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SIMON BRYSZ
Das Ding ansich
[1/4]

"Der Idealismus mag in Anbetracht der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten werden (was er in der Tat nicht ist), so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außerhalb von uns bloß auf  Glauben  annehmen zu müssen."

"Der Idealismus, der die Außenwelt leugnet, kann wohl ein Hindernis abgeben zu dem, was den Endzweck der Metaphysik ausmacht, zum Übersinnlichen fortzuschreiten, wenn alles Sinnliche bloß in uns gesetzt wird."

Diese Auslassungen dürften für alle diejenigen, die das Ding-ansich zu einem leeren Grenzbegriff, zu einer Aufgabe, zu einem ewigen Schein, oder wie die Ausdrücke sonst lauten, degradieren wollen, ein vorzügliches Objekt für die Interpretationskünste bieten. Denn hier wird der eigentliche Grund angegeben, warum  Kant  sich mit dem Gedanken nicht versöhnen konnte, daß das Subjekt neben der Form auch die Materie der Erscheinungen aus sich heraus produziert!"

"Die Frage, ob es außer mir etwas Wirkliches gibt, wird so beantwortet: Körper sind außerhalb meiner  Sinnlichkeit  keine Körper, und also sind sie nur in der Vorstellungskraft empfindender Wesen. Ob diesen Erscheinungen etwas außerhalb von uns korrespondiert, ist eine Frage nach der Ursache und nicht von der Existenz dessen, was erscheint."



Gibt es nach Kant einen von uns
unabhängigen Realgrund unserer Vorstellungen?

Die Frage, ob es nach KANT einen von uns unabhängigen Realgrund unserer Vorstellungen gibt, gehört bekanntlich zu den strittigsten Punkten in der Deutung seiner Philosophie. Und es bedarf geradezu einer Entschuldigung, wenn man das alte Gespenst vom Ding-ansich, um das von so vielen berufenen und unberufenen Kantforschern gekämpft worden ist, wieder auferstehen läßt. Da jedoch die Frage der empirischen Anschauung eine klare Stellungnahme zum Ding-ansich erfordert, so sei es mir gestattet, dieses Problem zumindest in den allgemeinsten Zügen zu erörtern, umso mehr, als einige strittige Punkte unter Zuhilfenahme der von BENNO ERDMANNs herausgegebenen  Reflexionen Kants  und der  Losen Blätter  von REICKE, wie mir scheint, leicht aufgeklärt werden können.

Man sollte meinen, daß die häufig wiederholten klaren und manchmal gar nicht mißzuverstehenden Äußerungen KANTs über die Existenz der Dinge-ansich, ebenso wie der geradezu affektvolle Protest gegen die Zumutung eines BERKLEY'schen Idealismus einem derartigen Streit hätte vorbeugen müssen. Es ist indessen nicht schwer einzusehen, daß mannigfache Gründe diesen Kampf heraufbeschworen haben. - Erstens sind es die nicht leicht zu lösenden Widersprüche, die dem kantischen Kritizismus aus der Annahme ansich existierender Dinge erstehen. Zweitens finden sich vielfache Äußerungen in der Kr. d. r. V., die das Ding-ansich zu negieren scheinen. Drittens ist es offenbar unmöglich - trotz scheinbarer Versuche - die Existenz dieser Dinge von den Voraussetzungen des Kritizismus aus spekulativ zu beweisen. Dazu kommt die Zweideutigkeit des kantischen Terminus  Gegenstand der bald als transzendentaler, bald als empirischer verstanden werden kann. Zu diesen sozusagen immanenten, d. h. im System selbst liegenden Gründen - die zwar zu den verschiedenen Auffassungen vom Ding-ansich nicht ermächtigen, wohl aber die auseinandergehenden Meinungen erklären - gesellt sich eine Reihe subjektiver, vom jeweiligen Standpunkt des Interpreten abhängender Gründe. Die Vertreter der zeitgenössischen Tradition, ganz blind für das eigentliche Ziel der Kritik und für die ungeheure Umwälzung, die KANTs Lehre für die Metaphysik und Wissenschaft bedeutete, fanden in der Lehre des Philosophen, die sämtliche Metaphysiken zeitgenössischer Kapazitäten als eitles Gerede brandmarkte, nur einen verschärften BERKELEYschen Idealismus. Andererseits aber hatte das Bestreben, das kantische Ding-ansich gänzlich aus dem Bereich des Seienden zu eliminieren, tiefer liegende Gründe. Wahrhaft große Geister imposanten und idealistischen Gepräges waren auf den Königsberger Meister gefolgt, und forschten, nachdem das Ding-ansich von KANT als unbekannter und unerkennbarer Grund des Seins hingestellt worden war, was dieses Ding doch sein mag. Man glaubte die Kritik in vermeintlich kantischem Sinn weiterbilden zu müssen. Die kantischen Dinge ansich wurden vorerst unifiziert; man ließ sie sich immer mehr verflüchtigen, um sie schließlich im "Ich", im "Identischen", "Absoluten", im "Willen" oder im "Unbewußten" aufgehen zu lassen. - Die kantische, nüchterne, wenn auch nur zum Teil durchgeführte Negation der dogmatischen Metaphysik, mußte eine glänzende Reaktion hervorrufen, zumal KANT selbst im praktischen Kritizismus Fingerzeige für eine solche gegeben hatte. Das Ding-ansich, für KANT das transzendentale Objekt, die andere Seite der Erscheinung, die uns unbekannt bleibt, weil wir diese und nicht eine andere Sinnlichkeit haben, wurde zum Ausgangspunkt neuer metaphysischer und religiös-mystischer Systeme.

Wir wollen zunächst feststellen, daß KANT die Existenz der Dinge ansich ohne weiteres vorausgesetzt hat. Es ist überflüssig und zugleich unnütz, all die Stellen, aus der Kr. d. r. V. und den  Prolegomenen die unumwunden und unzweideutig die Existenz der Dinge ansich mit voller Schärfe hervorheben, anzuführen. Die Gegner haben sie tausendmal gehört und gelesen und werden sich auch dann, wenn sie diese Auslassungen zum tausend und ersten mal hören, von ihrer Interpretation nicht abbringen lassen. Wichtig dagegen scheint die Frage, warum KANT eigentlich so sehr an der Existenz der Dinge ansich liegt, warum er sie voraussetzt und an ihnen festhält, auch nachdem sie ihm zum Problem geworden sind, weshalb er den Einwendungen seiner Freunde und Gegner durch den Hinweis auf den Begriff der  Vorstellung  ausweicht.
    Was das erste betrifft, nämlich die Voraussetzung der Dinge-ansich in der  Ästhetik so könnte man dies in einem realistischen Zug von KANTs Denken, das jedem schwärmerischen und skeptischen Idealismus abgeneigt war, begründet finden. Daß er aber an dieser Voraussetzung festhält, auch nachdem ihm von seiten seiner Kritiker vorgeworfen worden war, daß jene Annahme mit dem sonstigen Ergebnis seiner Kritik nicht in Einklang gebracht werden kann, - dafür muß ein tiefer liegender Grund zu finden sein. Und in der Tat, das Festhalten an der Existenz ansich seiender Dinge, auch nachdem die Kr. d. r. V. gezeigt hat, daß man über Transzendentes nichts, auch nicht das Sein aussagen darf (denn sonst müßte man den kosmologischen Gottesbeweis ebenfalls anerkennen), dieses Festhalten kann nur verstanden werden,  wenn die Prämissen hierfür nicht in der spekulativen, sondern in der praktischen Philosophie gesucht werden. 
Daß dies der Fall ist, ersehen wir aus dem Folgenden. In der Vorrede zur 2. Auflage sagt KANT:
    "Der Idealismus mag in Anbetracht der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten werden  (was er in der Tat nicht ist),  so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außerhalb von uns ... bloß auf  Glauben  annehmen zu müssen." (1)
Als Ergänzung hierzu heißt es in den  Losen Blättern: 
    "Der Idealismus, der die Außenwelt leugnet, kann ...  auch wohl ein Hindernis abgeben zu dem, was den Endzweck der Metaphysik ausmacht, zum Übersinnlichen fortzuschreiten, wenn alles Sinnliche bloß in uns gesetzt wird."  (2)
Diese Auslassungen dürften für alle diejenigen, die das Ding-ansich zu einem leeren Grenzbegriff, zu einer Aufgabe, zu einem ewigen Schein, oder wie die Ausdrücke sonst lauten, degradieren wollen, ein vorzügliches Objekt für die Interpretationskünste bieten. Denn hier wird der eigentliche Grund angegeben, warum KANT sich mit dem Gedanken nicht versöhnen konnte, daß das Subjekt neben der Form auch die Materie der Erscheinungen aus sich heraus produziert! Damit wäre der Weg zur praktischen Philosophie, die ihm so sehr am Herzen lag, ein für alle mal verschlossen gewesen. Auch die Behauptung, KANT habe sich eigentlich um das Ding-ansich nicht gekümmert, ihm wäre es nur um die Wissenschaft zu tun, hingegen das Problem, ob den Erscheinungen etwas zugrunde liegt oder nicht, läge nicht im Bereich seines Interesses, wird durch diese Erklärungen hinlänglich widerlegt.

Es wäre jedoch falsch anzunehmen, daß der Existenz der Dinge-ansich gleich zu Beginn der Darstellung KANTs in der Kr. d. r. V. diese praktische Bedeutung zugeschrieben worden sein sollte. Vielmehr verhält sich die Sache so. Die transzendentale Ästhetik hat, veranlaßt durch die Antinomien (3), die entstehen, wenn man Raum und Zeit als ansich seiend annimmt, die Dinge in Dinge-ansich und Erscheinungen geschieden. Diese Dinge ansich zu bezweifeln ist KANT damals nicht einmal "in den Sinn gekommen", denn sonst hätte die Unterscheidung ganz anders ausfallen müssen. Es wären dann nicht nur Raum und Zeit bloß subjektiv, sondern auch der gesamte spezielle Gehalt der Erscheinungen. Dieser Gehalt müßte zwar auch dann nicht a priori sein, denn alles Apriorische der Anschauung ist subjektiv, nicht aber ist umgekehrt alles Subjektive a priori, z. B. Bewegung und Veränderung. KANT hätte aber sagen müssen, Raum und Zeit allein sind subjektiv und a priori; alles andere ist zwar nicht a priori, d. h. es ermöglicht gar keine objektiv gültigen Erkenntnisse, aber ist lediglich meine Vorstellung, der nichts außer mir (transzendealiter) entspricht, oder er hätte diese Frage zumindest offen lassen müssen. KANT sagt jedoch am Schluß der Ästhetik:
    "Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen ansich und abgesondert von all dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art sie [offenbar doch die Gegenstände ansich] wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obgleich jedem Menschen zukommen muß." (4)
Hier wird also ausdrücklich gelehrt, daß die Dinge ansich als die andere Seite der Erscheinungen anzusehen sind. Erst später, als infolge der Kritik seines Werkes das Ding-ansich sich allmählich zum Problem ausgebildet hatte, wurde KANT darauf aufmerksam, daß, obwohl spekulativ kein Beweis für diese Existenz zu führen ist, so doch an diesen einstmals gar nicht beanstandeten Dingen festgehalten werden muß, wenn die die Folgen des Freiheitsbegriffs nicht gefährdet werden sollten, und daß andererseits diese praktische Notwendigkeit des Begriffs der Freiheit den einzigen und sichersten Beweisgrund für die Existenz übersinnlicher Dinge abgibt. So lesen wir in der Einleitung zur "Kritik der praktischen Vernunft":
    "Dagegen eröffnet sich nun eine vorher kaum zu erwartende und sehr befriedigende Bestätigung der konsequenten Denkungsart der spekulativen Kritik darin, daß, daß diese die Gegenstände der Erfahrung als solche und darunter selbst unser eigenes Subjekt nur für Erscheinungen gelten zu lassen, ihnen aber gleichwohl Dinge-ansich zugrunde zu legen, also  nicht alles Übersinnliche für Erdichtung und dessen Begriff für leer zu halten  einschärfte: praktische Vernunft jetzt für sich selbst, und ohne mit der spekulativen Verabredung getroffen zu haben, einem übersinnlichen Gegenstand der Kategorie der Kausalität, nämlich der  Freiheit,  Realität verschafft ... also dasjenige, was dort (5) bloß gedacht werden konnte, durch ein Faktum bestätigt." (6)
Nun wird aber behauptet, daß bereits in der Analytik eine Schwenkung der Ansicht in Bezug auf die Dinge-ansich eingetreten ist. Zur Bestätigung dieser Behauptung wird folgendes geltend gemacht:
    1. Das Ergebnis der Analytik ist, daß die Kategorien nur auf sinnlichen Gegenstände angewandt werden dürfen. Die konsequente Durchführung dieses Gedankens gestattet aber nicht einmal die Existenz eines Dings-ansich zu präzidieren. - Wollte man dagegen einwenden, daß die Kategorien nicht im gleichen Maß subjektiv sind, wie Raum und Zeit, daß ihre Unanwendbarkeit auf nichtsinnliche Gegenstände nur davon herrührt, daß sie die Anschauungsformen zu Hilfe nehmen müßten, was aber bei der Existenz nicht notwendig ist; - so zeigt doch der folgende Satz, daß diese Unterscheidung nicht richtig ist. "Realität" - sagt KANT - "kann man im Gegensatz mit der Negation nur dann erklären, wenn man sich eine  Zeit  (als den Inbegriff von allem Sein) denkt, die entweder womit erfüllt oder leer ist." (7) KANT kann also, wird geltend gemacht, nicht mehr behaupten, es  gibt  Dinge ansich, wenn er sich selbst nicht widersprechen will.

    2. KANT selbst läßt die Einteilung in Phänomena und Noumena gar nicht zu und nennt das Noumenon einen "problematischen Begriff" oder auch "Grenzbegriff".

    3. Selbst wenn man dem zweiten Argument ausweicht, so heißt es doch ausdrücklich, daß "obwohl unser Denken von der Sinnlichkeit abstrahieren kann, so bleibt doch die Frage, ob es alsdann nicht eine bloße Form eines Begriffs ist und ob bei dieser Abtrennung überall ein Objekt übrig bleibt." (8)
Was nun zunächst das zweite Argument betriff, so ist klar, daß mit Noumenon  hier nur dasjenige in positiver Bedeutung  gemeint ist, (9) und dieses ist tatsächlich ein problematischer Begriff, weil der Verstand, zu dem es gehört, ein Verstand mit der Fähigkeit intellektuell anzuschauen, selbst ein Problem ist. Dies geht aus dem ganzen Inhalt des hierfür in Betracht kommenden Abschnitts über Phänomena und Noumena, besonders aber aus folgender Stelle hervor:
    "Das Objekt, worauf ich die Erscheinung überhaupt beziehe, ist der transzendentale Gegenstand, das ist der gänzlich unbestimmte Gedanke von  Etwas  überhaupt. Dieser  kann nicht das Noumenon heißen:  denn ich weiß von ihm nicht was er ansich selbst ist und habe gar keinen Begriff von ihm, als bloß von dem Gegenstand einer sinnlichen Anschauung überhaupt." (10)
Bekräftigt wird dies durch den Umstand, daß die zweite Auflage und die Randbemerkungen im Handexemplar (11) einige Stellen, die zu Mißverständnissen verleiten könnten, durch eine genauere Bestimmung des Noumenon den Text ergänzen und jede Zweideutigkeit entfernen. So wird zu dem Satz: "daß die Grundsätze des Verstandes nur ... auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge überhaupt ... bezogen werden können" (12) im Handexemplar die wichtige Einschränkung hinzugefügt: "wenn sie Erkenntnis verschaffen sollen". (13) Ferner ist in dem Satz: "die Einteilung der Gegenstände in Phänomena und Noumena und der Welt in eine Sinnen- und Verstandeswelt kann daher in  positiver Bedeutung  gar nicht zugelassen werden" (14) die Einschränkung "in positiver Bedeutung" erst in der zweiten Auflage hinzugekommen. Schließlich ist der Satz "so ist dann der Begriff reiner, bloß intelligibler Gegenstände leer" (15) durch die Bemerkung im Handexemplar "der  positive  Begriff" (16) ergänzt worden.

KANT will also sagen: obwohl die transzendentale Ästhetik den Begriff der Erscheinung dahin eingeschränkt hat, daß die Lehre von der Sinnlichkeit zugleich die Lehre von den wirkenden Dingen-ansich bedeutet, so darf man doch daraus nicht folgern, daß diese Dinge durch irgendein Erkenntnisvermögen näher bestimmt werden können. Denn dazu wäre eine übersinnliche Anschauung notwendig, die wir jedoch nicht besitzen und von der es zweifelhaft ist, ob sie überhaupt möglich ist. Ja, es ist nicht einmal ausgemacht, ob derartige Noumena, die durch eine intellektuelle Anschauung erkennbar würden, überhaupt vorhanden sind.

Etwas schwieriger zu beantworten ist der dritte Einwand. Denn der dort angeführte Satz paßt nicht minder auf das Noumenon in negativer Bedeutung, also auf die von KANT vorausgesetzten Dinge-ansich, als auf das Noumenon im positiven Sinne. Und da fragt es sich mit Recht, wie KANT noch jetzt an dieser Voraussetzung festhalten kann, nachdem er hier zeigt, daß es immer zweifelhaft bleibt, ob dem Begriff ein Objekt entspricht, da die  logische  Möglichkeit eines solchen noch nicht die reale beweist? - So sehr aber auch dieser Gedankengang vom kritischen Standpunkt aus berechtigt sein mag, so unmöglich ist es doch, daß KANT mit dem erwähnten Satz das Ding-ansich gemeint haben sollte. Aus dem Zusammenhang, in dem er den erwähnten Satz ausspricht ist zu ersehen, daß, wenn hier überhaupt von einem Objekt die Rede ist - was eine Randbemerkung im Handexemplar sehr zweifelhaft macht (17) - nur das Noumenon in positiver Bedeutung gemeint sein kann. Das geht sowohl aus dem vorhergehenden, wie aus den nachfolgenden Sätzen sehr deutlich hervor. Außerdem wäre es sonst unmöglich, daß gerade hier die Existenz der Dinge-ansich mit völliger Bestimmtheit betont werden könnte. So lesen wir:
    "den Sinnenwesen korrespondieren zwar freilich Verstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser sinnliches Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere Verstandesbegriffe ... reichen nicht ... auf diese hinaus." (18)
Dieser Satz kann nur so verstanden werden: den Sinnenwesen korrespondieren Dinge-ansich, die unsere  Sinne affizieren  es mag auch Noumena (in positiver Bedeutung) geben, auf die unser sinnliches Anschauungsvermögen aber gar keine Beziehung hat, weil derartige Noumena unsere Sinne nicht rühren usw. Auch ist die Ableitung der Dinge ansich vom Begriff der Erscheinung - diese mag nun richtig sein oder nicht - nirgendes mit solcher Bestimmtheit geführt, wie gerade hier (19). Daß KANT aber die Konsequenz seiner Analytik nicht auch auf das Noumenon im negativen Sinn ausgedehnt hat, daß alles, was sich von der Existenz eines Noumenon in positiver Bedeutung sagen läßt, nicht minder auf das Ding-ansich Anwendung findet - und damit kommen wir zum ersten Einwand - kann nur dadurch erklärt werden, daß diese Existenz ihm gar nicht Problem war. Man muß den Satz: "denn die [die Dinge-ansich nämlich] zu bezweifeln ist mir niemals in den Sinn gekommen" (20) ganz wörtlich nehmen und allein dieser Umstand hat es möglich gemacht, daß er im erwähnten Abschnitt - erste Auflage, die zweite ist viel vorsichtiger - es gar nicht merkt, daß sich ihm unter der Hand die Dinge-ansich immer mehr verflüchtigen. In der zweiten Auflage, wo die Existenz dieser Dinge ihm zum Problem geworden war, hatte er für sie bereits einen Beweis aus der praktischen Philosophie. - Ob nun KANT das Recht hat zu sagen: die Dinge-ansich  sind,  trotzdem er behauptet, daß in der Kategorie der Realität bereits ein Zeitmoment mitenthalten ist (21), scheint mir dahin beantwortet werden zu können, daß KANT die Kategorie der Realität von der Existenz unterscheidet. Den Ansatz dafür erblicke ich in dem Satz: "Die Existenz ist hier noch keine Kategorie, als welche nicht auf ein unbestimmt gegebenes Objekt ... Beziehung hat." (22) und in Wirklichkeit muß man eine zeitlose Existenz annehmen dürfen, wenn die Zeit nur die  Form  unserer Anschauung ist. (23)

Der Idealismus KANTs ist also auch in der Analytik betreffs der Existenz der Dinge-ansich nicht weiter gegangen. Die Analytik hatte nur die Aufgabe die positive und negative Grenze unserer Erkenntnis festzustellen, brauchte aber dabei die Existenz der Dinge nicht anzutasten. Daher konnte KANT an BECK schreiben, daß er seinen "kritischen Idealismus" besser das Prinzip der Idealität des Raums und der Zeit nennen könnte", (24) denn mit der konsequenten Durchführung dieses Prinzips erschöpft sich in der Tat der ganze kritische Idealismus.


Kants Beweise für die Existenz
der Dinge ansich.

Es fragt sich nun, ob man nicht noch weitergehen und sogar Beweise KANTs für die Existenz der Dinge-ansich anführen kann? Es muß nun folgendes gesagt werden. Obwohl KANT  niemals,  also auch nicht in der zweiten Auflage die Voraussetzung wirkender Dinge-ansich aufgegeben hat, hat er doch nirgends - zumindest nicht spekulativ - diese Existenz beweisen wollen. Der einzige, wirklich vorhandene Beweis ist in einer Nebenbemerkung enthalten, die sich weniger gegen einen Idealisten,, als gegen den dogmatischen Rationalisten richtet, nämlich gegen einen Dogmatiker, der annimmt, daß es Noumena gibt, die der pure Verstand erkennen müßte. Ich meine die in der ersten Auflage vorhandene Ableitung des Dings-ansich aus dem Begriff der Erscheinung. KANT sagt dort:
    "es folgt auch natürlicherweise aus dem Begriff einer Erscheinung überhaupt, daß ihr etwas entsprechen muß, was ansich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts für sich selbst und außerhalb unserer Vorstellungsart sein kann, mithin, wo nicht ein beständiger Zirkel herauskommen soll, das Wort  Erscheinung  schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber ansich selbst auch ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit ... d. h. ein von der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muß." (25)
Diese Deduktion kann man nun entweder als strikten, mit dem Resultat der Ästhetik gegebenen Beweiß betrachten, oder aber auch als einen naiven Beweis ansehen, der aus der von KANT ohne Bedenken gemachten Annahme der Dinge-ansich herfließt. Beides ist, wie mir scheint, in gewissem Sinne richtig. Aus dem Begriff der Erscheinung, (26) wie ihn KANT in der transzendentalen Ästhetik festgestellt hat, geht wirklich hervor, daß es Dinge ansich gibt. Alles Besondere in der Anschauung was sich nicht auf die Anschauungsformen zurückführen läßt, muß in einem von uns unabhängigen Ding begründet sein. Auch die Tatsache, daß KANT noch im Jahr 1792 dem SCHULZE'schen Einwurf dasselbe Argument entgegenhalten konnte, (27) spricht dafür, daß er dies als Beweis betrachtete. Ebenso spricht hierfür eine Äußerung KANTs in den  Losen Blättern: 
    "Noumenon bedeutet eigentlich allerwärts einerlei, nämlich das transzendentale Objekt der sinnlichen Anschauung. Dieses ist aber kein reales oder gegebenes Ding, sondern ein Begriff, auf den in Beziehung Erscheinungen Einheit haben. Denn  dieser muß doch irgendetwas korrespondieren, obgleich wir nichts anderes als die Erscheinung desselben kennen."  (28)
Andererseits jedoch muß dieser Beweis als ungenügend angesehen werden, wenn man ihn vom Standpunkt des Gegners aus betrachtet. Denn es müßten die Prämissen der transzendentalen Ästhetik zugegeben werden, und das braucht der Gegner eben nicht zu tun, wenn er Idealist ist. Die Lehre von der transzendentalen Ästhetik kann nur für denjenigen zwingend sein, der Raum und Zeit für Sachen ansich hält; denn dem kann gezeigt werden, daß er sich mit einer derartigen Ansicht in unlösbare Widersprüche verwickelt. Wenn jemand hingegen neben Raum und Zeit auch den gesamten spezielle Gehalt der Anschauung für  bloße Vorstellung  hält, welcher nichts zugrunde liegt, der kann trotz dieses Idealismus den Schwierigkeiten der beiden ersten Antinomien aus dem Weg gehen. Der Idealist könnte behaupten,  a priori  sei zwar nur Raum und Zeit, er leite mit KANT aus dieser Beschaffenheit der Anschauungsformen die Möglichkeit der Geometrie als Wissenschaft ab, ja er könne selbst die ganze Erkenntnistheorie KANTs anerkennen und brauche doch nicht anzunehmen, daß den Erscheinungen etwas außerhalb von uns zugrunde liegt, sondern es könnte sein, daß eine Kraft in uns dies alles produziert. Denn die Aposteriorität der Erscheinungen schließt ihre Subjektivität nicht aus. Das Apriori ist kein notwendiges Merkmal des Subjektiven. - Der Begriff  Erscheinung  würde aber deshalb nicht genügen, um aus ihm etwas abzuleiten, denn Erscheinung wäre dann das Letzte, was überhaupt vorhanden ist und müßte mithin anders heißen. Es scheint deshalb, daß KANT diesen Beweis nur führen konnte, solange ihm die Existenz der Dinge ansich noch nicht Problem geworden war. Dann müßte man die Äußerung im erwähnten Brief an BECK dahin deuten, daß damit nicht das Ding-ansich, sondern die Erscheinung gemeint ist. Dafür spricht auch die Tatsache, daß KANT in der zweiten Auflage im Abschnitt über  Phänomena  und  Noumene  dieses Argument weggelassen hat, und vor allem, daß er es bei den späteren Widerlegungen gar nicht benutzt. Wie dem aber auch sein mag, aus diesem Beweis geht hervor, daß KANT die Existenz der Dinge-ansich gelehrt hat und daß man keineswegs berechtigt ist, diesen Beweis als "Gerede" hinzustellen.

Außer dem oben erwähnten Beweis gibt es für die Existenz der Dinge-ansich keinen anderen in der Kr. d. r. V. und in den  Prolegomena.  Es gibt entweder Widerlegungen des Idealismus, die sich aber nicht auf die Dinge-ansich beziehen, oder aber es gibt Protest und Versicherungen KANTs, daß er die Dinge ansich nicht leugnet, sondern sie annimmt, aber keine weiteren Beweise. Wir wollen diese Behauptung durch eine Übersicht der hierfür in Betracht kommenden Stellen bestätigen.

Im vierten Paralogismus wird bekanntlich der empirische, von KANT so genannte skeptische Idealismus DESCARTES' widerlegt.

DESCARTES hatte nach KANTs Darstellung gelehrt, daß wir unmittelbar nur das Ich als denkendes Wesen wahrnehmen können. Die äußern Dinge können wir eigentlich gar nicht wahrnehmen, sondern müssen aus unserer inneren Wahrnehmung auf ihr Dasein schließen. Nun ist aber der Schluß von einer gegebenen Wirkung auf eine bestimmte Ursache jederzeit unsicher, demnach bleibt es zumindest nicht ausgemacht, ob die äußeren Wahrnehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes sind. Will man trotzdem die äußeren Wahrnehmungen als Wirkungen wirklich vorhandener äußerer Dinge ansehen, so muß man zumindest eingestehen, daß das Dasein der letzten nur geschlossen und nicht so unmittelbar wahrgenommen werden kann, wie der Gegenstand des inneren Sinns: das Ich.

Diesen Bedenken gegenüber zeigt KANT, daß die von DESCARTES gemachte Unterscheidung von inneren und äußeren Wahrnehmungen eine falsche ist. Wer nur die räumliche - und nicht eine transzendente - Außenwelt wahrnehmen will, braucht ebensowenig wie bei den inneren Wahrnehmungen der Lust oder des Schmerzes aus sich herauszugehen, denn  räumlich  ist nicht im strikten Sinne  außerhalb  von uns. Der Raum mit allem, was ihn ausfüllt, ist keine Sache ansich, sondern eine Anschauungsform  in  uns, die abgetrennt von unserer Sinnlichkeit nichts ist. Wenn wir demnach äußere Dinge wahrnehmen, so sind dies tatsächlich innere Wahrnehmungen, nur werden sie vermöge der Beschaffenheit unserer Anschauungsform nach außen verlegt. Beide Arten von Wahrnehmungen: sowohl  die inneren,  die nur zeitlich verlaufen, als auch diejenigen inneren, die in einem räumlichen Nebeneinander nach außen verlegt werden, sind also bloß Erscheinungen, die ansich, losgelöst von unserer Vorstellungsart, gar nicht in dieser Qualität existieren. So unmittelbar ich aufgrund der inneren Wahrnehmung sage:  ich bin,  ebenso unmittelbar, sage ich die äußeren Vorstellungen, d. h. die Dinge im Raum  sind.  "Also existieren ebensowohl äußere Dinge, wie ich selbst existiere, und zwar beide auf das unmittelbare Zeugnis meines Selbstbewußtseins." (29)

Wenn wir äußere Gegenstände für Dinge-ansich gelten lassen, so ist schlechterdings unmöglich zu begreifen, wie wir zur Erkenntnis ihrer Wirklichkeit außerhalb von uns kommen sollten, indem wir uns bloß auf die Vorstellung stützen, die in uns ist. Wenn z. B. der Baum, der draußen steht, selbst ein räumliches von mir unabhängiges Ding wäre, ich aber naturgemäß nur eine Vorstellung des Baumes haben kann, so müte ich von dieser Vorstellung auf das Dasein des Baumes, als auf den Gegenstand meiner Vorstellung schließen. Sein Dasein wäre aber dann zweifelhaft. Nun sage ich aber, nur meine Vorstellung des räumlichen Baumes, die Erscheinung, ist wirklich, er selbst existiert als solcher, nämlich als räumliches Ding, nur in meiner Vorstellung. So ist seine Wirklichkeit festgestellt, ohne daß ich irgendeinen Schluß zu machen brauche, denn er ist "lediglich als ein Gedanke in uns, wiewohl dieser Gedanke durch den genannten Sinn es als außerhalb von uns befindlich vorstellt." (30)

Daß diese Vorstellung des Baumes durch einen transzendentalen Gegenstand hervorgerufen worden ist, ist die immerwährende Voraussetzung KANTs, "von ihm aber ist auch nicht die Rede" (31), denn seine Wirklichkeit zu beweisen ist theoretisch unmöglich, und es "kann der strengste Idealist nicht verlangen, man solle beweisen, daß unserer Wahrnehmung der Gegenstand außerhalb von uns (in strikter Bedeutung) entspricht", (32) ebenso wie es unmöglich ist, das Dasein der empirischen Dinge zu beweisen, wenn man sie als ansich seiende ansieht. (33)

Die angeführten Stellen beweisen also zur Genüge, daß hier von einem Beweis für das Dasein der Dinge-ansich nicht die Rede sein kann. Es wird vielmehr ausdrücklich betont, daß ein solcher unmöglich ist. Noch deutlicher geht dies aus einer hierher gehörigen Reflexion hervor:
    "Die Frage, ob die Körper außerhalb von mir etwas Wirkliches sind, wird so beantwortet: Körper sind außerhalb meiner Sinnlichkeit keine Körper (Phänomena) und so sind sie nur in der Vorstellungskraft empfindender Wesen.  Ob  diesen ihren Erscheinungen etwas außerhalb von mir korrespondiert, ist eine Frage von der Ursache dieser Erscheinung und nicht von der Existenz dessen, was erscheint, selbst." (34)

    "Die Wirklichkeit der Körper ist nicht die Wirklichkeit der Dinge, sondern der Erscheinungen." (35)
Trotzdem wird die hier abgewiesene Frage nach der Existenz der Ursache der Erscheinungen in demselben Zusammenhang bejaht, denn in der nächsten Reflexon heißt es:
    "Der Idealist behauptet, die Körper seien nur Schein: der Realist, sie sind eine Erscheinung,  dem doch eine besondere Art Substanzen wirklich korrespondiert."  (36)
Unter dieser "besonderen Art von Substanzen" können nur Dinge-ansich gemeint sein, weil sie der Erscheinung und nicht etwa der Vorstellung entgegengestellt werden. Daraus geht aber hervor, daß, obwohl KANT hier schon gesehen hat, daß kein Beweis für die Existenz der Dinge-ansich zu erbringen ist, diese Existenz ihm trotzdem noch nicht zum Problem geworden war, denn sonst hätte er erklären müssen, mit welchem Recht er an dieser Existenz, trotz ihrer Unbeweisbarkeit, festhält. Dieser Umstand macht es verständlich, daß die ersten Leser der Erörterungen im vierten Paralogismus in diesem die Neubelebung eines BERKELEYschen Idealismus erblicken konnten; hier kommt zwar nichts vor, was nicht bereits in der transzendentalen Ästhetik in Bezug auf die Realität der Erscheinung gesagt worden ist, jedoch fehlt die Betonung der Existenz der Dinge-ansich, weil diese hier gar nicht in Frage kam.

In den  Prolegomena  werden wir umsonst einen Beweis für das Dasein der Dinge-ansich suchen. Hingegen protestiert hier KANT mit voller Schärfe gegen die Zumutung eines empirischen Idealismus, indem er immer wieder hervorhebt, daß ihn von allen Idealisten das unterscheidet, daß er den Dingen-ansich ihr Dasein läßt und nur den Erscheinungen dieser Dinge-ansich ein von ihnen unabhängiges Sein abspricht. Der Idealismus, gegen den hier Front gemacht wird, ist nicht mehr der skeptische des DESCARTES, sondern der dogmatische BERKELEYs. Dieser
    "Idealismus besteht in der Behauptung, daß es keine anderen als denken Wesen gibt, die übrigen Dinge, die wir in der Anschauung wahrzunehmen glauben, wären nur Vorstellungen in den denkenden Wesen, denen in der Tat kein außerhalb dieser befindlicher Gegenstand korrespondiert. Ich dagegen sage: es sind uns Dinge als außerhalb von uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. h. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren. Demnach gestehe ich allerdings, daß es außerhalb von uns Körper gibt, d. h. Dinge, die obwohl nach dem, was sie ansich sein mögen, uns gänzlich unbekannt sind, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihren Einfluß auf unsere Sinnlichkeit uns verschafft, und denen wir die Benennung eines Körpers geben, welches Wort also bloß die  Erscheinung jenes uns unbekannten, aber nichts destoweniger wirklichen Gegenstandes bedeutet.  Kann man dies wohl Idealismus nennen?" (37)
Wir sehen also, mit welcher Entschiedenheit KANT hier die Existenz der Dinge-ansich behauptet. Jedoch gibt er auch hier keinen Beweis, weil dieser noch nicht nötig geworden ist. Das Dasein der Dinge-ansich ist hier erst zum "spezifischen Merkmal" des kantischen Idealismus geworden, jedoch zum Problem hat es sich noch nicht ausgebildet. (38) Diese Fortbildung erblicke ich nicht in der berühmten Widerlegung des Idealismus in der zweiten Auflage, (39) sondern in einer Bemerkung in der Vorrede, die wahrscheinlich nach Abschluß der zweiten Redaktion geschrieben wurde. (40) Da heißt es:
    "gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge-ansich, wenngleich nicht  erkennen,  doch wenigstens müssen  denken  können. Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint." (41)
Diese Äußerung hat viel Ähnlichkeit mit der oben zitierten Deduktion aus dem Begriff  Erscheinung  der ersten Auflage. Sie ist indessen viel vorsichtiger gehalten. Es wird nicht mehr gesagt, daß die Lehre von der Erscheinung zugleich die Lehre von den Dingen-ansich bedeutet; daß den Erscheinungen etwas korrespondieren muß, was von der Sinnlichkeit unabhängig ist, sondern nur, daß wir einen solchen Gegenstand müssen  denken  können. Von überaus wichtiger Bedeutung ist aber die Anmerkung zum obigen Satz:
    "Einen Gegenstand erkennen dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit ... beweisen kann. Aber  denken  kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. h. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist, obwohl ich dafür nicht stehen kann, ob im Inbegrif aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiert oder nicht. Um einem solchen Begriff aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert.  Dieses  Mehrere aber braucht eben nicht in theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen liegen." (42)
Hier sehen wir das Problem gänzlich entwickelt. Das, was in der ersten Auflage nur noch vom Noumenon in positiver Bedeutung gesagt werden konnte, nämlich daß die logische Möglichkeit eines Begriffs noch nicht die reale bedeutet, das wir hier direkt auf das Ding-ansich ausgedehnt; aber es wird gleichzeitig gezeigt, mit welchem Recht man an diesen Dingen festhält, ja festhalten muß. Gleich eingangs wird in dieser Anmerkung indirekt gezeigt, daß von einem theoretischen Beweis für die Existenz der Dinge ansich nicht die Rede sein kann; denn das würde ein Erkennen voraussetzen, was hier ausgeschlossen ist. Dann wird konstatiert, daß wir  nur  einen Begriff von ihnen haben, der die reale Möglichkeit nicht einschließt; daß wir aber trotzdem von ihnen aussagen dürfen, daß sie  sind,  weil aus der praktischen Vernunft ein Beweis für ihr Dasein zu erbringen ist.

Dieser Hinweis auf das Praktische, das beim Ding-ansich vertreten soll, was in der Empirie die Anschauung leistet - denn sie ist es, die einem Begriff eine reale Möglichkeit verschafft - ist jetzt notwendig geworden. Denn das Dasein der Dinge ansich, die früher harmlos vorausgesetzt wurden, hat sich infolge der Kritik, die KANTs Werk erfahren hat, zum Problem ausgebildet. Und als sich herausstellte, daß die theoretischen Erkenntnismittel nicht ausreichen, um dieses Dasein zu begrüden, griff KANT zur praktischen Philosophie. Da zeigte sich, wie notwendig jene Voraussetzung war, obwohl man diese Folgen damals noch nicht übersehen konnte. Es wurde nämlich klar, daß mit dem Fallen der Dinge-ansich der Begriff der Freiheit fallen müßte. (43)

Von hier aus läßt sich, wie ich glaube, die ganze Schwierigkeit, die die Stellung des Dings-ansich im kantischen System bereitet, auflösen. Die transzendentale Ästhetik, die in ihren Hauptzügen bereits im Jahre 1770 fertig war, hatte die Dinge ansich vorausgesetzt. Die transzendentale Analytik zieht ihre kritische Konsequenz so weit, daß, wo Anschauung fehlt, nicht nur keine Erkenntnis möglich ist, sondern, daß man von einem derartigen übersinnlichen Ding nicht einmal aussagen darf, daß es ist. Sie bezieht dies jedoch nur auf Noumena in positiver Bedeutung, weil sie vor allem gegen dogmatische Rationalisten zu kämpfen hat. Hierbeit übersieht KANT freilich, daß dasselbe, was sich über das Noumenon in positiver Bedeutung sagen läßt, nicht minder von demjenigen in negativer Bedeutung gilt, und übersieht dies deshalb, weil die Dinge ansich für ihn etwas so Selbstverständliches waren, daß an ihnen zu zweifeln ihm nicht in den Sinn gekommen ist. Infolge der Kritik seitens seiner Gegner wird KANT auf das Problem aufmerksam. Jetzt gibt er zu, daß theoretisch das Ding-ansich nicht zu rechtfertigen ist, deutet aber an, es seien praktische Gründe vorhanden, die anzunehmen zwingen, daß dem Sinnlichen ein Übersinnliches zugrunde liegt.  Die Kritik der praktischen Vernunft  führt dies nachher weiter aus.

Es bleibt noch nachzuweisen, daß die Widerlegung des Idealismus in der zweiten Auflage nicht die Existenz der Dinge-ansich, sondern daß sie genau wie diejenige im 4. Paralogismus die Wirklichkeit der Erscheinung beweisen will. Diese Widerlegung gehört bekanntlich zu den umstrittensten Stellen in der kantischen Kritik, weil sie anscheinend gerade das Gegenteil von dem behauptet, was die erste Auflage in dieser Beziehung gelehrt hat. Die ganze Verwirrung scheint aber durch eine einzige unglückliche Wendung in diesem Beweis verursacht worden zu sein. Und als ob das Schicksal diese, durch KANTs unvorsichtige Ausdrucksweise verschuldete Verwirrung wieder gut machen wollte, besitzen wir jetzt gerade zu dieser Stelle die reichsten Kommentare, wie man sie sich nicht besser wünschen kann, in den REICKE'schen  Losen Blättern  und zum Teil in ERDMANNs  Reflexionen.  Durch das Vorhandensein dieser Ergänzungen sehen wir, daß hier in der Tat nicht nur keine Abweichung von der bisherigen Lehre vorhanden ist, sondern daß unser Beweis vielmehr eine Vertiefung desjenigen aus dem 4. Paralogismus bedeutet.

Es soll das Dasein der Dinge im Raum bewiesen werden. Ist denn dies nicht bereits bewiesen? Warum genügt die ausführliche Widerlegung des kartesianischen Idealismus der ersten Auflage nicht mehr; warum muß sie durch eine neue die "einzig mögliche" ersetzt werden? Einige Aufzeichnungen bei REICKE geben darüber Aufschluß. Die Widerlegung des Idealismus, die Beweisart der Existenz der Dinge
    "kann niemals durch innere Wahrnehmung ausgemacht werden und den schärfsten inneren Sinn, weil man das unwillkürliche Spiel der Imagination in sich nicht vom Sinn unterscheiden kann." (44)
Ferner:
    "Wir können den Sinn als von der Einbildungskraft unterschiedenes Vermögen zwar nicht durch Empfindung allein, aber durch einen sicheren Schluß unterscheiden." (45)
Welches nun dieser Schluß ist, erfahren wir wiederum aus einer Aufzeichnung, die gegen EBERHARD gerichtet ist:
    "Von EBERHARDs Beweis gegen den Idealismus. Es ist aus der inneren Wahrnehmung schlechterdings nicht möglich zu beweisen, daß der Grund der Vorstellung nicht in mir war, aber wenn ich sage, gesetzt, er sei alle Male in mir, so wäre gar keine Zeitbestimmung meines Daseins ..." (46)
so ist dies ein sicherer Schluß (47). In der alten Widerlegung wurde das unmittelbare Bewußtsein vom Dasein äußerer Dinge vorausgesetzt und gesagt:
    "Also existieren ebensowohl äußere Dinge, wie ich selbst existiere, und zwar beide auf das unmittelbare Zeugnis meines Selbstbewußtseins." (48)
Jetzt genügt dieses Zeugnis nicht; denn das Selbstbewußtsein wird eben in Frage gestellt. Es muß also zuerst bewiesen werden, daß wir ein Bewußtsein von  Dingen  und nicht von Phantasmagorien haben, daß das Bewußtsein mehr ist, als ein bloßes Spiel unserer Imagination. "Der verlangte Beweis muß also dartun, daß wir von äußeren Dingen auch  Erfahrung,  und nicht bloß  Einbildung  haben." (49) ["Erfahrung ist Erkenntnis der Gegenstände, die den Sinnen gegenwärtig sind, Einbildung ist Anschauung auch ohne Gegenwart des Gegenstandes, und das Objekt heißt alsdann ein Phantasma."] (50) Dies wird auch geleistet. Unser eigenes Dasein ist in der Zeit bestimmt. Jede Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches voraus. Das ist ein Grundsatz. Nun kann aber "das Dasein eines Dinges in der Zeit ... nicht durch das Verhältnis seiner Vorstellungen in der Einbildungskraft zu anderen Vorstellungen derselben, sondern als eine Vorstellung des Sinnes, zu dem, was an den Gegenständen desselben beharrlich ist, bestimmt werden" (51), weil die Vorstellungen der Einbildungskraft, als bloß zum inneren Sinn gehörig, nur in der Zeit verlaufen, denn "was bloße Vorstellung ist, kann ich nicht zum Objekt des äußeren Sinnes machen, denn dessen Form ist der Raum" (52), also bietet die Einbildungskraft nichts Bleibendes, welches aber für jede Zeitbestimmung unentbehrlich ist. "Im Raum allein setzen wir das Beharrliche, in der Zeit allein ist unaufhörlicher Wechsel." (53) "Dieses Beharrliche ... d. h.  der Raum  kann also nicht wiederum Vorstellung der bloßen Einbildungskraf, sondern muß Vorstellung des Sinnes sein." (54) Daher beweist jede Zeitbestimmung, daß es etwas Beharrliches im Raum und nicht in der Einbildungskraft gibt. Wir haben es also in Bezug auf die äußeren Erscheinungen mit Erfahrung und nicht mit Erdichtung, mit Sinn und nicht mit Einbildung zu tun.

Nun wird selbst von den Idealisten behauptet, daß das Bewußtsein unserer selbst ein unmittelbares ist. Dieses ist aber, wie zugegeben werden muß, ein in der Zeit bestimmtes. Diese Zeitbestimmung wiederum ist, wie gezeigt wurde, nur unter der Voraussetzung eines Beharrlichen im Raum möglich.
    "Also muß ich, so gut wie ich mir meines Daseins in der Zeit bewußt bin, auch des Daseins äußerer Dinge  obgleich nur als Erscheinungen,  doch als  wirklicher Dinge  bewußt werden. Den inneren Sinn kann keiner allein haben und zwar zum Zweck der Erkenntnis seines inneren Zustandes." (55)
So verlaufen in den  Losen Blättern  die Gedankengänge KANTs. Daß aber auch dieser Beweis, ebenso wie der in der ersten Auflage,  nur  die Realität der Erscheinung, nicht diejenige der Dinge-ansich beweisen will, geht mit aller Deutlichkeit besonders aus folgender Bemerkung hervor, die sich hinter einem dieser - hier vielfach wiederholten - Beweis befindet.
    "Wenn unsere Erkenntnis der äußeren Objekte eine Erkenntnis derselben und des Raumes als Dinge ansich sein müßte, so würden wir aus unserer Sinnesvorstellung derselben als außer uns,  niemals ihre Wirklichkeit beweisen können.  Denn uns sind nur Vorstellungen gegeben, die Ursache derselben [d. h. die Dinge ansich] kann nun entweder  in  uns oder  außerhalb von uns sein,  worüber der Sinn nicht entscheidet. Sind aber sowohl die Vorstellungen des inneren Sinnes, als auch die des äußeren bloß Vorstellungen der Dinge in der Erscheinung und ist [andererseits] selbst die Bestimmung unseres Bewußtseins für den inneren Sinn nur durch Vorstellung außer uns im Raum möglich" (56) ...
so (müßte man etwa die hier abbrechende Stelle ergänzen) schließe ich nicht von der Wirkung auf eine bestimmte Ursache, denn nur die Wirklichkeit der Wirkung wird konstatiert, weil ohne dieselbe die Bestimmung meines Daseins unmöglich wäre. Das heißt: es gibt einen äußeren Sinn und nicht nur Einbildung. (57) Es ist nicht einzusehen, wie es möglich ist, aus obigen Prämissen das Gegenteil des von uns ergänzten Schlusses zu folgern, was doch offenbar gemacht werden muß, wenn man in diesen Erörterungen einen Beweis für das Dasein der Dinge-ansich erblicken will. Denn es ist unverständlich, wie aus der Tatsache, daß wie es lediglich mit Erscheinungen zu tun haben, eher die Existenz der Dinge ansich abgeleitet werden könnte, als wenn wir diese so erkennen würden, wie sie sind.

Wir sehen also, KANT betont auch hier, genau wie in der ersten Auflage (58), daß er das Dasein der Dinge-ansich nicht beweisen will, weil dies immer ein unsicherer Schluß von der Wirkung auf die bestimmte Ursache sein müßte. Die Möglichkeit der Bestimmung unseres Daseins in der Zeit zwingt uns zu der Annahme, daß die äußeren Wahrnehmungen von einem äußeren Sinn und nicht von der Einbildungskraft herrühren, weil die Einbildungskraft das zu diesem Zweck notwendige Beharrliche nicht liefern kann. Woher aber der Sinn diese Wahrnehmungen hat, das bleibt nach wie vor unbestimmt. Die spekulative Vernunft kann darüber nichts aussagen; nach ihr kann diese Ursache ein Ding-ansich außerhalb von uns sein, sie kann aber auch eine Kraft in uns sein, die dies alles aus sich heraus produziert. (59)

Nach dem Vorausgeschickten können wir zur  Widerlegung des Idealismus  selbst zurückkehren, die wir jetzt in einem anderen Licht sehen werden. Das richtige Prinzip, nämlich der Ausgang von der Zeitbestimmung war ja bereits entdeckt; jedoch hatten hier die Gedanken noch nicht ihren klarsten Ausdruck gefunden. Der springende Punkt, die Unterscheidung von Sinn und Einbildung, wiewohl in der Einleitung zum Beweis ausdrücklich betont, wurde nachher nicht deutlich genug hervorgehoben, und dieser Mangel an Klarheit wird es wohl gewesen sein, der KANT genötigt hat, diese Widerlegung in den  Losen Blättern  immer wieder vorzunehmen. (60) Dort ist zwar im Prinzip nichts Neues hinzugekommen, die Gedanken sind jedoch immer präziser geworden, so daß nicht mehr gezweifelt werden kann, daß lediglich die Realität der äußeren Erscheinung und ihre Verschiedenheit von den Ausgeburten der Phantasie bewiesen werden sollte. Damit sind aber auch alle Schwierigkeiten, die in unserem Beweis vorkamen, beseitigt.

Unser Beweis lautet:
    "Das bloße, aber empirisch bestimmte Bewußtsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außerhalb von mir. -  Beweis:  Ich bin mir meines Dasein als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle Zeitbestimmung setzt etwas  Beharrliches  in der Wahrnehmung in der Wahrnehmung voraus (61). Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung  in mir  sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und bedürfen als solche selbst ein von ihnen unterschiedenes Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln bestimmt werden kann. (62) Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch eine  Ding  außerhalb von mir und nicht durch die  bloße Vorstellung  eines Dings außerhalb von mir möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außerhalb von mir wahrnehme, möglich." (63)
Dieser Beweis enthält nun unleugbar eine zweifache Schwierigkeit. Es soll das Dasein der Dinge  im Raum  bewiesen werden, also der Erscheinungen. Nachher wird aber gesagt, daß das Beharrliche nicht durch die bloße Vorstellung (also Erscheinung) eines Dings möglich wird, sondern durch ein Ding außer uns, worunter allem Anschein nach das Ding-ansich gemeint ist. Dann wir aber erstens etwas anderes bewiesen, als soeben als Absicht hingestellt war. Und was wichtiger ist, KANT zieht einen Schluß von der Wirkung auf die bestimmte Ursache. Das Beharrliche kann doch wohl auch bloß eine beharrliche Vorstellung sein, deren Grund unbestimmt bleibt. Nimmt man dagegen an, was viel einfacher ist, daß unter "Ding" hier nur die Erscheinung gemeint ist, so steht dieser Satz im Widerspruch mit der so oft eingeschärften Lehre von der transzendentalen Ästhetik, daß der räumlichen Außenwelt keine vom Subjekt unabhängige Existenz zukommt, was doch - wie es scheint - hier gerade behauptet wird. - Es ist ersichtlich, daß, welche Interpretation man auch für die richtige hält, eine Schwierigkeit zutage tritt, die nicht leicht wegdisputiert werden kann.

Man sah sich daher gezwungen, durch verschiedene Interpretationskünste diese Schwierigkeit zu beseitigen. Was man aber auch unter "Ding außerhalb von mir" verstand und wie man auch dem Widerspruch auszuweichen suchte - KANT zog dabei immer den kürzeren: Verstand man unter "Ding" das transzendentale Objekt, so mußte man KANT vorwerfen, er begehe einen Fehlschluß, nämlich von der Wirkung auf die Ursache. Denn der Grund der beharrlichen Erscheinung kann ebensowohl im transzendentalen Subjekt, wie auch anderswo liegen. (64) Bezog man hingegen "Ding" auf die Erscheinung, so war es womöglich noch schlimmer. Denn man glaubte konstatieren zu müssen, daß der Urheber der Unterscheidung von Ding-ansich und Erscheinung selbst diese beiden Begriffe in unheilvollster Weise verwirrt hat. Andere wiederum kamen zu der Überzeugung, daß KANT von seiner ursprünglichen Lehre der transzendentalen Ästhetik abging und jetzt oder vielleicht auch schon früher - eine doppelte Affektion lehrt, nämlich die Affektion durch das Ding-ansich und die Affektion durch die Erscheinung. Das Ding-ansich affiziert das transzendentale Subjekt, dieses macht aus dem intelligiblen Grund eine empirische Erscheinung, diese Erscheinung steht also dem empirischen Subjekt selbständig gegenüber und ruft in ihm Vorstellungen hervor. Diese Lehre von der doppelten Affektion - wird ferner behauptet - steht zwar nicht im äußeren Widerspruch mit dem kantischen System, zerstört es aber von innen heraus (65).

Die unheilvolle Verwirrung, die durch diese Skizze der Kontroverse noch lange nicht erschöpft ist, wurde, wie gesagt, durch den Satz hervorgerufen:
    "Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding außer mir, und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dings außer mir möglich."
Auf das richtige Verständnis dieses Satzes kommt also alles an. Nun wissen wir aus den Vorhergehenden, daß KANT hier gegen denjenigen Idealismus ankämpft, der, wenn er nicht geradezu die Außenwelt als das Produkt der Einbildungskraft ansieht, so doch diese Frage mit einem "Non liquet" [Es ist nicht klar. - wp] abfertigt. Der ganze Beweis wird daher darauf beruhen müssen, daß der Sinn durch irgendein Kriterium von der Einbildungskraft unterschieden wird, oder genauer, er wird in dem Nachweis liegen, daß es außer der Einbildungskraft einen Sinn geben muß. Dies geschieht aber, wenn man feststellt, daß zur Zeitbestimmung etwas Räumliches, außer mir befindliches notwendig ist. Denn wir haben zwar eine Vorstellung "Ich", wir haben auch Vorstellungen der Einbildungskraft; aber diese können das gesuchte Beharrliche nicht sein, weil sie nur Vorstellungen sind und als solche nur in der Zeit verlaufen und nicht beharren, während wir weiterdenken.
    "Denn das Ich ist zwar in allen Gedanken; es ist aber mit dieser Vorstellung nicht die mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der Anschauung unterscheidet. Man kann also zwar wahrnehmen, daß diese Vorstellung bei allem Denken immer wiederum vorkommt, nicht aber, daß es eine stehende und bleibende Anschauung ist, worin die Gedanken (als wandelbar) wechseln." (66)
Es beharrt also nur das räumliche Ding. Also ist dieses Beharrliche als räumliches Ding nicht die  bloße Vorstellung  oder der bloße Gedanke, nicht lediglich das Produkt unserer phantasierenden oder sogar produktiven Einbildungskraft, sondern eine Erscheinung, die unabhängig von unseren Gedanken existiert und als äußeres Ding  im Sinn  beharrt, während wir weiterdenken und unsere Gedanken, die bloßen Vorstellungen, wechseln. Trotzdem kommt diesen Erscheinungen kein absolutes Sein zu. Sie existieren zwar unabhängig von ihrem Gedachtwerden, unabhängig von unserer Einbildungskraft, nicht aber unabhängig von unserem Sinn.
    "Die Frage, ob es außer mir etwas Wirkliches gibt, wird [nach wie vor] so beantwortet: Körper sind außerhalb meiner  Sinnlichkeit  keine Körper, und also sind sie nur in der Vorstellungskraft empfindender Wesen. Ob diesen Erscheinungen etwas außerhalb von uns korrespondiert, ist eine Frage nach der Ursache und nicht von der Existenz dessen, was erscheint." (67)
Die Richtigkeit dieser Unterscheidung der "bloßen Vorstellung" als Gedankending von der Erscheinung, die als außer uns existierendes Ding vom rationalen Teil unseres Subjekts unabhängig ist, beweist folgende Entgegenstellung:
    "Was ich mir räumlich vorstelle, kann nicht zur Vorstellung des inneren Sinnes gezählt werden, denn diese seine Form ist die Zeit, die nur eine Dimension hat. Ebenso was  bloße Vorstellung  ist, kann ich nicht zum Objekt des äußeren Sinnes machen, denn dessen Form ist der Raum." (68)
Die bloße Vorstellung steht also hier im direkten Gegensatz zur äußeren Erscheinung. Noch deutlicher geht dies hervor, wenn man den Sinn des Ausdrucks "das Beharrliche" genau feststellt. In unserer Widerlegung heißt es:
    "Dieses Beharrliche ... kann nicht eine Anschauung  in mir  sein, denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen." (69)
Man vergleiche nun hiermit ähnlicher Erörterungen aus den  Losen Blättern  und den  Reflexionen: 
    "Dieses [Beharrliche] muß außer uns als  Gegenstand des äußeren Sinnes  angeschaut werden." (70)

    "Dieses Beharrliche ... d. h.  der Raum  kann nicht wiederum  Vorstellung der bloßen Einbildungskraft, sondern muß Vorstellung des Sinnes sein."  (71)

    Schließlich sagt KANT in den  Reflexionen:  "... Allein wir können unsere eigene Existenz nur erfahren, sofern wir sie in der Zeit bestimmen, wozu das Beharrliche gehört, (da  wirkliche)  Vorstellung in uns keinen Gegenstand hat. Auf der  bloßen Einbildung  eines Beharrlichen außer uns kann sich diese Vorstellung [Ich] auch nicht gründen. ... Unsere  Vorstellung,  sofern sie zum Bewußtsein unser selbst gehört, hat keinen dergleichen Gegenstand." (72)
Wir sehen also, was wir,  hier  zumindest, unter dem Ausdruck  "bloße"  oder  "wirkliche  Vorstellung" zu verstehen haben. Allerdings kommt dieser Ausdruck auch als Bezeichnung für die Erscheinung vor, um ihre relative Existenz darzutun, so wird z. B. der Raum "bloße Vorstellung" genannt, (73) ebenso nennt KANT wiederholt die Erscheinungen "bloße Vorstellungen". (74) Daß aber in unserem Fall mit diesem Ausdruck nur eine von allem Sinnlichen freie Handlung unseres Denkens oder unserer Einbildungskraft gemeint sein kann, geht mit aller Deutlichkeit aus dem Angeführten hervor Diese Feststellung der Bedeutung des Terminus "bloße Vorstellung" in unserer Widerlegung ist von nicht geringer Wichtigkeit. Denn fürs Erste geht aus dieser Vorstellung hervor, daß in der Widerlegung nicht  Ding-ansich  und Erscheinung, sondern Erscheinung und Vorstellung (im engeren Sinne) einander gegenübergestellt werden; vom Ding-ansich ist hier also nicht die Rede. Damit fallen aber zwei schwerwiegende Vorwürfe gegen KANT weg. Erstens begeht er keinen Fehlschluß von der Wirkung auf die bestimmte Ursache. Zweitens kann man nicht einwerfen, daß zur Zeitbestimmung die  Vorstellung  eines Beharrlichen genügen würde; denn das eben ist KANTs Meinung; (75) er bekämpft nur die Ansicht, daß eine beharrliche Vorstellung der Einbildung ausreichen würde, denn eine solche ist nach ihm unmöglich. Außerdem geht aber aus unserer Feststellung hervor, daß KANT mit dieser Widerlegung nichts von seiner bisherigen Lehre aufzugeben, oder auch nur zu modifizieren braucht. Im 4. Paralogismus betont er die relative Existenz der Erscheinung gegenüber dem  Common sense",  der die Erscheinungen für Sachen ansich nimmt, sowie gegen den psychologischen Idealismus, der dasselbe tut, um die Außenwelt nachher zu bezweifeln. In unserer Widerlegung legt er dagegen Gewicht daruf, daß den Erscheinungen des  äußeren  Sinnes im Gegensatz zu den Vorstellungen der Einbildungskraft ein Sein unabhängig von unserem bloßen Denken zukommt. (76) Mit anderen Worten: einmal steht die Erscheinung im Gegensatz zu ansich existierenden Dingen, und dann ist sie nur in uns, weil selbst der Raum nur eine Vorstellung in uns ist; das andere Mal steht die Erscheinung im Verhältnis zu der bloßen Einbildung, und dann kommt ihr ein von der Einbildungskraft unabhängiges Dasein zu; sie ist dann außer mir, außer meinen spezifisch innerlichen Vorstellungsfähigkeiten - sie ist in dem Sinne. Wenn ich mir also einen  Pegasus  vorstelle oder an PLATO denke, so kommt diesen Vorstellungen kein Sein außer mir (außer der Einbildungskraft) zu; sehe ich hingegen einen Baum vor mir stehen, so korrespondiert meinem Gedanken vom Baum eine wirkliche sinnliche Erscheinung, obwohl diese als Erscheinung nur in mir ist, denn selbst der äußere Sinne ist in mir. Allerdings wird die Erscheinung dem rezeptiven Sinn durch ein Ding-ansich geliefert, das ihn affiziert. Ob dieses aber in uns (in unserem transzendentalen Subjekt) oder außerhalb von uns ist, wird hier nicht entschieden, denn der Sinn sagt darüber nichts aus. (77)

Aufgrund des herangezogenen Materials scheint uns also folgendes festzustehen:
    1. Die in der zweiten Auflage gegebene Widerlegung des Idealismus will ebenso wie diejenige im 4. Paralogismus der ersten Auflage nur das Dasein der Erscheinungen beweisen.

    2. Dieser Beweis bedeutet eine notwendige Vertiefung der enstprechenden Erörterungen in der ersten Auflage, da dort das unmittelbare Bewußtsein von Dingen vorausgesetzt und sein Zeugnis in Anspruch genommen worden ist; hier hingegen wird dieses unmittelbare Bewußtsein durch einen gültigen Schluß - also mittelbar - bewiesen.

    3. KANT begeht in dieser Widerlegung weder einen Fehlschluß, noch gibt er von seiner bisherigen Lehre etwas auf.
Dies alles entspricht der Tatsache, daß hier  der  Idealismus bekämpft wird, der es für möglich hält, daß die Außenwelt lediglich eine Ausgeburt unserer Phantasie ist. Demgemäß mußte in der Widerlegung vor allem auf die notwendige Unterscheidung von Sinn und Einbildung oder Einbildungskraft Gewicht gelegt werden. Es liegt also gar kein Anlaß zu der Behauptung vor, daß KANT das Ding-ansich mit der Erscheinung verwirrt oder daß er eine doppelte Affektion lehrt. Denn, wie gesagt, überall da, wo er der Erscheinung ein selbständiges Sein zuspricht, ist dieses relativ zur Einbildung oder Einbildungskraft gemeint; wo ihr hingegen ein absolutes Sein abgesprochen wird, geschieht dies im Verhältnis zum Sinn.

Nun werden wir auch folgenden Satz besser verstehen. Im vierten Paralogismus heißt es:
    "Alle äußere Wahrnehmung also beweist unmittelbar etwas Wirkliches im Raum oder ist vielmehr das Wirkliches selbst, und insofern ist also der empirische Idealismus außer Zweifel, d. h. es korrespondiert unseren äußeren Anschauungen etwas Wirkliches im Raum." (78)
Diese Satz wird von den Erfindern der Theorie der doppelten Affektion bei KANT zum Beweis angeführt, daß bereits in der ersten Auflage eine Verwirrung in Bezug auf das affizierende Ding stattfindet. Denn in unserem Zitat wird im Nachsatz der räumlichen Erscheinung eine selbständige Existenz zugeschrieben, während dies im ersten Teil des Satzes noch nicht behauptet wurde (79). In der Tat ist der Satz so ausgedrückt, daß sein erster Teil in einem scheinbaren Gegensatz zur Erläuterung steht. Die äußere Wahrnehmung ist zunächst das Wirkliche selbst; gleich darauf wird aber gesagt, daß unseren Anschauungen etwas Wirkliches im Raum  korrespondiert.  Gewiß kann es gerechtfertigt sein, im kantischen System lauter Widersprüche aufzudecken; man sollte jedoch davor zurückschrecken, in ein und demselben Satz KANT eines Widerspruchs zu bezichtigen. Zudem kommt in Betracht, daß unmittelbar nach den zitierten Worten der Satz folt: "Freilich ist der Raum selbst, mit all seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir." (80) und etwas weiter: "Das Reale äußerer Erscheinungen ist also wirklich nur in der Wahrnehmung und kann auf  keine andere Weise  wirklich sein." (81)

Ich finde, daß der angegriffene Satz gerade sehr lehrreich und ein Beleg dafür ist, was KANT meint, wenn er sagt, daß der Anschauung etwas Wirkliches korrespondiert. Nämlich: obwohl man im Gegensatz zu den Vorstellungen der Einbildungskraft von den Anschauungen der Wirklichkeit sagen muß, daß ihnen etwas im Raum (im Sinn) korrespondiert, so bekommen doch diese korrespondierenden Erscheinungen keine selbständige Existenz, sondern sie sind mit den äußeren Wahrnehmungen identisch, weil der Raum selbst  in  uns ist. Das Wirkliche im Raum korrespondiert den Vorstellungen, den Gedanken, die in uns infolge der von den Sinnen gelieferten Anschauungen entstehen. Dem Gedanken  Baum  korrespondiert, wie erwähnt, die sinnliche Wahrnehmung  Baum,  die für uns das Letzte ist und den Gegenstand repräsentiert. Der Vorstellung "Pegasus" oder der soeben geplatzten Seifenblase nicht, weil sie als Gegenstand der Sinne nicht mehr gegenwärtig ist.

Nur einen solchen - historisch vielleicht gar nicht vorhandenen, von KANT aber dem DESCARTES unterschobenen - Idealismus, denjenigen nämlich, der die Unterscheidung von Sinn und Einbildung nicht anerkennt, oder als ununterscheidbar hinstellt, wollte KANT an den genannten Stellen bekämpfen. (82)

Anders verhält es sich mit der Stellung zum BERKELEY'schen Idealismus. Hier hätte die Widerlegung ganz anders ausgeführt werden müssen. KANT trennt deshalb wiederholt sehr deutlich den Idealismus des DESCARTES von dem BERKELEYs. Bei der Widerlegung des letzten konnte es sich nicht mehr um die Feststellung der Existenz der Erscheinung handeln; denn diese hat BERKELEY in Wirklichkeit gar nicht geleugnet. (83) Wenn BERKELEY demnach widerlegt werden sollte, so mußten ganz andere Momente in Betracht gezogen werden. Erstens mußte der vermeintliche Grund, der nach KANTs Meinung diesen Idealismus hervorgerufen hat, beseitigt werden, und zweitens mußte die Existenz der Dinge-ansich betont werden.

Das erste konnte KANT leicht gelingen. Indem er glaubte, BERKELEYs Idealismus sei lediglich durch die Widersprüche, die ihm der Raumbegriff verursacht hat, hervorgerufen worden, (84) brauchte er nur auf die transzendentale Ästhetik oder auf die Auflösung der ersten beiden Antinomien hinzuweisen. Nach KANTs Andeutungen im 4. Paralogismus ist dies allein auch das Prinzip, das BERKELEYs Lehren widerlegen soll. (85) Im Anhang zu den  Prolegomena  wird noch besonders diese Widerlegung als Abwehr gegen die  Göttinger Rezension  ausgeführt. Dieses ist aber nur der erkenntnistheoretische, nicht der metaphysische Unterschied der beiden Lehren. Der vermeintliche Grund dieses Idealismus ist zwar mit der kantischen Lehre von Raum und Zeit gehoben. Der Idealismus selbst brauchte aber trotzdem nicht aufgegeben zu werden. Zwar haben Raum und Zeit neben ihrer Subjektivität noch das Merkmal des Apriori. Deshalb braucht aber nicht das, was diese Formen füllt, von einem Ding-ansich herzurühren, sondern auch weiterhin könnte Gott dafür in Anspruch genommen werden, ohne daß dieses Material der empirischen Anschauung seien aposteriorischen Charakter verlieren würde. Die Dinge-ansich würden auch jetzt noch in Frage stehen, wenn auch das  esse = percipi  [Sein ist Wahrnehmen. - wp] durch ein  esse = intelligi  [Sein ist Verstand. - wp] ersetzt werden müßte, falls man das Resultat der Analytik auch noch in Bezug auf die Erscheinungen anerkennen wollte. Zur ersten, negativen Widerlegung, nämlich zur Beseitigung des Grundes von BERKELEYs Idealismus, hätte noch eine zweite, positive, hinzukommen müssen, die das Sein der Dinge-ansich dartum müßte.

Eine Betonung der Dinge ansich ist nun, wie wir wissen, in den Prolegomena in dem bekannten Protest vorhanden. Dieser kann aber nicht gut Widerlegung genannt werden. KANT sträubt sich hier gegen BERKELEYs Idealismus, indem er zeigt, daß ihn von BERKELEY die Annahme wirkender Dinge ansich unterscheidet. Es fehlt jedoch jede Spur von einem Beweis für diese Existenz, weil diese noch damals für ihn so selbstverständlich war, daß sie bewiesen zu werden brauchte. Der Beweis konnte aber auch spekulativ von KANTs Voraussetzungen aus gar nicht geführt werden ohne daß man einen Fehlschluß begeht, und insofern ist KANT tatsächlich in der theoretischen Philosophie dem BERKELEY die Antwort schuldig geblieben.
LITERATUR - Simon Brysz, Das Ding ansich und die empirische Anschauung in Kants Philosophie, Halle a. d. Saale 1913
    Anmerkungen
    1) Vorrede 2 zur Kr. d. r. V., Seite XL, Anm. Ich zitiere im allgemeinen Kants Werke nach der Akademie-Ausgabe. Die Kr. d. r. V. jedoch nach der Originalpaginierung der 2. Auflage (Ausgaben B. ERDMANN). Bei Zitaten aus der 1. Auflage füge im immer  A  hinzu.
    2)  Lose Blätter aus Kants Nachlaß,  mitgeteilt von RUDOLF REICKE, Bd. 1, Seite 102
    3) Wenn ich nicht irre, war LOTZE der erste, der die Bedeutung der Antinomien für die transzendentale Ästhetik gesehen hat, er sagt: "Die Beweggründe zu einer solche Umgestaltung der gewöhnlichen Ansicht lagen für KANT nicht in der Natur des Raums selbst, sondern in den Widersprüchen, in welche sein vorausgesetztes Verhalten zum Wirklichen zu führen schien ... Erst die Antinomien, in welche wir uns verwickeln, wenn wir mit dieser Voraussetzung eines wirklichen Raums unsere Vorstellungen vom Ganzen der Welt oder von ihren letzten Bestandteilen zu vereinigen suchen, entschieden bei KANT für die Annahme, die Anschauung des Raums sei nur eine subjektive Form, mit welcher die Natur des vorauszusetzenden Realen nichts gemein hat." (Metaphysik, 2. Auflage, Seite 201f) - Unabhängig hiervor bemerkt RIEHL: "Die Antinomie trieb zur Unterscheidung der phänomenalen und intelligiblen Welt; um aber diese Unterscheidung zu machen, mußte ihr jene zwischen den sinnlichen Elementarbegriffen und Denkbegriffen vorausgegangen sein. Also war es ein metaphysisches Interesse, welches KANT auf die Bahn der kritischen Philosophie brachte." (Der philosophische Kritizismus I, Seite 273). Man vgl. auch Seite 249f und 2. Auflage, Bd. 1, Seite 343. Diese Vermutung RIEHLs fand dann eine glänzende Bestätigung in dem von ERDMANN herausgegeben neuen Material aus KANTs Nachlaß. Man vergleiche besonders Reflexion Nr. 4, wie auch den Brief an GARVE vom 21. September 1798. B. ERDMANN hat dann in einer erschöpfenden Abhandlung auf die ungemeine entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der Antinomien für KANTs Kritizismus hingewiesen. Mit Hilfe des von ihm entdeckten neuen Beweismaterials hat er überraschend gezeigt, daß die Umwälzung im kantischen Denken keinem anderen Einfluß (also auch nicht dem HUMEs) in dem Maße wie den Antinomien zuzuschreiben ist. Man vergleiche: Die Entwicklungsperioden von Kants theoretischer Philosophie, Vorbericht zum zweiten Band der Reflexionen Kants, Seite XXVIf, sowie  Prolegomena,  Einleitung, Seite LXXXV.
    4) Kr. d. r. V., Seite 59. Beiläufig sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung KANTs, die doch im Grunde nur ein Analogieschluß ist, etwas zu apodiktisch ausgedrückt ist.
    5) Man vgl. Vorrede 2, Seite XXVI, Zeile 12
    6) Kants WW, Bd. 5, Seite 5f. Man vgl. auch  Lose Blätter,  Seite 217: "Die  Endabsicht  aller Metaphysik ist von der Erkenntnis des Sinnlichen zum Übersinnlichen aufzusteigen."
    7) Kr. d. r. V., Seite 300
    8) Kr. d. r. V., A - Seite 252f
    9) Man vgl. auch RIEHL, Kritizismus I, zweite Auflage, § 573.
    10) Kr. d. r. V., A - Seite 253. Man vgl. auch die Definition des Noumenon, A - Seite 248 und 307.
    11) Man vgl. B. ERDMANN, Nachträge zu Kants Kr. d. r. V.
    12) Kr. d. r. V., Seite 303
    13) ERDMANN, a. a. O. Seite 41
    14) Kr. d. r. V., Seite 311
    15) Kr. d. r. V., Seite 315
    16) ERDMANN, a. a. O. Seite 44
    17) Im Handexemplar wird die fragliche Stelle folgendermaßen verbessert: "Ob es alsdann nicht eine bloße Form eines Begriffs ist  oder ob  bei dieser Abtrennung überall  noch eine mögliche Anschauung  übrig bleibt." Dazu soll folgende Begründung hinzukommen: "Denn die Möglichkeit einer intellektuellen Anschauung kann niemand dartun, und es könnte also leicht möglich sein, daß gar keine solche Erkenntnisart stattfindet, in Anbetracht deren wir etwas als Gegenstand betrachten würden. Also behauptet der  positive  Begriff eines Noumenon etwas, dessen Möglichkeit er nicht beweisen kann." - ERDMANN, a. a. O., Seite 44.
    18) Kr. d. r. V., Seite 308f
    19) Kr. d. r. V., A - Seite 251f
    20) Prolegomena, Werke Bd. IV, Seite 293.
    21) Vgl. Kr. d. r. V., Seite 300
    22) Kr. d. r. V., Seite 422 Anm.
    23) Zu den vom kritischen Standpunkt nicht beanstandeten, weil nur negatien Sätzen gehört auch das Urteil: Die  Dauer  der Dinge-ansich ist keine Zeit. Siehe Kr. d. r. V., Seite 149.
    24) Brief an BECK vom 4. Dezember 1792. Vgl. auch RIEHL, Kritizismus I, zweite Auflage, Seite 403
    25) Kr. d. r. V., A - Seite 251. Von der ähnlichen Bemerkung in der zweiten Vorrede sehe ich zunächst noch ab.
    26) KANT spricht in den Prolegomenen, Werke IV, Seite 377, Zeile 29 von seinem Begriff der Erscheinungen, indem er sich auf das Resultat der transzendentalen Ästhetik bezieht.
    27) vgl. den oben erwähnten Brief an BECK.
    28)  Lose Blätter  Seite 162. Dieser Satz ist noch in anderer Beziehung von Wichtigkeit. KANT nennt hier das transzendentale Objekt nur einen Begriff und im selben Atemzug lehrt er, daß der Erscheinung etwas korrespondieren muß. Es geht daraus hervor, wie verfehlt es ist, aus der Tatsache, daß KANT das Ding-ansich lediglich als Begriff gelten lassen will, zu folgern, daß er damit zugleich dieses als Realität leugnet. Mit unseren Erkenntnismitteln, meint KANT, können wir von einem Ding überhaupt nur einen Begriff haben, dieses hört aber deshalb nicht auf als Objekt zu existieren.
    29) Kr. d. r. V., A - Seite 370f
    30) Kr. d. r. V., A - Seite 385
    31) Kr. d. r. V., A - Seite 373
    32) Kr. d. r. V., A - Seite 375f
    33) Kr. d. r. V., A - Seite 372
    34) ERDMANN, Reflexion Nr. 1191.
    35) ERDMANN, Reflexion Nr. 1193.
    36) ERDMANN, Reflexion Nr. 1193.
    37) Prolegomena, Werke IV, Seite 228f. In der Tat, es ist unverständlich, wie diese und ähnliche so deutliche Stellen mißverstanden werden können, so daß das Ding-ansich aus der Kritik eliminiert wird. Aber nicht minder erstaunlich ist es, daß manche Ausleger KANTs, die das Ding ansich sonst gelten lassen, hier in den Prolegomena alle Äußerungen über die Wirklichkeit auf die Erscheinung und nicht auf die Dinge-ansich beziehen wollen, allerdings, wie von ihnen selbst zugestanden wird, nicht ohne "heroische" Interpretationskünste. So BUSSE, Zu Kants Lehre vom Ding ansich, Fichtes Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 102b.
    38) BENNO ERDMANN, Kants Kritizismus, Seite 94
    39) Man vgl. dagegen ERDMANN, ebd., Seite 201
    40) Man vgl. ERDMANN, Einleitung zur Kr. d. r. V. in der Akademie-Ausgabe III, Seite 558.
    41) Vorrede 2, Seite XXVI.
    42) ebd. Anm.
    43) siehe weiter oben
    44) Lose Blätter, Seite 229
    45) Lose Blätter, Seite 210.
    46) Lose Blätter, Seite 232.
    47) In den einleitenden Worten zu seiner Widerlegung sagt KANT: "Einen mächtigen Einwurf aber wider diese Regelns, das Dasein mittelbar zu beweisen, macht der Idealismus." (Kr. d. r. V., Seite 274. Nun hat man den Ausdruck "mittelbar" als einen Druckfehler anstatt  un mittelbar hinstellen wollen. Aber abgesehen davon, daß sowohl der Zusammenhang, wie der Beweis selbst dies verbieten, geht aus den hier angeführten Stellen ganz deutlich hervor, was KANT wollte; er ist nämlich bestrebt, durch einen richtigen Schluß, also  mittelbar  die Unmittelbarkeit der äußeren Wahrnehmung zu beweisen.
    48) Kr. d. r. V., A- Seite 370f
    49) Kr. d. r. V., Seite 275
    50) Lose Bätter, Seite 101
    51) Lose Blätter, Seite 202
    52) Lose Blätter, Seite 104
    53) Lose Blätter, Seite 212
    54) Lose Blätter, Seite 204
    55) Lose Blätter, Seite 189
    56) Lose Blätter, Seite 204
    57) Man vgl. die ganz ähnliche Erörterung in der Kr. d. r. V., A - Seite 372 und in den  Prolegomena,  § 49 Schluß, wo Analoges von der Erscheinung behauptet wird: Sind "Erscheinungen etwas außer uns Existierendes, so können alle Kriterien der Erfahrung außerhalb unserer Wahrnehmung niemals die Wirklichkeit dieser Gegenstände außerhalb von uns beweisen." Wenn dies von den Erscheinungen gilt, so gilt es doch mindestens in gleichem Maß von den Dingen-ansich, die doch strikt außerhalb von uns sind. Wie kann man demnach annehmen, daß KANT jemals die Wirklichkeit der Dinge ansich mittels der "Kriterien der Erfahrung" habe beweisen wollen?
    58) Kr. d. r. V., A - Seite 375f.
    59) Man vgl. oben
    60) siehe  Lose Blätter,  Seite 98 - 104 (speziell 101f), 189f, 200-205, 209-216, 260-263. Daß alle diese Erörterungen nach dem Erscheinen der zweiten Auflage der Kritik, also nach dem Jahr 1787 aufgezeichnet worden sind, unterliegt - dem Inhalt nach zu urteilen - keinem Zweifel. Bei einer dieser Aufzeichnungen (Seite 200-205) ist dies bezeugt: sie befindet sich auf einem Brief, der mit dem Datum: "Königsberg 13. Oktober 1788" versehen ist.
    61) Kr. d. r. V. Seite 275
    62) Vorrede 2, Seite XXXIX Anm.
    63) Kr. d. r. V. Seite 275
    64) ERDMANN, Kants Kritizismus, Seite 203
    65) Man vgl. hierüber VAIHINGER, Zu Kants Widerlegung des Idealismus, Straßburger Abhandlungen, 1884. - BUSSE, a. a. O. - FALCKENBERG, Geschichte der neueren Philosophie, sechste Auflage, Seite 317f. Man vgl. außerdem VAIHINGER, Kommentar II, Seite 52, Anm.
    66) Kr. d. r. V., A - Seite 350
    67) Reflexion, a. a. O. Nr. 1191
    68) Lose Blätter 104
    69) Vorrede 2, Seite XXXIX, Anm.
    70) Lose Blätter, Seite 212
    71) Lose Blätter, Seite 101
    72) Reflexion, Nr. 1195
    73) Kr. d. r. V., A - Seite 374
    74) Kr. d. r. V., Seite 164
    75) Man vgl. Vorrede 2, Seite XLI, Anm.
    76) Lose Blätter, Seite 204f
    77) Lose Blätter, Seite 204. Man vergleiche noch besonders den Aufsatz "Widerlegung des problematischen Idealismus", der für KIESEWETTER bestimmt war und aus dem ganz klar hervorgeht, daß von einem Beweis für die Existenz der Dinge-ansich in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein kann. Der Schluß der genannten Widerlegung, die mit derjenigen in der Kr. d. r. V. im allgemeinen übereinstimmt, wenn sie auch viel klarer und deutlicher ausgeführt ist, lautet wie folgt: "Es hat also der  äußere Sinn  Realität, weil ohne ihn der innere Sinn nicht möglich ist." (Werke IV, HARTENSTEIN-Ausgabe, Seite 503)
    78) Kr. d. r. V., A - Seite 375.
    79) VAIHINGER, a. a. O.
    80) Kr. d. r. V., A - Seite 376.
    81) Kr. d. r. V., A - Seite 376.
    82) Mit meiner Auffassung der Widerlegung stimmt auch die lange Anmerkung in der 2. Vorrede und besonders die Anmerkung 2 zur Widerlegung in der Kr. d. r. V. selbst überein (Seite 277f). Jedoch können wir dies hier nicht weiter ausführen, weil es uns zu weit führen würde. Und nochmals sei es hervorgehoben, bei dieser Widerlegung brauchte das Ding-ansich gar nicht berührt zu werden, denn dies wäre die Frage nach der Ursache der Erscheinung, nicht aber nach ihrer Existenz selbst.
    83) BERKELEY war ebenso wie KANT empirischer Realist, nur war er dabei nicht transzendentaler sondern transzendenter Idealist. Man vgl. besonder BERKELEY, "Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis" (Deutsch von Überweg), § 35f: "Ich bestreite nicht die Existenz irgendeines Dinges, das wir durch Sinneswahrnehmung oder durch Reflexion auf unser Inneres zu erkennen vermögen. Daß die Dinge, die ich mit meinen Augen sehe und mit meinen Händen betaste,  existieren, wirklich existieren,  bezweifle ich nicht im mindesten. Das einzige, dessen Existenz wir in Abrede stellen, ist das, was die Philosophen  Materie  oder  körperliche Substanz  nennen ... Wenn jemand glaubt, dies tue der Existenz oder der Realität einen Eintrag, so ist er weit davon entfernt, das zu verstehen, was bisher ... auseinandergesetzt wurde." Es ist sehr zu bedauern, daß KANT zu den von BERKELEY hier getadelten Lesern gehört hat: seine Widerlegung BERKELEYs würde sonst vielleicht ganz anders ausgefallen sein. Er würde dann nicht nur betont haben, daß er den Dingen-ansich ihr Sein läßt, sondern auch mit welchem Recht und aus welchem Grund er an dieser ihrer Existenz festhält.
    84) Tatsächlich verhält sich die Sache umgekehrt. Nicht der populäre Raumbegriff hat den Idealismus BERKELEYs hervorgerufen; vielmehr hat die Unvereinbarkeit dieses Begriffs mit dem um 1709 bereits feststeenden Idealismus BERKELEYs den "Versuch einer neuen Theorie des Sehens" zur Folge gehabt. Dies geht aus folgender Bemerkung BERKELEYs in den  Prinzipien,  § 43 klar hervor: "Denn wenn wir in Wahrheit einen außer uns liegenden Raum und wirklich in ihm existierende Körper, die einen in größerer Nähe, die anderen in weiterer Entfernung von uns wahrnehmen können, so scheint dies einigermaßen dem oben Gesagten, daß sie nirgendwo außerhalb des Geistes existieren, zu widerstreiten. Die Erwägung dieser Schwierigkeit war das, was meinen Versuch einer neuen Theorie des Sehens veranlaßte."
    85) Man darf also nicht behaupten, daß er seine Ankündigung, diesen Idealismus zu widerlegen, nirgends ausgeführt hat (VAIHINGER, a. a. O.), denn dies geschieht nach KANTs Bewußtsein in der Antinomienlehre.