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PAUL STERN
Das Problem der Gegebenheit
- zugleich eine Kritik des Psychologismus in der heutigen Philosophie -
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"Alle Einseitigkeiten der heutigen Naturwissenschaft finden sich [nun] auch in der heutigen Philosophie: der Empirismus und die ihm eigentümliche Blindheit gegenüber der Relativität und Vieldeutigkeit der sogenannten Tatsachen, die als letzte Gegebenheiten gelten sollen; der Materialismus mit seiner Beschränkung auf das Sinnlich-Erfaßbare und seiner Neigung zu mechanistischen Erklärungen des Organischen; und schließlich die Vorliebe und Überschätzung für evolutionistische Theorien. Und man prunkt noch mit der kritiklosen Anwendung methodologischer Analogien aus der Naturwissenschaft, statt in der Kritik der Methodologie, d. h. in der systematischen Ergründung der für alles Wissen erforderlichen Voraussetzungen das Vorrecht der Philosophie zu erweisen und zu behaupten."

"Die Naturwissenschaft verdankt ihre blendenden Erfolge zweifellos ihrer Gewissenhaftigkeit in der Beobachtung des Materiellen und der Abkehr von überstürztem Theoretisieren. Aber Beobachtung ist mehr als ein bloßes Ablesen von Tatsachen, sie erfordert Gesichtspunkte - des Maßes z. B. und sonstiger Vergleichung - und deshalb ist auch die beobachtete  Tatsache  stets schon ein ausgemünztes Geisteswerk und jedenfalls mehr als vorgefundenes Rohmaterial."


Vorrede

Mit dem Folgenden übergebe ich den ersten Abschnitt einer größeren Arbeit der Öffentlichkeit, nicht ohne das Bedenken, daß manches darin enthalten ist, was erst in späteren Teilen zu genauerer Behandlung und Klarstellung gelangen kann. Wenn ich trotzdem die Veröffentlichung des vorliegenden Problems nicht weiter hinausschieben mochte, so war es, weil der fertiggestellte Teil für den gegenwärtigen Stand der philosophischen Diskussion nicht ohne aktuelles Interesse ist und in seiner vorwiegend kritischen Tendenz doch dem Ganzen gegenüber eine Sonderstellung einnimmt. Dazu kommt, daß die Beendigung des Ganzen vielleicht noch längere Zeit beanspruchen wird.

Es handelte sich mir darum, aus den Gedankenkreisen des heutigen Philosophierens heraus zu den noch immer so vielen Mißdeutungen ausgesetzten Grundgedanken der idealistischen Philosophie einen sicheren Zugang zu finden. Der traditionellen Terminologie derselben, die durch die Überfülle der Kommentare für den Fernerstehenden fast unverständlich geworden ist, habe ich mich in dieser Einführung nach Möglichkeit enthalten.

Wieviel ich sachlich der idealistischen Tradition, im besonderen der Marburger Schule verdanke, wird dem Kundigen nicht entgehen. Inwieweit ich andererseits doch auch jenen Instanzen gegenüber selbständig bin, dürfte bereits an manchen Gedankengängen des vorliegenden Problems, mehr noch an den prinzipiellen Aufstellungen der folgenden deutlich werden.

Naturgemäß wendet sich meine Kritik in erster Linie gegen diejenigen Lehren, an deren Unvollkommenheiten mir selbst die Grundgedanken des Idealismus einleuchtend wurden. Es wird deshalb nicht der Entschuldigung bedürfen, wenn ich Anschauungen angreife, für die ich früher selbst einmal eintrat.



Einleitung

Die psychologische Strömung der modernen Philosophie hat die überkommenen Probleme mannigfach bereichert, leider aber auch vielfach entstellt und verflacht. Der philosophische Idealismus, den die vergangenen Jahrhunderte zur Reife und Herrschaft gebracht hatten, ist fast überall zu einem mehr oder minder groben Spiritualismus zurückgemodelt worden; und wenn man wieder dem Glauben an geistige Substanzen begegnet und über die mögliche Einwirkung derselben auf die körperlichen diskutieren hört, so darf man sich schließlich nich wundern, daß auf der anderen Seite skeptische Selbstgenügsamkeit auch neuerdings wieder die Gewähr der Sinne zum einzigen Rückhalt aller Wissenschaft zu machen und alle tiefer führende Erwägung zu diskreditieren sucht.

Die Naturforscher, die sich nicht immer bewußt sind, wieviel sie hinsichtlich ihrer Methode dem philosophischen Eifer früherer Jahrhunderte verdanken, pflegen alle philosophischen und womöglich auch alle psychologischen Bemühungen, als nicht auf dem ihnen einzig vertrauten Fundament der Tatsachen ruhend, verständnislos abzulehnen; und die Philosophen, deren Aufgabe es wäre, solcher Verirrung des wissenschaftlichen Bewußtseins entgegenzutreten, verleugnen die Philosophie und suchen ihre angegriffene Stellung dadurch zu festigen, daß sie die empiristisch-induktive Methode der Naturforschung zu der ihrigen zu machen - vorgeben. Die Ausnahmen sind auf beiden Seiten nicht allzu zahlreich.

Alle Einseitigkeiten der heutigen Naturwissenschaft finden sich daher auch in der heutigen Philosophie: der Empirismus und die ihm eigentümliche Blindheit gegenüber der Relativität und Vieldeutigkeit der sogenannten Tatsachen, die als letzte Gegebenheiten gelten sollen; der Materialismus mit seiner Beschränkung auf das Sinnlich-Erfaßbare und seiner Neigung zu mechanistischen Erklärungen des Organischen; und schließlich die Vorliebe und Überschätzung für evolutionistische Theorien. Und man prunkt noch mit der kritiklosen Anwendung methodologischer Analogien aus der Naturwissenschaft, statt in der Kritik der Methodologie, d. h. in der systematischen Ergründung der für alles Wissen erforderlichen Voraussetzungen das Vorrecht der Philosophie zu erweisen und zu behaupten.

Die Naturwissenschaft verdankt ihre blendenden Erfolge zweifellos ihrer Gewissenhaftigkeit in der Beobachtung des Materiellen und der Abkehr von überstürztem Theoretisieren. Aber Beobachtung ist mehr als ein bloßes Ablesen von Tatsachen, sie erfordert Gesichtspunkte - des Maßes z. B. und sonstiger Vergleichung - und deshalb ist auch die beobachtete "Tatsache" stets schon ein ausgemünztes Geisteswerk und jedenfalls mehr als vorgefundenes Rohmaterial. Ebenso ist es mit den sogenannten "Tatsachen des Bewußtseins": man darf sie nicht zu selbständigen Dingen, zu stillhaltenden Gegenständen machen wollen in der Hoffnung, sie dadurch zu geeigneten Objekten eines naturwissenschaftlichen Verfahrens zu verwandeln. Aber allerorts findet man in unserer Philosophie und Psychologie die psychologische Tatsache wie etwas Feststehendes und unmittelbar Gegebenes behandelt; psychologische "Gesetze" werden daraus "induktiv" abgeleitet, die zumeist nichts anderes behaupten, als was mit jenen Tatsachen in anderer Formulierung bereits behauptet war und jeder Sinn dafür scheint geschwunden zu sein, daß alle diese unmittelbar wahrgenommenen Gegebenheiten und Bewußtseinstatsachen nichts sind als  petitiones principii! [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp].

Und was gilt in der heutigen Psychologie und Philosophie nicht alles als unmittelbar gegeben! Die psychologische Konstruktion ist hier allen denkbaren Wendungen des Begriffs der Vorstellung nachgegangen: Empfindungen, Beziehungen und Beziehungskonstellationen, Relationen und Gestaltqualitäten, Wahrnehmungen von äußeren Dingen und Beschaffenheiten von solchen; Gedanken, Gefühle - sogar sogenannte logische und Notwendigkeitsgefühle - ja selbst die ganz allgemeine "Tatsache", daß wir empfinden, vorstellen, denken und damit schließlich alles, was sich unter die so dehnbaren Begriffe der inneren Erfahrung, der inneren Wahrnehmung, subsumieren läßt, all das wird als unmittelbar gegeben, unmittelbar vorgefunden, als Tatsache in einem Sinn, der jede Kritik entwaffnen soll und als unverrückbare Grundlage aller psychologischen oder gar philosophischen Überlegung ausgespielt.

Vielleicht möchte man geneigt sein, in solchen Wendungen weniger den Ausdruck eines systematischen Mangels, als nur eine Mangelhaftigkeit und laxere Form des sprachlichen Ausdrucks zu suchen, um in der Preisgebung der Darstellungsform den Gehalt des Gemeinten gegen akribistische Tadelsucht sicher zu stellen. Aber mir scheint, solche wieder und wieder in Berührung mit bestimmten Problemen auftretenden Verschwommenheiten des wissenschaftlichen Ausdrucks lassen eine derartige Entschuldigung nicht zu. Vielmehr dürfte es mit der Würdigung und Anerkennung jener Probleme unter solchen Umständen übel bestellt sein. Und in der Tat sind die typischen Unzulänglichkeiten des heutigen Philosophierens von keiner Seite so ungedeckt gegen kritische Angriffe, als von der Seite dieses "Problems der Gegebenheit", - wie es sich wohl am bündigsten bezeichnen läßt. In ihm ziehen wir die Voraussetzungen und Ausgangspunkte vor das Forum unserer Kritik, mit denen die philosophischen Disziplinen auf den Plan treten.
LITERATUR - Paul Stern, Grundprobleme der Philosophie I, Das Problem der Gegebenheit, Berlin 1903
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