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THEODOR ELSENHANS
Phänomenologie, Psychologie,
Erkenntnistheorie

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"Denn darüber ist kein Zweifel, daß einer der schwächsten Punkte der Phänomenologie in der Vereinigung zweier Behauptungen liegt: der einen, daß es sich dabei um die Erfassung von Gegebenheiten handelt, und der anderen, daß dieses Verfahren selbst doch von jeglicher Erfahrung losgelöst sein soll."

"Es heißt den Begriff der Gegebenheit ins Unverständliche erweitern, wenn man ihn auf etwas anwendet, das, obwohl als ein Konkretes vorhanden, doch nicht in der Erfahrung vorfindbar sein soll. Sollte es, um in Kants Sprache zu reden, zwischen der Rezeptivität der Eindrücke, durch welche uns ein Gegenstand gegeben wird, und der Spontaneität der Begriffe, durch welche dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung gedacht wird, noch ein Mittleres geben, dem Spontaneität und Gegebenheit zugleich zugeschrieben werden könnte?"

"Beschreiben wir einen psychischen Vorgang der Wahrnehmung, der Erinnerung, der Phantasie, der Freude oder des Schmerzes, so bedienen wir uns dabei dieser und anderer Wörter zur Bezeichnung dessen, was wir meinen, in einer Bedeutung, die, wenn auch nur vorläufig und in unbestimmter Weise, doch irgendwie umgrenzt sein muß. Beschreibung ist also immer schon Klassifikation. Man hat daher kein Recht, von einer bloß beschreibenden Psychologie in einem Sinn zu reden, als ob in einer solchen bloß Tatsächliches wiedergegeben werden könnte, ohne daß irgendwelche wissenschaftliche Annahmen bereits darin enthalten wären."

In die grundsätzlichen Erörterungen der Psychologie der Gegenwart ist die Phänomenologie mit steigendem Erfolg eingetreten. Die bedeutenden Leistungen, die sie aufweisen hat, und die wissenschaftlichen Ansprüche, die sie erhebt, nötigen, sofern in die Wirrnis der augenblicklichen Lage einige Klarheit kommen soll, zu einer Auseinandersetzung mit ihr, wobei neben der Psychologie die Erkenntnistheorie und die Logik wesentlich interessiert sind. In solchen Fällen ist es zweckmäßig, aus der Vielheit der Erscheinungen diejenige herauszugreifen, in welcher die betreffende Richtung ihre schärfste Ausprägung gefunden hat. Für EDMUND HUSSERL trifft nicht bloß dieser Gesichtspunkt zu, sondern er kann, wenn es auch an Andeutungen anderer und an Anläufen verschiedener Art vorher nicht gefehlt hat, als der eigentliche Schöpfer dieser Richtung betrachtet werden. Seine neueste Schrift, die "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" enthält ein vollständiges Programm derselben mit eingehender wissenschaftlicher Ausführung und Begründung (1). Die Zeitschrift, welche diese Abhandlung eröffnet, das "Jahrbuch für Philosophie und philosophische Forschung" will aber überhaupt dem in weiten Kreisen sich bekundenden Verlangen entgegenkommen, "die Eigenart der phänomenologischen Methode und die Tragweite ihrer Leistungen kennen zu lernen". Zur Beurteilung der letzteren sind also auch die weiteren bisher in dieser Zeitschrift erschienenen Abhandlung von PFÄNDER, SCHELER, GEIGER und REINACH beizuziehen, die eine willkommene Jllustration der Anwendung dieser Methode auf bestimmte Einzelfragen liefern. HUSSERLs eigene frühere Arbeiten, insbesondere seine "Logischen Untersuchungen" stimmen mit der vollkommen ausgebildeten "Phänomenologie" der "Ideen" durchaus nicht mehr überein. Für die logischen Untersuchungen ist angesichts der Unmöglichkeit, "das alte Werk ganz und gar auf das Niveau der Ideen zu erheben", eine Umarbeitung gewählt worden, "die den Leser in bewußter Weise emporleitet, und zwar so, daß in der letzten Untersuchung im Wesentlichen die Stufe der "Ideen" erreicht ist und in ihr die früher mit in Kauf genommenen Unklarheiten und Halbheiten einsichtig geklärt erscheinen" (2). Dagegen steht die Abhandlung "Philosophie als strenge Wissenschaft" bereits völlig auaf dem Standpunkt der "Ideen" und hat ihre programmatische Bedeutung darin, daß sie unter schroffer Betonung der Unwissenschaftlichkeit aller bisherigen Philosophie eben der Phänomenologie die Aufgabe zuweist, der Philosophie eine streng wissenschaftliche Grundlage zu schaffen.


A) Phänomenologie und Psychologie
I. Allgemeine Umgrenzung der Phänomenologie

Für das Verständnis der Phänomenologie in dem jetzt von HUSSERL vertretenen Sinn ist nun in erster Linie die Abgrenzung gegenüber der deskriptiven Psychologie maßgebend. Der Unterschied zwischen beiden tritt schon äußerlich darin hervor, daß die Phänomenologie sich einer eigenen von den herkömmlichen Bezeichnungen der Psychologie völlig abweichenden Terminologie bedient. Dadurch ist insbesondere die Lektüre der "Ideen" außerordentlich erschwert. Man mag es beklagen, daß hierdurch die Diskussion über diese zentralen Fragen mit einer neuen den Terminis nach zum Teil an ARISTOTELES und die Scholastiker sich anlehnenden, dem Sinn nach neuen Schulsprache belastet und das Streben nach einer einheitlichen Terminologie an einem wichtigen Punkt gehemmt wird, man mag unter diesen Umständen es ferner begreiflich finden, daß der Verfasser fast jedem seiner Kritiker gegenüber Mißverständnisse zu beklagen hat (3), aber man wird demjenigen nicht ohne weiteres das Recht zu einer solchen individuellen Formgebung für seine Gedanken bestreiten können, der Neues und Wertvolles zu bringen hat und in der Begriffssprache der augenblicklichen Wissenschaft nicht die mit seinen Begriffen sich deckenden Ausdrücke findet. Die Prüfung, ob diese Voraussetzungen zutreffen, wird allerdings umso schärfer sein müssen, wenn noch hinzukommt, daß, wie HUSSERL sagt, "in der anfangenden Phänomenologie alle Begriffe, bzw. Termini, in gewisser Weise in Fluß bleiben müssen, immerfort auf dem Sprung, sich gemäß den Fortschritten der Bewußtseinsanalyse und der Erkenntnis neuer phänomenologischer Schichtungen innerhalb des zunächst in ungeschiedener Einheit Erschauten zu differenzieren." (4) Die in einer Sonderterminologie ansich schon liegenden Schwierigkeiten werden dadurch in erheblichem Maß gesteigert.

Der Abweichung in der äußeren Form entspricht die inhaltliche Abgrenzung der Phänomenologie gegenüber der deskriptiven Psychologie, und damit ergibt sich zunächst eine negative Bestimmung ihres Begriffs. Die deskriptive Psychologie ist als empirische Psychologie eine Erfahrungswissenschaft, d. h. eine Wissenschaft von Tatsachen und von Realitäten, von realen Vorkommnissen, die sich als solche mit den realen Subjekten, zu denen sie gehören, einer räumlich-zeitlichen Welt einordnen. Die Phänomenologie aber hat es nicht mit einzelnen Erfahrungstatsachen zu tun. Sie liefert zwar wesentliche Fundamente für die Psychologie, aber sie ist so wenig selbst Psychologie, wie die Geometrie eine Naturwissenschaft ist. Sie will nicht Tatsachen feststellen, sondern - und damit gelangen wir zu einer positiven Bestimmung der Phänomenologie - Wesenserkenntnisse. Sie ist nicht Tatsachenwissenschaft, sondern Wesenswissenschaft. Wer diesen Übergang von der psychologischen Tatsache zum reinen "Wesen", d. h. die "eidetische Reduktion" vollzieht, verhält sich damit zu jener Welt der Tatsachen ähnlich wie der Geometer zum Naturforscher.
    "Der Geometer, der seine Figuren auf die Tafel malt, erzeugt damit faktisch daseiende Striche auf der faktisch daseienden Tafel. Aber sowenig wie sein physisches Erzeugen ist sein Erfahren des Erzeugten, qua Erfahren, begründend für sein geometrisches Wesensschauen und Wesensdenken. Daher ist es gleich, ob er dabei halluziniert oder nicht, und ob er, statt wirklich zu zeichnen, sich seine Linien und Konstruktionen in eine Phantasiewelt hineinbildet. Ganz anders der Naturforscher. Er beobachtet und experimentiert, d. h. er stellt ein erfahrungsmäßiges Dasein fest, das Erfahren ist für ihn ein begründender Akt, der nie durch ein bloßes Einbilden ersetzbar wäre." (5)
Zweitens grenzt sich die Phänomenologie der Psychologie gegenüber dadurch ab, daß ihre Phänomene irreal sind. Wie der Geometer nicht Wirklichkeiten, sondern "ideale Möglichkeiten" erforscht, so sind es nicht reale, sondern "transzendental reduzierte Phänomene", mit denen die Phänomenologie sich beschäftigt. Sie ist also - damit fassen wir nunmehr ihre bisher festgestellten Merkmale in einer positiven Bestimmung zusammen: - eine Wesenslehre transzendental reiner Erlebnisse.

Eben indem sie Erlebnisse beschreibt, unterscheidet sie sich aber zugleich als deskriptive Wissenschaft von den exakten Wissenschaften. Während z. B. die exakten geometrischen Begriffe als Idealbegriffe, die etwas ausdrücken, was man nicht "sehen" kann, eine von aller Dinggegebenheit unabhängige Bestimmtheit haben, haften den Beschreibungsbegriffen der Phänomenologie mit Notwendigkeit eine gewisse Unbestimmtheit an. Sie grenzen sich also durch diese ihre "Vagheit", die mit dem Umstand zusammenhängt, daß sie fließende Sphären ihrer Anwendung haben, ihrerseits wieder der Mathematik gegenüber ab (6).

Die Phänomenologie ist also noch genauer zu bestimmen als "deskriptive Wesenslehre reiner Erlebnisse".


II. Die "Wesenserschauung".

Daran schließt sich nun aber sofort die weitere Frage: auf welches Verfahren gründet sich diese Deskription? Wenn die Wesensverhältnisse in "unmittelbarer Einsicht erfaßt" werden, worin besteht dieses Erfassen?

Da es sich nicht um die Phänomene als Tatsachen, sondern um ihr Wesen handelt, so ist man zunächst geneigt, dieses "Erfassen" als eine Aufgabe des Denkens anzusehen, das sich in Begriffen, Urteilen, Schlüssen vollzieht. Auch nach HUSSERL sind die Ergebnisse der phänomenologischen Erkenntnis in begriffliche Ausdrücke zu fassen und in der weiteren wissenschaftlichen Reflexion logisch streng zu begründen; aber der Erkenntnisinhalt als solcher wird nicht durch das begriffliche Denken gewonnen, sondern mittels der unmittelbaren Intuition, der "Wesenserschauung". Auch die durch Gattung und ARt bezeichneten Wesensverhältnisse dürfen nicht verwechselt werden mit der rein logischen Subsumtion eines niederen Begriffs unter einen höheren. Vielmehr ist das allgemeine Wesen ebenfalls in einem besonderen in einem bestimmten, ebenfalls "in der eidetischen Intuition seiner Eigenart nach zu erfassenden Sinn" enthalten (7).

So läßt sich das Verfahren der Phänomenologie in folgender Weise zusammenfassen:
    "sie hat sich reine Bewußtseinsvorkommnisse exemplarisch vor Augen zu stellen, sie zu vollkommener Klarheit zu bringen, an ihnen innerhalb dieser Klarheit Analyse und Wesenserfassung zu üben, den einsichtigen Wesenszusammenhängen nachzugehen, das jeweils Geschauute in getreu begriffliche Ausdrücke zu fassen, die sich ihren Sinn rein durch das Geschaute, bzw. generell Eingesehene vorschreiben lassen usw." (8)
So ist also die eigentliche Quelle der Wesenserkenntnis die Anschauung. In der "Wesenserschauung" wird ebenso ein Wesen gegenständlich erfaßt, wie in der individuellen oder erfahrenden Anschauung ein individueller Gegenstand erfaßt wird. Das Wesen ist in der Tat ein "neuartiger Gegenstand", der in "originär gebenden Anschauungen" erfaßt wird. HUSSERL selbst findet darin eine gewisse Annäherung an den Positivismus. "Sagt Positivismus", meint er, "soviel wie absolut vorurteilsfreie Gründung aller Wissenschaften auf das Positive, d. h. originär zu Erfassende, dann sind wir die echten Positivisten. Wir lassen uns in der Tat durch keine Autorität das Recht verkümmern, alle Anschauungsarten als gleichwertige Rechtsquellen der Erkenntnis anzuerkennen." (9)

Sucht man von diesem im Mittelpunkt der Phänomenologie stehenden Begriff der Wesensanschauung, die weder Begriff noch empirische Anschauung sein soll, sich nun eine nähere Vorstellung zu machen, so liegt es nahe, an geschichtliche Anknüpfungen zu denken. Den Vorwurf des platonischen Realismus weist HUSSERL als Verwechslung von Gegenstand und Realem, Wirklichkeit und realer Wirklichkeit selbst zurück (10). KANTs "intuitus originarius" ist auf das "Urwesen" beschränkt, FICHTEs intellektuelle Anschauung ist "das dem Philosophen angemutete Anschauen seiner selbst im Vollziehen des Aktes, wodurch ihm das Licht entsteht" (11), bei SCHELLING ist sie im Unterschied von der sinnlichen "eine Anschauung, in welcher das Produzierende mit dem Produzierten ein und dasselbe ist." (12) Etwas enger ist die Berührung mit SCHOPENHAUERs intuitiver philosophischer Erkenntnis der Ideen, mit seiner Auffassung der Philosophie als eines "Mittleren von Kunst und Wissenschaft", und als einer Sache genialer das Wesen der Dinge unmittelbar erfassender Denker (13).

Von all diesen geschichtlich dagewesenen Anschauungsbegriffen unterscheidet sich HUSSERLs "Wesensanschauung" durch die Hervorhebung ihres beschreibenden, ihres "deskriptiven" Charakters und ihrer Objekte als "reiner" oder "phänomenologischer Gegebenheiten" Man trifft überhaupt wohl am schärfsten den Grundcharakter dieser Phänomenologie und ihrer geschichtlichen Stellung, wenn man die beiden Grundmerkmale zusammen nimmt: das sie deskriptiv und daß sie nicht-empirisch zugleich sein will. Sie hat mit den Erfahrungswissenschaften gemein, daß es sich bei ihr um "Gegebenheiten" handelt, aber es sind nicht empirische, sondern "reine Gegebenheiten" oder "phänomenologische Gegebenheiten.


III. Die "reinen Gegebenheiten" und
die Analogie der Mathematik.

Was es heißt, ein Gegebenes beschreiben, können wir uns innerhalb der sinnlichen Wahrnehmung ganz wohl vorstellen. Doch tritt dabei der Gedanke deutlich hervor, daß wir uns dabei im Wesentlichen passiv verhalten, - ein Gedanke, der in der kantischen Erkenntnislehre seinen Ausdruck in der Lehre vom "affizierenden Gegenstand" findet. Was aber die "originär gebende" Wesenserschauung oder "Ideation" von der Wahrnehmung als "originär gebender Erfahrung" unterscheidet, das ist ja doch nicht selbst wieder in demselben Sinn "gegeben", wie der individuelle Gegenstand, es ist vielmehr durchaus abhängig von unserer "phänomenologischen Einstellung", es ist ein Plus, das jedenfalls insofern in höherem Maß von uns selbst stammt, als sein Auftreten nich wie das des individuellen Gegenstandes durch irgendeine "Affektion" bedingt ist, sondern ausschließlich von unserer Einstellung abhängt. Es gehört ja zur Eigenart der Wesensanschauung, daß ihr ein Erscheinen, ein "Sichtigsein" von Individuellem - sei es nun in "Erfahrungsgegebenheiten" oder in bloßen "Phantasiegegebenheiten" - "zugrunde liegt." (14) Sie bedient sich aber dieser individuellen Anschauung nur zur Exemplifikation, ohne das Individuelle irgendwie als Wirklichkeit zu setzen. Welchen Sinn hat hier das bloße Beschreiben? Ist es tatsächlich so, daß das "reine Wesen" unabhängig von uns da ist, um von uns dann "erfaßt", "beschrieben" zu werden? Die letztgenannten Ausdrücke, wie auch die Maßnahmen der "Ausschaltung" oder der "Einklammerung" der ganzen in der "natürlichen Einstellung" gesetzten, in der Erfahrung wirklich vorgefundenen Welt, nach welcher nur die eigenartige Seinsregion der Phänomenologie übrig bleiben soll (15), scheinen auf diesen Gedanken hinzuweisen. Aber diese Seinsregion hat ja doch keine Realität wie die Erfahrungswelt? Aber sie ist doch eine Welt "reiner Gegebenheiten", eine Welt absoluten Seins, und nicht wir sind es, die sie schaffen. Das Tun des "Wesensforschers" beschränkt sich auf die "phänomenologische Einstellung", durch welche sich ihm diese Welt "reiner Gegebenheiten" erschließt.

Je kühner aber von dieser Erwägung der Aktivität oder Passivität des erkennenden Subjekts aus diese Behauptung einer besonderen "phänomenologischen" Erkenntnis erscheinen muß, desto dringender erhebt sich die Frage: worauf kann sich streng genommen diese Behauptung gründen? Hier ist es nun ein charakteristisches Moment der HUSSERLschen Phänomenologie, daß dafür in weitestem Umfang die Analogie der Mathematik, insbesondere der Geometrie maßgebend wird. Die Geometrie erscheint als Typus der Wesenswissenschaft gegenüber den Tatsachenwissenschaften. Wie der Geometer so erforscht auch der Phänomenologe nicht Wirklichkeiten, sondern Wesensverhältnisse. "Geometrie und Phänomenologie als Wissenschaften reiner Essenz kennen keine Feststellungen über eine reale Existenz". Damit hängt auch zusammen, "daß ihnen klare Fiktionen nicht nur ebenso gut, sondern in großem Umfang bessere Unterlagen bieten, als Gegebenheiten aktueller Wahrnehmung und Erfahrung". (16) Für beide ist daher auch nicht die Erfahrung, sondern die "Wesenserschauung" der letztenendes sie begründende Akt. Es ist wohl kein Zufall, daß innerhalb dieser mathematischen Parallele der Phänomenologie mit dem Fortschritt von den "Logischen Untersuchungen" zu den "Ideen" an die Stelle der Arithmetik als typischen Beispiels mehr und mehr die Geometrie tritt, deren anschaulicher Charakter der stärkeren Betonung der Wesenserschauung in der "Ideation" mehr entsprach. Jedenfalls aber werden die eigentlichen Schwierigkeiten einer solchen Anschauung des "reinen Wesens" eben durch diese Analogie der Geometrie zum Teil verdeckt. Was hier möglich ist, scheint auch auf einem ganz anderen Gebiet möglich zu sein, ohne daß diese Übertragung aus einer grundsätzlichen Übereinstimmung beider Gebiete ausreichend gerechtfertigt würde. In der Geometrie allerdings scheint uns das von KANT zuerst in seiner ganzen Schärfe formulierte Problem gelöst: wie es die nicht-empirische Anschauung geben kann. Dürfen wir diese Möglichkeit aber auf ein Gebiet übertragen, wo die mathematische Anschauung völlig versagt? Und sind wir berechtigt, jene eigentümliche Verbindung von "Irrealität" und apodiktischer (und "eidetischer") Notwendigkeit, die der Mathematik zweifellos zukommt, auch der Phänomenologie zuschreiben, deren Objekte doch einen ganz anderen Charakter haben? Und wenn man das Problem unseres Anteils an der Erkenntnis auf dem Boden der Mathematik in der von KANT erst nachträglich deutlich herausgearbeiteten Verbindung einer synthetischen Funktion mit der Anschauung gelöst findet, müßte dann nicht der phänomenologisch eingestellte nur beschreibende "Wesensforscher" jede grundsätzliche Analogie dieser Art ablehnen?

Allerdings verkennt HUSSERL selbst keineswegs den Unterschied zwischen der Phänomenologie als beschreibender und der Mathematik als exakter Wesenswissenschaft. Den "formalen" mathematischen Disziplinen gegenüber ist sie ohnedies deutlich abgegrenzt, da die Phänomenologie offenbar den "materialen" "Wesens-" oder "eidetischen" Wissenschaften angehört. Aber auch von materialen "eidetischen" Disziplinen, wie der Geometrie, ist sie deutlich zu unterscheiden. Sie kann nicht als eine "Geometrie der Erlebnisse" konstituiert werden (17). Das Verfahren der letzteren ist nämlich dadurch charakterisiert, daß "eine endliche Anzahl, gegebenfalls aus dem Wesen des jeweiligen Gebietes zu schöpfender Begriffe und Sätze die Gesamtheit aller möglichen Gestaltungen des Gebietes in der Weise rein analytischer Notwendigkeit vollständig und eindeutig bestimmt, so daß also in ihm prinzipiell nichts mehr offen bleibt." Eine solche "mathemtisch-definite Mannigfaltigkeit" kommt der Phänomenologie als deskriptiver Wissenschaft nicht zu. Hat sie z. B. ein Erlebnis der Gattung "dingliche Phantasie" zu beschreiben, so ist das "phänomenologisch Singuläre" eben
    "diese Dingphantasie, in der ganzen Fülle ihrer Konkretion, genauso wie sie im Erlebnisfluß dahinfließt, genau in der Bestimmtheit und Unbestimmtheit, mit der sie ihr Ding bald von diesen, bald von jenen Seiten zur Erscheinung bringt, genau in der Deutlichkeit oder Verschwommenheit, in der schwankenden Klarheit und intermittierenden [mit Unterbrechungen - wp] Dunkelheit usw., die ihr gerade eigen ist."
Wir erfahren in diesem Zusammenhang zugleich mit aller wünschenswerten Klarheit, wie sich der Übergang von der empirischen inneren Wahrnehmung zur phänomenologischen Wesenserschauung vollzieht.
    "Nur die Individuation läßt die Phänomenologie fallen, den ganzen Wesensgehalt aber in der Fülle seiner Konkretion erhebt sie ins eidetische Bewußtsein und nimmt ihn als ideal-identisches Wesen, das sich, wie jedes Wesen, nicht nur hic et nunc [hier und jetzt - wp], sondern in unzähligen Exemplaren vereinzeln könnte." (18)
Wir hören weiter, daß auch beim weiteren Fortschreiten zu Wesen von "höherer Stufe der Spezialität" z. B. zur Beschreibung des gattungsmäßigen Wesens von Wahrnehmung überhaupt, von Erinnerung überhaupt, Einfühlung überhaupt, Wollen überhaupt, die Wesenserschauung herrschend bleibt. Es findet keine solche Dependenz [Abhängigkeit - wp] der Leistungen in höheren Stufen von denen in den niederen statt,
    "daß etwa ein systematisches induktives Verfahren methodisch gefordert wäre, ein schrittweises Emporsteigen auf der Stufenleiter der Allgemeinheit."
Dazu gehört endlich, daß auch "deduktive Theoretisierungen" von der Phänomenologie ausgeschlossen sind. Mittelbare Schlüsse sind ihr zwar nicht geradewegs versagt;
    "aber da alle ihre Erkenntnisse deskriptive, der immanenten Sphäre rein angepaßte sein sollen, so haben Schlüsse, unanschauliche Verfahrensweisen jeder Art nur die methodische Bedeutung, uns den Sachen entgegenzuführen, die eine nachkommende direkte Wesenserschauung zur Gegebenheit zu bringen hat."
Erst in diesen Bemerkungen tritt die allumfassende Herrschaft der Anschauung auf dem Gebiet der Phänomenologie mit voller Schärfe hervor. Als wirkliche Erkenntnis gilt in ihr nur das, was durch die Wesenserschauung "zur Gegebenheit gebracht" wird. Damit ist nun mehr auch zu völliger Evidenz gezeigt, daß die phänomenologische Wesenserschauung keine produktive Anschauung ist, die in der Betrachtung ihres Gegenstandes dessen Wesen erzeugt, sondern ein Prozeß, der im Grad seiner Passivität der bloßen sinnlichen Wahrnehmung gleichkommt. Die "reinen Wesen" sind da, es kommt nur darauf an, daß wir sie "sehen".  Was wir dazu tun, ist nur die "Einstellung". Allerdings betont HUSSERL selbst gelegentlich die Spontaneität des "originär gebenden Bewußtseins von einem Wesen" oder der "Ideation", während dem sinnlich gebenden, dem erfahrenden Bewußtsein Spontaneität außerwesentlich ist: der individuelle Gegenstand kann "erscheinen", auffassungsmäßig bewußt sein, aber ohne eine spontane "Betätigung" an ihm. Aber diese Auffassung wird näher dahin erläutert, daß bei der Ideation nicht das Wesen, sondern das Bewußtsein von ihm ein Erzeugtes ist, und die Wesenserschauung wird ausdrücklich, um den skeptischen Einwand, das "Wesen" sei eine Fiktion, auszuschließen, als Analogon des sinnlichen Wahrnehmens und nicht des Einbildens bezeichnet (19). Ist es möglich, dieser Gedankenreihe zu folgen, ohne trotz der Verwahrung des Verfassers an einen "platonischen Realismus" zu denken? Aber die Phänomene der "reinen Phänomenologie" sind doch eben als "irreal" charakterisiert? Wir müssen es daher dabei bewenden lassen, daß sie nicht die "Realität" realer Vorkommnisse haben, die mit ihrem wirklichen Dasein der räumlich-zeitlichen Welt eingeordnet sind. Da sie aber weder als "Gegebenheiten" von uns erzeugt, noch etwa als wahre Urteile unter dem Begriff des "Geltens" untergebracht werden können, so muß ihnen doch zumindest dasjenige Maß von Realität zukommen, das ihnen ermöglicht, von uns vorgefunden zu werden, um schauend erfaßt werden zu können. Ihre "Exemplifikation" an empirischen Gegebenheiten ändert daran nichts, eben deshalb, weil die letzteren nur "Exempel" sind, an denen jene reinen Gegebenheiten "erschaut" werden. Eine solche - wenn auch noch sehr verdünnte - Realität "reiner Wesen" mag uns aber im Rahmen gewisser Systeme der Vergangenheit verständlich erscheinen: innerhalb des modernen Denkens dürfte sich für sie kaum ein Ort finden, der ihre Aufstellung in dieser Form rechtfertigt. Und doch ist ihre Annahme, wie wir gesehen haben, eine nicht abzuweisende Konsequenz der Phänomenologie. Die Voraussetzungen dieser beschreibenden Wissenschaft führen, da ihre Objekte jenseits der Erfahrung liegen und doch auch nicht von uns erzeugt werden, mitten in eine Metaphysik (20) hinein, die umso gewagter ist, als ihr eigentlicher Inhalt nicht aus dem allgemein kontrollierbaren Denken, sondern aus einer ebenfalls nicht-empirischen Anschauung stammen soll.

Aber eben dieser letztere Punkt bedarf noch einer besonderen Untersuchung. Man könnte immer noch sagen: es existiert tatsächlich ein besonderer Weg, zur Erkenntnis jener "reinen Wesen" zu gelangen; wer diesen Weg nicht zu gehen weiß, wird natürlich auch die auf diesem Weg gefundenen Erkenntnisse ablehnen zu müssen glauben. In der Tat stellt sich HUSSERL auf diesen Standpunkt. Der Übergang von der natürlichen zur phänomenologischen Einstellung ist nicht leicht zu vollziehen. Das neue Feld liegt nicht
    "so ausgebreitet vor unserem Blick mit Füllen abgehobener Gegebenheiten, daß wir einfach zugreifen und der Möglichkeit sicher sein könnten, sie zu Objekten einer Wissenschaft zu machen, geschweige denn sicher der Methode, nach der hierbei vorzugehen wäre." (21)
Um überhaupt "das Sachfeld des transzendental reinen Bewußtseins in den erfassenden Blick zu bringen", bedarf es "einer mühsamen Blickabwendung von den immerfort bewußten, also mit den neu intendierten gleichsam verflochtenen natürlichen Gegebenheiten", wobei auch all das fehlt, "was uns für die natürliche Gegenstandssphäre zugute komtm, die Vertrautheit durch eingeübte Anschauung, die Gunst ererbter Theoretisierungen und sachgemäßer Methoden", das aus mannigfacher Bewährung in Wissenschaft und Praxis folgende Vertrauen. (22) Aber ist es nicht doch merkmwürdig, daß diese Möglichkeit einer von allen Irrtümern der Erfahrung freien Erkenntnis, die, einmal vorhanden, zu absolut notwendigen und allgemeine Anerkennung erzwingenden Ergebnissen führen soll, nicht schon früher verwirklicht wurde und bisher keinerlei Früchte gezeitigt hat? Dieses sonst wohl mißbräuchlich angewandte Argument hat hier doch wohl einige Beweiskraft, wo es sich darum handelt, den seit Jahrhunderten geübten und in ihrer Eigenart erkannten, auf das Wesen der Dinge gerichteten Erkenntnistätigkeiten des Denkens ein neues Verfahren an die Seite zu stellen.

Jedenfalls aber ist die Frage nicht zu umgehen, welchen Ort diese phänomenologische Funktion im "Erlebnisstrom" der Psyche selbst hat? Allerdings: das Wesen der Phänomenologie als eines "reinen Erlebnisses" ist wiederum phänomenologisch zu erkennen (23). Mit dieser Rückbezogenheit auf sich selbst ist die Phänomenologie auch nicht etwa ganz in derselben Lage, wie die Psychologie und die Logik, die ebenfalls ihr Verfahren auf sich selbst anwenden. Denn um das Wesen der Phänomenologie zu erkennen, muß der Wesensforscher die Anwendung des Erkenntnisverfahrens selbst erst entdecken und erlernen. Unter allen Umständen müßte jedoch die phänomenologische Funktioin auch im "Erlebnisstrom" selbst empirisch vorgefunden werden. Der Wesensschauung liegt ja immer eine individuelle Anschauung, sei es nun von Erfahrungs- oder von Phantasiegegebenheiten zugrunde. Ein solcher Ausgangspunkt individueller Anschauung müßte auch für die Phänomenologie vorhanden sein; ja er wäre geradezu eine unerläßlich Voraussetzung der phänomenologischen Erkenntnis. Von dieser Erwägung aus ist es aber doch für diese ganze Richtung des Erkennens nicht unbedenklich, daß so viele Forscher von dieser "Wesenserschauung" bei sich selbst nichts vorfinden können; oder vielmehr, daß sie die Funktion, die dieser "Wesenserschauung" zugeschrieben wird, stets in dem Verfahren der empirischen deskriptiven Psychologie wiederfinden.

Denn darüber ist kein Zweifel, daß einer der schwächsten Punkte der Phänomenologie in der Vereinigung zweier Behauptungen liegt: der einen, daß es sich dabei um die Erfassung von "Gegebenheiten" handelt, und der anderen, daß dieses Verfahren selbst doch von jeglicher Erfahrung losgelöst sein soll. In der Mathematik, deren Analogie unter anderem die Möglichkeit eines solchen Sachverhalts verdeutlichen soll, kann, wie dies HUSSERL selbst zugibt, keinesfalls von "reinen Gegebenheiten" in demselben Sinn die Rede sein, wie in der Phänomenologie. Dort handelt es sich um Gegenstände, die als "irreale Möglichkeiten" in der Weise "rein analytischer Notwendigkeit" beliebig erzeugt werden, hier um Gegenstände, die in erster Linie in der Erfahrung gegeben sind, und die in der Phänomenologie, wenn auch nicht empirisch, so doch "in der ganzen Fülle ihrer Konkretion" erfaßt werden sollen. Der Besonderheit eines konkreten Gegebenen gegenüber bleibt es, wir mögen uns "einstellen", wie wir wollen, bei dem durchgreifenden Unterschied, den KANT für alle Zeit am schärfsten mit den Worten charakterisiert hat:
    "In Anbetracht des letzteren (des Etwas, das ein Dasein enthält und der Empfindung korrespondiert), welches niemals anders auf bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann, können wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der Synthesis möglicher Empfindungen, sofern sie zur Einheit der Apperzeption (in einer möglichen Erfahrung) gehören. In Anbetracht der ersteren (der Form der Anschauung in Raum und Zeit) können wir unsere Begriffe in der Anschauung a priori bestimmen, indem wir uns im Raum und der Zeit die Gegenstände selbst durch gleichförmige Synthesis schaffen, indem wir sie bloß als Quanta betrachten." (24)
Es heißt den Begriff der Gegebenheit ins Unverständliche erweitern, wenn man ihn auf etwas anwendet, das, obwohl als ein Konkretes vorhanden, doch nicht in der Erfahrung vorfindbar sein soll. Sollte es, um noch einmal in KANTs Sprache zu reden, zwischen der "Rezeptivität der Eindrücke", durch welche uns ein Gegenstand gegeben wird, und der "Spontaneität der Begriffe", durch welche dieser "im Verhältnis auf jene Vorstellung" gedacht wird, noch ein Mittleres geben, dem Spontaneität und Gegebenheit zugleich zugeschrieben werden könnte?


IV. Das Verhältnis der Phänomenologie
zur empirischen Psychologie, der Beschreibung
zur begrifflichen Bearbeitung.

Zu dieser prinzipiellen Unvereinbarkeit der beiden Begriffe kommt nun aber noch die Schwierigkeit, die im Verhältnis jener "reinen" zu dem empirischen Gegebenheiten und im gegenseitigen Verhältnis ihrer begrifflichen Bearbeitung liegt. Über das Verhältnis der Phänomenologie zur exakten empirischen Psychologie hat sich HUSSERL besonders in der Abhandlung über die "Philosophie als strenge Wissenschaft" eingehender ausgesprochen. In der experimentellen Psychologie erfolge die Beschreibung der Erfahrungsgegebenheiten, der mit ihr Hand in Hand gehenden immanenten Analyse und begrifflichen Fassung derselben mittels eines Fonds von Begriffen, deren wissenschaftlicher Wert für alle weiteren methodischen Schritte entscheidend ist. Eine Psychologie, welche die ihre Objekte bestimmenden Begriffe, z. B. die Worte: Wahrnehmung, Erinnerung, Phantasievorstellung nur in einem vagen, völlig chaotischen Sinn gebraucht, den sie sich irgendwie in der "Geschichte" des Bewußtseins zugeeignet haben, hätte ebensowenig Anspruch auf Exaktheit, als es eine Physik hätte, die sich mit den Alltagsbegriffen von schwer, war, Masse usw. begnügen würden. Als Wissenschaft von den "psychischen Phänomenen" müsse sie, wenn um diese Phänomene in begrifflicher Strenge beschreiben und bestimmen zu können, sich die nötigen strengen Begriffe in methodischer Arbeit zugeeignet haben, d. h. sie setzt phänomenologische Analysen der Begriffsinhalte voraus, die sie auf Erfahrung anwendet, die aber selbst "der Erfahrung gegenüber a priori sind". (25) Über diesen Grundmangel habe sie nur ihre "naturalistische Einstellung" hinwegtäuschen können, sowie ihr Eifer, den Naturwissenschaften nachzustreben und in einem experimentellen Verfahren die Hauptsache zu sehen, während doch das Psychische "Natur" in einem zweiten ganz anderen Sinn ist und ihrem Wesen nach nur in einem immanenten Schauen erfaßt werden kann.

Nun lehnt aber HUSSERL die empirische Psychologie als solche keineswegs völlig ab. Er läßt sie vielmehr gelten als Wissenschaft der "psychophysischen Einstellung", in welcher das "Psychische" mit dem gesamten ihm eigenen Wesen eine Zuordnung zu einem Leib und zur Einheit der physischen Natur erhält und mit dieser "indirekten naturhaften Objektivität" "als individuelles Sein" "intersubjektiv" bestimmbar wird. (26) In den "Ideen" tritt diese Abhängigkeit der empirischen Psychologie von ihrer Beziehung zum Physischen, die Betonung ihres psychophysischen Charakters mehr zurück. Das Erlebnis als solches bildet den erfahrungsmäßigen Ausgangspunkt, der zunächst in einer "natürlichen Einstellung" erfaßt und von dem sodann zu einer "phänomenologischen Reduktion" übergangen wird. Indem wir das tun, "verwandeln" wir ja die "Feststellungen" in "exemplarische Fälle von Wesensallgemeinheiten", die wir uns dann "im Rahmen reiner Intuition zu eigen machen und systematisch studieren können". (27) Das Bewußtsein als "Gegebenes der psychologischen Erfahrung" ist Objekt beider Arten der Psychologie, der empirischen in "erfahrungswissenschaftlicher", der "eidetischen Psychologie" in "wesenswissenschaftlicher Forschung" (28). Jedenfalls also kann dasselbe psychische Erlebnis Gegenstand beider Betrachtungsweisen sein. Die "wesenswissenschaftliche" Forschung soll die Grundlage und unerläßliche Voraussetzung der anderen sein.

Aber muß nicht sie selbst auch Rückwirkungen und inhaltliche Berichtigungen von der empirischen Forschung erfahren? Kann sich denn der Wesensforscher völlig einer Verwertung der empirischen Ergebnisse entziehen, die er in Bezug auf denselben Gegenstand auf einem anderen Weg ermittelt? Allerdings: die Wesenserkenntnis soll ja von der Tatsachenerkenntnis völlig geschieden sein, "reine Wesenswahrheiten" sollen nicht die mindeste Behauptung über Tatsachen enthalten (29) aber es handelt sich doch um wirkliche Geschehnisse, deren empirische Erforschung, auch wenn sie eine vorausgehende Analyse ihres Wesens voraussetzt, im weiteren Verlauf diese selbst unmöglich unberührt lassen kann? Greifen wir irgendein Beispiel heraus!
    "Wir versetzen uns in lebendiger Anschauung (mag sie auch Einbildung sein) in irgendeinen Aktvollzug, etwa in eine Freude über einen frei und fruchtbar ablaufenden theoretischen Gedankengang. Wir vollziehen alle Reduktionen und sehen, was im reinen Wesen der phänomenologischen Sachen liegt. Zunächst also ein Zugewendetsein zu den ablaufenden Gedanken ... usw." (30)
Mit diesem Prozeß mischen sich zweifellos, ihn vielfach bedingend und seinem Wesen (im gewöhnlichen Sinn des Wortes) nach modifizierend Vorstellungsassoziationen, Lustgefühle und andere der experimentellen und empirisch-deskriptiven Forschung ohne weiteres zugängliche Faktoren. Soll sich nun der Wesensforscher im Augenblick des "immanenten Schauens" aller der auf diese Gegenstände bezüglichen, ihm bekannten Ergebnisse der empirischen Forschung entäußern? Und wenn die Erfahrungswissenschaft phänomenologisch Geschautes berichtigt, sollte er da diese Berichtigung ignorieren? Natürlich antwortet die Phänomenologie darauf mit Ja, da nach ihrer Grundthese der Wesensschauung eine aller Erfahrung überlegene Zuverlässigkeit zukommen soll. Aber damit stehen wir wieder unmittelbar vor jener schroffen Scheidung einer Welt "reiner Wesen"und einer Welt der Erfahrungstatsachen, die den Anfang aller Erkenntnis bilden soll und doch zugleich die kühnste aller metaphysischen Hypothesen ist.

So ist es nicht zu verwundern, daß die HUSSERLsche Phänomenologie trotz des Protestes ihres Urhebers immer wieder mit der empirischen deskriptiven Psychologie verwechselt worden ist. Nicht bloß HUSSERLs eigene frühere Ausdrucksweise hat dazu beigetragen, sondern auch die Scheu der Autoren, die sich in seine logische Gesamtansicht und in seine an die Scholastik allerdings zum Teil gemahnende Terminologie vertieften, diesen Schritt in einen PLATON zumindest sich nähernden Begriffsrealismus mit ihm zu tun. Jede wirkliche Ausführung seines phänomenologischen Programms zeigt auch, daß bei jeder beliebigen bestimmten Aussage über ein Erlebnis jene grundsätzlich scharfe Abgrenzung gegenüber jeglicher Erfahrungswissenschaft sich nicht halten läßt. Es ist zwar richtig, daß auch die empirisch-induktive Wissenschaft ihre Erkenntnisse keineswegs ausschließlich aus der Induktion als solcher gewinnt. Abgesehen von den allgemeinen logischen Voraussetzungen alles induktiven Verfahrens, die trotz JOHN STUART MILL niemals aus dem induktiven Verfahren selbst sich ableiten lassen, operiert auch die empirische Beschreibung psychischer Erlebnisse notwendig mit zunächst noch "vagen" Wortbedeutungen, die sie, da sie doch irgendwann einmal beginnen muß, doch nicht immer selbst erst induktiv gewonnen haben kann. Es ist in diesem Zusammenhang durchaus notwendig, sich stets gegenwärtig zu halten, worin der Vorgang der "Beschreibung" eigentlich besteht. Beschreiben wir einen psychischen Vorgang der Wahrnehmung, der Erinnerung, der Phantasie, der Freude oder des Schmerzes, so bedienen wir uns dabei dieser und anderer Wörter zur Bezeichnung dessen, was wir meinen, in einer Bedeutung, die, wenn auch nur vorläufig und in unbestimmter Weise, doch irgendwie umgrenzt sein muß. Beschreibung ist also immer schon Klassifikation. Die spätere exakte Untersuchung oder eindringendere Analyse mag mancherlei Berichtigung und erst die strengere Begriffsbestimmung liefern; um aber überhaupt beginnen zu können, müssen wir aus dem "Strom" des psychischen Geschehens einzelne Erlebnisse für unsere Betrachtung ausscheiden und in einer bestimmten Weise bezeichnen.

Man hat daher kein Recht, von einer "bloß beschreibenden Psychologie" in einem Sinn zu reden, als ob in einer solchen bloß Tatsächliches wiedergegeben werden könnte, ohne daß irgendwelche wissenschaftliche Annahmen bereits darin enthalten wären (31). Jede einen seelischen Vorgang aus dem seelischen Gesamtzusammenhang herausnehmende und damit isolierende Bezeichnung ist schon eine solche Annahme. Die Bezeichnung selbst stammt auf ihrer vorwissenchaftlichen Stufe, die ja der wissenschaftlichen irgendwann einmal vorausgehen muß, aus dem Erwerb des individuellen Sprachgutes, das selbst allerdings als ein Niederschlag von vielerlei Erfahrungen zu gelten hat. Diese vorläufige Begriffsumgrenzung geht dann später mit den durch die Untersuchung des betreffenden Objekts sich ergebenden Modifikationen in die genaue wissenschaftliche Begriffsbestimmung und Klassifikation über, und die Wissenschaft erfüllt damit eine ihrer wichtigsten Kulturaufgaben, nämlich: die in der Sprache niedergelegte Erkenntnis der Wirklichkeit durch eine Definition der Wortbedeutung fehlerfrei und zuverlässig zu gestalten. Dieser Prozeß ist also stets ein Ineinander von Erfahrungen, Beobachtungen, Vergleichungen und begrifflicher Arbeit.

Muß es nun von solchen Erwägungen aus nicht unmöglich erscheinen, daß die Phänomenologie ihre "Beschreibungen" der "Wesen" vollkommen unabhängig von allen erfahrungsmäßigen Feststellungen vollzieht? Sollte sich die Behauptung halten lassen, daß "alles, was dem Erlebnis rein immanent und reduziert eigentümlich ist", von aller Natur und Physik und nicht weniger von aller Psychologie durch Abgründe getrennt ist? (32) Jeder Versuch einer Beschreibung scheint mir das Gegenteil zu beweisen. Wenn HUSSERL z. B. das Wahrnehmungserlebnis eines blühenden Apfelbaums beschreibt und in der "reduzierten Wahrnehmung", d. h. in einem "phänomenologisch reinen Erlebnis", als "zu dessen Wesen unaufhebbar gehörig" "das Wahrgenommene als solches, auszudrücken als "materielles Ding", "Pflanze", "Baum", "blühend" usw. findet, so ist doch diese Beschreibung für ihn selbst, wie für den Hörer oder Leser von der empirischen Kenntnis dessen abhängig, was "Pflanze" "Baum" usw. ist, und diese Kenntnis selbst modifiziert sich mit dem fortschreitenden Wissen und modifiziert auch die Auffassung des "reinen Wesens", das unter Zugrundelegung dieses Wissens beschrieben wird. Es wäre ja auch nicht zu verstehen, wie die phänomenologische Erkenntnis eines Erlebnisses von der fortschreitenden empirischen Erforschung seiner Qualitäten unabhängig sein sollte. Ist dies aber einmal zugegeben, dann ist die Phänomenologie nicht mehr apriorisch, dann fällt der ganze Bau der "reinen Wissenschaft" dahin.


V. Die Einzelanwendung der Phänomenologie
als deskriptiver Psychologie.

In der Tat bestätigen es auch alle bisherigen Versuche, die Phänomenologie auf einzelne Gebiete des Seelenlebens anzuwenden, wie wenig es möglich ist, von der Wesenserkenntnis eines Erlebnisses jede Begründung aus der Erfahrung fernzuhalten. Gerade das "Jahrbuch für Phänomenologie und phänomenologische Forschung" scheint mir ein vielfaches Zeugnis dafür abzulegen. Wenn z. B. ALEXANDER PFÄNDER (33) einer "Psychologie der Gesinnungen" eine "Phänomenologie der Empfindungen" vorausschickt und dieser die Aufgabe stellt, "vorzudringen bis zur direkten Erfassung des Psychischen selbst und dann eine völlig getreue Beschreibung des psychischen Bestandes selbst zu geben", so zeigt sich schon auf den ersten Seiten, daß diese Beschreibung nicht bloß an "Erlebnisfälle von Gesinnungen" überhaupt anknüpft, sondern daß auch jene phänomenologische Aussage über das Wesen der Gesinnungen durch erfahrungsmäßige Feststellungen mitbedingt ist. Nicht mittels einer geheimnisvollen Wesensschauung wird das Wesen dieser Erscheinungen enthüllt, sondern - ganz wie in jeder anderen induktiv-empirischen Vergleichung und Beobachtung, nur mit größter Sorgfalt der begrifflichen Zergliederung - werden aus dem, was an Gesinnungsregungen tatsächlich "vorliegt" oder vorkommt, Schlüsse gezogen. Auch MAX SCHELER hebt in seiner Abhandlung über den "Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik" (34) die Besonderheit der Phänomenologie aller empirischen Wissenschaft gegenüber scharf hervor. Er spricht allerdings von "phänomenologischer Forschung" und nähert sich damit zumindest im Ausdruck mehr als HUSSERL der Empirie; aber diese "phänomenologische Erfahrung" wird dann umso schärfer aller andersartigen Erfahrung, z. B. der Erfahrung der "natürlichen Weltanschauung der Wissenschaft" gegenüber abgegrenzt. Wir erfahren dabei Genaueres auch über das Verhältnis der mit jener "phänomenologischen Erfahrung" identischen "Wesensschau" zum Allgemeinbegriff, wie zur Beobachtung und Induktion. Die Wesenheit oder "Washeit", die sie gibt, ist "hierbei als solche weder ein Allgemeines noch ein Individuelles. Das Wesen rot z. B. ist sowohl im Allgemeinbegriff rot, wie in jeder wahrnehmbaren Nuance dieser Farbe mitgegeben". Auch kann das erschaute Wesen "mehro der weniger gegeben sein - so wie wir einen Gegenstand genauer und weniger genau etwa "beobachten" können, oder bald diese, bald jene seiner Züge - sondern es ist entweder "erschaut" und damit "selbst" gegeben (restlos und ohne Abzug, weder durch ein Bild noch ein Symbol hindurch) oder es ist nicht "erschaut" und damit nicht gegeben". "Oder auch: die Wesenheiten und ihre Zusammenhänge sind nämlich vor aller Erfahrung dieser Art oder auch a priori gegeben, die Sätze aber, die in ihnen Erfüllung finden, a priori "wahr". "Was als Wesen oder Zusammenhang solcher erschaut ist, kann also durch Beobachtung und Induktion niemals aufgehoben, nie verbessert oder vervollkommnet werden." (35)

Ganz unmißverständlich ist hier also die "Wesensschau" als ein Absolutes der Erkenntnis bezeichnet, dem gegenüber die ganze vorhergehende und nachfolgende Erforschung desselben "gegebenen" Gegenstandes nichts bedeutet. Wir haben hier die Frage noch nicht zu erörtern, wie sich diese Annahme, die eigentlich der beliebigen Behauptung eines beliebigen "Wesensforschers" eine völlig unangreifbare Position sichern würde, mit der Frage nach dem Kriterium der Erkenntnis abzufinden vermag. Wir stellen hier nur beiläufig fest, wie nahe sich diese Lehre mit der sonst ganz anders orientierten von JAKOB FRIEDRICH FRIES berührt. Auch bei letzterem gibt es eine solche "unmittelbare Erkenntnis" absoluter Art auf dem Gebiet der Anschauung. Aber hier ist es die unmittelbare Anschauung durch die Sinne nach ihrem "Dasein im Geiste", für die es weder Irrtum noch Grade der Gewißheit gibt. (36) Die Motive jedoch, die zu einem solchen absoluten Ausgangspunkt aller Erkenntnis führen, sind sehr ähnlicher Natur. Wie bei FRIES die Unterschiede der Gewißheit und der Irrtum lediglich der "mittelbaren Erkenntnis", der "wiederbeobachtenden Reflexion" zugeschrieben werden, so hören wir hier, daß nur die "phänomenologische Erfahrung" "die Tatsachen selber und daher unmittelbar" gibt, "d. h. nicht vermittelt durch Symbole, Zeichen, Anweisungen irgendwelcher Art". (37) Sie allein gibt z. B. nicht irgendwelche angebbare Bestimmtheiten der Farbe Rot, sondern das Rot selbst. Die Anschauung - das eine Mal die Sinnesanschauung, das andere Mal die Wesenserschauung - ist in beiden Fällen der Korrektur durch beziehende und vergleichende Tätigkeiten entrückt; nur daß die "phänomenologische Erfahrung" zugleich jenseits aller "Erfahrung der natürlichen Weltanschauung und der Wissenschaft" liegt und sich jeglicher Kontrolle der letzteren entzieht.

Die Ausführung des Programms zeigt aber auch an dieser Stelle, bei dem Versuch, eine "materiale Wertethik" von der Phänomenologie aus zu begründen, deutlich die Unmöglichkeit, jede Verwertung erfahrungsmäßiger Beobachtung und Vergleichung von einem Einfluß auf die Ergebnisse auszuschließen. Was SCHELER gegenüber dem kantischen Formalismus in der Ethik fordert, ist "ein Apriorismus des Emotionalen und eine Scheidung der falschen Einheit, die bisher zwischen Apriorismus und Rationalismus bestand". "Emotionale Ethik" im Unterschied von "rationaler Ethik" sei durchaus nicht notwendig "Empirismus" im Sinne eines Versuches, die sittlichen Werte aus der Beobachtung und Induktion zu gewinnen. "Das Fühlen, das Vorziehen", heißt es da, "das Lieben und Hassen des Geistes hat seinen eigenen apriorischen Gehalt, der von der induktiven Erfahrung so unabhängig ist, wie die reinen Denkgesetze. Und hier wie dort gibt es eine Wesensschau der Akte und ihrer Materien, ihrer Fundierung und ihrer Zusammenhänge. Und hier wie dort gibt es "Evidenz" und strengste Exaktheit der phänomenologischen Feststellung." (38) Das Apriori ist also hier ein Gegebenes für die Anschauung, dessen Grundmerkmal: Unabhängigkeit von der Erfahrung beibehalten wird, das aber als "Gegebenes" vorgefunden wird, und insofern doch wohl a posteriori ist. (39) Wenn nun der "Tatsachenkreis", auf den sich eine solche "wertapriorische Materialethik" stützen soll, im Einzelnen erörtert wird, wenn wir hören, daß Werte zunächst im Fühlen gegeben sind, daß das "Haben von Werten in keine Sinn an ein Streben gebunden ist", wenn auf analoge Tatsachen des unwillkürlichen Strebens hingewiesen wird, wenn behauptet wird, daß das "Vorziehen" als Akt völlig zu scheiden ist von der Art seiner Realisierung, daß die Rangordnung der Werte nur "im" Vorziehen und Nachsetzen erfassbar ist (40), so folgen wir diesen Erörterungen über "Tatsachen", auf welche sich eine materiale Ethik "im Unterschied von Willkürkonstruktionen" stützen soll (41) nicht ohne dauernde Anerkennung des Scharfsinns der Analyse, aber mit wachsendem Staunen darüber, daß der Verfasser dabei glaubt, sich jenseits aller sonstigen empirischen vergleichenden Beobachtung zu befinden und eine "Wesensschau" zu treiben, die durch künftige auf denselben Gegenstand gerichtete empirische Forschung keinerlei Korrektur soll erfahren können. Was wir lesen, sind eindringende deskriptive Analysen, die von Erfahrungstatsachen ausgehend, die begrifflichen Grundlagen mit besonderer Sorgfalt auseinandersetzen.

Dieses Ergebnis wird auch durch die ästhetische Abhandlung von MORITZ GEIGER (42) bestätigt und von einer bestimmten Seite her neu beleuchtet. Auch hier erfolgt eine prinzipielle Abgrenzung gegenüber der induktiv-empirischen Methode. Das ansich als naheliegend anerkannte induktive Verfahren, bei welchem "alle Arten ästhetischen Genießens der Reihe nach zu untersuchen, alle Möglichkeiten durchzuprobieren, alle ästhetischen Gefühle zu analysieren" wären, "um dann zu dem positiven oder negativen Resultat erst am Ende durch die Sichtung der Ergebnisse zu gelangen", wird abgelehnt und dem dann sofort auftretenden Einwand gegenüber, daß man dann sicherlich den entgegengesetzten Weg des deduktiven Verfahrens wählen wird, betont, daß die Induktion nur eine - und zwar eine ganz bestimmte Voraussetzungen für die Möglichkeit ihrer Anwendung in sich schließende - Methode ist, aufgrund der Tatsachen zu Erkenntnissen zu kommen. Der Satz z. B. "zwei gerade Linien schneiden sich nur in einem Punkt" oder der andere: "Orange liegt zwischen Rot und Gelb auf der Farbskala" ist - so sicher man zu ihnen durch eine Feststellung des Gegebenen und nicht durch Spekulation gelangt ist - doch nicht durch Induktion, durch Verallgemeinerung gewonnen (43). Das mathematische Beispiel scheidet für uns aus, da die Anwendung desselben an der hier doch wohl besonders angreifbaren und von uns früher besprochenen Analogie zwischen Phänomenologie und Mathematik haftet und von einer "Feststellung des Gegebenen" hier, wenn überhaupt, so jedenfalls nur in einem ganz anderen, von allem "Empirischen" sich deutlich abgrenzenden Sinn die Rede sein kann. Dagegen ist das zweite Beispiel gerade für die methodische Prinzipienfrage äußerst instruktiv. Die Einordnung von Orange in die Farbskala zwischen Rot und Gelb ist natürlich davon abhängig, daß es eine "Farbskala" wirklich gibt, sie selbst doch wohl sicherlich auf dem Weg induktiv-empirischer Forschung gefunden ist. Das Erlebnis der Qualität "Orange", das seine Beziehung zu den Erlebnissen "Rot" und "Gelb" erst ermöglicht, ist natürlich so wenig erst ein Ergebnis der Verallgemeinerung, als es irgendein anderes Erlebnis ist. Sobald wir aber über jenes Erlebnis und seine Beziehung zu anderen irgendetwas aussagen wollen, - und darum handelt es sich doch immer in der Wissenschaft - so verrät sich in jeder Aussage - und sei es auch nur in der Wortbedeutung der angeblich "reinen Beschreibung" - die Unmöglichkeit, von aller Verwertung früherer ähnlicher Erfahrungstatsachen völlig abzusehen und alles, was nach einem induktiven Verfahren aussieht, künstlich auszuschließen. In unserem Beispiel ist die Aussage nur dadurch möglich, daß in der "Farbskala" empirische Ergebnisse schon vorliegen, in die ein neues Erlebnis eingeordnet wird. Wir wiederholen: es ist durchaus zuzugeben, daß die Induktion mancherlei Voraussetzungen in sich schließt, die sie selbst nicht beweisen kann, wir betonen ferner, daß die Induktion, mehr als es nach der oben gegebenen Schildung ihres Verfahrens wohl scheinen möchte, meist schon in der Fragestellung, in der Regel auch während des Ganges der Untersuchung sich inhaltlich-begrifflicher Elemente bedient, die für das Ergebnis von Bedeutung sind, ohne selbst aus Einzeldaten als deren Verallgemeinerung erst abgeleitet zu sein. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß in jede derartige "Feststellung" über Gegebenes frühere Erfahrungen und Ergebnisse früherer Forschungen mit eingehen. Wie wenig es möglich ist, diese Einmischung der Empirie von der phänomenologischen Beschreibung der einzelnen Erlebnisse fernzuhalten, das zeigen auch die weiteren Einzelausführungen GEIGERs. Bei der Unterscheidung von ästhetischen Gefallen und ästhetischem Genuß beruft er sich darauf, daß "wer unvoreingenommen an die Tatsachen herangeht", - dazu gehört doch wohl, daß man sich die verschiedenen in der Erfahrung vorliegenden Tatsachen vergleichend vergegenwärtigt - wird von der gewöhnlich behaupteten Identität von Gefallen und Genießen nichts bemerken (44). Die Schwierigkeiten in der begrifflichen Abgrenzung des ästhetischen Genusses von anderen Genüssen werden zunächst darauf zurückgeführt, daß zwei Probleme häufig miteinander vermengt werden: das wertästhetische Problem der Scheidung des berechtigten und des unberechtigten ästhetischen Genusses und das deskriptive Problem der Scheidung des ästhetischen und des außerästhetischen Genusses. Die Bearbeitung des letzteren Problems als einer "rein phänomenologischen Frage" verläuft aber fast durchaus in den Formen der vergleichenden Beobachtung. Der Verfasser erinnert an einzelne Genußerlebnisse und an andere zu ihnen im Gegensatz stehende Erlebnisse, z. B. der Freude, er leitet an zur Vergleichung und Beobachtung derselben und sucht durch die begriffliche Zergliederung des Beobachteten und Verglichenen zur Erkenntnis ihres "Wesens" zu führen (45).

Wesentlich stärker als in der letzterwähnten Arbeit wird der apriorische Charakter der Phänomenologie betont in der rechtsphilosophischen Abhandlung von REINACH (46). Trotzdem scheint mir auch hier die angestrebte Apriorität der Sätze, die von den rechtlichen Gebilden gelten sollen, sofern sie an den "schlichten Tatsachen orientiert" sein will, jene von HUSSERL vertretene starre Scheidung des Phänomenologischen und des Empirischen auszuschließen. Schon das erste aus dem "großen Gebiet der apriorischen Rechtslehre" angeführte Beispiel läßt darüber keinen Zweifel. Der Vorgang des "Versprechens" wird in seiner Eigenart, seinem Verlauf, seinen Bestandteilen, seinen Sondermerkmalen verfolgt. Es ist von der eigentümlichen Verbindung die Rede, welche das Versprechen zwischen zwei Personen schafft, von der Dauer dieser Verbindung, von dem darin enthaltenen Anspruch, vom Träger desselben usw. (47). Auch wer bei der Lektüre dieser Ausführungen die Sonderstellung der "spezifisch-rechtlichen Grundbegriffe", für welche der Verfasser ebenfalls die Analogie der mathematischen Gesetze in Anwendung bringt, nicht aus dem Auge läßt, wird sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß der Leser hier aufgefordert wird, sich die verschiedenen Fälle zu vergegenwärtigen, in denen er selbst Versprechen erlebt oder beobachtet hat, um aus diesen Fällen seine Erkenntnis des Wesens des Versprechens abzuleiten und anhand der eigenen Erfahrung die Ergebnisse des Verfassers zu bestätigen. Im Sinne der phänomenologischen Methode sollte allerdings nur irgendein Einzelfall der "Exemplifikation" dienen und an diesem die Wesenserfassung geübt werden. Die phänomenologische Methode muß aber doch darauf rechnen, daß der Leser die ihm vorgeführten Fälle nacherlebt, um von der Richtigkeit der Beschreibung überzeugt zu werden. Vergegenwärtigen wir uns aber den Prozeß, der sich dabei im Leser abspielt, so erweist es sich als völlig unmöglich, die Verwertung der in der Erinnerung vorliegenden Einzelfälle des betreffenden Erlebnisses auszuschließen, an dem sich, der Eigenart des menschlichen Denkens entsprechend, mit Notwendigkeit bereits ein Verallgemeinerungsprozeß vollzogen hat. Ebensowenig läßt sich die Möglichkeit zurückweisen, daß das einmal festgestellte Wesen durch spätere Erfahrungen eine Korrektur erfährt, kurz: durch alle Fugen des scheinbar so streng abgeschlossenen Baus der phänomenologischen Methode dringen induktiv-empirische Elemente ein. Allzukühn ist ja auch das Unterfangen, auf die Feststellung von Tatsachen eine Wissenschaft zu gründen und dabei doch das Verfahren der "Tatsachenwissenschaft" auszuschließen.

So kommen wir von verschiedenen Seiten her zu dem Ergebnis, daß die Phänomenologie, falls sie nicht die entschlossene Wendung zu einer platonishen Metaphysik nehmen will, trotz allen Protestes tatsächlich sich doch nicht von der deskriptiven Psychologie im empirischen Sinn scheiden läßt (48). Ihr geschichtliches Recht soll ihr darum nicht geschmälert werden. Sie trat als ein beachtenswerter Faktor erfolgreich ein in den Kampf der gegenwärtigen Wissenschaft um die Stellung der Psychologie, und ihre Arbeit ist aus Motiven heraus entstanden, denen eine bleibende Bedeutung zuerkannt werden muß. Mit großer Klarheit hat HUSSERL die Schwächen der modernen exakten Psychologie in seiner Abhandlung über "Philosophie als strenge Wissenschaft" herausgehoben und die Notwendigkeit einer "systematischen, das Psychische immanent erforschenden Bewußtseinswissenschaft" betont. Er bestreitet mir Recht die "Exaktheit" einer Psychologie, welche ohne vorausgehende Analyse nur mit rohen Klassenbegriffen wie Wahrnehmung, Phantasieanschauung, Aussage, Rechnen und Verrechnen, Größenschätzen, Wiedererkennen, Erwarten, Behalten, Vergessen usw. arbeitet, ohne den ihre Objekte bestimmenden Begriffen eine wissenschaftliche Fixierung, eine methodische Bearbeitung angedeihen zu lassen (49). Er hat damit das aus der Psychologie der Zeit immer deutlicher aufwachsende Streben seinerseits gefördert, bei aller Anerkennung der erfolgreichen experimentellen Arbeit der selbständigen Analyse der psychischen Phänomene ihr Eigenrecht zu sichern und der drohenden Verwandlung der Gesamtwissenschaft der Psychologie in ein Spezialgebiet der Naturwissenschaft "dem Widersinn einer Naturalisierung von etwas, dessen Wesen das Sein der Natur ausschließt" (50), einen Damm entgegenzusetzen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß so manche Psychologen, welche gewisse Unzulänglichkeiten des herrschenden Betriebs erkennen und neben den experimentellen Methoden eine selbständige psychologische Analyse für unerläßlich halten, insbesondere die Schule von LIPPS, dessen Lebenswerk durchaus in dieser Richtung liegt, sich der Phänomenologie nähern oder sich ausdrücklich ihrer schulmäßigen Vertretung anschließen. Zu bedauern ist nur, daß der Kampf gegen den Erbfeind, den "Psychologismus", und die Überzeugung, von dessen Folgerungen nur bei völliger Loslösung von aller Empirie sich befreien zu können, den Führer dieser Bewegung in eine Richtung hineingedrängt hat, die, sich jenseits aller Erfahrung stellend, es unternehmen will, in einer weder der Kontrolle der Erfahrungswissenschaft, noch derjenigen des begrifflichen Denkens zugänglichen "Wesenserschauung" reine Gegebenheiten zu erkennen. Auch diejenigen aber, welche empirische und naturwissenschaftliche Bearbeitung der Psychologie nicht identifizieren, werden nicht bloß der großen Gedankenarbeit, die in der prinzipiellen Begründung dieser Richtung liegt, ihre Anerkennung nicht versagen, sondern sie werden auch in der Phänomenologie, so wie sie in manchen ausgeführten Arbeiten vorliegt, eine wertvolle Bundesgenossin sehen im Kampf um eine selbständige Stellung der Psychologie im Ganzen der gegenwärtigen Wissenschaft.
LITERATUR Theodor Elsenhans - Phänomenologie, Psychologie, Erkenntnistheorie - Kant-Studien, Bd. 20, Berlin 1915
    Anmerkungen
    1) "Jahrbuch für Phänomenologie und phänomenologische Forschung", hg. von Edmund Husserl. Erster Band, Teil 1. Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Einleitung. 1. Buch. Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie von E. Husserl. "Zur Psychologie der Gesinnungen" von Alexander Pfänder. Teil 2. "Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik" von Max Scheler. "Beiträge zur Phänomenologie des ästhetischen Genusses" von Moritz Geiger. "Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechts" von Adolf Reinach. Dazu das eben in zweiter Auflage erschienene frühere Hauptwerk, Edmund Husserl, "Logische Untersuchungen", 2 Bde, zweite Auflage, 1913 (zitiert LU). Ferner kommen folgende kleinere Abhandlungen Husserls in Betracht: "Bericht über deutsche Schriften zur Logik in den Jahren 1895-99, Archiv für systematische Philosophie, Bd. X (1903) Seite 397-400 und "Philosophie als strenge Wissenschaft", Logos, Bd. I (1910-11) Seite 316-318. Endlich seien von älteren Forscher , die Husserls Phänomenologie nahe stehen, noch die folgenden genannt: Wilhelm Dilthey, "Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie", Sitzungsberichte der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1894, Seite 1309-1407. Carl Stumpf, "Erscheinungen und psychische Funktionen", ebd. 1906. Wilhelm Dilthey, "Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften", 1905. Theodor Lipps, "Inhalt und Gegenstand: Psychologie und Logik", Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und der historischen Klasse der königlich-bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1905, Seite 511-669. Ders. "Bewußtsein und Gegenstände", Psychologische Untersuchungen, hg. von Theodor Lipps, Bd. I, 1907, Seite 1-203. Ders., "Die Erscheinungen", ebd. Seite 523f.
    2) "Logische Untersuchungen", Vorwort zur zweiten Auflage
    3) So gegenüber Külpe, Messer, Jonas Cohn, "Ideen", Seite 11, 158. An ersterer Stelle heißt es z. B. das Mißverständnis sei ein so vollkommenes, "daß vom Sinn der eigenen Feststellungen nichts mehr übrig bleibt."
    4) "Ideen", Seite 170f
    5) "Ideen" Seite 3f, 17.
    6) "Ideen" Seite 138f
    7) "Ideen" Seite 25f.
    8) "Ideen" Seite 123
    9) "Ideen" Seite 10f, 13, 38.
    10) "Ideen" Seite 40f, vgl. dazu Natorp, Allgemeine Psychologie I (1912) Seite 288f.
    11) Die deutlichste Auseinandersetzung dieses Begriffs in der zweiten Einleitung in die Wissenschaftslehre (Sämtliche Werke I, Seite 463) berührt sich allerdings an einem Punkt, in der Auffassung der Beziehung zwischen intellektueller und sinnlicher Anschauung mit Husserl.
    12) Schelling, System des transzendentalen Idealismus (1800) Seite 50.
    13) Schopenhauer, Neue Paralipomena (Nachlaß hg. von Grisebach, Bd. IV, § 28f.
    14) "Ideen" Seite 12
    15) "Ideen" Seite 52f, 94
    16) "Ideen" Seite 153
    17) "Ideen" Seite 133f.
    18) Hierzu und zum Folgenden: "Ideen" Seite 140f und besonders die instruktive Ausführung LU II, Seite 439f.
    19) "Ideen" Seite 42f.
    20) Man vergleiche z. B. folgende Stelle in den "Ideen" Seite 94: "... unseren erfassenden und theoretisch forschenden Blick richten wir auf das reine Bewußtsein in seinem absoluten Eigensein. Also das ist es, was als das gesuchte phänomenologische Residuum übrig bleibt, übrig bleibt, trotzdem wir die ganze Welt mit allen Dingen, Lebewesen, Menschen, uns selbst inbegriffen, ausgeschaltet haben. Wir haben eigentlich nichts verloren, aber das gesamte absolute Sein gewonnen, das, recht verstanden, alle weltlichen Transzendenzen in sich birgt, sie in sich konstituiert."
    21) "Ideen", Seite 120
    22) "Ideen", Seite 121
    23) "Ideen", Seite 122f
    24) Kr. d. r. V. in dem Abschnitt: Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauch, Ausgabe Kehrbach, Seite 555.
    25) Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Seite 306f
    26) Logos, Bd. 1, Tübingen 1910/11, Seite 319f
    27) "Ideen", Seite 146
    28) "Ideen", Seite 13
    29) "Ideen", Seite 143
    30) "Ideen", Seite 146
    31) zu Diltheys "Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie" (Sitzungsberichte der Königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1894, Seite 1309-1407) vgl. mein "Lehrbuch der Psychologie" (1912) Seite 48f.
    32) "Ideen" Seite 184 vgl. hierzu und zum Folgenden das ganze Beispiel Seite 182f. Wir sehen auch hier noch vom Begriff der "Intention" ab, der für die hier in Betracht kommenden Seiten der "Beschreibung" nicht wesentlich ist und sich ohne Berücksichtigung der später zu erörternden erkenntnistheoretischen Fragen nicht behandeln läßt.
    33) Alexander Pfänder, Zur Psychologie der Empfindungen, Jahrbuch I, Seite 325f.
    34) Jahrbuch erster Band, Teil 2, Seite 405f. Zum Folgenden vgl. besonders die Ausführungen über Apriori und Formal überhaupt, Seite 447f.
    35) a. a. O., Seite 447f
    36) Vgl. mein Werk über "Fries und Kant" 1906. II Seite 4f.
    37) "Ideen" Seite 449.
    38) Scheler a. a. O., Seite 465.
    39) Auch mit diesem Gedanken kommt hier die Phänomenologie der "anthropologischen Kritik der Vernunft" von Fries sehr nahe. Vgl. besonders Seite 449.
    40) a. a. O. Seite 434, 437, 443, 491.
    41) a. a. O. Seite 446.
    42) Moritz Geiger, Beiträge zur Phänomenologie des ästhetischen Genusses, Jahrbuch I, Teil II, Seite 567f.
    43) Moritz Geiger, a. a. O. Seite 571f.
    44) a. a. O. Seite 573f
    45) a. a. O. 584f
    46) Adolf Reinach, Die apriorischen Grundlagen des bürgerlichen Rechts, Jahrbuch II, Seite 685f.
    47) a. a. O. Seite 692f
    48) vgl. hierzu auch Messer, Husserls Phänomenologie in ihrem Verhältnis zur Psychologie, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. XXII, Seite 117f.
    49) Logos, Seite 303f, 307.
    50) Logos, Seite 312.