p-4cr-2G. TeichmüllerH. CorneliusO. A. Friedrichs    
 
ADOLF DYROFF
Über den Existenzialbegriff

"Am häufigsten schreiben wir Substanzen und Anzahlen, Gruppen und Teilen von solchen  Existenz  zu; Belege hierfür sind überflüssig. Schwerer fällt uns das schon bei Vorgängen und Tätigkeiten und noch schwerer bei Eigenschaften."


Begleitwort

Eine ehrwürdige Sitte fordert, daß auch dieses Büchlein seine Sendung nicht ohne Beglaubigungsschreiben antrete.

Es ist entstanden aus einer Anregung, die HILLEBRAND gegeben hat, indem er behauptete, nur BRENTANOs Urteilstheorie liefere eine Erklärung für die Herkunft des Existenzialbegriffs. Konnte ich mich mit der Mehrzahl der gegenwärtigen Logiker nicht entschließen, BRENTANO Heerfolge zu leisten, so erhob sich für mich die Frage, wie es sich dann mit der Abstammung des nun doch einmal vorhandenen Begriffs verhalte. Bald fand ich, daß in neuerer Zeit schon HANS CORNELIUS und JERUSALEM ihr näher getreten waren; unterdessen fühlte ich mich durch ihre scharfsinnigen Untersuchungen nicht ganz befriedigt. Meinen eigenen Lösungsversuch darzulegen, war ich vor etwa drei Jahren durch die Aufgabe veranlaßt, einen philosophischen Vortrag zu halten. Zur buchmäßigen Behandlung konnte ein jüngst gefallenes Wort MARBEs bewegen. Er rechnet es zu den schwierigsten Obliegenheiten, welche die Wissenschaft überhaupt kennt, die Bedeutung des Wortes "Sein" zu ergründen ("Experimentell-psychologische Untersuchungen über das Urteil", Leipzig 1901, Seite 96f). Ist dies richtig, so mag selbst eine so schlichte Erörterung, wie die vorliegende, Anspruch auf einige Beachtung haben.

Im Geburtszeugnis des Buches habe ich noch etwas über dessen Namen anzumerken. Manchem würde vielleicht der Titel "Über die psychologische Herkunft des Existenzialbegriffs" besser gefallen haben. Ich glaube aber, daß besonders im Hinblick auf etwaige Zitate, deren Arbeit gewürdigt werden kann, das kürzere Etikett den Vorzug verdient. Auch ein großer Titel ist ein großes Übel. Zudem konnte beim Mangel experimenteller Nachweise, trotzdem nur die Psychologie die Grundlage der Gedankenentwicklung abgeben durfte, diese doch nicht eigentlich psychologisch ausfallen.

Daß da, wo es darauf ankam, die Bedeutung des Begriffs festzustellen, der Sprachgebrauch stark herangezogen wurde, wird man bei der Natur des Themas wohl begreifen. Solche Beobachtung muß einstweilen die Experimente ersetzen, die übrigens vermutlich das gesuchte "psychologische Korrelat" kaum zutage fördern werden. Will die Philosophie eine "Berichtigung des Sprachgebrauchs" sein (LICHTENBERG, Vermischte Schriften, Wien 1844, V, Seite 45), so muß sie zuvor den Sprachgebrauch kennen.

Die Literaturangaben, die Belege und einige Zusätze, die den Gang der Untersuchung gestört hätte, sind im "Anhang" vereinigt.


I. Über den Inhalt und den Umfang
des Existenzialbegriffs.

"Wunderworte, geprägt für unser praktisches Leben" nennt RICHARD WAHLE in dem merkwürdigen Buch "Das Ganze der Philosophie und ihr Ende" die Ausdrücke: Sein, Substanz, Einfaches, Haben. (1) Die Bezeichnung "Existenz" ließe sich vielleicht mit größerem Recht als Wunderwort ansprechen, und zwar eben deshalb, weil sie nicht für unser praktisches Leben geprägt ist.

Es gibt nur wenige Gedankenmarken für allgemeines, die sich dem Bewußtsein des Volkes so fern gehalten haben wie diese. Zwar hören und lesen wir in populärer Darstellung genug von "Existenz", "Existenzberechtigung" und "Kampf um die Existenz". Aber wer so spricht, denkt dabei ausschließlich an vitale Interessen, an Erwerb, Lebensstellung oder an die soziale Bedeutung desjenigen Dinges, dem die Existenzberechtigung aberkannt wird, und schwer und verhältnismäßig spät nimmt das weiter entwickelte Kind diese Münze in seinem Sprachschatz auf, mochte sie ihm auch noch so oft zu Gesicht gekommen und von ihm beachtet worden sein - ein wertvolles Anzeichen dafür, daß ihm das Wort unverständlich geblieben war. Ja so gerne wir sagen: "Im Garten stehen Rosen", wo wir nur andeuten wollen, daß im Garten noch Rosen überhaupt  vorhanden  sind, so gezwungen käme uns die Wendung vor: "Im Garten gibt es eine Rose."

Einen anderen Rang hat dagegen das Wort in der heutigen Philosophie. Es dürfte nicht leicht sein, eine diesem Gebiet angehörende Abhandlung zu finden, in der man nicht, selbst bei flüchtigem Überfliegen, auf das Schriftbild "Existieren" oder "Existenz" stoßen würde. Geht man aber der Gebrauchsweise des Wortes bei den Philosophen auf den Grund, so stellt sich die auffällige Tatsache heraus, daß sie da, wo sie es ohne berufsmäßige Reflexion auf seinen Sinn verwenden, in seiner Handhabung trefflich übereinstimmen, hingegen sofort in mannigfache Mißhelligkeit geraten, sobald sie sich bemühen, den tieferen Gehalt des Wortes zu erheben. (2) Fassen wir dann weiter zunächst jene reflexionsfreie Verwendung der Vokabel ins Auge, so kommt uns zu Bewußtsein, daß die Volkssprache doch auch ihre Marken für das hat, was die Philosophen mit ihrem (3) "Existiert" ausdrücken wollen; Redensarten wie "es besteht", "es liegt vor" lassen sich ihm in vielen Fällen ohne jede Sinnänderung unterschieben. (4)

Welches ist aber nun der Sinn, den das Volk mit solchen Wendungen und die Philosophen, unter sich einstimmig, mit dem Ausdruck "Existenz" verbinden? Eine Betrachtung der einzelnen Verwendungsarten dürfte die Antwort auf diese Frage zweckdienlich einleiten. Am häufigsten schreiben wir Substanzen wie Anzahlen, Gruppen und Teilen von solchen "Existenz" zu; Belege hierfür sind überflüssig. Schwerer fällt uns das schon bei Vorgängen und Tätigkeiten (5) und noch schwerer bei Eigenschaften (6). Doch sind Aussprüche wie: "Deine Beleidigung existiert für mich" und "Es existieren nationale Kulturen" in gewissen Situationen immerhin denkbar. Gefälliger lauten Sätze wie: "Zwischen den Winkeln und Seiten eines Dreiecks existieren bestimmte  Beziehungen."  (7) Mathematiker fassen sich zuweilen so: "Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 1: 1000 ...", und aus einem Gespräch, das sich nach einer Aufführung des HÄNDELschen "Hallelujah" entspann, erinnere ich mich noch, wie auf die Behauptung eines begeisterten Zuhörers: "Ein schöneres Hallelujah kann nicht mehr komponiert werden" ein anderer Teilnehmer erwiderte: "Die  Möglichkeit,  daß einmal einer ein noch besseres Hallelujah schreibt,  besteht."  (8) In allen diesen Fällen scheint das Prädikat "Existenz" sagen zu wollen, daß der Gegenstand des Gedankens mehr ist als eine bloße Fiktion, ein Erzeugnis reiner Willkür oder ein einfaches Gedankenerzeugnis. Daß das Hallelujah von HÄNDEL überboten wird, ist bis jetzt eine leere Vorstellung, aber das vorausschauende Denken desjenigen, der jenen Satz aussprach, richtete sich auf die in der Gattungsanlage der ganzen Menschheit vorhandenen Bedingungen zu einem solchen Resultat, und so hat seine Behauptung doch eine Bedeutung, die sie über die Oberfläche einer reinen Wortverbindung hinaushebt. Umgekehrt wird, wer erklärt: "Ein goldener Berg existiert nicht", in der Regel meinen: "Ein goldener Berg" ist nur ein Phantasiegebilde.

Erkennt er damit aber dem "goldenen Berg" nicht doch eine Existenz zu, nämlich die einer Vorstellung in seinem eigenen Bewußtsein? Gewiß, nur daß er anfänglich unter "Goldener Berg" einen bestimmten  Gegenstand der sogenannten Außenwelt  verstand, bei der Erklärung aber etwas gänzlich verschieden Gedachtes, eine ganz bestimmte Vorstellung. (9) In der Tat finden wir nichts dabei, unseren Bewußtseinsinhalten Existenz beizulegen. (10) Konnte doch OTTO LIEBMANN seinem anregenden Buch "Analysis der Wirklichkeit", nachdem BERKELEY abstrakte Vorstellungen geleugnet hatte, eine Abhandlung über die Existenz der abstrakten Begriffe einverleiben. Hier ist scheinbar die Deutung: "Der abstrakte Begriff ist mehr als ein bloßes Gedankenerzeugnis" nicht zulässig: ist doch der abstrakte Begriff,  wenn  er etwas ist, ein Gedankenerzeugnis. Es ist aber leicht einzusehen, daß wir uns bei dieser Erwägung durch das Wort haben täuschen lassen. In den früheren Fällen konnten wir die  Vorstellung von  einer Substanz,  von  einer Kultur als gehaltvoll bezeichnen; auch jetzt dürfen wir uns so ausdrücken:  "Die Vorstellung von  abstrakten Begriffen ist mehr als ein bloßes Gedankenerzeugnis oder mehr als Einbildung." (11) Übrigens stände es auch diesmal frei zu sagen: "Abstrakter Begriff" ist mehr als ein nichtiges Wort.

Damit ist aber immer noch nicht mehr gewonnen als die Tatsache, daß das naive Denken wie das philosophische zwischen gehaltvollen Vorstellungen und leeren Einbildungen streng unterscheidet (12) und - das verraten die oben betonten Wörtchen "mehr", "bloß" und "leer" - auf die ersteren höheren Wert legt als auf die letzteren. Man scheint sich das Gedachtsein fast wie eine nur vorübergehend notwendige, im Grunde aber wertlose Hülse vorzustellen, die weggeworfen werden kann, sobald der Kern reif ist. Ihren klassischen Ausdruck hat diese Anschauung im ontologischen Gottesbeweis des heiligen ANSELMUS von Canterbury gefunden. Der Maßstab aber, mit dem hierbei das Werturteil gefunden wird, kann nur das Ideal der Erkenntnis sein. Für das schlichte Denken hat alles Sein, welches sich ihm als ohne Rest im  Gedachtwerden  aufgehend darstellt, keinen Erkenntniswert; dasselbe Denken würde, wenn es auf die Vorstellung "Nichts" reflektierte, dem Nichts wohl eine Existenz als Gedankenerzeugnis, d. h. als Inhalt eines psychischen Aktes oder doch als Wortvorstellung zugestehen. Das Wort "Existenz" findet demnach auf alle einzelnen Bewußtseinsinhalte Anwendung, die sich dem Denken in irgendeiner Weise als gegenständlich zeigen. (13) Wer einen leeren Raum, wer Fernkräfte annimmt, glaubt, daß der Begriffsinhalt sein Dasein nicht lediglich der frei schaffenden Vorstellungstätigkeit verdankt, sondern mitbedingt sei durch ein Etwas, das von dieser verschieden ist. Wer dem "Nichts"  als  notwendigem Operationsmittel des unterscheidenden Denkens Existenz zugesteht, ist überzeugt, daß die Entstehung der Vorstellung "Nichts" weder von unserem Belieben, noch von unserer auf  ästhetische  Zwecke hinarbeitenden Phantasie abhängt, sondern daß diese Vorstellung in einer bestimmten Gesetzmäßigkeit unseres Denkens eine seiner Teilursachen hat.

Damit ist der psychologische Standpunkt, der sich für den Existenzialbegriff ergibt, vorläufig einigermaßen beschrieben. (14) Dennoch sei zu weiteren Klärung noch sein Unterschied vom allgemeinen Seinsbegriff und sein Verhältnis zu den Begriffen "Realität", "Wirklichkeit" und "Dasein" berührt.

Einer positiven Abgrenzung gegen den  Seinsbegriff  steht ein unüberwindliches Hindernis im Weg, (15) das in der Natur des letzteren begründet ist. (16) Betrachten wir diesen als den allgemeinsten und einfachsten Begriff, zu welchem das menschliche Denken gelangen kann, so ist es selbstverständlich, daß neben ihm kein anderer besteht, der ihn differenzieren könnte, und demnach ist bei ihm weder die Angabe des  genus proximum  [nächsthöhere Gattung - wp] noch die einer  differentia specifica  [spezifische Differenz - wp] möglich. Es ist auch allgemein zugegeben, daß er einer regelrechten Definition spottet. (17) Daher behauptet die Scholastik, die bereits dem eben in Rede stehenden Begriff das ernsteste Nachdenken zugewendet hat, er dürfe nicht als höchster oder als Gattungsbegriff aufgefaßt werden, da dem Sein die Arten fehlten; nur im Sinne der  Ähnlichkeit  ließe sich von Seinsarten reden. Sie begnügt sich daher mit Umschreibungen, welche den zu erläuternden Begriff in irgendeiner Form wieder enthalten. (18) Aus dieser Kennzeichnung des Seinsbegriffs folgt, daß "Existieren" nicht als bestimmte Art des Seins betrachtet werden kann. (19) Dennoch ist mit Recht auf den Unterschied zwischen "Sein" und "Existieren" hingewiesen worden. (20) Die Scholastik betont, daß das Sein dem Seienden nicht in eindeutiger, sondern nur in analoger Weise zukomme; (21) daß hingegen Existenz von allen Dingen in gleicher Weise ausgesagt werde, davon ist die neuere Philosophie nahezu übereinstimmend überzeugt. Das Sein des Staubes ist ein anderes als das Sein des Menschen, das des Menschen wieder ein anderes als das Gottes; Existenz legen wir ihnen allen  gleichermaßen  bei. Sprechen wir vom Sein der Dinge, so stellen wir uns gleichsam in die Dinge und abstrahieren von uns, suchen also ein einheitliche Innenansicht derselben (22); sprechen wir dagegen von Existenz, so nehmen wir, wie sich später zeigen wird, die Vorderansicht der Dinge und abstrahieren von ihren inneren Bestimmtheiten. Die Eindeutigkeit des Existenzialbegriffs ist demnach sehr erklärlich; wenn wir alle Besonderheiten eines Dinges  außer Acht lassen,  was übrigens nicht gleichbedeutend ist mit "Hinwegdenken", und seinen Sinn nur durch sein Verhältnis zu unserem Denken bestimmen, so ist einleuchtend, daß diese Bestimmung bei allem, was wir als seiend denken, gleich ausfällt: denn für eine solche Betrachtung bietet weder das Ding selbst noch die Beziehung zwischen ihm und unserem Denken je eine Verschiedenheit dar. (23)

Deutlicher als vom Seinsbegriff hebt sich der Existenzialbegriff von dem der  Realität  ab. (24) Nach der Scholastik kommt Realität sowohl dem Existierenden als auch dem bloß Möglichen zu, während die Existenz dem letzteren nicht zugesprochen werden darf. Das Sein also, welches wir gewohnt sind, in Gedanken einer Sache (res) zu geben, wird in gewissem Sinn auch dem Möglichen zuerkannt; auch dieses ist ein aliquid [etwas - wp]. Somit steht die Realität nur dem absoluten Nichts gegenüber. (25) Hingegen ist das Sein im Sinne der Existenz nur dem  Wirklichen  eigen. Es ist klar, daß diese Unterscheidung für alle diejenigen in Wegfall kommt, welche im bloß Möglichen nicht etwas Reales, sondern nur ein Erzeugnis des vorausschauenden Denkens erblicken, welches zu den bereits wirklich vorhandenen Bedingungen eines Geschehens aufgrund gemachter Erfahrungen die noch fehlenden hinzu vorstellt und sich so ein gutgezeichnetes Bild des künftigen Ereignisses entwirft. (26) Dieser Ansicht scheint die neuere Philosophie nach der Mehrzahl ihrer Vertreter zu huldigen. (27) MELLIN, der Lexikograph der kritischen Philosophie, spricht nur eine in weiten Kreisen geteilte Auffassung aus, wenn er die Definition der Wirklichkeit als einer Erfüllung (complementum) des Wesens, wie sie noch BAUMGARTEN gegeben hatte, nicht gelten läßt. (28) Trotzdem bleibt auch bei einer solchen Begriffsverschiebung (29) der Unterschied, daß von den Dingen  Existenz  ausgesagt wird im Gegensatz zu  jeder,  auch einer rein fiktiven oder leeren Vorstellung, die wir nur immer haben mögen,  Realität  aber vorzugsweise im Gegensatz zu einer ganz bestimmten Vorstellung, die lediglich in einer subjektiven Nötigung unseres Denkens ihre gute Begründung hat. Unter diesem Gesichtspunkt unterscheiden wir immer noch die Möglichkeit und die Wirklichkeit eines Dinges (30) und können wir andererseits etwas - z. B. den Unterschied zwischen einer Substanz und ihren Akzendenzien - für existierend ansehen, ohne es damit schon als real zu beurteilen. Im gleichen Sinn spricht man auch von der subjektiven Existenz der Vorstellung und der objektiven des im Vorstellungsinhalt gedachten Gegenstandes.

Ein zweiter Unterschied gibt sich in folgendem zu erkennen: Stufen oder Grade der Existenz werden kaum je unterschieden werden; schon LAMBERT führte in dieser Hinsicht aus, daß der Begriff der Existenz "unter allen schlechterdings klaren Begriffen der einfachste zu sein scheine, weil er nicht nur nicht aus mehreren inneren Merkmalen bestehe, sondern auch nicht einmal Grade habe, wodurch etwas  existierender  sein könnte als etwas anderes". (31) Dagegen ist das Denken geneigt, Grade der Realität festzustellen und demnach die Realität der Substanzen für eine höhere zu halten als die der Akzidenzien, (32) oder im Hinblick auf die Realität die Atome besser einzuschätzen als die Unterschiede zwischen ihnen, die Kraftpunkte besser als ihre Beziehungen zueinander, die Wesen besser als ihre Funktionen. Man spricht im Bann einer solchen Vorstellungsweise von einem ens realissimum (33) und sogar von einer eineinhalb Realität (34). Hat eine Gradunterscheidung unter den Realitäten auch keinen Sinn mehr bei  den  Denkern, welche eine reale Potenz nicht anerkennen (35), so haben sie doch in den Verschiedenheiten der  Bestimmtheit  oder der Selbständigkeit des Realen eine Veranlassung, wenigstens Stufen oder verschiedene Ordnungen im Realen anzunehmen, und es ist sehr begreiflich, daß wir unbedenklich von Realität nicht nur bei Gegenständen, sondern auch bei Beziehungen, Tätigkeiten und Eigenschaften reden, während dies auf "Existenz" nicht zutrifft, denn im Realitätsbegriff wird der Gegenstand ausdrücklich  mit  allen seinen bekannten Bestimmtheiten, wird die Bestimmtheit selbst als Ganzes vollständig gedacht, im Existenzialbegriff aber werden diese Bestimmtheiten nur stillschweigend  vorausgesetzt,  im übrigen aber auf sie nicht weiter reflektiert. (36) Sage ich: "Ein Ding existiert," so urteile ich nicht, daß es keine Bestimmtheiten habe, aber ich behaupte die Existenz von dem Ding,  wie auch immer  seine Bestimmungen ausfallen mögen. Ich bin dann zwar stets der Überzeugung, daß das Ding als solches vollkommen bestimmt sei, daß es alle die Bestimmtheiten habe, die ihm zukommen, aber es ist mir gleichgültig, welche und wie viele Bestimmungen auf es gerade treffen und ob ich sie im Augenblick alle kenne oder nicht. (37) Habe ich doch schon oft genug die Erfahrung gemacht, daß ich längst an die Existenz eines Dinges glaubte und trotzdem erst viel später neue, zum Teil wichtige Eigenschaften desselben zu meiner Kenntnis gelangten. Man müßte es schließlich überhaupt aufgeben, etwas als existierend oder auch als real zu betrachten, wenn dazu die Kenntnis seiner sämtlichen Bestimmtheiten nötig wäre; auch die Bewußtseinsinhalte könnten davon nicht ausgenommen werden, da ihre Bestimmtheit nicht restlos im einfachen Dasein aufgeht. Nähme ich die Bestimmtheiten des Dings in den Existenzialbegriff als Inhaltsteil auf, so wäre es unmöglich, den nämlichen Begriff auf die verschiedenartigsten Gegenstände anzuwenden, wie etwa auf einen einzelnen, bestimmten Baum und wiederum auf irgendeine bestimmte Vorstellung, die ich mir gebildet habe. Wenn GOETHE in seiner Erwiderung auf SCHILLERs Geburtstagsbrief vom Jahre 1794 sagt (38), dieser habe darin "die Summe von seiner (Goethes) Existenz gezogen", so will er damit ausdrücken, daß SCHILLER all die Bestimmtheiten, die mit der allgemeinen Tatsache der Existenz GOETHEs damals gegeben waren, aus derselben erst herausgenommen und sich zu Bewußtsein gebracht habe. Ich kann auf den Bericht eines mir glaubwürdigen Mannes hin behaupten. "Über die Geschichte der Republik San Marino existiert eine Monographie", ohne den Verfasser, die Einrichtung und den eigentlichen Inhalt des Buches irgendwie zu kennen. Der sehr vagen Vorstellung einer solchen Monographie denke ich die Existenz  an,  ohne das besondere "Wie" dieser Existenz  aus denken zu können. Wenn dennoch schon Bestimmtheiten in diesem Urteil gefunden werden, so betreffen diese den  Subjekts begriff, der allerdings determiniert ist, nicht aber den des Prädikats, auf den es uns ankommt. In dem allgemeineren Satz: "Bücher existieren" ist die Bedeutung von "Existieren" genau die nämliche wie oben, obgleich im Subjektsbegriff jetzt mehrere Bestimmungen fehlen. Vermehre ich meine Kenntnis von jener Monographie irgendwie oder vervollständige ich sie gar, so gewinnt das Urteilsprädikat nicht das Geringste an Bedeutung, höchstens daß meine Überzeugung von der Existenz der Schrift eine andere Basis erhält. Die Behauptung LOTZEs, daß alles Existierende zu anderem in Beziehung steht, ist, sofern er sie nicht rein metaphysisch nimmt, ein Mißverständnis der Tatsache, daß die  Behauptung  der Existenz immer irgendeine Beschaffenheit des Existierenden voraussetzt. Ihren besonderen Ausdruck aber findet die soeben besprochene Eigentümlichkeit des Existenzialbegriffs darin, daß wir, wenn wir die entschiedene Redeweise wählen, das Prädikat "einfach" beizusetzen pflegen. Wir behaupten dann: "Dieses oder jenes existiert einfach; es hat einfach Existenz." (39) Und eine beachtenswerte Folge dieser Eigentümlichkeit ist, daß Existenz nicht Prädikat  neben  anderen Prädikaten sein kann. Der Begriff spricht dann von einem Ding  die  Bestimmtheit überhaupt aus. (40)

Damit ist jedoch nicht zugleich geleugnet, daß "Existenz" Prädikat  über, vor  oder  hinter  allen besonderen Prädikaten sein könne. Es fällt doch auf, daß wir nicht sagen: "Homer ist nicht zu bezweifeln", sondern "die Existenz Homers ist nicht zu bezweifeln", genauso wie wir sagen: "Deine Ehrlichkeit, deine Tüchtigkeit, deine Wahrheitsliebe ist nicht zu bezweifeln". Davon nun, daß Existenz ein Prädikat  vor  allen besonderen Prädikaten sei, ist im  metaphysischen  Sinn keine Rede; die Dinge haben nicht etwa zuerst einfach ihre Existenz und dann erst ihre Bestimmtheiten, vielmehr koinzidieren Bestimmtheiten und Existenz. So kann freilich im metaphysischen Sinn Existenz auch nicht Prädikat  nach  allem besonderen sein. Wohl aber ist im  logischen  Sinn Existenz Prädikat  vor  allem besonderen; ich muß erst der Existenz eines Dings versichert sein, ehe ich die Bestimmungen desselben finden kann. Erst wenn die Existenz eines Individuums HOMER feststeht, hat es einen logischen  Sinn,  zu untersuchen: "Hat er die überlieferten Gedichte verfaßt oder nicht?" Erkenntnistheoretisch aber ist Existenz ein Prädikat  hinter  den besonderen: Zuerst muß ich Bestimmtheiten eines Dings erkannt haben, dann erst kann ich seine  Existenz  erkennen. Die historischen Wirkungen HOMERs, die sich etwa in literarischen Zeugnissen verdichtet haben, seine zeitlichen und räumlichen Beziehungen müssen zuerst  erkannt  sein, ehe seine Existenz Gegenstand einer  Erkenntnis  ist. Hingegen kann im metaphysischen Sinne "Existenz" als Prädikat  über  allen besonderen angesprochen werden, insofern Existenz bei jedem Gegenstand das Allgemeinste, Tragende ist, dem gegenüber jede besondere Eigenschaft nur eine Konstitutive bildet (41)
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Erfasse ich demnach im Existenzialbegriff das Ding, ohne seiner Bestimmtheiten ausdrücklich zu gedenken, während ich in den der Realität die Bestimmtheiten mit aufnehme, so wird es mir leicht, ein Ding, sofern ich es als existierend denke, in Gedanken vollständig von anderen zu isolieren und  für sich  zu betrachten, wogegen ich das Ding, sofern ich es als real betrachte, in einen bestimmten Zusammenhang zueinander gehöriger, irgendwie gleichartiger Dinge, eben der wirklichen, hineinstelle. So verstehe ich, falls ich sage: "das Reale", sofort  alles  Reale darunter, falls ich aber sage: "das Existierende", nur das  einzelne  Existierende; will ich die Existierenden als zusammengehörig bezeichnen, so muß ich erst "alles" hinzufügen (42).

Nur in  einer  Beziehung gelingt es nicht, das Ding auch dann, wenn ich es als existierend fasse, vollkommen rein zu isolieren. Die Rücksicht auf ein Verhältnis des Dings zu meinem Denken  als solchem  kann ich aus dem Begriff niemals beseitigen. Der Naive und der Naturforscher stellen sich zwar oft vor, daß ein Ding existiert ohne jedes vorstellende Subjekt, und in der Tat ist es die Absicht, die der Existenzialbegriff verfolgt, etwas derart zu erreichen. Allein man kann sich auch so etwas nicht vorstellen, ohne eben doch vorzustellen, und somit ist im Begriff stets ein Verhältnis des Dinges zu unserem Denken mitausgedrückt (43). Durch den Sprachgebrauch, der gestattet, zu sagen: "Dieses oder jenes existiert  für mich"  ist dies nicht zu widerlegen. Den Gegensatz hierzu liefert nicht die Behauptung: "Dies oder jenes existiert überhaupt", sondern die andere: "Dieses oder jenes existiert für andere." (44) Wer Gottes Existenz überhaupt leugnet, darf nicht zugeben, daß Gott für die Gläubigen existiert; wenn er aber meint: "Gott existiert für mich aus irgendeinem Grund nicht", kann er immerhin andern ihren Glauben lassen. Der Begriff mit dessen Hilfe sich das philosophische Denken aus der hier angedeuteten und nicht zu leugnenden Schwierigkeit zieht, ist der der Unabhängigkeit. Er kommt zwar einer momentanen Selbstverneinung des Denkens sehr nahe, läßt es aber doch noch irgendwie bestehen, und ist sodann nicht ganz ungeeignet, das Verhältnis des existierenden Dings zu unserem Denken zu bezeichnen (45). Es liefe deshalb auf eine Tautologie (46) hinaus, wenn wir in diesem Zusammenhang von einer selbständigen Existenz sprechen würden (47). Wenn ich also sage: "Der Nordpol existiert", so will ich damit, obwohl ich ihn bis jetzt nur in meinem Denken antreffe, ausdrücken, daß seine Existenz von der Wahrheit oder Falschheit eines darauf gerichteten Urteils nicht im mindesten berührt wird. Daß wir aber gleichwohl die Beziehung auf das denkende Subjekt mitdenken, zeigt sich darin, daß  ich  als Denkender vergangenen und zukünftigen Dingen keine Existenz zuschreibe. Die alexandrinische Bibliothek  hatte  Existenz, aber sie existiert nicht  mehr.  Zukünftige Dinge, wie etwa eine allumfassende Völkergemeinsachaft, existieren  noch  nicht.

Anders als beim Begriff der Realität; bei ihm ist keine Beziehung auf das gegenwärtig denkende Subjekt gegeben, sondern eine Beziehung auf das  Allgemeingültigkeit  suchende Denken überhaupt.  Fuere Troas, Ilion, fuere  [Es gab Trojaner, es gab Troja - wp] - sie haben keine  Existenz  mehr; und doch - kommt beiden Begriffen Troas und Ilion  Realität  zu (48).  Troas  und  Ilion waren  etwas Existierendes, sie  sind  noch  jetzt  etwas Reales. Auch Vorstellungen von Zukünftigem entspricht Reales, nämlich die wirklich vorhandenen Bedingungen der künftigen Ereignisses und die Erfahrungsvorstellungen, nach welchen die Phantasievorstellungen des Künftigen gebildet sind. Realität ist Prädikat einer Vorstellung oder eines Begriffs, Existenz hingegen Prädikat eines gegenwärtigen Dings. Existieren bedeutet soviel wie: gegenwärtig  Sein.  Der Begriff "Existenz" selbst hat Existenz seinem ganzen Sein nach - als seelische Funktion. Er hat Realität - seinem  Inhalt  nach. Wir sagen daher: Der Begriff "Existenz" ist  etwas  Existierendes und, sofern wir "Dinge ansich" annehmen, der Begriff "Existenz ist  ein realer. 

Mit diesem Unterschied ist ein weiterer gegeben. Bei Realität wird von aller bestimmten Zeit vollständig abgesehen; niemand spricht von vergangener, gegenwärtiger oder zukünftiger Realität (49). Wohl aber lassen sich dergleichen Prädikate bei "Existenz" gebrauchen.  Troja  ist eine vergangene Existenz. Dennoch wird auch bei Existenz das Sein des  Dings  als zeitloses gefaßt. Indem  ich gegenwärtig  dem  Neptun  Existenz zuschreibe, sehe ich von den raum-zeitlichen Beziehungen ab, in welchen der Gegenstand zu anderen steht. Das Zeitmoment, welches in den Existenzialbegriff hereinspielt, ist nur ein subjektives, kein objektives. Umgekehrt ist das Verhältnis bezüglich des Raums. In den Existenzialbegriff mischt sich auch nicht die geringste Rücksicht auf das räumliche Verhältnis des existierenden Einzelnen zu anderen Existierenden; bei Realität läßt sich, weil wir dabei immer an eine Beziehung zu einem anderen Wirklichen, an ein Gebiet, einen Kreis denken, das Hereinsprechen irgendwelcher räumlichen Analogie kaum zu vermeiden. Dieser Unterschied ist besonders jenen gegenüber hervorzukehren, welche vom metaphysischen Standpunkt aus der Merkmal der raum-zeitlichen Bestimmtheit in den Begriff mit aufnehmen wollen. KRUG sagt ganz zutreffend vom Dasein:
    "Ist nun dieses ein sinnliches, so muß es auch räumlich und zeitlich bestimmt sein." "Denke ich aber ein übersinnliches Sein, wie das Sein Gottes, so müssen wir es freilich als ein unräumliches und unzeitliches oder über Raum und Zeit erhabenes denken." (50)
Dem soeben Ausgeführten scheint ein ausgedehnter Sprachgebrauch zu widersprechen. Wir unterscheiden gerne ein  realiter  und ein  idealiter  Existierendes, oder reale und gedachte Existenz (51). Allein, es ist aus früher Betontem ersichtlich, daß der  Vorstellung  von einem Existierenden genau im gleichen Sinne Existenz zuerteilt wird wie dem  als  existierend Gedachten. Als psychische Funktion existiert für die psychologische Wissenschaft die Vorstellung von einem Baum ebenso wie etwa für den erkenntnistheoretischen Realismus ein bestimmter einzelner Baum. Dem nämlichen Gegenstand hingegen kann nicht zugleich reale und ideelle Existenz zukommen; Vorstellung von einem Ding und Ding selbst sind für das Denken  realiter  verschieden. Der Gegenstand existiert nicht in der Vorstellung, in dieser existiert durch das Vorstellen nur der Vorstellungsinhalt". Die Vorstellung selbst aber existiert im Vorstellungszusammenhang oder im Zusammenhang der psychischen Funktionen (53).

Wir glauben die Erörterung des Unterschiedes von "Existenz" und "Realität" nicht abschliefsen zu sollen, ohne die Auffassung zweier Philosophen mitzuteilen, die sich um die Aufhellung desselben in besonderem Maß bemüht haben. KANT zieht zwichen beiden Begriffen eine Grenze, die mehr Tiefe als Breite hat. "Realität" steht ihm als erste unter den Kategorien der Qualität im Unterschiede zu Negation und Limitation; dieser Begriff ist also derjenige, welcher in den bejahenden Urteilen die Verknüpfung des Subjekt- und Prädikatbegriffs als Grundlage ermöglicht. "Dasein" aber hat unter den Stammbegriffen der Modalität die zweite Stelle zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit als Grundbedingimg der assertorischen Urteile. KANT folgt demnach in gewisser Beziehung der Scholastik, insofern er ebenfalls Möglichkeit und Existenz voneinander ausschließt. In der Hauptsache aber ist bei ihm der Unterschied beider Begriffe auf subjektive Verschiedenheiten unseres denkenden Verhaltens zu den Objekten des Denkens zurückgeführt. Trotz jener grundsätzlichen Trennung setzt er jedoch Existenz mit "objektiver Realität" gleich (54) und MELLIN (55) sieht sich veranlaßt, vor einer Verwechslung von Realität als einer Kategorie der Qualität mit der objektiven Realität des Begriffs (d. h. Möglichkeit seines Gegenstandes) oder mit objektiver Realität im Sinne von Existenz des Gegenstandes, was beides den Kategorien der Modalität angehört, zu warnen, ohne aber mit seiner trotz der Verschiedenheit der Begriffe vielfach gleichlautenden und sich gleicher Beispiele bedienenden Zergliederung der beiden in der Seele des Lesers einen wirklich klaren Unterschied aufzurichten. Subjektive Realität einer Vorstellung ist nach MELLIN die Existenz derselben als Modifikation des Gemütes oder die Möglichkeit einer reinen Anschauung für den Begriff (z. B. die Zeit). Die mathematischen Begriffe haben ihre objektive Realität in der Konstruktion a priori, diese finden aber selbst ihre objektive Realität darin, daß sie für die Erfahrungsgegenstände notwendig und allgemeingültig sind. Verständlicher wird der Interpret KANTs, wenn er die transszendentale oder absolute Realität von Raum und Zeit bekämpft und dafür die objektive Gültigkeit des Raums und der Zeit in Anbetracht all dessen, was uns äußerlich als Gegenstand vorkommen kann, behauptet (56), wenn er objektive Realität als transszendentale Wahrheit von Begriffen erläutert (57) und meint, der Vernunft sei daran gelegen, daß ihre Begriffe (Ideen) nicht bloße leere Gedankendinge sind, sondern einen Gegenstand (objektive Realität) haben (58), wenn er endlich der Realität als Qualität die Negation, der Realität als Modalität aber die Idealität gegenüberstellt und der modalen Realität die Deutung gibt, sie sei eine Art, wie Gegenstände nach dem Lehrbegriff irgendeines Realismus beurteilt werden (59). Hier sei dann auch die wörtliche Bestimmung KANTs erwähnt, die Erkenntnis der Existenz eines Objektes bestehe darin, daß dieses außer dem Gedanken an sich selbst gesetzt sei (60). Damit scheint es in Widerspruch zu stehen, wenn er leugnet, daß  Existieren  ein  reales Prädikat  ist (61).

Eine ganz eigenartige Stellung behauptet in unserer Frage die Schule FRANZ BRENTANOs, als deren Chorführer hierbei ANTON MARTY auftritt. In seinen sehr beachtenswerten Darlegungen über "Subjektlose Sätze" (62) äußert er sich,  alle  unsere Vorstellungen, auch die, welche den Mangel eines Realen bedeuten, schlössen den Begriff des Realen irgendwie ein und es sei daher eine strenge Definition von diesem nicht möglich. Dagegen bezeichne der Begriff  Existenz  nur die Beziehung irgendeines Gegenstandes (das bedeutet hier irgendeines  Vorgestellten)  auf ein mögliches Urteil, das ihn anerkennt und dabei  wahr  oder  richtig  sei; wenn ich von etwas mit Recht sage, es  sei,  d. h. wenn das Urteil, worin es anerkannt wird, wahr sei, so heiße jenes Etwas existierend. Realität sei das Sein in dem Sinne, wie es nach ARISTOTELES in die Kategorien zerfällt. Existenz hingegen das Sein im Sinne der Wahrheit im Gegensatz zum Nichtsein im Sinne des Falschen. So MARTY. Ich kann mich seiner Auffassung nicht ganz anschließen, so richtig manche seiner Bemerkungen sind. Nicht heißt etwas existierend, wenn das anerkennende Urteil wahr ist, sondern umgekehrt ist das anerkennende Urteil wahr, wenn das in ihm anerkannte Etwas  existiert.  Das Ideal der Wissenschaften fordert freilich, daß ich nur dann einem Vorgestellten eine Existenz zuspreche, wenn ich ein Recht dazu habe; die Wissenschaften werden aber in ihrer Entwicklung stets wieder finden, daß die Existenz von Dingen behauptet wurde, die in Wirklichkeit nicht existieren oder je existierten. Aber auch wenn das Ideal der Wissenschaften erreicht wäre, dürfte man nur sagen: Die Wahrheit des ein Etwas anerkennenden Urteils und die Existenz dieses Etwas bedingen sich  gegenseitig,  nicht aber die Existenz des Gegenstandes wird durch die Wahrheit des bejahenden Urteils bedingt. Wie die BRENTANOsche Logik in verhängnisvoller Weise mit dem Wort "Anerkennen" spielt (63), so entfernt sie sich auch bei ihrer Auffassung des Begriffs "Existenz" vom gewöhnlichen Sprachgebrauch. Einerseits bleibt MARTY noch halb im Gedankenkreis der Scholastik hängen, wenn er behauptet, auch die Vorstellungen, welche den Mangel eines Realen bedeuten, schlössen den Begriff des Realen irgendwie ein, andererseits geht er zur Anschauungsweise der Neueren über, wenn er nicht nur ein "Loch", eine Grenze, das Vergangene, sondern auch eine Möglichkeit, eine Unmöglichkeit existieren läßt (64). Seine eigentümliche Stellung mag wohl daher rühren, daß er die  nach  dem Sturz der Scholastik eingetretene Begriffsverschiebung übersah. (65)

Wir können das Ergebnis unserer bis hierher gediehenen Überlegungen dahin zusammenfassen, daß, je nachdem wir mit der Scholastik auch ein Mögliches als Realität zulassen oder mit neueren Philosophen die Realität des als möglich Gedachten leugnen, sich die mit den Worten "Existenz" und "Realität" gedeckten Begriffe verändern. Für die Scholastik bezeichnet "Existenz" den engeren, "Realität" den weiteren Begriff (66), insofern nach ihrer Ansicht alles Existierende für real gehalten werden muß, aber nicht alles Reale als existierend gelten darf. Für die Mehrzahl der Neueren haben im Gegensatz dazu "Realität" und "Existenz" als Begriffe den gleichen Umfang; nur nur ist, was existiert, auch real, sondern es existiert auch, was real ist. Was nicht existiert, entbehrt auch der Realität. Vom Möglichen ist nur soviel real, als Bedingungen zu ihm existieren. Die Unterscheidung beider Begriffe gründet sich nur auf die Verschiedenheit der Betrachtungsweise, wie sie sich auf das Seiende richtet. Existenz ist ein erkenntnistheoretisch entstandener Begriff mit metaphysischer Richtung, Realität ein metaphysisch entstandener Begriff mit erkenntnistheoretischer Richtung geworden. Weiterhin ist zuzugeben, daß einem durchaus Unbestimmten Existenz nicht zugeschrieben werden kann, daß vielmehr das Prädikat der Existenz die durchgängige Bestimmtheit eines Dings voraussetzt; aber gegenüber KANT und BERGMANN muß betont werden, daß wir die Bestimmtheiten des Dings nicht ausdrücklich in den Begriff seiner Existenz miteinschließen und daß wir oft, vielleicht sogar in der Regel, die Existenz von Dingen behaupten, ohne deren Besonderheiten alle zu kennen. Des "Daß" glauben wir nicht selten versichert zu sein - so z. B. KANT bezüglich des Dings ansich -, ohne uns über das "Wie" im Reinen zu befinden. Gegenüber BERGMANN im besonderen ist mit KANT daran festzuhalten, daß "Existenz" keine Bestimmtheit eines Dings ausdrückt (67), daß vielmehr nur  die  Bestimmtheit des Dings überhaupt dabei ins Auge gefaßt wird. Mit KANT darf man ebenso darin einig sein, daß der Gedanke an die Existenz eines Dings noch nicht mit der bloßen Vorstellung desselben zusammenfällt, ohne jedoch mit ihm zur Behauptung fortzugehen, daß das Dasein nicht zu den daseienden Dingen gehört und nichts ist, was ein alles durchdringendes Erkenntnisvermögen in einem Ding anzutreffen vermag; denn darüber können wir noch nichts wissen.

Vom Begriff der Wirklichkeit haben wir nach dem Gebotenen nicht weiter zu reden. Soweit nicht dabei in der durch KANT begünstigten etymologisierenden Verwendungsweise auf den Begriff des Wirkens angespielt wird (68), deckt er sich entweder - und dies meistens - mit dem Begriff der Existenz (69) und gerät so in einen Gegensatz zu dem der Möglichkeit, oder er fällt mit dem der Realität zusammen oder tritt für den der Wahrheit ein (70).

Ebenso würde der Begriff des "Daseins" wegen seiner Identität mit dem Existenzialbegriff keiner ausführlichen Erwähnung bedürfen, wenn nicht seitens einiger Philosophen versucht worden wäre, dem Wort eine eigene Färbung zu geben. HEGEL betrachtet das  Dasein  als das einheitliche Resultat des als Vereinigung von Nichts und Sein in sich widerspruchsvollen Werdens und definiert es als Sein mit einer Bestimmtheit oder Qualität, hingegen ist ihm Existenz die unmittelbare Einheit der Reflexion-in-sich und der Reflexion-in-anderes oder die unbestimmte Menge von relativen Existierenden, die eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit und eines unendlichen Zusammenhangs von Gründen und Begründeten bilden. Die Gründe selbst sind Existenzen, und die Existierenden ebenso nach vielen Seiten hin Gründe wie auch Begründete. So und wenn er kurz Existenz das "durch Grund und Bedingung vermittelte und durch das Aufheben der Vermmittlung mit sich identische Unmittelbare" nennt, gibt er mit hinreichender Deutlichkeit zu erkennen, daß er unter  Existenz  dasjenige versteht, was die Scholastik als kontingentes Sein vom absoluten Sein unterschieden hatte (71). Im Grunde ist, insofern einerseits dieses kontingente Sein auch von HEGEL als vermitteltes dargestellt wird und beim Werden andererseits das kausale Verhältnis nicht außer acht bleiben kann, der Unterschied nicht allzutief, und DEUTINGER war daher berechtigt, sich den einzigen Terminuns  Dasein  im Gegensatz zum Absoluten für das Bedingte, Entstehende, Relative vorzubehalten. (72)

Schließlich haben wir noch hervorzuheben, daß wir aus unserer Erörterung die besondere Bedeutung von Existenz, wie sie in der seit alters her beliebten Gleichsetzung mit "Subsistenz" vorliegt (73), und den Begriff des  Wesens  ohne weiteres ausscheiden. (74)

Die vorstehende Darlegung des Inhaltes, der dem Existenzialbegriff eigen ist, dürfte für unseren Zweck genügen. Von seinem Inhalt aber ist die metaphysische oder erkenntnistheoretische Deutung wohl zu trennen, welche ihm die verschiedenen Philosophen geben zu sollen glaubten. Damit haben wir uns im folgenden nicht programmgemäß, sondern nur gelegentlich zu beschäftigen. Dennoch kann es zur schärferen Bestimmung unserer Aufgabe dienlich sein, die nach einer solchen Richtung gemachten Versuche kurz zu zeichnen. In metaphysischer Hinsicht ist vor allem die Auffassung der Scholastik bemerkenswert. Nach ihrer Ontologie, die in diesem Punkt höchst wahrscheinlich einer  neuplatonischen  Anschauung die klare und genaue Formulierung erteilt (75), setzen sich die geschöpflichen Dinge aus  essentia  und  existentia  zusammen. Bei Gott allein ist  essentia  und  existentia  unmittelbar eines, bei allen erschaffenen Dingen kommt zur  essentia  die  existentia  hinzu, damit das Ding wirklich ist (76). Der Streit um die reale Distinktion beider lebt noch heute in der Scholastik fort, wobei die Jesuiten und die deutschen Philosophen diese zumeist leugnen und die "strengen" Thomisten sie festhalten. Als Scholastiker verirrten sich in unserer Angelegenheit auch DESCARTES (77), SPINOZA (78), CHRISTIAN WOLFF und BAUMGARTEN, letztere sofern sie Existenz als  complementum possibilitatis  (79) ausgeben . Eine andere metaphysische Frage, die sich an den Existenzialbegriff anknüpft, ist die, ob das Existierende für sich allein sein kann oder stets in Beziehung zu anderem stehen muß. Letzteres hat vor allem LOTZE behauptet, wenn er sagt: "Sein" heißt "in Beziehung stehen"; er glaubt damit zwar nur eine Erklärung des Begriffs zu liefern, aber in der Tat leistet er damit, und das ist in einer "Metaphysik" auch verständlich, eine metaphysische Bestimmung (80). Dies wird handgreiflich, wenn wir die Widerlegung RICHARD WAHLEs daneben halten:
    "Wenn es auch unmöglich ist, daß ein Sein existieren kann, das nicht zu anderen Seienden in Beziehung stünde, so würden wir doch auch ein einziges, ruhendes Seiendes, auch wenn es die ganze Welt allein ausmachen würde, ein Sein mit Recht nennen."
WAHLE stimmt, wie ersichtlich ist, in der metaphysischen Auffassung der Existenz mit LOTZE überein, aber die Definition LOTZEs bezeichnet er als "gewiß falsch" (81). Wenn ARISTOTELES und THOMAS  hyparchein  [vorliegen, vorhanden sein - wp] (esse) als  inesse in natura  betrachten (82) und JULIUS BERGMANN das Dasein eines von unserem Ich verschiedenen Dings in seinem Zusammensein mit anderen Dingen in der Welt oder kürzer in seinem Enthaltensein in der Welt (83) findet, wenn CRUSIUS behauptet: Stellen wir uns etwas als existierend vor, so nötigt uns das Wesen unseres Verstandes, außer demjenigen, wodurch wir es denken und von anderen unterscheiden, auch nocht dieses hinzuzudenken, daß es  irgendwo  und  irgendwann einmal  sei, wenn ferner MENDELSSOHN  Dasein  als den verbindenden Oberbegriff ("das gemeinschaftliche Wort") zu Wirken und Leiden ausgeben möchte, PLATNER aber Existieren und Wirken, DEUSSEN Existieren und in Raum und Zeit Wirken (84), BENNO ERDMANN und JERUSALEM  Existenz  und  Wirkungsfähigkeit  gleichsetzen und BAUMGARTEN von einem  complexus affectionum in aliqui compossibilium  (85) spricht, so sind das ebenfalls metaphysische Konstruktionen, die nur hie und da einen erkenntnistheoretischen Anstrich erhalten haben.

Die erkenntnistheoretischen Ausdeutungen des Existenzialbegriffs haben sich, wie begreiflich ist, erst in der neueren Philosophie besonders bemerkbar gemacht. Voran steht dabei die Ansicht, daß "Existieren" soviel ist wie "Wahrgenommenwerden". In strengster Fassung scheint sie freilich nirgends vertreten zu sein. Denn wenn M. KAUFMANN betont: "Das Dasein eines Dings besteht in seiner Gegenwart im Bewußtsein", wenn von SCHUBERT-SOLDERN fragt: "Was soll denn das Wort  Gegebensein, Bestehen, Dasein  usw. bedeuten, wenn es einen Sinn über das Bewußtsein hinaus haben soll" (86), so dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, daß darin noch keine Beschränkung auf das  Wahrgenommen werden vorliegt. SCHUPPE definiert  Existenz  auch geradezu mit Objektsein, d. h. zu  einem Subjekt gehören,  und verwendet in der Definition der wirklichen Existenz neben der wahren Wahrnehmung auch das wahre  Urteil.  (87). BERKELEY versichert zwar:  Esse est percipi,  aber die Existenz von ihm verschiedener Geister erkennt er doch durch  Schließen,  wobei die Begriffe der Tätigkeit und der Wirkung und der Zeichen eine für seine Theorie gefährliche Rolle spielen. Außerdem fließt schon bei ihm das Wahrgenommen-werden- Können  (88) in die Vorstellung der Existenz hinein. Man vergleich damit MELLIN: "Dasein diejenige Beschaffenheit einer Vorstellung, daß sie mit den  materiellen  Empfindungen der Erfahrung (der Empfindung)  zusammenhängt,  oder ihren Sitz in der Empfindung hat. Zum Beispiel die Existenz ... der Stadt Berlin besteht darin, daß sie  nicht bloß mein Gedanke ist,  daß diese Vorstellung ihren  Sitz  nicht bloß in meinem Verstand hat, sondern daß alle die Merkmale, die ich mir im Begriff der Stadt  Berlin  vereinigt denke,  außer meinen Gedanken daran  einen  Gegenstand  haben, der  empfunden  werden kann" (89). "Es existieren Einwohner auf dem Mond" bedeutet nach MELLIN nichts anderes: "Wenn wir unsere  Erfahrung  bis zum Mond erweitern könnten, so würden wir sie dort findent", "die Existenz der Dinge in der Vergangenheit" aber besagt: "Sie sind im  Zusammenhang  einer  möglichen Erfahrung".  (90) JOHN STUART MILL spricht in diesem Sinn von "permanent possibilities of sensation" (91), HANS CORNELIUS sucht die BRENTANOsche Urteilslehre mit dieser englischen Auffassung zu verbinden (92). JULIUS BERGMANN und ALOIS RIEHL teilen sich mit CHRISTOPH SIGWART (93) in das Verdienst, wieder auf das im Existenzialbegriff vorliegenden  Verhältnis  hingewiesen zu haben, in welchem das Ding zu unserem Bewußtsein steht (94), aber BERGMANN stellt sich auf den idealistische, dieser auf den sensualistischen Standpunkt. RIEHL überschreitet bereits die Grenzen der einfachen Bedeutungsangabe, wenn er meint, "Existenz drücke das Verhältnis des Dings zu unserem Bewußtsein" aus; RICKERT hat gegen diese Definition sofort einen schwerwiegenden  erkenntnistheoretischen  Einwand zu erheben (95). EDUARD von HARTMANN unterscheidet die Existenzform der Dinge als ihre Wirkungsform von ihrem Wesen als Kraft (96); bei ihm möchte ich die Identifizierung von Existenz- und Wirkungsform als Ergebnis erkenntnistheoretischer, die Auffassung des Wesens als Kraft aber als Erzeugnis einer metaphysischen Überlegung ansehen. Es ist leider ersichtlich, daß je nach dem erkenntnistheoretischen oder metaphysischen Standpunkt, den der einzelne Philosoph einnimmt, für ihn der Umfang des Existenzialbegriffs wächst oder abnimmt. Wem nur das Wahrnehmbare das Existierende ist, der kann selbstverständlich dem bloß Erschlossenen nicht Existenz zuerkenne. Natürlich hängt es von der Güte der betreffenden Erkenntnistheorie ab, ob eine derartige Fassung des Existenzialbegriffs genügt oder nicht. Für einen Anhänger JOHN STUART MILLs z. B. könnten  Geheim verträge zwischen Rußland und Frankreich etwa nicht  existieren;  sobald er den Geheimvertrag wahrnähme, wäre es für ihn kein  Geheim vertrag mehr. Sätze wie die, daß eine "Wahrscheinlichkeit besteht", wären für ihn erst recht unzulässig; denn wie sollte da eine  sensation  möglich sein? Oder wollte er sagen, daß die Existenz nur so lange gegeben ist, wie die  Möglichkeit  dauert, daß sie aber sofort aufhört, wenn die Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeführt ist? Was soll man sich unter dauernder Möglichkeit denken? Mit derlei Fragen (97) hat sich auch eine erkenntnistheoretische Fixierung des Existenzialbegriffs abzufinden. Der Philosoph hat zu untersuchen:  Welche  Eigenschaften müssen die Urteile, die eine Existenz behaupten, besitzen, um gültig zu sein? Er würde auch zu entscheiden haben, ob der Begriff überhaupt ein zulässiger und brauchbarer ist oder nicht.

Die zuletzt angestellten Erörterungen waren notwendig, um das Gebiet, das wir zu bearbeiten haben, noch genauer abzustecken, als es zuvor geschehen war. Es ergibt sich daraus sofort, daß wir andere Zwecke verfolgen als JULIUS BERGMANN mit seiner ontologisch-erkenntnistheoretischen Abhandlung über den Begriff des Daseins und das Ichbewußtsein und OSWALD WEIDENBACH mit seiner methodologisch-kritischen Betrachtung über das Sein. Nicht minder aber unterscheidet sich unser Unternehmen auch von dem, was HANS RAECK über den Begriff des  Wirklichen  zu sagen hat. Denn auch er beschränkt sich nicht darauf, Sinn und Gehalt des Wirklichkeitsbegriffs zu ergründen, sondern strebt noch weitergehender Ausdeutung.

Trotzdem hat die angestellte Erörterung wohl auch den Erfolg zu zeigen, wie unzulässig alle Versuche sind, aus dem Begriff der Existenz irgendeine Theorie über die Beschaffenheit und die Verhältnisse des Existierenden herauszuentwickeln. Dies gilt vor allem von LOTZE und BERGMANN. Aufgabe der Philosophie wird es im Gegensatz zu solchen Versuchen bleiben, in allen derartigen Fragen jedesmal die Erfahrung zu Hilfe zu nehmen.

LITERATUR: Adolf Dyroff, Über den Existenzialbegriff, Freiburg i. Br. 1902
    Anmerkungen
    1) RICHARD WAHLE, Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, Wien/Leipzig 1896, Seite 89
    2) Vgl. dafür den Abschluß dieses Abschnitts und die weiteren Anmerkungen, vor allem RUDOLF EISLER, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin 1899, siehe "Existenz" und "Realität". Die Abhandlung von HANS RAECK, Der Begriff des Wirklichen, Halle 1900, und die unsrige können als Beiträge zu EISLERs Artikel angesehen werden. In einer Neuauflage dürfte der Verfasser, der sich mit seiner mühsamen Arbeit ein unstreitiges Verdienst erworben hat, Spezialarbeiten wie die von CORNELIUS besser heranziehen und für die Scholastik das vortreffliche Thomaslexikon von L. SCHÜTZ, dessen Existenz ihm entgangen ist. Der Satz, Seite 633: "Nach WUNDT kommt den Begriffen zwar objektive Realität, nicht aber dingliche Existenz zu (Logik I, Seite 419)", ist geradezu irreführend. WUNDT spricht dort nicht von den Begriffen überhaupt, sondern nur von gewissen "sekundären Gegenstandsbegriffen" wie "Deutsche Reichsverfassung", "christliche Religion", "Hegelsches System". Unangemessen war in einem solchen "Reallexikon" die historische Anordnung der Beispiele; diese konnte höchstens  innerhalb  der sachlichen Einteilung zur Geltung kommen.
    3) Als ihr Eigentum darf die Philosophie das Wort "Existieren" in Anspruch nehmen, insofern sie es - bei SCOTUS ERIUGENA - geschaffen und - seit dem Mittelalter - in Umlauf gesetzt hat (RUDOLF EUCKEN, "Geschichte der philosophischen Terminologie", Leipzig 1879, Seite 63 und 223; vgl. WILHELM TRAUGOTT KRUG, "Allgemeines Handwörterbuch der Philosophie", Leipzig 1832, Bd. V, Buch 1 (Ergänzung zur 2. Auflage), Seite 389. Zur Verbreitung des Ausdrucks hat wohl DESCARTES das meiste beigetragen, in dessen Principia er fortwährend erscheint und dessen  eine  Definition der Substanz (Res, quae it existit ut nulla alia re indigeat ad existendum, Princip. philos. Amstelodam, 1644, Seite 19) oft genug berufen wurde. SPINOZA gebrauchte in seiner Definition  est.  Daß jene Definition des DESCARTES auf JOH. DAMASCENUS zurückgeht, zeigt J. FREUDENTHAL, Philosophische Aufsätze für ZELLER, Leipzig 1887), Seite 121; [...] Essentia hat nach SENECA zuerst CICERO als Übersetzung des griech.  ousia  gebildet und nach QUINTILIANUS FABIANUS (vielleicht unter Berufung auf CICERO) zuerst mit Vorliebe verwendet.
    4) Weitere Synonyma bei WILHELM JERUSALEM, Die Urteilsfunktion, Wien 1895, Seite 210
    5) G. TH. LICHTENBERGs Vermischte Schriften V, Wien 1844, Seite 66 (Philosophische Bemerkungen): "Wir kennen nur die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken", KASIMIR TWARDOWSKI, Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen, Wien 1894, Seite 23: "Existenz gegenstandsloser Vorstellungen", ALOIS RIEHL, Kritizismus II, Seite 172: "Existenz altruistischer Gefühle", HERMANN von HELMHOLTZ, Vorlesungen über theoretische Physik V, Hamburg 1897, Seite 216: "Die Existenz von geradlinigen Lichtstrahlen" und Dr. E. RIECKE, Lehrbuch der Experimentalphysik, Bd. 1, Leipzig 1896, Seite 98: "Existenz der Wellenbewegung" scheinen mir "Vorstellungen", "Lichtstrahlen", "Wellenbewegung" usw. weniger als Vorgänge oder Beziehungen, denn als Dinge zu nehmen. G. S. A. MELLIN, Enzyklopädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie, Jena und Leipzig 1799, aber, der Existenz mit Dasein schlechthin gleichsetzt, spricht Seite 29 vom "künftigen Dasein eines Ereignisses". Vgl. O. WEIDENBACH, Das Sein, Jena 1900, Seite 3: "Existenz der Negation, die ohne eine Position nicht möglich wäre". A. LEHMEN, Lehrbuch der Philosophie II, Freiburg i. Br. 1901, Seite 491: "Die Existenz eines jenseitigen Lebens der Seele". Dagegen trennt WEIDENBACH, Das Sein, Jena 1900, Seite 40: "Leben" und "Existenz". KARL MARBE, Experimentell-psychologische Untersuchungen über das Urteil, Leipzig 1901, Seite 5: "Daß den Erlebnissen als solchen eine Existenz zukommt." FRANZ BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1, Leipzig 1874, Seite 277: "Man sagt zwar auch, man nehme wahr, daß ein Sehen, ein Hören existiere." WILHELM JERUSALEM, Urteilsfunktion, Seite 210: "Dessen  Existenzform  ist nicht das Sein, sondern  das  Geschehen." E. KOCH, Das Bewußtsein der Transzendenz, Halle 1895, Seite 24 meint: "Der Vorgang ist nichts anderes als ein Ding."
    6) Von BERKELEY, Prinzipien, Einleitung X, Seite 7 bei ÜBERWEG: "Ohne die sie (gewisse Eigenschaften) in Wirklichkeit existieren können" und HELMHOLTZ a. a. O. Seite 10: "Faraday gehört zu derjenigen Klasse von Physiker, welche an die Existenz von Fernkräften nicht glauben wollen", gilt das in Anm. 5 Gesagte. E. RIECKE, Lehrbuch der Experimentalphysik I, Leipzig 1896, Seite 3, drückt sich so aus: "Wir ergänzen" "den beobachteten Tatbestand" "durch hypothetische Annahmen über die ihm zugrunde liegenden Eigenschaften der Körper, über die Existenz von Körpern". Da der Gelehrte eigentlich auch hätte sagen können: "über die ihm zugrunde liegende Existenz bestimmter Eigenschaften, über usw.", dürfen wir schließen, daß für ihn "Existenz" und "Eigenschaften" scharf geschieden sind.
    7) O. SCHMITZ-DUMONT, Naturphilosophie als exakte Wissenschaft, Leipzig 1895, Seite 81, will "wirklich" (=daseiend) nicht auf die Aussage  2 x 2 = 4  angewendet wissen. Es existiert ein Differentialquotient  ds/dt = s.- Siehe im allgemeinen auch E. HUSSERL, Logische Untersuchungen II, Halle 1901, Seite 123f: "Die idealen Gegenstände" (wie die Zahl 2, die Qualität der Röte, der Satz des Widerspruchs) "existieren wahrhaft". Seite 135: "Es gibt Begriffe, Sätze." W. WUNDT, Völkerpsychologie I, 2 (Leipzig 1900), Seite 22: "Die Existenz des Neutrums."
    8) Anders SPINOZA bei J. FREUDENTHAL, Philosophische Aufsätze für Zeller, Leipzig 1887), Seite 101: "Die Möglichkeit ... existiert im endlichen Intellekt."
    9) Ebenso existieren Hexen nicht als Gegenstand, wohl aber existiert die Vorstellung "Hexe" usw.
    10) Siehe z. B. auch A. RIEHL, Beiträge zur Logik, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 16, 1892, Seite 15. W. WINDELBAND, Philosophische Abhandlungen für Sigwart, Tübingen 1900, Seite 48: "Inhalten" (des Bewußtseins), "die  sind"  (=existieren?)
    11) Vgl. WEIDENBACH, Das sein, Jena 1900, Seite 3: "Allerdings ist auch das Dogma und der Irrtum, aber - wohlgemerkt - nur als Aussage, nicht als Ausgesagtes."
    12) Vgl. hierzu den geschichtlich interessanten Gegensatz von apparentia (Schein) und existentia (Sein) bei THOMAS; siehe SCHÜTZE, Thomaslexikon, Seite 110. E. HUSSERL, Logische Untersuchungen II, Halle 1901, Seite 124: "Das Fiktive oder Widersinnige" ist nur gedacht, "existiert überhaupt nicht, kategorisch kann von ihm nichts ausgesagt werden." Solche "bloß vorgestellte Gegenstände" sind nach ihm eine bloße Fiktion, eine bloße facon de parler, in Wahrheit ein Nichts". Vgl. besonders Seite 133. - H. SCHELL, Katholische Dogmatik I, Paderborn 1889, Seite 245, spricht in diesem Sinne von  "macht losem Idealem und  macht voller Realität, von reinem Inhalt und reiner Existenz" (vgl. Seite 213f, II (1890), Seite 26f).
    13) G. von HERTLING, John Locke und die Schule von Cambridge, Freiburg i. Br. 1892, Seite 88, hat das Wesentliche des Existenzialbegriffs bereits richtig dahin formuliert, die Aussage der Existenz knüpfe an den Inhalt der Idee (Vorstellung) an, um das darin Ausgedrückte als ein Reales, ein vom Denken als solchem Verschiedenes und dem Denken  gegenständlich  Gegenübertretendes zu bezeichnen.
    14) HEINRICH RICKERT, Der Gegenstand der Erkenntnis, Freiburg i. Br. 1892), Seite 19 erklärt die Definition des Transzendenten als "eines Seins, von dem die Bestimmung, Bewußtseinsinhalt zu sein, verneint wird", für ausreichend, weil es sich um eine zweigliedrige Disjunktion [Unterscheidung - wp] handelt. Ein ähnliches Recht möge auch uns für den ähnlichen Existenzialbegriff zugestanden werden.
    15) Vgl. JOH. FR. HERBART, Allgemeine Metaphysik, § 196, Werke Bd. 8, Ausgabe Kehrbach, Seite 50f. HANS CORNELIUS, Versuch einer Theorie der Existenzialurteile, München 1894, Seite 73f. In eins setzt JULIUS BERGMANN die Begriffe "Sein" und "Existenz" (Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie, Marburg 1900, Seite 143f, vor allem Seite 148. H. LOTZE, Grundzüge der Metaphysik (Leipzig 1883) Diktate, Seite 8, möchte den Ausdruck "Sein" wieder auf die ruhige Existenz wie die Eleaten einschränken. Hingegen bemerkt RICHARD WAHLE, Das Ganze der Philosophie und ihr Ende (Wien 1896), Seite 90, "daß es um nichts leichter zu begreifen ist, daß das Seiende ansich ruhend ist, als daß es ansich in Bewegung ist."
    16) LICHTENBERG, Vermischte Schriften V, (Wien 1844), Seite 36 (Philosophische Bemerkungen): "Die beiden Begriffe vom  Sein  und  Nichtsein  sind bloß undurchdringlich in unseren Geisteslagen. Denn eigentlich wissen wir nicht einmal, was  Sein  ist, und sobald wir uns ins Definieren einlassen, so müssen wir zugeben, daß etwas existieren kann, was nirgendwo ist. KANT sagt auch so etwas irgendwo."
    17) Für die Scholastik siehe L. SCHÜTZ, Thomaslexikon "esse" und die Handbücher der scholastischen Philosophie, z. B. GEORG HAGEMANN, Metaphysik V, 5. Auflage, Freiburg i. Br. 1893, Ergänzung der 2. Auflage, Seite 226 und 389. M. A. FRANCK, Dictionnaire des sciences philosophieques "être", Seite 492b, für PLATNER, siehe EISLER Seite 244. - RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, a. a. O., Seite 19 hat natürlich nicht den allgemeinen Seinsbegriff im Auge, wenn er sagt: "Das Sein als Bewußtseinsinhalt kennen wir; also ist auch der Begriff eines Seins, das nicht Bewußtseinsinhalt ist, ein zwar negativer, aber doch genau bestimmter,  wohldefinierter  Begriff." Vgl. auch die scharfsinnige Ausführung Seite 65.
    18) Siehe ALB. STÖCKL, Lehrbuch der Philosophie, Mainz 1888, Seite 410. ERNST COMMER, Logik, Freiburg i. Br. 1899), Seite 301f, 306f, wo sich eine sehr durchsichtige Darstellung des Gegenstandes findet. Zur scholastischen Lehre auch KASIMIR TWARDOWSKI, Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen, Wien 1894, Seite 37. Vgl. die tiefer eindringende Behandlung der Sache von CARL BRAIG, Vom Sein, Freiburg i. Br. 1896, Seite 21f. Für DUNS SCOTUS siehe ÜBERWEG-HEINZE II, 8. Auflage, Seite 294f
    19) WUNDT, Logik I, Seite 99, rechnet offenbar das "Sein" ebenfalls nicht unter die Gattungsbegriffe, wenn er fragt: "In welchem Sinn sollen wir vom Umfang des Begriffs ... des Seins und des Nichts reden?" Vgl. hiermit die Bemerkung A. LEHMENs, Lehrbuch der Philosophie I, Seite 300: "Der Begriff Sein ist allumfassend, ... das Sein begreift alles (Vorgestellte) ohne Ausnahme in sich; nur dem Nichts - eignet es nicht." - zur ganzen Frage siehe auch CHR. SIGWART, Logik I, 2. Auflage, Freiburg 1889, Seite 119 - 127, der den allgemeinen Seinsbegriff meint, wenn er das Seiende nur als gemeinschaftlichen Namen, nicht als wahren Gattungsbegriff gefaßt haben will. Letzteres bemerke ich zu FR. BRENTANO, Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, Seite 50. Man redet dementsprechend von Seins weisen  (ein mehr scholastischer Sprachgebrauch), Seins formen  (mehr modern). Von Wirklichkeitsarten oder Wirklichkeitsformen spricht LOTZE (siehe darüber GEORG NEUDECKER, Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Nördlingen 1881, Seite 36), von "Existenzform" W. JERUSALEM, Urteilsfunktion, Seite 210. OSWALD WEIDENBACH, Das Sein, Jena 1900, Seite 5, definiert (!) das "Seinselement" als "dasjenige, das uns mit einem so geringen Grad von Intensität bewußt ist, daß es den Anschein einer isolierten, in sich geschlossenen Einheit gewinnt". Hier handelt es sich natürlich um eine psychologische Definition. An anderer Stelle, besonders Seite 28f und 31, spricht er von Seinsarten, die er von den "Seinen" unterscheidet. Seite 36f hat er freilich einen anderen Begriff von Gattung als die Scholastik: Gattung ist ihm so viel wie Begriff des Gemeinsamen überhaupt (Wahrnehmung, Geschichte). Der Begriff des Seins ist nach Seite 41 diejenige Gattung, deren Kraft unmittelbarer Synthesis die größte ist. Als höchste Gattung hatte die Stoa das Seiende bezeichnet (DIOG. LAERT. VII, Seite 61) ["nicht wieder eine Gattung in sich hat"]. Vgl. E. ZELLER, Die Philosophie der Griechen III, 3. Auflage, Leipzig 1880, Seite 92.
    20) JOS. KLEUTGEN, Die Philosophie der Vorzeit, Innsbruck 1878, Seite 28, läßt, noch ganz in der Terminologie der Hegelschen Zeit, im Dasein die ursprüngliche Unbestimmtheit des Seins aufgehoben werden und erblickt im Wesen die Einheit des An- und Für-sich-Seins. Der gleiche Gedanke in ähnlicher Fassung bei HAGEMANN und LEHMEN. Letzterer meint Seite 301 gegenüber HEGEL, der das durchaus unbestimmte Sein als das Nichts gefaßt hatte, aus der völligen Unbestimmtheit des reinen Seins folge keineswegs, "daß es Nichts, sondern nur, daß es nicht ein bestimmtes, besonderes Sein ist." Mir scheint, daß der Ausdruck "gänzliche Unbestimmtheit" in der Tat mißverständlich ist und zu dem Satz berechtigt: "Als reines Sein erhielte man das reine Nichts" (H. RICKERT, Der Gegenstand der Erkenntnis, Seite 65). Die Entstehung des  allgemeinen  Seinsbegriffs durch eine bis zur letzten möglichen Grenze fortgesetzte Abstraktion lehrt, daß es sich nicht um absolute, sondern nur um eine relative Unbestimmtheit handelt. [...] Auch bedeutet "Bestimmtes" und "Besonderes" nicht ganz dasselbe, wie der Gegensatz des letzteren zu "Allgemeines" beweist, und ist Unbestimmbarkeit etwas anderes als Unbestimmtheit. Es ist daher zu begrüßen, daß BRAIG Seite 19 den letzten Rest Hegelscher Diktion abstreift und das "allgemeine Sein" als die "allererste Bestimmtheit" bezeichnet. Vgl. übrigens auch J. BERGMANN, Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie, Seite 148, wo freilich Sein und Dasein zusammengeworfen werden und Dasein als das Allgemeine gegenüber der Gesamtheit der Bestimmtheiten des Dings erscheint.
    21) Siehe die in Anm. 17 und 18 angeführten Stellen. Zwischen HAGEMANN Seite 14: "Das Sein kommt den Dingen ... vieldeutig (analog) zu", sowie BRAIG, Seite 24: "Sein objektiver Inhalt aber, die Seinsbestimmtheit, ist nicht  ein-,  sondern vieldeutig" einerseits und LEHMEN Seite 320: "Das Sein ist keine mehrdeutige Benennung" andererseits besteht nur ein Unterschied des Wortgebrauchs. HERM. LOTZE, Metaphysik, Leipzig 1844, Seite 49: "Der Begriff des Seins, so wie er einfach in der Meinung gefunden wird, ist vieldeutig und erlangt erst seine Bestimmtheit durch das, was man ihm gegenüber als Nichtsein ansieht: es hat daher überhaupt nichts nur ein einfaches  Sein,  sondern sogleich ein bestimmtes  Dasein",  trennt Begriff und Begriffsinhalt nicht genügend.
    22) THOMAS von AQUIN freilich, dem existentia etwas anderes bedeutet als uns, sagt vom esse -  existentia.  [...] Siehe L. SCHÜTZ, Thomaslexikon "esse".
    23) HERBART, Allgemeine Metaphysik, § 197, Werke VIII, Seite 51, Ausgabe Kehrbach, findet zwischen Sein und Dasein den Unterschied, daß bei "Dasein" die Etwas in  eine  Reihe mit anderem gestellt werden, was auch da ist, während der Begriff des reinen Seins nichts von einer Reihe enthält. Wir glauben, daß dieser Unterschied eher zwischen "Sein" und "Realität" besteht, wie auch HERBART § 196f Dasein und Realität trotz einem Anlauf zur Trennung als gleichbedeutend gebraucht. - O. WEIDENBACH, Das Sein, Seite 29, bezeichnet das Sein als die "Existenzmöglichkeit" (vgl. Seite 51f).
    24) Die Begriffe "Sein" und "Realität" sind nicht etwa europäische Erfindungen, sondern offenbar solche, zu welchen das Denken selbst treibt. Auch das Indische unterscheidet das Nichtseiende (asad) vom im empirischen Sinne Seienden (sad), d. h. der jetzigen Welt. P. DEUSSEN, Allgemeine Geschichte der Philosophie I, Leipzig 1894, Seite 119f, 198f. Siehe auch I, 2 (Leipzig 1899), Seite 115; I, 6. 117f, 120f, 218. Bezüglich des Begriffs "Realität" (satyam) siehe DEUSSEN, ebd. I, 1, Seite 264. I, 2, Seite 117f, 143, 138f. Für "Existenz" mag das Wort gefehlt haben. Aber an der bei DEUSSEN I, 1, Seite 123 übersetzten Stelle scheint die Sprache nach einem Ausdruck dafür zu ringen: "Das Urwesen atmete (lebte),  aber nicht wie wir, sondern es atmete hauchlos."  Letzteres bedeutet doch wohl: "Es war einfach da" (durch Selbstsetzung scayambhu).
    25) Soz. B. JOS. KLEUTGEN, Die Philosophie der Vorzeit (Innsbruck 1878), Seite 8, A. LEHMEN, Lehrbuch der Philosophie I, Seite 298: "Deshalb sagen wir das Sein von allem aus, was irgendeine Realität besitzt und dem absoluten Nichts entgegensteht." Dennoch darf Sein auch nach LEHMEN nicht mit Realsein verwechselt werden. Seite 299 stellt LEHMEN das Sein der Dinge, so wie sie der "realen Ordnung angehören" und jedes in sich bestimmt ist, dem Sein, das sie durch den abstrahierenden Verstand haben, gegenüber. A. STÖCKLs (Lehrbuch der Philosophie, Mainz 1888, Seite 410) Erklärung, im Sinne der Existenz sei ein Seiendes das, was existiert, im Sinne der Realität dasjenige, was sich als ein reales Etwas darstellt usw., bietet doch auch als bloße Erläuterung zu wenig.
    26) Siehe ADOLF TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen II, Leipzig 1862, Seite 165f. Vgl. auch über den der Wirklichkeit daselbst Seite 173f, wo eine förmliche Abweisung der WOLFFschen Erklärung von Wirklichkeit als Ergänzung der Möglichkeit vorliegt. Siehe weiter zur Frage auch J. v. KRIES, Über den Begriff der objektiven Möglichkeit und einige Anwendungen desselben, Leipzig 1888 (auch in Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 12)
    27) Unter diesem Gesichtspunkt ist es bemerkenswert, daß M. AD. FRANCK, Dictionnaire des sciences philosophiques (Paris 1875), [...] weder einen Artikel "Existence" noch einen "Réalité" hat, sondern beide unter  être,  womit exister völlig gleichgestellt wird, Seite 492b kurz abgefertigt, obwohl er von einem être qui existe spricht. Der Artikel "Essence" behandelt den Substanzbegriff, der über "Réalisme" vorzugsweise die Universalienfrage.
    28) MELLIN, a. a. O. siehe "Dasein", Seite 35. Noch klarer KRUG VI, 1 (Ergänz. zur 2. Auflage), Seite 226.
    29) Eine andere Begriffsverschiebung für "Sein" stellt KLEUTGEN, Philosophie der Vorzeit, Nr. 580 (bei LEHMEN I, Seite 297) fest.
    30) JUL. BERGMANN, Untersuchungen über die Hauptpunkte der Philosophie, Seite 153, rügt an KANT, daß er die Wirklichkeit des Daseins eines Dinges, die wir der bloßen Möglichkeit desselben Daseins entgegensetzen, mit diesem Dasein selbst verwechsle. - RUSSELL bei NATORP, Archiv für systematische Philosophie VII, 1901, Seite 381f: "Die  Existenz  KANTs und die  Möglichkeit  eines transzendentalen Beweises" hält Existenz und Möglichkeit wohl auseinander.
    31) Bei MELLIN, siehe Dasein, Seite 19. - WEIDENBACH, Das Sein, Seite 21, meint, von "Graden" des Seins könne nur der reden, der den Sinn des Wortes "Sein" total vergesse, und zitiert FR. DREYER, der die logische Monstrosität lächerlich machte, die in der Bildung des Komparativs von "seiend" liege. Im übrigen scheint mir "Stufen" des Seins doch etwas anderes als "Grade" des Seins. Was sich JERUSALEM, Urteilsfunktion, Seite 213, unter einem gesteigerten Begriff des Seins vorstellt, ist schwer abzusehen.
    32) J. FR. HERBART, Allgemeine Metaphysik, § 196, Werke VIII, Seite 50, Ausgabe Kehrbach, W. WINDELBAND, Straßburger Abhandlungen zur Philosophie, Freiburg i. Br. 1884, Seite 183 spricht sich dahin aus, daß eine Substanz in einem anderen Sinn "ist" (real ist) als eine Eigenschaft oder Tätigkeit.
    33) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Elementarlehre II, Seite 479, Ausgabe KEHRBACH, macht diese Denkweise nicht mit; er sagt, ein  ens realissimum  sei von einem andern in keinem Stück unterschieden. Welchen Sinn soll aber dann der Begriff überhaupt noch haben? Siehe auch Seite 457 (2. Abschnitt).
    34) C. GUTBERLET, Allgemeine Metaphysik (Münster 1897), Seite 73. Vgl. E. MACH, Die Analyse der Empfindungen, 2. Auflage, Jena 1900, Seite 5f. "Hierzu kommt noch, daß dem Räumlichen und Zeitlichen infolge der eigentümlichen großen Entwicklung der mechanischen Physik eine Art höherer Realität gegenüber den Farben, Tönen, Düften zugeschrieben wird. Dementsprechend erscheint das zeitliche und räumliche Band von Farben, Tönen, Düften  realer  als diese selbst." MACHs Ansicht ist das selbstverständlich nicht. ALFONS LEHMEN, Lehrbuch der Philosophie I, Seite 298: "Was  irgendeine  Realität besitzt": von irgendeiner  Existenz  würde LEHMEN kaum sprechen.
    35) Vgl. JUL. BERGMANN, Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie, Seite 153f.
    36) So z. B. WEIDENBACH, Das Sein, Seite 21: "Da er nun das  Dasein andersgearteter Realitäten  nicht leugnen kann."
    37) So auch J. FR. HERBART, Allgemeine Metaphysik, §§ 196, 200, 202. Werke VIII, Ausgabe KEHRBACH, Seite 50 - 61, eine durch Klarheit ausgezeichnete Abhandlung, die auf LOTZEs minder klare Metaphysik, trotzdem dieser den Begriff der "Setzung" mit Recht ablehnt, unverkennbar Einfluß geübt hat.
    38) Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe I, Stuttgart 1870, Seite 19 (vom 27. August 1794)
    39) Vgl. A. RIEHL, Kritizismus II, Seite 172: "Die  bloße  Existenz altruistischer Gefühle", E. DÜHRING, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik, Berlin 1873, Seite 483: "Die bloße Existenz eines Wärmestoffes." Vgl. OSWALD WEIDENBACH, Das Sein, Seite 27: "Dessen, was  überhaupt  existiert."
    40) W. FR. KRUG, Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften I, Leipzig 1832, Seite 532, Art. Dasein: "Dasein (existentia) ist mehr als Sein überhaupt (esse); es ist nämlich ein durchgängig bestimmtes Sein." WILH. SCHUPPE, Erkenntnistheoretische Logik, Bonn 1878, Seite 49: "Existenz ist nur ein verständlicher Begriff als" (Begriff der?) "Existenz von dem und dem, nicht als Existenz überhaupt ... Man kann also nicht meinen, von den uns bekannten speziellen Existenzen" (Existierenden?) "abstrahieren und nur den  Gattungsbegriff  Existenz festhalten zu können, als wäre der noch irgendwas" usw. Ähnlich KANT: siehe darüber JUL. BERGMANN, Untersuchungen über Hauptpunkte etc., Seite 150f. Richtig ist an alledem soviel, daß nur von etwas, das in sich vollkommen bestimmt ist, Existenz ausgesagt werden kann. Indessen  lasse ich  doch, wenn ich dem und dem Existenz beilege, in diesem Urteil die einzelnen Bestimmtheiten augenblicklich  dahingestellt.  Vgl. den Ausdruck bei O. WEIDENBACH, Das Sein, Seite 29: "Die Existenz des Soseins." Wenn RUSSELL (bei NATORP, Archiv für systematische Philosophie VII, 1901, Seite 381f von HELMHOLTZ und ERDMANN behauptet, sie ignorieren die Existenz KANTs, so meint er damit freilich nur eine Besonderheit an KANT, nämlich eine besondere, beachtenswerte Darlegung desselben; aber wenn auch RUSSELL nicht sagen will, daß die beiden deutschen Gelehrten die Existenz KANTs ignorierten, so will er doch behaupten, daß sie die aus KANTs Existenz sich ergebende Existenz einer ihm wesentlichen Lehre ignorierten. Der Engländer gebraucht hier, wie oft geschieht, "Existenz" im übertragenen Sinne. Das wird recht deutlich, wenn man die exaktere Ausdrucksweise W. WUNDTs, Völkerpsychologie I, 2 (Leipzig 1900), Seite 22, daneben hält, wonach JAKOB GRIMM bei einer gewissen Theorie die "Existenz des Neutrums" übersah (d. h. GRIMM hatte hierbei nicht daran gedacht, daß es ein Neutrum gibt). An BERGAMNN (a. a. O.) - nicht aber an BRENTANO - muß man die Frage richten: Wozu denn überhaupt Existenzialurteile, wenn jedes Urteil das Dasein seines Gegenstandes in dem Zeitabschnitte, in welchem er die das Prädikat bildende Bestimmtheit haben bzw. nicht haben soll, voraussetzt? (Seite 146f) Die Seite 149 von ihm gemachte sprachliche Beobachtung beweist für seine Ansicht nichts. Worauf er abzielt, ist aus einem Satz Seite 182 ersichtlich: "Jeder Begriff, in dessen konstituierendem Inhalt das Dasein nicht bloß  nach der Meinung  (!) des ihn denkenden, sondern wirklich wie das Allgemeine im Besonderen ... enthalten sei" usw.
    41) Vgl. LICHTENBERG, Vermischte Schriften IV, Wien 1844, Seite 113 (Philosophische Bemerkungen): "Da bedarf es oft einer tiefen Philosophie, unserem Gefühl den ersten Stand der Unschuld wieder zu geben, sich aus dem Schutt fremder Dinge herauszufinden, selbst anfangen zu fühlen und selbst zu sprechen und, ich möchte fast sagen,  auch einmal  selbst zu existieren." A. LEHMEN, Lehrbuch der Philosophie II, Seite 385: "Die Erkenntnis, welche sie von ihrer eigenen  Existenz,  und jene, die sie von ihrer eigenen  Natur  hat" usw. EUGEN DÜHRING, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik (Berlin 1873), Seite 473: "Die  Existenz  und die in einer bestimmten Zahl angegebene  Größe  eines mechanischen Kraftwertes der Wärme." Seite 466: "Wie die Verschiedenartigkeit der Stoffe nicht mit der Existenz der einen allgemeinen Materie verträglich ist." V. ZITTEL, Festsitzung der Königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften vom 16. November 1901: "Der Huld und Gnade ihres erlauchten Protektors verdankt die Akademie nicht nur ihre  Existenz,  sondern auch ihre ganze  Entwicklung  und ihre heutige Prosperität" (nach einem Zeitungsbericht). P. VOLKMANN, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 1, 1902, Seite 105f, hält genau die Frage nach der Existenz von Problemen und die nach ihrer Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit auseinander. - Einen anderen Sinn hat es, wenn LOTZE, Kleine Schriften II, Leipzig 1886, Seite 155, sagt, auf den "vegetativen Vorgängen des Körpers" beruth "die Existenz der höheren Geschöpfe".
    42) Ähnlich urteilt HERBART, Allgemeine Metaphysik, § 196f, Ausgabe KEHRBACH, Sämtliche Werke, Bd. VIII, Seite50f
    43) Daran denkt wohl LOCKE, wenn er Buch IV, "reale Existenz" als vierte Art der Übereinstimmung zwischen den Ideen bezeichnet, indem er offenbar die allgemeine Existenzialidee mit der Idee eines bestimmten Dings vergleicht. Natürlich ist solches nur auf dem Boden der Psychologie möglich und LOCKEs Auffassung sehr irreführend. Die sachliche Kritik von HERTLINGs, John Locke und die Schule von Cambridge, Freiburg i. Br. 1892, Seite 88f ist durchaus berechtigt. G. S. A. MELLIN, Enzyklopädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie, Jena und Leipzig 1799), vom Dasein, Seite 27. Vgl. auch CHRISTOPH SIGWART, Logik I, 2. Auflage, Freiburg 1889, Seite 80, der jedoch wohl zu weit geht, wenn er behauptet, die Existenzialurteile drücken  in erster Linie  die Beziehung aus, in der sich ein vorgestelltes Objekt zu mir als zugleich vorstellendem und anschauenden Subjekt befindet. KARL MARBE, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1899, Seite 244, erklärt mit Recht: "Der gewöhnliche gesunde Verstand, die Naturwissenschaften und das Leben setzen voraus, daß die Gegenstände, auf welche sie sich beziehen, auch dann existieren, wenn sie durch kein Subjekt wahrgenommen werden können." (Vgl. auch LOTZE, System der Philosophie II, Seite 30f und dazu JULIUS BERGMANN, Seite 173f und 179f. G. K. UPHUES, zitiert bei E. KOCH, Das Bewußtsein der Transzendenz, Halle 1895, Seite 16, und dagegen letzteren selbst, der Seite 17 mit Grund leugnet, daß ein naives Bewußtsein bei der  Wahrnehmung  an dergleichen denkt, sehr zum Überfluß aber bezweifelt, daß solches überhaupt ein naiver Gedanke über die Wahrnehmung sei.) Aber wenn MARBE sich auf RIEHL beruft und sagt, im Sinne des Lebens und der Wissenschaft fixiere man den Begriff der Existenz am besten so, daß man allen Gegenständen Existenz zuschreibe, "die entweder direkt  oder indirekt auf die innere oder äußere Wahrnehmung des Menschen einen Einfluß auszuüben  ihrer Natur nach  geeignet  sind, gleichgültig, ob diese Einwirkung stattfindet und ob Subjekte vorhanden sind oder nicht", so zeigt er doch, daß das Denken im Existenzialbegriff wohl aus sich herauskommen möchte, aber doch nicht herauskommen kann.
    44) Siehe WUNDT, System der Philosophie, Leipzig 1897, Seite 491: "Die Existenz solcher extratellurischen Organismen" "auf anderen Planeten würde für die irdischen Wesen vollkommen ihrer Nichtexistenz äquivalent sein".
    45) Vgl. bezüglich des vielbeliebten Begriffs der "Unabhängigkeit" GEORG NEUDECKER, Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Nördlingen 1881, Seite 36f.
    46) siehe z. B. JULIUS BERGMANN, Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie, Marburg 1900, Seite 143f
    47) siehe BERGMANN, a. a. O., Seite 163. Etwas anderes ist es, wenn Substanzen im Gegensatz zu Akzidentien oder modi selbständige Existenz zugesprochen wird (siehe von HERTLING, a. a. O., Seite 18) oder wenn WUNDT, Logik I, Stuttgart 1880, Seite 418 von der selbständigen Existenz der Seelensubstanz redet.
    48) siehe z. B. den Satz bei WEIDENBACH, Das Sein, Seite 20, Anm: Der definitive Dogmatismus "gesteht den selbst geschaffenen abstrakten Begriffen  Realität außerhalb seines Bewußtseins  zu". BERGMANN, a. a. O., Seite 223f führt aus: "Wenn jemand sagt: Klio war eine der neun Musen", so will er damit nicht das Dasein der Klio behaupten. Den Gegenstand dieses Urteils bildet nach BERGMANN vielmehr der  Name  "Klio". Ich möchte eher für richtig halten, daß die griechische  Vorstellung,  die wir in Anlehnung an die Griechen mit dem Namen "Klio" belegen, der Gegenstand des Urteils sei; der Satz will nichts anderes besagen, als daß Klio im Vorstellungskreis der Griechen zu den Vorstellungen der acht anderen Musen und Apollos  gehörte.  Das bedeutet aber mehr als einen  bloßen Namen;  denn für die gläubigen Griechen hatte die Vorstellung Klio realen Gehalt. Der Grieche sagte: "Klio  ist  eine der neun Musen"; für ihn hatte Klio Existenz. Für uns nicht mehr und  darum  ist das Urteil: "Klio  war  eine der neun Musen" nicht eine bloße Imperfektionierung des eben ausgesprochenen, sondern hat einen ganz anderen Inhalt Realität als Klio auch für uns noch als mythologische Vorstellung der Griechen.
    49) EDMUND HUSSERL, Logische Untersuchungen II, Halle 1901, Seite 123 sagt: "Reales Sein und zeitliches Sein sind zwar nicht identische, aber umfangsgleiche (?) Begriffe. - Soll aber Metaphysik ganz ausgeschlossen bleiben, so definiere man Realität geradezu durch Zeitlichkeit. Denn worauf es hier allein ankommt, das ist der Gegensatz zum unzeitlichen Sein des Idealen." Ich dächte, das sei erst recht Metaphysik. - Das allein Reale der indischen Philosophie, Brahmann (DEUSSEN, Allgemeine Geschichte der Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1899, Seite 143, ist raum-, zeit-, kausalitätslos (ebd. Seite 138f).
    50) Allgemeines Wörterbuch der philosophischen Wissenschaften, Bd. 1, Leipzig 1832, Dasein, Seite 562. Siehe auch MELLIN Seite 32 und 33f; vgl. dagegen Seite 22f. KANTs Ausdruck, daß das Schema der Wirklichkeit das Dasein in einer bestimmten Zeit sei, finden übrigens MELLIN bei der Gleichbedeutung von Dasein und Wirklichkeit unverständlich. Das, was THOMAS von AQUIN von den Universalien ausführt, daß bei ihnen  per modum negationis seu abstractionis ab omni determinatio tempore et loco  [durch Negation und Abstraktion aus der Bestimmung von Zeit und Ort - wp] abstrahiert wird, gilt analog auch vom Existenzialbegriff. Daß die  sachliche  Anwendung des Begriffs der  Realität,  wie ihn WINDELBAND, Vom System der Kategorien, Philosophische Abhandlungen für Sigwart, Tübingen 1900, Seite 55f faßt, für jeden besonderen Erkenntnisgebrauch eine engste Verbindung mit der anschaulichen Synthesis der Empfindungen in Raum und Zeit nötig macht, soll mit dem hier Gesagten nicht geleugnet werden. Hingegen denke ich anders als KANT und MELLIN.
    51) Die Unterscheidung, von der Scholastik vorgebildet (siehe die folgende Anmerkung), scheint besonders durch LOCKE ausgebildet zu sein. Essay II, 7, 7: "Wenn Ideen in unserem Geist sind, betrachten wir sie als wirklich (actually) dort vorhanden,  so gut  (!)  wir  Dinge als wirklich außer uns vorhanden ansehen, d. h. sie existieren oder haben Existenz." LOCKE spricht auch schon von selbständiger Existenz (siehe HERTLING, a. a. O, Seite 18). Die Unterscheidung geht dann durch die philosophische Literatur. JOSEF MÜLLER, System der Philosophie, Mainz 1897, Seite 79, reale und ideale Existenz (als reine Vorstellung). KARL BRAIG, Logik, Freiburg i. B. 1896, Seite 35: "Die Begriffe für sich haben ein logisches, ideales, gedachtes, nicht ein reales Sein." Wie THEODOR LIPPS, Göttinger Gelehrte Anzeigen, Bd. 1, 1886, Seite 133 von transzendenter Existenz auseinander (vgl. Seite 22: "Existenz transzendenter Dinge" und Seite 38 den Terminus "Psychisches Sein") und spricht E. KOCH, Bewußtsein der Transzendenz, Halle 1895, fortwährend vom "Existieren des Transzendenten". A. LEHMEN, a. a. O., Seite 298 schränkt "Existieren" im eigentlichen und vollen Sinn auf das Sein inder physischen Ordnung ein und bezeichnet das Existieren der Gedankendinge im Verstand, das sie haben,  während  sie gedacht werden, als "uneigentliches". Ähnlich bezeichnen bei WEIDENBACH, Das Sein, die Worte "Gedacht-Seiend" (Seite 16), "Existierendes-Gedachtes"; "Real-Logisch" (Seite 18) Gegensätze; Seite 18 redet er - fast aristotelisch - von "voller Existenz". Über den Begriff der  existentio actualis  bei SUAREZ siehe JOSEPH KLEUTGEN, Philosophie der Vorzeit, Seite 71. Besonders streng scheidet THEODOR LIPPS, a. a. O., 1886, Seite 129 die ideelle Existenz der Vorstellungen (Seite 130 überhaupt der Bewußtseins inhalte)  von der realen Existenz ihrer Objekte; vgl. auch "Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 25, 1901, Seite 184f. Eine noch schärfere Trennung zwischen subjektiver und objektiver Existenz führt H. CORNELIUS Psychologie als Erfahrungswissenschaft, Leipzig 1897, Seite 99f durch, so zwar, daß man nicht versteht, wie der Ausdruck "Existenz" für beide angewendet werden kann. Vermutlich kommt das daher, daß CORNELIUS Inhalt und Gegenstand des Bewußtseins nicht genügend auseinanderhält. Vorgefunden werden können die Bewußtseinsinhalte wohl, aber damit sind sie noch nicht Gegenstand des Bewußtseins; letzteres werden sie erst, wenn ich auf sie  als  auf Bewußtseinsinhalte reflektiere. Die Existenz der Bewußtseinsinhalte unterscheidet sich natürlich von der Existenz der Dinge, aber nur durch den verschiedenen Realgrund ihrer Existenz.
    52) siehe KARL BRAIG, Logik, a. a. O., Seite 20, wo die hier vorgetragene Unterscheidung in aller Schärfe gegeben ist. ANTON MARTY, Über subjektlose Sätze und das Verhältnis der Grammatik zu Logik und Psychologie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 8, 1884, Seite 171 sagt, die Scholastiker hätten eine mentale und eine reale Existenz unterschieden; mental oder objektive (d. h. als Objekt einer psychischen Tätigkeit) existiere ein Vorgestelltes, Geliebtes als solches, real existiere der Vorstellungs akt  usw. MARTY fügt mit Recht bei: "Damit können aber offenbar nicht zwei verschiedene Bedeutungen von Existenz gemeint sein ... Reale Existenz heißt als Existenz eines Realen." Die Unterscheidung wird nur gemacht, um zwei verschieden Existierende (den Vorstellungs inhalt  "Baum" und den Gegenstand "Baum"), die wegen ihrer scheinbaren Identität leicht verwechselt werden können, davor zu bewahren, oder um auszudrücken, daß ein Existierendes nicht in eine andere Klasse der Existierenden Hineingerechnet werden darf, z. B. das dem Begriff "Nichts" Entsprechendes in die Klasse der realen Dinge.
    53) KLEUTGEN, Die Philosophie der Vorzeit, Innsbruck 1878, Seite 30. FRANZ BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Leipzig 1874, Seite 277 meint, wenn man sagt, man nehme wahr, daß ein Sehen, ein Hören existiere, so werde damit nicht die Verbindung des Merkmals Existenz mit dem betreffenden Phänomen anerkannt. Mir scheint doch, wenn man nur nicht, was ansich schon unzulässig ist. "Existenz" als  Merkmal  faßt. SWenn jene Aussage überhaupt einen  Sinn  haben soll, so ist es der, daß mein Hören und Sehen, von mir gegenständlich vorgestellt und mir gegenübergestellt (siehe KLEUTGEN, a. a. O.), für mich etwas Wirkliches, nichts Unwirkliches ist, so gut wie für einen andern, für den mein Denken existiert. "Ich höre, sehe jetzt", bedeutet etwas ganz anderes. Der Wahrnehmungssatz: "Es blitzt", ist vom Urteil: "Das Blitzen  ist",  ebenso verschieden wie die Vorstellung vom Begriff. Übrigens sagt auch der Satz: "Dies ist ein Blitz", etwas anderes als der Satz: "Es blitzt." Dieser will eine "Neuigkeit" mitteilen, setzt also voraus, daß dem Angeredeten der Inhalt des Satzes  ganz  unbekannt ist. Jener setzt die Lichterscheinung als bekannt voraus und will entweder nur den Namen oder die Art derselben angeben. Derartige Sätze, über deren fundamentalen Unterschied von eigentlichen Urteilen sich besonders entscheiden und entscheidend, GEORG NEUDECKER, Grundlegung der reinen Logik, Würzburg 1882, Seite 66f (vgl. WINDELBAND, Präludien, Freiburg i. B. 1884, Seite 29f, der von anderen Gesichtspunkten ausgeht und zwischen SIGWART und NEUDECKER die Mitte hält, und RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, Seite 49f) ausgesprochen hat, können höchstens als Vorstufen des Urteils angesehen werden. Die epischen Erzählungen setzen sich aus solchen Sätzen zusammen, und im Gerichtsverfahren gewinnen die Aussagen über Wahrgenommenes, als Grundlage des "Urteils", hohen Wert, da die Zeugenaussagen am besten nur in "Wahrnehmungssätzen" bestehen. Ähnlich steht es um das Verhältnis zwischen Geschichts wissenschaft  und Chronisten berichten.  Über JERUSALEMs Auffassung der Impersonalien siehe WUNDT, Völkerpsychologie I, Leipzig 1900, Seite 222, Anm., wo Seite 215f, 219f auch eine Auseinandersetzung mit BRENTANO steht.
    54) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Elementarlehre II, Seite 453, Ausgabe KEHRBACH.
    55) MELLIN, a. a. O., Bd. IV, Seite 867, Art. "Realität", siehe überhaupt Seite 858 - 870.
    56) MELLIN, ebd. Seite 868
    57) MELLIN, a. a. O., Bd. IV. Art. "Möglichkeit", Seite 336
    58) MELLIN, a. a. O., Bd. II, Art. "Geschmack", Seite 912
    59) MELLIN, a. a. O., Bd. IV, Art. "Realität", Seite 868
    60) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe KEHRBACH, Seite 500. MELLIN, Seite 32. Siehe auch "Kr. d. r. V.", Seite 202f. KEHRBACH 235. - Der Terminus "außer dem Gedanken", den die Scholastik mied, während sie  esse  in  anima  gebrauchte, geht auf ARISTOTELES zurück (Metaphysik E4, 1028a).
    61) siehe F. BRENTANO, Psychologie, Seite 280. JULIUS BERGMANN, Untersuchungen, a. a. O., Seite 149f, 157f, 223f. - M. A. FRANCK, Dictionnaire des sciences philosophiques, Paris 1875, Seite 477a, behauptet, KANT errichte  un abime entre l'existence et la pensée,  und meint in diesem Zusammenhang, KANT mache zwischen dem begrifflichen  Wesen  eines Dings und seiner realen  Natur  einen strengen Unterschied.
    62) MARTY, Vierteljahrsschrift a. a. O., Seite 171. Vgl. F. BRENTANO, Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, Seite 50.
    63) LOTZE, Grundzüge der Metaphysik (Diktate), Leipzig 1883, Seite 12 sagt: "So kann man ferner nicht ein Ding  bejahen,  sodnern nur  an  einem Ding ein Prädikat." Die hierin angedeutete Schwierigkeit verdeckt BRENTANO durch das doppeldeutige "anerkennen".
    64) siehe ebd. Seite 179 (bei EISLER, Seite 247 ausgeschrieben), wonach Existieren der weitere Begriff wäre; MARTY führt auch den Fall der Sinnesqualitäten an, wonach - wenigstens im Denken derjenigen, welche die Subjektivität derselben behaupten - die Sinnesqualität existiert, aber nicht real ist. Siehe auch BRENTANO und MARTYs Gedanken ausführende Arbeit von FRANZ HILLEBRAND, Die neuen Theorien der kategorischen Schlüsse, Wien 1891), welcher den Schwierigkeiten der Urteilslehre entgeht, indem er sie in die Urteils materie  verlegt und übersieht, daß BRENTANO doch auf die  Psychologie  des Urteils ausgegangen war. Vgl. die gediegene Arbeit W. ENOCHs, Franz BRENTANOs Reform der Logik, Philosophische Monatshefte, Bd. 29, 1893, Seite 433.
    65) Zu den gefährlichen, jedenfalls aber lästigen Wortspielen der BRENTANO-Schule rechne ich auch ihre Verwendungsweise von "Einschließen". Die Begriffe des Nichtrealen sollen den des Realen - wenigstens indirekt -  "einschließen",  gemeint ist "voraussetzen", ein Ausdruck, den MARTY beim Beispiel der Vergangenheit nicht umgehen konnte. Aber sogleich wird daraus gefolgert, daß "schlechthin alle unsere Vorstellungen den Begriff des Realen irgendwie einschließen". Von da bis zur Lehre, daß es keine "gegenstandslosen" Vorstellungen gibt, ist nur  ein  Schritt, obzwar das "Einschließen" bei den Vorstellungen von Realem etwas wesentlich anderes bedeuten muß als bei den Vorstellungen erinnert dann wieder an die scholastische Auffassung des Non-ens als eines Ens rationis, ist aber damit vielleicht doch nicht ganz identisch.
    66) Sehr mißverständlich ist es, wenn CHRISTIAN WOLFF (nach J. BERGMANN, Untersuchungen, a. a. O., Seite 209) das Mögliche als Gattung auffaßt, die zu Arten das bloß Mögliche und das Existierende habe. Als ob das Verhältnis von Gattung und Art hier überhaupt Platz greifen könnte. Von dieser Auffassung aus erklärt sich die schillernde Bedeutung von  complementum.  Fasse ich  possibilitas  ergänzt und die  actualitas  ausgefüllt wird. Die Bedenken KRUGs gegen die Definition sind daher wohlbegründet, obwohl WOLFF dann ganz deutlich die letztere Auffassung wählt. Höchst bedenklich ist weiter, daß das  complementum possibilatis  wieder eine Möglichkeit, nämlich die äußere, ist (BERGMANN, Seite 210).
    67) BERGMANN, Untersuchungen, a. a. O., besonders Seite 153.
    68) siehe EISLER, Wörterbuch, Art. "Wirklichkeit", Seite 900f. Bei J. M. DEUTINGER stellt L. KASTNER, M. Deutingers Leben und Schriften, München 1875, Seite 789, neben der Verwendung für "eine aus der Betrachtung des Daseins gewonnene Gedankenbestimmung" ("Wirklichkeit" als Kategorie) eine andere fest, bei der es sich um ein aus freier Selbstbestimmung hervorgehendes "Wirken" handelt, welches dem natürlichen Dasein nicht zukommt. Auch BAUMGARTEN, PLATNER, DEUSSEN, B. ERDMANN, JERUSALEM (siehe EISLER) denken wohl bei  Wirklichkeit  an  Wirken.  WINDELBAND, Vom System der Kategorien, a. a. O., Seite 55, nimmt Realität (Dinghaftigkeit) und "Wirklichkeit" (Kausalität) in klarster Weise auseinander.
    69) So z. B. WOLFF bei EISLER, Seite 244. MELLIN, a. a. O. Art "Dasein", Seite 16f, Art. "Existenz", Seite 466. ALOIS RIEHL, Beiträge, a. a. O., Seite 15. M. KAUFMANN bei EISLER, Seite 247. Siehe auch EISLER, a. a. O., Seite 900f. Vgl. RICKERT, Gegenstand, a. a. O., Seite 44f. Nach WEIDENBACH, a. a. O., Seite 24f, versteht man unter Wirklichkeit meist nur "das in Raum und Zeit durch die Sinne Wahrnehmbare". Er gebraucht Wirklichkeit, die ihm ein Seinsbegriff "en detail" ist (Seite 29), im allgemeinen Sinn des "widerspruchslosen Zusammenhangs mit gewissen anderen Größen" und spricht nicht nur von Wirklichkeit eines sichtbaren Dinges, eines beobachtbaren Ereignisses, sondern auch von der Wirklichkeit eines Gedankens, eines Gefühls, einer Halluzination. Diese Verknüpftheit sei als Wirklichkeit die schlechthinnige Voraussetzung aller Existenz. Die Realität (die Position gegenüber der Negation, die Wahrheit gegenüber dem Irrtum) sei das erste. Vgl. Seite 39. Über WEISSEs Begriff der Wirklichkeit, siehe EDUARD von HARTMANN, Geschichte der Metaphysik II, Seite 365.
    70) siehe ANTON MARTY, Vierteljahrsschrift, a. a. O., Seite 172. Vgl. SCHUPPE bei EISLER, Seite 247  (Wirkliche  Existenz =  wahrer  Wahrnehmung). LOTZE, Metaphysik, Leipzig 1841, Seite 49 nimmt sich vor, die Gründe der Unterscheidung von "Sein  und  Dasein  und  Wirklichkeit" aufzusuchen. von SCHUBERT-SOLDERN scheint "Dasein" mit "Gegebensei" zu identifizieren (siehe EISLER, Seite 247); auf solche Nuancen können wir hier nicht eingehen.
    71) siehe besonders von HERTLING, Über die Grenzen der mechanischen Naturerklärung, Bonn 1875, Seite 79f. Die Stelle aus HEGEL bei EISLER, Art. Dasein.
    72) DEUTINGER, Grundlinien einer positiven Philosophie III, Denklehre, Regensburg 1844, Seite 336, 339f. Aufmerksam wurdei ich auf die viel zu wenig beachtete Unterscheidung DEUTINGERs, die er übrigens selbst wieder verläßt, wenn er Seite 339 vom "Sein des Daseins" spricht, durch das mit liebevoller Sorgfalt allen Spuren seines reichen Geistes nachgehende Werk von LORENZ KASTNER, Martin Deutingers Leben und Schriften, München 1875, Seite 753f, 177f, 184, 783, 420f, 430. Es ist schon im philosophiegeschichtlichen und menschlichen Interesse zu bedauern, daß von diesem Werk immer noch der zweite Band aussteht, zumal EDUARD von HARTMANN, Geschichte der Metaphysik II, Leipzig 1900, Seite 352, die innere Bedeutung des DEUTINGERschen Systems nicht genügend gewürdigt und OTTO WILLMANN in seiner "Geschichte des Idealismus" es vernachlässigt hat. Seite 340f scheint mir übrigens DEUTINGER dem  Gedanken  der Scholastik unrecht zu tun: diese würde ihm doch wohl bezüglich der Unbedingtheit Gottes recht geben. Die Unanwendbarkeit des Terminus  existens  auf Gott ist schon von THOMAS ausgesprochen und wie bei DEUTINGER begründet worden; siehe SCHÜTZ, Thomaslexikon, Seite 295 und die Erklärung von  existentia  mit  entia naturalia et sensibilia.  - Auch WINDELBAND, System der Kategorien, a. a. O, Seite 47 trennt "Dasein" und "absolutes Sein". Für WEIDENBACH, Das Sein, Seite 7 ist natürlich eine solche Scheidung überflüssig, da er behauptet: "Es gibt ... kein bedingungslos Seiendes". Dennoch statuiert auch er Seite 9 zwei "Arten der Existenz", die absolute, unbedingte, schlechthinnige, isolierte, die dem unendlichen, allumfassenden Sein als solchem (!) zukommt, und diejenige, die irgendeinem tausendfach bedingten Bestandteil des Seins zukommt. Über SCHUPPE, ebd. Seite 13.
    73) BENNO ERDMANN, Kants Kritizismus, Seite 202
    74) LUDWIG SCHÜTZ, Thomaslexikon, Paderborn 1895, siehe  Existentia.  Diese Gebrauchsweise findet sich noch heute bei ERNST COMMER, Logik, Paderborn 1897, Seite 107: "Das Sein, welches der Substanzbegriff ausdrückt, ist nämlich die Existenz, d. h. das wirkliche Dasein in der wirklichen Welt."
    75) STEPHAN SCHINDELE, Zur Geschichte der Unterscheidung von Wesenheit und Dasein in der Scholastik (Habilitationsschrift, München 1901).
    76) Über die Frage siehe das an literarischen Nachweisen reiche Programm des Regensburger Lyzeums von A. RITTLER über "Wesenheit und Dasein in den Geschöpfen nach der Lehre des hl. Thomas von Aquin" (Stadtamhof 1887). Aus der Schrift gewinnt man, da die als beweiskräftig angezogenen Stellen sehr wenige sind (siehe die gute Zusammenstellung bei LUDWIG SCHÜTZ, Thomaslexikon, "Essentia", Seite 285), den Eindruck, daß der hl. THOMAS sich wohl einfach an die vorherrschende Anschauung der ihm zeigenössischen Philosophie hielt, aber die Frage keiner ausführlichen Behandlung für würdig erachtete. Für WILHELM von AUVERGNE und ALBERTUS MAGNUS siehe GEORG von HERTLIN, Mechanische Naturerklärung, a. a. O., Seite 80. Vgl. auch KLEUTGEN I, Seite 59. F. BRENTANO, Seite 300f, wo die Darstellung sehr klar ist. WINDELBAND, Geschichte der Philosophie, Freiburg i. B. 1898, 2. Auflage, Seite 238f.
    77) KUNO FISCHER, Geschichte der neueren Philosophie, Heidelberg 1889, Seite 311f
    78) EISLER, Wörterbuch, "Existenz" und FREUDENTHAL, Spinoza und die Scholastik, Philosophische Aufsätze für Eduard Zeller, Leipzig 1887, Seite 103, 106, 108
    79) Siehe EISLER, Wörterbuch, Seite 244 und besonders J. BERGMANN, Untersuchungen, a. a. O., Seite 205 - 231, der Seite 213f eine Differenz zwischen WOLFF und BAUMGARTEN aufzeigt.
    80) LOTZE, Metaphysik, Seite 49: "Der Sinn" des Seins von etwas "besteht in der gleichen Beziehung, in der es sich mit anderem befindet, einem Kreis anderer Beziehung gegenüber, welche für die Form des Nichtseienden gilt," besonders Seite 56: "So ist alles nur seiend, insofern es eine bestimmte Form des Daseins, der Beziehung zu anderem, oder ein Sein in einer Reihe mit anderem Seienden hat." Die im Text herangezogene Stelle rührt aus den "Grundzügen der Metaphysik", Diktate aus Vorlesungen, Leipzig 1883, Seite 10 - 14 her. Im ersteren Werk exemplifiziert er Seite 49f auf den Satz vom Sein Gottes; nicht "jene ärmlichste Bestimmung des reinen Gesetztseins" sei damit gemeint, sondern dies, daß Gott "innerhalb eines bestimmten angebbaren Komplexes des Seienden sei." "Auch der Begriff und der Schein, auch das Nichtseiende hat irgendein Sein, in dem es  ist;  Gott aber muß in jenem Sein als seiend begriffen werden, das wie das lebendige Sein des Geistes zwar dem vorgreifenden Bewußtsein schon hier verständlich ist, im strengen Begriff aber eben durch die Wissenschaft der Metaphysik weiter zu erläutern bleibt." Der kantische Gedanke, daß die Existenz Gottes nur im  Zusammenhang  der Erfahrungen zu erkennen ist, hat in diesen Sätzen, die gegenüber HEGEL und allem Pantheismus berechtigt sind, einen eigenartigen metaphysischen Niederschlag gefunden.
    81) RICHARD WAHLE, Das Ganze der PHilosophie und ihr Ende, Wien 1896, 2. Ausgabe. WEIDENBACH, Das Sein, Dissertation, ist ebenfalls der Ansicht, daß alles Seiende zueinander in Beziehung steht. "Die Mannigfaltigkeit der Gestaltungen" des "Prinzips des notwendigen Zusammenhangs"  "ist  das Sein", "eine logische Unendlichkeit von  n- Dimensionen, die niemals irgendeiner Bestimmtheit gleichgesetzt werden kann und deren Charakteristik SPINOZAs Definition Gottes am nächsten kommt." Wie steht es aber, wenn das Provisorium des Prinzips vom notwendigen Zusammenhang abläuft? Und müßte es WEIDENBACH nicht - seinem Grundgedanken entsprechend - so fassen: "Alle Dinge der Welt sind miteinander verknüpft und zwar so, daß jedes beliebige Etwas als Funktion  aller  (!) andern Gegebenheiten dargestellt werden kann"?
    82) siehe EISLER, Seite 242
    83) BERGMANN, Untersuchungen a. a. O., Seite 170f (bei EISLER, Wörterbuch, Seite 246). Seite 140 heißt es dort: "Wirkliches Existieren oder Ansichsein und mit sich identisch bleiben im Wechsel der Zeit sind dasselbe."
    84) Bei EISLER, a. a. O. Seite 246. Wenn EISLERs Angabe richtig ist, würde DEUSSEN zwischen Existieren und Existenz einen Unterschied machen. - Hier sei auch des ganz allgemeinen Begriffs der "Energie" gedacht, den WILHELM OSTWALD, Vorlesungen über Naturphilosophie, Leipzig 1902, Seite 146f hat: "Die Energie ist die allgemeinste Substanz, denn sie ist das  Vorhandene  in Zeit und Raum, und sie ist das allgemeinste Akzidenz, denn sie ist das Unterschiedliche in Zeit und Raum." Ich weiß nicht, ob der Philosophie  dieser  Energiebegriff nicht ebenso unsympathisch ist wie vielen Vertretern der Naturwissenschaft.
    85) Alles bei EISLER, a. a. O., Seite 244 zusammengestellt.
    86) bei EISLER, a. a. O., Seite 247
    87) bei EISLER, a. a. O., Seite 247
    88) siehe die bekannten Stellen bei EISLER, Seite 243; auch RAECK, Seite 1f, BERKELEY denkt wohl nicht nur daran, daß seitens anderer wahrgenommen werden kann.
    89) MELLIN, a. a. O., Bd. II, Seite 16
    90) MELLIN II, Seite 466f. Die Hervorhebung einzelner Worte rührt von mir her. Für KANT selbst verweise ich z. B. auf die Kr. d. r. V., Elementarlehre II, 1. Hauptstück, KEHRBACH, Seite 314. Richtiger drückt sich KRUG, a. a. O., "Existenz", Seite 867, dahin aus, die Existenzialsätze (zu welchen er übrigens er bereits infolger einer unrichtigen Interpretation die Wahrnehmungssätze: "Die Sonne scheint" {= "ist ein die Erde erleuchtender Körper"} rechnet) gründen sich entweder auf die Wahrnehmung selbst oder auf notwendige Folgerungen aus dem Wahrgenommenen.
    91) EISLER, Seite 246. Siehe dazu F. BRENTANO, Psychologie, Seite 278; RAECK, a. a. O., Seite 18f.
    92) EISLER, a. a. O., Seite 247. Siehe ebd. über JODL.
    93) siehe dazu BRENTANO, Ursprung, a. a. O., Seite 50f
    94) EISLER, a. a. O., Seite 246. Für RIEHL, Beiträge, a. a. O., Seite 15, wonach die Einordnung des vorgestellten Inhalts in den Zusammenhang unserer Wahrnehmungen der Behauptung von Existenz des Inhalts gleichkommt.
    95) RICKERT, Gegenstand, a. a. O., Seite 11f
    96) bei EISLER, a. a. O., Seite 246
    97) Vgl. auch die bemerkenswerte Erinnerung RICKERTs, Seite 12: "Jedenfalls ist die selbständige Existenz der Dinge nicht unmittelbar gewiß, sondern, wenn sie angenommen wird, erschlossen." LOCKE hatte bekanntlich behauptet, von unserer eigenen realen Existenz haben wir eine intuitive, von der Gottes eine demonstrative, von der aller anderen Dinge eine sensitive Erkenntnis. Siehe EISLER, a. a. O., Seite 243. von HERTLING, John Locke, a. a. O., Seite 60 und vgl. Seite 47, 89, 18. COMMER, Logik, Seite 7 läßt die Frage, ob das Ding existiert, entweder durch sinnliche Wahrnehmung oder durch Folgerung beantworten. Vgl. auch KARL MARBE, Besprechung, ZIEHEN, Psychophysiologische Erkenntnistheorie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1899, Seite 244. Es ist in der Tat für die Erkenntnistheorie von höchstem Belang, ob wir den Dingen der Außenwelt eine Existenz zuschreiben, weil wir  uns  existierend wissen, oder ob wir die Existenz zuerst an den Dingen der Außenwelt feststellen und dann erst den Begriff auf uns übertragen. Buch II, Kap. 7, § 7 scheint LOCKE der letzteren Ansicht zu huldigen.