p-4cr-2 W. Schuppevon AsterP. Sternvon Malottki    
 
KARL GROOS
Beiträge zum
Problem des Gegebenen


"Cohen  erkennt die Empfindungen nicht als  Gegebenes  an; die Empfindung ist für ihn nicht ein Ausgangspunkt, sondern nur ein Zielpunkt oder eine Anforderung, der gewisse Kategorien gerecht werden sollen."

"Das Gegebene ist nur als  Ergriffenes  wirklich gegeben. Welcher Natur es auch sein sollte, es ist stets zugleich ein von uns  Gesetztes.  Wir müssen sein Gegebensein  anerkennen,  müssen uns  entschließen,  es als gegebenen Ausgangspunkt  gelten zu lassen,  wenn es seinen Zweck erfüllen soll. Für die wissenschaftliche Arbeit ist es also nicht nur ein begrifflich Erfaßtes, sondern auch etwas  als Ausgangspunkt Gewähltes,  so daß wir dabei von einer doppelten Aktivität des Bewußtseins sprechen können."

"Jeder wissenschaftliche Aufbau, der von  Elementen  ausgeht, beginnt, wie das  William James  mit Recht betont hat, mit einer  Abstraktion,  die vom komplizierten Gewebe des unmittelbar Erlebten weit entfernt ist. Wenn z. B. die Empfindungen als das Gegebene betrachtet werden, von dem die Psychologie ausgeht oder mit dem ein Philosoph sein Weltbild zu konstruieren sucht, so fällt dieser Ausgangspunkt nicht mit dem unmittelbar Erlebten zusammen."

"Wenn wir aus einem gegebenen Gedanken, gleichviel ob Urteile oder Begriffe, dasjenige, was darin dem Denken als Denken angehört, herausnehmen, so bleibt ein wüstes Chaos zusammenhangloser, unverstandener und unverständlicher letzter unmittelbar gegebener Elemente zurück."

Das Problem des "Gegebenen" führt tief in die dornigsten Streitfragen der Philosophie. Was versteht man unter diesem Ausdruck? Wo ist das Gegebene zu suchen? "Gibt" es überhaupt "Gegebenes"? Die Ansichten gehen weit auseinander; fast will es scheinen, als redet jede philosophische Richtung ihre eigene Sprache und kann die Worte der anderen nicht verstehen. Die nachfolgenden Erwägungen bilden einen Versuch, die Möglichkeit einer Verständigung in einigen Punkten vorzubereiten.

1. Wir gehen vom gewöhnlichen Sprachgebrauch aus. Das Wort "geben" weist zunächst auf eine Handlung hin, die sich zwischen zwei Menschen abspielt, von denen der eine dem andern irgendetwas überreicht. Der eine ist der Gebende, der andere der Empfangende. Wer ist nun bei der Anwendung des Wortes, mit der wir uns hier zu beschäftigen haben, der Empfangende? Ein wissenschaftlicher Arbeiter. Und wozu wird er das Empfangene benützen? Zur Gewinnung von Erkenntnissen. Danach würde es sich für uns um ein dem Forscher von  anderen Menschen  Dargebotenes handeln, aus dem er durch Denkarbeit Erkenntnisse zu gewinnen sucht. In der Tat kann man häufig genug in diesem Sinne von einem Gegebenen der Denkarbeit reden (1). So kann eine angewandte Wissenschaft die Resultate der entsprechenden theoretischen oder übergeordneten Wissenschaft in dem nahezu buchstäblichen Sinn als gegeben bezeichnen, daß sie ihr durch die veröffentlichten Arbeiten anderer Forscher übermittelt und für eine eigene Denkarbeit zur Verfügung gestellt wurden. Ja, innerhalb eines Spezialfaches selbst wird ein großer, oft außerordentlich großer Teil in derselben Weise unser Besitz geworden sein.

Diese Bedeutung reicht jedoch für unsere Zwecke nicht aus. Wir kommen der eigentlichen Meinung näher, wenn wir nicht an die Handlung des Gebens selbst, sondern an ihr  Resultat  denken. Dadurch wird der Begriff von der konkreten Beziehung auf eine handelnde Person abgelöst und nimmt die impersonale Form des  "Gegebenseins"  oder, wie man auch sagt, der  "Gegebenheit"  an. Er kann sich nun auch auf solche Gegenstände beziehen, deren Vorhandensein wir gar nicht der Tätigkeit gebender Personen verdanken. So reden wir von "gegebenen" Verhältnissen, Möglichkeiten oder Umständen. Wir sehen dabei von den Geschehnissen oder Tätigkeiten ab, die das dargebotene Etwas herbeigeführt haben; genug, es ist da und stellt sich zur Verfügung als ein von unserer eigenen Tätigkeit nicht erst zu Schaffendes, das wir benützen oder bearbeiten können, gerade so als ob es uns jemand gegeben hätte. Es ist leicht einzusehen, daß das Gegebene der Wissenschaft in der Regel diese weitere, übertragene Bedeutung besitzt. Schon wenn wir die Erfolge fremder Forschung verwerten, sehen wir von der Tätigkeit der Übermittlung gewöhnlich ab. Aber auch alle möglichen Gegenstände äußerer und innerer Wahrnehmung, bei denen es sinnlos wäre, von einem "Gegebenen" zu sprechen, können uns doch das "Gegebene", ein sich Darbietendes sein, mit dessen Bearbeitung sich unser Denken beschäftigt.

2. Das Gegebene nahm soeben die Bedeutung eines Etwas an, das sich uns als schon Vorhandenes, durch  unsere  Denkarbeit nicht erst zu Schaffendes zur Verfügung stellt. Handelt es sich dabei um Resultate fremder Forschung, so steckt in dem so Gegebenen natürlich die Denkarbeit  anderer.  Aber schon wenn wir direkt an Gegenstände äußerer oder innerer Wahrnehmung herantreten, kann der (allerdings trügerische) Anschein entstehen, als hätten wir es hierbei mit Daten zu tun, an denen  überhaupt  noch keine Denkarbeit vollzogen ist,' so daß sie als ein ganz unberührter Boden auf den ersten Spatenstich des Erkennens harren. Das führt uns auf die wichtige Frage: kann das Denken von einem Gegebenen ausgehen, das in sich selbst noch  gänzlich alogisch  ist, so daß es vollständig frei von jeder Denkbestimmung vor uns daliegt? Gibt es für die Denkarbeit eine solche  absolute  Gegebenheit? Etwa ein bloßes Mannigfaltiges der Empfindungen, wie KANT angenommen hat? (2) Neuere Erkenntnistheoretiker sind hier über KANT hinausgegangen. Die Logik des "Ursprungs" von COHEN erkennt die Empfindungen nicht als "Gegebenes" an; die Empfindung ist für sie nicht ein Ausgangspunkt, sondern nur ein Zielpunkt oder eine Anforderung, der gewisse Kategorien gerecht werden sollen (3). Die allgemeine Verwerfung einer "absoluten Gegebenheit" tritt besonders klar im Vortrag über "Anschauung und Begriff" hervor, den JONAS COHN auf dem Genfer Philosophenkongreß gehalten hat (4) und in dem er ausführt, daß weder eine reine Denkhandlung noch eine reine Gegebenheit je zu erreichen sind, weil beide im Urteil zusammengehören.

In der Tat wird man wohl einräumen müssen, daß die Forschungsarbeit nirgends an einer absolut alogischen Gegebenheit einsetzen kann. Das liegt vor allem daran, daß nichts in unser Bewußtsein eintritt, was nicht in der Auffassung selbst den  Nachwirkungen  früherer Denktätigkeit' unterworfen wäre. Auch wenn wir einen unbekannten Wohlgeruch empfinden, der in der Luft schwimmt, ohne uns seine Quelle zu verraten, werden doch eine Menge von Anlässen da sein, die nicht Urteile, wohl aber reproduktive Nachwirkungen früherer Urteile in die Apperzeption hineintragen. Er ist etwa süße, hat etwas "Voluminöses", ist stark, wird in einer bestimmten Umgebung empfunden usw. das alles sagen oder denken wir nicht, aber wir erleben es irgendwie mit, sozusagen als logische Färbungen des Empfundenen. Die Unmöglichkeit einer absoluten Gegebenheit für das Denken ist aber außerdem noch darin begründet, daß dieses Denken das "Vorhandene", "sich zur Verfügung Stellende", selbst wenn es gänzlich alogisch  wäre,  doch  logisch bestimmen  muß, um es verwerten zu können. "Das ist der Schein", sagt NATORP in seinen Bemerkungen "zur Streitfrage zwischen Empirismus und Kritizismus" (5), der den Empirismus fort und fort irre leitet: daß man  Tatsachen  als  absolute Data  für das Denken, zugleich aber als etwas ansich  schlechthin Außergedankliches  ansieht"... "der Gegenstand, wenn er nicht  Denkgegenstand  sein soll, bleibt draußen, die Erkenntnis vermag niemals zu ihm zu gelangen, er bleibt die starre Wand, auf die sie nur aufstößt, um von ihr zurückgestoßen und auf sich selbst zurückverwiesen zu werden." Auch das bloße Mannigfaltige (ein später Abkömmling des alten Chaos), das  apeiron  [das Unbegrenzte - wp], das  me on,  das Nichts ist eine logische Festsetzung und selbst der Gedanke des "Unbestimmten" ist doch eine Bestimmung durch Gedanken.

Auch hiermit stimmt schon der gewöhnliche Sprachgebrauch überein, und ich möchte das eben Angedeutete gerade unter Beziehung auf diesen noch etwas näher ausführen, um zugleich zu zeigen, daß der Ausdruck "Gegebenes" trotz der nun gewonnenen Erkenntnis seine Berechtigung behält. Wir haben gesehen, daß ein Gegebenes, an dem die Denkarbeit einsetzen soll, nicht in einer völlig  passiven,  aller "Spontaneität" entbehrenden "Rezeptivität" des Bewußtseins existieren kann, daß also eine "absolute" Gegebenheit nicht vorhanden ist, sondern immer nur  relative  Gegebenheiten zur Verfügung stehen. Wie verhält sich hierzu der gewöhnliche Gebrauch des Wortes? Er lehrt uns folgendes. Wenn ich einem Menschen irgendein Objekt gebe, so ist durch das bloße Darreichen die Handlung nicht abgeschlossen; ich habe es dem andern erst dann "gegeben",  wenn er es seinerseits "genommen"  hat. Das Gegebene muß zugleich ein Angenommenes, Ergriffenes sein. Auch das Wort  Rezeptivität  ist nicht mit völliger Passivität identisch, sondern es weist auf den Akt des Aufnehmens hin. Wie nun die Speise, die mir mein Tischnachbar reichen möchte, mir nicht wirklich gegeben ist, solange ich sie nicht ergreife, so verhält es sich auch mit dem Gegebenen der Denkarbeit und zwar in zweifacher Hinsicht. Alles was dem erkennenden Denken dargeboten sein mag, selbst wenn es ansich ganz alogischer Natur sein könnte, muß, falls es wissenschaftlich bearbeitet werden soll, vom Denken ergriffen, d. h. auf Begriffe gebracht werden. Das zeigt sich schon äußerlich an der unausweichlichen Notwendigkeit, das  Gegebene,  von dem man wissenschaftlich ausgehen will, durch Worte zu bezeichnen und festzuhalten. Nehmen wir an, die Wahrnehmung einer roten Färbung hat als solche nichts Gedankliches an sich -: wenn sie als ein Datum für die Arbeit des Psychologen festgehalten werden soll, muß er sie irgendwie unter dem Begriff des Roten erfassen. - Aber auch in einer anderen Hinsicht ist das Gegebene nur als "Ergriffenes" wirklich gegeben. Welcher Natur es auch sein sollte, es ist stets zugleich ein von uns "Gesetztes". Wir müssen sein Gegebensein anerkennen, müssen uns entschließen, es als gegebenen Ausgangspunkt gelten zu lassen, wenn es seinen Zweck erfüllen soll. Für die wissenschaftliche Arbeit ist es also nicht nur ein begrifflich Erfaßtes, sondern auch etwas als Ausgangspunkt Gewähltes, so daß wir dabei von einer doppelten Aktivität des Bewußtseins sprechen können.

Zu diesem logischen und voluntaristischen Ergreifen kommt aber noch ein Drittes hinzu. Wenn irgendetwas als gegebener Ausgangspunkt festgesetzt ist, so tritt in seiner Bearbeitung die für den Psychologen so verblüffende Erscheinung ein, daß das Festgehaltene als ein - gewöhnlich mit der Wortbezeichnung verbundenes - Gedankengebilde weiterbesteht, das mit den phänomenal erlebten Bewußtseinsinhalten  nicht identisch  ist. Selbst die besondere Nuance eines bläulichen Rot, die für einen Krawattenfabrikanten den gegebenen Ausgangspunkt seiner unphilosophischen Spekulatioinen bilden mag, setzt sich alsbald in ein "Gemeintes" um, das nicht nur vom Ort und der Ausdehnung des sinnlich Wahrgenommenen, sondern auch von den besonderen Eigentümlichkeiten des einzelnen Erinnerungsbildes unabhängig zu bestehen scheint. So ist es auch beim Gegebenen der wissenschaftlichen Denkarbeit: es verwandelt sich im Weiterarbeiten in ein "Gemeintes" und tritt damit in jene Sphäre ideellen Seins über, über die HUSSERLs logische Untersuchungen so viel Licht verbreitet haben.

So werden wir den Forschern zustimmen, die das Ausgehen von einer absolut alogischen Gegebenheit für unmöglich halten. Wenn wir im folgenden das Wort Beziehung auf die Denkarbeit weiter gebrauchen werden, so kann es sich dabei nur um den Begriff einer relativen Gegebenheit handeln, den wir  vorläufig  etwa so zu definieren imstande sind: wissenschaftlich gegeben ist dasjenige, was bei der wissenschaftlichen Arbeit nicht erst erarbeitet werden soll, sondern als bereits zur Verfügung stehender Ausgangspunkt vorausgesetzt wird. In diesem Sinne werden wir aber den Ausdruck auch weiterhin verwenden dürfen. Da selbst für die Sprache des Alltags das Geben eine relative Bedeutung besitzt und ohne das Korrelat des Nehmens seinen Sinn verlieren würde.

3. Unter der Relativität des Gegebenen haben wir bisher die Tatsache verstanden, daß ein absolut Außergedankliches nicht wirklich als Ausgangspunkt der Forschung verwertbar ist. Nun stoßen wir auf die weitere Frage, ob das schon logisch bestimmte Gegebene auch in der  zweiten  Bedeutung  relativ  ist, daß  sein  Inhalt je nach der Verschiedenheit der Arbeitsinteressen und Arbeitsziele wechselt' - oder ob wir auch von einem Gegebenen reden können, das zwar Denkbestimmungen aufweist, also im zuerst gemeinten Sinn relativ ist, trotzdem aber  für jede Denkarbeit,  wie sie auch beschaffen sein mag,  als  erster Ausgangspunkt zu gelten hat.'

Man muß, wie mir scheint, beiden Seiten dieser Alternative gerecht werden. In gewissem Sinne werden wir nämlich behaupten dürfen, daß alle Denkarbeiten, wie sie auch beschaffen sein mögen,  ein  Gegebenes als gemeinsamen Ausgangspunkt mittelbar oder unmittelbar voraussetzen, nämlich das "Erlebnis" (6). In dieser Hinsicht wird der Positivismus immer Recht behalten. Auch PLATO, der im Gegensatz zu der im Erlebnis gefangen bleibenden Sophistik zum erstenmal mit voller Klarheit gelehrt hat, daß unser Wissen  über die Erlebnisse hinausgeht  und sich auf ideale Gegenstände bezieht, ist ebenso wie der Apriorist KANT davon überzeugt, daß das Erlebnis (7) trotzdem als  erste Anregung  zur Ideenschau vorauszusetzen ist. Freilich scheint er zu wenig zwischen "Erlebnis" und "sinnlicher Wahrnehmung" zu unterscheiden. Fassen wir aber die Wahrnehmung allgemein als Inbegriff der psychischen "Phänomene" (so daß auch die Gegenstände des "inneren Sinns" dazugehören), so werden wir in der Lehre des PHAEDON und THEAETET, daß die begrifflichen Erkenntnisse zwar nicht aus der  aisthesis  [Wahrnehmung - wp] geschöpft sind ("erborgt" sagt KANT), aber von ihr angeregt werden, dasselbe Zugeständnis finden, wie in den Worten HUSSERLs:
    "Wenn auch die ideale und nicht die phänomenologische Analyse zur ureigenen Domäne der reinen Logik gehört, so kann doch die letztere zur Förderung der ersteren nicht entbehrt werden. Denn alles Logische muß, sofern es als Forschungsobjekt unser eigen werden und die Evidenz der in ihm gründenden apriorischen Gesetze ermöglichen soll,  in  subjektiver Realisation gegeben sein." (8)
Die Erlebnisse oder Bewußtseinsphänomene, zu denen wir natürlich auch die  Akte  des Erkennens und Meinens rechnen, werden demnach  direkt oder indirekt  das  ursprünglich  Gegebene für  alle  Denkarbeit bleiben. Wenn KÜLPE auf der ersten Seite seines Grundrisses der Psychologie sagt:
    "Die Tatsachen, mit denen sich alle Wissenschaften, abgesehen von der Philosophie, beschäftigen, bezeichnen wir als  Erlebnisse.  Es sind die ursprünglichen  Data  unserer Erfahrung, dasjenige, was den Gegenstand der Reflexion bildet, ohne selbst eine zu sein. Im Gegensatz dazu obliegt der Philosophie, die Beschreibung der Erlebnisse, die Reflexion über sie, sofern darin ein eigentümlicher Tatbestand  gegeben  ist, zu untersuchen" -
so ist aus diesen Sätzen deutlich zu erkennen, daß hierbei die Erlebnisse doch zumindest mittelbar als das letzte, ursprünglichste Gegebene für alle Denkarbeit anzusehen sind.

Zugleich zeigt es sich aber ebenso deutlich, daß sich die  einzelnen  Denkarbeiten in ihrem Verhältnis zum Erlebten unterscheiden. Mag auch überall, wenn man nur  weit genug zurückgeht,  das Erlebnis den ursprünglichsten Ausgangspunkt bilden -: die einzelne Denkarbeit hat in sehr vielen Fällen  ihr eigenes, spezielles  "Gegebenes", und dieses braucht  nicht  mit dem Erlebten zusammenfallen. Dies gilt nicht etwa nur von der Philosophie. Es gilt auch nicht bloß von der Philosophie und Mathematik. Selbst das Objekt der Naturforschung ist infolge der von KÜLPE sehr gut hervorgehobenen Loslösung von der Beziehung auf das erlebende Individuum kein konkretes Erlebnis mehr, sondern ein "gemeinter" Gegenstad, der sich z. B. i eiem nicht gesehenen Raum ohne perspektivische Verkürzung befindet. Der mit sechs quadratischen Seiten ausgestattete Würfel ist als solcher kein Erlebnis. Ja selbst die Psychologie bleibt wohl nur da ganz am Erlebten haften, wo sie den Tatbestand individueller Selbstbeobachtung ohne Verallgemeinerung beschreibend feststellt. Alle generell-psychologischen Lehren sind zwar durch die Betrachtung von Erlebnissen angeregt, arbeiten aber infolge der Verallgemeinerung nicht mit unmittelbar erlebten Objekten. Wenn ich konstatiere, daß Rot und Grün sich gegenseitig heben, so meine ich das eben Gesehene nur noch in demselben Sinn wie der Geometer das eben gesehene Dreieck.

4. Im Folgenden spreche ich ausschließlich vom Gegebenen für bestimmte einzelne Denkarbeiten. Ich fasse also den Begriff nicht mehr im Sinn des  ursprünglichsten  Gegebenen, sondern so, daß seine Definition jetzt lauten kann: als wissenschaftlich gegeben bezeichnen wir dasjenige, was bei  irgendeiner bestimmten  Denkarbeit nicht erst erarbeitet werden soll, sondern bei  dieser  Arbeit als der bereits zur Verfügung stehende Ausgangspunkt vorausgesetzt wird. Der so bestimmte Begriff des Gegebenen ist nun auch in jener zweiten Hinsicht bloß relativ, daß sein Inhalt je  nach der Verschiedenheit der Arbeitsziele und Arbeitsinteressen wechselt.  Damit betrete ich aber erst das Gebiet, auf dessen Erforschung ich besondere Wert legen möchte. So wichtig es ist, die Unfruchtbarkeit des Begriffs einer  absoluten Gegebenheit  hervorzuheben (alles Absolute ist, wie die Marburger Schule sagt, nur "aufgegeben"), so nötig ist es, im Erlebnis die  ursprünglichste Gegebenheit  anzuerkennen: die interessantesten Probleme scheinen mir doch erst da hervorzutreten, wo man die  speziellen Gegebenheiten der einzelnen Denkarbeiten  untersucht. - In diesem ersten Beitrag möchte ich jedoch bloß in vorbereitender Weise zweierlei zeigen. Zunächst ist es mir um den Nachweis zu tun, daß zu unserer Definition der  "speziellen"  Gegebeheiten eine weitere  inhaltlich  Bestimmung nicht hinzugefügt werden kann. Vielleicht läßt sich das am besten dadurch veranschaulichen, daß wir von den drei Beziehungen ausgehen, an die man gerne denkt, wenn man vom Gegebenen redet, nämlich von der Beziehung auf eine  "gesicherte Existenz",  auf das uns schon bekannte  "unmittelbar Erlebte"  und auf die  "gewisse Geltung". 

Das Wort  "Existenz sei hier in dem Sinne aufgefaßt, daß es ein Sein bezeichnet, welches sich von einem bloß idealen Sein der Gedankengebilde unterscheidet. Soviel ich sehe, bleibt dan für die "Existenz" zweierlei Sein übrig, nämlich erstens das immanente Sein im Bewußtsein und zweitens die transzendente Realität des Ansich-Seienden. DESCARTES hat in seinem  cogito ergo sum  beides vermengt: die Bewußtseinswirklichkeit des Denkens oder Zweifelns und die transzendente Existez der Seelensubstanz. (9) - Wird nun jede spezielle Gegebenheit Anspruch auf eine gesicherte Existenz machen? Gewiß nicht. Die Atome bilden für viele naturphilosophische Konstruktioe den gegebenen Ausgangspunkt; daß sie im Sinne einer transzendenten Realität existieren, will nicht jeder Forscher behaupten, der diesen Ausgangspunkt wählt: sie können für ihn auch das bloß ideale Sein von Gedankensymbolen besitzen. Ganz allein in diesem Sine sind die "gegebenen" Linien und Winkel in einer geometrischen Aufgabe zu verstehen. Die obersten Axiome, mit denen eine deduktiver Gedankenprozeß anhebt, wollen nicht sein, sondern gelten. Und noch ein anderes: der gegebene Ausgangspunkt einer Gedankenrichtung, die auf ein verifizierendes Experiment hinausläuft, ist nicht eine gesicherte, sondern eine noch ungesicherte Existenz.

Das  "unmittelbar Erlebte"  nimmt, wie wir sahen, eine Sonderstellung ein, da es zumindest indirekt für jedes Denken das ursprünglich Gegebene bedeutet. Sobald wir uns aber auf die direkten Ausgangspunkte spezieller Denkarbeit beschränken, verändert sich die Sachlage. Jeder wissenschaftliche Aufbau, der von "Elementen" ausgeht, beginnt, wie das WILLIAM JAMES mit Recht betont hat, mit einer Abstraktion, die vom komplizierten Gewebe des unmittelbar Erlebten weit entfernt ist. Wenn z. B. die Empfindungen als das Gegebene betrachtet werden, von dem die Psychologie ausgeht oder mit dem ein Philosoph sein Weltbild zu konstruieren sucht, so fällt dieser Ausgangspunkt nicht mit dem unmittelbar Erlebten zusammen. Das gegebene  Element  ist ast nie ein gegebenes  Phänomen.  Ebensowenig will es die "reine" Logik mit dem unmittelbar Erlebten zu tun haben, wenn sie z. B. die Konsequenzen untersucht, die sich aus "gegebenen" Prämissen ziehen lassen. Und für eine deduktive Metaphysik bedeutet die Erreichung des wirklich Erlebten von den gegebenen Voraussetzungen des Systems aus ei mit vielen Schwierigkeiten belastetes Unternehmen. Ich erinnere an das Problem des Übergangs vom Unendlichen zum Endlichen", das SCHELLING so intensiv beschäftigt hat und das er schließlich nur durch die mystische Vorstellung des "Abfalls" aus dem Absoluten lösen konnte.

Auch die  gewisse Geltung  ist kein wesentliches Merkmal unseres Begriffes. Es ist nur richtig, daß der gegebene Ausgangspunkt allemal, wenn wir ihn wirklich als solchen ergreifen, den Charakter einer logischen Festsetzung erhalten muß. Aber diese Festsetzung ist für viele Einzelarbeiten ein nur problematisches Urteil oder sogar eine bloße Annahme. Für alle Untersuchungen, die sich mit der Verifikation von Hypothesen beschäftigen wollen, besteht der gegebene Ausgangspunkt in einer Vermutung oder in einer Annahme, deren Geltung von den Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung abhängig ist. Und in dem apagogischen [indirekten - wp] Beweis geht die Arbeit von einem Gegebenen aus, um die Unmöglichkeit seiner Geltung zu zeigen.

Aus diesen Erwägungen geht zunächst hervor, daß die drei von uns angeführten Bestimmungen keinesfalls als wesentliche Merkmale der  speziellen  Gegebenheiten angesehenwerden dürfen. Es wird aber auch weiter vermutet werden können, daß bei den verschiedenen Richtungen des wissenschaftlichen Interesses ein gemeinsamer, inhaltlich bestimmter Ausgangspunkt für alle speziellen Arbeitstendenzen überhaupt nicht zu finden ist. Vielmehr ist dasjenige, was für eine bestimmte Arbeitsrichtung den gegebenen Ausgangspunkt bildet, für eine andere häufig etwas erst Abzuleitendes, manchmal ein Letztes, ja unter Umständen etwas nicht Vorhandenes. Der dahinfließende Bewußtseinsstrom, von dem ein Erkenntnistheoretiker ausgehen mag, um das Problem der Transzendenz in Angriff zu nehmen, ist für den Psychophysiker eine Erscheinung, die er mit den gegebenen Bedingungen des Nervensystems in Zusammenhang zu bringen versucht, für den synthetischen Psychologen, der die Empfindungen als erste Elemente zugrunde legt, das letzte Ziel, dem sein Aufbau zustrebt, und für den reinen Logiker ein Gegenstand des Psychologismus, von dem er völlig zu abstrahieren lehrt (10). Umgekehrt kann der Psychologe behaupten, daß die vom erlebenden Individuum gänzlich abgelösten "ewigen" Denkgesetze, von denen der reine Logiker ausgeht, in dieser ihrer Abgelöstheit für ihn, der nur die Überzeugungen der Individuen als Forschungsobjekte vor sich hat, gar nicht vorhanden sind. Auch wenn er dabei auf das schon erwähnte Problem des "Gemeinten" stößt, wird er wohl das Erlebnis des Meinens, nicht aber das ideale Sein des gemeinten Gegenstandes zu seiner Sphäre rechnen.

5. Ich breche hier die systematischen Erwägungen ab, um sie später in einem weiteren Beitrag wieder aufzunehmen. Dagegen will ich an dieser Stelle - und das ist das zweite, was ich noch ausführen oder vielmehr andeuten möchte - an ein paar Beispielen zeigen, wie uns in den  philosophischen  Systemen die speziellen Gegebenheiten in verschiedenen Arten und in mannigfachen Verbindungen entgegentreten und wie sie sich in ihrem besonderen Charakter stets vom  Ziel  der Arbeitsrichtung her (also idealistisch) bestimmen. Ich beginne mit KANT. Da fiden wir, wie schon früher erwähnt wurde, im Anfang der transzendentalen Ästhetik das der Empfindung Korrespondierede als a posteriori gegeben bezeichnet. Hier handelt es sich um den Begin einer Denkarbeit, deren Ziel die Lehre von der Apriorität der Anschauungs form  als "leges coordinandi" [koordinierende Vorschriften - wp] bildet. Von dieser Zielsetzung aus wird ein Ungeformtes, ein bloß Mannigfaltiges als gegeben angenommen, gerade wie der Töpfer für seine Zwecke des noch ungeformten Tones bedarf. Im Abschnitt über die "Amphibolie [Mehrdeutigkeit - wp] der Reflexionsbegriffe" ist dagegen die Denkarbeit von einem anderen Interesse beherrscht. Die apriorischen Formen des Anschauens und Denkens sind gefunden und die Grenzen der Wissenschaft durch ihr Zusammenarbeiten bestimmt. Nun handelt es sich darum, zu betonen, daß man in der kritischen Philosophie nicht von einer Mannigfaltigkeit von "Dingen ansich" ausgehen kann, um von da aus ihre Verhältnisse, z. B. ihre raumzeitlichen Beziehungen zu begründen. Und von diesem Gesichtspunkt aus kann KANT darauf hinweisen, daß für den sich auf Erscheinungen beschränkenden Kritizismus  "die Form für sich gegeben"  ist (11) - gerade wie der Handwerker auch einmal sagen kann: vor allem muß das  Werkzeug  da sein, wenn ich einen Stoff gestalten soll. Ebenso lehrreich ist es, die Verschiedenheit des relativ Gegebenen in der synthetischen und analytischen Darstellung des Kritizismus (12), sowie in der Unterscheidung einer metaphysischen und transzendentalen Erörterung zu untersuchen. Ich werde später darauf zurückkommen.

In diesem Zusammenhang sei auch auf die Logik SCHUPPEs verwiesen, dessen Behandlung unseres Problems von besonderem Interesse ist. Während die gewöhnliche Schullogik bestimmte Objekte: Menschen, Tiere, Städte, Dörfer usw. als das Gegebene ansieht, wird der Begriff des Gegebenen für die erkenntnistheoretische Logik anders gefaßt werden müssen. Stellen wir dem Bewußtseins inhalt  das nur durch Bilder zu veranschaulichende "im Bewußtsein  Haben"  gegenüber, so ist dieses Haben als Denke im allgemeinsten Sine oder als der Gattungsbegriff des Denkens zu bezeichnen. Nun kann man nach SCHUPPE  beides,  sowohl das Denken, desse Formen oder Spezies den Gegenstand der Logik bilden, wie auch das aller Denkarbeit Gegenüberstehende als "gegeben" bezeichnen. Schon hier tritt, wie mir scheint, die Relation des Gegebenen zur Untersuchungsrichtung hervor. - Die weiteren Ausführungen SCHUPPEs gelten demjenigen Gegebenen, das der Denkarbeit gegenübersteht.
    "Wenn wir aus einem gegebenen Gedanken, gleichviel ob Urteile oder Begriffe, dasjenige, was darin dem Denken als Denken angehört, herausnehmen, so bleibt ein wüstes Chaos zusammenhangloser, unverstandener und unverständlicher letzter unmittelbar gegebener Elemente zurück." (Erkenntnistheoretische Logik, Seite 102
Schon aus diesen Worten könnten wir die Unterscheidung aus diesen Worten könnten wir die Unterscheidung von  zwei Arten  der speziellen Gegebenheit gewinnen, denen wir vorhin bereits begegnet sind und die ich das  Elementar-Gegebene und das  Phänomenal-Gegebene nennen will. Diese beiden Arten müssen jedenfalls sorgfältig auseinandergehalten werden; denn das wirklich Erlebte ist nicht elementar, und das gegebene Element braucht nicht phänomenal erlebbar zu sein. SCHUPPE verfährt nun so, daß er beide Gedaken im Begriff des  "einfachsten wirklichen Gegebenen"  verbindet (13). In gewissem Sinne können freilich auch Komplexe, die zwar zerlegbar oder unterscheidbar, aber tatsächlich nicht unterschieden sind, als Gegebenes bezeichnet werden. Es entspricht jedoch den Zwecken der erkenntnistheoretischen Logik, dabei nicht stehen zu bleiben, sondern das  ("ursprünglich")  Gegebene als ein "Etwas" aufzufassen, das nicht mehr in einfachere Elemente analysiert werden kann, aus denen es entstanden wäre (14), als ein Etwas, das noch wirklich, aber als  wirkliches  unzerlegbar ist. Dieses Gegebene ist dann die "einfache wirkliche Erscheinung". Der Gedanke, das Gegebene so elementar aufzufassen, als es noch innerhalb des phänomenal Wirklichen angeht, ist für die Entwicklung des 8. und 9. Kapitels in Schuppes Hauptwerk von Bedeutung. Auch in § 84 des "Grundrisses der Erkenntnistheorie und Logik" kommt er deutlich zur Geltung. Man glaubt dabei zu fühlen, wie die erste Bestimmung dazu drängt, zumindest "die gleichzeitigen Data aller Sinne  zusammen"  als Ausgangspunkt zu nehmen (wobei aber, wenn die volle Erlebnis-Wirklichkeit gewahrt werden soll, der nie fehlende reproduktive Einschlag und manch anderes zu berücksichtigen wäre. (15) Die zweite Bestimmung (Ausgehen vom Einfachsten) führt jedoch zunächst zur einzelen Empfindung eines einzelnen Sinnes hinüber: "sie werde als  wirklich erlebter  Eindruck, als  einfachste wirkliche Erscheinung  gedacht". Hier wird man sich fragen müssen: ist das noch "wirklich erlebt"? Gerät hier nicht das auf  Elementar-Gegebenes gerichtete Interesse in einen Konflikt mit dem von Anfang an etwas zu kurz kommenden Interesse für das  Wirklich-Erlebte?  SCHUPPE selbst scheint einer Einwendung begegnen zu wollen, wenn er von der Einzelempfindung sagt:
    "Nie ist eine solche wirklich allein gegeben, aber jede ist doch im tatsächlichen Ganzen wirklich enthalten, und so kann es auch ihrer Wirklichkeit keinen Abbruch tun, wenn wir von allem mit ihr zugleich Gegebenen abstrahieren und nur eine allein ins Auge fassen".
Hiermit ist für SCHUPPE die Grenze dessen erreicht, was in seinem Sinne noch als gegeben bezeichnet werden kann. Der Gedanke des Elementaren ist aber noch keineswegs befriedigt. Die Empfindung ist zwar das einfachste  wirkliche  Gegebene; aber das endgültig Unzerlegbare ist damit noch nicht erreicht. Durch  distinctio rationis  lassen sich an der Einzelempfindung noch die Qualität sowie die räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten (Wo, Ausdehnung, Gehalt, Wann, Dauer) unterscheiden. Erst damit stoßen wir auf eigentliche  "Elemente".  Aber wir sind zugleich über das Gegebene im Sinne SCHUPPEs hinausgetrieben worde, weil diese Elemente nicht mehr konkret wirklich, sondern abstrakt und allgemein sind (§ 85, 86). Wie mir scheint, lehrt diese interessante Stelle in den tiefdringede Gedankengängen der SCHUPPEschen Erkenntnistheorie, daß sich die beiden speziellen Gegebenheiten des Elementaren und Phänomenalen kaum zu einer dauernden Einheit verbinden lassen.

Wie man sich indessen auch zu dieser Frage stellen mag - jedenfalls hat SCHUPPE den Gedanken des "Elements" und des "Erlebtseins" genau unterschieden. Dagegen wird man vielleicht behaupten können, daß die erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten des von MACH eingenommenen Standpunktes zum guten Teil auf einer ungenügenden Unterscheidung des "Elementar"- und "Phänomenal"-Gegebenen beruhen. Das positivistische Interesse MACHs verlangt ein Gegebenes, das wirklich in der Erfahrung  erlebt  wird. Das Interesse der "Bauklötzchen"-Methode verlangt einfachste  Elemente  als Anfangspunkt. Das erste Interesse glaubt MACH (irrtümlich) (16) durch das Ausgehen von den erlebten Empfindungen befriedigen zu können. Das zweite Interesse hat bei dieser irrtümlichen Annahme schon mitgewirkt; es drängt ihn aber auch über die Empfindungenn als  "psychische  Elemente" hinaus zu nicht erlebten "physikalischen Elementen" (die Rückseite des Mondes besteht nicht aus psychischen Elementen). Und nun vereinigt sich wieder das erste Interesse mit dem Prinzip der Denkökonomie zu der Annahme, daß sich die Elemente durch die Ablösung ihres psychischen Charakters in  ihrer Natur nicht ändern,  ein Gedanke, der mancherlei Schwierigkeiten mit sich bringt (17).

Schließlich möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal auf HERBART verweisen. Seine Definition der Philosophie als einer "Bearbeitung der Begriffe" hängt aufs Engste mit unserem Problem zusammen. - In den von KANT herstammeden Gedankenkreisen sind drei Begriffe als gegebene Ausgangspunkte der Denkarbeit hervorgetreten. Erstens das bloß  Mannigfaltige des Stofflichen,  das bei KANT selbst im Vordergrund zu stehen scheint, weil seine Untersuchung mit  diesem  Gegebenen anhebt; zweitens die  überindividuelle Einheit des Bewußtseins,  die für den metaphysischen Idealismus in der nachkantischen Philosophie den Ausgangspunkt bildete (KANT hat in den Prolegomena auch die "Vernunft selbst" als das Gegebene der Vernunftkritik bezeichnet (18). Beide Ausgangspunkte sind für die wissenschaftliche Arbeit bedenklich, weil sie äußerste Grenzbegriffe bilden, von denen sich ohne Erschleichungen schwer etwas erreichen läßt: SCHLEIERMACHER hat, wie mir scheint, mit Recht betont, daß das absolut Ungeformte als Ausgangspunkt ein ebenso unvollziehbarer Gedanke ist wie die absolute Einheit. Ein dritter Ausgangspunkt ist von KANT für die analytische Darstellung der Prolegomena gewählt worden (19): man setzt  Mathematik  und Naturwissenschaft' als gegeben voraus, um von da "zu den Quellen aufzusteigen": "es trifft sich aber glücklicherweise, daß, obgleich wir nicht annehmen können, daß Metaphysik als Wissenschaft wirklich ist, wir doch mit Zuversicht sagen können, daß gewisse reine synthetische Erkenntnisse a priori wirklich und  gegeben  sind, nämlich reine Metaphysik und reine Naturwissenschaft". Die Verfolgung dieses Gedankens führt zu der reinen Logik COHENs, der es wiederholt betont, daß er von der "faktischen Geltung" der reinen Erkenntnisse ausgeht, "ähnlich wie PLATO und KANT ausgehen von der faktischen Geltung der Mathematik" (20). Die gegebene Voraussetzung ist hier von dem Interesse bestimmt, die obersten Bedingungen der Wissenschaft im Bewußtsein aufzudecken.

HERBART gewinnt aus der Orientierung an KANT einen vierten Ausgangspunkt. Nach seiner Ansicht (ich beschränke mich hier auf HERBARTs "Einleitung in die Philosophie") war es ein folgenschwerer Irrtum KANTs, daß er dem bloßen Mannigfaltigen als dem Gegebenen die Formen des Verbindens als eine  Handlung  des Bewußtseins gegenüberstellte - "hierin liegt der erste Anlaß mannigfaltiger Verirrungen in der neuesten Philosophie" (§ 29, Anm.). Er selbst lehrt uns, das  Mannigfaltige in und mit seinen Verbindungen  als gegeben aufzufassen. "Wir finden es schon schwer, von aller Gruppierung zu abstrahieren und statt der Dinge die bloße Materie dessen, wodurch Dinge gegeben werden, uns vorzustellen; aber wen wir vollends im willkürlichen Denken andere Komplexionen dieser Materie, als die bekannten und für gegeben gehaltenen aussinnen wollen, dann empfiden wir den Widerstreit dieses willkürlichen Denkens mit der Anschauung; die letztere will sich jene ersonnenen Komplexionen nicht unterschieben lassen; wir finden uns gebunden, nur die bisherigen Komplexionen für gegeben gelten zu lassen, und dies heißt ebensoviel wie: "sie  sind wirklich gegeben"  (§ 122). - Indem wir so das geformte Mannigfaltige als gegeben ansehen, sind wir zunächst auf den  "Standpunkt der gemeinen Weltansicht"  mit den durch das Gegebene "aufgedrungenen"  Erfahrungsbegriffen  versetzt (§ 117, 151).  Hier beginnt aber die Arbeit der Philosophie,  die das  Unklare  in den Erfahrungsbegriffen zu klären (Logik) und das  Widerspruchsvolle  zu berichtigen sucht (Metaphysik) (21). Die (wichtigere) Aufgabe der Metaphysik hat HERBART infolgedessen so bestimmt:
    "Es wird sich zeigen, daß uns Begriffe durch die Erfahrung wirklich aufgedrungen werden, welche sich dennoch nicht denken lassen; daß wir  das Gegebene nicht als solches behalten können,  als welches es sich vorfindet, daß wir folglich, da das Gegebene sich nicht wegwerfen läßt, es  im Denken umarbeiten,  es einer notwendigen Veränderung unterwerfen müssen; welches eben die Absicht der Metaphysik ist."
So wenig ich mich den metaphysischen  Ausführungen  HERBARTs anschließen möchte, so sehr bin ich doch davon überzeugt, daß die Art seiner  Problemstellung  von großer Bedeutung ist. Man hat zwar mit Recht eingewendet, daß die Bearbeitung von Begriffen schließlich Aufgabe einer jeden Wissenschaft ist. Schränkt man aber die Bestimmung so ein, wie es HERBART selbst gelegentlich getan hat: "Bearbeitung der ... Erfahrungsbegriffe, wenigstens  der allgemeinsten  unter denselben" (§ 151), so ist damit eine Definition der Philosophie im engeren Sinne gegeben, die zweifellos relative Berechtigung besitzt. Sie ist beherrscht von einem Interesse der Klärung und Berichtigung bestehender und überkommener Gedankengebilde und knüpft damit, wie mir scheint, an  eines der wichtigsten Motive der Forschungsarbeit  an; denn gefühlte und dann erkannte Unklarheiten und Widersprüche in der überlieferten Auffassung des Seienden bilden die natürliche Triebfeder des wissenschaftlichen Fortschrittes. Durch die  Interessenrichtung,  durch die  Relation zum Ziel  ist aber hier auch wieder der gegebene Ausgangspunkt bestimmt: für den, der klären und berichtigen will, liegt das Gegebene der Denkarbeit in den vorgefundenen Erfahrungsbegriffen der "gemeinen Weltansicht" mit ihren Unklarheiten und Unrichtigkeiten.

- Die Resultate dieses ersten Beitrags lassen sich so zusammenfassen:
    1. Es empfiehlt sich, drei Hauptbegriffe des Gegebenen zu unterscheiden: den Begriff der  absoluten,  der  ursprünglichsten  und der  speziellen  Gegebenheit.

    2. Ein  absolut Alogisches  kann nicht gegebener Ausgangspunkt der Forschung sein.

    3. Die  ursprünglichste  Gegebenheit ist im  "Erlebnis"  zu suchen.

    4. Die  speziellen  Gegebenheiten spezieller Denkarbeiten lassen sich nicht durch ein allen gemeinsames  inhaltliches  Merkmal kennzeichnen; vielmehr wechselt mit dem Ziel des Forschungsinteresses auch die inhaltliche Bestimmung der speziellen Gegebenheit.
- Es ist eine lohnende Aufgabe, zu untersuchen, wie sich diese Abhängigkeit vom Ziel in den verschiedenen philosophischen Systemen geltend macht.

Gerade hieraus erwächst aber die Aussicht, gemeinsame  formale  Eigentümlichkeiten der speziellen Gegebenheiten aufzufinden, die für die Methodik der Denkarbeit von Interesse sind.

LITERATUR: Karl Groos, Beiträge zum Problem des "Gegebenen", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 130, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Unter  Denkarbeit  verstehe ich im folgenden stets die eigentliche  Urteilstätigkeit  des Verstandes, nicht das  "Etwas-Meinen"  oder die  "Intention",  die ja sprachlich auch als "Denken" bezeichnet werden kann, aber offenbar ein "Vermögen" bedeutet, das von der logischen Wertung des Urteils streng zu unterscheiden ist.
    2) Zur Frage der Auslegung der bekannten Stelle "das, was der Empfindung  korrespondiert"  sei bemerkt: da KANT tatsäclich auch die Empfindung selbst, nicht nur das ihr Korrespondierende, als Materie der Erscheinung bezeichnet und da ferner diese Materie dem ganzen Zusammenhang nach nur ein im  Bewußtsein  anzutreffende Material bedeuten kann, so vermag ich unter den von VAIHINGER (Kommentar II, Seite 56f) angeführten Auslegungen nur die erste und zwar in dem Sinn anzunehmen, daß hier die unserer Empfindungs tätigkeit  "korrespondierenden" Empfindungs qualitäten  gemeint sind.
    3) Vgl. z. B. auch NATORP, "Sozialpädagogik", § 5; PAUL STERN, "Das Problem der Gegebenheit", 1903; RICKERT, Der Gegenstand der Erkenntnis, zweite Auflage 1904, wo auf Seite 166f eine besondere "Kategorie der Gegebenheit" aufgestellt wird.
    4) EDOUARD CLAPAREDE (Hg), Bericht über den zweiten internationalen Kongreß für Philosophie, Genf 1904
    5) PAUL NATORP, Zur Streitfrage zwischen Empirismus und Kritizismus, Archiv für systematische Philosophie, Bd. V, 1899, Seite 196
    6) "Vorkommnis" (WAHLE), Bewußtseinsinhalt, "konkrete Gegenwart" sind verwandte Ausdrücke für den "erkenntnistheoretischen Fundamentalbestand".
    7) Vgl. NATORP, "Platos Ideenlehre", 1903, Seite 155
    8) HUSSERL, Logische Untersuchungen II, Seite 6
    9) Der kantische Begriff der vom individuellen Vorstellen unabhängigen  Erscheinung  (der "Dinge selbst") würde, wie ich glaube, am besten als bloß ideelles Sein gefaßt, während dem Vorstellen immanente, den Dingen ansich transzendente Existenz zukommt. - In dieser Hinsicht ist auch die Wirklichkeit der  "Reduktionsbestandteil"  in ZIEHENs Erkenntnistheorie von Interesse. Diese sollen uns die Realität des Nicht-Wahrgenommenen garantieren. Sie selbst sind aber nur vorgestellte Empfindungen, und auch ihre Existez ist nur eine vorgestellte (THEODOR ZIEHEN, Psychophysiologische Erkenntnistheorie, 1898, Seite 18 und 97; vgl. Derselbe "Erkenntnistheoretische Auseinandersetzungen", Zeitschrift für Psychologie, Bd. 33, Seite 114, Anm. 1).
    10) Die klarste Bekämpfung des  "Psychologismus"  in der Logik, an die ich mich aus der  älteren  Literatur erinnere, findet sich in HERBARTs "Einleitung in die Philosophie", § 34 und 35. "In der Logik" heißt es dort, "ist es notwendig,  alles Psychologische zu ignorieren,  weil hier lediglich diejenigen Formen der möglichen Verknüpfung des  Gedachten  nachgewiesen werden sollen, welche  das Gedachte  selbst nach seiner Beschaffeheit zuläßt." "Es ist von Wichtigkeit ... sich wohl einzuprägen, daß  Begriffe  weder  reale Gegenstände,  noch  wirkliche Akte des Denkens  sind. Der letztere Irrtum ist noch jetzt wirksam; daher halten manche die Logik für  eine Naturgeschichte des Verstandes...".
    11) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Seite 244 (Reclam-Ausgabe) - Diese wichtige Stelle scheint wenig bekannt zu sein. Man vgl. z. B. HERBARTs Kritik des Gegebenen bei KANT.
    12) Vgl. KANT, Prolegomena, Seite 51 und 3 (Reclam-Ausgabe)
    13) SCHUPPE, Grundriß der Erkenntnistheorie und Logik, § 84
    14) Wenn ich SCHUPPE recht verstehe, muß auf das Wort "entstanden" Nachdruck gelegt werden, so daß in § 83 des  Grundrisses  noch  reale  "Elemente", dagegen in § 84 die idealen, nur durch  distinctio rationis  [begriffliche Unterscheidung - wp] zu gewinnenden gemeint sein. Vgl. das Hauptwerk Seite 143f.
    15) Im § 43 des Grundrisses heißt es: "Auch gehören die Regungen der Lust und Unlust und des Wollens hierher". SCHUPPE will sich jedoch auf die "körperliche Welt" beschränken (§ 83). Mit dieser Zielsetzug modifiziert sich der Begriff des "wirklich" Gegebenen.
    16) Vgl. KÜLPE, Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland, 1902, Seite 23
    17) Vgl. ZIEHEN, Erkentnistheoretische Auseinandersetzungen, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 43, Seite 244
    18) KANT, Prolegomena, Seite 51
    19) KANT, Prolegomena, Seite 51
    20) HERMANN COHEN, Logik der reinen Erkenntnis, Seite 58
    21) Von der Ergänzung durch Wertbegriff in der "Ästhetik" sehe ich hier ab.