p-4R. WeinmannW. BlumenfeldG. K. UphuesH. CorneliusB. Erdmann    
 
JOHANNES VOLKELT
Psychologische Streitfragen
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"Selbst wenn wir eine vollkommen genaue Kenntnis von der Nerven- und Gehirnmechanik besäßen, so würden wir aus ihr allein nicht einmal erschließen können, daß es so etwas wie eine Empfindung, Vorstellung, Gefühl, Wille und dgl. gibt. In der Beschaffenheit der Zentralwindungen der Großhirnrinde liegt nicht der mindeste Anhaltspunkt, der uns ihre enge Beziehung zum Willen nahelegt; und ebensowenig enthält die Schläfenregion des Rindengebietes etwas, das uns ihre Zusammengehörigkeit mit der Erzeugung der Sprache ankündigt. Die Welt der räumlichen Bewegung und die Welt des Bewußtseins sind so unvergleichlich verschieden, daß, wenn wir sie kennen lernen wollen, eine jede von ihnen nur aus ihrer eigenen Natur heraus studiert werden kann."


I. Selbstbeobachtung
und psychologische Analyse

1. Um deutlich und überzeugend auseinanderzusetzen, worin nach meiner Auffassung die Bedeutung der Selbstbeobachtung und der psychologischen Analyse für die Wissenschaft der Psychologie besteht, erscheint es mir geboten, mancherlei mit Nachdruck und umständlicher Begründung hervorzuheben, was sich im Grunde nahezu von selbst versteht. Gehen doch die Ansichten über die Methode der Psychologie auch heute noch selbst in den elementarsten Fragen so weit auseinander, daß in einer Erwägung über diesen Gegenstand kaum irgendetwas ohne gewissenhafteste Sicherung vor Mißverständnissen und Einwürfen gesagt werden darf.

Die Psychologie befindet sich in der glücklichen Lage, daß dasjenige Gebiet, dessen Gesetzmäßigkeit festzustellen ihre zweifellose Aufgabe ist, zur unmittelbaren Erfahrung gehört und daher der allerdirektesten Beobachtung zugänglich ist. Der Gegenstand der Psychologie umfaßt allerdings, wie ich glaube, auch das Unbewußt-Psychische und das Wesen der Seele; allein zunächst ist es nicht zweifellos, ob diese beiden Gebiete sich erkennen lassen, ja ob dergleichen auch nur existiert. Dagegen kann es nicht fraglich sein und ist auch von niemandem bezweifelt worden, daß die Psychologie ihre Untersuchungen auf die Bewußtseinserscheinungen zu richten hat. Die Bewußtseinserscheinungen liegen eben der unmittelbaren Erfahrung offen da, ja sie sind überhaupt das einzige Gebiet, das unmittelbar erfahren werden kann. Freilich muß eine gewisse Einschränkung hinzugefügt werden. Denn nur seine eigenen Bewußtseinserscheinungen sind für jedermann ein Gegenstand unmittelbarer Erfahrung, wogegen er die der übrigen Menschen nur auf einem vermittelten Weg (durch einen ausdrücklichen oder abgekürzten Schluß) erkennen kann. Indem aber jedermann seine eigenen Bewußtseinsvorgänge unmittelbar erfährt, gibt es keine, die nicht für irgendjemand Gegenstand der unmittelbaren Erfahrung wären.

Anders steht es mit den Naturwissenschaften: diese erfreuen sich nicht dieses Vorzugs. Das Gebiet, dessen Gesetzmäßigkeit sie feststellen wollen, ist weder ganz noch teilweise in der unmittelbaren Erfahrung gegeben. Diese zeigt uns wohl Reihen und Gruppen von farbigen, tastbaren Gestalten, von Tönen, Gerüchen usw. als Inhalt unserer sinnlichen Wahrnehmungen; allein es ist doch nicht Sache der Naturwissenschaft, diese qualitativ verschiedenen Sinneseindrücke als solche in ihren gesetzmäßigen Beziehungen zu untersuchen. Ihr Gebiet besitzt die Naturwissenschaft vielmehr in der aus den qualitativen Sinneseindrücken erschlossenen, niemals direkt erfahrbaren transsubjektiven Welt quantitativ-mechanischen Verhältnisse, wie dies ja auch die moderne Naturwissenschaft durch ihr tatsächliches Verhalten bei jedem Schritt bekundet. So sehr diese Wissenschaft daher auch überall von Erfahrungstatsachen ausgeht, so ist es doch immer ein ausdrücklich oder stillschweigend gemachter Schluß, wodurch sie von den unmittelbaren Erfahrungstatsachen aus den Gegenstand ihrer Untersuchung gewinnt.

Um die dargelegte Beschaffenheit des Gegenstandes der Psychologie für die Frage nach der methodischen Behandlung dieser Wissenschaft zu verwerten, muß ich den Satz herbeiziehen, daß jede Wissenschaft an Erfahrungstatsachen nicht nur ihren Ausgangspunkt, sondern auch ihre stete Grundlage, auf die sie immer wieder zurückgreift, besitzen muß. Der Maßstab aber für die Auswahl dieser Erfahrungstatsachen wird in dem Gesichtspunkt liegen, daß dieselben möglichst geeignet sein müssen, wichtige Schlüsse auf den jeweiligen Gegenstand der Wissenschaft an die Hand zu geben. Verbinde ich mit diesem Satz, den ich doch wohl als zugegeben betrachten darf, die obige Darlegung, so ergibt sich für die Methode der Psychologie die folgenreiche Richtschnur, daß die Erfahrungsgrundlage dieser Wissenschaft in erster Linie in der unmittelbaren Erfahrung zugänglichen Bewußtseinserscheinungen bestehen wird. Wenn in der Aufsuchung der Gesetze der Bewußtseinsvorgänge die nächste Aufgabe der Psychologie liegt, und wenn ferner die Bewußtseinsvorgänge der unmittelbaren Erfahrung zugänglich sind, so wird es für die Erreichung jener Aufgabe keinen näherliegenden und erfolgreicheren Weg geben können, als von der Feststellung der erfahrungsmäßigen Bewußtseinsvorgänge auszugehen.

2. Dieser Satz könnte nur dann mit Recht bestritten werden, wenn die Bewußtseinserscheinungen ein so seltsam geartetes Gebiet wären, daß die Schlüsse auf ihre Gesetzmäßigkeit sich leichter von irgendeinem von den Bewußtseinsvorgängen verschiedenen Gebiet aus ziehen lassen. Hierbei würden vor allem die physiologischen Tatsachen des Nervensystems in Betracht kommen. In der Tat wird öfters, und nicht nur etwa von unbesonnenen Medizinern und radikalen Aufklärern, sondern auch von Fachphilosophen (z. B. auch von COMTE u. a.), die Behauptung aufgestellt, daß unser Wissen von den Nerven und vom Gehirn die weitaus wichtigste, wenn nicht gar einzige Grundlage der psychologischen Untersuchungen bildet. Die Psychologie wird zu einem Zweig oder besser, wie LIPPS sich ausdrückt (1), Nebenerfolg der Physiologie gemacht.

Einem solchen Gerede gegenüber ist einfach auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, aus den Bewegungsvorgängen in Nerven und Gehirn als solchen - ohne also früher auf dem Weg der unmittelbaren inneren Erfahrung von den Bewußtseinserscheinungen Kenntnis gewonnen zu haben - auch nur auf das Vorhandensei dieser letzteren überhaupt, geschweige denn auf die Beschaffenheit und eigentümliche Gesetzmäßigkeit derselben schließen zu können. Selbst wenn wir eine vollkommen genaue Kenntnis von der Nerven- und Gehirnmechanik besäßen, so würden wir aus ihr allein nicht einmal erschließen können, daß es so etwas wie eine Empfindung, Vorstellung, Gefühl, Wille und dgl. gibt. In der Beschaffenheit der Zentralwindungen der Großhirnrinde liegt nicht der mindeste Anhaltspunkt, der uns ihre enge Beziehung zum Willen nahelegt; und ebensowenig enthält die Schläfenregion des Rindengebietes etwas, das uns ihre Zusammengehörigkeit mit der Erzeugung der Sprache ankündigt. Die Welt der räumlichen Bewegung und die Welt des Bewußtseins sind so unvergleichlich verschieden, daß, wenn wir sie kennen lernen wollen, eine jede von ihnen nur aus ihrer eigenen Natur heraus studiert werden kann. (2) Jenes Gerede hat darin seinen Ursprung, weil vielen die Fähigkeit, die Bewußtseinsvorgänge in ihrer Eigentümlichkeit aufzufassen, in einem merkwürdigen Grad abhanden gekommen ist und ihnen andererseits die Geknüpftheit des Seelischen an den Leib als eine geläufige, alltägliche Tatsache vorliegt. So kann es geschehen, daß sich ihnen dieses Abhängigkeitsverhältnis derart vergröbert, daß Nerven und Gehirn sich unwillkürlich den Bewußtseinsvorgängen unterschieden und nun mit und in jenen wie selbstverständlich auch diese gegeben zu sein scheinen.

Wäre es hier meine Aufgabe, das Verhältnis der Physiologie zur Psychologie, so müßte ich vor allem noch Folgendes hinzufügen. Wie zu jeder Wissenschaft auch die Untersuchung der Abhängigkeit gehört, in welcher ihr eigentümliches Gebiet zu anderen Gebieten steht, so ist es auch Sache der Psychologie, die Beziehungen zu erforschen, die zwischen den Bewußtseinsvorgängen und dem Nervensystem stattfinden. Für die Erledigung dieser Aufgabe wird nun natürlich der Bereich der nervenphysiologischen Tatsachen als Erfahrungsgrundlage herangezogen werden müssen. Die im weitesten Sinn psychophysischen Fragen also haben naturgemäß eine Erfahrungsgrundlage von zusammengesetzter Natur: die direkt festgestellten Bewußtseinstatsachen müssen sich in geeigneter Weise mit den nervenphysiologischen Tatsachen verbinden.

Durch diese Verbindung von beiderlei Erfahrungstatsachen wird es dann auch zuweilen unter Umständen möglich, gewisse psychische Faktoren hypothetisch zu erschließen. So kann die Einrichtung des Seh- oder Gehörapparates Fingerzeig darüber an die Hand geben, wie man sich das Zustandekommen der entsprechenden Wahrnehmungen vorzustellen hat. Und in der Tat sind auch die Theorien hierüber unter sichtlicher Anregung von Seiten jener physiologischen Grundlagen entstanden. In anderen Fällen freilich wieder läßt sich aus der Zusammengehörigkeit von Bewußtseinsvorgängen und physiologischen Tatsachen nichts über das innerlich Psychische erschließen. So wüßte ich nicht, was z. B. für die Auffassung und Erklärung der Willensvorgänge selber aus der Tatsache gewonnen werden könnte, daß sie an gewisse Windungen der Hirnrinde gebunden sind. (3)

So läßt sich die Stellung der Physiologie zur Psychologie, im Gegensatz zu einem kritiklosen "Hirnkultus" (4), in folgenden Sätzen zusammenfassen: Die Erfahrungstatsachen der Physiologie lassen und durch sich allein nicht einmal das Thema der Psychologie erschließen, geschweige, daß sie uns zu psychologischen Antworten anleiten. Dagegen müssen, wenn das besondere Gebiet der Zusammengehörigkeit des Psychischen und Physischen untersucht werden soll, naturgemäß die Tatsachen der Nervenphysiologie neben den direkt kennengelernten Tatsachen des Bewußtseins herangezogen werden. Dabei kann es kommen, daß in jenen Tatsachen auch Andeutungen über das Psychische als solches liegen. So leistet die Physiologie, weit entfernt der Psychologie den alleinigen Unterbau zu liefern, dieser Wissenschaft nur bei einigen Fragen insofern Hilfe, als sie durch ihre Sätze diese Fragen mit entscheiden hilft. Mit anderen Worten bei gewissen psychologischen Fragen bilden Tatsachen der Nervenphysiologie eine Ergänzung der psychologischen Erfahrungsgrundlage.

3. Die Möglichkeit der Psychologie hängt sonach daran, daß wir die Bewußtseinsvorgänge direkt, ohne den Umweg durch das Physiologische, kennenlernen. Und dieser direkte Weg führt, wie sich immer deutlicher ergeben wird, schließlich darauf zurück, daß der jeweilige Psychologe seine eigenen Bewußtseinserscheinungen beobachtet. Die eigenen Bewußtseinserscheinungen des Psychologen bilden die letzte Erfahrungsgrundlage der Psychologie. Hierdurch ist, wie wir weiterhin sehen werden, keineswegs ausgeschlossen, daß, nachdem einmal diese Erfahrungsgrundlage gewonnen ist, eine mehrfache Erweiterung derselben vorgenommen werden muß. Jedenfalls aber kann, wie auch diese spätere Erweiterung beschaffen sein mag, diese immer nur unter der Voraussetzung erfolgen, daß der Psychologe die Tatsachen seines eigenen Bewußtseins zur Grundlage seines psychologischen Wissens gemacht hat. Dies aber eben ist nur durch Selbstbeobachtung möglich.

Die Selbstbeobachtung ist von so vielen Seiten, darunter von hochbedeutenden Forschern, angegriffen worden: sie leide an innerer Unmöglichkeit, sie vereitle sich selbst in ihrem Anlauf und könne daher niemals Grundlage der Psychologie werden. Mit Rücksicht hierauf wird es empfohlen, bevor an die Erörterung der Zusammensetzung der psychologischen Erfahrungsgrundlage geschritten wird, zu zeigen, daß die Selbstbeobachtung trotz aller Schwierigkeiten doch ausführbar ist und einen für die Begründung der Psychologie hinreichenden Erfolg verspricht.

Zuerst wird eine Verständigung über den Begriff des Beobachtens, unter den ja auch die Selbstbeobachtung fällt, nötig sein. WUNDT definiert die Beobachtung als "die planmäßige Richtung der Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen" (5). In dieser Definition bedarf der Ausdruck "planmäßig" der näheren Bestimmung und Einschränkung. Erstens darf das Planmäßige nicht in dem Sinn genommen werden, als ob der Gegenstand der Beobachtung notwendig durch planmäßiges, willkürliches Eingreifen des Beobachters in das natürliche Geschehen hergestellt sein müßte. Das Beobachten des Naturforschers erstreckt sich ebensosehr auf den zufälligen, d. h. vom Beobachter unbeeinflußt gelassenen Naturlauf wie auf die in das Experiment eingefangene Natur. Es wäre daher ungerecht, von der Selbstbeobachtung zu verlangen, daß ihr Gegenstand jene planmäßige Beschaffenheit besitzt, die wir als Experiment bezeichnen.

Zweitens ist nicht nötig, daß dem Hinwenden der Aufmerksamkeit der Vorsatz, dies zu tun vorausgeht. Das Beobachten braucht nicht jedesmal in vorhergehenden Absicht des Beobachtens seinen Ausgangspunkt zu haben; es kann auch unwillkürlich ausgeübt werden. Ich erinnere nur daran, daß auch über das Beobachten die Gewohnheit viel vermag. Auch das Beobachten kann zur zweiten Natur werden. Der Botaniker, der zum Vergnügen durch die Fluren schweift, wird, ohne sich dazu jedesmal den Anstoß zu geben, rechts und links seine Beobachtungen machen. Gerade dieses Fehlenkönnen der vorausgehenden Absicht wird für die gehörige Auffassung der Selbstbeobachtung von Wichtigkeit sein.

Drittens jedoch darf nicht verkannt werden, daß dem Beobachten stets eine gewisse Absicht innewohnt. Auch die unwillkürliche Beobachtung besteht niemals bloß einfach in einem Richten der Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen; sondern auch hier ist das Hinwenden der Aufmerksamkeit immer von der Absicht begleitet und erfüllt, das Wahrgenommene bestimmt zu unterscheiden und im Gedächtnis festzuhalten. Diese Absicht zu unterscheiden un das Unterschiedene im Gedächtnis zu fixieren, ist von der Ausübung des Beobachtens unzertrennlich. Hier handelt es sich, wie man sieht, nicht um eine der Richtung der Aufmerksamkeit vorangehende, sondern sie begleitenden Absicht. Die Aufmerksamkeit will, indem sie sich auf den zu beobachtenden Gegenstand wendet, das Wahrgenommene in diesen Unterschieden auffassen und festhalten. So können wir also die Beobachtung jetzt definieren als die mit der Absicht des Unterscheidens und Festhaltens auf einen Gegenstand gerichtete Aufmerksamkeit.

Viertens endlich ist noch auf eine gewisse Willkür hinzuweisen, die sich im Verhältnis des Beobachtens zu seinem Objekt findet. Indem sie die Aufmerksamkeit auf ein Objekt richtet, klebt sie sozusagen nicht dergestalt am Objekt fest, daß sie alles, was an ihm koexistiert und sukkzediert, beobachten müßte. Sondern wir können nach Belieben und Zweckmäßigkeit unter den Merkmalen und Seiten des Objekt eine Auswahl treffen und nur auf dieses Ausgewählte die Aufmerksamkeit lenken, das übrige aber beiseite lassen. Diese Freiheit der Wahl ist ebenfalls vom Beobachten unzertrennlich. Es wird sich zeigen, daß auch der Selbstbeobachtung diese Freiheit, wenn auch in einem durch die Natur der Sache eingeschränkten Grade, zukommt. Je nach Belieben kann ich meine Aufmerksamkeit auf die Intensität meiner Vorgänge odeer auf den zeitlichen Verlauf derselben oder ihre Qualität usw. richten. Nach dieser Seite wird man das Beobachten am ehesten eine "planmäßige" Richtung er Aufmerksamkeit nennen können. Wenn man dieses Merkmal des Beliebens und der damit möglich gemachten Planmäßigkeit in die Definition aufnehmen will, so wird man abschließend sagen dürfen, daß unter Beobachtung die mit dder Absicht des Unterscheidens und Festhaltens auf einen Gegenstand beliebig und daher mit der Möglichkeit des Planmäßigen gerichtete Aufmerksamkeit zu verstehen ist.

Es wird sich nun zu zeigen haben, ob an dem, was die folgende Erörterung als ausführbare Selbstbeobachtung hinstellen wird, die eben bezeichneten Forderungen erfüllt sein werden.

4. Es würde eine besondere Abhandlung dazu gehören, wenn ich die sich an die Selbstbeobachtung knüpfenden Schwierigkeiten in erschöpfender Weise erörtern und, gegenüber den zahlreichen Anfechtungen, welche aus ihnen die Unmöglichkeit der Methode der Selbstbeobachtung folgern, auf ihr richtiges Maß zurückführen wollte. Ich will hier nur einige Haupteinwände zu widerlegen versuchen. Aus dieser Widerlegung wird zugleich einleuchten, daß die Selbstbeobachtung in einer gewissen eingeschränkten Weise möglich ist.

Besonders häufig stoßen wir auf den Einwand, daß in der Selbstbeobachtung das beobahtende Subjekt und das beobachtete Objekt dasselbe sind. COMTE folgert hieraus die Nichtigkeit der Methode der Selbstbeobachtung (6), und auch WUNDT vergleicht spottend den Selbstbeobachter dem sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehenden Münchhausen (7). Diese Folgerung geht, wie sich zeigen wird, zu weit. Dagegen ist es richtig, wenn man in jenem Zusammenfallen des Geschiedenen wie es die Selbstbeobachtung enthält, den Grund für eine nicht leicht zu nehmende Schwierigkeit dieser Methode erblickt. Diese Schwierigkeit wird von verschiedenen Psychologen sehr lebhaft geschildert. WAITZ z. B. sagt:
    "Je mehr wir uns bemühen, recht scharf den Lauf unserer Gedanken zu beobachten, desto weniger natürlich und ungestört fließen sie ab. Die Handlung, deren einzelne Teile wir gesondert und recht fest ins Auge zu fassen bestrebt sind, kommt uns unter der Hand unwillkürlich zum Stillstand. Je tiefer wir in uns hineinsehen, desto rascher verschwindet das Sichtbare und bald finden wir uns auf eine gänzliche Gedankenlosigkeit reduziert." (8)
Ähnlich äußern sich VOLKMANN, HORWICZ, WUNDT (9) u. a. Auch KANT nennt unter den Gründen, warum er der Psychologie den Rang einer eigentlichen Wissenschaft abspricht, den Umstand, daß hier die Beobachtung an sich schon den Zustand des beobachteten Gegenstandes alteriert und verstellt". (10)

Es ist hiermit ein nicht abzuleugnender Mangel der Selbstbeobachtung bezeichnet. Nur zu leicht werden durch die Selbstbeobahtug die beobachteten Vorgänge gestört, künstlich und unsicher gemacht und schließlich gar zum Aufhören gebrach. Doch wird die Möglichkeit der Selbstbeobachtung dadurch nicht aufgehoben. Denn nicht jede Art von Selbstbeobachtung führt jene Gefahr in gleichem Grad mit sich; vielmehr läß diese sich bei einer gewissen Art der Ausübung derselben so gut wie ganz vermeiden.

Zuerst ist darauf hinzuweisen, daß jener störende Einfluß der Selbstbeobachtung besonders dann stattfindet, wenn ihrer Ausübung in jedem einzelnen Fall der Vorsatz, sie auszuüben, vorangeht, und die Selbstbeachtung daher von der Erwartung der kommenen Bewußtseinsvorgänge begleitet wird. Ist die Selbstbeobachtung ein inneres Spähen und Lauern, sagt man sich jedesmal: jetzt will ich beobachten, was in meinem Bewußtsein vorgeht, dann ist ihr Zweck von vornherein vereitelt. (11) Dagegen fällt der störenden Einfluß weg oder wird zumindest unerheblich, wenn der Ausübung der Selbstbeobachtung nicht im einzelnen Fall der Vorsatz, sie auszuüben, vorangeht. Denn dann kommt auch die erwartende, lauernde Haltung der Aufmerksamkeit in Wegfall. Kurz: es muß die Selbstbeobachtung in unwillkürlicherweise ausgeübt werden; was, wie schon vorhin bemerkt wurde, dem Begriff der Beobachtung keineswegs widerstreitet.

Es fragt sich jetzt: wie kommt die unwillkürliche Selbstbeobachtung zustande? Man muß dabei erstens das unwillkürliche Weiterwirken der Direktive, die wir unsere Vorstellungen mit nachdrücklicher Absicht als für die folgenden Fälle geltend geben, und in Verbindung damit die Bedeutung der Gewohnheit ins Auge fassen. Wenn ich mir vornehme, über irgendein Problem ernsthaft nachzudenken, so ist es nicht mehr nötig, daß ich von Fall zu Fall das Nachdenken darüber absichtlich hervorrufe; sondern ungerufen nehmen meine Gedanken, sobald das Bewußtsein nicht durch irgendwelche vorherrschende Interessen in Anspruch genommen ist, die Richtung auf jenes Problem. Oder wenn ich den ernsthaften Vorsatz gefaßt habe, diese oder jene Pflanz auf meinen Spaziergängen zu suchen, so erhält mein Sehen ein für alle mal hierdurch eine ganz besondere Disposition, den gewünschten Gegenstand wahrzunehmen: auch wenn ich ihn nicht suche, tritt er mir aus der Masse der Gegenstände meines Gesichtsfeldes mit besonderem Akzent heraus, während er sonst vielleicht in den meisten Fällen unbemerkt geblieben wäre. Als wesentlich unterstützend aber tritt die Gewohnheit hinzu. Habe ich die Akte, um die es sich handelt, zum wiederholten Mal mit Absicht vorgenommen, so wird hierdurch das unwillkürliche Weiterwirken der ausdrücklich gefaßten Absicht beträchtlich erleichtert.

Ähnlich verhält es sich mit der Selbstbeobachtung. Um genaue, zuverlässige Selbstbeobachtungen anzustellen, mit dem Nebengedanken gefaß werden, daß dies so oft wie möglich zur Ausübung kommen soll. Geschicht das Fassen dieses Vorsatzes je nach Bedürfnis von Zeit zu Zeit, und gesellt sich eine oftmalige Wiederholung von vorsätzlich ausgeübten Selbstbeobachtungen hinzu (wobei es nicht darauf ankommt, daß diese vollständig gelingen), so wird unser Bewußtseinsleben sich derart verschärfen, daß die von einem Anstoß gebenden Vorsatz ein für allemal ins Auge gefaßten seelischen Vorgänge, besonders soweit sie nicht heftiger, aufgeregter Natur sind, unwillkürlich von Fall zu Fall von soviel Aufmerksamkeit begleitet werden, daß wir sie nicht bloß einfach haben, sondern auch von ihnen genau wissen. Die Selbstbeobachtung läuft hier also darauf hinaus, daß wir, indem dieses oder jenes in unserem Bewußtsein vorgeht, zugleich unwillkürlich mit unserer unterscheiden und fixieren wollenden Aufmerksamkeit sozusagen darüber schweben und so mit dem Haben der Bewußtseinsvorgänge zugleich ein bestimmtes Auffassen derselben vor sich geht.

So ist es also die unwillkürliche Selbstbeobachtung, wodurch jener störende Einfluß, der sonst von der Selbstbeobachtung ausgeht, beseitigt wird. Auch ich fürchte nicht, daß diese beschriebene unwillkürliche Selbstbeobachtung dem Vorwurf der Erdichtung ausgesetzt ist. Ich glaube vielmehr, daß jeder Psycholog, bei der nötigen Unbefangenheit, die unwillkürliche Selbstbeoachtung als einen seine Bewußtseinsvorgänge häufig begleitenden Nebenvorgang in sich finden wird.

5. Doch noch ein anderes Mittel steht uns zu Gebote, um jene Schwierigkeit zu überwinden. Es besteht darin, daß die Selbstbeobachtung sich nicht auf das im Bewußtsein gleichzeitig Geschehende, sondern auf die Erinnerungsbilder desselben richtet. Liegt freilich eine lange Zeitstrecke zwischen dem wirklichen Vorgan und seinem Abbild, so ist es unsicher, ob das letztere dem Original entspricht. Diese Schwierigkeit fällt jedoch weg, wenn die Reproduktion des Vorgangs unmittelbar nach diesem selbst erfolgt.

BRENTANO hat in seiner Psychologie mit richtigem Nachdruck auf diese Beobachtung "früherer psychischer Zustände im Gedächtnis" hingewiesen. Er findet, daß Sein und Nichtsein der Psychologie von der Möglichkeit der Beobachtung vergangener psychischer Phänomene abhängt. Allerdings ist ihm zufolge das Gedächtnis in einem vorzüglichen Maß Täuschungen unterworfen, allein törichte Übertreibung sei es wert, deswegen dieser indirekten Beobachtung allen wissenschaftlichen Wert abzusprechen (12). Und ähnlich empfiehlt WUNDT als zweckmäßig, sich nicht auf die unmittelbare innere Wahrnehmung, sondern auf die Erinnerung zu verlassen, weil nur dadurch der störende Einfluß der Selbstbeobachtung auf den Ablauf der psychischen Vorgänge annähernd zum Verschwinden kommt. (13) Sonderbar ist nur, daß BRENTANO wie WUNDT diese innere Beobachtung nicht als Selbstbeobachtung anerkennen wollen. Offenbar handelt es sich um eine Selbstbeobachtung der allerschärfsten Form; denn sogar der Vorsatz des Beobachtens kann hier in jedem einzelnen Fall dazutreten, ohne den zu beobachtenden Bewußtseinsinhalt (den Inhalt der Reproduktion) irgendwie zu stören. (14)

Die Beobachtung reproduzierter vergangener Bewußtseinsvorgänge muß nämlich keineswegs immer (in jenem vorhin erörterten Sinn) unwillkürlich sein; sie kann auch von Fall zu Fall absichtlich herbeigeführt werden. Die jedesmalige Absicht des Beobachtens ist hier völlig unschädlich, da wir sie erst nach dem Vorgang, der in seiner reproduzierten Gestalt betrachtet werden soll, fassen. Das Verhältnis in dem wirklichen Vorkommen beider Arten der Selbstbeobachtung: der (unwillkürlichen) Beobachtung gegenwärtiger Vorgänge und der (teils absichtlichen, teils unwillkürlichen) Beobachtung reproduzierter vergangener Vorgänge, werden wir uns wohl so vorzustellen haben, daß sie in der mannigfaltigsten Weise abwechseln und einander gegenseitig ergänzen und fördern. Bald tritt ein seelischer Vorgang unter beide Beleuchtungen, bald nur unter eine. Ich glaube, daß, wenn wir die Art und Weise unbefangen betrachten, wie wir selbstbeobachtend unsesr eigenes Bewußtseinsleben kennenlernen, sich ungefähr dieser Formulierung ergeben dürfte.

Der Ordnung halber muß hier noch audrücklich bemerkt werden, daß sich jetzt die zu Ende des dritten Punktes aufgefworfene Frage als im bejahenden Sinn beantwortet zeigt. Es wäre überflüsig, besonders darzulegen daß die in Punkt 3 als unentbehrlich hervorgehobenen Merkmale der Beobachtung sich an den von mir als ausführbar hingestellten Arten der Selbstbeobachtung auch wirklich vorfinden.

Die mannigfachen, von den verschiedensten Seiten kommenden Anfechtungen, welche die Selbstbeobachtung erfährt, könnten allein schon gegen diese in hohem Grad mißtrauisch stimmen, wenn nicht die Gründe, die zur Hervorbringung dieser feinseligen Haltung zusammenwirken, klar zutage lägen. Erstens pflegen, wie dies nun eben geht, die Schwierigkeiten infolge ihrer hervorstechenden und zunächst über Gebühr gefährlich aussehenden Beschaffenheit einseitig ins Auge gefaßt und die Mittel, ihrer Herr zu werden, weniger auffallend wie sie sind, übersehen zu werden. Dazu kommt, daß - wie dies z. B. bei F. A. LANGE, WUNDT u. a. deutlich hervortritt - die Erinnerung an den Unfug, der vielfach mit der Selbstbeobachtung getrieben wurde, die Unentbehrlichkeit derselben verdunkelte. Hiermit wirkt nun bei vielen, z. B. in besonders großber Weise bei COMTE, das moderne Bestreben zusammen, die naturwissenschaftliche Methode in kritikloser Weise, gleichsam in Bauch und Bogen, auch auf die Gebiete des geistigen Lebens zu übertragen; womit sich eine gewisse Scheu zu verbinden pflegt, auf die von allem Physischen grundverschiedenen Eigentümlichkeiten des Bewußtseins direkt und rückhaltlos einzugehen und sie beim rechten Namen zu nennen.

Zu erörtern, unter welchen Voraussetzungen die Selbstbeobachtung psychologisch möglich ist, gehört nicht in diese methodologische Betrachtung. Hier genügt es, im Anschluß an das erfahrungsmäßige Vorkommen der Selbstbeobachtung die Einschränkungen angegeben zu haben, unter denen, wie jeder Unbefangene an sich erfahren kann, die Ausübung derselben erfolgreich möglich ist. Sollte jedoch jene psychologische Untersuchung unternommen werden, so wäre an den Begriff des Selbstbewußtseins anzuknüpfen. Das entwickelte Selbstbewußtsein setzt sich aus zwei Stufen zusammen: Der niedere Faktor besteht im Verhältnis des Bewußtseins zur Außenwelt, mit anderen Worten: zu dem unmittelbar als transsubjektiv erscheinenden Einhalt der sinnlichen Wahrnehmungen. Wo das Bewußtsein gelernt hat, seine Innenwelt als Innenwelt der Außenwelt als solcher klar gegenüberzustellen, wo also das Ich sich als Inneres gegenüber der Außenwelt als dem schlechthin Anderen zusammenzufassen weiß und ihm dies zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist, da dürfen wir von Selbstbewußtsein sprechen. Zur entwickelten Gestalt desselben gehört aber noch ein höherer Faktor, der sich auf der Grundlage des niedrigeren erhebt. Es muß nämlich noch ein eigentümliches Verhältnis des Subjekts als Bewußtseinsform zu einem Bewußtseinsinhalt als solchem hinzutreten. Im entwickelten Selbstbewußtsein weiß ich mich als mich beziehend auf meinen Bewußtseinsinhalt; ich als Bewußtseinsform gebe mir eine bewußte, absichtliche, zweckmäßige Stellung zum Inhalt meiner Innenwelt (im weitesten Sinn). Es geschieht dies vor allem im Denken, Wollen und künstlerischen Produzieren. Die Selbstbeobachtung nun schließt sich unmittelbar an dieses zweite, höhere Glied des entwickelten Selbstbewußtseins an. In der Selbstunterscheidung der Bewußtseinsform vom Bewußtseinsinhalt liegt die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit unterscheidend auf die eigenen Bewußtseinsvorgänge zu richten. Das Selbstbewußtsein ist nicht notwendig schon Selbstbeobachtung; wohl aber ist es in der Lage, sich hierzu zu verschärfen. Indem ich im Selbstbewußtsein mich als Bewußtseinsform mir selber als Bewußtseinsinhalt bewußt gegenüberstelle, bin ich zugleich (wenn auch nur unter den angegebenen Einschränkungen) imstande, den Bewußtseinsinhalt in seinen Bestandteilen aufmerksam zu unterscheiden. Hiermit ist aber eben die Selbstbeobachtung bereits gegeben (15). Denn darüber, daß, nachdem das aufmerksame Unterscheiden zustande gekommen ist, für das Festhalten des Unterschiedenen im Gedächtnis keine Schwierigkeit vorliegt, kann kein Zweifel bestehen.

6. Wir sahen in Punkt 1 und 2, daß die Erfahrungsgrundlage der Psychologie durch die direkte Feststellung der Bewußtseinstatsachen geschaffen werden muß. Diese direkte Feststellung führt nun, wie der dritte Punkt hinzufügte, immer darauf zurück, daß der jeweilige Psychologe seine eigenen Bewußtseinstatsachen durch Selbstbeobachtung feststellt. Jetzt wissen wir weiter, daß die Selbstbeobachtung in zwei Formen wirklich ausführbar ist. So wird dann natürlich der Psychologe seine eigenen Bewußtseinstatsachen auf dem Weg der Selbstbeobachtung zur allernächsten Erfahrungsgrundlage der Psychologie machen müssen.

Doch hier erhebt sich eine weitere Frage: Darf dies die einzige Erfahrungsgrundlage der Psychologie bleiben? Oder wird es nötig und möglich sein, sie durch weitere Erfahrungsgrundlagen zu ergänzen? Hätte es bei jener Erfahrungsgrundlage sein Bewenden, so würden diejenigen recht behalten, welche der Methode der Selbstbeobachtung den Vorwurf machen, daß sie den Forscher auf seine Individualität einschränkt und so dazu verleitet, das Individuelle und Zufällige als ein Allgemeingültiges, Notwendiges und Wichtiges hinzustellen und das Allgemeingültige wiederum vielleicht zu übersehen, und daß sie wie ihr dies mit besonderer Schärfe von F. A. LANGE vorgehalten worden ist (16), überhaupt das Zurechtlegen der seelischen Erscheinungen nach der Subjektivität des Forschers, begünstigt. Sollen diese schwerwiegenden Mängel vermieden werden, so muß jene Erfahrungsgrundlage der Psychologie eine Erweiterung über das Bewußtsein des jeweiligen Forschers hinaus erfahren. Naturgemäß werden hierbei außer der physiologischen Grundlage, die indessen, wie wir wissen, nur eine sehr eingeschränkte Hilfe zu leisten vermag, ausschließlich die Bewußtseinsvorgänge der anderen Individuen in Frage kommen können. Könnte man diese unermeßlich weite Bewußtseinswelt für die Psychologie verwerten, so würden jene Mängel wegfallen. Es ist nun klar, daß die fremden Bewußtseinserscheinungen niemals eine unmittelbare Erfahrungsgrundlage werden können. Wohl aber lassen sie sich, aus gewissen anderen (weiter anzuführenden) unmittelbaren Erfahrungstatsachen, jedoch immer nur unter wesentlicher Hilfe der eigenen Bewußtseinstatsachen des Psychologen, erschließen. So werden die Bewußtseinsvorgänge der anderen Individuen zu einer Erfahrungsgrundlage zweiter Ordnung, d. h. zu einer schon bis zu einem gewissen Grad aus logischer Arbeit hervorgegangenen Erfahrungsgrundlage. Möglich wird dies aber nur unter der Voraussetzung, daß schon vorher die Bewußtseinstatsachen des jeweiligen Psychologen durch eigene Selbstbeobachtung festgestellt sind und nun zur Gewinnung jener Erfahrungsgrundlage höherer Ordnung verwendt werden. Wir wollen diese Erweiterung der psychologischen Erfahrungsgrundlage nun etwas genauer ins Auge fassen.

7. Am nächsten stehen der Selbstbeobachtung des Psychologen die mitgeteilten Selbstbeobachtungen anderer. Hierbei ist selbstverständlich nicht nur an eine mündliche Mitteilung zu denken, sondern weit ausgiebiger werden in der Regel die Selbstbeobachtungen sein, die der Psychologe aus psychologischen Darstellungen anderer Verfasser, sodann aber auch aus Briefen, Memoiren, Selbstbiographien und dgl. kennen lernt. Es wird daher besonders eine zweckmäßig ausgewählte Lektüre dem Psychologen unaufhörlich neues Erfahrungsmaterial zur weiteren Bearbeitung zuführen.

Worin besteht nun genaugenommen die Erfahrungsgrundlage, wenn der Psychologe die Selbstbeobachtungen anderer benützt? Offenbar in den mündlichen oder schriftlichen Berichten, welche andere über ihre Selbstbeobachtungen geliefert haben. Und in welchem Verhältnis hierzu stehen die von den andern an sich selbst beobachteten Bewußtseinsvorgänge selber? Diese werden vom Psychologen zu jener unmittelbaren Erfahrungsgrundlage (den Berichten) als transsubjektiver Herkunft und Grundlage hinzugedacht. Genauer verhält sich die Sache folgendermaßen:

Jene unmittelbare Erfahrungsgrundlage (die Berichte) gewinnt für den Psychologen nur dadurch Sinn und Wert, daß mit ihrer Hilfe die Bewußtseinsvorgänge, die den Berichterstatter zur unmittelbaren Erfahrungsgrundlage gedient haben, vom Psychologen in seiner Vorstellung nacherzeugt werden. Fragen wir nun nach dem Grund, der diese ideelle Nacherzeugung möglich macht, so liegt derselbe in der vom Psychologen zu jenen Berichten hinzugedachten Überzeugungf, daß die Berichte ihren Ursprung in der transsubjektiven Tatsache haben, daß gewisse Personen ihre eigenen Bewußtseinsvorgänge als ihre unmittelbare Erfahrungsgrundlage gegenwärtig hatten und dieselbe richtig beobachtet haben. Die Bewußtseinserscheinungen anderer Personen spielen daher in der Psychologie doch in gewissem Sinn die Rolle einer unmittelbaren Erfahrungsgrundlage: insofern nämlich, als die transsubjektive Tatsache, daß die Bewußtseinserscheinungen anderer Personen von diesen Personen selbst als unmittelbare Erfahrungsgrundlage benützt wurden, den Grund bildetf, der allererst die wissenschaftliche Verwertbarkeit einer gewissen im wahrsten Sinne unmittelbaren Erfahrungsgrundlage (nämlich jener Berichte) möglich macht.

Das Weitere besteht nun darin, daß die Berichte der anderen Selbstbeobachter aufgrund der eben hervorgehobenen transsubjektiven Überzeugung eine gewisse logische Bearbeitung erfahren, die mit der ideellen Nacherzeugung der Bewußtseinsvorgänge der anderen Selbstbeobachter endetf. Dieser empirisch-logische Prozeß verläuft allerdings fast immer in sehr abgekürzter Form. Besonders wenn der Inhalt der Berichte mit dem, was dem Psychologen aus eigener Selbstbeobachtung geläufig ist, übereinstimmt oder wenig davon abweicht, geht jener Prozeß fast blitzartig vor sich. Seinen Beginn bildet, wie gesagt, die sinnliche Wahrnehmung der Worte des Berichterstatters; hieran schließt sich die Überzeugung, daß diese Worte die richtig vollzogene Selbstbeobachtung des Berichterstatters zum Ausdruck bringen, und das Ende findet er in der nacherzeugenden Vorstellung der durch eine transsubjektive Selbstbeobachtung uns mittelbar zugänglich gemachten fremden Bewußtseinsvorgänge.

Dabei ist jedoch noch ein Faktor dieses Prozesse verschwiegen worden. Die Berichte würden nämlich sinnleere Worte bleiben, wenn dem Psychologen nicht seine eigenen Bewußtseinsvorgänge in umfassender Weise bekannt wären. Er muß das ihm aus eigener Selbstbeobachtung Bekannte teil in einem unveränderten Zustand, teils mit Veränderung und Umdeutung benützen, um aus diesem Stoff das Abbild der fremden Vorgänge formen zu können. Es wird dann die in Rede stehende unmittelbare Erfahrungsgrundlage (die Berichte über die Selbstbeobachtung anderer) nur dadurch für den Psychologen benützbar, daß er jene allernächste Erfahrungsgrundlage (seine eigene Selbstbeobachtung) heranzieht. Nur mit deren Hilfe vermag er die fremden Bewußtseinsvorgänge in seiner Vorstellung nachzuerzeugen und sich so eine Erfahrungsgrundlage zweiter Ordnung zu verschaffen. So sehr sich daher auch die Kenntnis des Psychologen durch die Heranziehung der fremden Selbstbeobachtungen erweitert und allgemeingültiger gestaltet, so bleibt doch die eigene Selbstbeobachtung die letzte Erfahrungsgrundlage, unter deren Voraussetzung allein jene neuen Erfahrungsgrundlage (die Berichte) Sinn und Wert erhält.

8. Doch ist die Erweiterung der Erfahrungsgrundlage hiermit nicht abgeschlossen. Die fremden Bewußtseinsvorgänge lassen sich nicht nur durch mitgeteilte Selbstbeobachtungen anderer, sondern auch durch Gebärden, Mienen und Handlungen anderer erschließen. Hierzu gesellen sich noch alle diejenigen sprachlichen Äußerungen, in denen keine Selbstbeobachtungen mitgeteilt werden, sondern in denen sich das Bewußtsein naiv ausspricht. Hier besteht dann die Erfahrungsgrundlage in Gebärden, Mienen, Handlungen und in den ohne die Absicht der Mitteilung von Selbstbeobachtungen geschehenden sprachlichen Äußerungen anderer Personen. (17)

Auch hier liegt es klar zutage, daß die Erfahrungsgrundlage nur unter der Voraussetzung der eigenen Selbstbeobachtung des Psychologen verwertbar ist. Um aus den Gebärden usw. die fremden Bewußtseinserscheinungen zu erschließen, müssen wir die uns durch Selbstbeobachtung bekannten eigenen Bewußtseinsvorgänge zugrunde legen. Gemäß jenen sicht- und hörbaren Äußerungen der anderen Personen nehmen wir an dem durch Selbstbeobachtung gewonnenen Erfahrungsmaterial mehr oder weniger weitgehende Veränderungen und Umdeutungen vor uns schieben nun aus dem eigenen Inneren stammenden und dann umgeformten Erfahrungsstof den fremden Personen als deren eigenes Bewußtseinsleben unter.

Hiermit eröffnet sich dem Psychologen eine unerschöpfliche Bewußtseinwelt. Denn jetzt bilden nicht nur die Gebärden, Mienen, Handlungen, Rede der ihn umgebenden Menschen sein fortwährendes Studium, sondern auch die Menschen der Vergangenheit schließen ihm durch die Vermittlung dessen, was in den Werken der Literatur teils sie selbst über sich, teils andere von ihnen sagen, ihr Inneres auf. Besonders aber darf nicht vergessen werden, daß auch Sprache, Mythologie, Sitte und Kunst in den Bereich der indirekten Beobachtung fremden Bewußtseinslebens fällt. In diesen Gestaltungen hat sich das Innere der Völker nach wichtigen und sonst schwer zugänglichen Seiten hin in einer für uns sichtbaren, bzw. hörbaren Weise niedergelegt. Wollen wir die seelischen Vorgänge, die in diesen sinnlich gewordenen Geisteshaltungen zum Ausdruck kommen, erforschen, so bleibt auch hier kein anderer Weg übrig als die Veränderung und Umdeutung der durch Selbstbeobachtung kennengelernten eigenen Bewußtseinsvorgänge nach Maßgabe jener sinnenfälligen Gestalten. So liefert also die Selbstbeobachtung den Schlüssel auch zur Verwertung des in Sprache, Mythologie usw. vorliegenden Erfahrungsmaterials. Die sogenannte Völkerpsychologie - übrigens ein nach SIGWARTs richtiger Bemerkung (18) unzweckmäßiger Name - steht also zu der sich auf Selbstbeobachtung gründenden Psychologie keineswegs in einem notwendigen Gegensatz. Ein solcher Gegensatz fände nur dann statt, wenn die Selbstbeobachtung kurzsichtigerweise lediglich zur Durchforschung des eigenen, kleinen, unmaßgeblichen Ich, nicht aber zugleich in ausgiebigem Maße zur vermittelten Erkenntnis fremder Bewußtseinsvorgänge benützt würde. Übrigens soll keineswegs geleugnet werden, daß die Selbstbeobachtung von vielen Psychologen viel zu wenig als Schlüssel zu diesem weiteren Zweck gehandhabt worden ist.

Hier darf auch nicht vergessen werden, daß auch die Erforschung der Bewußtseinsvorgänge bei Kindern, Gestörten und Tieren unter den angegebenen Gesichtspunkt fällt. Nur ist hier das Erschließen der fremden Bewußtseinserscheinungen schwierig und unsicher, weil die Ähnlichkeiten und Analogien zwischen dem doch allein unmittelbar erfahrbaren Bewußtsein des erwachsenen, gereiften Menschen und den zu erschließenden Bewußtseinsvorgängen zum großen Teil sehr entfernter Art sind und außerdem die Gebärden, Handlungen, Worte und Laute hier nur wenig eindeutige Anhaltspunkte für das erschließende Verfahren gewähren. Es ist daher so verfehlt wie möglich, in der Tiefenpsychologie oder der Psychologie der Neugeborenen die Grundlage der Psychologie zu sehen.

Es fällt durchaus außerhalb meiner Aufgabe, darzulegen, welche Methoden zur Erforschung des fremden Bewußtseinslebens in den mannigfachen angedeuteten Beziehungen ausgebildet werden müssen, und welche Umstände für sie insbesondere zu Fehlerquellen werden können. Gemäß dem ganzen Zweck dieser Abhandlung kam es hier nur darauf an, das Verhältnis dieser verschiedenen Bewußtseinsgebiete zur Selbstbeobahtung und zur Erfahrungsgrundlage der Psychologie festzustellen. Jene weitere Aufgabe findet man in höchst umsichtiger und besonnener Weise bei WUNDT behandelt. (19) Die Methoden, die er für die Erforschung und Verwertung der Sprache, Mythologie, des Volkslebens, der tierischen und kindlichen Bewußtseinsvorgänge aufstellt, tragen nichts abstrakt Ersonnenes an sich, sondern man sieht, daß mittels ihrer das fremde Bewußtseinsleben erforscht werden kann und auch vielfach erforscht worden ist. Auch für die Gefahren und Mißbräuche, die sich dieser Erforschung nahelegen, zeigt WUNDT, recht im Gegensatz zu LANGE (20), einen scharfen, unvoreingenommenen Blick.

Nur ist es verfehlt, wenn WUNDT die bezeichneten Gebiete als Quellen "objektiver" psychologischer Erkenntnis ohne weiteres der "unzulänglichen und trügerischen Selbstbeobachtung" entgegengesetzt (21). Wäre wirklich die Selbstbeobachtung unfähig, exakte Tatsachen zu liefern, so würde diesem Mangel auch die Erkenntnisquelle der tierischen und kindlichen Bewußtseinserscheinungen, der Sprache usw. nicht abhelfen können. Wie soll z. B: auf dem Gebiet der Sprache aus Wortbildung, Satzbau, Bedeutungswandel usw. der psychologische Niederschlag herausgezogen werden, wenn wir nicht eine genaue Kenntnis unserer eigenen Bewußtseinsvorgänge zum Zweck der Ausdeutung bereit halten? WUNDT freilich wird entgegnen, daß wir die eigenen Bewußtseinsvorgänge besser durch das Experiment als durch die Selbstbeobachtung kennenlernen. Auf diese Verdrängung der Selbstbeobachtung durch das Experiment werde ich bald zu sprechen kommen.

Jetzt läßt sich die Erfahrungsgrundlage der Psychologie in folgender Weise übersichtlich ordnen. Den ersten und wichtigsten Platz nehmen die eigenen Bewußtseinsvorgänge des Psychologen ein. Dieser kommt ihnen nicht nur darum zu, weil in ihnen allein der Gegenstand der Psychologie selber zur unmittelbaren Erfahrung wird, sondern auch darum, weil sie die Voraussetzung bilden, unter der allererst die übrigen Erfahrungsgrundlagen der Psychologie sich wissenschaftlich benützen lassen. Die zweite Stelle werden wir den Berichten von den Selbstbeobachtungen anderer Personen zuweisen. Hier ist die Selbstbeobachtung nicht mehr eine unmittelbare Erfahrungsgrundlage des Psychologen, wohl aber ein transsubjektives Faktum, dessen Anerkennung allein die Verwertung jener Berichte für die Psychologie möglich macht. Der dritte Rang kommt den Mienen, Gebärden, Handlungen und den (im oben angebenen Sinn) "naiven" Reden anderer Personen zu. Hier kommt die Selbstbeobachtung in keiner Weise mehr ins Spiel, sondern die Bewußtseinsvorgänge anderer Personen werden hier erst aus solchem erschlossen, was keineswegs als eine genaue Wiedergabe derselben gelten darf. Endlich reihen sich an vierter Stelle die Erfahrungstatsachen der Physiologie an. Diese sind, wie wir sahen, vorwiegend nur für gewisse Grenzgebiete der Psychologie vorhanden, und auch hier haben sie zur Voraussetzung, daß neben ihnen eine schon anderswie erworbene Kenntnis der Bewußtseinsvorgänge besteht, wodurch also auch sie schließlich auf die Selbstbeobachtung als letzte Grundlage hinweisen.

So zentral indessen die Stellung ist, die in der Erfahrungsgrundlage der Psychologie die Selbstbeobachtung des Psychologen einnimmt, so darf doch nicht vergessen werden, daß vor allem durch die beiden nächstfolgenden Bestandteile die Kenntnis der Bewußtseinsvorgänge eine Ausbreitung und Vielseitigkeit erhält, wie sie durch die isolierte Selbstbeobachtung allein nie hätte zustande kommen können, und wie sie für den Aufbau der Psychologie doch unbedingt erforderlich ist. Eine aus der bloßen Selbstbeobachtung des Psychologen stammende Psychologie würde dem Verdacht und der Gefahr der Verwechslung des bloß Individuellen und Zufälligen mit dem Allgemeingültigen und des Hineindeutens von vorgefaßten Ansichten und praktischen Bedürfnissen in hohem Grad ausgesetzt sein. Doch ist es nicht nötig, auf den Nutzen und die Unentbehrlichkeit dieser indirekten Erkenntnis der fremden Bewußtseinsvorgänge näher einzugehen, da man dies bei vielen Psychologen richtig auseinandergesetzt findet. (22) Mir kam es vor allem auf die Einsicht in den erkenntnistheoretischen Zusammenhang dieser indirekten Erkenntnis mit der eigenen Selbstbeobachtung und der Erfahrungsgrundlage der Psychologie überhaupt an, weil ich diesen Gegenstand nirgends in der gehörigen Weise erörtert gefunden habe.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Psychologische Streitfragen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 90, Halle/Saale 1887
    Anmerkungen
    1) THEODOR LIPPS, Grundtatsachen des Seelenlebens, Seite 4.
    2) Ich brauche hier nicht länger zu verweilen, da diese Unmöglichkeit, von der Beschaffenheit und den Vorgängen des Nervensystems aus durch einen notwendigen logischen Übergang das Gebiet des Bewußtseins zu erreichen, schon oft treffend dargelegt worden ist. Beispielsweise sei an LOTZE (Mikrokosmus, Bd. I, Seite 164f, vierte Auflage), WUNDT (Essays, Seite 142), LIPPS (Grundtatsachen des Seelenlebens, Seite 7f) erinnert.
    3) Die "psychologischen Analysen auf physiologischer Grundlage" von HORWICZ stehen auf dem prinzipiellen Standpunkt, daß die psychischen Vorgänge in erster Linie aus sich selbst (durch Selbstbeobachtung) kennengelernt werden müssen, daß aber die physiologische Betrachtung den "Leitfaden" darbietet, um die einfachsten Seelenelemente zu finden ("Methodologie der Seelenlehre"; in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 60, Seite 189). So weit hiernach auch HORWICZ davon entfernt ist, die Physiologie zur letzten Grundlage der Psychologie zu erheben, so traut er doch den aus der Physiologie sich ziehen lassenden psychologischen Schlüssen viel zu viel zu.
    4) Ausdruck WILHELM VOLKMANNs (Lehrbuch der Psychologie, zweite Auflage, Bd. 1, Seite 105).
    5) WUNDT, Logik, Bd. II, Seite 482.
    6) vgl. über COMTE die Bemerkungen bei FRANZ BRENTANO (Psychologie, Seite 35f). Weit einsichtsvoller als COMTE urteilt JOHN STUART MILL. Wiewohl er, freilich im Widerspruch mit seinem kritischen Positivismus, es nicht für unmöglich hält, daß die psychischen Gesetze nichts anderes sind als abgeleitete physische Gesetze, so hält er doch daran fest, daß "die Ordnung unserer Geistesphänomene nur aus dem Studium dieser Phänonome selbst (durch Beobachtung und Experiment) geschöpft werden kann" (Logik, übersetzt von GOMPERZ; Bd. III, Seite 252)
    7) WUNDT, Essays, Seite 136.
    8) WAITZ, Psychologie, Seite 16
    9) VOLKMANN, Psychologie, Bd. I, Seite 42. - ADOLF HORWICZ, Methodologie der Seelenlehre (a. a. O., Bd. 60, Seite 168f). - WUNDT, Logik, Bd. II, Seite 482. HORWICZ geht in der zitierten Abhandlung die verschiedenen Mängel der Selbstbeobachtung mit Besonnenheit durch.
    10) KANT, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. In der Ausgabe von ROSENKRANZ und SCHUBERT Bd. 5, Seite 310f. Vgl. Bd. 1, Seite 607 (in der Schrift "Über Philosophie überhaupt").
    11) Eine Ausnahme bildet die Beobahctung dessesn, was im sinnlichen Empfinden und Wahrnehmen in unserem Bewußtsein geschieht. Verlauf und Beschaffenheit dieser Vorgänge sind unserer Willkür derart entrückte, daß auch die vorsätzlich ausgeübte Selbstbeobachtung nicht notwendig störend eingreifen muß. Was im Sehen, Hören, in den Bewegungsempfindungen usw. mein Bewußtsein aufweist, wird durch die erwartende Selbstbeobachtung bei weitem nicht in der Weise beeinflußt, wie etwa der Verlauf meiner Vorstellungsassziationen, wenn ich voll Spannung auf ihn acht gebe. Wohl kann ein Hineininterpretieren subjektiver Deutungen in das Empfinden und Wahrnehmen vorkommen; doch läßt sich dies bei einiger Vorsicht vermeiden. Auf dieser Ausnahmestellung der Empfindungen und Wahrnehmungen beruth die Zuverlässigkeit, mit der wir in den psychophysischen Experimenten das Ebenmerklichwerden der Empfindungsunterschiede wahrnehmen. Eine weitere Ausnahme wird weiter unten erwähnt werden.
    12) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 42f.
    13) WUNDT, Logik II, Seite 482.
    14) Bei BRENTANO und WUNDT schleicht sich die von ihnen prinzipiell verworfene Selbstbeobachtung noch in einer anderen Maske ein. Beide heben hervor, daß die letzte Quelle des psychologischen Erkennens in der inneren Wahrnehmung liegt und beide wollen diese von der Selbstbeobachtung streng unterschieden wissen (BRENTANO, Psychologie, Seite 35; WUNDT, Logik II, Seite 482; Essays, Seite 136 und 180). Indessen verstehe ich nicht, wie die "innere Wahrnehmung" Grundlage unseres Erkennens werden kann, wenn sich nicht die unterscheidende und fixierend Aufmerksamkeit auf den Inhalt der inneren Wahrnehmung gelenkt hat, d. h. die innere Wahrnehmung zur Selbstbeobachtung verschärft worden ist. Jene Hinlenkung der Aufmerksamkeit kann aber entweder durch eine Vermittlung der Erinnerung oder ohne diese geschehen. Käme diese Verschärfung zur Selbstbeobachtung nicht hinzu, so bliebe die innere Wahrnehmung ohne jede Kontrolle und wäre daher vor Selbsttäuschung in keiner Weise geschützt. WUNDT meint zwar, daß es Hilfsmittel von objektiver Beschaffenheit gibt, mit denen sich die innere Wahrnehmung zur Ausbildung wissenschaftlicher Methoden verbindet, und er findet diese Hilfsmittel im psycho-physischen Experiment, in der vergleichend- und in der historisch-psychologischen Untersuchung (Logik II, Seite 483). Allein diese Hilfsmittel würden durch die innere Wahrnehmung, bevor diese sich nicht zur Selbstbeobachtung geläutert hat, vielmehr der Gefahr des Subjektiven im höchsten Grad ausgesetzt. Erst durch die auf dem Weg der Selbstbeobachtung an sich selbst schon zuverlässig gewordene innere Wahrnehmung lassen sich jene Hilfsmitte zu objektiven Methoden ausbilden.
    15) vgl. mein Buch "Erfahrung und Denken", Seite 55f.
    16) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, Seite 469 und 471f. LANGE schwebt bei seinem Kampf gegen die Selbstbeobachtung eine seltsame und wohl mehr in seiner Einbildung als in der Wirklichkeit existierende Spezies von Psychologen vor: Psychologen nämlich, welche nichts tun als die Lupe ihrer Aufmerksamkeit grüblerisch auf ihr eigenes Bewußtsein zu richten. Die folgende Darlegung wird zeigen, daß es von LANGE recht unbesonnen war, die "berüchtigte" Selbstbeobachtung in der angedeuteten Weise zu verwerfen, da die richtige Anwendung der Selbstbeobachtung vielmehr zu einem ausgebreitetsten Kennenlernen der fremden Bewußtseinsvorgänge führt.
    17) Der Weg, den das schließende Denken des Psychologen hier zurückzulegen hat, ehe es bis zu den fremden Bewußtseinsvorgängen vordringt, ist viel weiter und schwieriger. Im vorigen Fall kam es lediglich darauf an, den Inhalt, den Sinn der sprachlichen Äußerungen zu verstehen; ist dies erreicht, so sind die fremden Bewußtseinsvorgänge nacherzeugt. Und noch dazu sind es in der regel wichtige, individuell interessante oder typisch bedeutsame Vorgänge, zu deren Kenntnis wir auf diesem kurzen und sicheren Weg gelangen. Ganz anders verhält es sich, wo uns Mienen, Gebärden, Handlungen und sprachliche Äußerungen naiver Art (wie ich sie kurz nennen will) als Erfahrungsgrundlage vorliegen. Wenn hier der Inhalt aufgefaßt ist, so sind damit die fremden Bewußtseinsvorgänge noch lange nicht erschlossen; sondern jetzt beginnt erst die schwierige Aufgabe. Diese besteht darin, zu erkennen, welcherlei Bewußtseinsvorgänge es sind, die sich im Inhalt jener Mienen, Gebärden, Handlungen und Worte aussprechen; wozu noch kommt, daß diese Erfahrungsgrundlagen uns zum großen Teil auf unwichtige, dem Psychologen gleichgültige Bewußtseinsvorgänge führen und daher unter ihnen erst eine zweckmäßige Auswahl und Zusammenstellung getroffen werden muß.
    18) SIGWART, Logik II, Seite 168. 19)
    19) WUNDT, Logik II, Seite 491-501; Essays, Seite 145f und 182f.
    20) F. A. LANGE sieht über die Schwierigkeiten völlig hinweg, die der Tierpsychologie, den Versuchen an Neugeborenen und der Völkerpsychologie anhaften. Ja er stellt diese drei Forschungszweige, wozu sich - es ist fast unglaublich - noch die Statistik gesellt, also die wahrhaften Grundlagen einer exakten Psychologie hin. Es kommt ihm also nicht in den Sinn, daß erst eine verhältnismäßig ausgebildete Erforschung der Bewußtseinsvorgänge des entwickelten Menschen die wissenschaftliche Verwertung jener Erscheinungsgebiete möglich macht, ja daß ohne eine solche Kinder, Tiere, Völker nichts als sinnlose aphysische Tatsachen liefern.
    21) WUNDT, Essays, Seite 153; Logik II, Seite 483.
    22) Vor allem bei WUNDT und in allgemeinster Hinsich auch bei BRENTANO (Psychologie, Seite 47f). VOLKMANN hebt in einseitiger Weise das Unsichere dieser indirekten Erkenntnis hervor (Psychologie, Bd. 1, Seite 43f).