tb-1StatistikC. G. HempelR. Wahle     
 
BENNO ERDMANN
Theorie der Typen-Einteilungen
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    I. Vorbemerkungen
II. Zum Begriff des fließenden Zusammenhangs
III. Schematische Einteilungen fließender Zusammenhänge
IV. Repräsentative Typen
V. Scheinbare Typen der Organismen
VI. Die Entwicklungstypen der Organismen
VII. Die Idealität der Entwicklungstypen der Organismen
VIII. Typen und Sprachen
IX. Perioden-Typen
X. Kritische Bemerkungen
XI. Zusammenfassung

"Betrachtet man den logischen Zusammenhang all dieser Einteilungen, so wird deutlich, daß die Endglieder der in ihnen zusammengefaßten Artenreihen in der Tat nicht fest begrenzt sind, sondern in der Richtung auf die Innenglieder flüssig bleiben. Sie sind Typen, deren Grenzbestimmung einerseits vom wissenschaftlichen Takt, andererseits vom speziellen Gedankenzusammenhang abhängig ist, aus dem heraus sie gebildet werden. Sie sind Musterbilder, nicht im Sinne von Normen, sondern in der Bedeutung von  Repräsentanten." 

I. Vorbemerkungen

Es ist eine alte logische Lehre, daß die Glieder einer Einteilung gegeneinander ab- und damit von einander auszuschließen seien, daß also die Grenzen der Arten einer Gattung nicht ineinander verlaufen dürfen.

KANTs Systematisierung der logischen Grundsätze der Homogenität, der Spezifikation und der Kontinuität der Formen sowie der ihnen nach seiner Auffassung zugrunde liegenden transzendentalen Gesetze hat allerdings in diese logische Überlieferung eine Bresche gelegt. Das Gesetz der Kontinuität, das die Vernunft, "um die systematische Einheit zu vollende", aus der Vereinigung der beiden anderen entspringen läßt, gebietet "einen kontinuierlichen Übergang von einer jeden Art zu jeder anderen durch stufenartiges Wachstum der Verschiedenheit".

KANT selbst hat jedoch diesem Gesetz durch die systematisierende Übertreibung des richtigen Gedankens, den es enthält, die Spitze abgebrochen. Denn er hat zugestehen müssen, "daß diese Kontinuität der Formen eine bloße Idee sei, der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht aufgewiesen werden kann." Das Gesetz fordert nur,  daß  wir eine solche Affinität der Formen suchen sollen. Es vermittelt uns kein Kriterium, nach dem wir jene Stufenfolge im Einzelnen bestimmen könnten. Andererseits sind, wie er im Sinne der formalistischen Klassifikationen seiner Zeit annimmt, "die Spezies in der Natur  wirklich abgeteilt,  und  müssen  daher ein quantum discretum [stille Menge - wp] ausmachen": Er kann sich sogar nicht der Folgerung verschließen, daß, "wenn der stufenartige Fortgang in der Verwandtschaft der Arten kontinuierlich wäre, sie auch eine wahre Unendlichkeit der Zwischenglieder enthalten müßte, die innerhalb zweier gegegeber Arten liegen". Das sei jedoch unmöglich.

So hat auch die logische Diskussion dieser Gesetze in den Handbüchern seiner Schule nicht dazu geführt, den Bann der Überlieferung zu zerstören.

Der Erste, der vom Tatbestand der wissenschaftlichen Einteilungen aus den überlieferten Schematismus bekämpft hat, ist, soweit ich sehe, der Verfasser der Geschichte der induktiven Wissenschaften gewesen. WHEWELL führt aus, daß "natürliche Gruppen durch  Typen  gegeben werden", d. i. durch "Muster (examples) einer Klasse, z. B. die Art einer Gattung, in welcher der Charakter der Gattung in hervorragender Weise ausgeprägt scheint." "Alle Arten, die dieser typischen Art ähnlicher sind (have a greater affinity) als irgendwelchen anderen, bilden die Gattung und werden so um jene geordnet, daß sie sich von ihr in verschiedenen Richtungen und Graden entfernen. ... Die typische Art einer Gattung, die typische Gattung einer Familie ist demnach diejenige, die alle Merkmale (characters and properties) der Gattung in charakteristischer und hervorragender Weise besitzt ...". Die natürlichen Gruppen sind demnach "fest bestimmt, obgleich nicht scharf begrenzt; sie sind gegeben, obgleich nicht scharf begrenzt; sie sind gegeben, obgleich nicht umschrieben; sie sind nicht durch eine von außen gezogene Grenzlinie, sondern von einem Mittelpunkt aus bestimmt, d. i. nicht durch das, was sie deutlich ausschließen, sondern durch das, was sie vorzugsweise einschließen, durch ein Musterbild, nicht durch eine Vorschrift."

WHEWELL hat bei diesen Ausführungen Gruppen von Naturkörpern im Sinn. Bei genauerem Zusehen zeigt sich jedoch, daß das Gebiet unseres Denkens vielfältig von Gattungen durchzogen ist, deren Arten durch Übergänge verschiedener Form in  gleitendem  oder  fließendem  Zusammenhang stehen. Es entsteht demnach die Frage, über welche Mittel unser Denken verfügt, um auch in diesen Fällen den logischen Aufgaben der Einteilung gerecht zu werden.


II. Zum Begriff des fließenden Zusammenhangs.

Die Voraussetzung der Fragestellung,  der Begriff des fließenden Zusammenhangs,  läßt sich dadurch genauer bestimmen, daß wir ihn gegen Zusammenhänge abgrenzen, mit denen es naheliegt ihn zu vermischen.

Nicht notwendig nämlich sind die fließenden Zusammenhänge kontinuierliche. Diejenigen kontinuierlichen Zusammenhänge, an die der Leser geneigt sein wird zuerst zu denken, gehören sogar nicht in unser logisches Problem hinein.

Es unterliegt allerdings keinem Zweifel, daß die mathematische Methode der Grenzbetrachtung dazu führt, Größen, die durch diskrete Unterschiede scharf getrennt sind, auf dem Wege kontinuierlicher Abstufung dieser Unterschiede in Größen einer und derselben Art zu verwandeln. So werden die Parallelen zu einem Grenzfall von Geraden, die sich in endlicher Entfernung schneiden, wird der Kreis zur Grenze der Ellipse, die Parabel zur Grenze der Ellipse oder Hyperbel. Für den Algorithmus der Infinitesimalrechnung gewinnen diese Betrachtungen wie bekannt sogar grundsätzliche Bedeutung. Es kann demnach scheinen, daß die festen Einteilungen der niederen Mathematik für die höhere, soweit der Einfluß der Grenzbetrachtung reicht, zu fließenden werden.

Aber der Mathematiker schafft in allen diesen Fällen den kontinuierlichen fließenden Zusammenhang dadurch, daß er, um mit den Worten RIEMANNs zu sprechen, "einen Übergang durch eine endliche Anzahl von Zwischenstufen betrachtet und dann die Anzahl dieser Zwischenstufen so wachsen läßt, daß die Abstände zweier aufeinander folgender Zwischenstufen sämtlich ins Unendliche abnehmen". Der kontinuierliche Zusammenhang wird demnach nur vom Gesichtpunkt der Grenzbetrachtung aus, nicht dagegen für jeden möglichen Standpunkt wesentlich. Die Unterschiede, welche Arten wie die oben genannten trennen, sind daher nicht in sich selbst fließende, sondern werden das nur auf Grund der  besonderen Ansicht  der Grenzmethode, die durch bestimmte Forderungen, etwa der analytischen oder der geometrischen Betrachtung, an ihrem Ort notwendig wird. Die mathematische Grenzmethode gehört deshalb, auch wo sie prinzipielle Bedeutung gewinnt, zu jener Gruppe von Methoden, die HERBART glücklicher im allgemeinen charakterisiert, als im Ausdruck "zufällige Ansichten" benannt hat. Denn es ist gegen seine allgemeinen Bemerkungen nur zu erinnern, daß diese besonderen Ansichten ihrem Wesen nach schlechterdings nicht "bloße Kunstgriffe" sind, obgleich sie im Zusammenhang mathematischer Beweise für eine methodologisch geschärfte Auffassung in dieser Weise auftreten können. Die Unterschiede zwischen Parallelen und sich schneidenden Geraden, zwischen der Ebene und der Kugelfläche, der Sekante und der Tangente, allgemein zwischen einer Variablen und ihrer Grenze, bleiben deshalb vollständig fest, obgleich die Grenzbetrachtung innerhalb des Bereichs ihrer Aufgaben einen kontinuierlichen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen kann.

Ebensowenig gehören diejenigen geometrischen Beziehungen in den Rahmen unserer Erörterung, in denen die Unterschiede der Gestalten zwar kontinuierlich ineinander übergeführt werden können, in denen jedoch nur wenige, fest bestimmbare Unterschiede durch die Fülle ihrer Korrelationen artbildende Kraft haben. So können die Größenunterschiede der Winkel in einem Dreieck innerhalb der Gesamtsumme von zwei Rechten ins Unendliche abgestuft werden. Spezifische Differenzen aber bieten nur die drei Inbegriffe in sich selbst unendlich vieler Fälle, die wir als recht-, spitz- und stumpfwinklige Dreiecke unterscheiden. Alle diese Beziehungen erweisen sich sogar in einer leicht anzustellenden allgemeinen Betrachtung als Arten von Grenzbeziehungen.

Diese kontinuierlichen Zusammenhänge dürfen wir also von vornherein ausschließen. Die fließenden Zusammenhänge, die wir zu untersuchen haben, sind vielmehr Zusammenhänge von Gegenständen, die deswegen keine festen Grenzen für die Einteilung darbieten, weil die Gegenstände bei jeder möglichen Betrachtung durch zahlreiche, unter Umständen unübersehbar viele Zwischenstufen, gelegentlich sogar durch kontinuierlich verlaufende Übergange ineinander übergehen, ohne daß Unterschiede aufzufinden wären, die mit einzelnen unter den Verschiedenheiten dieser Stufen ausschließlich verknüpft sind.


III. Schematische Einteilungen fließender Zusammenhänge

Die einfachste Gruppe der Einteilungen fließender Zusammenhänge hat nur geringe logische Bedeutung. Wir schöpfen in ihnen zwar, wie in allen Gliederungen, die den Titel einer Einteilung mit Recht führen, den Grund aus dem Wesen des Gegenstandes; aber die artbildenden Unterschiede sind in ihnen willkürlich, d. h. nach irgendwelchen Gründen der Zweckmäßigkeit festgesetzt.

Die bekanntesten Belege für sie finden wir da, wo Gradeinteilungen notwendig werden. So in den Wärmeskalen von CELSIUS oder RÉAUMUR sowie in der künstlicheren Skala FAHRENHEITs. Die kunstmäßige Willkür dieser Gliederungen würde auch bestehen bleiben, wenn wir eine von der besonderen Beschaffenheit irgendwelcher Gegenstände unabhängige thermodynamische Temperaturskala aufstellen würden. Ähnlich ist das logische Verfahren auch in MOHS' Zehnteilung der Härtegrade sowie in vielen Maßsystemen des praktischen Lebens, der Geographie und der Astronomie. Nicht anders verhalten sich logisch auch die verwickelten theoretischen Überlegungen entsprungenen Einheiten und Konstanten der Physik, z. B. die durch ihre Dimensionsgleichungen bestimmten mechanischen Einheiten der Geschwindigkeit, der Beschleunigung, der Kraft (Dyne), der Arbeit (Erg), des Effekts. Ebenso die Zeitteilungen aller Art; nicht nur die allgemeine, sondern auch so spezielle, wie die Teilungen für die Berechnung des Zinsfußes, der Versicherungen, der Rechtsfristen, des Erscheinens von Zeitschriften. In gleicher Weise endlich die Gliederungen der Münzwerte, des Bücherformats, der Wahl- und Steuerklassen usf., bis hinauf zu den feinsinnigen Gliederungen der Tonhöhe mit ihren willkürlichen Ansatzpunkten.

Es ist interessant, auf die besonderen Motive dieser Artenbildungen spezieller einzugehen, wie dies wohl zuerst LOTZE getan hat. Aber es mag hier genügen, im Gegensatz zu LOTZE den logischen Zusammenhang dieser Einteilungen mit den später zu besprechenden zu betonen und uns von der Einmischung des logisch Fremdartigen und psychologisch Bedenklichen, das seine Erörterung darbietet, freizuhalten.

Der Charakter willkürlicher Zweckmäßigkeit ist allen diesen Konstruktionen deutlich eingeprägt. Die logische Äußerlichkeit ihrer Gliederung verrät sich schon darin, daß es unbedenklich war, in den Beispielen fließende Zusammenhänge im engeren Sinn mit kontinuierlichen wechseln zu lassen. Denn das scheinbar Unmögliche, die diskrete Teilung des Kontinuierlichen, wird hier in derselben Weise denkbar, wie die Gliederung der fließenden Zusammenhänge im engeren Sinn: dadurch nämlich, daß bestimmte unter den möglichen Gliedern willkürlich festgelegt werden und zwar so viele, als der besondere praktische oder theoretische Zweck der Einteilung ersprießlich macht.

Wäre der Name "künstliche Einteilungen" nicht für andere Formen von Gliederungen üblich, so würden wir ihn hier als den bezeichnendsten wählen dürfen. So mögen sie als  schematische  Einteilungen von den übrigen geschieden werden.


IV. Repräsentative Typen

Reichere logische Beziehungen weisen die Einteilungen fließender Zusammenhänge auf, die wir unter Benutzung eines von BLAINVILLE (1816) eingeführten, leider buntschillernd gewordenen Ausdrucks als  Einteilungen nach Typen  oder kurz, indem wir der Bequemlichkeit des Ausdrucks seine Strenge opfern, als  Typen-Einteilungen  zusammenfassen wollen; infolge des fließenden Zusammenhangs, in dem auch diese Einteilungen untereinander stehen, allerdings ohne Hoffnung, daß es möglich wird, alle die spezielleren Formen, in denen sie wissenschaftlich oder praktisch bedeutsam sind, scharf voneinander zu sondern.

Die  erste  Gruppe solcher Typen-Einteilungen finden wir da, wo die Arten einer Gattung eine durch zahlreiche Übergänge abgestufte Reihe bilden, deren Endglieder schärfer als die zwischenliegenen voneinander spezifisch verschieden oder einander, sei es konträr, sei es kontradiktorisch, entgegengesetzt sind. Es wird auch ohne speziellere Begründung deutlich sein, daß die scheinbar festen formalen Beziehungen der disjunkten und kontradiktorischen Verschiedenheit, sowie des kontradiktorischen und konträren Gegensatzes im lebendigen Zusammenhang unseres Denkens vielfach fließende Zusammenhänge umspannen.

Typen in solchem Sinne sind: sittlich und unsittlich; unbescholtene und bescholtene Menschen; Theisten und Atheisten. Ebenso: Armut und Reichtum; Kindheit und Greisenalter; heiß und kalt; weiß und schwarz als Endglieder der nach ihnen benannten Farbenreihe; Materialismus und Spiritualismus in Anbetracht der mannigfachen Formen des Hylozoismus [belebter Stoff - wp].

Besonders mannigfaltige Typen dieser Art erscheinen auf psychologischem Gebiet. Neben den eben genannten Empfindungstypen gehören z. B. die Typen des statischen und des dynamischen Hintergrundes der abstrakten Vorstellungen hierher, die in der Theorie der abstrakten Vorstellungen seit BERKELEY angelegt sind. Ebenso der Typus des Verstehens lediglich durch bewußte Reproduktion der akustischen und optischen Wortvorstellungen, während die Bedeutungsvorstellungen  nicht  im Bewußtsein auftreten, also nach dem Mechanismus der Assoziation und den Daten der Erinnerung als unbewußt erregte Dispositionen, gleichviel in welchem Sinne des Unbewußten zu postulieren sind; und andererseits der Typus des Verstehens durch bewußte Reproduktion auch der Bedeutungen. Denn die Regel des Geschehens verläuft zwischen diesen beiden Grenzfällen in Form mehr oder weniger vollständiger Erinnerung oder Einbildung der Bedeutungen neben den apperzeptiv, durch Verschmelzung in der Wahrnehmung reproduzierten Wortvorstellungen. Ja selbst die Vorstellungen im engeren Sinn, die Gegenstände unseres Urteilens, lassen sich vom Standpunkt des Psychologen aus, gegenüber den Urteilen als Aussagen über Vorgestelltes, im Sinne von Typen auffassen. Denn schon die abstrakten Vorstellungen mit dynamischem Hintergrund des Verschiedenen, insbesondere aber die begrifflich ausgearbeiteten Vorstellungen, d. h. die durch Definition und Einteilung gültig bestimmten, zerfließen diskursiv in Urteile. Andererseits können wir jedes Urteil sowie jede Verknüpfung von Urteilen in Folgerung, Schluß, Beweis, Beschreibung, Klassifikation, System in der Form kollektiver Inbegriffe vergegenständlichen. Außerdem zeigen die Daten unseres Vorstellungsverlaufs, das Ineinaner von Wahrnehmungs-, Erinnerungs-, Einbildungs- und abstrakten Vorstellungen, sowie von urteilsmäßigen, prädikativen Fassungen der einen und anderen jener Gegenstände, wie mannigfaltig diese logisch streng zu scheidenden Formen in psychologische Typen zerfließen. Ist das richtig, so wird von hier aus, wie vielleicht nebenbei bemerkt werden darf, ein verdeutlichendes Streiflicht auf eine unbeachtet gebliebene, paradoxe Behauptung HUMEs geworfen. HUME erklärt, daß die Akte des Vorstellens, Urteilens und Schließens, in rechter Beleuchtung betrachtet, sich auf den ersten zurückführen lassen, also insgesamt nichts als besondere Arten des Vorstellens im engeren Sinne seien. Seine logische Begründung dieser Behauptung ist verfehlt, auch in dem Punkt, auf den die Gegner der Prädikationstheorien des Urteils geneigt sein werden sich zu berufen. Die Behauptung selbst ist sogar, so wie sie vorliegt, in dem Maße unzulänglich, daß sie nicht hat überzeugend wirken können. Aber einen fruchtbaren Kern hätten die Psychologen in ihr aufzufinden vermocht, wenn ihr Denken weniger durch den Schematismus der überlieferten logischen Scheidungen gebunden gewesen wäre. Daß endlich auch auf psychophysiologischem Gebiet Typen solcher Art eine Rolle spielen, sei nur durch den Hinweis auf den fließenden Zusammenhang belegt, der die einfachsten Arten der Reflex- mit den verwickeltsten Formen der Willensbewegung verbindet.

Betrachtet man den logischen Zusammenhang all dieser Einteilungen, so wird deutlich, daß die Endglieder der in ihnen zusammengefaßten Artenreihen in der Tat nicht fest begrenzt sind, sondern in der Richtung auf die Innenglieder flüssig bleiben. Sie sind Typen, deren Grenzbestimmung einerseits vom wissenschaftlichen Takt, andererseits vom speziellen Gedankenzusammenhang abhängig ist, aus dem heraus sie gebildet werden. Sie sind Musterbilder, nicht im Sinne von Normen, sondern in der Bedeutung von  Repräsentanten. 

Zu einer  zweiten  Gruppe typischer Einteilungen gelangen wir, wenn wir die Beschränkung der Typen auf die Endglieder der Reihe fallen lassen. Wir kommen damit zu tricho- und polytomisch [3-gliedrig und mehrgliedrig - wp] gegliederten Typenreihen. Es kann sogar angezeigt sein, ein und dieselbe Reihe dieser Art in verschiedener Gliederzahl typisch abzustufen, je nachdem dieser oder jener Unterschied, der in Intervallen absteigt oder sinkt, artbildende Kraft gewinnt. Es entstehen dann ausgezeichnete Gruppen, um die sich die nächstverwandten Abstufungen, in der Mitte nach beiden Enden divergierend, an den Enden nach innen zu konvergierend anlagern.

Eine einfache Gliederung dieser Art ist die Dreiteilung der Aggregatzustände. Die Grenzen sind nur scheinbar scharf, wenn wir sagen, daß die festen Körper sowohl vollständig bestimmte Gestalt als vollständig bestimmtes Volumen besitzen, die Flüssigkeiten im engeren Sinne lediglich fest bestimmtes Volumen, die gasförmigen Körper auch dieses nicht. Denn schon ein und derselbe Körper kann "mehr oder weniger kontinuierlich" diese verschiedenen Zustände annehmen. Dazu aber kommt, daß wir, auch wenn wir im Körpergebiet verbleiben, das dem Physiker am nächsten liegt, anerkannt finden, "die drei so definierten Aggregatzustände" seien "nur Typen, um welche sich die verschiedenen, in der Natur vorkommenden Körper in fortlaufender Reihe gruppieren". Denn, so fährt der ausgezeichnete Darsteller der Physik, dem die eben zitierten Worte entnommen sind, fort: "Es existieren alle Zwischenstufen zwischen einem festen Körper, wie Glas oder Stahl und einer Flüssigkeit, wie der Alkohol ... Ebensowenig scharf abgegrenzt erscheint der Übergang zwischen einem Gas und der dazu gehörigen Flüssigkeit." Sehen wir von den in voller Zersetzung befindlichen Hypothesen über den Äther ab, von denen die gangbarsten in seinem Zustand einen vierten Typus erblicken lassen, so kommen wir noch auf einem anderen Weg zu einer tetrachotomischen [4-gliedrig - wp] Gestaltung der Reihe. Dadurch nämlich, daß wir zwischen den festen und flüssigen Zustand der Körper der anorganischen Natur den weder auf den einen noch auf den anderen jener Zustände passenden Zustand des Protoplasmas einschieben. Zu einer typischen Zweigliederung dagegen werden wir geführt, wenn wir die Gase und die Flüssigkeiten der trichotomischen Bestimmung zu Flüssigkeiten im weiteren Sinne vereinigen. - Ein Polytomie dieser Art bildet die übliche Gliederung der Spektralfarben in Rot, Orange, Gelb, Grün, Indigoblau, Wasserblau (HELMHOLTZ), Violett, welche von den Nuancen nur die des Blau enthält, dessen Streifen bei der bekanntesten Verteilung im Spektrum besonders breit erscheint. Eine aufsteigende Reihe schwer und mannigfaltig begrenzbarer Typen liefert die Einteilung der Ortschaften, von den kleinsten, unselbständigen Siedlungen an bis hinauf zu einem so selbständigen Städtekomplex wie London; eine Reihe, die de CANDOLLE nicht ganz so glücklich, als gerühmt worden ist, zur Erläuterung der später zu besprechenden Entwicklungseinteilungen herangezogen hat. Daß die Form dieser Reihen eine mannigfaltige ist, sei nur durch einen Hinweis auf die zurücklaufende Reihe angezeigt, die entsteht, sobald zu den physikalisch einfachen Farben des Spektrums die physikalische Mischfarbe des Purpur hinzugenommen wird. Ebenso sei nur kurz daran erinnert, daß manche der früher besprochenen Dichotomien durch selbständige Prägung von Mittelgliedern in Drei- oder Vierteilungen der vorliegenden Art übergeführt werden können.

Verwickelter werden die Beziehungen dieser repräsentativen Typen, wenn  drittens  nicht eine Reihe, sondern ein Inbegriff ineinander verschlungener Reihen vorliegt, in denen singuläre Glieder als Typen für um sie herumgelagerte Abstufungen verschiedener Größe emporragen.

Ein anschauliches Beispiel ist in den geometrischen Konstruktionen der Farben enthalten, die auf Qualität, Sättigung und Lichtstärke Rücksicht nehmen; ein logisch ähnliches in den Konstruktionen der Komplementärfarben. Auch das psychophysisch noch wenig durchgearbeitete Gebiet der automatischen, reflektorischen und Willensbewegungen, dessen beide letzten Glieder oben als Beispiel für die zweite Gruppe dieser Typen-Einteilungen genannt wurden, wird sich bei genauerem Zusehen als hierhergehörig ergeben. Denn insbesondere für die zweite und dritte dieser Gruppen stellen sich bei solcher Prüfung verwickeltere Aufgaben der Anordnung ein, als zumeist angenommen wird. Überdies scheint es unvermeidlich, zwischen beide eine Gruppe von  ideomotorischen Vorgängen  einzuschieben, da die unwillkürlichen Bewegungen, welche die Affekte, sowie die Aufmerksamkeit begleiten, nicht konstituieren, zum Teil ähnlich wie die Willensbewegungen auf zentralen Innervationen beruhen. Auch die oft schier unübersehbaren Übergänge vom Richter wie von den Theoretikern der Rechtswissenschaft nur aus Zweckmäßigkeitsgründen durch scharfe Schnitte getrennt werden. Denn keine Gesetzgebung kann den ineinander verschlungenen Typen vieler solcher Handlungen auch nur annähernd gerecht werden. Leider bieten auch die theoretischen, politischen sowie die vielfach voreiligen physiologisch- und pathologisch-psychologischen Untersuchungen der neueren Kriminalistik noch wenig Handhaben für den Logiker, dem Gefüge dieser Typen mit Erfolg nachzugehen. Am lebendigsten springen vielleicht die Schwierigkeiten der Abgrenzung, die hier vorliegen, können, in die Augen, wenn wir uns der Aufgaben erinnern, vor die sich der Psychologe angesichts des Gefühlslebens gestellt findet. Die aus alten naturphilosophschen Hypothesen entsprungene Vierteilung der sogenannten Temperamente liefert nur einen äußerlichen und dürftigen Schematismus für die mannigfachen, fließend zusammenhängenden Inbegriffe individueller Gewohnheiten der geistigen Reaktion gegen äußere und innere Reize. Ein wissenschaftlich fundierter Versuch, diese Reaktionen typisch zu klassifizieren, fehlt. Denn die reichere Gliederung, die HERBART den Temperamenten hat angedeihen lassen, ruht auf unzulänglich gewordenen Voraussetzungen. Es ist auch keine Aussicht, die Fülle jener geistigen Gestalten klassifikatorisch zu bewältigen, solange die Einteilungen der Stimmungen, Affekte und Leidenschaften, die ebenfalls zu diesem Typus gehören, nicht mehr als gegenwärtig fortgeschritten sind. Diese aber hängen an der unklar gebliebenen Lehre von den Elementen des Fühlens, für die vielleicht erst eine jüngste deutsche physiologische Arbeit berufen ist, ein sicheres Fundament zu schaffen.

Aber nicht einmal  die  Voraussetzung darf festgehalten werden, daß die Abstufungen der fließenden Zusammenhänge notwendig eine Reihenform ergeben. Denn auch solche repräsentative Typen sind  viertens  von der Logik anzuerkennen, deren Beziehungen zueinander und zu den Zwischengliedern nur eine aggregative Vereinigung losester Art gestatten.

Solche typisch gegliederte Arten begegnen uns selbst in der Astronomie; allerdings nur da, wo die mathematische Instrumentation ihres Wissens nicht in Betracht kommt. So in den bisher möglich gewordenen Einteilungen der Nebelflecke oder der Kometen nach ihrer äußeren Erscheinungsform. SO auch in den spektroskopischen "Typen" der Gestirne, die SECCHI aufgestellt hat, ebenso wie in der auf dieser Klassifikation fußenden Dreiteilung VOGELs und in PICKERINGs Fünfteilung der veränderlichen Sterne. Alle diese Einteilungen bleiben auch dann, logisch genommen, Aggregate ohne strengere Form, wenn die artbildenden Unterschiede in den physischen Bedingungen gesucht werden, die mehr oder weniger hypothetisch teils im Entwicklungsstand der Gestirne, teils in dunklen Begleitern vorausgesetzt werden. Der Charakter einer künstlichen Klassifikatioin, der den Einteilungen SECCHIs und VOGELs anhaftet, sofern die Typen einseitig, aber bequem nach der Farbe der Gestirne gegliedert werden, steht hier nicht in Frage. Es wäre vielleicht möglich, die mannigfachen bekannten Modifikationen innerhalb der einzelnen Typen SECHHIs oder VOGELs notdürftig in Reihenform zu gliedern. Jene Typen selbst aber spotten ebenso wie die singulären Glieder, die anscheinend zwischen ihnen bestehen bleiben, jeder Reihenform. Etwas beziehungsschärfer ist die Fünfteilung PICKERINGs.

Es wird nicht nötig sein auszuführen, daß diese Tetrachotomie der Einteilungen repräsentativer Typen selbst eine nicht ganz reinliche Typengliederung der zweiten Art ist. Aber es ist notwendig deutlich zu machen, daß die typischen Einteilungen dieser vierten Art nicht bloß als Folgen mangelhafter Erkenntnis und äußerlicher Maßstäbe für die Anordnung wissenschaftliches Bürgerrecht erlangen. Es gibt vielmehr auch Fälle, in denen die Beschaffenheit der Gegenstände dauernd jede strengere Form der Gliederung ausschließt und zwar selbst dann, wenn die Bedingungen zu umfassenden Klassifikationen gegeben sind.

Ein lehrreiches Beispiel hierfür bieten die  petrographischen  Einteilungen, deren logische Charakteristik wir den Darstellungen ROTHs und ZIRKELs entnehmen dürfen.

Es ist bekannt, daß die Gestalt und die Zusammensetzung der Gesteine im höchsten Maße unbeständig ist. Schon "den gleichartig gemengten Gesteinen wird ... durch die häufig auftretenden accessorischen Gemengteile eine unbestimmter, schwankender Charakter aufgedrückt ...; für die ungleichartig gemengten Gesteine läßt sich der Begriff einer unveränderlichen fixierten Spezies noch viel weniger festhalten ... Keines der Gesteine besitzt" somit die "abgeschlossene, selbständige Einheit der Art ... sie sind nach verschiedenen Richtungen hin durch Übergänge miteinander verbunden. Diese Übergänge finden indessen nicht nach allen Richtungen statt. ... Zahlreiche derartige vermittelnde Übergangsgesteine tragen in solcher Weise die Kennzeichen der beiden wohlcharakterisierten Endglieder in sich, daß die Entscheidung, wozu man sie zu rechnen habe, nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich ist." Je allgemeiner die Petrographen solche Betrachtungen halten, desto deutlicher tritt die Verwicklung dieser Typen hervor: "Liegen in den einfachen und gemengten Gesteinen gleichartige und ungleichartige Aggregate vor, finden sich unter den plutonischen Gesteinen kristalline, einfache und gemengte, außerdem amorphe und alle diese oft im engsten geologischen Verband, offenbar unter denselben Bedingungen gebildet und chemisch gleich zusammengesetzt; sieht man ferner durch dieselben, aber verschieden verknüpften Gemengteile Gesteine mit verschiedener Struktur gebildet; gewinnen die Gesteine durch Zurücktreten oder gar Fehlen einzelner Gemengteile, ferner durch das Hinzutreten von accessorischen ein verschiedenes Ansehen und zwar in derselben geologisch einheitlichen Gesteinsmasse; steigert sich diese Verschiedenheit bei der mikroskopischen Untersuchung, so erkennt man die Schwierigkeit der Gruppierung". Anschaulich treten dieselben Verwicklungen zutage, wenn diese Verhältnisse im besonderen geschildert werden. Man vergleiche daraufhin z. b. die Erörterungen über Orthoklasgesteine in ROTHs Geologie mit denen über ältere Feldspatgesteine in ZIRKELs Lehrbuch der Petrographie. Mit Recht urteilt ROTH: "Die Schwierigkeit der Systematik der Gesteine ist durch die Bezeichnung  Aggregat  vollständig ausgedrückt und damit alle Anlehnung an Gattung und Spezies", d. h., wie wir zu sagen hätten, an feste Arten "ausgeschlossen. Man greift  häufige Typen  als Mittelpunkte heraus und gruppiert um diese Verwandtes". Und ähnlich ZIRKEL, das Wesen des petrographischen Typus zweckmäßig ergänzend: "Selbst wenn es gelungen ist, gewisse wohlcharakterisierte Normaltypen", d. h. wie wir zu sagen hätten, repräsentative Typen, "als Anhaltspunkte für zahlreiche Varietäten festzustellen, welche sich um sie herum scharen, so erwachsen neue Schwierigkeiten, sobald man versucht, die so gewonnenen (typischen) Gesteinsarten in ein System zu gruppieren ...; es scheint kaum vermeidlich, hier und da gewisse Inkonsequenzen zu begehen."


V. Scheinbare Typen der Organismen

In den oben zitierten Worten ROTHs ist der Gedanke angedeutet, daß die petrographischen Typen infolge der Flüssigkeit ihrer Zusammenhänge von den "fixierten Spezies" der  Organismen  wesensverschieden seien.

So läge es jedoch nur, wenn die Fäden in sich abgeschlossener konstanter Formen, mit denen die aristotelische Begriffsmetaphysik die Welt umsponnen hat, nicht allmählich gerissen wären. Denn es ist aus der Geschichte der Botanik und Zoologie offenbar, daß die durch LINNÉ insbesondere systematisierte Auffassung, derzufolge wir so viele Arten zu zählen hätten, als verschiedene Formen durch unmittelbaren göttlichen Eingriff in den Zusammenhang des kosmisch Wirklichen geschaffen sind, auf jene Weltauffassung zurückzuführen sind. Wären nämlich diese Schöpfungsgedanken richtig und dürften wir überdies mit LINNÉ ein scholastisches Schöpfungstheorem festhalten, so müssen wir behaupten, daß die "Arten" des Recihs der Organismen im technischen Sinn der Botanik und Zoologie "vollständig konstant" seien, da ihre Erzeugung "wahre Kontinuation" sei. Wir würden es sogar mit demselben Recht naheliegend finden dürfen, eben diese Annahmen mit LINNÈ auch auf die technischen "Gattungen" zu übertragen. Denn in diesem Sinne, nicht in dem von DARWIN gelegentlich angenommen, ist doch wohl die Äußerung LINNÉs auszulegen, daß "der Charakter nicht die Gattung, sondern die Gattung den Charakter konstituiere, daß der Charakter aus der Gattung fließe, nicht die Gattung aus dem Charakter, daß der Charakter nicht vorhanden sei, um die Gattung zu schaffen, sondern ums sie erkennbar zu machen". Das Gleiche dürften wir ferner auch für die höheren Gattungen der Organismen, die Ordnungen und Klassen LINNÉs behaupten. Nur die Varietäten seiner Scheidung könnten wir unbedenklich, da sie "durch zufällige Ursachen verändert" sind, den Typen-Einteilungen preisgeben.

Es ist begreiflich, daß diese Spaltung der Organismen in starre Formen die Geister noch Jahrzehnte hindurch beherrschen konnte. Sie war unbesehenen metaphysischen Voraussetzungen entsprungen, die seit Jahrhunderten das Gerüst des klassifikatorischen Denkens trugen. Sie bot überdies dem wesentlich deskriptiven Stand des Erkennens in Botanik und Zoologie angemessene, anschaulich bequeme und im ganzen zweckmäßige Kriterien für die systematische Gliederung der Organismenreihen dar. Die vereinzelten Vorgedanken LINNÈs über den voraussichtlich fließenden Zusammenhang der künftig aufzustellenden systematisch vollendeten natürlichen Arten wurden deshalb durch das Gewicht jener Voraussetzungen und Bedingungen in den Hintergrund geschoben.

Wie fest jene Vorurteile um die Wende des vorigen Jahrhunderts auch die philosophischen Deutungen der Gliederung der Organismen beherrschten, zeigen die Andeutungen, durch die KANT in der Kritik der Urteilskraft die in der Vorbemerkung erwähnten logischen und transzendentalen Gesetze der Systematik für die Lebewesen spezialisiert. Der Gedanke einer "stufenartigen Annäherung" einer organischen Gattung an die andere, vom Menschen "bis zu Moosen und Flechten und endlich ... zur rohen Materie" bleibt für ihn ohne rechte Kraft. Denn diese Hypothese eines genetischen, fließenden Zusammenhangs der Organismen wird vom Philosophen auf die ersten Perioden der Entwicklung der Erde beschränkt. Die Organisation, die wir erfahrungsmäßig kennen, besteht lediglich aus "fernerhin nicht ausartenden Spezies", deren Mannigfaltigkeit so bleibt, "wie sie am Ende der Operation jener fruchtbaren Bildungskraft ausgefallen war". Und auch in dieser Hypothese glaubt KANT die Annahme nur als ein "gewagtes Abenteuer der Vernunft" charakterisieren zu dürfen.

Selbst die geologische Typentheorie CUVIERs ist nur eine Fortbildung innerhalb des Bannkreises jener starren Begriffsphilosophie. Denn die später so genannten Typen des großen Zoologen sind nach seiner eigenen Erklärung nichts als "Hauptformationen, allgemeine Baupläne, wenn man sich so ausdrücken darf, nach denen alle Tiere modelliert zu sein scheinen und deren fernere Unterabteilungen ... nichts weiter als leichte, auf die Entwicklung oder Zugabe einzelner Teile gegründete Modifikationen sind, die im Wesentlichen des Grundplans nichts ändern". Was hier als Typus bezeichnet wird, ist demnach  nicht  Typus in unserem logischen Sinne des Worts. Denn diese Typen - Wirbeltiere, Mollusken, Gliedertiere, Strahltiere - sind nicht repräsentative Arten mit fließenden Übergängen. Es sind vielmehr abstrakte morphologische Schemata, die sich in allen besonderen Modifikationen als Gemeinsames auffinden lassen; und zwar unverrückbar feste, durch keine Übergänge ineinander fließende, relativ allgemeinste morphologische Gattungen, die durch die Art und Weise, wie sie in den einzelnen Tiergruppen realisiert sind, zu Normen für die Einteilung werden. Sie sind der oben besprochenen vierten, aggregativen Form der repräsentativen Typen nur insofern ähnlich, als nach CUVIER weder sie selbst noch sogar ihre Unterabteilungen eine reihenförmige Anordnung zulassen sollen. Die Spezies der Tiere im technischen Sinne denkt sich CUVIER allerdings von einer zur anderen der zahlreichen, plötzlich hereinbrechenden, durch unbekannte Ursachen hervorgerufenen Revolutionsperioden der Erdoberfläche vielfach wechselnd gebaut. Das fordern die paläozoologischen Daten. Aber innerhalb einer jeden Periode sollen die Arten und damit die Gattungen, Geschlechter, Stämme, Familien, Ordnungen und Hauptabteilungen (embranchements, Typen) konstant sein. Neben den technischen Arten, d. h. den Spezies im zoologischen Sinne, welche die Individuen zusammenfassen, "die voneinander oder von gemeinsamen Eltern entstammen und diesen ebenso gleichen, wie sie untereinander gleich sind", gibt es allerdings Varietäten, d. h. "mehr oder weniger verschiedene Rassen, die aus den Spezies hervorgegangen sein können." Aber gerade ihr Studium soll zeigen, daß die Tiere Merkmale besitzen, die allen natürlichen wie menschlichen Einflüssen widerstehen und nichts soll erkennen lassen, daß die Zeit in Rücksicht auf sie mehr Wirksamkeit zeigt, als das Klima oder die Domestikation. Nur für diese Varietäten könnten daher, da für sie fließende Unterschiede zugestanden werden, Typeneinteilungen in unserem logischen Sinne in Frage kommen.

Es ist für unseren Zweck nicht notwendig zu verfolgen, wie sich diese Klassifikation in  feste  Arten seit C. E. von BÄR sachlich vertieft hat, wie sie insbesondere den Gedanken der Reihenordnung innerhalb der einzelnen Typen aufgenommen und die Festigkeit der Einrahmung in konstante Gattungen einigermaßen eingebüßt hat. Noch der geistvoll durchgeführte Einteilungsversuch von L. AGASSIZ (1859) ist auf die Voraussetzung gebaut, daß alle wesentlichen Gattungen unveränderlich seien, also fest umgrenzt werden können. Im Übrigen unterscheidet sich seine Klassifikation von den zuletzt besprochenem metaphysisch nur dadurch, daß der Hintergrund der aristotelischen Begriffsphilosophie durch die Theoreme des physikoteleologischen Gottesbeweises gefärbt ist; und logisch nur deswegen, weil in den realistischen Gedankenzug der "Baupläne" CUVIERs ein nominalistischer Faden hineingewebt ist. Denn nach AGASSIZ sind die (logischen) Gattungen der Organismen "Offenbarungen (manifestations) der Gedanken des Schöpfers." Sie sind "durch die göttliche Intelligenze als die Kategorien der Art ihres Denkens geschaffen (instituted), so daß "die mannigfaltigen Bande, die alle Tiere und Pflanzen miteinander verknüpfen, der lebendige Ausdruck des gigantischen Gedankens sind, der im Laufe der Zeit als ein seelenvolles (soul-breathing) Epos realisiert ist". Es existieren allerdings nach AGASSIZ nur Individuen; alle Gattungen im logischen Sinn sind gleicherweise ideal, menschliche Nachbildungen der göttlichen Schöpfergedanken. Aber "so sicher die Individuen, indem sie existieren, ihre Arten nur darstellen und nicht bilden, so sicher stellen eben diese Individuen während eben dieser Zeit ihre Gattung, ihre Ordnung, ihre Familie, ihre Klasse und ihren Typus dar, deren Charakteres sie ebenso unauslöschlich in sich enthalten, als diejenigen ihrer Art".
LITERATUR - Benno Erdmann, Theorie der Typen-Einteilungen, Philosophische Monatshefte, Bd. 30, Berlin 1894