und ehe wir uns dessen versehen, befinden wir uns vis-á-vis von Begriffen, die zu perhorreszieren [ablehnen - wp] wir uns schon seit längerem gewöhnt haben. Denn indem wir der Substanz ihr Korrelat, die Inhärenz, nicht versagen können, haben wir bereits Konzessionen in einer Richtung gemacht,, wo schon der nächste Schritt uns vor die Unterscheidung des Bedingten und Unbedingten, des relativen und absoluten Seins führt. Wir wollen ja mit all unserem "Spekulieren" auf diesem Gebiet in erster Linie eben dies ergründen, ob das Sein in allerlei Sinne nichts als Gedankensetzung ist oder ob und was sich daneben von ihm mit Zuversicht prädizieren läßt, abgesehen von  aller  Relation zu einem Subjekt.

Was sich uns in voller Selbstgenügsamkeit, jeder Kausalität entrückt, präsentiert, das dünkt uns sofort auch das  ens realissimum  [wirklichste Wirklichkeit - wp], das  ontos on  [Sein des Seins - wp] des PLATO, das "wahrhaft" Seiende zu sein und wir können uns nicht entschließen,, es für ein  bloßes  Noumenon, ein bloßes Gedankending hinzunehmen. Dieser Eigentümlichkeit unseres Denkes, einer eigentümlichen Unfähigkeit unseres Intellekts, die Aseität [aus sich sein - wp] oder zeitlos ewige Selbst- und Eigenständigkeit für eine bloße Abstraktion zu halten, verdankt ja der ontologische Beweis seine  vis probandi  [Beweiskraft - wp], auf welche zugleich der Protest letzten Endes zurückgeht, den jederlei Dogmatismus gegen die absolute Skepsis erhebt.

Daß die Welt seine Vorstellung ist, wird kein Vernünftiger bestreiten, der sich einmal auf die Bedeutung dieses Satzes besonnen hat, aber daß sie außerdem durchaus gar nichts weiter ist, will doch auch niemand wahr haben, nicht einmal BERKELEY, dessen subjektiver Idealismus ihm nur die Brücke zur Absolutheit seines Gottes schlagen muß. Und wer in mehr naiver Weise das "konkrete" Sein dem "abstrakten" in demselben Sinn gegenüberstellt, wie die Metaphysiker das reale dem idealen, das objektive dem subjektiven, der ist sich in seinem "Gefühl" dessen gewiß, daß die Unterscheidung, welche  er meint,  eine berechtigte sein muß, obgleich es seinem stammelnden Denken nicht gelingen will, sich mit strenger fixierten Schulbegriffen den Unnaiven (den nicht mehr und noch nicht wieder Naiven) recht vernehmlich zu machen. Auf das Mehr oder Weniger der Merkmale - worauf der Kritizismus seine Unterscheidung, ihm sie analysierend und sezierend, zurückführt - kommt es ihm ja gar nicht an - vielmehr eher auf einen in einem unklaren Empfinden postulierten Unterschied des Intensitätsgrades - das eine Sein selbst gilt ihm mehr als das andere, nicht bloß was an und beim Sein ein ihm bloß Mitgegebenes ist - das reale Sein prävaliert [hat Vorrang - wp] dem idealen weitaus an Existenzkraft, nicht bloß an Essenzgehalt, wenn es ihm auch nicht gelingt, der famosen kantischen Gleichstellung der hundert gedachten und der hundert wirklichen Taler gegenüber darzutun, inwiefern seiner "instinktiven" Auffassung diese doch runde hundert Taler mehr gelten als wie jene.

Aber nicht einmal fürs eigene, ins  cogito  befaßte und beschlossene, Sein haben wir einen sicheren Wertmesser dieses Intensitätsgrades. Denn  "was  ist der Mensch?" bleibt das Problem alles Forschens - und erst mit der Antwort darauf wäre auch die andere gegeben: was  ist  der Mensch? - d. h. was für eine Sein hat er?

Doppelt mißlich aber stellt es sich, wenn wir nun hierauf auch das alte Wort zur Anwendung bringen: der Mensch ist das Maß aller Dinge - denn dem weiteren Nachdenken ergibt sich ja leicht und bald die Relativität der Existenz des Ich selber, und seiner vermeintlichen Absolutheit entkleidet, eignet sich das Subjekt schlecht genug, um dem Postulat eines unbedingten Seins mehr als einen subjektiv wirksamen Nachdruck zu verleihen. Rückwärts wie vorwärts und ringsum findet sich der Mensch in mancherlei Relationen der Abhängigkeit - und je unwidersprechlicher sich den Tieferblickenden verrät, daß das Ich selber nicht das Recht hat, sich mit Sicherheit ein substantiales Sein beizulegen, desto geneigter wird ein skeptisch prädisponiertes Denken werden, in allem Sein einer gleichen Negativität nachzuspüren. Die reine Position des Denkens, das bloße Gesetztsein, mag sich dieses auch als ein unaufhebbares hinstellen, imponiert alsdann nicht mehr allzusehr, denn das Geschöpf kann nicht mehr Realität haben als sein Schöpfer, das Gedachte nicht mehr als der Denkende - im Gegenteil: alles bloß  sachliche  Sein steht abermals hinter dem  persönlichen  zurück an Existenzkraft, weil es der Rückbeziehung auf sich selber nicht mächtig ist, also der (obschon nur idealen) Selbstverdoppelung entbehrt.

Die Phänomenalität des Denkens selber gestattet uns strenggenommen  nirgends,  von einer absolut objektiven und objektiv absoluten Existenz zu sprechen; und die viel gerühmte Unumstößlichkeit aprioristischer Wahrheiten offenbart erst recht die rein subjektive Natur aller Gewißheit und leitet immer wieder zurück (oder vorwärts?) zu jener Konsequenz aus kantischer Einsicht, nach welcher das "Ding-ansich" selber, nämlich der Begriff desselben wie der allen Seins und Seienden überhaupt, den Kategorien einzureihen ist (1).

Davon ist dann freilich die dialektische Kehrseite die objektive Nichtigkeit der Negativität selber; ist das Sein kein wahrhaft Wirklich-Objektives, so das Nichtsein erst recht nicht von machthabender Gültigkeit - und der Anprall beider aufeinander, wo sie sich im Widerspruch begegnen, verliert desgleichen alle wuchtige Gewalt, wenn auf keiner der beiden Seiten ein Absolutes steht, an welchem das andere zerschellen kann, wenn nur Relativität auf Relativität, Subjektives auf Subjektives stößt und nichts da ist, was vernichtet werden könnte, und niemand Recht behält als PLATO mit seiner Ausflucht: man kann so wenig sagen, daß etwas ist, wie daß es nicht ist.

So ist der Nihilismus der dialektischen Weltnegativität schon von Haus aus einem noch wesenloseren Schemen entquollen als der Schatten, welchen er an seinem Vollendungspunkt auf die absolut dunkle Hinterwand des in seiner Selbstentzweiung von sich selber Verzehrten wirft.

Auch der ansich ja unwiderlegliche Satz: jeder Schein ist ein Etwas, verliert alle Verwertbarkeit für realistische Zwecke, wenn wir ihn umkehren müssen zu dem ebenso wahren: alles Etwas besteht lediglich in einer phänomenalen Existenz, und keine "Setzung" ist imstande, jenes unsagbare Defizit zu ersetzen oder das unschätzbare Minus zu ergänzen und die unausdenkbare Differenz auszugleichen, worin eben der Unterschied besteht, den es ausmacht, ob hundert wirkliche oder hundert gedachte Taler vorhanden sind.

Ebenso bringt es uns nicht weiter, wenn wir betonen, wie Satz, Urteil, Schluß etc. selber Realitäten sind, da sie gleichfalls ihr Sein nur innerhalb des Bereichs haben, welcher vom "Gegebenen" eingenommen wird, und dieses "Gegebene" seine Objektivität zunächst wiederum nur seiner Gegensätzlichkeit zur Selbstposition des Ich entlehnt, somit an dieser das Maß für seinen Realitätsgrad behält.

Also nur unter dieser präliminaren [vorläufigen - wp] Einschränkung, die im Voraus alle ontologischen Werten ihren Platz außerhalb einer absolut ansich seienden Existenz anweist und sich der Relativität sämtlicher denkbaren Existenzweisen stets bewußt bleiben sollte, können wir uns auf ein ferneres Betrachten der ontologischen Begriffsreihe einlassen und versuchen, eine Rangordnung nach Maßgabe der Existenzkraft der verschiedenen Seinsarten oder Seinsformen zu entwerfen.

Vielleicht aber würde sich alsbald auch eine Reduzierbarkeit obiger Klassifikation ergeben und sich z. B. eine Identität zwischen phänomenalem und aktuellem, obgleich nicht zwischen essentiellem und potentiellem, Sein herausstellen. Und dabei könnte sich hinwiederum leicht manche erwartete Einrangierung umkehren, indem der bloß sinnliche, d. h. noch nicht kritisch reflektierende, Mensch geneigt ist, das Sinnenfälligere auch für das Essenzkräftigere zu nehmen und die Fühlbarkeit der Existenz zum Maßstab der Intensität des Seins zu machen, sowie er die Energie des Wollens so gern nach der Heftigkeit der Willensäußerung bemißt und dabei doch einem kläglichen Irrtum verfällt, den er vor sich selber zu verstecken sucht hinter der Zweideutigkeit: Vehemenz. Also: wie oft die ruhige stetige Gelassenheit ein größeres Kraftquantum birgt als die momentan auf- und verpuffende Explosivfunktion: ebenso ist oft das unsichtbare und unvernehmbare Sein dem glanz- und geräuschvoll auftretenden an Existenzkraft und Essentialgehalt überlegen, das potenziell Bleibende dem aktuell in die "Wirklichkeit" Eintretenden.

Zunächst möchte es scheinen, als ob das notwendige Sein das vornehmste sein müßte; allein sofern sich die Notwendigkeit nur auf ein Werden bezieht, bewegt sie sich zwischen dem So- und Anderssein, also ganz auf phänomenalem Boden, und kommt immer nur  am Bedingungsverhältnis  zutage, ist sozusagen bloß eine Betrachtungsseite an diesem, also eine "Eigenschaft" desselben; und die Daseinsnotwendigkeit, welche auf einem festen und fixierten, auch für die Erkenntnis feststehenden, Verhältnis zwischen Essentia und Existentia beruth, weist damit auch noch nicht hinaus auf ein "reines"  Esse,  wo es noch keinen Unterschied des Notwendigen und Zufälligen gibt und  ebendeshalb  die unbedingt freie und ebensosehr unbedingt notwendige Absolutheit waltet. Wer sich wirklich fähig fühlt, in seinem Denken ein noch nicht in Essentia und Existentia auseinandertretendes  Esse  scharf vorzustellen, der wird wenigstens auch anerkennen müssen, daß ein solches, eigentlich recht präexistentielles und präessentielles Rein-Sein (nach Schellingscher Terminologie) ein schlechthin impotentes Prinzip ist und bleibt, da es in seiner absoluten Indifferenz nicht einmal fähig scheint, sich in jenen allerprimärsten Akt der Selbstentzweiung, die Spaltung in Essentia und Existentia, zu dirimieren [entscheiden - wp].

Über diesen Punkt sah SCHOPENHAUER hinweg, als er versuchte, die Freiheit ins  Esse  zu verlegen (wiewohl er in seinen "Grundproblemen der Ethik", zweite Auflage, Seite 58, Sätze gibt, die im Wesentlichen mit folgender Darstellung übereinstimmen). Ohne Essentia gibt es allerdings keine Determiniertheit, aber mit ihr auch sofort; eben jene, auf welche sich das  Operari sequitur Esse  [Das Handeln ist dem Sein gemäß, hängt von diesem ab. - wp] beruft. - Wo sich Essentia und Existentia nicht zusammenfinden zum vollen Sein des beide enthaltenden wahren  Esse,  da haben wir nur  Schein,  und wo wir den Zusammenhang zwischen Essentia und Existentia zu gewahren nicht imstande sind, da sprechen wir von  Zufälligem.  Daß Essentia und Existentia in ihm zusammenfallen müssen, macht den Charakter des Notwendigen in allen seinen Arten aus; der Unterschied besteht alsdann nur in den verschiedenen Arten des zugrunde liegenden Seins. Die Daseinsnotwendigkeit beruth auf dem wesenhaften Sein, denn  Wesen  ist oder hat nur, was Essentia und Existentia im objektiven Sinn in sich vereinigt. Die logische Notwendigkeit begnügt sich mit der logischen Seinsform, d. h. mit jener Bezogenheit der Gedanken untereinander, welcher das kopulative, Subjekt und Prädikat verbindende, Sein den gedankenhaften (sprachlichen) Ausdruck gibt. Die kausale Notwendigkeit, zuhause in der Sphäre des Werdens und Handelns, vermittelt die Essentia des Soseins mit der Existentia des Andersseins.

Nur soweit es uns möglich ist, die Dinge  sub specie aeternitatis  [im Licht der Ewigkeit - wp] darauf anzusehen, sind wir berechtigt,  eventualiter  ihre Notwendigkeit zu behaupten, und bleibt auch im letzten Grund alles Sein, sofern es uns bekannt ist, nur ein  pros hemas  [auf uns - wp], so läßt sich doch der Unterschied zwischen einem sogenannten objektiven und subjektiven Sein nicht so völlig verwischen, daß nicht auch das Notwendige und Zufällige daran partizipieren müßten und die reale Notwendigkeit des Seins und Werdens eine "bloß" ideale der logischen Verbindung sich gegenüber behielte.

Wer aber letztere über jene zu stellen geneigt ist, der bekennt damit, daß auch jene, was an ihnen das "Zwingende" ausmacht, einzig und allein einer "rein subjektiven Denkform" verdanken, es sei denn, daß dem denkenden Ich als solchem auf irgendeinem Weg auch die Necessitiertheit [Notwendigkeit - wp] der Motivwirkung  unmittelbar  zugänglich und bewußt wird.

Der Einklang zwischen der Essentia (der Vorstellung) in uns und der Existentia (des Dings) außerhalb von uns (d. h. außerhalb unseres Ichs  qua  denkenden Subjekts, was ein Innerhalb unserer leiblichen und wollenden Daseinsform nicht ausschließt) gibt das einzige denk- und haltbare Material zu einer Definition des sonst undefinierbaren Begriffs  Wahrheit - und in diesem Sinne kann man sich den Ausspruch aneignen, dem man aus BACO:  de augmentis scientiae,  Seite 18 zitiert findet:  veritas essendi et veritas cognoscendi idem sunt, nec plus a se inter se differunt quam radius directus et reflexus.  [Die Wahrheit des Seins und die Wahrheit des Denkens ist die gleiche. Sie unterscheiden sich nicht mehr als direkte und reflektierte Strahlen sich unterscheiden. - wp] Indem aber SPINOZA aufgrund dieses Übereinstimmungspostulats  ratio  (Grund) und  causa  (Ursache) identifizierte, damit aller Unterschied von logischer (subjektiver) und realer (objektiver) Notwendigkeit mit dem Dekret:  res cogitans eademque extensa  [das denkende Ich gleicht der ausgedehnten Substanz - wp] verschwindet, verengte er unzulässigerweise einen Gedanken, dessen konkrete Applikation an dem  vis essendi eademque potentia existendi  [das aktuelle Sein gleicht dem potentiellen Sein - wp] seine Schranke hätte behalten müssen.

Demnach ist die Beziehung zwischen dem wahren und notwendigen Sein eng genug, um auch die entsprechenden Opposita ganz dicht aneinander zu rücken: das zufällige und das unwahre Sein oder der Schein. Sie haben überdies ein gemeinsames Terrain am akzidentiellen Sein, welches ebensosehr dem wesentlichen und substantiellen, wie dem wahrhaften und unabänderlichen Sein gegenübersteht. Zufall und Schein haben beide ein Sein, aber nicht dasjenige, was sie dafür ausgeben. Der Zufall täuscht in negativer Richtung: er erweckt den Glauben an ein Nicht- oder doch Andersseinkönnen; der Schein in positiver: er lügt eine Existenzform, in welcher er (oder sein Inhalt) nicht vorhanden ist. Aber während der Zufall verleitet, an der durchgehenden Notwendigkeit alles Seienden und Geschehenden zu zweifeln, führt der Schein zu einem Übermaß der Verneinung, indem er für ein absolut Nichtiges  par excellence  gehalten wird, wie wenn dieses Prädikat nicht ebensosehr das Resultat der Weltdialektik für ("scheinbar") allerrealste Wesen wäre. - Demgemäß haben die Skeptiker und Nihilisten aller Zeiten die negative Seite am Schein - nach welcher er eben das  nicht  ist, als was er sich darstellt - maßlos ausgebeutet, und von den vorbuddhistischen Systemen Indiens durch die Eleaten bis zu den Tagen von KIRCHMANNs begegnen wir der Verkennung der Wahrheit, daß sich auch dem Schein sein ihm eigentümliches Sein nicht absprechen läßt - gerade so wie es erst spät eingesehen wurde, daß es "notwendige Zufälle" und "zufällige Notwendigkeiten" gibt.

Wenden wir auf den Schein die Prädizierung des neuplatonischen Einen an: Schein ist das, was weder ist, noch nicht ist, so löst sich diese Doppelnegation zur einfachen auf, sobald die, wie gezeigt, auch in jenem "ist" liegende Homonymie durchschaut wird: es ist zwar der Schein nicht das, was er zu sein scheint, aber er ist doch auch nicht nichts, er ist ein Etwas, für das einen Grund zu suchen die Inder so wenig wie KANT und SCHOPENHAUER umhin konnten. - Den dazu antreibenden Gedanken brachte HERBART auf die kurze Formel: "Ohne Wesen kein Schein" (welcher er von Seiten des subjektiven Standpunkts die Ergänzung hinzuzufügen nicht unterließ: "aller Schein ist dem Zuschauer eine Art des wirklichen Geschehens") und machte die Versöhnung der "logischen Widersprüche" im "psychologisch aufgenötigten" Schein des Gegebenen zum eigentlichen Thema der Metaphysik.

Schon etwas kühner wagt sich die Behauptung heraus: "Ein Sein für Anderes setzt Sein für sich voraus" und scheint die sich gegenseitig ergänzende Hebräer- und Polenweisheit sanktionieren zu wollen, indem jene mit ihrem  Jahwe  schon etymologisch das Ding-ansich zum Weltprinzip erhob (2) und diese mit ihrer Bezeichnung der "Person" als "Ansich" auf gut hegelianisch die Identität des absolut objektiven Seins mit dem absolut subjektiven Sein verkündete.

Sind Wahrheit und Notwendigkeit im Verhältnis zwischen Essentia und Existentia miteinander verschmolzen, so begreifen wir schließlich sogar die Meinung solcher scholastischen Reminiszenzen, nach welchen das  ens realissimum  und das "absolut Notwendige" dasjenige sein soll, aus dessen Definition bereits sein Dasein folgt - denn soll sich mit solchen Worten ein denkbarer Sinn verbinden, so kann es nur der sein: notwendig ist das, dessen Existentia nicht ohne Esssentia und dessen Essentia nicht ohne Existentia gedacht werden kann. - Dafür liefert dann die unkritische, gern mit Worten spielende, am Gleichklang eine kindliche Freude habende und dafür Nuancen preisgebende Sprache der Popularphilosophie so ungenaue Varianten wie: Was ist, das ist und: was existiert, das existiert notwendig - wobei vergessen wir, wie es immer das liebe Ich ist, welches seinen Notwendigkeitsmaßstab dabei zugrunde legt, und vom Identitätssatz aus operierend seine Folgerungen zieht und seine Argumentationen ausspinnt, wie wenn es auch außerhalb seiner selbst über die Welt selber, und nicht bloß über das innerhalb seiner verharrende Weltbild, mit der Souveränität des "absoluten Subjekts" verfügte.

Die Welt  so wie  sie durch unser Bewußtsein bedingt ist, verschwindet mit dem Ich - und die Vorstellung einer vom Ich in ihrer Existenz völlig unabhängigen Welt läßt sich niemals ganz rein vollziehen, weil wir, sofern wir vorstellen, nur die Welt als Vorstellung vorstellen.

Noch weniger sind wir imstande, das eigene Nichtsein zu denken. Das heißt aber nichts anderes als: Ich bin Ich, A = A - und wenn Ich nicht bin, bin ich nicht, kann also auch nicht das Ich denken; oder: ich kann nicht nicht das Ich denken, d. h. bin nicht fähig, das Ich nicht zu denken; denn solange das Ich von mir gedacht wird, solange ich Ich denke, d. h. - weil das Ich in jedem Denken mit drin ist, im Denkakt schon sozusagen  implizit  drin steckt, - solange ich überhaupt denke, kann ich nicht das Ich wegdenken, das läßt sich nicht aus meinem Denken entfernen, und insofern ist für jedes Ich als solches der eigene Tod als eigenes Nichtsein ein Ungedanke, (keineswegs aber für andere, obgleich dies für sich auch Ich sind.)

Nur aus einer solchen -  individuell-subjektiven und subjektivistischen Denkweise heraus werden Sein und Notwendigsein zu Wechselbegriffen,  jedes  Seiende zu einem  ens realissimum.  So überspannt gerade der subjektivste, d. h. konsequenteste Idealismus den (von ihm selber "gesetzten") Existenzbegriff auf das Alleräußerste. Für ihn gilt die Konsequenz: Ist was ist notwendig, so läßt sich - (wenn man die herabgesetzte Bestimmung des Nichtandersseinkönnens als vollen Begriff der Notwendigkeit gelten läßt) dessen Nichtsein nicht einmal denken. Es gibt nun aber, wie wir gesehen haben, keinen Begriff, aus welchem das Sein "folgt", als eben den des Seins selber (vor seiner Auflösung in die beiden Momente der Essentia und Existentia), das in seinem Gedachtwerden schon ist, oder aber den "des Begriffs" überhaupt selber, sofern dieser sein Dasein allemal gerade an seiner Definition hat, (d. h. an seinem ausgesprochenen Essenz-Inhalt, nicht etwa erst an einem bloß äußerlichen und nur zufällig in die Existenz tretenden Akt des Definiertwerdens.)

Ferner treffen das wahre und notwendige Sein auch darin zusammen, daß sie die Einheit des Bedingenden und des Bedingten sind. Die Bedingung, welche durch die hypothetische Urteilsform ausgedrückt wird, besagt, daß zur Gültigkeit des einen Gedanken die Gültigkeit des anderen mit erforderlich ist, und wie so im Reich des Logischen ein mit dem andern gesetzt, aber das Bedingende als  prius  gedacht, daher auch "Voraussetzung" genannt wird, ebenso drückt die faktische Dependenz [Abhängigkeit - wp] dies aus, daß die Wirklichkeit des Einen,  nur  mit, oder, was dasselbe sagt, nicht ohne die des Andern gegeben ist. "Wenn in einem Dreieck zwei Seiten einander gleich sind, so sind auch die beiden gegenüberliegenden Winkel einander gleich" und "Wenn er rechtzeitig eintrifft, so können (oder so werden) wir zusammen reisen" sind zwei Sätze, welche darin übereinstimmen, daß sie das Zusammengehören zweier Vorstellungen aussprechen. Wo es sich um Verhältnisse des beharrenden Seins handelt, wird allemal eine Wechselbestimmung bestehen in der Weise, daß Bedingendes und Bedingtes ihre Plätze vertauschen können; dagegen bei faktischen Vorgängen, bei bedingtem  Geschehen,  ist das von allem Werden unzertrennliche Vor und Nacht - sei es auch nur in Gedanken - gerade so gegeben, wie in einem Kausalitätsverhältnis. Dies und die Analogie, welche zwischen der logischen Bedingung und dem logischen Grund besteht, (im "Seinsgrund" der mathematischen Verhältnisse fallen ja beide sogar zusammen) hat einige Logiker verleitet, den Bedingungsbegriff sozusagen zu einer Spezies der Kausalvorstellung zu machen, wenigstens als solche zu behandeln. Inbesondere haben TRENDELENBURG (3) und seine Schüler (4) die Kategorie der Möglichkeit und den Unterschied zwischen potentiellem und aktuellem Sein auf das Vorhandensein, bzw. Hinzutreten einiger Bedingungen zurückführen wollen. Allein damit degradieren sie das Sein selber - die Existentia samt der Essentia - zu einer bloßen Bedingung, was es doch nur im allerweitesten Sinn, nämlich als  Vor bedingung aller anderen Bedingungsverhältnisse ist.

Das Seinkönnen - das potentielle Sein - läßt sich allerdings immerhin eine Bedingung des Seins - des aktuellen Seins - nennen, seine (logische) Voraussetzung. Aber das Seinkönnen selber ist  nicht ohne  ein existentielles Sein, hat somit an diesem seine Bedingung, nämlich an der Existenz dessen, wodurch es zum eventuellen wirklichen Sein befähigt wird. So besteht auch hier schon, vor der wirklichen (und nicht bloß gedachten) Aktualisierung, ein Verhältnis des rein immanenten Seinsgrundes, eben in derselben Wechselbestimmung zwischen Essentia und Existentia, die, wie wir sahen, auch das Charakteristische an der Notwendigkeit ausmacht - kein Wunder! denn das eventuell Mögliche ist auch das eventuell Notwendige - und nur das Ausschlagen dieser Eventualität ist von Bedingungen abhängig, nicht das Möglichsein selber, die  potentia,  als welche vielmehr ausschließlich auf die Essentia gestellt ist.

Das Abhängigsein von einer Bedingung macht ja eben das Wesen alles relativen Seins aus, gleichviel ob dieses als "ansich-seiendes" oder als "bloß gedachtes" "gesetzt" wird. Das relativ Seiende hat seine Notwendigkeit an dem, was seine Relation ausmacht, das absolut Seiende die seinige an sich selber. Wie aber jenes nicht mehr als seiend gedacht wird, sobald wir die Bedingungen seines relativen Daseins nicht mehr als "gesetzt" denken, d. h. hinwegdenken, so gibt es kein noch so notwendiges Dasein, das "absolut" genug "gesetzt" wäre, um nicht als nicht seiend gedacht, d. h. gar nicht mehr gedacht, zu werden, sobald sich das Denken überhaupt davon abwendet - mit der einzigen Ausnahme jenes Ich, "das alle unsere Vorstellungen begleitet" und da ist, solange es eben denkt, von dem also kein Denken völlig abstrahieren kann, weil das Denken seiner Natur nach ein schlechthin subjektiver, d. h. an ein Subjekt gebundener, Akt ist. An dieses Subjekt muß sich, sofern wir es denken, also selbst jenes transzendentale, vor allem phänomenale Dasein als dessen Prius vorausgegangene, Sein anlehnen, jene Existenz in einem eminenten Sinne, wie sie dem absolut notwendigen Sein des reinen Ansich eignet. - "Es gibt" ja genug  essentiae,  die darum doch nicht - nämlich nicht außerhalb unseres Kopfes - existent sind - aber "es gibt" (vom Raum abgesehen) keine Existentia ohne alle Essentia, kein "rein-sein" in diesem Sinne - insofern behält auch das strikter verstandene "was existiert, existiert notwendig" einen logisch genauen Sinn. -

Nach der Art der Essentia richtet sich die Art der Notwendigkeit: das So-oder-so-sein eines aktualisierten, mithin bloß phänomenalen Seins ist auch nur relativ notwendig - das So-und-so-sein eines rein potentialen, von sich aus aktualisierenden, in seinem Ansich unabhängigen Seins ist in und vermöge dieser seiner Aseität auch ein absolut notwendiges. Wenn es also hieß: "notwendig ist das, dessen Dasein aus seiner Definition folgt", so wird eine derartige Folgerung wiederum zu einem tautologischen Identitätssatz, soweit die absolute Existenz aus einem schlechthinnigen Beharren, aus einem Nichtabhängen von der Kausalitätskette und Bedingungsreihe, gefolgert wird, aber wird dies eben nur, weil sie mit diesem Beharren und dieser Unabhängigkeit schon von Haus aus Ein-und-dasselbe war und ist; - es ist die absolute Existenz einer absoluten Essentia, was als absolutes Sein nicht ein unter den Wechsel des Werdens und der fluktuierenden Bedingungen gestelltes Relatives ist, und was darum auch nicht mehr nach einem möglichen Anderssein ebensogut (in einem kopulativen Sinn) ein Nichtsein heißen könnte.

LITERATUR: Julius Bahnsen, Andeutungen über verschiedene Arten des Seins, Philosophische Monatshefte, Bd. 7, Berlin 1871/72
    Anmerkungen
    1) Schon bei LICHTENBERG findet sich eine ähnliche Äußerung. Es heißt bei ihm (Vermischte Schriften I, Seite 30f) u. a.: "Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff  sein  etwas von unserem Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine denkenden und empfindenden Geschöpfe mehr gibt, so  ist  auch nichts mehr", was doch noch nicht ganz dasselbe besagt wie BERKELEYs  Esse = Percipi  [Sein ist Wahrnehmen. - wp].
    2) Es bedeutet nämlich nach MUNK (in seiner Antrittsvorlesung, vgl. Lehmanns Magazin für Literatur des Auslands, 1865, Nr. 12) der Name  Jehova:  "Der der ist" oder das Allsein, also doch wohl das  ontos on,  das wahrhaft Seiende.
    3) In der ersten Abhandlung "Über die Herbartsche Metaphysik" (Ausgabe der Akademie) 1854, Seite 32
    4) Vgl. "Logische Betrachtungen" von WILHELM SCHUPPE im Beuthener Programm, 1867, Seite 25: "Möglichkeit bezeichnet das Vorhandensein einer oder mehrerer Bedingungen." Noch unumwundener bekennt sich zu der hier in Rede stehenden Anschauung JAHN (im Programm des Gymnasiums zu Pyritz (1868) mit dem Satz: "Jede Wirkung ist Wechselwirkung, denn sie setzt zwei Ursachen voraus, von denen die zuletzt wirkende allein Ursache genannt wird, die früher schon daseiende aber  Bedingung. "