tb-1p-4p-4G. K. UphuesSimmelStaudingerHelmholtzC. Stumpf     
 
BENNO ERDMANN
Zur Theorie der Beobachtung

"Die urteilsmäßige Bearbeitung ordnet und erhellt den Inhalt unserer Gesamtvorstellungen des Einzelnen wie unserer Allgemeinvorstellungen. Sie gliedert ihren Umfang."

"Wir beachten am Wahrgenommenen im allgemeinen das, was wir bereit sind zu finden oder zu suchen."

"Das zu Beobachtende tritt im allgemeinen schon vor der Beobachtung, in der Erwartung, urteilsmäßig gegliedert auf. Es trägt diesen Urteilscharakter deshalb stets in die Beobachtung hinein. Allerdings ist es nicht notwendig, daß das Urteilsgefüge der Apperzeptionsmassen in der Beobachtung selbst voll zum Vorschein kommt. Jedes Stadium, von der eben beginnenden Urteilsprägung an bis zum vollen Ausbruch eines Urteilsverlaufs, kann vorhanden sein; gelegentlich können sie alle durchlaufen werden."

"Enthält die Beobachtung lediglich unmittelbar Wahrgenommenes, so nenne ich das Beobachtungsurteil eine  Wahrnehmungsaussage,  d. h. ein  Wahrnehmungsurteil." 


I.
Vorbemerkung

Das Wort "Beobachtung" schallt zur Zeit jedem laut entgegen, der in die Hallen der Naturforscher eintritt. Das Gebiet der Gegenstände, das die naturwissenschaftlichen Methoden der Beobachtung zu umspannen suchen, hat sich in den letzten Jahrzehnten beträchtlich erweitert: sie sind nicht nur in einzelne Seitengebiete der Geisteswissenschaften, wie in die Linguistik, sondern bis an das Herz der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, bis in die Psychologie der Sprache und des Denkens vorgedrungen.

Für die Begriffsbestimmung der Beobachtung liegen Reihen sorgfältig durchdachter Arbeiten sowohl naturwissenschaftlichen wie geistesgeschichtlichen Inhalts als Materialien logischer Besinnung vor.

In der gegenwärtig mächtigsten unter den Wissenschaften ist weitere Arbeit getan. Hervorragende unter ihren Vertretern haben sich um die Bestimmung des Begriffs der Beobachtung bemüht. So etwa LIEBIG und W. THOMSON in gelegentlichen Erörterungen, J. F. W. HERSCHEL in einer eingehenden feinsinnigen Erwägung, so vor allem HELMHOLTZ in wiederholten, tiefer dringenden Untersuchungen. Verdeckt sprudelnde Quellen der sinnliche Beobachtung, deren Gewässer in die Ströme des deduktiven Wissens unbesehen einfließen, sind freigelegt worden: hier durch die Entwicklung der Psychologie der Sinneswahrnehmung; dort durch eine Untersuchung der Beobachtungsdaten, die sich mit den Maschen geometrischer Deduktionen verflechten; an dritter Stelle neuerdings durch nicht minder in den Bestand unseres Wissens einschneidende Versuche, die Beobachtungsgrundlagen der Mechanik herauszuschälen.

Die philosophische Untersuchung der Beobachtung ist dieser naturwissenschaftlichen Entwicklung nur langsam nachgefolgt. Die aristotelische Logik war im wesentlichen nur ein Organon für das metaphysisch-deduktive Wissen. Die Trompetenstöße Lord BACONs für die Beobachtung und die auf sie gegründeten induktiven Methoden konnten das stagnierende Gewässer der logischen Überlieferung nur oberflächlich kräuseln. Erst JOHN STUART MILL hat die hier vorliegenden Probleme, insbesondere gestützt einerseits auf HUMEs Theorie der Kausalität, andererseits auf das Material in HERSCHELs "Discourse on the Study of Natural Philosophy", in ihrer ganzen Schwere zu fassen gesucht. Erst durch sein Vorgehen ist die Theorie der Beobachtung und weiterhin der Methoden des induktiven Schließens zu einem Bestandstück der logischen Lehren geworden.

Es fehlt jedoch viel, daß auch nur das Materials für die logische Sichtung ein festumgrenztes wäre.

Die axiomatischen Voraussetzungen der Geometrie sind nicht einmal durch die mathematische Analyse, geschweige denn durch eine Deutung ihres Beobachtungsgehalts begrifflich bewältigt.

Mit der Streitaxt der Energetik hat vor allem OSTWALD die unruhig bewegten Massen unseres physikalischen Vorstellens zu scheiden versucht, HERTZ dagegen durch das tief eindringene und umwühlende Geschoß seiner Kinetik [Bewegungslehre - wp]. Während jener im Anschluß an ROBERT MAYERs bahnbrechende Erörterungen in Raum, Zeit und  Energie  die Grundbegriffe für die "wissenschaftliche Rationalisierung der Mechanik" sucht, will dieser in einer Vertiefung KIRCHHOFFscher Ansichten Raum, Zeit und  Masse  als ihr Fundament angesehen wissen. Während OSTWALD alle drei Begriffe anscheinend als Abstraktionen aus der Erfahrung faßt, behauptet HERTZ, daß der kinematischen Erörterung seiner Grundbegriffe "die Erfahrung völlig fremd bleibt", daß die in ihrem Rahmen gehaltenen Aussagen über jene Begriffe "Urteile a priori im Sinne KANTs" sind.

Die psychophysiologischen Fragen nach dem Bestand und dem Aufbau der Sinneswahrnehmung haben sich fast bei jedem Schritt, den die Untersuchung vorwärts getan hat, stärker kompliziert. Als Zeugnis soll der Hinweis auf die Verschiedenheiten der psychologischen Hypothesen über Apperzeption und über Aufmerksamkeit genügen.

In allen diesen Überlegungen steht jedoch nur der Gehalt und die Konfiguration der  sinnlichen  Beobachtung in Frage. Die Möglichkeit sie begrifflich zu bestimmen, wird durch ihre Wirklichkeit im praktischen wie im wissenschaftlichen Vorstellen verbürgt.

Die Wirklichkeit der  Selbst beobachtung dagegen ist umstritten. Bereits KANT hatte sie angeklagt, daß sie "an sich den Zustand des beobachteten Gegenstandes alteriere und verstelle." In spezielleren Wendungen hat COMTE den gleichen Gedanken variiert. Wesentlich die gleichen Urteile sind später von verschiedenen Seiten, neuerdings insbesondere von WUNDT und, wenn auch in abgeschwächtem Sinn, von JAMES ausgesprochen worden.

Es ist nach all dem begreiflich, daß die psychologischen Theorien und logischen Normierungen der Beobachtung weit auseinandergehen.

Die nachstehende Abhandlung soll einen bescheidenen Beitrag zur Verständigung dadurch liefern, daß sie die elementaren Bestandteile des Begriffs sowie die elementaren Arten der wissenschaftlichen Beobachtung im Hinblick auf logische Ziele darzulegen versucht.


II.
Begriffsbestimmung
der Beobachtung überhaupt

Ohne weiteres dürfen wir voraussetzen, daß es neben und vor der  sinnlichen Beobachtung,  welche die methodische Grundlage der Naturwissenschaften bildet, auch eine solche gibt, die das sinnliche Weltbild des  praktischen  Vorstellens trägt. Die Wirklichkeit der  Selbstbeobachtung  dürfen wir mit dem Vorbehalt annehmen, daß es weiterhin gelingt, ihren Anspruch, die Grundlage aller Geisteswissenschaften zu sein, gegenüber den vorhandenen Angriffen zu rechtfertigen.

Alle Beobachtung, dürfen wir dann behaupten, beruth auf  Wahrnehmung Nicht jede Wahrnehmung ist jedoch Beobachtung. Die ersten, unbestimmten sinnlichen Wahrnehmungen des Kindes, die  ursprünglichen  (primitiven) Wahrnehmungen, scheiden von vornherein aus der Beobachtung aus; schon weil sich die Aufmerksamkeit, die einen wesentlichen Bestandteil der Beobachtung ausmacht, erst allmählich entwickelt. Den ursprünglichen Wahrnehmungen fehlen die Gedächtnisresiduen von früheren Wahrnehmungen, die bei jeder Wahrnehmung des entwickelten Bewußtseins als individuell erworbene Dispositionen mitwirken. Wenn wir die Wahrnehmungsfunktionen dieser Dispositionen als apperzeptive bezeichnen, haben wir demnach zu sagen, alle Beobachtung beruth auf  apperzeptiver Wahrnehmung. 

Aber auch nicht jede Wahrnehmung des entwickelten Bewußtseins ist Beobachtung. Jeder Augenblick des wachen normalen Lebens liefert uns zahlreiche Wahrnehmungen, deren Gegenstände während des Wahrnehmungsverlaufs unbeachtet bleiben. Meist sind dies wiederholte Wahrnehmungen von Gegenständen, die niemals oder schon bei früheren Gelegenheiten vielfach von uns beachtet worden sind. Sie fließen in der Regel so unbeachtet, wie sie im Bewußtsein entspringen und bestehen, so unbeachtet auch, und trotzdem assoziativ festigend, in das Bett des Erinnerungs- und Einbildungsstroms ab. Gegenüber diesen unbeachteten Wahrnehmungen, diesem meist dynamischen, seltener statischen Wahrnehmungshintergrund des normalen wachen Lebens, ist die Beobachtung mit Aufmerksamkeit verbundene, kurz, wenn auch schief bezeichnet,  aufmerksame apperzeptive Wahrnehmung.  Dürfen wir ohne Beweis hinzunehmen, daß die Aufmerksamkeit in allen ihren Formen mit den Reproduktionsvorgängen der Apperzeption in engstem Zusammenhang steht, so können wir kurzweg behaupten, Beobachtung ist  aufmerksame Wahrnehmung. 

Auch ohne speziellere Hinweise auf die Hypothesen, die ich an anderen Orten zu begründen versucht habe, wird deutlich sein, daß der Ausdruck "Apperzeption" hier in einem wesentlich anderen Sinn genommen ist, als die von WUNDT geschieht. Speziell WILLIAM JAMES gegenüber sei betont, daß Apperzeption nach dem Angedeuteten nur ein zusammenfassendes Wort für den Inbegriff von Reproduktionsvorgängen sein soll, die bei jeder Wahrnehmung des entwickelten Bewußtseins entstehen. Sie entstehen dadurch, daß der gegenwärtig wirkende Wahrnehmungsreiz unmittelbar die Dispositionen früherer, individuell erworbener Wahrnehmungsvorstellungen der gleichen Reize, sowie mittelbar Dispositionen der mit ihnen assoziativ verflochtenen Vorstellungen auslöst.

Die apperzeptive Wahrnehmung läßt sich für unseren Zweck in zwei streng zu scheidende Arten spalten.

Ein Stück Glas etwa, das in der Hand gegen eine Lichtquelle gehalten wird, wird als durchsichtig befunden.

Dann ist es möglich, daß in der Wahrnehmungsvorstellung des vorliegenden Glasstückes, speziell auch im Wahrnehmungsmerkmal seines Durchsichtigseins nur enthalten ist, was aufgrund der im Augenblick vorhandenen Reizbedingungen des Tast- und des Gesichtssinns aus den Dispositionen früherer gleicher Reize unmittelbar reproduziert ist. Die Wahrnehmungsvorstellung enthält somit in dem für uns Wesentlichen lediglich sinnliche Inhalte, die durch  Verschmelzung  dieser beiden Bedingungsgruppen, der erregenden Perzeptionsmasse der Reize und der erregten Apperzeptionsmasse der Residuen gleicher früherer Reize, entstanden sind. Denn von den Wortvorstellungen, die in solchen Fälle mittelbar erregt sein können, und ihrer prädikativen Gliederung dürfen wir vorläufig absehen. Die Wahrnehmungen dieser Art können trotz ihrer apperzeptiven Bedingtheit  unmittelbare  genannt werden.

In der Mehrheit der Fälle, umso häufiger, je entwickelter das Bewußtsein wird, gehen jedoch in unsere Wahrnehmungsvorstellungen auch Bestandstücke ein, die infolge des assoziativen Zusammenhangs der unmittelbar erregten Dispositionen mit den Dispositionen anderer früherer Wahrnehmungsbestandteile mittelbar, also nicht durch Verschmelzung, sondern  selbständig  reproduziert sind. Dieses selbständig Reproduzierte kann lediglich unbewußt erregt sein. Es kann auch bewußt erregt worden, d. h. als Erinnertes zu einem integrierenden Bestandteil der vorliegenden Wahrnehmungsvorstellung geworden sein. Das Erinnerte kann ferner ein wesentliches Merkmal der durch wiederholte Wahrnehmungen verdichteten Gesamtvorstellung des wahrgenommenen Gegenstandes ausmachen. So können in unserem Fall die Wahrnehmungsvorstellungen des Glasstückes wie auch speziell seines Durchsichtigseins Merkmale, etwa technischer und physikalischer Begriffsbestimmungen enthalten, für welche die augenblickliche Wahrnehmung keine entsprechenden Reize hergibt. Sie sind dann Bestandteile der gegenwärtigen Wahrnehmungsvorstellung, die als  erinnerte  in dieselbe  eingeflochten  sind. Die Wahrnehmung wird demnach eine  mittelbare  oder, wie wir in einem engeren als dem landläufigen Sinne sagen wollen, eine  Erfahrung

 Beobachtungen  dieser letzteren Art machen wir tausendfältig. Sie bilden sogar, wie angedeutet, bei fortgeschrittener Entwicklung die Regel. Denn es ist ohne weiteres klar, daß sie nicht etwa auf die wissenschaftliche Beobachtung beschränkt sind. Die aufmerksame Wahrnehmung oder Beobachtung ist demnach zumeist eine  mittelbare,  seltener eine  unmittelbare  Wahrnehmung.

Der Umfang, den diese Bestimmungen für die Beobachtung überhaupt ergeben, verbietet, ihnen noch andere hinzuzufügen. Denn in ihrem Sinne beobachtet nicht nur der Forscher, der etwa das Spektrum eines Fixsternes prüft, oder die Wärmepunkte seiner Haut ausfindig macht, oder seine Aufmerksamkeit auf eine Eigenart der Technik MICHELANGELOs lenkt, sondern ebenso auch der Wilde, der den Spuren von Fußtritten nachschleicht, oder auf ein Geräusch achtet, das in seiner Umgebung entsteht. In demselben Sinn beobachtet sogar ein Raubtier etwa den Vogel, den es im nächsten Augenblick packen wird; ja selbst eine Spinne, die auf ihrer Warte lauert, bis das Insekt, das sich in ihrem Netz verfangen hat, ruhig geworden ist. Es folgt somit insbesondere, auch aus diesen Daten der Tierpsychologie, daß wir verpflichtet sind, den Hinzutritt von Wortvorstellungen und ihren prädikativen Beziehungen für die Beobachtung überhaupt beiseite zu setzen.


III.
Begriffsbestimmung
der wissenschaftlichen Beobachtung

Eine Art der Beobachtung überhaupt ist die  wissenschaftliche;  allerdings keine festumgrenzte, sondern eine typische Art in der Bedeutung des Wortes, die ich im letzten Band der "Philosophischen Monatshefte" darzulegen versucht habe. Die schematischen Gesamt- und Allgemeinvorstellungen der praktischen Weltanschauung und die Begriffe, d. h. die urteilsmäßig ausgearbeiteten, definitorisch und klassifikatorisch umgrenzten Vorstellungen der praktischen Weltauffassung, stehen durch mannigfaltige Abstufungen in einem fließenden Zusammenhang untereinander. Ebenso fließend ist deshalb der Zusammenhang der Gedächtnisresiduen dieser Vorstellungen, die als erregte Dispositionen, als Apperzeptionsmassen, in den Beobachtungen mitwirken. Ebenso fließend sind demnach auch die Unterschiede, welche die Beobachtungen des praktischen und des theoretischen Vorstellens voneinander trennen.

In  perzeptiver  Hinsicht ist die wissenschaftliche von er praktischen Beobachtung dadurch verschieden, daß die Inbegriffe von Reizen, die ihr objektives Fundament ausmachen, vielfach nicht auf der Heerstraße liegen, auf der sich die praktische Weltanschauung bewegt. Sie finden sich auf dieser im Allgemeinen umso weniger, je entwickelter die Wissenschaft ist, in deren Dienst die Beobachtung steht, oder je weniger dieses Wissen aus sich heraus Antriebe für unser Handeln zu erzeugen vermag. Es gibt nichts Wahrnehmbares im Himmel und auf Erden, das der wissenschaftlichen Beobachtung fremd bleiben müßte.

Mannigfaltig sind die  apperzeptiven  Besonderheiten der wissenschaftlichen Beobachtung. Um diese zu finden, begrenzen wir ihre Eigenart vorerst durch den Zweck, dem sie untersteht.  Wissenschaftliche  Beobachtung ist aufmerksame Wahrnehmung zum Zweck begrifflicher Bestimmung des Wahrgenommenen.'

Diesen Zweck kann sie für's erste nur soweit erfüllen, als die Apperzeptionsmassen, welche durch die gegenwärtig wirksamen Reize erregt werden, Residuen von oder andererseits Dispositionen zu  begrifflichen  Vorstellungen sind. Denn je mehr die apperzeptiven Vorbedingungen der Wahrnehmung bereits begrifflich durchgearbeitet, d. h. in gültigen Urteilen gegliedert sind, umso klarer und deutlicher kann der beobachtete Gegenstand erkannt, umso systematischer kann er den Ordnungsreihen unseres Vorstellens eingefügt werden. Die urteilsmäßige Bearbeitung ordnet und erhellt den Inhalt unserer Gesamtvorstellungen des Einzelnen wie unserer Allgemeinvorstellungen. Sie gliedert ihren Umfang. Sie läßt uns das Ererbte und zufällig Gewonnene erwerben, um es zu besitzen. Sie präzisiert und festigt den assoziativen Zusammenhang der Merkmale des Vorgestellten. Sie sichert den logischen Ort des Gegenstandes im assoziativen Zusammenhang mit den Gegenständen derselben Reihe und verwandter Reihen. Sie verkürzt, erleichtert und belebt die unwillkürliche und willkürliche Reproduktion, die unselbständige (durch Verschmelzung) wie die selbständige, und zwar sowohl die selbständige Reproduktion, die zur Erinnerung oder Einbildung, kurz zum Bewußtsein führt, als auch diejenige, welche als unbewußte Erregung verbleibt. Sie läutert und verschärft dementsprechend das Erkennen des Gegenstandes in der Beobachtung, egal ob dieselbe eine unmittelbare Wahrnehmung bleibt oder sich zu einer mittelbaren erhebt.

Der Zweck der wissenschaftlichen Beobachtung beansprucht ferner, daß der begrifflichen Apperzeptionsmassen, deren Bestandstücke unmittelbar oder mittelbar erregt werden, möglichst  viele  und  reichlich  sind. Wir beachten am Wahrgenommenen im allgemeinen das, was wir bereit sind zu finden oder zu suchen. Zu beidem aber sind wir umso besser ausgerüstet, je mehr und je gehaltvollere Apperzeptionsmassen wir besitzen. Aber auch wenn wir Unerwartetes antreffen, oder wenn sich uns ein Gegenstand in der Wahrnehmung zufällig darbietet, steigert sich die Wahrnehmung gleichfalls umso leichter zur Beobachtung, je besser verarbeitete Apperzeptionsmassen auch für die neuen Reize bereit liegen oder je leichter sich solche aus vorhandenen andersartigen Gedächtniskomplexionen heraus adäquat gestalten. "Zwar ist's mit der Gedankenfabrik wie mit einem Webermeisterstück, wo ein Tritt tausend Fäden regt, die Schifflein herüber, hinüber schießen, die Fäden ungesehen fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." (GOETHE, Faust I) Aber wenn dies sein soll, müssen die Fäden bereits gesponnen, die Verbindungen schon angelegt sein, beim Beobachten ebensowohl, wie beim abstrakten Denken.

Geringer und weniger faßbar, als im ersten Augenblick scheinen mag, sind drittens die Besonderheiten der wissenschaftlichen Beobachtung in Anbetracht der  Aufmerksamkeit Die Aufmerksamkeit ist nicht nur die Seele der wissenschaftlichen, sondern aller Beobachtung. Sie macht es nicht nur dem Forscher, sondern ebenso auch etwa dem Raubvogel möglich, einen Gegenstannd der Wahrnehmung gleichsam festzuhalten, und dadurch, daß er Zentrum der Reproduktion wird, zu verdeutlichen. Die Konzentration des Bewußtseinsinhalts, ja der ganzen Sphäre des reproduktiv Erregten, um den Gegenstand der Aufmerksamkeit zeigt sich dort wie hier. In beiden Fällen kann sie, um in der Sprache HERBARTs zu reden, unsere Vertiefung langsam von Besinnung zu Besinnung führen. Denn der reichere, deutlichere und fest begrenzte Gehalt dieser Zustände, der die wissenschaftliche Beobachtung auszeichnet, hängt nicht an der Aufmerksamkeit, sondern am begrifflichen Charakter der Vorstellungen, deren Residuen als Apperzeptionsmassen reproduziert werden.

Schärfer treten die Unterschiede der Aufmerksamkeit bei der theoretischen und praktischen Beobachtung erst hervor, wenn wir die Arten der Aufmerksamkeit in Betracht ziehen.

Eine Konsequenz der Apperzeptionstheorie, mit der wir hier den psychologischen Boden der logischen Normen durchpflügen, ist die Typen-Einteilung der Aufmerksamkeit in  perzeptive  und  apperzeptive.  Im Hinblick auf die Irrungen, welche HERBARTs Gebrauch beider Ausdrücke herbeiführen kann, sei der Sinn der Scheidung genauer angegeben. Unsere Aufmerksamkeit wird dann perzeptiv gespannt, wenn die Reize, die sie erregen, unabhängig vom Bewußtseins- und Reproduktionszustand eintreten, der dem Beginn der Aufmerksamkeit vorangeht. Ihre Spannung ist dann eine apperzeptive, wenn jene Zustände vor dem Eintritt des Reizes auf diesen eingestellt sind, dann also, wenn Apperzeptionsmassen für den Reiz bereits erregt sind, ehe er anfängt, wirksam zu werden.

Wir dürfen demnach behaupten, daß in der wissenschaftlichen Beobachtung die  Aufmerksamkeit  ungleich häufiger als in der praktischen, und zwar in der überwiegenden Mehrheit der Fälle,  apperzeptiv  erregt ist. Eben weil wir im wissenschaftlichen Verfahren zumeist wissen, was wir beobachten wollen oder sollen, ist die apperzeptive Erregung vor dem Eintritt des Reizes fast unvermeidlich. Selbstverständlich kann sie jeden Grad der Spannung durchlaufen, und in mannigfachen Modifikationen unserer Bewußtseins- und Reproduktionslage auftreten. Der wahrzunehmende Gegenstand kann vorweg im Erinnerungsbild auftauchen; und dies kann mehr oder weniger ausgeführt sein. Er kann, wenn keine früheren Wahrnehmungen vorlagen, durch das Spiel der Einbildung in jeder der Stufen ausgeführt sein, welche sie zuläßt. Fehlt alles adäquate Wissen, und dementsprechend auch ein Vorstellungsbild des zu Beobachtenden, wissen wir nur,  daß,  aber nicht  worauf  wir aufzumerken haben, so heftet sich die reproduktive Erregung, als Erwartung im engeren Sinn, an die Modalitäten der Vorbereitung, und betätigt sich etwa in der Einstellung des am meisten beteiligten Sinnesorgans, bei stärkerer Spannung wohl auch in einem Strom von Erinnerungen, Einbildungen und Überlegungen, die sich an das Erwartete gleichsam herantasten.

Wird unsere Aufmerksamkeit  perzeptiv  erregt, so wird sie doch im allgemeinen, da wo nicht öfter Beobachtetes uns momentan durch sein Auftreten fesselt, unseren Vorstellungsverlauf nicht nur unterbrechen, sondern umlenken und um den neuen Gegenstand konzentrieren, wo immer sie den Zwecken wissenschaftlicher Beobachtung dienstbar wird. Der Strom der Reproduktion wird somit in die Gewalt des apperzipierten Reizes gebracht: die perzeptiv erregte Aufmerksamkeit wandelt sich dementsprechend fortschreitend in die apperzeptive um. Unser Wahrnehmen und Reproduzieren wird den neuen Reizbedingungen durch die Energie der Reproduktionen, die ihnen eigen ist, angepaßt. Diese fließenden Übergänge von der perzeptiven zur apperzeptiven Aufmerksamkeit lassen deshalb erkennen, daß auch die sogenannten "zufälligen" Beobachtungen, sobald sie wissenschaftlichen Zwecken untertan werden, nicht durch perzeptive, sondern vielmehr durch apperzeptive Aufmerksamkeit getragen sind. Es folgt dies vor allem gerade für diejenigen, deren weittragende Folgen ihnen einen Platz - häufiger in der Mythenbildung zur Geschichte der Wissenschaften, als in dieser selbst sichern.  A potiori  [der Hauptsache nach - wp] läßt sich deshalb behaupten, daß  die apperzeptive Aufmerksamkeit die wissenschaftliche Beobachtung beherrscht. 

Hinreichend ist diese Charakteristik des Moments der Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen Beobachtung jedoch nicht. Vom Geist echter Wissenschaftlichkeit ist eine Beobachtung vielmehr nur dann durchdrungen, wenn die Aufmerksamkeit, die in ihr wirksam wird, als  Interesse  auftritt.

Nicht jede Aufmerksamkeit ist Interesse, wenn wir uns im Sinne des Sprachgebrauchs gegenüber der Fassung STUMPFs das Recht nehmen, nur da von Interesse zu reden, wo die Aufmerksamkeit von  Lustgefühlen  begleitet ist, welche durch die in ihr sich vollziehenden Reproduktionen hervorgerufen sind. Denn daß insbesondere die perzeptive Aufmerksamkeit, speziell dann, wenn sie einen Vorstellungsverlauf störend unterbricht, in den wir mit apperzeptiver Aufmerksamkeit vertieft sind, von Unlustgefühlen erfüllt sein kann, möchte keinem Zweifel unterliegen. Ebensowenig, daß eine notgedrungene apperzeptive Aufmerksamkeit, die wir hochgradiger Ermüdung abringen müssen, in dem Maße als sie gelingt, Unlustgefühle zu erzeugen vermag, solange wir uns nicht durch eine zeitweilige Übererregung den vorhandenen Reizen angepaßt haben. Die Anspannung der Aufmerksamkeit behält sogar ähnlich wie die Bewußtseinsinhalte, durch die wir sich vollziehende Bewegungen registrieren, einen eigentümlichen Gefühlscharakter selbst dann, wenn sie, wie in den Fällen gewohnter Aufmerksamkeit auf Gewohntes, weder als Lust noch als Unlust auftritt. Daß sie jemals in solchen Bewegungsgefühlen und den mit ihnen komplizierten Empfindungen besteht, ist eine Meinung, die wir hier nicht speziell als unzulänglich darzutun brauchen. Volles Interesse ist in unserer Aufmerksamkeit sogar nur dann vorhanden, wenn jene Lustgefühle nicht nur durch den Inhalt des Verschmolzenen oder selbständig Reproduzierten bedingt sind, sondern auch durch den Verlauf der Reproduktionen selbst ins Dasein gerufen werden. Nicht jedes Interesse ist schließlich, wie keiner weiteren Ausführung bedarf, ein wissenschaftliches. Zu einem solchen wird es vielmehr nur dadurch, daß es ein von allen praktischen Nebenrücksichten freies, ein selbstloses, lediglich dem Zusammenhang der Sache zugewendetes ist.

Nicht notwendig ist es, daß die Aufmerksamkeit, die der wissenschaftlichen Beobachtung innewohnt, in eigentlicher Bedeutung zur Tat wird, daß ihre apperzeptive Einstellung also  willkürlich  geschieht. Gerade wenn wir apperzeptive gerüstet sind, "richten" wir, um in dem für die Theorie der Aufmerksamkeit verhängnisvoll gewordenen Bild zu bleiben, unsere Aufmerksamkeit ohne jeden eigentlichen Willensakt, d. h.  unwillkürlich  auf den Eintritt des Gegenstandes. Es scheint lediglich ein metaphysisches, durch SCHOPENHAUERs psychologisch unbekümmerte Erweiterung des Willens hervorgerufenes Vorurteil, wenn die Wesensbestimmung der Aufmerksamkeit im Willen gesucht wird. Ebenso unwillkürlich, wie die apperzeptive Aufmerksamkeit alle Stadien der Erwartung im weiteren Sinne durchlaufen kann, konzentriert sie weiterhin unseren Reproduktionszustand um den Gegenstand, der in der Beobachtung unter ihrer Mitwirkung apperzipiert ist. Ohne jede Einmischung also der verwickelten Vorgänge unseres Bewußtseins, die wir im Namen des Willens als ein scheinbar Einfaches zusammenfassen, wird der apperzipierte Gegenstand zum Zentrum der augenblicklichen Reproduktionslage.

Die bisher besprochenen apperzeptiven Besonderheiten der wissenschaftlichen Beobachtung verbleiben innerhalb des Rahmens, den wir oben um die aufmerksame Wahrnehmung überhaupt, mit Einschluß also der tierischen, gespannt haben. Die nunmehr zu erörternde fällt dagegen in das Gebiet der aufmerksamen Wahrnehmung des Menschen. Daß sie dies gleichfalls nur durch fließende Unterschiede zerlegt, darf nach dem Angedeuteten erwartet werden.

Schon im Hinblick auf die Wahrnehmungen der Tiere sowie der Kinder, welche weder selbst sprechen noch auch nur Gesprochenes erraten können, darf ohne Weiteres behauptet werden, daß die Wahrnehmung überhaupt nicht notwendig mit Urteilsvorgängen verknüpft ist. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, daß das Urteil in der prädikativen Verknüpfung, der Aussagebeziehung des Vorgestellten, hier des Wahrgenommenen besteht. Nicht einmal die aufmerksame Wahrnehmung, so folgt ebenfalls schon aus dem gleichen Hinweis, ist an Urteile gebunden. Trotzdem ist schlechthin anzuerkennen, daß schon die praktischen Beobachtungen des Menschen, der im Besitz der Sprache ist, ja selbst diejenigen unter ihnen, denen jeder begrifflich apperzeptive Untergrund fehlt, einen Urteilsverlauf enthalten können. Fast unvermeidlich ist es bei Voraussetzung des Sprachbesitzes, daß wir etwa eine beobachtete Bestimmung eines Gegenstandes sei sie ein wesentliches Merkmal oder eine äußerliche Relation, prädikativ auf ihn als Subjekt beziehen. Selbstverständlich nicht notwendig so, daß diese Beziehung im Laut zum Ausdruck käme, sondern vielfach nur so, daß das Urteil sich in der Stille der Erinnerung vollzieht. Folgendes soll dies für den einfachen Fall einer analysierenden Beobachtung begründen. Die Aufmerksamkeit legt die beobachtete Bestimmung in ihrer gegebenen Beziehung (logischen Immanenz) zum Gegenstand zeitweilig fest. Sie konzentriert unsere Reproduktionen um den apperzipierten Gegenstand in dieser seiner Bestimmung. Sie erhöht vielfach, in der Sinneswahrnehmung oft schon durch die unwillkürliche Einstellung der Sinnesorgane, vor allem des Auges und des Ohrs, die Intensität der Reizung, und damit zugleich die der Reproduktion. Als apperzeptive Aufmerksamkeit treibt sie die reproduktive Erregung dem Reiz gleichsam entgegen, ihm Tür und Tor zu öffnen. Es ist demnach begreiflich, daß es für uns Menschen eine seltene Ausnahme ist, wenn nicht auch wenigstens die Wortvorstellungen für den Gegenstand selbst und seine beobachtete Bestimmung durch ihre assoziativen Verflechtungen mit diesen Wahrnehmungsinhalten selbständig und vollständig, d. h. bewußt reproduziert, erinnert werden. Mit diesen Wortvorstellungen aber findet sich, da sie normal nur als Redeteile wirklich sind, lautlos oder erklingend, der Satz oder das Satzwort ein. Mit dem Satz aber entsteht und besteht das Urteil; im allgemeinen in der Form einer Behauptung, unter besonderen Bedingungen in der Aussageform der Frage. Ähnlich wie in diesen analysierenden Beobachtungen stellt sich für uns das Urteil in denjenigen eine, durch die wir einen Gegenstand der Wahrnehmung lediglich identifizieren; und unausbleiblich dann, wenn die Identifikation eine mehrgliedrige Analyse fordert. Zielt die Beobachtung gar auf die Einordnung eines Gegenstandes als eines Exemplares in eine Gattung egal welcher Höhe, so wird die Urteilsprägung fast unvermeidlich. Ist doch das Wort nicht nur der Ausdruck, sondern der Bewußtseinsträger des qualitativ Allgemeinen.

Gilt dies alles schon für unsere praktischen Beobachtungen, so trifft es die wissenschaftlichen in erhöhtem Maße. Denn ihr apperzeptiver Unterbau ist, wie wir sahen, selbst schon urteilsmäßig, weil begrifflich gefugt. Das zu Beobachtende tritt hier im allgemeinen schon vor der Beobachtung, in der Erwartung, urteilsmäßig gegliedert auf. Es trägt diesen Urteilscharakter deshalb stets in die Beobachtung hinein. Allerdings ist es nicht notwendig, daß das Urteilsgefüge der Apperzeptionsmassen in der Beobachtung selbst voll zum Vorschein kommt. Jedes Stadium, von der eben beginnenden Urteilsprägung an bis zum vollen Ausbruch eines Urteilsverlaufs, kann vorhanden sein; gelegentlich können sie alle durchlaufen werden. Je fester jenes Gefüge gebaut, je gewohnter sein Besitz ist, umso weniger deutlich braucht die Urteilsbildung hervorzutreten. Die Beobachtung vollzieht sich gerade dann schnell und ohne Anstoß. Es kann daher in jeder der drei oben vorweg genannten Arten der Beobachtung der Antrieb sowie die Zeit fehlen, alle oder auch nur mehrere der prädikativ gegliederten Bestimmungen der Apperzeptionsmassen bewußt auszuführen. Andererseits nimmt allerdings der sachliche Gehalt der Beobachtung in solchen Fällen wenig Reproduktionsenergie in Anspruch. Umso mehr vermag diese sich dann der Verflechtungsassoziation der Wortvorstellungen zuzuwenden: die Worte also, die etwa in den analysierenden Beobachtungen das Beobachtungsganze und die ihr logisch immanente Bestimmung bezeichnen, können sich hervordrängen. Verweilt die Beobachtung einige Zeit am Gegenstand, so können sich deshalb auch in diesen Fällen mannigfache Urteilsverläufe mit dem Wahrnehmungsverlauf verschlingen. Dasjenige Urteil, das schließlich die Beobachtung zusammenfaßt, tritt fast unausbleiblich ein.

Es folgt demnach, wenn wir Urteilen und Denken gleichsetzen:  in der wissenschaftlichen Beobachtung durchdringen sich Wahrnehmen und Denken.  Sie ist nicht nur aufmerksame Wahrnehmung zum Zweck begrifflicher Bestimmung, sondern in sich selbst  begriffich bestimmte Wahrnehmung.  Es ist deshalb in der Tat logisch unbedenklich, die Modalitäten der Urteilsgeltung auf die Beobachtung selbst, trotz ihres Wahrnehmungscharakters, zu übertragen: unsere Beobachtungen können wahre, wahrscheinliche oder falsche sein.

Verfließender ist eine letzte Eigenheit der wissenschaftlichen Beobachtung. Sowohl die materialen apperzeptiven Bedingungen der Beobachtung überhaupt, als auch die formalen der apperzeptiven Reproduktion, insbesondere der Aufmerksamkeit, sind ein Tummelplatz für  individuelle Unterschiede.  Vom Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser individuellen Bedingungen hängen in verwickelter Weise und schier zahllosen Abstufungen Reichtum und Armut, Schärfe und Stumpfheit, Leichtigkeit und Schwierigkeit, Schnelligkeit und Langsamkeit der Beobachtung ab; nicht nur der wissenschaftlichen, sondern jeder Art der Beobachtung. Diese Unterschiede verlieren sich im Tierreich ebenso allmählich wie die Verwicklungen der neuromuskulären Organisation. Sie steigern sich andererseits, speziell bei uns, mit der Ausprägung der Individualität. Auch wenn zwei dasselbe beobachten, beobachten sie nicht dasselbe.

Diesen individualisierenden Momenten wirkt allerdings in der wissenschaftlichen Beobachtung die begriffliche Allgemeingültigkeit der Apperzeptionsmassen entgegen. Aber sie vermag das Spiel der individuellen Antriebe nicht aufzuheben. Denn die intellektuelle Bildung ist eine wesentliche Bedingung für die Entwicklung der Individualität. Ihr Einfluß wächst mit der selbständigen Arbeit, durch die sie erworben wird.

Wir haben hieraus fürs erste zu schließen, daß jenes Ineinanderwirken der apperzeptiven Bedingungen der Beobachtung sich schlechterdings nicht auf allgemeine Regeln aufschrauben läßt. Die äußeren Bedingungen ihrer Handhabung können allerdings schließlich von jedem "gelernt" werden, von der absichtlichen Einstellung der Sinnesorgane an bis zu den Handgriffen der feinsten instrumentalen Technik. Auch der Schematismus der Apperzeptionsmassen und der Aufmerksamkeit kann "geschult" werden. Aber jene Handhabung selbst und dieses Ineinandergreifen ihrer inneren Bedingungen ist im wesentlichen ein Produkt des individuellen wissenschaftlichen Takts. Dort beruth er auf dem individuellen, unwillkürlich, ja vielfach unbewußt gewordenen Ineinswirken von Bewegungen, die zur zweiten Natur geworden sind, mit den entsprechenden Wahrnehmungen; hier auf einem analogen Zusammenspiel der beteiligten Reproduktionsvorgänge. In jener Form läßt er im rechten Augenblick das Rechte tun und geschehen; in dieser beherrscht der die Aufmerksamkeit, das Zentrum der Reproduktion, rechtzeitig in der rechten apperzeptiven Sättigung. Ebenso wirkt die Denkarbeit bald vorgreifend oder nachhelfend, bald kontrollierend oder registrierend, bald zerlegend oder zusammenfassend, bald beschränkend oder erweiternd, bald anerkennend, berichtigend oder verneinend in einer Weise, die sich zwar zur Not den Ergebnissen ablauschen, aber nimmermehr zu Vorschriften für alle abschleifen läßt.

Schon aus diesen Gründen ist speziell das wissenschaftliche Beobachten eine  Kunst,  die man, wie jede Kunst, nicht lernen kann, zu der man vielmehr geboren sein muß. Ihr Geist wird nur wenigen Auserwählten zuteil. Es folgt jedoch weiter, daß die wissenschaftliche Beobachtung, auch dann, wenn Experimente gar nicht in Betracht kommen, ihre Gegenstände nicht eigentlich findet, sondern selbstwirkend, ja selbsttätig  schafft.  Sie schafft ihren Gegenstand selbst da, wo sie identifizierend lediglich auf ihn als diesen einzelnen, oder analysierend auf eine einzelne Bestimmung von ihm gerichtet ist. Denn sie nimmt ihn niemals in der Einzelheit, in der er vorliegt. Er wird vielmehr zur repräsentativen Typus der Gesamtvorstellung des Individuums oder des singulären Inbegriffs unter eben diesen Bedingungen der Beobachtung. Dementsprechend wird er in der subsumierenden Beobachtung zum typischen Vertreter einer Art, zum Exemplar im eigentlichen Sinne des Wortes. Kurz also:  die Beobachtung schafft ihren Gegenstand als Typus in künstlerischer Weise.  Auch von hier aus gesehen stellt sich die Beobachtung demnach als eine Kunst dar. Selbstverständlich ist sie keine freie, sondern eine gebundene, und zwar, wenn der Ausdruck gewagt werden darf, wissenschaftlich gebundene Kunst. Aber das Schöpferische ihres Verfahrens wird durch diese ihre Gebundenheit im Grunde so wenig beeinträchtigt, wie das künstlerische Arbeiten etwa des Malers, der eine Landschaft oder ein Porträt schafft, und des Dichters, der einen lebendig gebliebenen historischen Stoff zu einer Erzählung oder einem Drama abrundet. Daß der wissenschaftlichen Beobachtung schließlich auch die Gefühlsmomente der künstlerischen Tätigkeit nicht fehlen, zeigt die obige Erörterung über das Interesse, das gerade in ihr wirksam ist. Ist sie demnach eine Kunst, so wird es müßig, den Auserwählten unter den Beobachtern (wie aus analogen Gründen den Auserwählten unter der Forschern auf jedem Wissensgebiet) den Ehrentitel der Genialität vorzuenthalten. Eben weil die Genialität mit Fug als ein Vorrecht des künstlerischen Schaffens angesehen wird, findet sie sich auch bei den Beobachtern. Sie ist vorhanden, wo wir in Beobachtungsreihen Leistungen schöpferischen Taktes anzuerkennen und anzustaunen haben, welche bezeugen, daß die geistige Kraft ihren Urheber das Durchschnittsmaß weit übersteigt: TH. YOUNG und HELMHOLTZ, FARADAY und HERTZ, WOLF, NIEBUHR und RANKE - wer wollte die Namen zählen.

Auch in diesem Licht fehlt allerdings nicht der Schatten. Die genannten individualisierenden Momente beeinflussen ohne Zweifel in erster Linie nicht das Beobachtete selbst, sondern die Art und Weise der Beobachtung. Vorstellung und Vorgestelltes sind jedoch hier ebenfalls nur  in abstracto  zu trennen. Wer leugnen wollte, daß trotzdem zahlreiche Elemente und einfachere Beziehungen des Beobachteten praktisches und wissenschaftliches Gemeingut werden können, würde einen richtigen Gedanken ins Absurde übertreiben. Offenbar zutreffend dagegen ist, daß Komplexe des Beobachteten aller Art in jedem von uns ein individuelles Dasein führen: in dem, was sie enthalten, wie in den Beziehungen, in denen sie stehen. Selbst wer diese Konsequenz in den paradoxen Ausdruck kleiden wollte, keiner wisse im Grunde recht zu verstehen, was der andere beobachtet habe, würde nichts Falsches sagen. Ernster ist jedoch eine andere Konsequenz: Aus dem Wesen der wissenschaftlichen Beobachtung entspringen  Fehlerquellen,  die das Fundament unseres empirischen Wissens lockern. Manche dieser Fehler können gerade durch die Methoden wissenschaftlicher Untersuchung aus den Ansätzen der Formulierung der Beobachtungsergebnisse ferngehalten werden. Andere werden allmählich eben durch die individuelle Verschiedenheit der Beobachter eliminiert, die sie im Gefolge hat. Eine dritte Gruppe von Störungen des Gleichgewichts zwischen verschiedenen Beobachtungen kann wissenschaftlich gefaßt werden. Aber mit dem Vorhandensein aller dieser Fehlerquellen hat die Praxis wie die logische Theorie der Beobachtung auf Schritt und Tritt zu rechnen.


IV.
Grundlagen der logischen Theorie der
wissenschaftlichen Beobachtung

Die logische Theorie der wissenschaftlichen Beobachtung hat darzulegen, welche Arten der Beobachtungen nach den Zwecken der wissenschaftlichen Erkenntnis zu scheiden, unter welchen Bedingungen sie gültig sind und welche Funktionen der wissenschaftlichen Beobachtung überhaupt zustehen. Sie hat den psychologischen Tatbestand der Beobachtung zum Ende, so weit er es verträgt, logisch zu formen, um die Normen der Beobachtung zu gewinnen.

Zwei Komplikationen der Beobachtung, eine häufige und eine leicht irreführende, dürfen wir ausschließen.

Fürs Erste sehen wir von den  mitgeteilten  Urteilen ab, die nicht nur in die Beobachtungen des Lernenden, sondern vielfach auch in die Beobachtungen des Kundigen einfließen und den Verlauf der Apperzeptionsmassen wie der Aufmerksamkeit leiten. Die Verwicklungen, die durch ihren Einfluß entstehen, gehören in eine Erörterung über die Bedeutung fremder Beobachtungen hinein, die hier nicht beabsichtigt ist.

Die  selbständigen  sinnlichen Beobachtungen, die somit übrig bleiben, sind wie alle Beobachtungen an die Wahrnehmung gebunden. Erinnerte begriffliche Bestimmungen, die nicht als integrierende Bestandteile gegenwärtiger Wahrnehmungen auftreten, sind als solche nicht Gegenstände der sinnlichen Beobachtung. Treten sie mit Beobachtungen zu einem systematischen Inbegriff zusammen, so ist dieser Inbegriff nur ungenau, etwa  a potiori,  als Beobachtung zu deuten. Wir können z. B. positive oder negative Nachbilder oder die Erscheinungen des sukzessiven Kontrastes, die wir in einem gegebenen Fall  beobachten,  mit den Erinnerungen an die ursprünglichen Wahrnehmungen vergleichen. Wir können weiterhin die Reize für die ursprünglichen Wahrnehmungsbilder aufs Neue herstellen, die Gegenstände, die sie aufgrund der inzwischen gewonnenen Apperzeptionsmassen hervorrufen, wiederum  beobachten  und mit den Erinnerungen an jene Nachwirkungen vergleichen. Auch die Verwicklungen dieser Art, die der Sprachgebrauch in den materialen Wissenschaften unbedenklich den (selbstverständlich sinnlichen) Beobachtungen einreiht, lassen wir hier außer Betracht.

Es ist nicht notwendig, haben wir gefunden, daß jede wissenschaftliche Beobachtung,  während sie vollzogen wird,  sich in einem ausgeführten Urteil gleichsam verdichtet, das die Ergebnisse der Beobachtung begrifflich wiedergibt. Aber es ist für die logische Theorie zweckmäßig, jede Beobachtung durch ein solches Beobachtungsurteil darzustellen. Enthält die Beobachtung lediglich unmittelbar Wahrgenommenes, so nenne ich das Beobachtungsurteil eine  Wahrnehmungsaussage,  d. h. ein  Wahrnehmungsurteil.  Wir haben jedoch gesehen, daß die Wahrnehmungen des entwickelten Bewußtseins zumeist mittelbare Erfahrungen sind. Je tiefer die erregten Apperzeptionsmassen begrifflich durchgearbeitet sind, umso mehr sind die materialen Glieder des Beobachtungsurteils, das Subjekt und das Prädikat, von Bestimmungen erfüllt, die auf dem Weg der Erinnerung aus früheren Beobachtungen in die gegenwärtige hineinströmen. Diese Erfüllung kann tatsächlich durch mannigfache Typen der selbständigen Reproduktion erfolgen. Für die logische Betrachtung gehört das so Reproduzierte dann als integrierender Bestandteil in die Beobachtung hinein, wenn es in den begrifflichen Bestimmungen des Wahrgenommenen enthalten ist. Das Beobachtungsurteil wird in diesen Fällen zu einem  Erfahrungsurteil.  Es wird nicht nötig sein, den Unterschied dieser Gliederung von der gleichlautenden kantischen zu betonen; ebensowenig, dem Mißverständnis ausdrücklich zu begegnen, das entstehen würde, wenn diese Erfahrungsurteile auf die oben ausgeschlossenen, nur ungenauerweise so genannten sinnlichen Beobachtungen bezogen würden.

Es ist klar, daß jene apperzeptiven Ergänzungen oder Erweiterungen mannigfaltiger Art sein können. Auch abgesehen davon aber kann das logische Gefüge der Beobachtungsurteile ein sehr  verschiedenes  sein. Sie können als elementare Aussagen verschiedenster Art, als Urteilsverbindungen, als Verkürzungen von Urteilen, als Beurteilungen und Urteilsgefüge erscheinen. Wo sie sich zu Beschreibungen ausgestalten, können sie verwickelte Inbegriffe all dieser Urteilsarten werden.

Wenn wir voraussetzen, daß wir der Wirklichkeit der wahrgenommenen Gegenstände sicher sind, so sind unsere Beobachtungen in den einfachsten Fällen teils  identifizierende,  teil  analysierende,  teils  subsumierende. 

Auf diese elementarsten Formen der Beobachtung möchte ich mich im folgenden Teil beschränken. Sie sind durchweg als  direkte  Beobachtungen vorausgesetzt. Leicht läßt sich, was für sie gilt, auf die  symbolischen  übertragen, d. h. auf diejenigen, die nur ain einem gegebenen Symbol des gemeinten Gegenstandes stattfinden.

Die Selbstbeobachtung soll vorerst vollständig außer Betracht bleiben.
LITERATUR - Benno Erdmann, Zur Theorie der Beobachtung, Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge der "Philosophischen Monatshefte", Bd. 1, Berlin 1895