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ROBERT PESCHKE
Das Problem der
wirklichkeitserfüllten Geltung

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"Die Wirklichkeit scheint sich geradezu gegen die Unterordnung unter einen systematischen Gesichtspunkt zu sträuben, die Rolle der Gegenständlichkeit, die sie vor dem wissenschaftlichen Publikum spielen soll, scheint ihr nicht zu liegen."

"Es ist gar nicht so, daß sich allgemeine Begriffe und besondere Dinge gegenüberstehen, wobei letztere aus den ersten nicht abzuleiten sind. Zu einer solchen Gegenüberstellung konnte nur eine unselige Abstraktionstheorie gelangen. Die Begriffe sind keine leeren Formen, keine Schubkästen, keine Zettelkästen des Denkens, sondern sie sind die transzendenten Bedingungen der Möglichkeit des Wirklichen. Der Begriff ist das Inbegriffensein aller Spezifikationen, er enthält die Allheit der Bedingungen der Verbesonderung."


A. Einleitung
Exposition des Problems der
wirklichkeitserfüllten Geltung

Ein metaphysisches Zerwürfnis scheint Wirklichkeit und Theorie für immer voneinander zu entfernen und die philosophische Arbeit zweier Jahrtausende scheint vor diesem Zwiespalt sinnlos zu werden. Einem ersten orientierenden Blick mag die auf das reine Wesen gerichtete Wissenschaft, mag die Philosophie als vages Gerede wirklichkeitsferner Grübler erscheinen. Umgekehrt zeigt sich die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der Wesenswissenschaft als jeglicher Geltung bar: sie ist das wesenhaft Ungültige. Auf einen Punkt verdichtet findet sich diese Problematik in den Grundbegriffen der Einzelwissenschaften. Rührt man einen einzigen an, sagen wir den der Pädagogik, den Grundbegriff der "Bildung", so sieht man sich in eine Dialektik hineingerissen, die man nicht wieder beruhigen kann. Die Grundbegriffe müssen zwei Herren dienen. Die Fachleute verlangen, daß in ihnen etwas "aufgefaßt" wird, daß sie "sachgemäß" sind und der Philosoph fordert von ihnen einen "kategorialen" Charakter. Die beiderseitigen Ansprüche wollen wohl erwogen sein.

Besinnen wir uns: Keine Wissenschaft entsteht, indem sie sich definiert und aus der Kenntnis ihres systembildenden Grundbegriffs ihr begriffliches Gerüst erbaut, um dann, zum bequemeren Verständnis der Gedankenfolgen aus dem Buch der Wirklichkeit noch einige Zitate herauszuschreiben. Sondern es währt meist sehr lange bis eine Wisenschaft über ihre ureigenen Begriff eine genaue Auskunft geben kann. Die Soziologie mag schon alle möglichen Formen menschlicher Zusammenschlüsse (Amazonenstaaten, Männerhäuser, Ritterorden, Stände, Geheimbünde, Sekten, Vereine etc.) in ihren Strukturen auf das sorgfältigste beschrieben haben und doch brauch das Wesen der Gemeinschaft noch keinesfalls befriedigend bestimmt zu sein. Wieviele Einzeldarstellungen über ästhetische Gegenstände wurden geliefert und wieviel (meist normierende) Untersuchungen sind von den Kunstrichtern über alle möglichen Kunstformen angestellt worden, bevor uns das Wesen des Schönen etwas mitgeteilt wurde. Offenbar müssen aber doch die Begriffe der Gemeinschaft und des Schönen bekannt sein, damit ich den Gut-Templer-Orden als ein soziologisches Gebilde und die Karikator als eine Kunstform erkennen kann. Das Wissen umd das Wesen einer Sache ist also vorausgesetzt, damit ich irgendeinen Tatbestand gerade als einen soziologischen oder ästhetischen Tatbestand auffassen kann. Und andererseits beweisen die Unstimmigkeiten über Grenzfälle, daß die Streitenden um das Wesen ihres Gegenstandes kein genaues Wissen haben: Wirft man beispielsweise die Frage auf, ob die Karikatur als eine Kunstform zu erachten ist, so dürften sich am Ende der Unterredung gewöhnlich zwei Meinungen gegenüberstehen: eine "formal-ästhetische", welche unsere Frage verneint und eine "gehalts-ästhetische", die sich zu einem "Ja" entscheidet. Sollte an der wichtigsten Stelle der Wissenschaft, sollte über ihren Grundbegriff der das Wesen eines Gegenstandes festlegt, sollte über die ästhetische oder soziologische Zentralkategorie die "Auffassung" entscheiden? Da das Wesen, wie aus der Tatsache der Meinungsverschiedenheit folgt, nicht unmittelbar evident ist, haben wir zu prüfen, auf welche Instanzen sich die Redner überhaupt berufen können.

Den Grundbegriff zu rechtfertigen, von dem das ganze Wissenschaftsgebäude abhängt, ließe sich die Wirklichkeit heranziehen. Aus dem Vergleich des ästhetischen Beifalls, den verschiedene Kunstwerke erhalten, könnte man die Hauptkennzeichen des Begriffs vom Schöne herauszulesen versuchen. Allein das induktiv gewonnene Ergebnis trüge den Charakter der Vorläufigkeit und Widerruflichkeit, während der Grundbegriff, wie ihn die Theorie sucht, uns zu unverbrüchlich gewissen Aussagen berechtigen soll, da der systematische Denker sich mit Wahrscheinlichkeit nicht skeptisch begnügen mag. So muß demnach die Theorie den Grundbegriff begründen, indem sie sich auf sich selbst besinnt, umso mehr, als sich kein Wesensgesetz beobachten läßt. Die Wirklichkeit kommt als wesensbegründende Instanz in Fortfall. Und sie ist bedingungslos der Willkür des regelnden Geistes anheimgegeben, der, auf sich selbst gestellt, es nur zu vagen Allgemeinheiten bringt.

Daraus ergibt sich folgendes Problem:

Wie können wir unwiderruflich gewisse Aussagen machen über das Wirkliche, das aller Gewißheit spottet, das sich in keine Regel bringen lassen will? Wie können wir den Geltungsbereich eines Begriffs ausdehnen auf einen Bezirk, der jeglicher Geltung bar ist, wo Zufall waltet und gesetzlose Mannigfaltigkeit? Gibt es einen Weg, die geltungslose Bestimmtheit des Wirklichen und die gültige Vagheit der Theorie, die noch bei sich selbstist, zu vereinigen zu einer gültigen Bestimmtheit? Wenn daseine reine und vollständige Disjunktion [Unterscheidung - wp] ist, können wir logisch diese Fragen zu keiner Entscheidung führen. Wenn überhaupt, dann ist die Möglichkeit einer theoretischen Wirklichkeitswissenschaft nur metaphysisch zu begründen. Nur aus metaphysischen Gründen konnte HEGEL dem Grundbegriff des Schönen die Bedeutung erteilen des "sinnlichen Scheinens der Idee" um unser altes Beispiel aufzunehmen. Im Folgenden lernen wir drei Versuche kennen, die wirklichkeitserfüllte Geltung metaphysisch zu begründen.


B. Bauchs Logismus der Beziehung

I. Kritische Vorbetrachtung

1. Wirklichkeit und Wahrheit als
Gegenständlichkeit für ein Denken

Unter Berufung auf eine parmenideische Einsicht, daß jedes Denken ein Objekt zu seinem Inhalt haben muß, und daß umgekehrt ein "Undenkbares auch unseibar" wäre, gewinnt BAUCH die Ansatzstelle seiner Untersuchungen. Denn damit ist ein tertium comparationis [Drittes zum Vergleich - wp] eingeführt aufgrund dessen Wahrheit und Wirklichkeit gleichmäßig und einheitlich betrachtet werden können, als wenn gar keine Kluft zwischen ihnen bestünde.

Doch ehe wir ans Werk gehen, vergegenwärtigen wir uns, welche Entscheidungen mit der Anwendung dieses Gesichtspunktes vorweg genommen sind, damit wir bei möglichenfalls auftretenden Unstimmigkeiten die Fehlerquellen sofort hier suchen können. Die Wahrheit angehend, so scheint ihr nach heutiger Denkgewohnheit diese Betrachtungsweise füglich angemessen zu sein, weil sie am Sichersten aus der Sackgasse eines Wahrheitsrelativismus herausführt. Denn sind Wahrheiten Gegenstände, die mein Denken vorfindet, auf die meine Gedanken sich richten, so steht ihre Objektivität von vornherein unantastbar fest.; sie haben ihren festen Halt in sich selber und sind nicht abhängig von einer Vernunft, die sie aufstellt, setzt oder abstrahiert, noch auch von der Wirklichkeit, an der ihre Haltbarkeit sich allererst - sei es nun induktiv oder pragmatisch - bewähren müßte; sie sind nicht mehr als eine bloße Eigenschaft mancher Erkenntnisse; "Wahrheiten werden nicht geleistet". Immerhin, es ist nicht ausgemacht, daß die Wahrheit als Gegenständlichkeit betrachtet werden muß. Unser Ausgangspunkt ist nich frei von Voraussetzungen, er ist nicht selbstverständlich.

In Bezug auf die Wirklichkeit sind der Bedenken nicht weniger. Die Wirklichkeit scheint sich geradezu gegen die Unterordnung unter unseren systematischen Gesichtspunkt zu sträuben, die Rolle der Gegenständlichkeit, die sie vor dem wissenschaftlichen Publikum spielen soll, scheint ihr nicht zu liegen. Es macht den Eindruck einer nicht unbedenklichen Gewaltsamkeit, wenn "ausgeklammert" wird, was die Wirklichkeit einer Landschaft außerdem noch sein könnte: für das Gemüt eine Offenbarung Gottes und für den Leib eine Stätte der Erholung. Gewiß bleibt der Wissenschaft nichts übrig, als sich ausschließlich an die Wirklichkeit in ihrem Gedachtsein, Erkanntsein zu halten, wei diese nur in der Beleuchtung des Wissens der theoretisch-systematischen Erforschung zugänglich ist. Aber es steht zu fürchten, daß die Mehr-als-Gegenständlichkeit der Wirklichkeit späterhin aus den Augen verloren wird und daß am Schluß von der "Realität eines transzendenten Seins auch nicht ein Schein übrig bleibt", eines Seins also, das über die Gegenständlichkeit hinaus liegt, wie ARTHUR LIEBERT es unumwunden ausspricht (Problem der Geltung, Seite 162) und auch BAUCH nicht verhehlt.


2. Wirklichkeit und Gegenständlichkeit

Viel zu oft, als daß es nicht der Einseitigkeit verdächtig wäre, wird heute auf den Umstand hingewiesen, daß jedes Wirkliche nach vielen Richtungen hin über das hinausgeht, was die Erkenntnis davon als Gegenstand wissenschaftich besitzt. Der wissenschaftliche Gegenstand oder das begriffene wirkliche Phänomen oder der Begriff dieses Phänomens ist immer allgemeiner schematischer Natur. Das Wirkliche hingegen ist nur in der Weise der Besonderheit vorhanden. Ich selbst bin - wie jeder andere Mensch - ein "Einzel"-wesen, das, streng genommen seinesgleichen nicht hat. Durch Herkunft, Milieu und Bildungsgang, Charakter, Beruf und Schicksal ist jeder ein "dieser, der in einer solchen Originalität nicht wieder vorkommt. Außer der Mutter findet sich kein Zeitgenosse, der je ein Stück meines Lebens gelebt hätte. Auch von Zwillingsbrüdern führ jeder ein selbstständiges Fürsichsein. Bei aller Verwandtschaft kann man sie nicht gegeneinander auswechseln. Diese Besonderheit, diese Mannigfaltigkeit konkreter Einzelheiten, so geht die Rede, gibt nun den Ausschlag und von ihr gerade sei am Wirklichen als Gegenstand des Begriffs nichts mehr zu entdecken. Gerade die Spezifikationen des Wirklichen, die unübersehbar,zart verästelt sind, fallen stets und ständig durch die Maschen auch des subtilsten Begriffsgewebes. Solange die Wissenschaft aus den so verschiedenartigen Phänomenen einer stürzenden Lawine, eines auf belebter Straße von einem Schlaganfall Hingeworfenen Menschen, eines langsam zur Erde sinkenden herbstlichen Blattes als objektiven Gegenstand nur das Fallgesetz herauszuholen weiß, solange muß man die Wirklichkeit mit SCHELERs (freilich vom Geist gebrauchten) Ausdruck für "gegenstandsfähig" halten (Sonderstellung des Menschen zu Kosmos, Seite 203).

Allein, so nötig der Hinweis auf die Besonderheit und Einmaligkeit ist, so dringend muß vor einer übertreibenden Einseitigkeit gewarnt werden. Die individuellen Verschiedenheiten dürfen nicht so aufgefaßt werden, als gingen sie bis zur "völligen Heterogenität" [Ungleichartigkeit - wp]. Es ist gewiß nicht zu bestreiten, daß die Empfindungsgegebenheiten in ihren Abweichungen eine unersetzliche Besonderheit an sich tragen; aber ebensowenig darf nach manchen Philosophen z. B. auch REHMKE verkannt werden, und hierin liegt das philosophisch Bedeutsame, daß inihnen identische allgemeine Gegenstände eingebettet sind, daß in den wie sehr auch immer verschiedenartigen anschaulichen Darstellungen identische Gegenstände "transparent" werden (HANS PICHLER, Kategorienlehre, Seite 29). Genau ebenso verhält es sich mit einem anderen Einwand, der von agnostischer Seite her gemacht wird und der aus dem unaufhaltsam Werden der Wirklichkeit ihre Ungegenständlichkeit und folglich ihre Unerkennbarkeit folgert: identisch beharrende Gegenstände gibt es nicht im Fluß der Zeit, der alles verändert, den nichts als dasselbe durchmißt. Was wir als identisch erfassen können, sind bereits vergangene und folglich entwirklichte Gegenstände. Die Gegenständlichkeit, NATORPs "Denksein" ist unwirklich, weil die Wirklichkeit eines beharrenden Seins unfähig, "gegenstandsunfähig" ist. Zweifelsohne ist z. B. ein Mensch in jedem Augenblick ein anderer, älterer. Aber doch nicht totaliter! [ganz und gar - wp] Aus aller Veränderung wird doch ein Typus, eine bestimmte Struktur "transparent", die es erlaubt, den Namen geradezu als ein Schlagwort zu verwenden. Daß in der Wirklichkeit identische Gegenstände stecken, das kann also nicht das Rätsel sein. Aber wie sich diese wirklichen Gegenstände von unwirklichen, z. B. den mathematischen Gegenständen unterscheiden, darin liegt das Problem. Soweit sie Gegenstände des Denkens sind, soweit sind sie eben gedachte Gegenstände und es entsteht die Frage, was hinzukommen muß, das sie zu wirklichen macht. Für das Verhältnis von Wirklichkeit und Gegenständlichkeit entnehmen wir daraus so viel, daß sich die Wirklichkeit demnach vom Standpunkt der Erkenntnis her als Gegenständlichkeit behandeln läßt, ohne darum aber in einem Denksein aufzugehen. Wir haben deshalb darauf zu achten, ob die Frage, was gewisse Gegenstände des Denkens zu wirklichen macht, nicht in einer idealistischen Tendenz umgedeutet wird in das Problem, was die (mehr-als-gegenständliche) Wirklichkeit zum Erkenntnisgegenstand macht. Denn meistens blieb von der transzendenten Realität (die über die Gegenständlichkeit hinausreicht) nichts mehr übrig, nachdem man den Gegenstand aus seinen transzendentalen Bedingungen hatte hervorgehen lassen. Doch sehen wir weiter.


II. Der transzendentale Gesichtspunkt

Unser Problem aufzulösen, dient der transzendentale Gesichtspunkt, wonach die Bedingungen der Gegenstände in den Bedingungen der Erkenntnis gesucht werden müssen. Durch die "Selbsterkenntnis der Erkenntnis", durch die Analyse der wissenschaftlichen Erfahrung, durch eine Theorie des Wissens, durch die "wissenschaftstheoretische Betrachtung", indem sich hier die wissenschaftliche Erfahrung auf "ihre eigenen Voraussetzungen" besinnt - sollen zugleich die Bedingungen der Gegenständlichkeit ermittelt werden. Denn im Wissen um das Wissen liegt das Wissen um die zu erkennende Sache beschlossen. Um es metaphysisch zu formulieren: die "fundamenta scientiarum" des DESCARTES, die Geltungsgründe unserer Erkenntnisse sind deshalb auch die Fundamente oder Bedingungen oder Aufbaugesetze der wissenschaftlichen Gegenständlichkeit, weil sie ja den wissenschaftlichen Gegenstand erst hervorbringen, ihn herausmodeln aus dem "Gewühl, dem regellosen Haufen" der Vorstellungen, der "Rhapsodie" der Wahrnehmungen (KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam-Ausgabe, Seite 123, 131, 155). Die Gegenständlichkeit, die "Seibarkeit" einer Vorstellungsgruppe hängt mithin ab von ihrer Denkbarkeit. Wenn die Erkenntnisgrundlagen zugleich die Seinsgrundlagen, die Grundlagen der gegenständlichen Wirklichkeit sind, dann ist es keine Absurdität, wenn behauptet wird, daß das Denkunmögliche, das logisch Unmögliche, wie wir besser sagen, auch nicht wirklich sein kann.


1. Die Empfindung ist keine
Erkenntnisgrundlage

Läßt man diesen Gesichtspunkt gelten, dann erscheint die oben gegebene Charakteristik des Wirklichen (die nicht aus der Analyse des Wissens gewonnen wurde, die sich nicht gründete auf den Gegenstand, wie er als erkannter, gewußter zutage tritt), nebensächlich und sekundär. Die Besonderheit und Verschiedenartigkeit können wir mit Fug außer acht lassen, ja, wir müssen es sogar tun, wenn wir die Bedingungen des "Wertes oder Unwertes" unserer Erkenntnisse aufdecken wollen. Denn für den Erkenntniswert haben die Empfindungen (in denen uns Besonderes gegeben wird) gar keine Bedeutung; sie sind in dieser Hinsicht völlig wertlos; sie sind "subjektiv" und können zur Objektivität, zur gegenständlichen Gültigkeit und Notwendigkeit der Erkenntnisse gar nichts beitragen. Im Gegenteil, sie hindern die Notwendigkeit, sie stellen den Wert unserer Erkenntnisse in Frage; sie können darum auch nicht die Grundlagen der Erkenntnis abgeben. Im weiteren Verfolgen dieser Erwägung wird man sogar dazu gedrängt, die Besonderheit der Empfindungsgegebenheiten nicht nur als ein nebensächliches, sondern sogar als ein negatives Indiz der Wirklichkeit anzusprechen. In diesem Sinn zieht BAUCH den Beschluß in DESCARTES' Meditationen heran:
    "Wenn mir im Wachen plötzlich jemand erscheinen und gleich darauf wieder verschwinden würde, wie es in meinen Träumen geschieht, so daß ich weder sähe, woher er gekommen noch wohin er gegangen ist, so würde ich das nicht ohne Recht eher für ein bloßes Scheinbild oder für ein im Gehirn erzeugtes Phantasiegebilde denn für einen wirklichen Menschen halten. Begegnen mir aber solche Dinge, von denen ich deutlich bemerkte, woher, wo und wann sie mir kommen und verknüpfe ich deren Wahrnehmungen ohne alle Unterbrechung mit meinem übrigen Leben, so bin ich völlig gewiß, daß sie mir nicht im Traum, sondern im Wachen begegnen."
Das bloße Empfinden sagt mir also nichts von einer Wirklichkeit; es rückt mir die Wirklichkeit vielmehr in die relativierende Nähe des Traumes.


2. Das Erkennen als Beziehen

Auch aus einem anderen Grund dürfen wir annehmen, daß die Empfindung zur Aufhellung des Sachverhaltes der Erkenntnis nichts Grundlegendes beiträgt, weil es nämlich Erkenntnisse gibt, die nicht an Empfindungen gebunden sind, daß vielmehr alles auf das anzukommen scheint, "was mit der Empfindung zusammenhängt". Das Wesen des Erkenntnisaktes ist in einem "Zuordnen", in einem "Aufeinander-Beziehen" von Sachverhalten zu erblicken, wie es in den Urteilen vollzogen wird. Erkenntnis besteht nicht in einem zusammenhanglosen Haben von 2, 3, 4, sondern von Erkenntnis kann ich erst sprechen, wenn ich diese Sachverhalte denkend aufeinander bezogen habe: 2 < 3 < 4. Und so ist es bei allen nur erdenklichen Gegenständen und allen nur erdenklichen Relationen, die wir urteilend zwischen ihnen herstellen können.

Wenn wir uns nun darauf besinnen, daß Sachverhalte auch als falsch in Beziehung gesetzt werden können, daß Urteile auch ungültig sein können, so hat sich damit unsere Frage nach den Grundlagen der Erkenntnis soweit präzisiert, daß zur Lösung geschritten werden kann: Was macht unsere Urteile gültig? Welches sind die Grundlagen, auf die ich mein subjektives Beziehen stützen kann, damit es eine objektive, den Gegenstand konstituierende Bedeutung hat? Woran liegt es, daß aº = O falsch ist? Was macht andererseits den Gedanken aº = 1 oder √-1 = i notwendig?


III. Das "objektive Denken".

Die Tatsache, daß es gültige Urteile, richtige Beziehungen, notwendige Gedanken gibt, zwingt zu dem Schluß, daß unser Zuordnen auf einem Grund der Zusammengehörigkeit, auf einer sachlichen Zugeordnetheit beruth, daß unser gültiges Beziehen bestimmt ist durch eine geltende Beziehung, daß unser psychologisches Urteilen nach einem "logischen Urteil" "gerichtet" sein muß, um richtig zu sein. In diesen mannigfachen Wendungen kehrt die viel diskutierte Unterscheidung von Erkenntnisakt und seinem Inhalt wieder. Die objektive Beziehung, die in der psychologischen Tätigkeit des Beziehens nur nachgezogen wird, gibt die gesuchte Erkenntnisgrundlage ab. Die Tatsache, daß wir uns bei unserer Denktätigkeit abhängig wissen und gebunden fühlen an eine objektive Instanz, an Erkenntnisgrundlagen, die unserer Willkür entrückt sind, so daß wir nicht ins Blaue hinein Sachverhalte grundlos in Beziehung setzen können, solange wir wissenschaftlich ernst genommen zu werden wünschen - erfährt eine sehr einfache Erklärung. Es wird nämlich aus unseren "richtigen" Gedanken die gedachte Beziehung herausgenommen und als objektive Instanz über unser Denken und Beziehen eingesetzt, nach der wir gerichtet sein müssen. Bei Irrtümern hingegen bleibt der gedachte Inhalt im Akt enthalten; er ist kein logishes, sondern lediglich ein psychologisches Vorkommnis, das nicht für sich bestehen kann. Die Notwendigkeit dieses Schrittes wird uns in mannigfachen Formulierungen vor Augen geführt: einmal sind es also die Beziehungen, die aus unserem subjektiven Beziehen herausgenommen werden müssen, dann ist es der geltende Urteilsgehalt ("das logische Urteil"), der zu unseren subjektiven Urteilen in einen Gegensatz gebracht wird, oder es ist der Denkinhalt, der als "möglicher Gedanke" von unserem wirklichen Denken ergriffen wird.

Für das ganze System nun der "geltenden Beziehungen" oder "möglichen Gedanken" oder "logischen Urteile" hat BAUCH den Namen des "objektiven Denkens". Die Frage nach der Seinsart der vom Psychologischen abgelösten Urteile, Gedanken oder Beziehungen erledigt sich mit dem Begriff der Geltung. Das Bestehen der Beziehung ist Geltung, nicht Sein. Geltung ist aber nicht selbst eine Beziehung, "weil sie aller und jeder Geltungsbeziehung eignen muß. Wäre sie selbst eine Beziehung, so müßte sie sich doch von allen anderen Beziehungen unterscheiden. Aber sie ist ja gerade der allen Geltungsbeziehungen gemeinsame Charakter". Die Geltung also, die in sachlichen Gegenstandsbeziehungen liegt, ist die Erkenntnisgrundlage für unser urteilendes Beziehen; denn von der Geltung her, die den objektiven Beziehungen zukommt, empfängt unser subjektives Beziehen seine Gültigkeit. Die geltende Gegenstandsbeziehung, das logische Urteil, der mögliche Gedanke, das sind Sachverhalte, in denen die Wahrheit (eine Weise der Geltung) wirlich liegt und nicht bloß liegen kann wie in den wirklichen Gedanken, die ja auch falsch sein können. Aber: ich kann "nichts Falsches meine, sondern nur falsch meinen"! Der Irrtum erfaßt keine "ewige Unwahrheit", sondern er verkennt eine ewige Wahrheit. Ich verkenne einen geltenden Zusammenhang, ohne daß derselbe dadurch irgendwie betroffen oder beschädigt wird. So ist "3 + 2 = 6" keine falsche Gleichung, eine ewige Unwahrheit, sondern es ist gar keine Gleichung, es besteht zwischen den Sachverhalten "3", "2" und "6" nicht die durch das Gleichheitszeichen ausgedrückte Beziehung; es handelt sich um eine falsche Gleichsetzung, ein von mir irrtümlich vollzogenes Beziehen, das keine ewige Beziehung ergreift, sondern ganz im Rahmen meiner psychologischen Subjektivität verbleibt und gewiß keine gegenständliche Bedeutung hat, wie es ja nicht einmal eine "intersubjektive" Verbindlichkeit in Anspruch nehmen darf, was mir der Widerspruch aller beweist, denen ich meine Rechnung vorlege.
    "Für eine Auffassung, die Unwahrheiten ansich kennt, wäre 3 + 2 = 6 ein Gegenstand, der nicht Gegenstand sein könnte, weil er in Geltungsbeziehungen stehen müßte, die keine Geltungsbeziehungen sind und Sachverhalte umfassen müßte, die keine Sachverhalte sind."

1. Das Bestimmtheitenuniversum

Auch wenn es nicht ganz ersichtlich ist, warum nicht auch an Irrtümern Akt und Inhalt unterschieden werden dürfen und, wenn schon unterschieden, auch gegeneinander isoliert werden dürfen, so begreifen wir doch die systematische Notwendigkeit, kraft welcher den Unwahrheiten eine Existenz und zwar die metaphysische Realität des Geltens, außerhalb der psychologischen Denksphäre abgesprochen wurde. Denn die geltenden Sachbeziehungen, in denen die Wahrheit wirklich liegt, sollen ja die Erkenntnisgrundlagen abgeben für unsere wirklichen Erkenntnishandlungen; sie sollen sich in unserem subjektiven Denken als Verhältnisse im System des objektiven Denkens manifestieren und zur Geltung bringen. Schlichen sich nun in dieses System des objektiven Denkens ewige Falschheiten ansich ein, so würden sie die endlich gewonnene Objektivität und Absolutheit der Erkenntnisgrundlagen abermals entsichern. Um aber auch Spielraum zu lassen für bisher unentdeckte Wahrheiten, für noch nicht vom tatsächlichen Beziehen nachgezogenen Beziehungen, für mögliche Gedanken die bisher in noch keinem Bewußtsein verwirklicht wurden - entlehnt BAUCH von HÖNIGSWALD den Begriff eines "Universums von Bestimmtheiten". Es handelt sich um Gefüge der verschiedensten Reihen von Bestimmtheiten:
       A     ist    B
    Baum  ist  grün
Es wird in jedem Urteil eine Beziehung hergestellt zwischen 2 unter unendlich vielen Reihenstellen; denn der Baum ist ja auch dürr und entlaubt bisweilen und die Grünreihe zerlegt sich in wiesengrün, olivgrün, meergrün usw. Alle solche Reihen zusammengenommen bilden das "Bestimmtheitenuniversum", in dem es keine Lücken gibt, wo die Begriffsreihen nach dem Prinzip der "Kontinuität der Begriffe" stetig ineinander übergehen. Daher sind alle Zwischenglieder, die wir etwa entdecken können, nicht etwas vorher nicht Dagewesenes, sondern ideell im Bestimmtheitenuniversum, im System des logischen Denkens bereits "Vorweggenommenes".

Die transzendentale Analyse des Erkennens lehrte uns folglich, daß in den Inhalten unserer Erkenntnisse sich allgemeingültige Prinzipien finden, die unserem tatsächlichen Denken Gültigkeit verleihen.


2. Das Verhältnis der unwirklichen
Gegenstände zu den Erkenntnisgrundlagen

Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisprinzipien für die Gegenstände, inwiefern sind sie Prinzipien des Seins? Halten wir uns zunächst an die unwirklichen Gegenstände. Jeder mathematische Gegenstand beweist es uns, daß Gegenstände nichts anderes sind als Beziehungen. An der Gleichung: (4) + (5) = (3)² = (11) - (2) = 9 sind es lauter Beziehungen, die den Gegenstand, die 9, bestimmen: ( ) + ( ) = ( )² = ( ) - ( ). Das "Ist" am idealen Sein ist nicht etwas Seiendes, sondern Funktion und der Gegenstand wird bedingt von Beziehungen, aus denen er hervorgeht, auf denen er sich gründet. Beim Dreieck liegen die Beziehungen zwischen Seiten, Winkeln und Höhen vor. Es ist also die eigentümliche Natur der unwirklichen Gegenstände, Beziehung zu sein; sie sind aus Beziehungen aufgebaut, sie sind "Konstitute von Geltungsbeziehungen" und kein starrer Bestand in einem topos uranios [himmlischer Ort von Ideen - wp].
    "Der echte Idealismus bleibt nicht bei Gegenständen als Starrheiten stehen. Es ist es vor allem, der auf die Bedingungen der Gegenständlichkeit gerichtet ist. Und wenn wir diese Bedingungen als Beziehungen erkennen, so sind diese gerade wegen ihres Geltungscharakters nichts Starres, sondern sie sind es, die in die Gegenstände wie in die Gegenstandserkenntnis Leben, Bewegung und Fortgang bringen."

IV. Das Unwirkliche im Wirklichen

1. Die Wirklichkeit strukturiert
von unwirklichen Beziehungen.

Wir sind jetzt in der Lage, unser Problem, wie geltungslose Wirklichkeit und Wahrheitsgeltung (die sich nicht auf Wirkliches zu erstrecken scheint) zu vereinigen sind, mit den Mitteln von BAUCHs Argumentation zu bewältigen. Unter Wahrung des transzendentalen Gesichtspunktes nach dem die Geltungsgründe der Wahrheit zugleich die Seinsgründe des Wirklichen sein müssen, werden wir einzusehen haben, wie die Wirklichkeit von unwirklichen Geltungsprinzipien überall durchzogen ist. BAUCH hat deshalb nachzuweisen, daß die gesamte Wirklichkeit sich aus den Strukturformen der Wahrheit aufbaut und daß diese es sind, welche die Wirklichkeit als Wirklichkeit konstituieren. Die in Rede stehenden Strukturformen der Wahrheit haben wir bereits kennen gelernt als elementare Geltungsbeziehungen und als komplexe Gefüge von Geltungsbeziehungen. So wird demnach zu zeigen sein, daß die Wirklichkeit durch Geltungsbeziehungen begründet wird und daß diese Geltungsbeziehungen aus der variablen Wirklichkeit den konstanten Gegenstand hervortreten lassen, welcher durch diese seine transzendente Bedingtheit zum Wahrheitsträger qualifiziert wird. Der Gegenstand ist das Mittlere, in dem sich Wahrheit und Wirklichkeit vereinigen: er ist einerseits ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit und zum anderen wird er - vermöge seines kategorialen Aufbaus - zum Sammel- und Brennpunkt gültiger Wahrheiten über ihn. Wie wir schon vermuten, wird sich für BAUCH all das, was wir als Eigenschaften zu bezeichnen gewohnt sind, in Beziehungen verwandeln.
    "... das Stück Eisen ist doch gerade auch als Wirkliches immer ein ganz Bestimmtes. Es ist grau, es hat das spezifische Gewicht 7,21; es ist gegossen; es hat diese oder jene ganz bestimmte Gestalt, beispielsweise die eines Würfels mit der Kantenlänge von 10 Zentimeter etc. All das sind Beziehungen, die als solche Geltung haben. Diese Beziehungen sind gewiß nicht Dinge, sind als solche auch nicht das bestimmte Ding, das wir als ein Stück Eisen erkennen. Aber diese Ding, dieses Stück Eisen ist doch auch nichts ohne sie, ja es ist, was es gerade in seiner Bestimmtheit ist, erst durch sie. Sie alle sind ja seine Bestimmungsstücke, die wir als Eigenschaften bezeichnen."
Die Eigenschaft wird damit ersetzt durch das Urteil darüber, welches in einer prädikativen Beziehung dieser Eigenschaften einem Ding zuspricht. Erinnern wir uns daran, daß BAUCH aufgrund seiner Unterscheidung von logischem Urteil und psychologischem Urteilen sagen konnte, im logischen Urteil gewinnt die Wahrheit selber Gestalt, so sehen wir, wie an dieser ersten Stelle die geltende Wahrheit über den Bereich des "objektiven Denkens" hinausweist und in die Wirklichkeit hineinragt. Die Wirklichkeit besteht aus denselben ewigen Geltungsbeziehungen, die unserer beziehenden Erkenntnis auch sonst als Gegenstand vorschweben, wenn sie nach einem "logischen Urteil" greift, wenn sie nach einem "möglichen Gedanken" greift. Wie von selbst entwirrt sich der Knäuel der Schwierigkeiten, wenn wir die geltungsfreie Wirklichkeit umdeuten in eine geltungsbestimmte Gegenständlichkeit. Dadurch wird es
    "grundsätzlich unmöglich, von einem ansich bestehenden Gegenstand zu reden, gerade weil sein Bestand ein Stehen in Beziehungen ist. Von diesen ist er nicht ablösbar. Wohl aber können diese von ihm abgelöst bestehen. (von mir gesperrt). Das nun unterscheidet ihn von der Wahrheit, daß zwar auch diese nicht Geltung ist, immer aber Geltung hat, die dem Gegenstand als solchem nicht zuzukommen braucht, wenn ihm auch immer eine Form des Seins zukommen muß. Aber sie kommt ihm eben nur durch Geltungsbeziehungen zu, da sich auch das Sein zuletzt und zutiefst als Geltungsbeziehung erweist, in der etwas zum Stehen gebracht wird, und dieses zum Stehen Gebrachte ist eben der Gegenstand."

2. Das Ding - ein Beziehungskonstitut

Wie im Begriff die Geltungsbeziehungen definitorisch zusammenlaufen, so laufen sie im wirklichen Gegenstand, im Ding realiter zusammen. Der Begriff ist "konkreszent", d. h. er enthät nur die sogenannten "wesentlichen" Merkmale, er ist ungesättigt und strebt auch alle "unwesentliche" Merkmale, alle Beziehungen in sich aufzunehmen, die sein Grundgesetz auf besondere Weise darzustellen geeignet sind. Das Ding ist bereits "konkret". Der Begriff gibt die Struktur des Wirklichen ab, er enthält das, wodurch das viele Fromme eben fromm und das viele Tugendhafte eben tugendhaft ist usw. Man kann den Begrif deshalb auch das "mögliche Ding" nennen. "Das mögliche Ding ist insofern mögliches Ding, als es das wirkliche Ding erst ermöglicht". Der Begriff stellt das "Bildungsgesetz" dar für die vielen einzelnen wirklichen Dinge, die um einige Beziehungen reicher sind als das mögliche Ding, die sich ergänzt haben durch mancherlei "unwesentliche" (Relations-) Merkmale, wie wir in Anlehnung an die Schullogik sagen können. Also nicht nur unser Denken, sondern auch die wirklichen Gegenstände sind ihrerseits nach der Wahrheit gerichtet.
    "Ein Kieselstein muß gewiß, weil er von den Strukturformen der Wahrheit bedingt ist, nach der Wahrheit gerichtet sein."
Nur so ist es auch verständlich, daß ich den tatsächlichen Kreis als Kreis erkennen kann, weil er nach dem möglichen Kreis, der Kreishaftigkeit oder dem Begriff des Kreises gerichtet ist.
    "Existere (ex sistere) bedeutet seinem ursprünglichen Wortsinn nach: heraustreten, hervorbrechen. Philosophisch genommen, bedetet es das funktionale Heraustreten aus seinem Grund, ein funktionales Hervorbrechen, ein funktionales Offenbarwerden aus seinem Grund. Was aus seinem Grund heraustritt, in dem tritt sein Grun zugleich in die Erscheinung".
BAUCH zitiert an dieser Stelle HEGEL, Wissenschaft der Logik II, Seite 281:
    "Der Begriff ist das wahrhafte Ding ansich." (Ob mit dieser "Ermöglichung des Wirklichen durch das Mögliche" vielleicht ein Sprung vom logischen zum Realgrund getan ist, sei hier nur angemerkt.)
Nach diesen Überlegungen ist es kein Problem mehr, wie wir Tatsachenwahrheiten mit Notwendigkeit aussprechen können, wie wir wirkliche ungültige Zusammenhänge in gültige Wahrheitszusammenhänge übersetzen können. Denn die Wahrheitszusammenhänge reichen tief in die Wirklichkeit hinein.
    "Der das Wirkliche als wirklich erst ermöglichende konstituierende und charakterisierende Zusammenhang ist der kategoriale ... Sobald etwa gegenständlich auch nur gedacht werden kann, gleichviel ob es wirklich oder unwirklich ist, muß es für sich selbst schon eine kategoriale Struktur besitzen."

3. Korrelation von Wirklichkeit
und Geltung.

Das durch den bisherigen Gang der Untersuchung eigentlich geforderte Verhältnis der Überordnung der Wahrheit über die Wirklichkeit wird zu einem Korrelationsverhältnis ausgeglichen, wenn die Erörterung auf das Besondere zurückkommt. Wenn es schon denkbar ist, daß die Wirklichkeit in ihrer Struktur vom Begriff her, vom möglichen Ding begründet wird, so bleibt es doch noch fraglich, wie sich denn nun diese Besonderheit der wirklichen Dinge verstehen läßt. Auch wenn wir uns nach dem vorigen überzeugt haben, daß die Individualität nicht die Bedeutung des entscheidenden Charakteristikums hat für das Wirklichsein, sondern daß die kategoriale Ordnung hier den Ausschlag gibt, so ist die Besonderheit doch auch nicht zu eliminieren, und es kommt jetzt darauf an, welche andere Stelle wir der (wie es schien irrationalen und nicht zu logisierenden) Individualität alles Wirklichen im System anweisen sollen.

Wir müssen dabei überaus vorsichtig vorgehen; denn so wie wir das Besondere als Ausdruck einer zweiten Potenz neben dem "objektiven Denken" fassen, etwa als Ausdruck eines transzendenten Seins, so ist damit der mühsam begründete transzendentale Standpunkt aufgehoben. Denn dann ist die Wirklichkeit im Sinne einer geltungsbestimmten Gegenständlichkeit nicht mehr nur vom "objektiven Denken" abhängig, dann hat der Gegenstand neben den fundamentis scientiarum, neben seinen Erkenntnisgründen auch noch Seinsgründe, die nicht durchschaubar sind und die unsere ganze Arbeit wieder zunichte machten. Denn sie würden es wieder verhindern, daß wir unsere Wirklichkeitserkenntnis mit unanfechtbarer Gewißheit aussprechen könnten. So erwarten wir, daß BAUCH auf andere Weise mit dem Besonderen zu Rande zu kommen versuchen wird, daß er es aber keinesfalls als Ausdruck einer transzendenten (gegenstandsüberlegenen) Wirklichkeit anerkennen wird.
    Denn "was man eigentlich meint, wenn man von einer solchen Realität, die nicht im System der Erkenntnis beschlossen ist, spricht, ist unbestimmbar, ist logisch nicht zu präzisieren. Setzt doch schon jeder kleinste Ansatz zu dem Versuch, diese Realität zu bestimmen, den Begriff der Realität voraus. Auch "Tatbestand" ist ein Begriff. Auf keine Weise, durch keine Überlegung kann der Kreis des begrifflichen Zusammenhangs, kann der Rahmen der Erkenntnis gelockert oder gesprengt werden, solange es sich überhaupt um Erkenntnis handelt (LIEBERT, a. a. O., Seite 162).
Demzufolge wird auch für BAUCH das Besondere nicht als irrational zu betrachten sein, es wird nicht aus dem objektiven Denken herausfallen. Im Besonderen sind nicht neue irrationale Bedingungen der Erkenntnis gegeben, sondern es untersteht der ratio, als dem Inbegriff der Bedingungen der Denkbarkeit und Möglichkeit überhaupt.

Man pflegt die Anschauung als das zu bezeichnen, wodurch uns Besonderes vermittelt wird. Aber wenn wir genauer zusehen, so wird es klar, daß es Anschauungen, in denen das Besondere rein, d. h. begriffslos und unbegriffen gehabt wird, gar nicht gibt. BAUCH bestreitet auf das Entschiedenste, daß es ein "kategorial unbetroffenes Material" gibt, daß wir also auf irgendeine Weise von der Wirklichkeit Besitz ergreifen könnten, ohne sie dadurch auch sofort gedacht und Geltungsbeziehungen unterstellt zu haben, und er würde es zu einer leeren und irreführenden Fiktion erklären, wenn SCHOPENHAUER den Inhalt einer begriffslosen Anschauung (die vielleicht durch eine plötzliche Gehirnlähmung zustande gekommen sein mag) beschreibt als dem Anblick einer "Palette" ähnlich "mit vielerlei bunten Farbklecksen". (Über die vierfache Wurzel, § 21, Seite 72, Reclam-Ausgabe). Vielmehr läßt es sich geradezu so ausdrücken, daß die "Empfindung gar keinen Bestand für sich hat". Denn das viele einzene Fromme könnte nich sein, ohne eben frommzu sein und irgendein hic et nunc [hier und jetzt - wp] lebender frommer Mensch wäre nicht das, was er ist, ohne den Begriff des Frommseins. Die Empfindung ist mithin in den kategorialen Zusammenhang eingeordnet und besteht nur durch ihn: sie ist diese auf der Farbenskala zu vermerkende Rotnuance, sie versweist dadurch auf die Kategorien des Seins und des Soseins und der Einheit usw. Jeder Empfindungsinhalt ist ein "in sich bestimmter, mit sich identischer Inhalt von unwandelbarer Geltung". Die Besonderheit ist danach nichts weiter als eine besondere Beziehung von Inhalten, die mit sich identisch sind. Die Besonderheit der Rose vor mir in meiner Vase kommt dadurch zustande, daß sie neben den unerläßlichen gegenstandsbildenden Geltungsbeziehungen (Sein, Sosein etc.) auch noch Beziehungen untergeordneter Bedeutung enthält, daß z. B. diese unbeschreiblich eigenartige Duftqualität zusammen auftritt mit jenem zwischen unbezeichenbaren Tönungen schwimmenden Gelb ihrer Blätter. Aber eine auch noch so sehr schillernde Farbe läßt sich als eine Farbbesonderheit einer objektiven Empfindungsinhaltlichkeit unterordnen, welche das allgemeine "Bildungsgesetz der Allheit ihrer Besonderheiten ist".

Es ist gar nicht so, daß sich allgemeine Begriffe und besondere Dinge gegenüberstehen, wobei letztere aus den ersten nicht "abzuleiten" sind. Zu einer solchen Gegenüberstellung konnte nur eine unselige Abstraktionstheorie gelangen. Die Begriffe sind keine "leeren" Formen, keine Schubkästen, keine "Zettelkästen des Denkens", sondern sie sind, wie wir erkannt haben, die transzendenten Bedingungen der Möglichkeit des Wirklichen. Der Begriff ist das "Inbegriffensein aller Spezifikationen", er enthält die "Allheit der Bedingungen der Verbesonderung". Oder wie es HANS PICHLER formulierte: das Wesen ist der "Inbegriff seiner Erscheinungen". Die Bewegung ist nicht reiten, schwimmen, tanzen, laufen etc. zusammengenommen und "keines" davon, sondern "jedes" davon. (PICHLER, Kategorienlehre).

Gibt es also so wenig "leere" Formen wie es ungeformte Inhalte gibt, dann müssen wir das Verhältnis der Wirklichkeit zu ihren Geltungsgründen als ein Verhältnis der Korrelation bestimmen.
    "Jedes Allgemeine ist das Allgemeine eines Besonderen und jedes Besondere ist das Besondere eines Allgemeinen. Und so wenig das Besondere selbst allgemein und das Allgemeine selbst besonders ist, so wenig ist doch eines ohne das andere. Beide sind in einer unaufhebbaren Wechselbeziehung aufeinander. Auch das Bestimmteste auf diese bestimmte Tafel von einem bestimmten Menschen mit dieser bestimmten Kreide gezeichnete Dreieck ABC wäre nicht, ohne eben ein Dreieck zu sein. Und es ließe sich von einem Dreieck überhaupt nicht reden, wenn es nicht möglich wäre, daß man etwas in seiner besonderen Bestimmtheit als Dreieck darstellt. Wovon es nichts Allgemeines gibt, davon gibt es auch nichts Besonderes und umgekehrt."

    "Wie der ganz bestimmte besondere Rappe, Schimmel usw. dieses eben nicht ist, ohne überhaupt Pferd zu sein, so ist auch das Pferd nicht überhaupt Pferd, ohne daß es in bestimmten Rappen, Schimmeln usw. konkret repräsentiert werden könnte."
Das Allgemeine läßt sich nunmehr fassen als die transzendentale Bedingungen des Besonderen. (Wie weit auch hier ieder die transzendentalen Bedingungen, aus denen der Gegenstand logisch hervorgeht, verschiebbar sind in reale Bedingungen, aus denen er wirklich hervorgeht, sei offen gelassen. COHEN soll ja Bedingungen immer nur als Be-dingungen geschrieben haben!)

Vom subjektiven Denken aus gesehen mag das Besondere sehr wohl nicht ohne weiteres im Begriff enthalten sein. Für mich mag das Goethesein des GOETHE aus dem allgemeinen Begriff Mensch nicht zu entnehmen sein, so daß ich zur Erkenntnis des Besonderen die Fähigkeit des "Hineinversetzens" haben muß.

Wir haben also die Möglichkeit gültiger Aussagen über die Wirklichkeit dadurch begründet, daß wir uns die Wirklichkeit ersetzt haben durch die geltungsbestimmte Gegenständlichkeit. Danach untersuchten wir, ob unsere Lösung sich auch noch festhalten läßt, wenn wir die ausgeschaltete Besonderheit wieder in Rechnung stellen. das ließ sich dadurch durchführen, daß wir das Besondere vom Begriff aufsaugen ließen, so daß es seine Selbständigkeit gegenüber dem Subjekt behielt, nur daß es von der Seite der transzendenten Wirklichkeit, wo es zu Beginn der Untersuchung als ärgerlicher Faktor stand - transponiert wurde auf die Seite des objektiven Denkens, wo es vom Subjekt in demselben Maß unabhängig ist aber der Tendenz nach begreifbar wurde. Das Problem der gültigen Wirklichkeitserkenntnis wurde also gelöst durch die Aufrichtung einer "Panarchie des Logos", der sich nichts entziehen kann.


C. Überleitende Kritik

HEINRICH RICKERT machte zwei Wege namhaft, die zur Begründung gültiger Wirklichkeitserkenntnis führen:
    "Beide Seiten des Erkennens, die subjektive und die objektive, wie wir kurz sagen dürfen, lassen sich zum Ausgangspunkt der Untersuchung machen. Man kann einmal die Aufmerksamkeit von vornherein auf den Gegenstand richten, um zuerst sein Wesen festzustellen, indem man dabei vom Subjekt des Erkennens so weit wie möglich absieht, um es erst später wieder zur Vervollständigung des Erkenntnisbegriffs heranzuziehen. Und man kann umgekehrt zunächst das erkennende Subjekt untersuchen und nachdem man es in seinem Wesen verstanden hat, von ihm aus Schlüsse auf den Gegenstand der Erkenntnis ziehen, um dadurch zu einem vollen Erkenntnisbegriff zu kommen, der Subjekt und Objekt gleichmäßig umfaßt. Kurz: es läßt sich entweder der Gegenstand der Erkenntnis oder die Erkenntnis des Gegenstandes voranstellen." (Gegenstand der Erkenntnis, Seite 3/4)
Läßt man den Gegenstand sich nach der Erkenntnis "richten", läßt man die Wirklichkeit vom Denken abhängig sein, so verfährt man transzendental; bestimmt man umgekehrt die Erkenntnis durch ihren Gegenstand, ordnet man die Wirklichkeit der Wahrheit über, so verfährt man nach kantischer Terminologie dogmatisch. Beide Standpunkte lassen sich einwandfrei begründen. Die dogmatisch-positivistische These: Die Wirklichkeit ist ganz und gar vom Denken unabhängig; denn es gibt vielerlei was denkunmöglich erscheint und was sich doch so verhält (MILL, Logik, Ausgabe GOMPERZ, Bd. III, Seite 134f:
    "Man glaubte lange, daß es keine Gegenfüßler geben kann ..." "Vor etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten war es ein wissenschaftlicher Grundsatz ... daß ein Ding nicht dort wirken kann, wo es nicht ist ... Niemand findet jetzt eine Schwierigkeit darin, sich die Gravitation als der Materie wesentlich und innewohnend zu denken ... oder hält es für unglaublich, daß die Himmelskörper dort wirken können und wirklich wirken, wo sie in tatsächlicher körperlicher Gegenwart nicht anwesend sind.")
Die transzendental-philosophische These: Die Wirklichkeit ist ganz und gar vom Denken abhängig; denn sie wird mir als wirklich und objektiv gewiß erst, wenn ich sie in Denkakten oder Erkenntnisakten den Voraussetzungen aller Erkenntnis unterstellt habe. Diese Widerstreit der Tatsachen kommt dadurch zustande, daß in den Behauptungen die Begriffsbedeutungen verschoben wurden. So wird aus der "realen Dialektik", aus dem Streit der Tatsachen, ein Streit der Wortbedeutungen. Und zwar sind es zwei Äquivokationen, die ihn veranlassen: einmal ist der Wirklichkeitsbegriff in jeder These anders verstanden und zum andern ist der Begriff des Denkens doppelsinnig.

Bezeichnet man die Wirklichkeit einmal neutral als Transsubjektivität, dann kann, entsprechend den Funktionen, in denen wir Wirkliches haben, darunter verstanden werden: das Transemotionale (Gefühlte), das Transsensitive (Empfundene) und das Transkognitive (Gedachte). Der Positivist hält sich an die beiden ersten Bedeutungen und versteht unter Wirklichkeit das Gefühlte und Empfundene und es ist ihm vital gewiß, daß die Transsubjektivität von seinem Sehen und Hören so unabhängig ist wie von seinem Denken. Der Transzendentalphilosoph hält sich allein an die transkognitive Transsubjektivität. Für ihn aber nimmt überdies das Denken noch eine andere Bedeutung an; es ist ihm ein "Denken höherer Ordnung", das sich in unserem subjektiven Denken manifestiert. Mit Hilfe dieses "objektiven" Denkens baut sich das Subjekt eine neue Wirklichkeit auf, die gesetzmäßig und begründbar ist. In diesem Sinne kann er nun sagen, daß die Wirklichkeit vom Denken völlig abhängig ist.

Die Wirklichkeit, die aus einem synthetischen überindividuellen Denken hervorgeht, soll ein- für allemal als Gegenständlichkeit bezeichnet werden. Dann wird der Transzendentalphilosophie nachzuweisen sein, daß sie Wirklichkeit (im weiteren Sinne) und Gegenständlichkeit verwechseln. Sie tut es, indem sie die Gegenständlichkeit (das Denksein, die Bewußtseinswelt) für die ganze Wirklichkeit ausgibt. Indem der Logizismus die Gegenständlichkeit aus ihren transzendentalen Bedingungen, aus den Erkenntnisvoraussetzungen hervorgehen läßt, möchte er uns glauben machen, daß er damit die Wirklichkeit überhaupt ermöglicht habe und will uns ausreden, daß die Wirklichkeit außer ihrer gegenständlichen noch andere Seiten habe. Er macht aus dem logischen Vorgehen der Erkenntnisgründe vor der erkannten Gegenständlichkeit ein tatsächliches Hervorgehen der ganzen Wirklichkeit aus dem überindividuellen Bewußtsein überhaupt, das damit zu einem weltschöpferischen, göttlichen Bewußtsein wird.

Soweit der Transzendentalphilosoph oder Idealist oder Logizist noch ein Bewußtsein hat von der Wirklichkeit sucht er zur Erhärtung seiner Behauptungen alles eigentümlich Wirkliche in die Gegenständlichkeit hineinzupraktizieren. So wie die herakleitische Kontinuierlichkeit des Wirklichen nicht eliminiert, sondern auf die Seite des objektiven Denkens geschlagen, wo sie ebenso subjektunabhängig ist und obendrein als logische Kontinuität begreiflich wurde. Die Erkenntnisgrundlagen sind nicht so sehr die Grundlagen der "gegenständlichen Wirklichkeit" (in diesem Terminus läßt man die beiden Bedeutungen gern zusammenfallen) als vielmehr nur der vergegenständlichten Wirklichkeit, womit die vergessene Voraussetzung wieder in Erinnerung gebracht wird, daß es ursprünglich nur ein Versuch war, ein methodischer Griff, wenn die Wirklichkeit lediglich als Gegenständlichkeit betrachtet wurde. Man hat nicht den Eindruck, als ob der Logizismus unser Problem gelöst hätte; denn mit der Wirklichkeit (in einem weiteren Sinn), mit der transzendenten Realität fällt zugleich das Erkenntnisproblem. Das Ding-ansich ist der kritische Grundbegriff par excellence. Und von ihm aus erst kann man sich der Erkenntnis des Gegenstandes zuwenden. Damit stehen wir jedoch schon in der Metaphysik der Erkenntnis von NICOLAI HARTMANN.
LITERATUR - Robert Peschke, Das Problem der wirklichkeitserfüllten Geltung bei B. Bauch, N. Hartmann und H. Schwarz [Inauguraldissertation], Greifswald 1930