p-4cr-2G. TeichmüllerEleatenO. WeidenbachJ. Bahnsen    
 
HANS PICHLER
Über die Arten des Seins

"Wiewohl auch der Laie bei der Fällung von Existentialurteilen die Arten des Seins voneinander unterscheidet, derart, daß die Prädizierung des Seins zumeist im Sinne einer Zuordnung zu einer bestimmten Klasse als seiend bereits anerkannter Gegenstände vollzogen wird, kam doch - dies ist eine erstaunlich logische Barbarei - keine der Kultursprachen dazu, sie mit einem festen Terminus zu bezeichnen. Sein, Wirklichkeit, Existenz, Realität werden völlig gleichdeutig gebraucht."

"Durch die sogenannten subjektiven Sinne werden die Dinge selbst wahrgenommen, wir haben Gehörsempfindungen, beziehen sie gemäß der Kategorie der Inhärenz auf einen Gegenstand und sagen etwa  wir hören eine Glocke.  Dem Einwand, daß nicht die Glocke gehört wird, sondern nur Töne, kann die Weglassung der Beziehung auf den Gegenstand auch beim Getast entgegengesetzt werden, es läßt sich ebenso sagen  ich taste keine Glocke,  ich habe nur Druckempfindungen."

Das ontologische Problem hat ARISTOTELES in die abendländische Begriffsentwicklung eingeführt. War vor ihm das philosophische Interesse vorzugsweise der Fragestellung zugekehrt: was ist das Seiende, so untersuchte er: was ist das Sein, und beschied sich bei der Ansicht, daß die Seinbegriffe disparat und nur  homonyma kat analogian  [Gleichnamiges von Analogem - wp] (1) Eine rein analytische Begriffsbestimmung des Seins kann nicht weit führen, die Richtung gebenden Gesichtspunkte entnahm ARISTOTELES seiner Metaphysik, die als  transzendente Logik  ihn zur Unterscheidung der  gene tou ontos  [Bestände des Seins - wp] nach den Kategorien führte. Ihr fehlt nichts als die Bestimmung des übergeordneten Gattungsbegriffs  Sein,  der freilich nur auf dem erkenntniskritischen Boden der  transzendentalen Logik  gefunden werden konnte.

Unter dem Einfluß des ARISTOTELES geriet in der Scholastik die Ontologie in jene eigentümlich unfruchtbare Verbindung logischer Begriffsanalysen mit dogmatischen Voraussetzungen. Die Folgezeit brachte zum metaphysischenn Dogmatismus noch den metaphysischen Skeptizismus zur Ausbildung. Diese beiden, die sich solange eine außerordentliche Wichtigkeit im menschlichen Weltbegriff angemaßt hatten, machte KANT in der "Kritik der reinen Vernunft" zunichte durch die Einsicht, daß alles erkennbare Sein kategorial vergegenständlichte Anschauung ist.

Das Kriterium für die Erkenntnis sind nicht Gegenstände "ansich", sondern die Anschauung, alle Vergegenständlichung ist die Tat des kategorialen, konstruktiven Denkens. Ein Denken, das den Bereich der Erfahrung verläßt, d. h. Gegenstände erkennen will, denen keine Anschauung korrespondiert, irrt von Phantom zu Phantom: KANT hält sich "an der einzigen billigen Forderung, daß man sich ... darüber rechtfertige, wie man es anfangen wolle, seine Erkenntnis ... bis dahin zu erstrecken, wo keine mögliche Erfahrung und mithin kein Mittel hinreicht, irgendeinem von uns selbst ausgedachten Begriff seine objektive Realität zu versichern. Wie der Verstand auch zu diesem Begriff gelangt sein mag, so kann doch das Dasein des Gegenstandes desselben nicht analytisch in demselben gefunden werden, weil eben darin die Erkenntnis der Existenz des Objekts besteht, daß dieser  außer den Gedanken  an sich selbst gesetzt ist." (2) "In dem bloßen Begriff eines Dings kann gar kein Charakter seines Daseins angetroffen werden. Denn, ob derselbe gleich noch so vollständig sei, daß nicht das Mindeste ermangle ... so hat Dasein mit allem diesem doch gar nichts zu tun, sondern nur mit der Frage: ob ein solches Ding uns gegeben sei, so daß die Wahrnehmung desselben vor dem Begriff allenfalls vorhergehen könne ... die Wahrnehmung, die den Stoff zum Begriff hergibt, ist der einzige Charakter der Wirklichkeit." (3)

So ist das Problem des Seins auf den erkenntniskritischen Boden verpflanzt. KANT konnte in der Kr. d. r. V. alle unsere Erkenntnisansprüche auf das Feld der möglichen Erfahrung einschränken, weil er in der transzendentalen Logik die nach sicheren Grundsätzen vollzogene Grenzbestimmung unseres Erkennens aufgewiesen hat, "welche ihr  nihil ulterius  [nichts weiter - wp] mit größter Zuverlässigkeit an die herkulischen Säulen heftet, die die Natur selbst aufgestellt hat, um die Fahrt unserer Vernunft nur soweit, als die stetig fortlaufenden Küsten der Erfahrung reichen, fortzusetzen". (4)

Die fortlaufenden Küsten der Erfahrung sind die Reiche des Seins, die durch ihren Gegensatz zum bloßen Gedachtsein und eine notwendige Beziehung auf die Anschauung freilich noch nicht genügend bestimmt sind. Der Existenzialbegriff erhält seinen inhaltlichen Wert erst in den kategorial spezifizierten Seinsarten.

Daß das Sein den Merkmalen, mit denenn wir einen Gegenstand denken, nicht gleichgestellt werden kann - auch welchem Grund hyperkritische Logiker es auch nicht als Prädikat wollen gelten lassen - ist nur zu klar. Wir haben keinen  intellectus archetypus,  d. h. das Denken bringt die seinen Gegenständen korrespondierende Anschauung nicht hervor, es findet an der Anschauung immer dann eine Schranke, wenn es auf synthetische Urteile ausgeht. (5)

Wie aber, wenn trotz der Kr. d. r. V. auf Grund bloßer Nominaldefinitionen ein Gegenstand als seiend gedacht wird? Das kann natürlich nicht verwehrt werden, aber wer das tut, unterwirft sich damit, wenn er den Begriff  Sein  in dem hier zugrundegelegten Sinn nimmt, einer Gerichtsbarkeit, die fernab der für die Wahrheit der analytischen Sätze geltenden steht.

Diese vom Denken unabhängige Gerichtsbarkeit des Gegebenen (der Anschauung) muß die kritische Erkenntnistheorie anerkennen, wenn anders sie die synthetischen Urteile auf ihre Gültigkeit bewerten will. Daher sie zwar des jeweiligen, zumeist gar nicht möglichen Rekurses auf die gegebene Anschauung enthoben ist, aber sie als entscheidendes Kriterium zugrundezulegen hat, um die Besonderungen der empirischen Seinsbegriffe ebenso wie alle synthetischen Sätze einzig dann als gültig anzuerkennen, wenn sie dieser ihrer Voraussetzung gemäß sind.

Somit wird für den konsequent methodischen Erkenntnistheoretiker alles Sein nur als gültig zu beurteilendes Sein Bedeutung haben; doch darf nicht vergessen werden, daß das Kriterium hierfür in der Anschauung liegt, sonst wird das  ens verum  CHRISTIAN WOLFFs das gültig beurteilte Sein schemenhaft, wie die Gültigkeit der Bejahung selbst.

Die viel berufen Lehre  esse est percipi  [Sein ist Wahrnehmung. - wp], also die Konfundierung vom "Gegebensein" des Anschaulichen mit dem Sein ist bestenfalls eine Tat sprachlicher Willkür ohnegleichen.

Das Gegebene ist überhaupt keine Art des Seins, geschweige dessen ganzer Umfang. Es ist der unerschöpflich reiche Boden, in dem alle Arten des Seins wurzeln, über den sich aber auch alle erheben. Die Anschauung ist die Bedingung für jede Objektivierung. Ein Chaos, mit dem für sich wenig zu beginnen ist, und das erst der Verstand "geschäftig, die Erscheinungen in der Absicht zu durchspähen, um an ihnen irgendeine Regel aufzufinden" (6) zu den verschiedenen Arten des Seins interpretiert.

Das Gegebenheitsurteil ist kein Existentialurteil, weil das Gegebene, als kategorial nicht vergegenständlicht, den übrigen Seinsarten nicht koordiniert werden kann. (7)

Die Einheit, auf die das Gegebene im Gegebenheitsurteil bezogen wird, ist die Bewußtseinseinheit, KANTs transzendentale Apperzeption.

Wenn gemäß der erkenntnistheoretischen Grundvoraussetzung das Denken in der Anschauung sein Kriterium finden soll, so muß es zu dieser in einer Beziehung stehen; "also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: Ich denke in demselben Subjekt darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird." (8)

Der Anschauung, nicht Gegenständen ansich, steht das Denken gegenüber. Durch kategoriale, konstruktive Synthese werden die Bewußtseinsinhalte gedeutet zu Wahrnehmungen von Gegenständen. "Wenn wir untersuchen, was denn die  Beziehung auf einen Gegenstand  unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gibt, und welches die Dignität ist, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nicht weiter tut, als die Verbindung der Vorstellung auf eine gewisse Art notwendig zu machen." (9)

Die Notwendigkeit, welche solche gegenständliche Regeln der Anschauungsverknüpfungen mit sich führen, ist zu deren Faktizität hinzu gedacht, die Kategorien dienen bloß "durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen." (10)

Obschon diese notwendige Zusammengehörigkeit von Anschauungen zu diesen hinzugedacht ist,  so bleibt doch der Gegensatz zum bloßen Gedachtsein bestehen, dies will ja eben der Begriff der Notwendigkeit in den gegenständlichen Kategorien ausdrücken,  und obschon in der Erfahrung niemals der Gegenstand mit den unendlich vielen zu ihm gehörigen Anschauungen ins Bewußtsein tritt, sondern immer nur einzelne Anschauungen, die auf ihn als zugehörig ("repräsentierend") gemäß der den Gegenstand konstituierenden Kategorie bezogen werden, so ist doch am Gegenstand, abgesehen von der kategorialen Synthese, nichts als was zur möglichen Erfahrung gehört.

Je nach den Kategorien, die die seienden Gegenstände konstituieren, gibt es verschiedene Arten von seienden Gegenständen, also liegt das  principium divisionis  [Prinzip der Unterscheidung - wp] des in der kategorialen Vergegenständlichung des Gegebenen bestimmten Gattungsbegriffes  Sein  nicht etwa in der Verschiedenheit des Anschaulichen in den Wahrnehmungen, sondern  die Arten des Seins unterscheiden sich durch die in ihren kategorialen Gegenstandsbegriffen behauptete Beziehung auf die Anschauung. 

Solche Regeln notwendiger Anschauungsverknüpfungen kennt KANT nur zwei: die Kategorie der Inhärenz und die Kategorie der Kausalität, und nur der Seinsart der Dinge hat er seine Aufmerksamkeit zugewandt. Wenn sich nun zeigen läßt, daß unter Zugrundelegung eines Seinsbegriffs, dessen generischer Inhalt die kategoriale Vergegenständlichung der Anschauung ist, dem Sein der Dinge und dem Sein der Naturgesetze gemäß dem  principium divisionis  noch das Sein von Raum und Zeit und das psychische Sein koordiniert werden muß, so scheint vielleicht mit dieser Inbeziehungsetzung der aristotelischen Ontologie mit dem kantischen Seinsbegriff nur die Aufgabe eines schematischen Ausbaus der Kategorienlehre und der Ontologie gelöst. Eine solche Lösung würde sich indessen nach zwei Seiten hin fruchtbar zeigen.

Zuerst einmal muß es sich rächen, wenn die prinzipielle Einheitlichkeit der logischen Struktur der Erkenntnisgebiete, nämlich der Seinsarten, übersehen wird. Dann werden Probleme unter einen zu engen Gesichtskreis gestellt und damit unlösbar, wie z. B. der viel berufene Solipsismus, oder sie werden bei Unkenntnis der übereinstimmenden Verhältnisse hier und dort in gegenständlichem Sinn angepackt, wie es beispielsweise oft mit dem Begriff des Unbewußten geschieht, oder endlich es werden artmäßig koordinierte Gebiete vermengt, wie es etwa der methodologisch begründete psychophysische Parallelismus tut.

Andererseits handelt es sich um jene Probleme, welche die polemische Anpassung an die kantische Erkenntnistheorie gezeitigt hat durch die Umbildung des Nominalismus zum Positivismus. Ihn wird die konsequente Ausgestaltung der kantischen Ontologie zwar nicht widerlegen, denn der Positivismus ist der einzige Gegner, wider den die kantischen Begriffe nichts ausrichten. Aber sie wird ihn zur Selbstvernichtung bringen, indem sie - durch die einzige fundamentale und unverfängliche, weil an der Anschauung ein stetes Kriterium habende Behauptung der Notwendigkeit der  steten  Regelmäßigkeiten der Erfahrung zu den verschiedenen Arten des Seins geführt - eine Konsolidierung des gesamten Erkenntnisgebietes erreicht, von derartig einheitlichem und festem Gefüge, daß der Positivismus dieses ihn aufhebende System als die "einfachste" Formulierung wird anerkennen müssen, solange es in der Erfahrung seine Bestätigung findet.

Nun gibt es aber ein Gebiet, in dem der Nominalismus wirklich am Platz zu sein scheint.

Mannigfache, sehr ernsthafte Gründe drängen immer energischer darauf hin, aus der Naturwissenschaft eine bloße  techne  zu machen. Sie soll es nicht mehr als Aufgabe ansehen, die Natur zu begreifen, sondern sich beschränken, Formeln zu finden, um die Ereignisse zu berechnen (MACH, RICKERT).

Die Begriffe, welche die Naturwissenschaft einzig im Hinblick auf diese Zwecke bildet, beanspruchen grundsätzlich keine Seinsbedeutung.

Aber dem Nominalismus, der so in der Naturwissenschaft vielleicht ohne Opfer durchführbar ist, darf die Natur, der "Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung" (11) nicht ausgeliefert werden, d. h. Natur ist eine letzte Voraussetzung, das ontologische Ordinatensystem, auf dem wir allen Erfahrungen ihren Ort anweisen; nach der "Annahme des Geistes, daß ein konstant Wirkliches ein Notwendiges sei" (12) wird die Phalanx der Seinsarten aus dem Stoff der Erfahrung aufgebaut.

Und es ist klar, daß, wenn die Gütertrennung zwischen Begriff und Natur wirklich einmal ernsthaft in Angriff genommen werden sollte, die Natur all das beanspruchen wird, was innerhalb der notwendigen Regeln der Anschauungsverknüpfungen eingeordnet werden kann - mag es auch von der Naturwissenschaft erforscht sein - und daß ein Mangel an Folgerichtigkeit in der Bestimmung des Naturbegriffs, d. h. des Seinsbegriffs, nicht nur einzelne Verwirrungen zeitigt, sondern das ganze Weltbild verzerren muß.


Die Realität der Dinge (13)

Begreiflicherweise stand im Mittelpunkt der ontologischen Fragestellungen allzeit die Realität der Körperwelt. Die Fülle der gegensätzlichen Lösungsversuche, die die Entwicklung der philosophischen Geschichte zeitigte, ist erstaunlich, erstaunlich die Schwungkraft, mit der sich gestaltende Geister von ihrem Ausgangspunkt, der Verbegrifflichung der Sinnenwelt, erhoben zu den erdachten Gebilden weltferner Philosopheme.

Allzugeneigt, die Natur zu vereinfachen auf Kosten ihrer wahren Vielgestaltigkeit, opfert der Systematiker, bald das Sein dem Werden, bald das Werden dem Sein und wieder das Phänomenale anschaunngsfremden Dingen und die Dinge dem Phänomenalen.

Mit KANTs "Kritik der reinen Vernunft" ist der erkenntnisdurstige Geist aus den Jugendjahren eines phantastischen Jagens nach dem  ontos on  [seienden Sein - wp] herausgetreten und hat sich abgefunden mit der anschaulichen Welt.

Welche Gründe der Metaphysiker auch haben mag, sich ein  ontos on  zu ersinnen hinter der Sinnenwelt, so hat doch diese das voraus, daß sie erweislich mehr ist als ein bloßes Hirngespinst. Freilich, aus Begriffen läßt sich die Realität so wenig wie die anderen Arten des Seins ableiten, die Ausdeutung von Gegebenem durch die Kategorie der Inhärenz zu realen Dingen ist wie alle kategoriale Vergegenständlichung eine letzte Voraussetzung über alle möglichen Erfahrungen, die an der wirklichen Erfahrung kein erschöpfendes, aber ein  zureichendes  Kriterium findet.

Der Dingbegriff ist eine Regel von Anschauungen derart, daß die zu einem Ding gehörigen anschaulichen Bestimmungen als seine Eigenschaften aufgefaßt werden.

    "Unsere Synthesis heftet in dem unsäglich komplizierten Begriff des Dings diejenigen Wahrnehmungen zusammen, als zu einem Ding gehörig, die sich beziehen lassen auf einen Ort im Raum, auf einen kontinuierlichen Ablauf der Veränderungen, auf eine naturgesetzliche Notwendigkeit." (14)
Das Sein der Dinge besteht in ihrer notwendigen Beziehung auf die Anschauung. Ein reales Ding kann zwar selbst weder in der einzelnen Anschauung Bewußtseinsinhalt werden, noch der Summe der unendlich vielen zu ihm gehörigen Anschauungen gleichgesetzt werden, und die Dingvorstellung als die durch die kategoriale Synthese hinzugedachte Einheit von Anschaulichem, ist selbst nicht anschaulich.

Verliert dann nicht das Reale alle Beziehung zum Bewußtsein? Die Wahrnehmungen sind nicht real und die Dingeinheit ist nicht wahrnehmbar. Diese Schwierigkeit ist nur durch eine falsche Spitzfindigkeit geschaffen; es geht nicht an, derartig zu scheiden, daß auf die eine Seite alle möglichen Wahrnehmungen, auf die andere das entblößte Ding gestellt wird. In der Wahrnehmung wird ja eben das Ding selbst wahrgenommen, nicht etwa die Empfindung, diese ist gegeben.

Ein Ding wahrnehmen heißt Anschauungen auf ein Ding beziehen.

So wird der Voraussetzung, daß alles Sein kategorial intellektuierte Anschauung ist, durch den Realitätsbegriff entsprochen: abgesehen vom kategorialen  a priori  ist an den Dingen nichts Anschauliches.

Die Wahrnehmungsnotwendigkeit ist eine allgemeine, d. h. überall, wo die Bedingungen zur Wahrnehmung eintreten, müssen die realen Dinge wahrgenommen werden, Halluzinationen, Jllusionen, Traumbilder, mögen sie sich auch inhaltlich in nichts vom normal wahrgenommenen unterscheiden, sind nicht real, weil sie nicht zu einer Regel einer allgemein notwendigen dinglichen Anschauungsverknüpfung gehören.

Andererseits muß Realität auch dem nicht Wahrgenommenen zugeurteilt werden, insofern es nur unter bestimmten Bedingungen wahrnehmbar ist. Auch das weder  hic et nunc  [hier und jetzt - wp] Wahrgenommene, noch durch frühere Wahrnehmungen Bekannte, noch auch als wahrnehmbar je Erschlossene ist real, sofern es nur eine notwendige Beziehung auf eine mögliche Wahrnehmung hat. So KANT im zweiten "Postulat des empirischen Denkens". "Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich."

Selbstverständlich muß Wahrnehmbarkeit weit genug gefaßt werden. Infusorien [die letzte Klasse des Tierreichs - wp], dem unbewaffneten Auge nicht sichtbar, werden es durch das Mikroskop, die Rückseite des Mondes durch das Verlassen des terrestrischen Standpunktes, die Fixsternwelten, die nie am nächtlichen Himmel aufleuchten, erschließen sich dem Weltenwanderer.

Ahnend steht der Mensch vor der unermeßlichen Fülle der Natur, wenig erfährt er von dem, was sie zu ihm spricht "zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen". (15)

Wer durch die Tat des KOPERNIKUS schwindeln gemacht, den anthropozentrischen Standpunkt wieder zu gewinnen trachtet, indem er die Dauer der Welt vom Dasein wahrnehmender Menschen abhängig machen will, mißbrauch die kantische "kopernikanische" Tat. Als ob KANT nach der Kr. d. r. V. seine "Naturgeschichte des Himmels" verleugnet hätte. Als ob die Wahrnehmbarkeit des Realen endet, sobald es an Geschöpfen fehlt, wahrzunehmen. Die notwendige Beziehung auf die Anschauung, die wir den Dingen zuurteilen, ist unabhängig von allem tatsächlichen Anschauen. Vorstellbar ist es ja freilich nicht, was ein Reales sei, ohne daß es wahrgenommen wird. Obschon der begriffliche Wert der Realität durch das Merkmal der Wahrnehmbarkeit ausreichend bestimmt ist, scheint doch keine befriedigende Formel gefunden.

Das in der Unentrinnbarkeit des naiven Realismus sich äußernde Bedürfnis, das Reale als ein Wahrgenommenes zu hypostasieren [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] ohne Beziehung auf die wirkliche Wahrnehmung, wird immer die Formulierung: real sind die wahrnehmbaren Dinge, als ungenügend empfinden.

Der Grund liegt nicht so sehr im Beharren der Wahrnehmungswelt als in ihrer steten Veränderung. In den Wahrnehmungen offenbart sich ein Kontext des Geschehens, dessen kontinuierlicher Ablauf unabhängig erscheint von der Diskontinuität der Wahrnehmungen.

Das Problem des naiven Realismus, wie die Dinge aussehen, wenn sie nicht wahrgenommen werden, hat in gegensätzlicher Weise zu Phänomenalismus und transzendentalem Realismus geführt. Der fundemantalen These des Phänomenalismus, daß das Reale nur etwas im Bewußtsein ist, setzt der Realismus die Hypostasierung [Vergegenständlichung - wp] von Bewußtseinsinhalten als unabhängig von allem Bewußtsein entgegen und unterscheidet sich damit vom naiven Realismus nur durch die Auswahl der zu hypostasierenden Bewußtseinsinhalte und die Systematisierung der naiv-realistischen Naivität. Hingegen schlägt das  esse est percipi  des Phänomenalismus freilich den Knoten durch, doch auf eine so brutale Weise, daß damit nicht nur die Kontinuität des Realen, sondern alle Arten des Seins sich auflösen und in ein Chaos von Bewußtseinsinhalten zerfallen.

Aber es ist nicht eben notwendig, nach einer unbefriedigten Durchmessung von naivem und transzendentalem Realismus und Phänomenalismus sich dem Agnostizismus zu verschreiben, denn die unlösbare Aufgabe enthält einen Widerspruch in der Fragestellung: da wir alle unsere anschaulichen Vorstellungen von der Welt nur den Sinneserfahrungen verdanken, ist es ein Nonsens, sich anschaulich vorstellen zu wollen, wie die Welt unanschaulich aussieht.

Auch bestehen keine sachlichen Notwendigkeiten, auf diese Weise um die Ecke zu sehen; solange die Wahrnehmbarkeit gewiß ist, können wir von den Dingen sprechen, als wären sie stets in den Wahrnehmungen gegenwärtig. Ein wirkliches Problem liegt dem einhelligen Streben so vieler systematischer Gegensätze über den naiven Realismus' hinaus freilich zugrunde. Es ist die Kluft zwischen anschaulicher und begrifflicher Welt, jener Gegensatz, der, vom Anbeginn des philosophischen Denkens empfunden, in den metaphysischen Systemen zu einer Steigerung ins Grenzenlose drängte und erst von KANT in seiner endgültigen Notwendigkeit begriffen und fruchtbar gemacht wurde. (16)

Eine Begründung des Realitätsbegriffs gegenüber dem Phänomenalismus ist seit der Kr. d. r. V. nicht mehr vonnöten. (17)

Und eine Beurteilung der Natur als Sinnenschein mittels sinnesphysiologischer Beweistümer bringt ihren Gewährsmann, die Sinne, in die nicht weiter ernst zu nehmende Rolle des bekannten kretischen Lügners: sie, die ja auch ein Stück Sinnenwelt sind, zeugen dann gegen sich selbst.

Dergleichen Argumentationen haben gegen die Begriffsentwicklung auch nichts vermocht, aber ein ähnlicher weniger zugespitzter Gedankengang - die Unterscheidung der primären und sekundären Qualitäten - ist nicht ohne eine tiefgreifende Wirkung auf den Realitätsbegriff geblieben.

Die von DEMOKRIT systematisch begründete Ausscheidung bestimmter Empfindungsmodalitäten als subjektiv ist unstreitig eine Großtat naturwissenschaftlicher Abstraktion, hat jedoch durch ihre Übernahme in den Naturbegriff nur eine unglückselige Verarmung desselben herbeigeführt, an der noch die Gegenwart leidet.

Auch durch die sogenannten subjektiven Sinne werden die Dinge selbst wahrgenommen, wir haben Gehörsempfindungen, beziehen sie gemäß der Kategorie der Inhärenz auf einen Gegenstand und sagen etwa "wir hören eine Glocke". Dem Einwand, daß nicht die Glocke gehört wird, sondern nur Töne, kann die Weglassung der Beziehung auf den Gegenstand auch beim Getast entgegengesetzt werden, es läßt sich ebenso sagen "ich taste keine Glocke, ich habe nur Druckempfindungen. Die Beziehung auf bestimmte Dinge ist ja nicht ohne weiteres möglich, daß wir Bäume sehen, das Rauschen der Blätter hören, von der Sonnenwärme durchströmt werden, muß erst gelernt werden. Daß die Bestimmungen der Dinge, die wir durch die sogenannten subjektiven Sinne erfahren, mit ihnen räumlich und zeitlich viel weniger eng verhaftet sind wie die  materiellen,  kann ihre  Subjektivität  nicht begründen.

Das Interesse des Naturforschers für das mechanische Geschehen ist wohl begründet. Da die Naturwissenschaft den Gang der Ereignisse zu berechnen trachtet, sind die Beschaffenheiten der Dinge für sie umso wesentlicher, je mehr sie sich zu einer solchen Absicht eignen, und da dies der Fall ist bei den materiellen Quanta mit ihren Volumen-Gruppierungs- und Bewegungsveränderungen, empfiehlt sich die vorzugsweise Bearbeitung des mechanischen Geschehens von vornherein.

Dadurch wird zugleich der Naturforschung die Aufgabe aufgedrängt, für qualitative Veränderungen der Dinge funktionelle Beziehungen zu suchen zu mechanischen, ein Ziel, dem gerade moderne Entdeckungen uns bereits nahe gebracht zu haben scheinen. Gesetzt, daß die physikalische Theorie, die alles Geschehen in der Welt auf mechanische Veränderung zurückführt, richtig ist, eine Frage, über die nur die zielbewußte experimentelle Befragung der Erfahrung zu entscheiden hat, so würde als die einzige Energieform die mechanische Kraft anzuerkennen sein, und das Eintreten von akustischen, optischen (elektrischen, magnetischen, chemischen) Wärme-, Geruchs- und Geschmacksveränderungenn wäre bedingt durch eine molekulare Konfiguration und Bewegung.

Damit wäre der Begriff einer Welt erarbeitet, in der sich alle Vorgängen anschauen lassen als molare [Ionen, Elektronen, Photonen - wp] und molekulare Bewegungen oder als geknüpft an solche, bewirkt von Kräften, deren Stärke, Zu- oder Abnahme eine Funktion von Masse und Bewegung ist.

Aber diese Errungenschaften des zählenden und messenden Denkens sind nicht dazu dienlich, um alle Veränderungen, deren funktionelle Beziehung zum mechanischen Geschehen nachweisbar ist, zu subjektivieren, der Natur also einen Teil ihres anschaulichen Reichtums abzustehlen, unter der Vorgabe, daß Farbe, Ton etc. eigentlich Molekularbewegungen seien, womit schließlich doch nur kurzerhand die Identität der primären und sekundären Qualitäten behauptet wird.

Möge im mechanischen Geschehen der kosmische Pulsschlag entdeckt sein, so daß Farbe, Ton, Wärme usw. ansich regungslos sind, ohne eine Tendenz zur Veränderung, und nur das mechanische Geschehen fort und fort treibt, jede erreichte Konstellation die nächste herbeiführt, weil die Kräfte sich ändern mit den Entfernungen und als andere wieder neue Geschwindigkeiten und Gruppierungen, neue Formen, Farben, Töne und Temperaturen bewirken, so werden doch damit die sogenanntenn sekundären Qualitäten nicht aus der Anschauung, die sich auf Dinge beziehen läßt, einfach ausgelöscht, sondern gerade ihre erkannte Gesetzmäßigkeit zwingt, wenn anders mit dem Dingbegrif als einer bestimmten Regel der notwendigen Anschauungsverknüpfung ernst gemacht wird, sie als Eigenschaften auf reale Dinge zu beziehen.

Seinen eigentlichen Halt findet der Naturbegriff, der nur Kraft und Massenbewegungen kennt, in dem Vorurteil, daß diese Bestimmungen der Dinge nicht so sehr anschaulich erfahren als rational erkannt werden.

Aber an den realen Dingen gibt es nur anschauliche Bestimmungen und zwischen den anschaulichen Bestimmungen herrscht keine Rivalität. Weder von Ausdehnung, Lage, Bewegung noch von Masse und Kraft wissen wir mehr als die Anschauung lehrt.

Auch wenn erst mit KANTs transzendentaler Ästhetik (bzw. der Inaugural-Dissertation) die Zugehörigkeit der räumlichen Bestimmungen zur Anschauung begründet, so haben Masse und Kraft sogar noch gegenwärtig einen merkwürdig rationalen Habitus.

Wie durch die sensoriellen Sinne Farbe, Ton etc. erfahren werden, so durch Getast und die viel zu sehr übersehenen Spannungs- und Druckempfindungen die mechanischen Kräfte. Dieser wichtige Bestandteil der Erfahrung hat das sehr eigenartige Schicksal gehabt, daß zwar seit GALILEI die Physik ihn mehr und mehr zur Naturerklärung heranzog, aber nichtsdestoweniger seine Legitimation durch die vermeintliche metaphysische oder psychologische Konterbande [Schleichwege - wp] sich ein schlechtes Gewissen und unzählige Anklagen zuzog.

Würde die Schwere eines Körpers dem tragenden Arm sich nicht als Spannungs- bzw. Druckempfindung kundgeben, wäre die Wucht des Stoßes in der Empfindung nicht von einem leichten Kitzel der Berührung zu unterscheiden, so wüßte der Mensch so wenig von der Kraft, wie der Blinde von der Farbe.

Die Vorstellung von Kräften in der Welt ist weder anthropomorphistisch noch mythologisch und enthält durchaus keine psychologischen Willensübertragungen. Aber sind nicht die Muskelempfindungen als Begleiterscheinungen bei Stößen der Körper auf den menschlichen Leib eine die stete mechanische Wirkung empfindungsloser Massen aufeinander gar nicht charakterisierende Bestimmung?

Wie schon oben aufgeführt, ist es ein Widersinn, sich anschaulich vorstellen zu wollen, wie die Welt unanschaulich aussieht. Die Berechtigung, von kontinuierlichen Eigenschaften der Dinge zu sprechen, liegt darin, daß sie kontinuierlich wahrnehmbar sind. Einen richtigen Gebraucht von ihr macht auch derjenige, der von Kräften spricht, die hic et nunc nicht sinnlich empfunden werden. Die Kraft, mit der sich zwei Körper anziehen, hat eine notwendige Beziehung auf eine mögliche Erfahrung oder sie ist nichts. Die sichtbare Bewegung der Massen ist selbstverständlich keine Wahrnehmung der Kräfte, sondern nur eine Wahrnehmung der Wirkungen der Kräfte. (18)

Wirken ist der verbale Ausdruck von Kraft. Der Kraft ist das Wirken so wesentlich, wie dem Ton das Tönen.

Gewiß hat HUME darin recht, daß das aus dem Wirken der Kräfte kausal Erfolgende nicht aus ihrem Begriff analytisch herauszuklauben ist. Unter Wirken ist ja auch nur Druck und Zug vorzustellen, keineswegs die sichtbare Bewegung von Massen mit ihren tausendfältigen räumlichen und zeitlichen Bestimmungen. Daß trotzdem die Kraft zur bewirkten Bewegung in einer gewissen anschaulichen Beziehung steht, liegt  in ihrer eigenartigen räumlichen Bestimmtheit.  Druck und Zug enthalten entgegengesetzte Richtungsempfindungen, die sich in der bewirkten sichtbaren Bewegung fortsetzen. Da die Kraft nur an ihren extensiven Wirkungen gemessen werden kann, läßt sie sich, sobald es nicht auf Naturbeschreibung, sondern nur darauf ankommt, Masse und Bewegung zu berechnen, selbstverständlich durch einen ganz abstrakten "Energie"-Begriff ersetzen. Als ontisches System aber bietet die Energetik statt der lebendigen Natur bloße Relationsbegriffe, und die Hylokinetik [Anerkennung der physikalischen Erscheinungen als Bewegung der Materie - wp] verzichtet auf einen Teil der Sinneserfahrung, um dann der verstümmelten Natur mit künstlichen Hypothesen die geraubten Kräfte zu ersetzen.

Es kann selbstverständlich der Naturwissenschaft nicht verwehrt werden, wenn, um bestimmten Aufgaben leichter gewachsen zu sein, sie in immer höherem Maße zu bloßen Formeln greift. Nur darf sie diese nicht geheimnisvoll in die Sinnenwelt einschmuggeln und dann klagen, daß wir nicht wissen, was Energie oder gar Kraft eigentlich ist.

So wird auch der formelhafte naturwissenschaftliche Begriff der Materie als ein dunkles Etwas an den Dingen behauptet, und dann ist es nicht weit zur Resignation, daß uns der Blick ins "Innere der Natur" versagt ist. Was die Materie an den realen Dingen ist, wissen wir durch unser Getast. Da die mit diesem wahrgenommene, Widerstand leistende Undurchdringlichkeit der Dinge aus der Wahrnehmung von Kräften besteht, ist die dynamische Theorie der Materie (19) durchaus naturbeschreibend, und es ist bezeichnend, daß KANT, obwohl er über das "dari non intelligi" [nicht verstanden werden - wp] bezüglich der Kräfte nicht mit sich im Reinen war, doch forderte, daß das "sogenannte Solide, oder die absolute Undurchdringlichkeit als ein leerer Begriff aus der Naturwissenschaft verwiesen und stattdessen eine zurücktreibende Kraft gesetzt werde." (20)

Daß wir durch das Getast die Materie wahrnehmen, wie den Ton durch das Gehör, ist natürlich nicht ganz richtig. Die Materie ist keine einzelne anschauliche Bestimmung der Dinge, sondern als der undurchdringliche, raumerfüllende, stets mit den Dingen gesetzte Kern ein unerschöpflich anschauungsreicher Teil der dinglichen Regeln notwendniger Anschauungsverknüpfungen, der zwar veränderlich ist - durch Teilung oder Verbindung der Massen - aber als die unumgängliche Bedingung der wechselnden Eigenschaften nie ganz fehlen kann, daher man dann auch die Materie das Substrat nennt, dem die wechselnden Eigenschaften inhärieren, oder in nicht völlig einwandfreier Ausdrucksweise auch mit dem Ding selbst identifiziert. (21)

Neben jene Äußerung der kategorialen Synthesis durch die Beziehung der einzelnen Anschauung auf ein Ding, als seine Bestimmung und eines beharrlichen Kerns in der Anschauungsverknüpfung als seine Materie, tritt die Beziehung von mehr oder minder dauernden Gleichförmigkeiten der Anschauung als Beschaffenheiten, Eigenschaften und Zustände.

Die je einen bestimmten Teil des Raumes erfüllenden Dinge, die in einem stets wechselvollen Spiel der anziehenden und stoßenden Kräfte im unermeßlichen Raum treiben, bilden ein System mit durchgängiger Wechselwirkung, in dem unter Annahme einer streng mechanischen Ordnung alles Geschehen bedingt ist durch eine molare und molekulare Gruppierung und Bewegung.

Die Fülle des Anschaulichen, mit der sich die Natur unseren Sinnen mitteilt, wird weder der begrifflich konsequente, noch der sinnenfrohe Mensch denken in einem Naturbegriff, der den größten Teil der anschaulichen Sinneserfahrung in den Menschen "introjiziert".

Angesichts der eigenartigen, nicht auf die Naturbeschreibung, sondern auf die Naturvereinfachung gehenden Methode der Naturwissenschaft bleibt die Frage offen, ob ihren Äther-, Atom-, Molekülbegriffen usw. eine Seinsbedeutung zukommt. Urteilt man den in Frage stehenden materiellen Strukturelementen ein Sein zu, so denkt man sie eben als real, die Frage, ob solche Existentialsätze gültig sind, wird durch die experimentelle Forschung zur Entscheidung gebracht. Sie sind real, wenn sie unter geeigneten Bedingungen wahrnehmbar wären.

Infinitesimale diskrete Massenteilchen sind keinesfalls mehr als Einheitsbegriffe des Denkens.

In früheren Zeiten, wo der Naturforscher noch das Universum als einen Kosmos dachte, in dessen Struktur einzudringen ein Genuß ist, wären die vielen Belege, durch die sich nun in unseren Tagen die Annahme von Strukturelementen gerechtfertigt hat, gepriesen worden wie eine Naturentdeckung; in der Gegenwart ist es Gewohnheit, von ihnen nur als von Begriffen zu sprechen, obgleich sich durch sie unsere Kenntnisse immer sinnvoller zusammenrunden zu einem Verständnis des kosmischen Ganzen.

Wenn die Atome mehr sind als ein bloß Gedachtes, als "ein mathematisches Modell zur Darstellung der Tatsachen" (MACH), so widerlegen sie keineswegs die anschauliche Welt der Sinne. Als Reales sind sie nicht das  eigentlich  Reale und unsere Sinnenwelt nur Schein, sondern selbst ein Stück Sinnenwelt in bestimmter Perspektive.

Gibt es doch überhaupt keine  eigentlichen  Beschaffenheiten der Dinge. Daß diese je nach der Perspektive auf verschiedenartigste Weise wahrgenommen werden, ja daß ein für unser Getast fester Körper unter anderen Bedingungen als ein molekularer Mückenschwarm erscheint, kann seine Realität nicht beeinträchtigen.

Relativ ist naturgemäß jede einzelne Anschauung, die die unerschöpflichen Anschauungsmöglichkeiten eines Dings repräsentiert, und als relativ müssen wir ebenso die menschliche Sinnenerfahrung in ihrer Gesamtheit denken.

LITERATUR: Hans Pichler, Über die Arten des Seins, Wien und Leipzig 1906
    Anmerkungen
    1) FRANZ von BRENTANO, Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden bei Aristoteles, Seite 85f
    2) Kr. d. r. V., Ausgabe B, Seite 667
    3) Kr. d. r. V., Ausgabe B, Seite 273
    4) Kr. d. r. V., Ausgabe A, Seite 395. - Die  kritische  Grenzbestimmung, die in der transzendentalen Analytik dem Erkennen zuteil wurde, macht die originale Bedeutung KANTs für die Ontologie aus; die einzigartige Bedeutung der Erfahrung war bereits vorher von BACON bis HUME mit allem Nachdruck programmatisch Emphase betont worden.
    5) ALOIS RIEHL, Der philosophische Kritizismus I, Seite 320, "analytische Urteile sind reine Begriffsurteile - synthetische Anschauungsurteile".
    6) Kr. d. r. V., Ausgabe A,, Seite 126
    7) RICKERTs Kategorie der Gegebenheit ("Gegenstand der Erkenntnis", Seite 166f) ist keine gegenständliche Kategorie.
    8) Kr. d. r. V., Ausgabe B, Seite 132
    9) Kr. d. r. V., Ausgabe B, Seite 242. Über den kantischen Begriff des Gegenstandes als Regel und seinen historischen Hintergrund siehe WINDELBAND, Präludien, Seite 132 bis 147.
    10) Kr. d. r. V., Ausgabe B, Seite 185
    11) KANT, Prolegomena, Ausgabe A, Seite 74
    12) WILHELM WINDELBAND, Die Lehren vom Zufall, Seite 39
    13) Wiewohl auch der Laie bei der Fällung von Existentialurteilen die Arten des Seins voneinander unterscheidet, derart, daß die Prädizierung des Seins zumeist im Sinne einer Zuordnung zu einer bestimmten Klasse als seiend bereits anerkannter Gegenstände vollzogen wird, kam doch - dies ist eine erstaunlich logische Barbarei - keine der Kultursprachen dazu, sie mit einem festen Terminus zu bezeichnen. Sein, Wirklichkeit, Existenz, Realität werden völlig gleichdeutig gebraucht. Im Fortgang dieser Arbeit wird Realität immer das Sein der Körperwelt bezeichnen.
    14) SIGWART, Logik II, Seite 117 bis 136
    15) GOETHE, Farbenlehre, Vorwort
    16) siehe CARL DÜSSEL, "Anschauung, Begriff und Wahrheit"
    17) KANTs spezielle Widerlegung des Idealismus" richtet sich jedoch nur gegen den Spiritualismus.
    18) Mit einem genaueren Ausdruck: die Bewegung der Massen ist ein durch Kräfte bewirktes.
    19) siehe EDUARD von HARTMANN, "Die Weltanschauung der modernen Physik", Seite 204f
    20) KANT, "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (Ausgabe KIRCHMANN, Seite 239
    21) Kr. d. r. V., Ausgabe A, Seite 182. "Alle Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst und das Wandelbare als dessen bloße Bestimmung."