cr-4F. BrentanoA. Marty    
 
ANTON MARTY
Martys Leben und Werke
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"Vom Recht, vom Staat, von der Wirtschaft, vom Geldwesen gilt das Gleiche, was Marty von der Sprache lehrt: sie sind entstanden aus den planlosen Beiträgen vieler, von denen jeder nur die Abhilfe für das augenblickliche Bedürfnis, keiner das Ganze der Aufgaben im Auge hatte. Und die Zweckmäßigkeit und Einheitlichkeit, die das so gewordene Ganze doch aufweist, ist das Resultat eines natürlichen Kampfes ums Dasein und einer fortgesetzten Auslese des Brauchbaren unter den verschiedenen, versuchten Mitteln und Methoden und der Macht der Gewohnheit und Analogie zu dem einmal als tauglich Befundenen. Und dieselbe Entstehungsweise erklärt die verschiedenen Unzweckmäßigkeiten und Mängel, die sich bei all diesen Gebilden finden."

II. 1. MARTYs erstes Buch "Über den Ursprung der Sprache", Würzburg 1895, gliedert sich in einen historisch-kritischen und einen positiv-darstellenden Teil. Im ersten stellt MARTY jene Theorien, die er "nativistische" nennt, den von ihm sogenannten "empiristischen" gegenüber.

HUMBOLDT hatte die Sprache als eine ursprüngliche und unbewußte Emanation des Geistes erklärt, in ähnlich mystisch-dunkler Weise wie seiner Zeit SAVIGNY das Recht als ein organisches Erzeugnis des unbewußt wirkenden Volksgeistes.

Abgesehen von dieser älteren Lehre waren es vornehmlich die Theorien von STEINTHAL, LAZARUS, F. M. MÜLLER und WUNDT, denen MARTY entgegentrat. Besonders STEINTHAL, und ähnlich WUNDT, lehrte, die Sprache falle unter die Gattung der "Reflexbewegungen"; an bestimmte Anschauungen, meinten diese Schriftsteller, schlossen sich beim Urmenschen bestimmte Gebärden und insbesondere Lautgebärden, namentlich onomatopoetische [lautmalerische - wp]; nur daß nach STEINTHAL die Ähnlichkeit zwischen Vorstellung und Laut keine direkte sein mußte, sondern durch das Gefühl vermittelt wurde. Diese Instinkt- oder Reflextheorien nannte MARTY nativistische. Ihnen gegenüber stellte er sich auf die Seite derjenigen, die versucht hatten, die Sprache als eine solche Erwerbung des Menschen aufzufassen, die hervorgegangen ist aus dem Trieb und Verlangen nach Mitteilung. In Betracht kommen besonders: BLEEK, WHYTHNEY, TYLOR, GEIGER und MADVIG.

Aber auch von diesen empiristischen Versuchen unterscheides sich MARTYs Theorie in wesentlichen Punkten und vor allem in der Methode.

Nicht durch neue Annahmen wie seine Vorgänger, sondern durch eine richtigere Schätzung der bekannten Kräfte suchte MARTY die Entstehung der Sprache, die auf historischem Weg nicht endgültig zu ermitteln ist, zu erklären, indem er die Frage zu beantworten trachtete, ob und wie etwa in Analogie zu dem, was wir heute an kommunikativen Fähigkeiten und Mitteln am entwickelten und primitiven Menschen beobachten, Anfänge eines menschlichen Sprechens entstehen konnten.

In einer der naturwissenschaftlichen Methode entsprechenden Kombination von Induktion und Deduktion - Vernunfts- und Erfahrungsprinzipien - zeigt MARTY, daß die Sprache entstanden ist aus dem Verlangen nach Verständigung und die dadurch motivierte, absichtliche aber planlose Bildung von anfangs nachahmenden Bezeichnungsmitteln.

Das Buch wurde von seinen Gegnern mit großer Achtung aufgenommen. LUDWIG TOBLER schrieb z. B in der von LAZARUS und STEINTHAL herausgegebenen "Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft", Bd. IX, 1877: Der Verfasser habe sich die zur Lösung seiner Aufgabe nötigen sprachwissenschaftlichen Kenntnisse in höherem Maß angeeignet, als dies von manschen Sprachforschern in Absicht auf philosophische Kenntnisse gerühmt werden kann. Er nennt die Darstellung durchwegs klar, ruhig und unparteiisch, müht sich aber im Übrigen, die Differenzen zwischen Nativismus und Empirismus möglichst gering erscheinen zu lassen.

KARL BRUGMANN (Jenaer Literaturzeitung, 1877, Nr. 45) schrieb:
    "Martys Arbeit verdient vor Allem wegen ihrer nüchternen, klaren und streng methodischen Behandlung eines der schwierigsten die Geisteswissenschaften beschäftigenden Probleme die vollste Beachtung von Seiten all derer, die sich für dieses Problem interessieren".
Zwar bringt sie nicht die endgültige Lösung, aber sie bezeichnet klar die Richtung, in welcher, beim gegenwärtigen Stand der psychologischen und linguistischen Wissenschaft die Lösung zu suchen ist.

In dieser Richtung hat dann auch MARTY seine Forschungen zeitlebens fortgesetzt; er konnte hierbei seine empiristische Hypothese nur festigen, ja auf alle anderen sozialen Institutionen entsprechend ausdehnen. Sie läßt sich im Anschluß an seine Darstellungen folgendermaßen skizzieren:

Jeder einzelne Schritt der Sprachbildung war nach MARTY ein bewußter, sofern er aus der Absicht der Verständigung hervorging, ja meist eine Wahlhandlung war; aber jeder der Sprachbildner dachte nur an das gegenwärtige Bedürfnis, und vom Ganzen und dem endlichen Resultat hatte keiner von Allen, die stückweise Beiträge dazu lieferten, irgendein Bewußtsein, noch weniger von der Methode oder den Methoden, die beim Bau befolgt wurden. In diesem Sinne war die Sprachbildung eine unbewußte. MARTY geht also im Gegensatz zu den Nativisten davon aus, daß die Laute der Sprache als Zeichen unserer Gedanken und Gemütsbewegungen (1), ihnen weder durch einen natürlichen Mechanismus, noch durch einen vorbedachten Plan und Übereinkunft zugeordnet sein.

Da sie weder angeboren sind, noch durch eine Verabredung erfunden werden konnten, so blieb bloß die eine Möglichkeit für ihre Bildung übrig, daß man in jedem Fall des Bedürfnisses nach Verständigung ein Zeichen wählte, das entweder durch seine Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten oder vermöge einer durch Zufall und Gewohnheit gestifteten Assoziation die Bedeutung zu erwecken versprach.

Weil aber solcher unmittelbar geeigneter Zeichen nur wenige waren, so wurde man, um mit ihnen das Auskommen zu finden für die Bezeichnung der weit größeren und stets wachsenden Menge auszudrückender Inhalte, unausweichlich darauf geführt, nicht bloß deren unmittelbare, sondern auch die mittelbare assoziative Kraft keck und erfinderisch auszunützen, soweit sie nur immer Aussicht bot sich zu bewähren.

Der Mensch mußte vorerst die Erfahrung machen, daß er sich nicht nur durch Gebärden, sondern auch durch Lautnachahmung verständlich machen kann. Der Mensch konnte etwa mit "Wau-Wau" den Ton eines Hundegebells oder mit "Gack-Gack" das Gegacker der Ente bezeichnen wollen - nicht den Hund oder die Ente selbst -, dann ist die Vorstellung des Hundegebells oder des Gackerns die Bedeutung des Zeichens.

Oder aber der Mensch will mit "Wau-Wau" den Hund oder mit "Gack-Gack" die Ente selbst bezeichnen, dann ist die Vorstellung des Bellens oder Gackerns zu einer bloßen Hilfsvorstellung herabgesunken, die auf die eigentliche Bedeutung - die Vorstellung des Hundes oder der Ente - hinweisen soll; jene Hilfsvorstellung ist nicht mehr die Bedeutung, sondern selbst ein Zeichen - die innere Sprachform - das Etymon.

Dies ist der ursprüngliche Anlaß und der Hauptzweck der inneren Sprachform: als Band der Assoziation zu dienen zwischen Laut und Bedeutung und es den Sprachschöpfern zu ermöglichen, durch eine relativ beschränkte Zahl unmittelbar verständlicher Zeichen eine weit größere Fülle von Inhalten zu umspannen. (2)

So geschieht es noch heute bei Kindern und Sprachunkundigen, wie bei jenem Franzosen, der im Gasthaus zu der kühnen metaphorischen Wendung greift: "Diese Suppe ist viel Sommer."

MARTY nannte das später die figürliche innere Sprachform. Die auffälligsten Beispiele sind die Bezeichnungen für Psychisches: begreifen, schwankendes Urteil; erbaut, gefaßt, erschüttert; nicht darum hat man die Bilder vom Physischen genommen, weil dieses früher wahrgenommen wurde als das Psychische, sondern weil es der gemeinsamen Beobachtung zugänglich ist.

Bei gleicher Bedeutung kann die innere Sprachform sehr verschieden sein. Leichdorn heißt bald Hühnerauge, bald - im Holländischen - Elsterauge, bald - in einer innerasiatischen Sprache - Fischauge.

Diese Bilder haben teils, aber nicht immer, den Zweck ein ästhetisches Vergnügen zu erwecken, teils - und dies ist und war der Hauptzweck - das Verständnis zu vermitteln.

Der Terminus innere Sprachform stammt von HUMBOLDT; er hat die Erscheinung wahrgenommen, aber er hat sie nicht richtig gedeutet; er meinte, sie sei die dem betreffenden Volk eigentümliche Weltanschauung. Aber die Weltanschauung ist niedergelegt in den Bedeutungen der Worte, in den Begriffen, Urteilen, Überzeugungen, die in den Sprachmitteln zum Ausdruck kommen.
Die innere Sprachform kann nur insofern eine Weltanschauung genannt werden, wie sie auf eine gewisse Richtung der Phantasie hinweist, witzige Vergleichungen bietet, Bilder und dgl. Jede Metapher oder Metonymie gibt Beispiele.

Wenn der Börsenbericht besagt "Kälber gingen schlank ab" oder "Kälber erfreuten sich eines starken Absatzes", so ist beidemal die Bedeutung dieselbe, aber die innere Sprachform ist verschieden.

Der Elefant heißt im Sanskrit "der mit einer Hand versehene", "der zweimal Trinkende"; das sind verschiedene Sprachformen für ein und denselben Begriff; wer den Elefanten den zweimal Trinkenden nennt, will in letzter Linie ebensowenig diese Vorstellung erwecken, wie einer, der in den "Zweizahnigen" nennt, sondern eine andere zusammengesetzte Vorstellung. HUMBOLDT glaubte, es sei derselbe Gegenstand gemeint durch verschiedene Begriffe. Das wäre eine verschiedene Klassifikation, wie z. B. wenn man ihn einmal unter "Säugetier", ein andermal unter "lebendes Wesen" subsumiert (3).

2. Der "Ursprung der Sprache" war 1875 herausgekommen; im Jahr 1884 begann MARTY eine Serie von zehn Artikeln für die "Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie zu schreiben, deren letzter im Jahr 1892 erschien, und die den Titel führte: Über Sprachreflex, Nativismus und absichtliche Sprachbildung. Hier wird die ganze Frage nochmals aufgerollt.

Die Zugeständnisse, die STEINTHAL inzwischen der empiristischen Theorie gemacht hatte, waren ungenügend und die von ihm und namentlich von WUNDT nunmehr vorgetragenen Apperzeptionstheorie geben MARTY den Anlaß, den eben erörterten Begriff der "inneren Sprachform" genauer zu untersuchen und zu klären.

Gegen TOBLER und andere wird die empiristische Position verteidigt. Die erneute Prüfung der Sache ergibt, daß Nativismus und Empirismus ein aut-aut [entweder - oder | wp] bilden, aus dem kein Entrinnen ist.

Die aufgewandte Mühe lohnte sich.

Hatten sich schon vorher SCHERER, JOLLY, SCHUCHARDT, BRUGMANN zum Empirismus bekannt, so folgten jetzt auch andere. Im Jahr 1908 (Untersuchungen I, Seite 672) konnte MARTY darauf verweisen, daß auch solche Gelehrte, die ursprünglich mehr von nativistischen Ansichten auszugehen schienen, sich jetzt einer empiristisch-teleologischen Betrachtungsweise zuneigen, so TOBLER, PAUL, DELBRÜCK, BRUCHMANN.

Was WUNDT anlangt, so hat er, durch MARTYs Lehre veranlaßt (freilich ohne es einzugestehen), seinen früheren Standpunkt mehrfach, wenn auch widerspruchsvoll und unklar modifiziert (4). In eben diesen Aufsätzen und sodann in seinem zweiten Buch "Die Frage nach der geschichtlichen Entwicklung des Farbensinnes", Wien 1877, hat MARTY seine empiristisch-teleologische Ansicht auf alle sozialen Institutionen erweitert, insbesondere auf Recht und Staat. Er sagt wörtlich:
    "Jegliches im anfänglichen Rechts- und Staatswesen ist durch einen Erfinder gestiftet worden, der nur das nächste Bedürfnis im Auge hatte, das kleinere oder größere Ganze aber, wozu er beitrug, nicht überblickte."
Er hat auch hierin vollkommen recht behalten. Wie HUMBOLDTs Lehre von der Sprachkraft, so ist auch SAVIGNYs mystische Theorie vom "organischen Wachstum des Rechts aus dem Volksgeist heraus" längst aufgegeben und durch eine empiristisch-teleologische ersetzt worden (5). Ich nenne JHERING, JELLINEK, BECKER auf dem Gebiet des Rechts, CARL MENGER auf dem Gebiet des Geldwesens und wirtschaftlichen Verkehrs. JHERING läßt das Recht in seiner fragmentarischen Entwicklungsgeschichte des römischen Rechts ebenso durch einzelne Pfadfinder entstehen, wie MENGER das Geld- und Tauschwesen und MARTY die Sprache.

Vom Recht, vom Staat, von der Wirtschaft, vom Geldwesen gilt das Gleiche, was MARTY von der Sprache lehrt: sie sind entstanden aus den planlosen Beiträgen vieler, von denen jeder nur die Abhilfe für das augenblickliche Bedürfnis, keiner das Ganze der Aufgaben im Auge hatte. Und die Zweckmäßigkeit und Einheitlichkeit, die das so gewordene Ganze doch aufweist, ist das Resultat eines natürlichen Kampfes ums Dasein und einer fortgesetzten Auslese des Brauchbaren unter den verschiedenen, versuchten Mitteln und Methoden und der Macht der Gewohnheit und Analogie zu dem einmal als tauglich Befundenen.

Und dieselbe Entstehungsweise erklärt die verschiedenen Dysteleologien [Unzweckmäßigkeiten - wp] und Mängel, die sich bei all diesen Gebilden finden.

3. Ich erwähnte soeben das 1879 in Czernowitz geschriebene Buch über den Farbensinn.

Es verdankt seine Entstehung einer Gelegenheitsursache, einem Besuch bei dem Ästhetiker ZIMMERMANN.

Der tiefere Grund freilich war MARTYs Interesse für psychologisch-physiologische Fragen und seine eigenen ästhetischen Neigungen. Vom ersteren zeugt auch der einen Anhang "Über die Begriffe Helligkeit und Intensität der Gesichtsempfindungen", von letzterem der zweite Anhang "Über Befähigung und Berechtigung der Poesie zur Schilderung von Farben und Formen", auf dessen Feinsinnigkeit ERICH SCHMIDT in seinem "Lessing" hinweist.

Auch diese Arbeit ist nicht ohne einen Zusammenhang mit sprachlichen Problemen entstanden.

Es handelt sich im Wesentlichen um die Frage, ob etwa die Zeitgenossen HOMERs blau- und grünblind waren, weil von HOMER dieselben Worte für verschiedene Farben gebraucht werden.

MARTY zeigt nun nicht nur, wie man mehreres in Gedanken scheiden kann, ohne es sprachlich zu tun, wenn nämlich das Motiv zu einer genaueren Bezeichnung fehlt, sondern führt auch den Nachweis, daß die Farbempfindung allen früheren menschlichen Geschlechtern in keiner Weise jemals gefehlt hat (vielleicht den tierischen), und gibt eine Entwicklung des Farbensinns bei Menschen nur in dem Sinne zu, daß allmählich ein besseres Bemerken, Unterscheiden im Sinne eines Urteils auftritt.

4. Diese Schrift wurde von dem Physiologen MAGNUS in einer Besprechung des im Jahre 1884 erschienenen Werkes von HOCHEGGER angegriffen und zwar in einer derart hochfahrenden Weise, daß MARTY sich genötigt sah, eine längere und recht kräftige Erwiderung in den "Göttinger gelehrten Anzeigen" (Nr. 1 des Jahres 1886) erscheinen zu lassen.
    "Natürlich", sagt Marty, "ist ihm (Magnus) auch das nicht gelungen oder wird ihm jemals gelingen, durch sein ebenso unwürdiges und unwissenschaftliches Gebaren meine Achtung vor wirklichen Naturforschern im Geringsten zu mindern, denen ich mich in der Methode weit mehr verwandt fühle, als er es - denke ich - nach allem Obigen für sich beanspruchen darf".
Die Theorie MARTYs hatte vollen Erfolg.

WILHELM SCHERER urteilte in der "Deutschen Rundschau", 1879, Bd. 21 (jetzt "Kleine Schriften", 1893):
    "Wie die frühere Schrift desselben Verfassers über den Ursprung der Sprache, so zeichnet sich auch die vorliegende durch große Klarheit und Einfachheit der Untersuchung und Darstellung aus. Die Philosophie kann den Kredit, den sie in so erfreulicher Weise wieder gewonnen hat, nicht besser bewahren und erweitern als durch Arbeiten von so gesunder Methode wie die vorliegende."
Heute ist die von MARTY bekämpfte Theorie ganz verlassen.

5. Eine andere wichtige Arbeit MARTYs sind seine sieben Artikel "Über subjektlose Sätze" in der "Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie.

Zu diesen Studien wurde er angeregt durch MIKLOSICHs Untersuchung über subjektlose Sätze, die 1883 in zweiter Auflage erschienen und von FRANZ BRENTANO in der Neuen Freien Presse ausführlich besprochen worden war. Der erste Artikel erschien 1883, der letzte 1895.

Auch hier muß der äußere Anlaß, das Erscheinen des Buches von MIKLOSICH, von der tiefer liegenden Ursache unterschieden werden, nämlich vom Bestreben MARTYs, die Wichtigkeit von BRENTANOs idiogenetischer oder, wie MARTY sie lieber bezeichnet, "idiopathischen" Urteilslehre für die Psychologie und Logik einerseits und für das Verständnis der impersonalen Sätze andererseits in das rechte Licht zu rücken. BRENTANO hatte in seiner Psychologie gezeigt, daß nicht alle Urteile Subjekt und Prädikat haben, daß es neben und vor den synthetischen oder prädikativen Urteilen von der Form "A ist B" einfach bejahende oder thetische gibt von der Form "A ist", wobei das "ist" oder "ist nicht" lediglich als Zeichen der Bejahung oder Verneinung und nicht, wie bei jenen, als Zeichen der Zuerkennung oder Aberkennung fungiert. Der sprachliche Urteilsausdruck läßt aber diesen Unterschied von einfachen und Doppelurteilen nicht zutage treten, und selbst dort, wo es sich um einfach thetische Aussagen handelt, wie z. B. beim impersonalen Satz "es regnet", ist der Satz so gebaut, als ob von einem Subjekt irgendetwas prädiziert würde, in Wirklichkeit ist weder ein Subjekt noch ein Prädikat vorhanden: vom Regen selbst wird nichts prädiziert; es wird ihm nichts zuerkannt und nichts aberkannt; er wird anerkannt. Jenes Urteil, welches tatsächlich in einem echten Impersonale zum Ausdruck kommt, ist ein eingliedriges, z. B. die simple Anerkennung eines Vorgangs, nicht z. B. die Prädikation dieses Vorgangs von einem Träger desselben. Das "ist" im Existenzialsatz, obwohl sprachlich als Verbum behandelt, daß "es" der Impersonalia, obgleich einem Pronomen ähnlich, ist ein bloß mitbedeutendes Zeichen, kein Name. Eine sprachliche Form, die ursprünglich zum Ausdruck der prädikaticen Urteile gedient hat, ist auf die einfachen thetischen übertragen worden, und dieser Funktionswechsel ist sozusagen von einer Erinnerungsvorstellung an die frühere prädikative Funktion begleitet als "syntaktische innere Sprachform", die jedoch allzuhäufig dazu verführt, thetische Aussagen mit synthetischen zu verwechseln.

In der Logik richtet diese Verwechslung von syntaktischer innerer Sprachform und Bedeutung Verwüstungen an; man erklärt z. B. Sätze wie: "alle Dreiecke haben zur Winkelsumme 2 R" für allgemein bejahende, während nur ihre syntaktische innere Sprachform dieser Charakter trägt: in Wirklichkeit ist ihre Bedeutung die eines allgemeinen verneinenden Satzes. Dreiecke, die nicht zur Winkelsumme 2 R haben, werden verneint.

6. Bei der Würdigung von MARTYs Verdienst darf man nicht vergessen, daß wohl der Terminus "innere Sprachform" von HUMBOLDT stammt, daß es sich aber, wie SCHUCHARTD 1909 bemerkt, um einen viel umtritteneren Ausdruck handelt, und daß MARTY der erste war, der auf "die Notwendigkeit zwischen innerer Sprachform und wirklicher Bedeutung zu unterscheiden" (6) hingewiesen hat.

Noch SCHERER äußert sich recht unklar in seiner Poetik, und noch THUMB klagt, daß jeder etwas anderes darunter versteht. Es begreift sich daher, daß MARTY auch in allen seinen späteren Arbeiten bemüht ist, den Verwechslungen von Bedeutung und innerer Sprachform vorzubeugen und die Wichtigkeit dieser Scheidung ins rechte Licht zu setzen. (7) Obwohl es Schriftsteller gibt, die MARTYs Lehre übernommen haben, ohne ihn als ihren eigentlichen Urheber gebührend zu charakterisieren, wird die Wissenschaftsgeschichte zweifellos auch hier Gerechtigkeit walten lassen.

7. Im Jahr 1893 erschienen die Symbolae Pragenses als Festgabe der deutschen Gesellschaft für Altertumskunde in Prag zur 42. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Wien.

MARTY steuerte eine Abhandlung bei "Über das Verhältnis von Grammatik und Logik".

Es wird die Frage untersucht, ob und in welchem Sinn der Grammatiker auf die Logik Rücksicht zu nehmen hat. Manche wollen die Grammatik völlig von der Logik emanzipiert wissen. Diesen ist zuzugeben: Die Sprache ist nicht in dem Sinne logisch, daß sie etwa der notwendige und unmittelbare Ausfluß des Gedankens wäre. Auch von einem Parallelismus kann nicht gesprochen werden. Die Aussagen z. B. geben nur die sogenannte Materie und die Qualität des Urteils wieder, keinen seiner anderen Züge, z. B. nicht, ob es evident oder blind ist.

Ferner finden sich überall Äquivokationen und Synonymien und in verschiedenen Sprachen verschiedene Mittel und Methoden für den Ausdruck desselben Gedankens. Auch in dem Sinne trägt die Sprache keinen logischen Charakter, als sie nicht methodich und nicht nach einem vorbedachten Plan und System entstanden ist; daher weist eine jede Sprache Inkonsequenzen, Lücken, Dysteleologien auf.

Und selbstverständlich ist die Sprache auch in dem Sinne nicht logisch, als in ihr ebenso richtige wie logisch unrichtige Gedanken zum Ausdruck kommen. Allein eine Rücksicht der Grammatik auf die Logik ist dennoch geboten, und zwar auf die "Logik" im Sinne dessen, was den Logiker in besonderem Maße an der Psychologie interessiert. Es ist eine der höchsten Aufgaben des Sprachforschers zu untersuchen, wie weit die Sprachen ihren Zweck, Ausdruck und Zeichen der Gedanken zu sein, in zweckmäßiger Weise erfüllen, und zu diesem Zweck muß er auf jenen Teil der Logik Rücksicht nehmen, wo sie deskriptive Betrachtungen über Urteil und Begriff propädeutisch in sich aufnimmt. Statt von einer Rücksicht auf die Logik könnte man also von einer Rücksicht auf Teile der allgemeinen deskriptiven Psychologie sprechen.

Manche Sprachforscher freilich glaubten sich mit diesem "Logischen", d. h. mit dem Inhalt der Sprache oder mit der Bedeutung zu beschäftigen, und stattdessen beschäftigen sie sich mit der inneren Sprachform. MARTY zeigt dies von HUMBOLDT, GEIGER, NOIRÉ, MÜLLER, besonders auch in Bezug auf die syntaktische innere Sprachform. Diese Verwechslung muß vermieden werden, soll eine "logische" Betrachtung der Sprache möglich werden und gedeihen. Aber auch diejenige Betrachtung der Sprache, die man gerne die "psychologische" nennt - sie ist genauer gesprochen eine genetisch-psychologische - auch diese Betrachtung, das ist die Forschung nach dem eigentlichen Gang der Bedeutungsentwicklung in den verschiedenen Sprachen und Stämmen und nach einer universellen Lehre von einem Bedeutungsübergang, bedarf der Scheidung jener zwei Momente: Bedeutung und innere Sprachform; das Verständnis der jeweiligen aktuellen Funktion unserer Sprachmittel muß gegeben sein, ehe man die Erforschung ihrer Genesis mit Erfolg in Angriff nehmen kann.

Die Erörterung all dieser Fragen gibt MARTY Anlaß, implizit die wichtigsten Resultate seiner 20-jährigen Forschertätigkeit in aller Kürze und in fesselnder Form niederzulegen. Die Abhandlung gehört zum Besten, was er geschrieben hat. Jedem, der sich in möglichst kurzer Zeit ein Bild von MARTYs Arbeits- und Schreibweise und von den Hauptergebnissen seiner Forschung bis 1893 verschaffen will, wird die Abhandlung als vorzüglichstes Orientierungsmittel dienen.

8. Im "Archiv für systematische Philosophie", Bd. 3, veröffentlichte MARTY im Jahr 1897 die Abhandlung "Über die Scheidung von grammatischem, logischem und psychologischem Subjekt, bzw. Prädikat".

Von Subjekt und Prädikat im eigentlichen psychologischen Sinne kann - wie gesagt - nur gesprochen werden bei einem synthetischen oder Doppelurteil, dessen Teilgedanken eben das Subjekts- und Prädikatsurteil sind ("Dieser Mensch ist ein Soldat", wo in "dieser" bereits eine Anerkennung gegeben ist); man überträgt nun den Namen "Subjekt" und "Prädikat" auf den sprachlichen Ausdruck und redet in diesem Sinne von einem grammatischen Subjekt, bzw. Prädikat und nennt demgegenüber den entsprechenden Gedanken "logisches" oder "psychologisches" Subjekt, bzw. Prädikat. Der berechtigte Sinn der Scheidung zwischen logischem bzw. psychologischen Subjekt und Prädikat einerseits und grammatischem andererseits ist kein anderer als der zwischen einem GEdanken und seinem sprachlichen Ausdruck. Es kann daher wohl ein logisches Subjekt oder Prädikat geben, dem kein grammatisches zur Seite steht, aber nicht umgekehrt. Wo also Worte nur den Schein erwecken, als drückten sie ein Subjekt bzw. Prädikat aus, dort sollte man besser nicht von einem grammatischen, sondern von einem scheinbaren Subjekt reden. MARTY untersucht nun besonders diese Fälle eines scheinbaren Subjekts und Prädikates und zeigt:
    1. daß die sogenannten Frage-, Wunsch-, Befehlssätze gar nicht der Ausdruck von Urteilen sind, sondern von Gemütstätigkeiten (Wunsch und Wille), und daß daher von Subjekt und Prädikat hier nicht die Rede sein kann.

    2. Daß und warum die "Existenzialsätze" ("A ist"), die echten Impersonalien ("es gibt gelbe Blumen") und gewisse "kategoriale Sätze" ("kein Ton ist eine Farbe") den Schein erwecken, Subjekt und Prädikat zu haben. Ein echter Fall von Diskrepanz endlich ist

    3. jener, wo gewisse Bestandteile eines Satzes durch ihre Form und Syntaxe den Schein erwecken, Träger des Subjekts oder Prädikates zu sein, während das wirkliche ("logische") Subjekt oder Prädikat durch andere ausgedrückt wird (z. B. alle Bäume meines Gartens sind fruchtbar = es gibt ein meinem Garten Bäume, unter ihnen ist nicht ein unfruchtbarer).
Allgemein gesprochen ist in "Alle A sind B", mag es nun als Ausdruck eines Doppelurteils oder einer einfachen Verwerfung gefaßt werden, B nicht eigentlich Prädikat; es erweckt nur als innere Sprachform eine Hilfsvorstellung, von der man dann zur eigentlichen Bedeutung, welche "nicht B" ist, übergeht.

Die Erörterung dieses dritten Falles gibt Gelegenheit, die diesbezüglichen Lehren von ERDMANN, STEINTHAL einerseits, von LIPPS, WEGENER, von der GABELENTZ andererseits kritisch zu besprechen und den oft verkannten Unterschied zwischen prädikativer Vorstellungsverbindung (B seiendes A) und einer wirklichen Prädikation (A ist B) hervorzuheben und endlich auf eine allzugroße Weite und Lockerheit bei der Bestimmung der Begriffe Subjekt und Prädikat hinzuweisen. Gegen WEGENER wird geleugnet und widerlegt, daß das im Satz besonders Betonte stets das Prädikat, gegen GABELENTZ, daß das an der Spitze Stehende stets das Subjekt des ausgedrückten Gedankens ist.

9. Aus der Fülle der Arbeiten MARTYs habe ich die ausführliche, kritische Besprechung von WILLIAM JAMES, The Principles of Psychology in der "Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane" 1892 noch nicht erwähnt. Ich kann bei ihr, die für das Problem der Einheit des Bewußtseins sehr unterrichtend ist, ebensowenig wie bei der in der gleichen Zeitschrift 1905 erschienenen mustergültigen Widerlegung des Versuches MEINONGs, zwischen Vorstellung und Urteil eine neue Grundklasse, die "Annahmen", einzuschieben, verweilen (8).

Hervorheben möchte ich aber MARTYs sexual-paränetische [ermahnende - wp] Broschüre aus dem Jahr 1905, die auf Beschluß des Prager akademischen Senates herausgegeben und von diesem allen Studierenden zu ernster Beherzigung empfohlen wurde.

Auf der Grundlage von BRENTANOs Werttheorie (9) und unter Berufung auf die höchste ethische Forderung: das Beste des weitesten Kreises anzustreben, sucht MARTY hauptsächlich zu zeigen, daß die einzig gerechte Stellung der Frauen in der menschlichen Gesellschaft die der Gattin ist, und jeder außereheliche Geschlechtsverkehr diese Stellung schädigt, weshalb sich dessen zu enthalten als Pflicht der Ritterlichkeit gegen das schwächere Geschlecht erscheint.

10. Von gleich hohem ethischen Gehalt ist sein Rektoratsvortrag "Was ist Philosophie?" aus dem Jahr 1896. Er schließt mit einer in echt aristotelischem Sinn epideiktischen [moralischen - wp] Rede auf die Würde der Philosophie und den Wert der Freundschaft. Ihr eigentliches Thema aber ist die Begriffsbestimmung der Philosophie.

Über den Umfang dieses Begriffs herrscht im Allgemeinen Einigkeit; man zählt zu den philosophischen Disziplinen: von theoretischen Wissenschaften die Metaphysik (und Erkenntnistheorie), von praktischen die Ethik, Rechtsphilosophie und Politik (samt Soziologie und Philosophie der Geschichte), ferner die Logik und die Ästhetik und schließlich von historischen Disziplinen die Geschichte der Philosophie.

Dagegen gewahrt man, sowie man nach dem Inhalt dieses Begriffes frägt, eine erstaunliche Unstimmigkeit. MARTY führt aus, daß sich von einem heuristisch-praktischen Standpunkt aus eine befriedigende Antwort finden läßt, indem er als das einigende Band das Prinzip der Teilung der wissenschaftlichen Arbeit aufweist; bei allen philosophischen Disziplinen handelt es sich um solche Probleme, deren ersprießliche Bearbeitung in erster Linie eine psychologische Schulung und psychologisches Wissen erfordert, so daß jene so verschiedenen Forschungszweige am vorteilhaftesten in der Hand eines mit der Psychologie und ihrer Methode vertrauten Forschers und Lehrers vereinigt werden. Und so will er die Philosophie aufgefaßt wissen als jenes Wissensgebiet, welches die Psychologie und alle mit der psychischen Forschung nach dem Prinzip der Arbeitsteilung innigst zu verbindenden Disziplinen umfaßt.

Die Rücksicht auf die Vorteile der Arbeitsteilung also war es, die nach MARTYs Ansicht, wenn auch nicht aufgrund klarer Reflexion, dazu geführt hat, daß man seit alter Zeit diejenigen Wissenszweige, die heute noch philosophisch heißen, zum Bereich der Philosophie zusammengerechnet hat. Es gelingt dann auch leicht zu zeigen, daß nicht bloße die Logik, welche die Normen für das richtige Urteilen aufstellen und eine Anleitung zu ihm geben will, ferner die Ethik, welche ebenso zur richtigen Gemütstätigkeit, und die Ästhetik, welche zum schönen Vorstellen und dessen Ausdruck anzuleiten hat, naturgemäß in der Psychologie, welche die deskriptiven und genetischen Gesetze jener fundamentalen Klassen psychischer Funktionen erforscht, ihre gemeinsame Nährquelle haben, sondern daß diese philosophische Disziplin eine solche Fundgrube, wenn auch durchaus nicht die einzige, selbst für die Lösung metaphysischer Fragen ist. (10)

Will man eine solche Begriffsbestimmung, derzufolge die Psychologie die "zentrale philosophische Disziplin" ist, psychologistisch heißen, so mag man es immerhin tun. Einen Vorwurf vermag ich darin nicht zu erblicken. Ihres Charakters als Wissenschaft von den Prinzipien werden die philosophischen Fächer durch MARTY nicht beraubt, da sie nach ihm dort, wo sie Wissenschaften ein einem aristotelischen Sinn sind, auf das Allgemeine und Gesetzmäßige abzielen. (11)

III. 11. MARTYs Hauptwerk sind die "Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie"; es ist FRANZ BRENTANO, dem Lehrer und Freund, zum 70. Geburtstag (16. Januar 1908) gewidmet. Erschienen ist bloß der erste Band. Er umfaßt 764 Seiten.

Das erste Stück gibt u. a. die Begriffsbestimmung der Sprachphilosophie.

Unter Sprachphilosophie versteht MARTY alle auf das Allgemeine und Gesetzmäßige gerichteten sprachlichen Untersuchungen und Fragen, bei denen die Hauptschwierigkeit und der vornehmste Anteil bei der Antwortfindung auf psychologischem Gebiet liegt und es also nach den Grundsätzen praktischer Teilung der Arbeit geboten erscheint, daß sie vornehmlich die Psychologie in Angriff nimmt.

Hierauf gibt MARTY eine Übersicht über die Gliederung der sprachphilosophischen Untersuchungen in einen theoretischen und in einen praktischen Teil.

Der praktische Teil (Glossonomie) sollte nach MARTYs Plan zerfallen in
    1. einen sprachästhetischen;

    2. in eine Lehre von der szientifischen Sprachgestaltung, insbesondere von der wissenschaftlichen Idealsprache;

    3. in einen Teil, welcher die Forderungen bespricht, welche der Ethiker und philosophische Politiker an die Sprache stellt und

    4. in die Lehre von der gemeinsprachlichen Vollkommenheit einer Welt oder internationalen Verkehrssprache.
Ein diesbezügliches Kapitel ist als Zusatz zu den Untersuchung Seite 751 und in der deutschen Arbeit VIII. Jahrgang, Heft 1 abgedruckt.

Der theoretische Teil zerfällt in einen deskriptiven und in einen genetischen.

Die genetischen Probleme der Sprachentwicklung und besonders des Bedeutungswandels (12) werden in einem 200 Seiten starken Anhang in scharfer Polemik gegen WUNDTs neuerliche Opposition behandelt und die "teleologische Sprachbetrachtung" abschließend gerechtfertigt.

Den vornehmsten Gegenstand des Werkes bilden jedoch die Grundprobleme einer allgemeinen deskriptiven Semasiologie oder Bedeutungslehre, die man auch "philosophische Grammatik" nennen könnte. Ihr ist das zweite Hauptstück gewidmet. Den wichtigsten Platz nimmt die Unterscheidung von Stoff und Form in semantischer Beziehung ein.

Auf zirka 100 Seiten werden die verschiedenen Bedeutungen der Ausdrücke Stoff und Form dargestellt und untersucht, und insbesondere die Äquivokationen auf sprachlichem Gebiet.

Von diesen Unterscheidungen hebe ich nur folgende hervor: häufig nennt man die gesamte Bedeutung eines Ausdrucks den Stoff und das sprachliche Ausdrucksmittel die Form.

Hierbei ist dann dreierlei auseinanderzuhalten:
    1) Die äußere Sprachform, das sind diejenigen Züge des Ausdrucksmittels, welche (bei Blick auf die gegenwärtige Beschaffenheit desselben) äußerlich oder sinnlich wahrnehmbar sind; z. B. wenn dieselbe Bedeutung das eine Mal durch Laute, das andere Mal durch Gebärden, ein drittes Mal durch Schriftzeichen ausgedrückt wird, oder wenn hominis im Deutschen "des Menschen", im Englischen "of the man" heißt.

    2) Die innere Sprachform.
MARTY nennt hier ganz allgemein so diejenigen Besonderheiten eines Ausdrucksmittels, welche nur innerlich erfahren werden können, d. h. in die innere Erfahrung fallen.

Es gibt eine figürliche innere Sprachform, von der wir schon gehandelt haben, und eine konstruktive innere Sprachform. Mit ihr hat es folgende Bewandtnis: Wir sprechen in Sätzen, deren Verständnis sukzessive [aufeinanderfolgend - wp] entsteht, obwohl es doch simultan vorhanden sein muß; dadurch werden vorläufige Erwartungen geweckt, die das Verständnis ebenfalls vermitteln und vorbereiten sollen.

Diese Vermittlung kann in verschiedenen Sprachen sehr verschieden und mehr oder weniger glücklich sein; ein klarer Stil erfordert, daß Bedeutungen, welche direkt zusammenhängen, auch sprachlich verbunden erscheinen; wo z. B. alles auf das letzte Wort gebaut ist, ist der Stil kein glücklicher.

12. Nicht selten stellt man aber nicht Ausdrucksmittel und Bedeutung als Form und Stoff einander gegenüber, sondern man unterscheidet auf dem Gebiet des sprachlich zu formenden Stoffes - also auf den Gebiet der Bedeutung selbst - noch einmal Form und Stoff. Wenn man z. B. den Stamm des Wortes das Materiale nennt und die Endung formal, dann hat man Unterschiede der Bedeutung im Auge.

Dieser Unterscheidung von Form und Stoff auf dem Gebiet der Bedeutung selbst liegt nach MARTY als richtiger Kern der Umstand zugrunde, daß es in jeder Sprache teils solche Bezeichnungsmittel gibt, welche schon allein genommen der Ausdruck eines für sich mitteilbaren Phänomens sind - selbstbedeutend Ausdrücke -, teils solche von denen dies nicht gilt - mitbedeutende oder synsemantische Ausdrücke.

Diese Lehre von den Synsemantien oder den mitbedeutenden Ausdrücken (MARTY setzt diesen Terminus anstelle des älteren und engeren der synkategorematischen Zeichen) hängt mit der Lehre von der Syntaxe auf das innigste zusammen. Unter Syntaxe ist nämlich nicht nur die Lehre vom Satz und der Satzbildung zu verstehen, sondern der Umstand, daß in der Sprache Kombinationen von Zeichen gebildet werden und wurden, die als Ganzes eine Funktion haben, welche den einzelnen Elementen für sich nicht zukommt.

Von den Synsemantien und ihrer, am Schluß des ersten Bandes erläuterten Scheidung in logisch begründete und nicht begründete wird erst der zweite Band näher zu handeln haben.

13. Als Vorarbeit zu diesem zweiten Band hat MARTY ein Buch erscheinen lassen, das den Titel führt "Zur Sprachphilosophie. Die logische, lokalistische und andere Kasustheorien", Halle/Saale 1910, 135 Seiten.

Aus den Ergebnissen dieser erstaunlich scharfsinnigen Untersuchung sei hier nur so viel hervorgehoben, daß wir nach MARTY in den casus obliqi in mannigfacher Weise und schließlich so weit entfremdet, daß die Vorstellung einer Korrelation oder relativen Bestimmung zu einem bloßen Bild der figürlichen inneren Sprachform herabsinkt (vgl. "er ist ein Kind dieser Eltern" und "er ist ein Kind des Todes").

Im Übrigen sei auf den schon erwähnten Kongreßberich verwiesen, der den Inhalt des Buches kurz zusammenfaßt; HERMANN PAUL, nennt in der "Zeitschrift für Psychologie etc.", Bd. 60 die Ausführungen MARTYs - die sich polemisch hauptsächlich gegen WUNDT richten - schlagend und zeigt, daß auch die sprachgeschichtliche Betrachtung zu keinem anderen Ergebnis als zur gänzlichen Ablehnung der Aufstellungen WUNDTs führt. (13)

14. Den Mittelpunkt der Untersuchungen des ersten Bandes bilden etwa folgende Probleme: Erstens, was die Namen nennen und was sie bedeuten. Die Antwort lautet kurz gefaßt: Ein Name, wie z. B. Mensch, bezeichnet oder nennt den Gegenstand "Mensch" und bedeutet die Vorstellung eines Menschen; diese Vorstellung wollen wir, indem wir den Namen aussprechen, erwecken; der Name ist ein Vorstellungssuggestiv.

Das, was durch unser Sprechen und Nennen vermittelt wird, sind nicht Anschauungen, die bei verschiedenen psychischen Individuen ins Unendliche variieren können, sondern nur solche Vorstellungen, von denen dies nicht gilt, und in diesem Sinn begriffliche Gedanken.

Diese Bedeutung zu erwecken ist unsere primäre Intention; die Weise der Bezeichnung ist hierbei eine mittelbare. Denn unmittelbar geben wir die psychische Tatsache kund, daß wir den Begriff eines Menschen vorstellen; diese Kundgabe ist aber nicht primäre, sondern sekundäre Intention des Sprechenden. Und so gilt von jedem autosemantischen Sprachmittel, daß seine Bedeutung eine vermittelte Weise des Zeichenseins ist, daß es aber unmittelbar Zeichen ist für ein Bewußtsein, das es kundgibt, sei es ein Vorstellen, sei es ein Urteilen, sei es eine Gemütstätigkeit.

MARTY untersuchen neben der Bedeutung der Namen die Bedeutung der Aussagen und die Bedeutung der ein Interesse beanspruchenden Äußerungen oder der Emotive.

Wie die Namen als Vorstellungssuggestive, charakterisiert MARTY die Aussagen als Urteilssuggestive.

In einem weiteren Sinn bedeuten die Aussagen in der Regel, daß der Hörende ein nach Materie und Qualität gleiches Urteil fällen soll wie das, welches durch die Aussage als im Sprechenden stattfindend ausgedrückt wird.

In einem engeren Sinn bedeuten die Aussagen auch das, was oft der Inhalt des durch sie zu erweckenden Urteils genannt wird, z. B. daß A ist oder nicht ist; A dieses oder jenes ist usw.; wie für "A ist" das Sein von A, so ist für "A ist B" das B-sein von A als Inhalt zu bezeichnen.

Es wird somit hier der Begriff des Urteilsinhaltes herangezogen, vor Verwechslungen und Mißdeutungen zu schützen gesucht, daher erläutert und gerechtfertigt; er ist die Bedingung für die Richtigkeit eines Urteils, das was die Richtigkeit unseres Urteilens objektiv begründet. Der Inhalt ist also von der Existenz eines Urteilenden unabhängig.

Er ist das, was sein muß, damit das Urteil richtig ist; man könnte ihn auch treffend "Sachverhalt" nennen. Da es aber auch bei unrichtigen Urteilen üblich ist von ihrem "Inhalt" zu reden, obwohl ihnen ein Inhalt nur als relative Bestimmung, d. h. hypothetisch zukommt, so ist es praktisch, diesen Ausdruck beizubehalten.

Die hier anschließenden Untersuchungen wollen das Verhältnis der Begriffe Notwendigkeit und Unmöglichkeit zum Begriff des Urteilsinhaltes klar stellen, ebenso jenes von Evidenz und Apriorität, von Existierend und Real und anderes mehr, worauf MARTY später im zweiten Band, unter teilweise veränderter Stellungnahme zurückkommt.

Namentlich der Unterschied der Begriffe Existierendes und Reales wird eingehend dargelegt: teils werden unhaltbare Distinktionen [Unterscheidungen - wp] anderer abgewehrt (BOLZANO, MEINONG), teils das Berechtigte an dieser Scheidung gegen die Opposition BRENTANOs verteidigt.

Bei der Abhandlung der Bedeutung der Interesse beanspruchenden Äußerungen, der "Emotive" (Ausruf, Frage, Wunsch, Befehlssätze) wird gezeigt und gegen HUSSERL gerechtfertigt, daß wir es hier mit einer von den Aussagen fundamental verschiedenen Klasse von Äußerungen zu tun haben.

Von einem Inhalt kann man daher hier nur in einem analogen Sinn sprechen wie bei Urteil und Aussage.

15. Wie aus diesen Andeutungen zu ersehen ist, scheidet MARTY die Grundklassen der autosemantischen Sprachmittel und ihrer Funktion oder Bedeutung aufgrund einer Klassifikation der psychischen Phänomene, welche BRENTANOs Dreiteilung (Vorstellen, Urteilen, Interesse) festhält. Zugleich verteidig er sie gegen versuchte Modifikationen (z. B. gegen die Verschmelzung von Urteil und Interesse und gegen die Statuierung einer besonderen Klasse von "Annahmen"). Und dies gibt Gelegenheit, auf das Wesen des Bewußtseins einzugehen und eigene frühere Anschauungen zu berichtigen.

Seit altersher hat man versucht, sich vom Wesen des Bewußtseins in der Weise Rechenschaft zu geben, daß man sagte, wenn wir etwas denken, ist das Gedachte in irgendeiner Weise in unserem Geist; das ist die Lehre von der sogenannten mentalen Inexistenz des Objekts, wonach neben dem wirklichen Gegenstand, wenn wir ihn denken, sein Bild als Doppelgänger in unserer Seele existiert.

Der ontologische Beweisversuch wäre ohne diese Auffassung nicht möglich gewesen; KANTs Lehre, daß die Gegenstände unsere Phänomene sind und sich eben darum nach unseren Urteilen richten können, hat ebenfalls diese Lehre zur Voraussetzung. Da ist es nun von hächster klärender Kraft einzusehen, daß die Annahme eines immanenten Gegenstandes unhaltbar ist, daß das Reden von einem Innewohnen des Gedachten eine bloße bildliche Ausdrucksweise ist, die die Tatsache des Denkens in sehr unvollkommener Weise beschreibt, ja nichts anderes ist als eine Fiktion der Sprache.

Die Alten haben jene noch von KANT festgehaltene Lehre begründet, die das richtige Denken als eine adaequatio rei et intellectus [Übereinstimmung von Geist und Realität - wp] auffaßt; da jedoch beim negativen Urteil, wenn es richtig ist, die res nicht existiert, so ist, wie BRENTANO bemerkt hat, diese Ausdrucksweise unpassend.

BRENTANO verwirft nun in der jüngsten Phase seines Denkens, etwa seit 1904, die Auffassung des Bewußtseins als Adäquationsprozeß vollständig; nach MARTY jedoch ist es erlaubt, ja geboten, wenn auch nicht von einer adaequatio rei et intellectus, doch von einer adaequatio cogitati et cogitans dann zu sprechen, wenn das Urteilen bzw. Werten richtig ist.

"Das Urteil ist richtig" heißt nichts anderes, als daß es sich nach dem Sachverhalt richtet, dem Sein oder Nichtsein eines Objekts mit anderen Worten konform ist, ihm in eigentümlicher - nur im evidenten Urteil zu erfassender Weise - adäquat ist. Die adaequatio cogitantis et cogitatio besteht hier im Sinne einer wirklichen Korrelation.
    "Fehlt dagegen für dasselbe der ihm konforme Inhalt in Wirklichkeit, d. h. ist es nicht richtig, also falsch, und sagt man - wie es allerdings allgemein üblich ist - gleichwohl, es es habe einen Inhalt und die es äußernde Aussage habe eine Bedeutung, so hat dies eine Berechtigung nur mit Rücksicht darauf, daß ihm die Harmonie oder Konformität mit einem eventuellen Inhalt im Sinne einer relativen Bestimmung zukommt."
Analoges gilt mutatis mutandis [unter gleichen Voraussetzungen - wp] vom richtigen Werten und dem Erfassen dieser Richtigkeit (14).

Diese neue Adäquationslehre ist nicht verständlich ohne die Relationslehre MARTYs, an die wir bereits gerührt haben. Er unterscheidet nämlich zwischen bedingenden und bedingten (begründenden und begründeten) Relationen und legt dar, daß jede begründete, z. B. Verschiedenheits- oder räumliche Relation eine Begründungsrelation voraussetzt, die zwischen mindestens zwei Fundamenten einerseits und jener Relation selbst andererseits besteht; (woraus sich wiederum ergibt, daß nicht jede Relation - eben nicht die Begründungsrelation - Fundamente, wohl aber jede mindestens zwei Termini oder Träger haben muß, zwischen denen sie obwaltet).

Von großer Wichtigkeit ist hierbei die weitere Scheidung von Relationen und relativen Bestimmungen. Letztere sind nichts anderes als hypothetische Prädikate, die von einem Objekt aussagen, daß, wenn noch ein anderes besteht, zwischen beiden eine Relation begründet ist.

Sagt man: "dieser Jüngling ähnelt diesem seinem Vater", so hat man eine Relation festgestellt; heißt es aber: "er ähnelt Apollo", so nur eine relative Bestimmung, da das zweite Fundament ja nicht existiert und nicht existiert hat, die Relation also nur hypothetisch mit Recht behauptet werden kann.

MARTY charakterisiert nun das Bewußtsein in der Weise, daß er sagt, es sei, je nachdem es sich um ein Vorstellen oder um ein Urteilen oder um eine Gemütstätigkeit handelt, ein realer nulldimensionaler Vorgang, an den sich eine wirkliche oder mögliche (hypothetische) Adäquation knüpft, und zwar entweder mit dem Was eines Objekts - so das Vorstellen, oder mit dem Sein oder Nichtsein (dem Sachverhalt) - so das Urteilen, oder mit dem Wert oder Unwert (dem Wertverhalt) - so die Gemütstätigkeiten: das Fühlen und Wollen.

Existiert das vorgestellte Objekt nicht in Wirklichkeit, und wird das Objekt gleichwohl anerkannt, ist also das darauf bezügliche bejahende Urteil unrichtig, so kommt sowohl dem Vorstellen, als auch dem Urteil die ihm eigentümliche Korrelation oder Konfirmation mit dem Objekt bzw. Sachverhalt nicht wirklich, sondern nur hypothetisch zu: wenn das Objekt existieren würde, dann wäre eine wirkliche Korrelation zwischen dem des vorstellenden und beurteilenden Verhalten und dem Objekt bzw. Sachverhalt gegeben. In diesem Sinne ist jedes Bewußtsein primär eine wirkliche oder mögliche Konfirmation oder Adäquation mit irgendetwas anderem (sekundär auch mit sich selbst im sogenannten inneren oder sekundären Bewußtsein).

Es gehört also zum Wesen jeder Bewußtseinstätigkeit, ein realer Vorgang zu sein, der zur irrealen Folge hat, daß dadurch das psychisch Tätige primär etwas anderem als es selbst ist, wirklich oder hypothetisch ideell konform wird.

In den Fällen des evidenten Urteilens wird diese Konformität unmittelbar und sicher erfaßt.

Diese Lehre von der mentalen Verähnlichung tritt an die Stelle der Lehre von der mentalen Inexistenz des Objekts, die eine unzulängliche, mit fiktiven Elementen arbeitende Beschreibung des wahren Sachverhalts ist. Weder von einem immanenten Objekt, noch von einem immanenten Urteils- oder Interesseninhalt sollte künftig mehr die Rede sein.

In diesem Nachweis vom fiktiven Charakter des sogenannten immanenten Objekts (15) findet MARTYs Lehre von der inneren Sprachform wohl ihre bedeutsamste Bewährung. Spricht man von einem Abbild der Wirklichkeit in unserer Seele, so ist das selbst nur ein Bild der inneren Sprachform.

16. MARTYs Untersuchungen wurden von der philosophischen und sprachwissenschaftlichen Kritik als hervorragende Leistung begrüßt. Insbesondere der kritische Scharfsinn und der Reichtum der behandelten Fragen wird rühmend hervorgehoben. JABERG z. B. nennt es ein bedeutendes, von ungewöhnlichem Scharfsinn zeugendes Werk, in dem die Frucht jahrelanger, ins Wesen der Dinge eindringender Gedankenarbeit niedergelegt ist. (16)

Die Einflechtung spezifisch philosophischer Fragen wird von manchen Sprachforschern bemängelt. Mit Unrecht; kaum irgendwo weniger als in der Sprachphilosophie, die es mit dem Ausdruck des Seelischen zu tun hat, sind psychologische und logische Untersuchungen zu umgehen.

Und wo nahezu jeder einzelne Punkt der Grundlagen bestritten ist, lassen sich auch zahlreiche polemische Ausführungen nicht vermeiden. Auch diese hat man ihm zum Vorwurf gemacht. Es ist vielleicht zuzugeben, daß die Polemik aus dem Hauptwerk hätte ausgeschieden und in Monographien verwiesen werden sollen, die wie früher in Zeitschriften zu veröffentliche gewesen wäre. Nun wohl! den Kampf gegen WUNDT, den MARTY während seiner wissenschaftlichen Lebensarbeit unablässig geführt hat, hat er den "Untersuchungen" angehängt; dennoch wird bemängelt, daß diese Polemik zu ausführlich ist: "Was nützen ein Dutzend Hammerschläge, wenn der Nagel nach dem ersten festsitzt?" fragt JABERG in seiner gründlichen Rezension von MARTYs Werk im "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen" (Bd. 23).

Allein wie schwer es ist, die Irrtümer WUNDTs so einzusargen, daß sie nicht mehr auferstehen können, zeigt eben dieser Referent in den folgenden Zeilen:
    "Wundt", sagt Jaberg, "hat gewiß unüberlegt behauptet, daß der reguläre Bedeutungswandel die Geschichte eines Begriffs ist: er ist Wortgeschichte nur insofern, als der Begriff durch ein Wort ausgedrückt werden muß. Er hat dabei aber offenbar bloß an sein typisches Beispiel pecunia, Viehherde = Geld gedacht, wo man in der Tat in einem gewissen Sinn von einer Begriffsentwicklung sprechen kann, wenn der Begriff des Tauschmittels sich wirklich aus dem Begriff des Viehs, das zu diesem Zweck verwendet wird, entwickelt hat."
Allein dieses Zugeständnis JABERGs an WUNDT zeigt, daß MARTY immer noch zu wenig gesagt hat, denn aus dem Begriff "Vieh" kann sich in keinem Sinn der Begriff des "Tauschmittels" entwickeln; hält man sich aber an den Begriff "Vieh, welches zu diesem Zweck, d. h. zum Tauschzweck verwendet wird", so haben wir bereits die attributive Begriffssynthese: "Vieh, das als Tauschmittel dient" vor uns, und von einer Entwicklung des einen Bestandteils der Synthese aus dem anderen kann wiederum nicht die Rede sein. - Als überflüssig dagegen könnte man die abermalige Beschäftigung mit MEINONGs Annahmenlehre bezeichnen, die MARTY schon in seinem Aufsatz "Über Annahmen" genügend beleuchtet hatte und "an die", wie JABERG bemerkt, "außer Meinong selber niemand zu glauben scheint". Auch bei manch anderen Seltsamkeiten MEINONGs, wie bei seinen Theorien vom Sosein ohne Sein, vom runden Viereck, "das so gewiß rund wie es viereckig ist", verweilt MARTY vielleicht länger als nötig.

Wenn andererseits JABERG bezweifelt, daß es notwendig ist den Begriff des immanenten Gegenstandes auf 46 Seiten zu diskutieren, so ist dem Sprachforscher gewiß nicht zu verdenken, wenn er die in ihrer eigenen konsekutiven [zeitlich folgend - wp] Bedeutung kaum zu überschätzende philosophische Neuerung nicht ganz zu würdigen vermag.

MARTY strebte nach der Erkenntnis philosophischer Tatsachen und Gesetze. Er wollte an der Philosophie als Wissenschaft mitbauen, das methodisch richtige Suchen und Forschen nach der philosophischen Wahrheit füllte sein Leben aus, und diese Wahrheit konnte ihm nur eine sein. Ihrer Erkenntnis stand nur Unwissenheit, Irrtum oder mangelhafte Erkenntnis gegenüber. Diese mußte er bekämpfen, wollte er der ersten zu ihrem Sieg verhelfen; und er kämpfte und stritt tapfer sein ganzes Leben hindurch, obgleich dies seinem von Natur aus friedfertigen und liebenswürdigen Wesen gar nicht gemäß war. Dieser Gesinnung gibt er selbst noch Ausdruck im Vorwort zu seinem "Untersuchungen". Dort heißt es auf Seite 8:
    "In manchen Abschnitten dieses Buches sehe ich mich zu einer ausführlichen Polemik gezwungen. Ich glaubte mich im Interesse der Sache nicht damit begnügen zu dürfen, die eigene Lehre positiv zu begründen; denn, obwohl gewiß über kurz oder lang das sicher Begründete sich von selber Bahn brechen wird gegenüber dem weniger wohl Fundierten, scheint mir die Geschichte der Philosophie zu zeigen, daß das "vincit veritas" [Die Wahrheit wird siegen! - wp] auf diesem Gebiet vermöge der besonderen Schwierigkeit der Unternehmungen und der Zerfahrenheit der Arbeitsweise länger als billig auf sich warten lassen kann, wenn die entgegenstehenden Irrtümer nicht ausdrücklich widerlegt und die Schwäche der für sie vorgebrachten Argumente eingehend aufgewiesen wird."
Und Seite 13:
    "Immer aber glaube ich die Kontroverse so geführt zu haben, daß der objektiv Urteilende den Eindruck gewinnen wird, sie sei mir durchaus nicht Selbstzweck, und es wäre mir auch lieber, wenn der Stand der heutigen Forschung es erlauben würde, der Polemik weit mehr aus dem Weg zu gehen."
So entschieden MARTYs Polemik jederzeit das als wahr Erkannte vertrat und niemals für sachliche Konzessionen zu haben war, wenn diese dem Erkannten widersprachen, ebenso blieb sie ausnahmslos mild und mäßig in der Form, selbst dann, wenn sich die Gegner ganz anderer Mittel bedient hatten.

Zuzugeben ist, daß in dem Werk zahlreiche Untersuchungen enthalten sind, die für den Sprachforscher nur dann von Interesse sein können, wenn er zugleich Sprachphilosoph ist, während der Psychologe und Erkenntnistheoretiker, sofern ihm sprachphilosophische Studien ferner liegen, nicht vermutet, die höchsten Probleme seiner Wissenschaft in dem Buch abgehandelt zu finden.

Es wird eine dankbare Aufgabe der Zukunft sein, den rein philosophischen Gehalt aus MARTYs Werk herauszuheben. Für die deskriptive Psychologie wird da die soeben erwähnte Kritik der Lehre von der mentalen Inexistenz des Objekts und vor allem deren Ersatz durch die Lehre von der "wirklichen oder möglichen (= hypothetischen) Adäquation mit einem Objekt" in Betracht kommen. Denn sowohl ist, was er zur Widerlegung der alten Auffassung beiträgt, reich an neuen Gedanken, als insbesondere auch, was er an ihre Stelle setzt, ihm durchaus eigentümlich.

Eine bedeutsame Weiterbildung erhält die Lehre von der Entstehung der menschlichen Begriffe , die er auf Genesis durch Imperzeption (z. B. Farbiges, Tönendes, Urteilendes, Liebendes), durch Komperzeption (so z. B. die Relationsbegriffe: Gleiches, Verschiedenes, Größeres, Kleineres) und Reflexion (wie die Begriffe von Urteils- und Interesseinhalten, von Sein und Wert usw.) zurückführt.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert sein Bemühen, gegen BRENTANO darzulegen, daß nicht alle unsere Begriffe von Realem (Substanzen und Akzidentien) sind, und daß un in welchem Maß den entia rationis [Gedankendinge - wp] und dem Nichtrealen überhaupt - das BRENTANO nur als Fiktion gelten läßt - wahre Existenz zukommt.

So erhält die Lehre von den Vorstellungen, vom Urteil, von den Gemütstätigkeiten, kurz: die ganze deskriptive Psychologie, durch MARTYs Werk die interessantesten Bereicherungen; und von hier ausstrahlend, fällt Licht auf die wichtigsten Probleme der Erkenntnistheorie und Metaphysik, sowie auf Fragen der Ethik, Ästhetik und besonders der Logik. Daß für die genetische Psychologie ebenfalls mancher fruchtbare Gedanke abfällt, ist bei der großen Akribie, die MARTY den sprachgenetischen Fragen zuwendet, selbstverständlich.

17. Über Aufforderungen der Redaktion der Kant-Studien hat MARTY im Bd. 13 (1908) eine kurze Selbstanzeige geschrieben, die sein Verhältnis zu KANT, soweit es in den "Untersuchungen" zutage tritt, berücksichtigt.

Er erinnert daran, wie viele Philosophen und so auch KANT sich in gewissem Maße von der Sprache haben leiten und irreleiten lassen, und wie andererseits die Sprachforscher nach den kantischen Kategorien griffen, um sie für ihre Zwecke auszubeuten. Was ihn selbst anlangt, so kann er jene Klassifikation der Urteile, die KANT zur Grundlage für die Deduktion der Kategorien macht, nicht durchaus der Natur der Dinge entsprechend ansehen, indem er gar manche Einteilungsglieder derselben nicht für elementare Modi der Urteilsfunktion hält, wie sich dies in den Ausführungen des zweiten Bandes näher zeigen wird, wo im Einzelnen vom sprachlichen Ausdruck des Urteils, des Interesses und des Vorstellens die Rede sein wird.

Er geht dann daran, einige Divergenzen zu besprechen; so die anders geartete Einteilung der psychischen Tätigkeiten, die Lehre von den sogenannten Formen des äußeren und des inneren Sinnes, womit KANT etwas wie subjektive Vorstellungsmodi einführt (17), die Auffassung des Denkens selbst als bloße Erscheinung und anderes mehr.

LITERATUR: Anton Marty, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Halle a. d. Saale, 1916
    Anmerkungen
    1) Die ersten absichtlichen Sprachäußerungen hatten ein Interesse zur Basis. Erst später kam es zu primitiven Aussagen.
    2) In der Folge wurde sie auch benutzt, um die Schönheit unseres Vorstellungslebens und das ästhetische Vergnügen daran zu erhöhen.
    3) Die Bonner Dissertation (1913) "Darstellung und Würdigung des sprachphilosophischen Gegensatzes zwischen paul1.htmlPaul, Wundt und Marty" von OTTO BROENS hat diese Gedanken MARTYs mißverstanden und daher Seite 50 entstellt wiedergegeben.
    4) Die erwähnte Dissertation verlegt diese späteren Zugeständnisse in die früheren Schriften WUNDTs, um dann die Angriffe MARTYs, auf die sie zurückzuführen sind, als nichtig darstellen zu können. In meiner Erstlingsschrift "Das Bedürfnis", Leipzig 1894, habe ich schon darauf hingewiesen, daß es die Meinung mancher Schriftsteller zu sein scheint, es sei die Opposition gegen den Nativismus eines STEINTHAL und LAZARUS von WUNDT ausgegangen, während in Wahrheit WUNDT in der ersten Auflage seiner "Physiologischen Psychologie" 1874 nicht den geringsten Widerstand erkennen läßt. Auf Seite 853 und 854 wird die Sprache ausdrücklich als Reflex des Apperzeptionsorgans, bzw. Apperzeptionsvorgangs bezeichnet. Ein Jahr nach dem Erscheinen von WUNDTs Werk veröffentliche MARTY seinen "Ursprung der Sprache". Seitdem hat WUNDT zuerst in einer Besprechung von KUSSMAULs Buch "Störungen der Sprache" (1878), dann in der zweiten Auflage seiner "Physiologischen Psychologie (1880), insbesondere auch in den "Essays" (1885) Modifikationen seiner Ansicht vorgenommen, die sich von der durchsichtigen Klarheit und scharfen Präzisierung von MARTYs Theorie nicht gerade vorteilhaft unterscheiden. MARTY mußte daher auch fernerhin den Ausführungen WUNDTs entgegentreten. Die Bezugnahme WUNDTs auf MARTYs Werk (Seite 439 der zweiten Auflage der "Physiologischen Psychologie") dürfte schließlich genugsam beweisen, daß WUNDT, sofern er überhaupt STEINTHAL und LAZARUS widerspricht, durch MARTYs "Ursprung der Sprache" hierzu veranlaßt worden ist.
    5) vgl. OSKAR KRAUS, Die leitenden Grundsätze der Gesetzesinterpretation, in der "Zeitschrift für das private und öffentliche Recht, Bd. 32, Seite 2f.
    6) F. SCHRÖDER in "Zeitschrift für den deutschen Unterricht", Jhg. X, Seite 713.
    7) Er unterläßt aber nicht zu betonen, die Notwendigkeit dieser begrifflichen Scheidung hindere nicht, daß mitunter die Frage, ob eine Vorstellung zur Bedeutung oder inneren Sprachform gehört, nicht scharf entschieden werden kann. (Über das Verhältnis von Grammatik und Logik, Seite 117 der Symbolae Pragenses.)
    8) Ohne sich an einem Kongress persönlich betreiligt zu haben, hat MARTY meines Wissens an drei Kongresse Vortragsskizzen abgesandt, die sich in den betreffenden Berichten abgedruckt finden und zwar: 1896 Mitteilung an den Dritten Internationalen Kongreß für Psychologie in München ein Skizze über "Sprache und Abstraktion"; 1901 an den Vierten internationalen Kongreß in Paris eine Skizze "Über die Ähnlichkeit" und 1911 an den Vierten Kongreß für experimentelle Psychologie in Innsbruck eine Abhandlung "Über die Funktion der Kasus". Der Inhalt dieser Mitteilungen ist in verschiedenen Publikationen verarbeitet.
    9) FRANZ BRENTANO, Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, Wien 1886. Der englischen Übersetzung diese epochemachenden Abhandlung (The Origin of the Knowledge of Right and Wrong, Westminster 1902), hat MARTY eine kurze Biographie BRENTANOs vorangeschickt.
    10) vgl. FRANZ HILLEBRAND, Die Aussperrung der Psychologen, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 67, 1913, Seite 7; JOSEF EISENMEIER, Die Psychologie und ihre zentrale Stellung in der Philosophie, Halle/Saale 1914.
    11) vgl. Untersuchungen etc. a. a. O., Seite 6 und "Über den Begriff und Methode der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie", in Zeitschrift für Psychologie etc., Bd 55, 1910, Seite 260
    12) HERMANN PAUL, Prinzipien der Sprachgeschichte, vierte Auflage, 1909, Seite 87 verweist zur Beurteilung der WUNDTschen Klassifikation des Bedeutungswandels schlechthin auf MARTYs eingehende Kritik. - BRUCHMANN schreibt in der "Berliner Philologischen Wochenschrift", Nr. 50 des Jahres 1909: "Jeder sollte meines Erachtens diese Kritik lesen, ehe er Wundts Sprachpsychologie endgültig für richtig hält und annimmt."
    13) vgl. BRUCHMANN, Berliner philologische Wochenschrift 1912, Nr. 24.
    14) vgl. OSKAR KRAUS, Die Grundlagen der Werttheorie, in den Jahrbüchern der Philosophie, hg. von FRISCHEISEN-KÖHLER, II. Jhg., Berlin 1914.
    15) Die Erkenntnis, daß es sich bei der Lehre von den dem Geiste immanenten Objekten, Inhalten usw. um eine Fiktion handelt, ist anknüpfend an die Entdeckung bzw. Wiederentdeckung des fiktiven Charakter der grammatikalischen Abstrakta oder aristotelischen Formen (z. B. Tugend, Schönheit, Farbe usw.) durch BRENTANO gewonnen worden. (Von einer Wiederentdeckung kann man sprechen, da die diesbezüglichen Stellen bei LEIBNIZ u. a., die MARTY im Kasusbuch anführt, unbeachtet geblieben sind. Den Versuch die Inhalte zu leugnen hat MARTY 1903 unternommen, aber bald als einen verfehlten aufgegeben; BRENTANO dagegen, nachdem er einmal den Formwörtern (Schönheit, Tugend, Farbe usw.) den Charakter als wahre Namen aberkannt hatte, hielt die Leugnung nicht nur der immanenten Inhalte, sondern jeder Inhalte und Wertverhalte usw. schlechthin, kurz aller entia rationis für die unvermeidliche Konsequenz. Die "Bildlichkeit" der Rede vom immanenten Gegenstand hat auch schon HUSSERL hervorgehoben; über ihn und MEINONGs "Pseudoexistenz" vgl. Sprachphilosophie II, Seite 761. Über UPHUES vgl. KASTIL, "Studien zur neueren Erkenntnistheorie", Bd. 1, Descartes (Anhang), Halle 1909.
    16) Nicht nur die Sprachwissenschaft, auch die Sprachpathologie konnte an MARTYs Ergebnisse anknüpfen; ich verweise auf das Werk "Die agrammatischen Sprachstörungen" von ARNOLD PICK, Berlin 1913.
    17) Hiervon wird besonders auch in MARTYs Werk "Über Raum und Zeit" die Rede sein.