tb-1ra-2cr-2E. LaskRickertA. Liebertvon Mutius    
 
FRITZ MÜNCH
Erlebnis und Geltung
[1/3]

"Statt aus dem zunächst als zusammenhangs- und sinnlos angenommenen Seienden dessen Sinn herausholen zu wollen (was ein sinnloses Unternehmen ist und nur durch dogmatische Annahmen zu einer Scheinlösung gebracht werden kann), stellt er sich von vornherein in den Sinn selbst -  das ist eben die kopernikanische Wendung  - und fragt nach dessen formalen Konstituentien und den Bedingungen von deren inhaltlicher Erfüllbarkeit. Statt aus dem Sein den Sinn, sucht er umgekehrt aus dem Sinn das Sein zu begreifen. Nicht das  Da sein von Weltinhalten überhaupt (das hieße, einen Sprung ins Nichts machen, um aus diese wieder ins Ichts zurückzuspringen), sondern ihr  So sein, und auch das geht wieder nicht auf ihre inhaltlich - qualitative Beschaffenheit, die eben auch bloß so da ist (da alles Daseiende ein Sosein hat, alles Soseiende ein Dasein voraussetzt), sondern auf die Zusammenhangsform des daseienden Soseienden.  Das Problem der Wahrheit ist ein Formproblem, d. h. Sinnproblem." 

Einleitung

Die folgenden Gedankengänge wollen versuchen, eine systematische Grundlegung der Transzendentalphilosophie, sofern diese zugleich eine  Weltanschauung  zu geben behauptet, zu entwickeln und zu begründen. Alle Ausführungen sind also prinzipiell  systematisch  orientiert und stellen darum auch da, wo an philosophie- historische  Erscheinungen angeknüpft wird, Auswahl und Synthese der Gedanken nur unter einen systematischen Gesichtspunkt. Auch wo ich also auf KANT Bezug nehme, stehen meine Darlegungen unter der Ägide des bekannten Satzes von WINDELBAND: "KANT verstehen, heißt über ihn hinausgehen". (1) Ich bin der Überzeugung, daß jedes Verständnis des historischen KANT schon, sofern es sich nicht auf ein bloßes Nachsprechen beschränkt, sondern eine einheitliche Synthese sucht, ein Hinausgehen über den historisch unter dem Namen KANTs vorliegenden Komplex philosophischer Gedanken involviert. Erst recht ist eine systematisch orientierte Darlegung berechtigt, ja verpflichtet, alles unter den Gesichtspunkt des einheitlichen Systems, der systematischen Einheit, zu stellen. Die Unausgeglichenheit und Mehrdeutigkeit des Gedankengebäudes des historischen KANT (2) wird somit ausdrücklich zugegeben, bleibt aber für mich, kraft des Rechts freier Problemstellung, hier außer Betracht, da es mir hier nicht auf die Frage ankommt: "Was ist Kantisch?" sondern: "Was ist richtig?" (3)




1. Kapitel
Die transzendentale
Problemstellung und Methode

Worin liegt die epochale Bedeutung der "Kritik der reinen Vernunft" für die Geschichte der Philosophie, wenn man es ohne die Ausdrücke der Kantischen Schulsprache zu formulieren sucht? Darin, daß sie einen neuen Begriff des  "Gegenstandes"  und damit einen neuen  Wahrheitsbegriff  begründet. Das Grundproblem, um das sich die ganze kritische Erkenntnistheorie dreht, ist die quaestio juris, worin die "Dignität" besteht und gründet, die einem Inhaltskomplex durch "die Beziehung auf den Gegenstand" (4) zuteil wird. KANT überwindet den Positivismus HUMEs (und all seiner Nachfolger!) durch die grundlegende Einsicht, daß  Inhalt  und  Gegenstand  der Erfahrung unter einem logischen Aspekt eine ganz verschiedene Bedeutung haben, daß alle Gültigkeit nicht am Inhaltlichen, das einfach da ist oder nicht da ist, das man einfach hat oder nicht hat, haftet, sondern am Gegenständlichen, und er befreit nun alle Erkenntnistheorie aus der Sphäre der bloß psychologischen Untersuchungen, die sich ihrer Anlage nach nur auf quaestiones facti beziehen können, dadurch, daß er ihre Grundfrage nicht auf das Problem des Erkennens als eines psychischen Vorgangs in einem psychophysischen Individuum einstellt, sondern auf die rein logische Frage nach der Bedeutung, dem Sinn, dem Eigengehalt, der Geltung des "gegenständlichen" Charakters einer Erkenntnis.

Das ist das Neue der  Problemstellung;  aber dies wird ergänzt durch eine zweite (ebenso einfache und darum ebenso geniale) Einsicht über die  Methode,  wie dieser Frage beizukommen sei. Nämlich: weder  psychologisch  durch Ausgehen vom erlebenden Subjekt, noch  positivistisch  durch eine Analyse der seienden Inhaltskomplexe, noch  metaphysisch  durch Schlüsse aus bestimmten dogmatischen Annahmen, sondern  kritisch  durch Analyse der als  Kultur faktum wirklichen Wissenschaft daraufhin, was den wissenschaftlichen "Gegenständen" und ihren Zusammenhängen ihre  Gültigkeit  verleiht. Eine "bewährte" Wissenschaft lag damals nur vor in der mathematischen Naturwissenschaft: will man also finden, worin der Sinn des "Gegenständlichen" besteht, muß man zusehen, wodurch sich die "wissenschaftliche Wirklichkeit" vom bloß Erlebbaren der alltäglichen Erfahrungswelt unterscheidet. Dieses Plus muß es sein, das die Inhalte aus bloßen Erfahrungsdaten zu wissenschaftlichen Gegenständen macht; denn die Wissenschaft will ja nichts anderes, als das Gegenständliche an der erfahrbaren Welt erfassen, die bloß alltägliche Erfahrung zu einer wissenschaftlichen erheben.

Schaut man sich daraufhin die Wissenschaft an, so zeigt sich, daß sie die Anordnung der Inhalte "einer Regel unterwirft" und dadurch der "Verknüpfung der Inhalte" eine "gewisse Art" der "Notwendigkeit" verleiht: (5) Sie stellt das Inhaltliche in einen bestimmten Formzusammenhang. Die kritische Frage kann daher keine andere sein, als die nach dem System dieser Formprinzipien, durch die die Inhalte aus dem  Zustand  der bloßen Erlebtheit in einen wissenschaftlichen Zusammenhang erhoben und dadurch zu  Gegenständen  werden, d. h. wissenschaftliche Gegenständlichkeit = Wahrheit bekommen. Diese Prinzipien sind also Einheitsprinzipien, Zusammenhangsprinzipien, Verknüpfungsprinzien, Prinzipien der Synthesis, Prinzipien der synthetischen Einheit, in denen alle Wissenschaft gründet, die also alle Wissenschaft logisch voraussetzt und zwar als notwendig oder schlechthin gültige, da aus ihnen ja die quaestio juris, die im Anspruch auf "notwendige Allgemeingültigkeit" = Wahrheit steckt, ihre begründende Entscheidung empfangen, aus ihnen die Rechtmäßigkeit dieses Anspruchs seine Geltungssanktion erhalten, d. h. "deduziert" werden soll. Die Aufgabe der kritischen Erkenntnistheorie ist also, sich die Voraussetzungen der Wissenschaft als eines geltenden Sinnzusammenhangs logisch-systematisch zu Bewußtsein zu bringen. In Kantischer Sprache formuliert: "Die eigentliche, mit schulgerechter Präzision ausgedrückte Aufgabe, auf die alles ankommt, ist also:  Wie  sind synthetische Sätze (Urteile) a priori möglich?" (6)

Wie KANT diese Aufgabe im einzelnen gelöst hat, geht uns, mit all den daran sich knüpfenden Einzelproblemen, hier nichts an. Nur den Gesamtsinn der Problemstellung und der durch sie bedingten Methode wollen wir uns in ihrer Reinheit und Tragweite zu vollem Bewußtsein zu bringen suchen - durch den historischen KANT über den historischen KANT hinaus! "Nachdem KANT das Kolumbusei zum Stehen gebracht, ist es nicht schwer", (7) den Sinn der Problemstellung und ihrer Methode reiner zu sehen, als ihr Begründer: Er hat nichts anderes gemacht, als daß er auf die Probleme der Philosophie die Methode anwendet, durch EUKLID die Mathematik und GALILEI die Mechanik in den "sicheren Gang einer Wissenschaft" (8) gebracht haben, und dabei, wie letzterer,  methodo compositivo"  [synthetische Methode - wp] mit "methodo resolutivo" [analytische Methode - wp] (GALILEI) verbindet.

Ganz allgemein formuliert, liegt die Sache so: Statt aus dem zunächst als zusammenhangs- und sinnlos angenommenen Seienden dessen Sinn herausholen zu wollen (was ein sinnloses Unternehmen ist und nur durch dogmatische Annahmen zu einer Scheinlösung gebracht werden kann), stellt er sich von vornherein in den Sinn selbst -  das ist eben die kopernikanische Wendung  - (9) und fragt nach dessen formalen Konstituentien und den Bedingungen von deren inhaltlicher Erfüllbarkeit. Er macht "a priori" die formale Sinnvoraussetzung überhaupt, um durch deren Determination die "Möglichkeitsbedingungen" der konkreten Sinninhaltlichkeit zu gewinnen. Der exakte Naturforscher geht vom "Subsumptionsallgemeinen" als Grundvoraussetzung aus und findet als inhaltliche Bestimmung dieser Form das "Induktionsallgemein": (10) die transzendental Methode (11) ist nichts anderes, als die Anwendung dieser "analytischen Methode" aller exakten Forschung auf das Problem "Wissenschaft" (und dann der übrigen Kulturwirklichkeiten) (12). Der methodischen Idee nach ist die Wissenschaftlichkeit der transzendentalen  Kultur analyse genau so exakt, wie die der  Natur analyse.

Damit haben wir für eine ganz bestimmte, nämlich die transzendental logische  Auffassung des Grundproblems der K. d. r. V. und seiner Bedeutung für das System der Philosophie Partei genommen, eine andere, die transzendental psychologische  Auffassung, für die erkenntnistheoretische Grundlegung abgelehnt. Diese beiden Gesamtauffassungsmöglichkeiten der kritischen Grundposition wollen wir nun noch etwas näher betrachten durch Analyse zweier Begriffspaare, die sich bei KANT ohne reinliche Scheidung kreuzen.


2. Kapitel
Der Sinn der
kopernikanischen Wendung

Für die Interpretation KANTs, vor allem aber für seine Weiterbildung liegt eine grundlegende Schwierigkeit darin, daß bei ihm das transzendental-psychologische Problem: Subjekt-Objekt und das transzendental-kritische: Form-Inhalt nicht reinlich geschieden sind. KANT sucht in der Antwort auf die Frage nach dem  Grund  der synthetischen Einheit a priori zugleich die Frage zu beantworten, wie  "wir"  zur Synthesis a priori kommen. Mit der rein logischen Frage nach den Prinzipien der  Sachlichkeit  kreuzt sich die andere, die unsere  menschliche  Fähigkeit, diese zu erfassen, zum Problem macht. Die Probleme: "Gegenstand der Erkenntnis" und: "Erkenntnis des Gegenstands" (13) sind nicht reinlich geschieden.

Philosophiehistorisch kann man unter den vorkantischen Problemstellungen, an die KANT anknüpft, das erstere Problem mehr LEIBNIZ, das zweite mehr HUME zuordnen. Beides sind berechtigte Probleme, und beide hängen aufs engste zusammen. Aber ihre wissenschaftliche Verbindung (und damit eine Synthese von LEIBNIZ und HUME) ist erst möglich, wenn sie vorher reinlich geschieden, und jedes seiner eigenen immanent-sachlichen Problemtendenz gemäß, d. h. in Befolgung "des systematischen Formwillens des Problems selbst, der allein es zu einem wohlumschriebenen Problem macht", (14) behandelt ist. Die systematische Grundfrage bezüglich KANTs ist also diese: Ist KANT Philosophie ein transzendental vertiefter Psychologismus, oder ein transzendental gereinigter Metaphysizismus (wobei letzteres zugleich eine transzendentale Vertiefung des Positivismus durch "Aufhebung" (15) des Positiven bedeuten würde)? Mag es nun historisch liegen, wie es will, sachlich scheint mir das letztere das Zukunftsmoment zu sein.

Die landläufige Auffassung von KANTs Erkenntnistheorie, namentlich bei all den Gegnern, die ihn im Interesse des Realismus glauben bekämpfen zu müssen, ist dies allerdings nicht. Für sie ist KANTs Grundposition ein "psychologischer Idealismus" und seine Problemstellung hat nach ihnen ihren Schwerpunkt im Problem des Verhältnisse von Subjekt und Objekt, in der Frage, was am Erkennen auf Rechnung des Subjekts, und was auf Rechnung des Objekts zu setzen sei. Sie halten sich an den Satz LICHTENBERGs: "Was heißt mit kantischem Geist denken? Ich glaube, es heißt, die Verhältnisse unseres Wesens, es sei nun, was es wolle, gegen die Dinge, die wir  außer  uns nennen, ausfindig machen; d. h. die Verhältnisse des Subjektiven gegen das Objektive bestimmen." (16) Die historische Entwicklung von DESCARTES zu KANT gibt in ihrer  kulturpsychologischen  Oberströmung dieser Einstellung auch recht; aber die systematisch orientierte Betrachtung, die nicht nach rückwärts, aus der Vergangenheit heraus, bloß psychologisch  verstehen,  sondern nach vorwärts wirklich wissenschaftlich  begreifen  will, hat dafür die Pflicht, auch den  problemgeschichtlichen  Zusammenhängen, die als Unterströmung wirksam waren, ihre Aufmerksamkeit zu schenken, falls sie in diesen das Zukunftsmoment erblickt. Und unter diesem Gesichtspunkt scheint mir folgendes die sachlich geforderte Problemgruppierung zu sein.

Die richtige Fragestellung DESCARTES' nach den fundamenta cognitionis [Grundlage der Erkenntnis - wp] hatte im Cartesianismus, der nicht in der Urteilslehre, sondern dem Problem: Leib und Seele, den Schwerpunkt der Philosophie DESCARTES' sah, auf eine metaphysiche Ebene der Problematik geführt, die dann durch LOCKEs (übrigens durch GALILEI und DESCARTES in schon viel tieferer Bedeutung vorgebildete) Lehre von den primären und sekundären Qualitäten und deren Vollendung im System BERKELEYs noch mehr befestigt wurde. Demgemäß galt auch das Zeitinteresse am System von LEIBNIZ wesentlich nur seinem Weltanschauungsgegensatz zu SPINOZA, wogegen die Bedeutung seiner logischer Grundlegung der Mathematik und das erkenntistheoretische Problem des Verhältnisses von "vérités éternelles" [ewige Wahrheiten - wp] und "vérités des faits" [Tatsachenwahrheiten - wp] in den Hintergrund trat. Aus dieser Einstellung des Zeitgeistes auf das metaphysische Problem mußte sich KANT erst mühsam herausarbeiten. Daher kam dann noch in seine kritische Problemstellung - diese verunreinigend, sodaß KANT sich noch innerhalb seiner kritischen Periode erste ihre Reinigung erarbeiten muß (17) - der psychologistische Ansatz hinein und als sein notwendiges Gegenstück (denn jeder Psychologismus involviert eine metaphysische Position) die Lehre vom Ding-ansich in metaphysisch belasteter Form und Formulierung. So konnte dann als herrschende Kantauffassung die Meinung entstehen, KANT habe den Subjektivismus dadurch überwunden, daß er 1. ihm seine größte Vertiefung gab, indem er die wissenschaftliche "Objektivität" als bloße "Allgemein-Subjektivität" statuiert, und so den Prozeß der Subjektivierung der Welt, der für die Neuzeit charakteristisch sei, bis zur letzten Konsequenz geführt habe, und 2. ein "Ding-ansich" als Grenze des theoretischen Herrschaftsbereichs des Subjekts statuiert habe, mit der Konsequenz einer ontologischen Zweiweltentheorie, auf deren  "Erscheinung"  sich das theoretische Wissen, auf deren  Wesenskern  sich der praktische Glaube richte.

Wäre das wirklich der Sinn der erkenntnistheoretischen "Lösung" KANTs, - es wäre nichts anderes, als ein Verzicht auf die Lösung, denn die beiden Momente, das subjektiv-ideale und das objektiv-reale, deren gegenseitiges Verhältnis im Erkennen zu begreifen gerade die Aufgabe sein sollte, ständen am Schluß des Gedankengangs noch genau so unvermittelt nebeneinander, wie am Anfang. Man überwindet vielmehr den Subjektivismus (der als solcher immer Relativismus) (18) und die Metaphysik eines ontologischen Dinges-ansich, die als solche immer Dogmatismus ist, nur dadurch, daß man die ganze Problemstellung, als deren Resultat diese Gegenüberstellung herauskommt, als solche überwindet. Und das tut KANT selbst und spricht es in der "Widerlegung des Idealismus" (19) zur Beseitiung schon zeitgenössischer Mißverständnisse ausdrücklich aus: die Frage nach dem Subjekt der "inneren Erfahrung" ist erkenntnistheoretisch eine sekundäre, die "innere Erfahrung" hat erkenntniskritisch vor der "äußeren Erfahrung" nichts voraus.

Dieses Problem müssen wir nun des näheren untersuchen, indem wir die beiden Begriffspaare Subjekt-Objekt und Form-Inhalt einer kritischen Erörterung unterziehen, mit der systematischen Absicht, festzustellen, welches die Grundposition einer transzendentalen Erkenntnistheorie zu sein hat.


a) Subjekt und Objekt

Der "psychologische Idealismus" (20) kann deshalb nicht der Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie sein, weil er ein metaphysisches Vorurteil involviert, infolge dessen man rettungslos, sofern man ein konsequenter Denker ist, dem Solispsimus [Egozentrik - wp] verfallen ist und dem Problem der "Realität der Außenwelt" hilflos gegenübersteht.

Die Verselbständigung des Seelischen durch das Christentum gegenüber der harmonischen Einheit von Außen- und Innenwelt im Griechentum stieß in der Gedankenwelt DESCARTES' mit der Verselbständigung der Außenwelt zusammen, die die moderne Naturwissenschaft inauguriert hatte. Von seinem "sum cogitans", bzw. "cogito ergo sum" ab geht "das Problem der Realität der Außenwelt" durch die Geschichte der Philosophie und als seine Kehrseite das Gespenst des Solipsismus.

Aber alle Lösungen dieses Problems, die im Laufe der Geschichte der Philosophie bis zur Gegenwart vom erkenntnistheoretischen Standpunkt des psychologischen Idealismus (Grundsatz: die "innere Erfahrung" hat eine größere Unmittelbarkeit und daher eine "höhere" (!) Realität als die äußer; jene ist von unmittelbarer Selbstgewißheit, diese nur erschlossen) als Ausgangspunkt unternommen sind, sind gescheitert. Man nehme irgendeinen der "Beweise" für die Realität der Außenwelt vor (gleichgültig, ob er von LOCKE oder MAINE de BIRAN, von HARTMANN, DILTHEY oder VOLKELT versucht ist): sie kommen alle nur durch eine quaternio [Fehlschluß - wp] aus dem Umkreis des  solus ipse  [Selbst ganz allein - wp] in einer reale, dem "Bewußtsein" unabhängig gegenüberstehende Welt hinaus; nämlich aufgrund von Äquivokationen des Terminus "Bewußtsein", durch Verwechslung und Vertauschung verschiedener Subjektsbegriffe und der ihnen korrelativen Objektsbegriffe im Fortgang der Gedankenführen. Legt man z. B. die 3 Subjektsbegriffe, die RICKERT (21) unterscheidet, nämlich:
    1. das  psychophysische  Subjekt,

    2. das  psychologische  Subjekt, innerhalb welches nochmals zwischen a) dem  theoretischen  und
    b) dem  praktischen  Verhalten zu unterscheiden ist,

    3. das  erkenntnistheoretische  Subjekt oder "Bewußtsein überhaupt",
einer Prüfung eines dieser Beweise zugrunde, so zeigt sich, daß entweder aus der Unabhängigkeit auch von  3,  oder aus der Unabhängigkeit von  1  und  2b  auf die Unabhängigkeit von  2a  und  3  geschlossen wird. (22)

Dem Standpunkt dieses Psychologismus gegenüber war es eine ganz berechtigte Reaktion, wenn der Positivismus (AVENARIUS-MACH-PETZOLDT) und die Immanenzphilosophie (SCHUPPE-REHMKE-MICHALTSCHEW) - die "Introjektion" bekämpften. Aber staat in die Charybdis, fällt man hier in die Scylla: Wird dort alles zum Subjekt, so wird hier alles zum Objekt. Für ein Subjekt, das wirklich Subjekt ist, kein bloßes (wenn auch besonders qualifiziertes) Objekt unter Objekten, ist hier konsequenter Weise kein Platz mehr. Es resultiert ein naturalistischer Objektivismus, der theoretisch zum Relativismus, praktisch zum Pragmatismus führt, d. h. logisch wie ethisch sich selbst aufhebt.

Dieses Dilemma gegenüber bleibt nur übrig, die Problemstellung selbst zu revidieren, und für diese eine Position zu suchen, die dem Gegensatz Subjekt-Objekt logisch überlegen ist, und so beiden Gliedern ihr Recht zukommen lassen kann. Und das scheint mir nun  der eigentliche Sinn der kopernikanischen Wendung  zu sein: KANT erkannte das Problem als ein falsch gestelltes und hob es auf ein anderes Problemniveau, nämlich aus der ontologisch-psychoogischen Sphäre in die rein logische.

Nun spricht aber doch KANT andauernd von  "unseren  Erkenntnisvermögen". Wie steht es damit? Was bedeutet dieses "Wir?" In seiner Abhandlung "Schillers transzendentaler Idealismus" (Schiller-Festheft der Kantstudien X, Seite 40 sagt WINDELBAND: "Als das Bewußtsein, dem die autonome Erzeugung des Gegenstandes zuzuschreiben ist, können 3 verschiedene Instanzen betrachtet werden: Das Individuum, die Menschheit, das "Bewußtsein überhaupt". Erst in ihrer Verknüpfung und Zusammengehörigkeit machen sie zusammen das Ganze des kritischen Horizontes aus: aber dieser erscheint in sehr verschiedener Beleuchtung, wenn er aus dem einen oder dem anderen dieser Gesichtspunkte allein oder auch nur hauptsächlich betrachtet wird."

Daraus ergibt sich, daß im Kantischen Gedankengang, wie er historisch vorliegt, eine Problemverschlingung enthalten ist, der gegenüber die systematische Aufgabe darauf gerichtet sein muß, die sich verschlingenden Problemreihen rein herauszuheben, um so ihr Verhältnis zueinander zu durchschauen.

Die Mißverständnisse und Kontroversen knüpfen sich namentlich an den Ausdruck  "allgemeingültig",  mit dem KANT das Apriorische charakterisiert. An diesen anknüpfend ist, durch FRIEDRICH ALBERT LANGE inauguriert, neben den oben geschilderten Typus des individual-psychologischen Idealismus ein "anthropologischer Idealismus" getreten, der das Apriorische in der "Organisation der menschlichen Gattungsvernunft" verankert sein lassen will. "Ein klein wenig von diesem den Naturwissenschaftlern noch jetzt sympathischen Anthropologismus aus den Anfängen des neuen Kantianismus findet sich auch noch bei dessen bedeutendstem Vertreter OTTO LIEBMANN", (23) wenn er als die oberste Spitze der gesamten Transzendentalphilosophie und Grundbedingung der ganzen empirischen Welt" "das typische Bewußtseinssubjekt der menschlichen Gattungsintelligenz" (24) bezeichnet. Ein solcher  anthropologischer  Begriff aber hat in der  kritische  Erkenntnistheorie nichts zu suchen, schon aus dem einfachen Grund, weil er eben als anthropologischer Begriff eine Unmenge ontologischer Voraussetzungen involviert, die in der Grundlegung der Erkenntnistheorie, die als solche so voraussetzungslos zu sein hat, als es sinnvollerweise möglich ist, keine Stätte hat.

Aber das Moment des  "Allgemein gültigen" ist ja bei KANT auch gar nicht dasjenige, was das Apriorische konstituiert und irgendeinen Zusammenhang zu einem apriorischen macht: es ist nur als  Kriterium  angegeben, an dem man erkennt, daß ein Bewußtseinsinhalt auf Apriorität Anspruch erhebt. Das eigentliche Konstituens des Apriori liegt vielmehr im Moment des  "Notwendigen";  auf dessen Interpretation kommt also alles an. Davon ist dann die Allgemeingültigkeit nur ein abgeleitetes Merkmal: Das Apriorische ist allgemeingültig, d. h. gültig von allen Objekten und gültig für alle Subjekte, weil es "notwendig" ist. Dieses Problem,  der Sinn der "apriorischen Notwendigkeit",  ist das kritische Grundproblem; von ihm wird daher in den Abschnitten: "Form und Inhalt" und "Erlebniswelt und Geltungssphäre" genauer zu handeln sein.

Hier in diesem Abschnitt, wo es sich zunächst nur um das Problem der erkenntnistheoretischen Bedeutung des Begriffspaares  "Subjekt-Objekt"  handelt, ist nun noch abschließend zuzusehen, ob diesem Gegensatz überhaupt gar keine Bedeutung für die Erkenntnistheorie zukommt.

In dem bekannten Satz: "Kein Subjekt ohne Objekt, kein Objekt ohne Subjekt", kommt alles darauf an, daß man die Wechselbegriffe richtigt bestimmt und diese Bestimmung dann konsequent festhält, ohne Quaternionen zu begehen. (25) In seiner erkenntnistheoretisch brauchbaren Bedeutung besagt der Satz nichts anderes, als dieses: daß wir in sinnvoller Weise nur von etwas reden können, das wir irgendwie zu fassen vermögen, das irgendwie "erlebbar" ist, das in irgendeiner Beziehung zu unserem Bewußtsein steht, "möglicher Bewußtseinsinhalt" ist. Dieser "Satz des Bewußtseins" formuliert also nichts anderes, als den Standpunkt der Immanenz, d. h. die Abweisung jeder ontologisch-metaphysischen Einstellung als Grundlage der Erkenntnistheorie. (26)

Dieses "Bewußtsein" als Bezugspunkt aller Weltinhalte, aller möglichen Objekte überhaupt kann weder das individuelle, noch das generelle menschliche Bewußtsein sein, da sie beide ja selbst Weltinhalte sind, sondern, nur noch der Gedanke des Subjekts überhaupt, d. h. ein Bewußtsein, das in der Tat nichts anderes und nicht mehr ist, als eben "überhaupt Bewußtsein", als ganz abstrakter Rahmen für Inhalte überhaupt, seien diese qualitativ wie auch immer beschaffen. Und dabei ist streng festzuhalten, daß dieses "Bewußtsein" zu den Inhalten nichts hinzutut, weder ein qualitatives noch ein formales Moment; es sagt von der Welt selbst gar nichts aus, sondern gibt ihr nur einen allgemeinen Index, sofern sie zu einem Subjekt überhaupt in Beziehung gedacht wird. Der Ausdruck ist ein völlig leerer Eigenname, eine Etikette, die allen Inhalten gleichermaßen angeklebt wird, also von keinem einzelnen etwas aussagt, keinerleich sachliche Erkenntnis gibt. Also kann man auch ruhig - auf diesen Ausdruck verzichten; seinen Sinn hat er nur als philosophie historisch  wertvoller Begriff, weil er hier die Aufgabe erfüllt, alle metaphysisch-ontologischen Fragen, die hinter dem erlebbaren Seienden noch ein höheres Seiendes suchen, abzulehnen und zum Ausdruck zu bringen: jede sinnvolle Aussage bezieht sich auf irgendwie Erlebbares. "Bewußtsein überhaupt" bedeutet also nicht mehr als: Gesamtheit der Weltinhalte, sofern man auf diese Inhalte, zwecks erkentnistheoretischer Fragestellung, sich irgendein erkennendes Subjekt beziehen läßt. (27)

In der Hervorhebung und genaueren Ausführung dieses Punktes liegt ein Verdienst des Positivismus (und der Immanenzphilosophie): Es ist seine Bekämpfung der "Introjektion". Die sogenannte "Außenwelt" ist uns genauso unmittelbar in der Erfahrung gegeben, als die sogenannte "Innenwelt", ja eher ist jene es, die uns unmittelbarer präsent ist, als die letztere. Ich "habe" den Baum vor mir genau so unmittelbar, wie irgendeine Erinnerung, ja mit viel größerer Klarheit und Präzision, und ohne daß die unmittelbare, unvoreingenommene Erfahrung auch nur das geringste von einer "Projektion an sich hätte. Ich "habe" den Baum unmittelbar da, wo er ist, und ebenso unmittelbar sind uns unsere Mitmenschen gegeben. Wie diese mir unmittelbar gegebenen, vorgefundenen, mir gegenüberstehenden Inhaltskomplexe sich im einzelnen bestimmen, welche Eigenschaften und Merkmale sie haben, ist Sache der sachlich untersuchenden Einzelwissenschaft, die mich eben die und die Erfahrungsinhalte als Pflanze, jene als Tiere, diese wieder als Menschen deuten lehrt. (28)

"Das Problem der Realität der Außenwelt" ist sonach erst ein Problem, wenn man aufgrund sehr verwickelter begrifflicher Operationen die Gesamtheit des Erlebbaren in eine "Welt des Physischen" und eine "Welt des Psychischen" zerlegt hat, diese Resultate einer einzelwissenschaftlichen "Begriffsbildung" zu ansich seienden Wesenheit hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] und sich nun vergeblich abmüht, sie wieder wissenschaftlich zusammenzubringen, wo man doch gerade nur durch ihre isolierende Herauslösung aus einer diese Unterscheidung noch nicht kennenden einheitlich - propsychophysischen, vorwissenschaftlichen, unmittelbar vorgefundenen Erfahrungswelt erst eine Naturwissenschaft der quantitativen Beziehungen von Inhalten zustande gebracht hat (Wissenschaft vom Physischen), die dann zu ihrer Ergänzung eine analog strukturierte Wissenschaft vom Psychischen (29) erfordert, soll das Ganze des Erfahrbaren unter dem naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt begriffen werden. Es ist ein Unsinn, "hinter" dieser begrifflichen Trennung eine analog strukturierte begriffliche Einheit beider Begriffswelten zu suchen, wo sie - erlebnismäßig wie logisch - "vor" ihr liegt. (30)

Dieses Moment ist also für die Transzendentalphilosophie festzuhalten: Alle Weltinhalte, auf die sich ein sinnvolles Verhalten des Subjekts beziehen können soll, müssen irgendwie erlebbar sein. Nennt man dieses erkenntnistheoretische Allgemeinerfordernis "Bewußtsein", so muß man sich bewußt bleiben, daß mamit keinerlei Psychifizierung der Welt gemeint sein kann, sondern daß Bewußtsein in diesem Sinne "ein rein erkenntnistheoretischer Begriff ist, für den wir besser immanentes, unmittelbares Sein setzen." (31)

Ganz streng fernzuhalten von diesem "Begriff" (wenn man ihn so nennen will) sind also folgende 2 Auffassungen:
    1. Daß dabei an irgendeine metaphysische Potenz gedacht wird, die das Ganze der Welt umschließt und zusammenhält (BERGMANN, LIPPS), und

    2. Daß dabei an irgendeine Analogie mit der personalen Einheit gedacht wird, wie wie sie in unserem individuellen Bewußtsein erleben. Es ist ein rein erkenntnistheoretischer Begriff zum Zweck der Erkenntnistheorie, der sich eben in dem erschöpft, was er für die erkenntnistheoretische Problemstellung leistet, und gerade als erkenntnis kritischer  Begriff nur die Aufgabe hat, jede metaphysische Ausdeutung von sich und den Inhalten fernzuhalten.
Ja, wir müssen noch einen Schritt weiter gehen: es ist gar kein erkenntnistheoretischer  Begriff,  (32) sondern eine "bloße" Abstraktion, das Grenzgebilde eines Abstraktionsverfahrens. (33) Als solches ist er wohl geeignet, falsche Auffassung fernzuhalten, hat aber keine eigene positive Entfaltung innerhalb der Erkenntnistheorie. Schon an der Spitze der Erkenntnistheorie aber, sofern diese eine Theorie des  Erkennens  sein will - und vom Standpunkt einer Lehre des  Erkennens  ist ja der Terminus geprägt -, muß ein inhaltsvoller Satz stehen, weil (wie die folgenden Abschnitte zeigen werden) alles  Erkennen  seinen Sinn entnimmt aus dem "Gegenstand", auf den es sich bezieht. Hier kann man nun meines Erachtens aufgrund der "Logischen Untersuchungen" HUSSERLs (34) den Standpunkt der Immanenz vertiefen, indem diese schon für die rein phänomenologische Analyse die Notwendigkeit der Unterscheidung von  Inhalt  und  Gegenstand  herausstellen. Anstelle des Satzes der Immanenz setze ich daher den  Satz der Intentionalität  als den  vorkritischen  Ausgangspunkt der erkenntnistheoretischen Problemstellung, sofern man diese vom Standpunkt des erkennenden Subjekts formuliert. Haben wir zuerst den Ausdruck "Satz des Bewußtseins" beanstandet, als psychologismusverdächtig, so lehnen wir nunmehr auch den "Satz der Immanenz" ab, als positivismus-verdächtigt.  Der Satz der Intentionalität  besagt, so wie wir ihn fassen, dies: die Form der Gegebenheit irgendwelcher Inhalte für irgendein theoretisches Bewußtsein ist ihr intentionaler Charakter; d. h. wo auch immer ein theoretisches Bewußtsein vorhanden ist, da hat es seine Inhalte in der Form, daß es  mit  ihnen,  in  ihnen,  durch  sie etwas "meint", "intendiert", daß sie ihm etwas "bedeuten". Von einem Innewohnen (Immanere) dieser "Bedeutungen" im Bewußtsein des  erkennenden  Subjekts ist keine Rede; sie "stehen" gerade den auf sie sich richtenden Subjekten als etwas in sich Identisches "gegenüber" ("Gegenstand"): Die "immenanten Inhalte" beziehen sich auf "intentionale Gegenstände" schon in der phänomenologischen Analyse. (35)

Es bleibt also vom Begriffspaar "Subjekt-Objekt" für die erkenntnistheoretische Grundlegung nur so viel übrig, daß ganz in abstracto an einer Beziehung der Objekte überhaupt auf ein theoretisches Subjekt überhaupt festgehalten wird, am erkenntnistheoretischen Subjekt" als dem allgemeinsten, inhaltlich völlig leeren Beziehungspunkt (36) für alle Objekte, auf die sich ein Erkennen erstrecken kann. Welches der Charakter der "Gegenständlichkeit" der Objekte, der Sinn des "Gegenstandes der Erkenntnis" sei, und welches der Charakter des Aktes des "Sich-Beziehens" der "Erkenntnis des Gegenstandes" auf den "Gegenstand der Erkenntnis", ist aus ihm in keinerlei Weise zu entnehmen; diesem Problem muß also auf andere Weise beizukommen gesucht werden.

Wie steht es aber nun mit WINDELBANDs Behauptung, (37) daß alle 3 Momente "das Ganze des kritischen Horizontes" ausmachen? Sie bleibt in vollem Umfang zu Recht bestehen, nicht nur in Bezug auf den  historischen  KANT, sondern auch in Bezug auf  das  System der Philosophie, indem darin die 3 Grundpfeiler aller kritischen Transzendentalphilosophie ausgesprochen sind, nämlich (mit etwas anderer Bezeichnung):  persönliches Subjekt, Geschichte, Vernunft.  Der transzendentale Sinn jedes dieser 3 Moment und ihr Verhältnis zueinander ist Untersuchungsgegenstand der gesamten folgenden Ausführungen. Vom ersten wird in den Abschnitten "Das aktuelle Subjekt" und "Zur transzendentalen Ethik" zu handeln sein, von der Geschichte im Abschnitt "Transzendentale Geschichtsphilosophie", von der Vernunft im Abschnitt "Bewußtsein überhaupt und Vernunft". Dort wird zu zeigen sein, daß der für die Erkenntnistheorie (als einer Theorie der Erkenntnis) fruchtbare Begriff "Bewußtsein überhaupt" ausgeführt haben, toto coelo [überhaupt - wp] verschieden ist. (38) Von diesem Begriff aus ist dann auch allein dem Moment, das bei KANT im Begriff der "Spontaneität" zum Ausdruck komt, gerecht zu werden. In der rein logischen Grundlegung der Erkenntnistheorie aber hat dieser Begriff der Aktivität des Subjekts nichts zu suchen, da er transzendental psychologischer  Natur ist; das aber heißt nicht anderes, als: Es ist eine Konstruktion in das Subjekt hinein, um aus "Vermögen" desselben seine Beziehung zu den logischen Gebilden begreiflich zu machen. (39) Diese sin dabei immer schon als logisches Prius vorausgesetzt. Ihre logische Struktur ist also vorher zu erörtern, will man keinen "Zirkel" begehen. (40) Diesem Problem ist der nächste und übernächste Abschnitt gewidmet.
LITERATUR - Fritz Münch, Erlebnis und Geltung, [Eine systematische Untersuchung zur Transzendentalphilosophie als Weltanschauung], Kantstudien, Ergänzungsheft Nr. 30, Berlin 1913
    Anmerkungen
    1) WILHELM WINDELBAND, "Präludien", 1. Vorwort, Schlußsatz.
    2) Was den  historischen  KANT angeht, vgl. BRUNO BAUCH, "Immanuel Kant", wo die berechtigten Motive der verschiedenen Kantauffassungen (LIEBMANN, COHEN, RIEHL, STADLER, WINDELBAND) in einer eigenen einheitlichen Gesamtauffassung "aufgehoben" werden.
    3) Vgl. HEINRICH RICKERT, "Fichtes Atheismusstreit und die Kantische Philosophie", Vorbemerkung.
    4) Vgl. KANTs Brief an MARCUS HERZ vom 21. Februar 1772.
    5) "Wenn wir untersuchen, was denn die  Beziehung auf einen Gegenstand  unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen und sie einer Regel zu unterwerfen." (Kritiker der reinen Vernunft, Ausgabe B, Seite 242)
    6) KANT, Prolegomena (Ausgabe VORLÄNDER), Seite 26. Das "möglich" bedeutet weder -  psychologisch  - die bloße Denkbarkeit, noch -  ontologisch  - die reale Ursache, sondern -  kritisch  - den logischen Grund ("Rechtsgrund").
    7) WINDELBAND, Präludien, 3. Auflage, Seite 52
    8) Vgl. Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft, B [= 2. Auflage - wp]
    9) Statt aus dem Sein den Sinn, sucht er umgekehrt aus dem Sinn das Sein zu begreifen. Nicht das  Da sein von Weltinhalten überhaupt (das hieße, einen Sprung ins Nichts machen, um aus diese wieder ins Ichts zurückzuspringen), sondern ihr  So sein, und auch das geht wieder nicht auf ihre inhaltlich - qualitative Beschaffenheit, die eben auch bloß so da ist (da alles Daseiende ein Sosein hat, alles Soseiende ein Dasein voraussetzt), sondern auf die Zusammenhangsform des daseienden Soseienden.  Das Problem der Wahrheit ist ein Formproblem, d. h. Sinnproblem.  - - - Für alles Folgende gilt die terminologische Fixierung: jede auf die Herausstellung der logischen Voraussetzungen eines Sinngefüges gerichtete Untersuchung ist Transzendentalphilosophie; jede unter solchen Voraussetzungen stehende Untersuchung - gleichgültig, ob sie ihr bewußt sind oder nicht - ist transzendental konstituiert.
    10) Über die beiden Termini und ihr Verhältnis vgl. BAUCH, Studien zur Philosophie der exakten Wissenschaften", Seite 25 . Über den Begriff der "analytischen Methode" und ihr Verhältnis zu Deduktion und Induktion ebenda Seite 19.
    11) Die verschiedenen Arten des Verfahrens in der  Darstellung  und Entwicklung von Gedanken hat mit dem Begriff der Methode im strengen Sinn nichs zu tun. Diese ist vielmehr nichts anderes, als der  Sachzusammenhang selbst in seiner formal-logischen Struktur.  Wenn ich also die transzendentale Methode als "analytische Methode" bezeichne, so hat das nichts damit zu tun, daß KANT selbst die Darstellung der Prolegomenen eine analytische, die der K. d. r. V. eine synthetische nennt ("Prolegomena", Vorrede, Schlußabsatz).
    12) Daß zur Methode der  Kulturanalyse  in der Transzendentalphilosophie als  Weltanschauung  noch ein anderes Methodenproblem, das Problem einer wissenschaftlichen  Kultursynthese,  tritt, werden wir weiter unten zu erörtern haben. Hier sei für die Gesamtauffassung der  Transzendentalphilosophie  als kritischer Kulturphilosophie verwiesen auf die Darstellung von KANTs Philosophie, die WINDELBAND in HINNEBERGs "Kultur der Gegenwart" (Teil I, Abt. 5, Seite 474f) gegeben hat; in systematischer Hinsicht vgl. seinen Aufsatz im "Logos", Bd. I, Seite 186f ("Kulturphilosophie und transzendentaler Idealismus").
    13) Vgl. über die Unterscheidung HEINRICH RICKERT, "Zwei Wege der Erkenntnistheorie" (Kantstudien XIV, Seite 195f).
    14) FRIEDRICH KUNTZE, "Die kritische Lehre von der Objektivität", 1906, Seite V
    15) "Aufhebung" ist immer im Sinne HEGELs gemeint: Festhaltung des berechtigten Kerns, unter Ablehnung der unberechtigten Einkleidung, bzw. Verallgemeinerung.
    16) CHRISTOPH LICHTENBERG, Ausgewählte Schriften, Seite 76
    17) Vgl. WINDELBAND, "Die Erneuerung des Hegelianismus", 1910, Seite 9
    18) Aller Subjektivismus führt per consequentiam zum Relativismus, aller Relativismus zum Skeptizismus, aller Skeptizismus ist logischer Selbstmord.
    19) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage, Seite 274f
    20) SCHOPENHAUERs These "Die Welt ist  meine  Vorstellung" hat sachlich nichts mit KANT zu tun, sondern ist BERKELEY zuzurechnen.
    21) "Subjekt wird nämlich erstens der  beseelte Körper  genannt, im Gegensatz zu der ihn räumlich umgebenden Außenwelt. Ferner kann das Wort Subjekt die  Seele  bezeichnen im Gegensatz zum Körper, zu dem sie gehört, und drittens nennt man endlich Subjekt auch das  Bewußtsein,  wozu dann Objekte, die nicht bewußt sind, in Gegensatz treten müssen" ("Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung", Seite 159). Vgl. auch "Gegenstand der Erkenntnis", 2. Auflage, Seite 11f.
    22) Wenn ERICH ADICKES im LIEBMANN-Festheft der Kantstudien (XV, 1), Seite 13 sagt: "In der Erfahrung gegeben ist mir stets nur  mein  eigenes individuelles Bewußtsein. Insofern ist der theoretische Solipsismus der unvermeidliche erkenntnistheoretische Ausgangspunkt" - so verweise ich auf die Abhandlungen von BAUCH, FALKENHEIM, HÖNIGSWALD in demselben Festheft, wo die ganze Gedankenführung des Kapitel 3 des Aufsatzes von ADICKES über  Liebmann als Erkenntnistheoretiker  implizit zurückgewiesen, bzw. widerlegt wird.
    23) WINDELBAND in "Große Denker", hg. von ERNST von ASTER, Bd. II, Seite 369.
    24) OTTO LIEBMANN, "Gedanken und Tatsachen", Bd. II , Seite 51. Doch ist, um LIEBMANN volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, zu bemerken, daß er allenthalben über diese bloß anthropologische Auffassung der Vernunftkritik hinausführt und auf die transzendentalphilosophische dringt. WINDELBAND spricht ja auch nur von "Ein klein wenig ... Anthropologismus" bei LIEBMANN.
    25) Man begegnet gelegentlich sogar einer  doppelten  quaternio in der Interpretaion und Schlußfolgerung aus diesem Satz, indem sowohl der Terminus Subjekt, wie der Terminus Objekt im zweiten Satz in anderer Bedeutung genommen wird, als im ersten.
    26) Da der Ausdruck "Satz des Bewußtseins" immer wieder die Gefahr des Psychologismus nahelegt, ist es jedenfalls besser, von "Satz der Immanenz" zu sprechen, wenn auch LASK ("Die Logik der Philosophie", Seite 83, Anm.) mit Recht von "den vielen Angelegenheiten" spricht, "die im "Satz der Immanenz" durcheinander gemengt werden." Zu vermeiden ist jedenfalls der Ausdruck "Satz der Phänomenalität" wegen der dabei mitschwingenden reservatio metaphysica [metaphysischer Vorbehalt - wp].
    27) Wenn man gelegentlich liest, ein Wegfall des "Bewußtseins überhaupt" würde die gesamten Dinge der uns umgebenden Welt, also z. B. auch Sonne und Mond, zum Verschwinden bringen, muß man sich ja vor den Äquivokationen des Terminus "Bewußtsein" hüten: Richtig verstanden besagt der Satz nur dies: Wenn man die ganze Welt wegdenkt, so denkt man sie eben weg, und natürlich Sonne und Mond mit. Der Terminus "Bewußtsein überhaupt" soll nichts weiter leisten, als den dogmatisch-ontologistischen Ding-ansich-Gedanken fernhalten.
    28) Daß die  (seins wissenschaftlichen!) Methoden, mit denen man diesen "Wirklichkeitsstücken" erkennend beizukommen sucht, spezifisch verschieden sind, weil sie sich der Eigenart des jeweiligen Untersuchungsobjektes anpassen müssen - anders verfährt das Erkennen der Planetenbahnen, anders das Erfassen des Innenlebens eines Mitmenschen -, besagt nichts gegen die prinzipielle  erkenntnistheoretische  Gleichheit dieser Inhaltskomplexe als Erkenntnisobjekte.
    29) Über die Psychologie als Naturwissenschaft später.
    30) Vgl. dazu HEINRICH RICKERT, "Psychophysische Kausalität und psychophysische Wechselwirkung" (Sigwart-Festschrift, Tübingen 1900, Seite 61f, namentlich Abschnitt III).
    31) RICKERT, ebenda, Seite 78
    32) Über das Wesen des  Begriffs  wird weiter unten zu handeln sein.
    33) Vgl. RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, 2. Auflage, Seite 23f.
    34) EDMUND HUSSERL, Logische Untersuchungen, vgl. bes. Bd. II, Abschnitt V. Auf Sinn und Wert der Phänomenologie im Ganzen der Philosophie wird an verschiedenen Stellen zurückzukommen sein.
    35) Durch diese Einsicht bildet die Phänomenologie die Vertiefung des Positivismus, die Brücke, die aus der positivistisch-immanenten Sphäre durch die phänomenologisch-intentionale Sphäre hinauf zur Transzendentalphilosophie und transzendental-begrifflichen Sphäre führt (wenn auch vielen Phänomenologen dieser innere Problemzusammenhang nicht bewußt ist, sondern sie geneigt sind, ihren "Standpunkt" genau so zu verabsolutieren, wie das der Positivismus mit dem seinen tut).
    36) RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, Seite 25: "Jede besondere Bestimmung muß vom Begriff des erkenntnistheoretischen Subjekts ferngehalten werden", es ist "nichts anderes, als ein namenloses, allgemeines, unpersönliches Bewußtsein."
    37) Siehe oben
    38) Auch der Terminus "erkenntnistheoretisches Subjekt" bekommt dann eine ganz andere Bedeutung, als auf der vorigen Seite ausgeführt.
    39)  "Erkennen"  nennt man die gesamte Subjektivität in ihrem Hingegebensein an den theoretischen Sinn, Erkenntnisvermögen "ist ein Konstruktionsgebilde, das seine spezifische Färbung vom theoretischen Geltungsgehalt empfängt" (LASK, a. a. O. Seite 80)
    40) Vgl. RICKERT, "Zwei Wege der Erkenntnistheorie", Kantstudien XIV, Seite 120; dazu daselbst den ganzen Abschnitt VI.