p-4p-4p-4p-4cr-2U. DiemB. KerryJ. H. WitteR. Kroner    
 
MAX BROD / FELIX WELTSCH
Anschauung und Begriff
[Grundzüge eines Systems der Begriffsbildung]

"Eine ursprüngliche Anschauung nur schwer, vielleicht gar nicht beobachtet werden, sofern man das Wort ursprünglich im strengsten Sinn nimmt. Denn in dem Zeitpunkt, in dem das Seelenleben einer direkten Beschreibung durch Introspektion zugänglich wird, sind schon längst hohe Begriffe ausgebildet, ja diese Selbstbeobachtung vollzieht sich vielleicht schon mittels gewisser Begriffe oder gar nur in Begriffen, so daß dann die Vermutung, die schon fertigen Begriffe hätten auf das ursprüngliche anschauliche Material eingewirkt, nicht mehr abgewiesen werden kann; auch dann nicht, wenn sich eine solche Einwirkung der unmittelbaren Beobachtung entzieht."

"Man fasse nur für eine Weile, vor eine Landschaft tretend, den Entschluß, keine sogenannte Brücke, keinen sogenannten blauen Himmel, keinen Fluß, keine Häuser zu sehen, nicht daran zu denken, wie diese Dinge genannt werden, auch nicht, wozu sie dienen, wie sie sich aus der Nähe betrachtet ausnehmen, und Ähnliches. Wenn man also wirklich für einen Moment diese begriffslose Anschauung erleben wollte, wozu erfordert wird, daß der Betrachter auf das sich einmalig und gegenwärtig Darbietende eingeschränkt bleibt, ohne es durch eine Verknüpfung mit früheren Erlebnissen auch nur im Geringsten deuten zu wollen. Der bloße Entschluß kann diese vorbegriffliche Anschauung nicht zustande bringen, denn da bleibt es eben immer fraglich, ob er auch die Kraft hat, sämtliche von früheren Erfahrungen an der sinnlichen Anschaulichkeit vorgenommenen Modifikationen jemals wieder rückgängig zu machen."

"Wir haben wir es recht eigentlich der Stumpfheit unserer Sinne zu verdanken, daß die Welt von Anfang an nicht in ein vibrierendes, anknüpfungsloses, allzu buntes Chaos zerstäubt, sondern sich vermöge einer nur scheinbaren, dem großen Blick vorgetäuschten Gleichheit einzelner Teile durch die Hervorhebung dieser Teile zu ordnen beginnt."


Einleitung

Nicht leicht wird man gegenwärtig eine Abhandlung aus dem Gebiet selbst der beschreibenden und durchaus nicht spekulativen Psychologie lesen, ohne letztenendes auf ein Problem zu stoßen, das sich in mannigfacher Formulierung, am kürzesten etwa als das von "Form" und "Stoff" des Bewußtseins bezeichnet, einstellt. Gewisse Tatsachen des Bewußtseins sind nämlich dem Subjekt in einer unmittelbaren, gleichsam naiven Weise gegenwärtig oder, wie andere behaupten, müssen zumindest als in solcher Art ehemals gegenwärtig erschlossen werden; andere tragen deutlich das Gepräge mehr oder weniger intensiver psychischer Verarbeitung an sich. - Um von den vielen Gestaltungen dieses Problems eine ganz deutliche als Beispiel vorzuführen, sei HARALD HÖFFDING ("Der menschliche Gedanke, seine Formen und seine Aufgaben") zitiert. Er unterscheidet das "unwillkürliche Seelenleben in seiner unmittelbaren Entfaltung" als einen "Strom, ein Hingleiten mannigfacher Erlebisse", wobei sich das Ich nur aufnehmend verhält, und als zweite Gruppe der psychischen Erlebnisse das "Nachdenken" mit dem Kennzeichen, daß es ein zeitlich vorausgehendes unmittelbares Erlebnis voraussetzt, charakterisiert durch unsere Aktivität, durch Zerlegung, Vergleich, Isolierung und Synthese des dargebotenen Bewußtseinsmaterials. - Die genaue Abgrenzung zwischen diesen beiden Bereichen des Spontanen und der Rezeptitivität ist es, die in jeder psychologischen Arbeit, selbst dann, wenn sie wie der vorliegende Versucht jeder erkenntnistheoretischen und ontologischen Frage geflissentlich ausweicht, aus dem Gebiet der reinen Deskriptive unwiederstehlich in das der Theorien und Zusammenfassungen drängt; können ja selbst die entschlossensten Anhänger der empirischen Richtung, sobald sie nur von der Aufspeicherung ihrer Versuchsreihen zu einer Deutung und Resultierung übergehen, dieses Problem nicht vermeiden, das wir deshalb als das deskriptiv-psychologische Problem kat exochen [schlechthin - wp] ansprechen möchten. Es gibt eben, wie es scheint, nicht nur im Gegenstand, sondern auch in der Methode der Psychologie einen Punkt, an dem der Sprung vom bloßen Rezipieren zur Spontaneität gewagt werden muß.

Die Gegensätze nun, die dieses Problem in den mit ihm beschäftigten Köpfen hervorbringt, sind in unseren Tagen die denkbar entschiedensten geworden, was umso folgenschwerer ist, als die Frage selten um ihrer selbst willen, sondern meist in Verbindung mit ihren Derivaten [Ableitungen - wp], dem Erkenntnisproblem und dem ethischen Problem und in Absicht auf diese anfgeworfen und behandelt wurde. Wir finden, daß auf der einen Seite (Neu-Kantianer) das unmittelbare Erlebnis, das "Gegebene", nur insofern für wesentlich, für erkennbar gehalten wird, als es in die Formen des menschlichen Denkens bereits eingegangen ist, Ordnung und Destillation in Merkmale und Gesetze erfahren hat; während die andere Partei, die "den Reichtum der menschlichen Natur liebt" (JAMES), das Analysieren als überflüssig, wo nicht als schädlich ansieht, und mit BERGSON erklärt, daß eine Erkenntnis nicht durch Thesis und Antithesis der Begriffe, sondern nur durch "Intuition", durch Eintauchen in den ungegliederten Strom des Bewußtseins möglich wird.

Ein Meinungsaustausch zwischen Anhängern der beiden Richtungen mit befriedigender wissenschaftlicher Lösung hat unseres Wissens noch nicht stattgefunden; dazu sind vielleicht die Grundansichten gar zu sehr entgegengesetzt und förmlich unvereinbar (1). Auf beiden Seiten wird eifrig in den angegebenen Richtlinien, eigentlich ohne Rücksicht auf die ganz entgegenstehende Wertung der Gegner, gearbeitet und man hat alle Grund, die Liebe und Überzeugung zu bewundern, mit der Systeme ausgefeilt werden, deren Grundlagen sich durch so gewichtige Argumente gegenseitig bedroht fühlen könnten.

Umso lebhafter ist die Diskussion auf dem mittleren Gebiet der teilnehmenden Literaten, denkenden Laien und populären Darsteller geworden. Hier ist es natürlich nicht das deskriptive Problem, sondern fast ausschließlich seine ethische und erkenntnistheoretische Fassung, welche die Gemüter aufregt. Dadurch erhält die Debatte eine affektive Betonung, sie wird zur Herzenssache und das äußert sich, wie nicht anders vorhergesehen werden kann, in einer womöglich noch entschiedeneren Unterstreichung der Gegensätze. Die Freunde der Analyse wollen nun gar nichts mehr von einem dumpfen verschwimmenden Erlebnis wissen, ihr Schrei nach Reinlichkeit und lateinischer Klarheit ist zugleich ein Verachtungsruf gegen jede halbunbewußte, dämmernde, in sich geduckte Begeisterungswelt. An Überschätzung der eigenen Vorliebe und Unterschätzung des gegnerischen Standpunkts geben ihne aber die "Unmittelbaren" nichts nach, ja der unparteiische Beobachter wird finden, daß sie in den letzten Jahren merklich aggressiv geworden sind und mit einer gewissen triumphierenden Selbstzufriedenheit alle Logik, alles Rationalistische für überwunden erklären, daß sie auf eine besonders freudig hervorgehobene Unerklärlichkeit des Lebens [rick22] als auf den unzerstörbaren Bestand ihres Reiches pochen, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen "Leben" und "Begriff" für festgestellt halten. - Der Sieg in diesem Kampf, soweit man in einem so unorganisiert und mit so wenig wissenschaftlichem Aufwand geführten Disput überhaupt von Sieg sprechen kann, scheint sich dann auch der zweiten Gruppe zuzuneigen. Jedenfalls gewinnt sie stetig und besonders in den höheren geistigen Kreisen an Boden und man kann schon heute sagen, daß sie bei allen nicht ganz Unbefangenen den Rationalismus in Mißkredit gebracht hat. Man wagt kaum mehr, ihn zu verteidigen. Der tiefere Grund dieser Wendung unseres ganzen Zeitalters zur Mystik mag auf einem ganz anderen Gebiet, vielleicht auf dem der sozialen Mißstände, in einem Protest der gepeinigten Seele gegen den zunehmenden Materialismus zu suchen sein, im Sinne GOETHEs etwa:
    "Das Leben, so gemein es aussieht, so leicht es sich mit dem Gewöhnlichen, Alltäglichen zu befriedigen scheint, hegt und pflegt doch immer gewisse höhere Forderungen im Stillen fort, und sieht sich nach Mitteln um, sie zu befriedigen."
Das für jeden Menschenfreund Tröstliche dieser Bewegung läge dann in ihrem Auschwung, ihrer Energie und man könnte ihr aus diesem Grund, da sie dem Wesen nach fortreißend sein muß, ihre oft besinnunslose Heftigkeit zugute halten. Denn abstrakte Theorien sind es gewiß nicht und dürfen es ja auch nach Ansicht dieser Partei nicht sein, die ihre Anhänger auf allen Gebieten zu immer schärferen Attacken gegen die Geltung von Begriffen und ruhiger Wissenschaftlichkeit hinreißen. So wird erklärt, daß dem bisherigen Denkbetrieb gerade das einzig Wesentliche, das Fließende der Dinge entgeht, der Vitalismus bekämpft jede fixierte Formel des Daseins, eine schwärmerische Relitiosität verhöhnt jede nüchtern-praktische Motivation des Handelns, die Theosophie erhebt neue geistige Sinne über die körperlichen, die von uns an einem anderen Ort als "Essaismus" gekennzeichnete Art des Schrifttums will die Grenzen zwischen dichterischer und philosophischer Betrachtungsweise verwischen, die Folgerungen für eminente Tagesprobleme wie z. B. für die Kunstkritik, die Rassenpolitik, bleiben nicht aus. Überall wir das "Echte" in Gestalt des Unkontrollierbaren, Dumpfen, Gefühlten, ahnungsvoll Erfaßten dem mühevoll Entwirrten und Auseinandergelegten vorgezogen; ja das schlichte Erkennenwollen, das Messen und Abwägen bekommt allmählich, obwohl es im Ansturm gegen diese Modeströmung eher einen heroisch-trotzigen Glanz verdient, die lächerliche Farbe des Philiströsen und Faden.

Auf dieses Schlachtfeld eines scheinbar fast schon entschiedenen und deshalb umso erbitterteren Kampfes sind wir (wenn es nun erlaubt ist, von einer allgemeinen Weltbetrachtung den Gedanken ins Persönliche zurückzuziehen) eigentlich ganz unschuldig und nichts ahnend geraten. Wir hatten alles andere eher im Sinn als den gefährlichen Boden der Kontroverse von Verstand und Herz zu betreten und uns am Ende von der einen Front "Verschrobenheit" und zugleich von der anderen "Seichtheit" zurufen zu lassen. Wir wollten uns vielmehr in aller Kühle, angeregt durch den speziellen Fall eines terminologischen Streits, das durch Realismus, Nominalismus und Konzeptualismus seit alter Zeit genugsam verwirrte, aber noch nicht aufgelöste Rätsel des Allgemeinen, des Begriffs klar machen und es war zunächst nur das eine unsere Absicht: die logischen Funktionen des Begriffs zu verstehen. In der Folge schieden wir hiervon möglichst scharf das psychologische Begriffserlebnis und waren darauf bedacht, auch im weiteren Fortgang unserer Arbeit, so oft sich auch die Verlockung dazu einstellte, niemals aus einem logisch konstruktiven Postulat wie "Dies muß ein Begriff leisten, um Begriff zu sein" abzuleiten, daß der Begriff wirklich in der gewünschten Art erlebt wird; sondern wir suchten jedesmal dem faktisch Beobachtbaren nur durch Beobachtung nahe zu kommen. Beim gewissenhaften Einhalten dieser Abgrenzung (wie sie sich uns vorbildlich in den Werken BRENTANOs und MARTYs bot) vollzog sich nun der Eintritt unserer Beobachtung in das große Gebiet der psychischen Bewußtseinszustände und es zeigte sich unaufhaltsam, daß der Begriff, wie wir von ihm in seiner wissenschaftlich prägnanten Form ausgegangen waren, nur die Spitze einer Pyramide war, deren breite Basis tief im Reich der anschaulichen, ja der halbunbewußten Vorstellungen wurzelte. Wir erkannten im Begriff bald die oberste Klasse jener seelischen Verarbeitungen, die das "Gegebene" modifizieren, und es scheint uns, als hätten wir mit ziemlicher Vollständigkeit die Gesamtheit der Mittelglieder aufgedeckt, die zwischen ihm und dem Rohstoff der Anschauung liegt. Einen nicht zu vernachlässigenden Einschnitt in dieser Reihe mußten wir allerdings konstatieren, eine Stelle, an der die sonst so ebenmäßigen Übergänge eine gewisse Einkerbung, wenn auch keinen Riß, zeigen; doch legen wir diese Grenze nicht in die gewohnte Gegend zwischen Anschauung und Begriff, sondern mitten in das Begriffserlebnis hinein, zwischen den anschaulichen und en wissenschaftlichen Begriff (die Bedeutung dieser Termini kann erst in den weiteren Ausführungen klar werden) und finden zwischen vorbegrifflicher Anschauung und anschaulichem Begriff nur den Unterschied von Nuancen. Diese Ansicht beruth auf unseren Untersuchungen über das vorbegriffliche Erleben, über Gleichheitseffekt und Aufmerksamkeit, und wäre namentlich ohne genaue Beschreibung und möglichste Weiterverfolgung des "Verschwommenheitsphänomens" unmöglich gewesen, wobei letztere unserer Arbeit so zentral liegt, daß wir in manchem Stadium unserer Überlegungen versucht waren, das Buch als eine "Monographie über verschwommene Vorstellungen" aufzufassen. Wir sind uns wohl bewußt, daß wir gerade auf diesem Gebiet bedeutenden Forschern in der neueren englischen Philosophie (MILL, GALTON, HUXLEY, ROMANES), in der jüngsten Theorie (vornehmlich HEINRICH GOMPERZ und CORNELIUS) und Experimentalpsychologie (WERTHEIMER, die KÜLPE-Schule) zu großem Dank verpflichtet sind. Wir möchten diesen Dank am liebsten dadurch abtragen, daß wir eine Spanne auf ihrem Weg zur Erkenntnis weiterschreiten. Hierbei dürften wir dadurch, daß wir auch der Erklärung des "Nennens", der "Relationen", der "Gestaltqualitäten" und der "Gedanken" die von uns weiterausgebildete Theorie der "verschwommenen Vorstellungen" zugrunde legen, die Einsicht in den Zusammenhang der dargestellten Erscheinungen gefördert, ja vielleicht die letzte Lücke, die bisher die Reihe zwischen Anschauung und Begriff noch unterbrach, geschlossen haben. Durch die Herstellung dieser Kontinuität gewinnt natürlich gerade der Mittelteil der Reihe, der des "anschaulichen Begriffs" (mit dem Symbol: (A + x) aus später zu erörternden Gründen belegt), an Länge wie an allgemeiner Bedeutung für das menschliche Geistesleben und weitet sich zu einem hundertgestaltigen, sehr komplexen Bereich, für den die eingangs aufgestellte Dichotomie [Zweiteilung - wp] von "Material" und "Verarbeitung" viel an ihrer Schärfe, ja an ihrem Sinn verliert.

Und nun stünden wir also nach langem Weg vor der Entscheidung: Mystik oder Ratio. Wie man sieht, sind wir zu diesem Problem, das wir oben das deskriptiv-psychologische kat exochen genannt haben, wirklich nur mit der bescheidenen Absicht, Psychologie zu treiben, gekommen und nicht in der Hoffnung, hier einige metaphysische oder moralische Schwierigkeiten im Handumdrehen verschwinden zu machen. So dürfen wir für unsere Arbeit wohl den Vorzug in Anspruch nehmen, daß sie von Rücksichten auf eine Schlußpointe ganz frei ist: den Vorzug der Unvoreingenommenheit. Unser Resultat, das wir vonehmlich in den Schlußkapiteln darstellen, dürfte dann auch Hitzköpfen beider Teile ziemlich ärgerlich sein, obwohl es beileibe keine der so beliebten "vermittelnden Stellungen" ist. Wir glauben nämlich, der anschauenden und der zergliedernden Grundfunktion des menschlichen Geistes, sowie ihren mannigfachen Kombinationen abgesonderte Wirkungsgebiete und eigne Vorzüge, aber jeder auch eigene Mängel zuschreiben zu müssen. Wir ziehen Grenzen, die sich freilich nicht wie die zwischen den Staaten auf der Landkarte von Nordamerika als geometrische Gerade einschneiden, sondern deren launischer Zickzack sorgfältig verfolgt und mit durchaus geduldigem Blut, ohne Schlagworte und ohne Rücksicht auf die damit verbrachte Zeit abgesteckt sein will. Einen kürzeren Ausdruck für diese Grenze als die vorliegende Arbeit konnten wir nicht finden.



Erstes Kapitel
Die vorbegriffliche Gesamtanschauung

Bei der Betrachtung unserer seelischen Erlebnisse finden wir bald, daß in vielen (vielleicht in allen) ein Komplex enthalten ist, dessen Abhängigkeit von unseren Sinnen (dem äußeren und dem inneren) außer aller Frage steht; diesen Komplex nennen wir das "anschauliche Material". Eben wegen dieser Abhängigkeit von den Sinnen, die von uns jederzeit beobachtet und kontrolliert werden kann, hat dieser Komplex für uns etwas Vertrautes und Sicheres, scheint gleichsam von kräftiger Konstitution als die komplizierteren Gebilde des Seelenlebens. Jedenfalls würde es für viele Probleme, vornehmlich für das tiefere Verständnis des begrifflichen Denkens ersprießlich sein, wenn man zunächst einmal den Komplex des anschaulichen Materials isolieren, also die menschliche Seelentätigkeit auf die pure Anschaulichkeit beschränkt vorstellen könnte. - Die Schwierigkeiten zeigen sich bald: es kann nämlich eine solche ursprüngliche Anschauung nur schwer, vielleicht gar nicht beobachtet werden, sofern man das Wort "ursprünglich" im strengsten Sinn nimmt. Denn in dem Zeitpunkt, in dem das Seelenleben einer direkten Beschreibung durch Introspektion [Selbstbeobachtung - wp] zugänglich wird, sind schon längst hohe Begriffe ausgebildet, ja diese Selbstbeobachtung vollzieht sich vielleicht schon mittels gewisser Begriffe oder gar nur in Begriffen, so daß denn die Vermutung, die schon fertigen Begriffe hätten auf das ursprüngliche anschauliche Material eingewirkt, nicht mehr abgewiesen werden kann; auch dann nicht, wenn sich eine solche Einwirkung der unmittelbaren Beobachtung entzieht.

Die Frage nun, die sich am Anfang unserer Untersuchungen aufdrängt, ob und wie die ursprüngliche Anschauung erlebt werden kann, kann gleichwohl erst ganz am Schluß behandelt werden. Für jetzt wollen wir vorsichtshalber die ursprüngliche oder, wie wir sie nennen, die "vorbegriffliche Anschauung" nur als Hypothese einführen. (Der Terminus ist dadurch berechtigt, daß er auf die Begriffslosigkeit des Erlebnisses als auf seine hervorstechendste Eigenschaft hinweist, ferner erscheinen auch alle die andern ordnenden Eingriffe, denen sich diese Anschauung nebst den Begriffen entzieht, einer fortgeschrittenen Betrachtungsweise als Schritte zum Begriff hin.) Diese Konstruktion des Vorbegrifflichen wird nichtsdestoweniger des Wertes nicht ermangeln und ihn daraus ziehen, daß sie in ihrer Entwicklung die komplizierten Tatsachen des beobachtbaren Bewußtseins letztenendes vollständig erklärt, ohne zu diesem Fortschritt anderer als der bekannten oder doch sonst erweislichen psychologischen Gesetze zu bedürfen. Sie wird sich ferner auf Analogien aus dem entwickelten, von Begriffen durchsetzten Bewußtsein in solchen Fällen stützen können, in denen die Einwirkung der Begriffe auf die Anschauung als gering vernachlässigt werden kann oder für Momente ganz aufgehoben ist. In beschränktem Maße werden auch Resultate der Kinderpsychologie und der Psychologie der Naturvölker verwendbar sein.

Die genetische Frage, ob es angeborene Begriffe gibt, so selbstverständlich mit dieser Konstruktion einer vorbegrifflichen Anschauung nicht erledigt werden. Allerdings wäre es nicht ohne Einfluß auf ihre Beantwortung, wenn die Ableitung des gesamten entwickelten Begriffserlebnisses aus der vorbegrifflichen Anschaulichkeit mit Hilfe anerkannter Gesetze und ohne Zuhilfenahme von unabhängigen angeborenen Begriffen gelänge. -

Es handelt sich also darum, eine von allem Begrifflichen unberührte sinnliche Anschauung, einerlei ob sich eine solche im Werdegang einer Menschenseele jemals auffinden läßt oder nicht, zu beschreiben: eine Problemstellung, die der kantischen Grundunterscheidung von Spontaneität und Rezeptivität verwandt ist. Vgl. KANT, "Kritik der reinen Vernunft", zweite Auflage, § 15:
    "Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben werden, die bloß sinnlich d. h. nichts als Empfänglichkeit ist, und die Form dieser Anschauung kann a priori in unserem Vorstellungsvermögen liegen ohne doch etwas anderes, als die Art zu sein, wie das Subjekt affiziert wird. Allein die Verbindung (conjunctio) eines Mannigfaltigen überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen ..."
Im Weiteren ist jedoch KANTs Interesse nur auf diese conjunctio gerichtet, so daß gerade für die Beschreibung der vorbegrifflichen Anschauung, des "Gegebenen", seinem Hauptwerk nichts entnommen werden kann.

Diese Beschreibung nun würde man sich allzu leicht machen, wenn man, etwa vor eine Landschaft tretend, für eine Weile den Entschluß faßte nun einmal keine sogenannte "Brücke", keinen sogenannten "blauen Himmel", keinen Fluß, keine Häuser zu sehen, nicht daran zu denken, wie diese Dinge genannt werden, auch nicht, wozu sie dienen, wie sie sich aus der Nähe betrachtet ausnehmen, und Ähnliches. Wenn man also wirklich für einen Moment diese begriffslose Anschauung erleben wollte, wozu erfordert wird, daß der Betrachter auf das sich einmalig und gegenwärtig Darbietende eingeschränkt bleibt, ohne es durch eine Verknüpfung mit früheren Erlebnissen auch nur im Geringsten deuten zu wollen. Der bloße Entschluß kann diese vorbegriffliche Anschauung nicht zustande bringen, denn da bleibt es eben immer fraglich, ob er auch die Kraft hat, sämtliche von früheren Erfahrungen an der sinnlichen Anschaulichkeit vorgenommenen Modifikationen jemals wieder rückgängig zu machen. Ebenso fruchtlos bleibt der Versuch, die vorbegriffliche Anschauung zu erzwingen, indem ein recht kompliziertes und dem abstrakten Verständnis nicht erschlossenes Objekt, z. B. das Innere einer großen Maschinenfabrik oder etwa ein ganz unbekanntes, nie zuvor gesehenes Ding der Betrachtung zugeführt wird. Denn auch dann, wenn ein solcher Gegenstand nicht verstanden und nicht in allen seinen Teilen gewürdigt werden kann: jedenfalls wird er als "Gegenstand", als "Ding" aufgefaßt und auch sonst mit mannigfachen Stempeln unserer bisherigen Erfahrung versehen. Wie durchgreifend diese Erfahrung, auch die scheinbar anschaulichste, von Begriffserlebnissen umgestaltet ist, wird sich im Verlauf der Untersuchung ergeben (5. Kapitel). Mit Entschiedenheit ist also festgestellt: Die vorbegriffliche Anschauung läßt sich aus der entwickelten durch einfache Subtraktion nicht gewinnen.

Auch SCHOPENHAUER, der in dieser Frage sehr radikal vorgeht, läßt noch der vorbegrifflichen Anschauung zuviel Begriffliches beigemischt. Nachdem er nämlich alle Anschauung als eine "intellektuale" bezeichnet und den Träger dieser intellektualen Funktion als "Verstand" ausgesondert hat, fährt er fort ("Über das Sehen und die Farben", § 1):
    "Könnte jemand, der vor einer schönen weiten Aussicht steht, auf einen Augenblick allen Verstandes beraubt werden, so würde ihm von der ganzen Aussicht nichts übrig bleiben als die Empfindung einer sehr mannigfaltigen Affektion seiner Retina, den vielerlei Farbenflecken auf einer Malerpalette ähnlich, - welche gleichsm der rohe Stoff ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene Anschauung schuf."
Wir sagen: geht nicht die Mannigfaltigkeit dieser Affektion schon über das hinaus, was als roher Stoff ursprünglich gegeben ist? Ist diese Mannigfaltigkeit nicht vielleicht schon das Ergebnis einer intellektualen Arbeit, einer Analyse? - Nebenbei sei bemerkt, daß SCHOPENHAUER an dieser Stelle in einer anderen Richtung zu weit geht, indem er gleichsam einen Längsschnitt durch die Anschauung zieht und auf die eine Seite die phänomenale Anschauung, auf die andere den zugrunde liegenden physiologischen Vorgang (das Netzhautbild), der als solcher gar nicht Gegenstand der Psychologie sein kann, verweist.

Wir kehren zum Anfang des Kapitels zurück und verstehen nun die Schwierigkeiten, mit denen der Versuch einer Isolierung des anschaulichen Materials aus dem entwickelten Seelenleben seinem Wesen nach zu kämpfen hat. Ja, wir haben einen tiefen Verdacht gegen dieses entwickelte Seelenleben gefaßt in der Beziehung, daß wir beinahe alle seine Phänomene auf eine spätere Durcharbeitung und beinahe nichts auf das ursprünglich Dargebotene zurückzuführen geneigt sind. Können wir uns doch vom Entstehen der meisten präsenten Seelengebilde Rechenschaft ablegen, ihren Entwicklungsprozeß verfolgen (und die weitere Untersuchung soll gerade diese Einsicht vergrößern), so daß wir nach einer Beobachtung des Werdens zur Feststellung gezwungen sind, daß das Gewordene nur ein sehr mittelbares Abbild des anfänglich Dagewesenen sein kann. - Dieser Richtung entgegengesetzt zeigt sich jedoch in der Wissenschaft (insbesondere seit LOCKE) oft eine Auffassung, die im ursprünglich Gegebenen eigentlich genau dasselbe wie in dem nachmals begrifflich Erfaßten sieht, mit alleiniger Ausnahme dessen, daß vorher nur die einzelnen Qualitäten, reinlich gesondert aber unbenant, aufgefaßt werden, wozu nachträglich noch die Namen wie: rot, blau, blaß, laut, der Ton c - und die entsprechenden Begriffe kommen. Es ist also gleichsam (nach dieser Ansicht) die vorbegriffliche Welt für die merkmalsmäßig-begriffliche Nomenklatur auf das Beste vorbereitet und eingeteilt, von Anfang an so gegliedert, wie sie uns erscheint, so daß die vorbereitete Anschauung und der spätere Begriff wie zwei kongruente Figuren in allen Details zueinander passen.

Eine Stütze dieser Ansicht scheint es, daß die Sinne uns Einzelqualitäten darbieten, offenkundig zur Aufnahme differenter Eindrücke gerichtet sind. Doch diese Betrachtung ist als rein physiologische abzulehnen. Für den Psychologen beginnt das Problem erst weit später, nachdem die Sinneseindrücke schon gewirkt haben, wenn also deren psychologische Gegebenheit anfängt. Und für diese letztere macht es gar nichts aus, in welcher Weise die physiologische Reizung stattgefunden hat. Daher kommt auch die Beschreibung KANTs, der die Anschauung aus einer sukzessiven Vereinheitlichung und Bearbeitung des simultan gegebenen Mannigfaltigen hervorgehen läßt, für die Psychologie nicht in Betracht, a diese vereinheitlichende Bearbeitung keineswegs beobachtbar, sondern auch bei KANT Ergebnis einer Überlegung, zeitlich und inhaltlich eine Tatsache außerhalb des psychologischen Forschungsgebiets ist.

Der These, die aus der ursprünglichen Anschauung ein Mosaik unbenannter Einzelqualitäten macht, widerspricht die Selbstbeobachtung. Wir können nämlich sehr wohl unsere entwickelte Anschauung gleichsam herausschrauben, künstlich herabspannen; auch führen uns oft gegen und ohne unseren Willen Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit tiefer gegen den Urzustand zurück, wenn er auch (wie dargelegt) exakt nicht erreicht werden kann. Dabei zeigt sich aber immer, daß nicht nur die Begriffe und Namen entschwinden, während die ganze Anschauung in ihrem Reichtum etwa unverändert bliebe: sondern die ganze Anschauung macht ein Wandlung zur Einheit, zum Ungegliederten durch. Umgekehrt erfahren wir bei einer Verstärkung unserer psychischen Anspannung, daß nicht allein die Zusammenfassung von gegebenem Einzelnen zu einem Ganzen, sondern vornehmlich die Gliederung eines bisher undurchgearbeiteten Ganzen in neue Details die wesentliche Folge diser Anspannung ist. Auch die Beobachtung jeder gegenwärtigen Anschauung weist auf, daß Komplexe und nicht Einzelqualitäten in ihr gegeben sind; ja solche letzte Einzelqualitäten sind vielleicht bloß konstruierbar, aber nie erfahren. Dies alles führt uns zwingen zu der Annahme, daß eine einheitliche ungegliederte Gesamtanschauung, in der die einzelnen Teile voneinander noch nicht unterschieden werden, die ursprüngliche Anschauung darstellt. Diese Gesamtanschauung hätten wir uns gleichnisweise wie den Eindruck vorzustellen, den ein kompliziertes Musikstück beim ersten Anhören auf einen wenig musikalischen Menschen macht, in dem aus dem Schwall gleichförmiger Reize nichts Distinktes hervortritt. Seine experimentelle Bestätigung findet dieser Satz in den Untersuchungen PREYERs ("Die Seele des Kindes", der die auffallend lange Zeit feststellte, während der ein Kind die einfachen Farben "grün" und "blau" nicht voneinander unterscheidet. Sehr prägnant benannte das Kind die ihm vorgelegten Farben (bzw. seine vorbegriffliche Anschauung dieser Farben) als "gar nichts". (PREYER, a. a. O., Seite 11)

Die Überzeugung, daß unser psychisches Leben mit einer ungegliederten Gesamtanschauung und nicht mit den Einzelqualitäten beginnt, hat sich in der neueren Psychologie bereits Bahn gebrochen. Mit aller Schärfe wendet sich CORNELIUS ("Psychologie als Erfahrungswissenschaft", Seite 117) gegen eine
    "falsche atomistische Psychologie, welche von von einem Aufbau unserer Erlebnisse aus einzelnen einfachen Elementen - Empfindungen und Vorstellungen - redet, als ob diese letzteren das primär Gegebene und die komplexen Erlebnisse erst sekundäre Produkte der Zusammensetzung solcher Teile wären".
Ähnlich spricht sich derselbe in seinem Arbeiten "Über Verschmelzung und Analyse", "Psychologische Prinzipienfragen" (Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 43, Heft 1 und 2) aus, er statuiert als unmittelbar gegeben ein "Gesamterlebnis". Ähnliche Formulierungen finden sich u. a. bei JAMES ("Psychologie", Seite 148f). LIPPS ("Leitfaden der Psychologie", Seite 70), HARALD HÖFFDING ("Der menschliche Gedanke", Seite 13f), HEINRICH GOMPERZ ("Weltanschauungslehre I, Seite 117 und 322, EBBINGHAUS ("Grundzüge der Psychologie", Bd. I, Seite 10).

Immerhin muß sofort nach der Erkenntnis dieser ursprünglichen Gesamtanschauung zugegeben werden, daß bei einer späteren Gliederung ihre Teile (Einzelheiten) nicht etwa erfunden, von anderswoher zugetragen, sondern in einem Ganzen vorgefunden, als darin enthalten erfaßt werden. Diese Komplikation des Problems wird genau zu untersuchen sein. Zunächst: wie und wodurch kommt die allmähliche Gliederung der Gesamtanschauung zustande?

Da bietet sich nun als nächstliegende Möglichkeit, daß eben die Verschiedenheit der Qualitäten, die freilich erst später erfaßt wird, den Anlaß zur Gliederung in Einzelqualitäten geben könnte. Man könnte glauben, daß das Kind der Reihe nach auf die verschiedenartigen Qualitäten aufmerksam wird, indem es ihnen seine Seele nicht anders zuwendet, als ein Dampfer mittels seines Scheinwerfers ein Seeufer absucht. Die "Aufmerksamkeit" wäre also die treibende Kraft, die ohne weiteres Zutun der Objekte, ohne andere nachweisbare Bedingung äußer den qualitativen Differenzen, einfach aus sich selbst heraus, die dunkle Masse der Gesamtanschauung in Einzelheiten auflöst.

Gewiß gibt es Fälle, in denen eine Einzelqualität auch schon vorbegrifflich aus der Gesamtanschauung hervortritt und als hervortretend erfaßt wird. In diesen Fällen ist aber außer der objektiven Verschiedenheit dieser Einzelqualität von ihren Nachbarinnen auch noch entweder ihre besonders starke Intensität oder ihre Gefühlsbetonung, die wohl meist auf eine biologische Wichtigkeit zurückgeht, geboten. Das Kind wendet sein Gesicht der brennenden Lampe, dem Fenster zu. PREYER hat gezeigt, daß es das leuchtende Gelb und Rot lange vor den kalten Farben bemerkt, zu allererst das Gelbe. In einen neutral erfüllten Feld des Tastsinns lenkt ein Nadelstich die Aufmerksamkeit auf sich. Der Unmusikalische, dem ein Konzert eine "Gesamtanschauung" bleibt, wird doch durch schrille Trompetenstöße, Pfiffe im Orchester aufgeschreckt. - Diese richtige Beobachtung hat auch einige Psychologen zu der allerdings übertriebenen Tendenz veranlaßt, die gesamte Begriffsbildung auf biologische Wichtigkeiten zurückzuführen.

Bleibt also die Frage: Genügt die bloße Verschiedenheit der Qualitäten zu ihrer Hervorhebung in dem Sinne, in dem diese Hervorhebung bei mitwirkender Intensität und Gefühlsbetonung sicher stattfindet? Wir wollen nachweisen, daß diese Frage für das vorbegriffliche Erleben zu verneinen ist. Wohl hat auch die Verschiedenheit von Qualitäten etwas "Auffallendes" an sich, doch wird dadurch die einzelne Qualität nicht als aus der Gesamtanschauung hervortretend erfaßt. Vielmehr ist das Auffallende hier lediglich durch den Übergang von einer Qualität zur anderen hervorgerufen, nur der Übergang gibt sich als Überraschung, als kleiner Schock, als vorübergehende Steigerung des Bewußtseinsgrades kund. Dieser Effekt des Auffallens jedoch ist beim Übergang von der Qualität "rot" in "blau" seinem Wesen nach ebenderselbe wie beim Übergang von "blau" in "gelbgestreift". Nur Intensitätsunterschiede zwischen den einzelnen Steigerungen gibt es, nie aber erfaßt dieser an den Übergang gebundene Ruck des Auffallens eine Einzelqualität als solche, sachlich. Es wird durch ihn keiner Einzelqualität ein Vorzug vor den Übrigen gegeben, keine tritt individuell hervor.

Hiermit ist eine doppelte Bedeutung des Terminus "Auffallen" festgestellt. Bei der ersten Art (die unter Zuhilfenahme von besonderer Intensität und Gefühlsbetonung wirkt) wird eine hervortretende Einzelqualität wie mit einer Zange gepackt und frei, isoliert vor die anderen hingestellt. Bei der anderen Art (die an eine bloße phänomenale Verschiedenheit geknüpft ist) entsteht nur eine Erregung des Bewußtseins infolge des Übergangs von einer Qualität zur anderen, gleichsam eine Reizung, die ins Leere greift, ohne eine besondere Einzelqualität erfassen zu können. - Da man eine Terminologie brauht, wollen wir der ersten Art (in Übereinstimmung mit der späteren Untersuchung des Aufmerksamkeitsphänomens im 3. Kapitel) den Namen des "Auffallens in einem uneigentlichen Sinn", der zweiten Art den des "Auffallens im eigentlichen Sinn", geben.

Die Gesamtanschauung ist also nicht in dem Sinne gegliedert, daß die Einzelqualitäten vermöge ihrer Verschiedenheiten als solche hervortreten (dies tun sie nur infolge einer Intensität oder Gefühlsbetonung und in einem dritten wichtigsten Fall, der sofort behandelt werden wird), sondern zunächst nur in dem Sinn, daß der Übergang von einer Qualität zur andern, die Verschiedenheit als solche, auffällt, gleichsam eine prickelnde Unruhe, eine immerwährende Störung im Betrachter erzeugend, aber keine Differenzierung einzelner Teile des Gesamtbildes.

Von dieser Erkenntnis aus (deren experimentelle Bestätigung weiter unten folgt) läßt sich nun die vorbegriffliche Anschauung schon etwas eingehender beschreiben. Wir gehen vom einfachsten Fall aus:
    a) Es soll das Sinnesfeld von einer einzigen Qualität erfüllt sein. - Da ist natürlich von Gliederung und Auffallen keine Rede.

    b) Im Sinnesfeld sind gleichzeitig zwei Qualitäten gegeben. - Dann tritt psychologisch dasselbe ein wie im Fall a). Denn von einem Übergang kann bei simultanen Qualitäten nicht die Rede sein. Es werden also beide Qualitäten ebensowenig auffallen (und zwar weder im ersten noch im zweiten Sinn des Wortes) wie eine einzige. - Zu bemerken wäre, daß dieser Fall praktisch schwer denkbar ist. Er kann nur eintreten, wenn das Sehfeld immer gleich fixiert bleibt, wozu ja gerade bei einem Mangel an Aufmerksamkeit in diesem Fall nicht der geringste Anlaß vorliegt. Sobald sich aber das Sehfeld verschiebt, liegen schon zwei verschiedene sukzessive (nicht mehr simultane) Paare von Qualitäten vor, und dies ist der Fall beim

    c) Übergang zweier Qualitäten. - Es tritt die besondere Wirkung des Auffallens, jedoch ohne sachliche Erfassung ein. Und zwar ist es hier prinzipiell einerlei, ob der Wechsel der Qualitäten durch eine Verschiebung im objektiven Sehfeld oder durch einen Wechsel der Blickrichtung erzeugt wurde.

    d) von zwei Qualitäten wechselt die eine, während die andere gleich bleibt. - Hier tritt etwas fundamental Neues in der Gliederung des Sinnesfeldes ein. Es beginnt nämlich die zur Wiederholung gelangte Qualität sachlich hervorvorzutreten, metaphorisch gesprochen: sich zu verstärken; sie zieht allmählich die Aufmerksamkeit auf sich, sie wird schließlich "auffallend" im eigentlichen Sinn, d. h. als Einzelqualität erfaßt, während die wechselnden Qualitäten immer wieder in die Gesamtanschauung zurückfalle, spurlos verinnen, die Aufmerksamkeit nur für Momente (während des Übergangs) reizend und gleich wieder loslassend. Es tritt beispielsweise ein konstanter Rot-Komplex aus einer in verschiedenen Farben wechselnden Fläche, die vorläufig Gesamtanschauung bleibt, erst infolge seines Ruhens in bewegter Umgebung mit der ihm eigentümlichen Qualitätsempfindung "rot", als für sich allein bestehend (wenn auch natürlich noch ohne Namen) an die Seele heran, auf die er, solange er selbst wechselte, keinen Eindruck gemacht hat.
Hier also liegt etwas vor, was der sachlichen Qualitätserfassung bei besonderer Intensität oder Gefühlswichtigkeit beigeordnet ist, der obenerwähnte "dritte Fall". Dieser dritte Fall ist von den drei qualitätserfassenden nicht nur seiner Häufigkeit nach der wichtigste, sondern auch der seltsamste. Denn daß durch die besondere Grelligkeit einer Qualität, durch Blitz und Flintenknall, daß durch Eingriffe in das leibliche Wohl irgendeine Einzelheit aus der Gesamtanschauung ausgesondert wird, läßt sich zur Not begreiflich finden, selbst wenn man das vorbegriffliche Stadium als einen ganz unterschiedslosen, hilflosen, täppischen Zustand auffaßt. Daß aber die bloße Wiederholung genügt, um in dem gleichsam unentwirrbaren Netzwerk der Gesamtanschauung die ersten Knoten und Ballungen anzubringen, daß also das "Gleichsein" von Qualitäten einen ganz anderen und umso bevorzugteren Effekt ausübt als das "Verschiedensein", das klingt zunächst unglaubhaft. Es sind daher auch sofort zahlreiche Einwände bei der Hand, die nur schrittweise erledigt werden können, weshalb wir an dieser Stelle an die Geduld und Ruhe des Lesers appellieren müssen.

Zunächst ist ein Zweifel an diesem angeblichen Bevorzugtsein des Gleichen vor dem Verschiedenen nicht unangebracht. Die Verschiedenheit von Qualitäten, wird man fragen, soll auf die begriffslose Anschauung in einem nur sehr uneigentlichen Sinn gliedernd wirken, daß sie im betrachtenden Bewußtsein Unruhe erzeugt, momante Wellen und Zuckungen der Aufmerksamkeit, die unfruchtbar bleiben, während das Gleichbleiben, die Wiederholung einer Qualität auf diese Aufmerksamkeit gleichsam beruhigend und zusammenfassend wirken soll und allmählich aus dem Chaos die geordnete Welt der Farben, Klänge, Gerüche, Hauptempfindungen den Sinnesorganen entgegenreicht? - Diese Aschenbrödelrolle der Verschiedenheit wird zu korrigieren sein und zwar durch den einfachen Hinweis auf Fall a), in dem die Ohnmacht der Gleichheit ansich, ja ihre gewissermaßen einschläfernde, abstumpfende Wirkung auf das Bewußtsein dargelegt wurde. Es ist eben der Effekt d) durchaus nicht aus dem bloßen Anteil der wiederkehrenden Qualität, sondern auch aus dem der wechselnden zu deuten. Das Bewußtsein muß zunächst durch den Übergang verschiedener Qualitäten wie durch kleine Stöße in jenen Zustand der Wachheit, der Erregung gebracht werden, in dem dann das Verharren einer Qualität seine objektive Wirkung auslösen kann. So basiert also das eigentliche Auffallen bei Gleichheit auf dem uneigentlichen durch Verschiedenheit. Sehr richtig sagt daher JAMES (Psychologie, Seite 247):
    "Es läßt sich als ein fundamentales Prinzip der Satz aufstellen, daß jeder Totaleindruck, den der Geist empfängt, solange unanalysierbar bleiben muß, als seine Elemente niemals für sich oder anderswo in anderen Kombinationen erlebt worden sind"
und bringt das Exempel, daß man keinen Anlaß hat, die Empfindungen "naß" und "kalt" für sich zu scheiden, wenn alles Nasse auf der Welt kalt wäre.

Ein zweiter Einwand, der sich im Wesen nur als eine Verwischung der schon erzielten Resultate darstellt, soll hier nicht übergangen werden. Auch das Verschiedene fällt auf, nicht nur das Gleiche, - könnte behauptet werden und ist auch behauptet worden, denn wir bringen hier ja nichts als Einwände, die wir uns selbst immer wieder gemacht haben. Die Antwort ist, daß in diesem Einwand eine falsche Terminologie oder die falsche Deutung einer Beobachtung steckt. - Eine falsche Terminologie, wenn hier "Auffallen" ohne eine deutliche Unterscheidung der beiden fundamental verschiedenen Fälle gebraucht wird. Das Verschiedene fällt auf, aber nur in einem uneigentlichen Sinne, um wieder zu verschwinden, das Gleiche wird unterstrichen, fällt auf und heraus. - Bei richtiggestellter Terminologie braucht aber der Gegner seine Position noch nicht aufzugeben, kann vielmehr ein Beispiel wie folgendes vorbringen: Mehrere Karten werden vorgezeigt, jede mit einem andersgefärbten Fleck in der Mitte, also alle grau mit je eiem roten oder schwarzen Fleck usw. Zeigt man die Karten nacheinander ohne besondere Aufforderung einem wenig interessierten Beobachter, so mischen sie sich im Gedächtnis zu einer Art von vorbegrifflicher Gesamtanschauung. Das Auffallende und aus dieser Gesamtanschauung Erfaßte ist nun gewiß nicht die gleichbleibende graue Farbe, sondern der Fleck, also das qualitativ Verschiedene. - Das ist richtig, die Deutung aber muß dahin gehen, daß auch in diesem Fleck nur das "Gleiche" erfaßt wurde, nämlich nur der gleiche irgendwie markierte Ort, nicht die wechselnden Farben an diesem Ort. - Wird der Fleck an jeweils verschiedenen Stellen der Karten angebracht, so wird in ihm seine gleichbleibende Proportion zur Kartenfläche erfaßt. Ändert man diese beträchtlich, so beginnt auch das Resultat zu schwanken. Überdies ist nie auszuschließen, daß die Versuchsperson diesen Fleck oder seine Gestalt oder eine seiner Qualitäten schon begrifflich deutet und auf diesem Weg herausfaßt, also etwa als Blutstropfen, Herz, blauen Globus und dgl., so daß der Rückschluß auf das vorbegriffliche Erleben irreleitet. Das eigentliche Auffallen einer einmaligen Erscheinung beruth (falls Intensität und Gefühlston nicht mitspielen) gewiß auf bereits verarbeiteten gleichen oder ähnlichen Erlebnissen.

Irreführen könnte auch die häufige Beobachtung, daß das Gleiche oft nicht herausgehoben, sondern im Gegenteil leicht vernachlässigt wird. Der Müller hört das Geklapper seiner Mühle nicht mehr und dgl. EBBINGHAUS (Grundzüge der Psychologie I, Seite 579) beschreibt sehr richtig die "negative" Wirkung der Aufmerksamkeit, wie er überhaupt alle hierher gehörenden Phänomene der Intensität, Gefühlsbetonung, Wiederholung vollständig anführt, ohne freilich die im Vorigen gemachte Unterscheidung zwischen den beiden Arten des Auffallens zu kennen. Er sagt:
    "Der geübte Historiker, Jurist, Beamte liest die Akten, Urkunden, Verfügungen mit einer für den Laien erstaunlichen Geschwindigkeit und dabei doch mit viel größerem Gewinn als dieser. Alles bloß Formelhafte und Nebensächliche weiß er mit Sicherheit zu überspringen, er wird davon nicht mehr in Anspruch genommen, und die ganze Leistungsfähigkeit seiner Seele bleibt somit verfügbar für das Wesentliche, das in jedem Fall Interessierende usw." -
Zum Verständnis dieses abschwächenden Effekts der Gleichheit braucht nur hervorgehoben zu werden, daß es durchaus sekundär ist und eine sachliche Erfassung, Verstärkung des Gleichen als ersten Effekt voraussetzt. Es wird sodann aufgrund höherer Seelenvorgänge, begrifflicher Beziehungen das einmal Erfaßt willkürlich unterdrückt. Im weiteren Verlauf geschieht diese Unterdrückung immer leichter, unabsichtlicher. So auch EBBINGHAUS, dem jedoch die Einsicht, daß sich die negative Wirkung des Gleichen auf seine positive stützt, abgeht.

Tiefer greift ein Bedenken ein, daß in den folgenden Untersuchungen mit unwesentlichen Änderungen noch oft wiederkehren wird. "Gleichheit" und "Verschiedenheit" sind Relationen und haben daher ihre Fundamente, also die Sinnesqualitäten, zwischen denen sie gelten sollen, als Voraussetzung. Nun sollen aber diese Sinnesqualitäten nach unserer Ansicht erst der Relation ihr Entstehen, ihr bewußtes Vorhandensein verdanken. Ferner: Die Erkenntnis von Gleichheit oder Verschiedenheit zwischen sukzedierenden Qualitäten hat eine Reproduktion des vorausgehenden Relationsgliedes zur Bedingung. Von einer Reproduktion der Qualitäten ist jedoch im Stadium des vorbegrifflichen Erlebens, das diese Qualitäten noch nicht einmal distinkt erfaßt hat, natürlich keine Rede. - Nun ist es unmöglich, unsere Ansicht über das Verhältnis der Relation zu ihren Fundamenten und über die Relationserkenntnis überhaupt schon an dieser Stelle vorzutragen. Wir verweisen auf das Folgende, insbesondere das 6. Kapitel. Gegen das Theorem von der unentbehrlichen Reproduktion hat ALFRED BRUNSWIG ("Das Vergleichen und die Relationserkenntnis") durch die Statuierung seiner "eingliedrigen Relationen" erfolgreich angekämpft. Uns genügt es, vorläufig geltend zu machen, daß in der Phase des Vorbegrifflichen, in der wir uns jetzt noch bewegen, von einer "Relationserkenntnis" überhaupt noch nicht gesprochen werden kann. Die beiden sukzedierenden verschiedenen Sinnesempfindungen, die das Sinnesfeld erfüllen, werden ja gar ncht als "verschieden" erkannt, sondern sie üben nur vermöge ihrer objektiven Verschiedenheit jene subjektive "Ruck"wirkung aus, die wir als "uneigentliches Auffallen" bezeichnet haben. Von diesem Ruck führt zunächst gar kein Weg ins Objkt hinüber, keine objektive Verschiedenheit gibt sich durch ihn kund. Nur der Bewußtseinsgrad erfährt eine momentane Erhöhung und sinkt dann wieder, ohne eine Beute gepackt zu haben, allmählich wieder zurück. - Ebensowenig wird ein Eindruck, der vermöge seiner Gleichheit mit vorigen Eindrücken verstärkt und aus der Gesamtanschauung herausgehoben wird, als "gleich" empfunden, mit einem Erinnerungsbild des vorhergehenden Eindrucks verglichen oder sonstwie als in einer Relation stehend aufgefaßt. Es geschieht nichts, als daß das Subjekt dieses Eindrucks infolge eines Vorzugs, den er vom übrigen Sinnesfeld hat, gewahr wird. - Sobald eine Einzelqualität erfaßt ist, steht natürlich auch nichts im Wege, daß sie einer Relationen z. B. einer Gleichheitsbeziehung zugrunde gelegt wird. Dies hat aber mit dem Ureffekt der Gleichheit, mit jener spezifischen Verstärkung, durch die die Qualität und nicht die Gleichheit erfaßt wird, nichts zu tun. Nur von diesem Ureffekt ist hier die Rede, für den nur die objektive Voraussetzung zu einer Relationserkenntnis, keineswegs aber diese Erkenntnis selbst notwendig ist. Diese objektiven Voraussetzungen (Wiederholung des Gleichen) haben ursprünglich die Verstärkung zur Folge, später unter gewissen Umständen die bewußte Relationserkenntnis.

Belege für die ursprüngliche qualitätserfassende Wirkung der Gleichheit bietet die Kinderpsychologie. Die dargestellten drei Stadien der vorbegrifflichen Sinneswelt (zunächst Gesamtanschauung, dann Verschiedenheits-Ruck, dann Effekt der Gleichheit) findet man etwa bei PREYER (a. a. O. Seite 117), natürlich ohne Rücksicht uf eine Theorie, schön beschrieben:
    "Das Fixieren und deutliche Sehen eines Gegenstandes bildet sich langsam aus. Im ersten Stadium starrt das Kind ins Leere. Im zweiten wendet es das Auge öfter von einem in der Starrlinie befindlichen Objekt, gewöhnlich einem Gesicht, auf ein daneben auftauchendes Objekt, das es dann anstarrt. Im dritten verfolgt es einen langsam bewegten Gegenstand mit den Augen und dem Kopf oder Augen allein. Der Übergang vom Starren zum Blicken hat sich vollzogen."
Als Stütze für unsere Ansicht, daß das Gleiche vor dem Verschiedenen sachlich erfaßt wird, soll die bekannte Erscheinung dienen, daß eine regelmäßige Bewegung, ein Hin- und Herpendeln, ein rythmisches Trommeln zu allererst die Aufmerksamkeit des Kindes fesselt, während das Ungeordnet-Mannigfache, falls es nicht durch Intensität oder Gefühlsbetonung hervortritt, unbeachtet bleibt. Die erste vernünftige Äußerung eines Kindes war (nach Mitteilung eines Freundes), daß es ein Spielzeug über seiner Wiege, dessen Schwingungen schon oft vorher sein Interesse gefesselt hatten, eines Tages spontan in Bewegung setzte. Auch die verwunderlich starke Freude aller Kinder an Tieren, Trambahnen, Eisenbahnzügen dürfte als Freude an dem, was sich vermöge seiner Beweglichkeit (Gleichheit an verschiedenen Orten) am leichtesten und deutlichsten aus der dumpfen Gesamtanschauung heraushebt, nicht zu künstlich interpretiert sein.

Um die eigentümliche Urwirkung der Gleichheit auch experimentell nachzuweisen, muß man eine vorbegriffliche Anschauung oder etwas ihr Analoges herzustellen versuchen. Wir benutzten hierzu kleine, gleichgroße Kartons, die, mit ornamentalen Zeichnungen besonderer Art versehen, einer Versuchsperson hintereinander gezeigt wurden, ohne daß vorher die Aufmerksamkeit dieser Person in eine bestimmte Richtung gelenkt worden wäre. Es wurde daher an jeder Person nur einmal ein solcher Versuch gemacht. Weiß man nämlich, daß dem Vorzeigen und Betrachten der Zettelchen die Aufforderung: "Bitte zeichnen Sie auf, was Sie sich gemerkt haben!" folgen wird, so sieht man die Zettel schon daraufhin an, merkt sich hier und dort eine Figur und der Versuch gibt ein irrelevantes Resultat. Sollte der natürliche Vorgang der vorbegrifflichen Anschauung, in der die Aufmerksamkeit nicht willkürlich vom Beobachter aus gelenkt, sondern nach den ihr eigenen Gesetzen vom Objekt angezogen wird, künstlich nachgeahmt werden, so darf der Betrachter beim Anschauen der Zettel gar nicht wissen, zu welchem Zweck man ihm das alles zeigt. So viel über die Einstellung. Die Zeichnungen selbst mußten folgenden Bedingungen entsprechen:
    1. Sie mußten aus Teilen bestehen, denn einige dieser Teile sollten sich auf den Kartons wiederholen, andere mit immer neuen abwechseln. 2. Diese Teilfiguren mußten untereinander für die Aufmerksamkeit gleichwertig sein, damit keine bevorzugt wird. Insbesondere sollten womöglich alle gleich leicht oder gleich schwer zu merken sein.

    3. Daher sollten die Zeichnungen womöglich nicht an bekannte Ornamente oder Gegenstände erinnern; Deutungen und Assoziationen mußten ausgeschlossen werden.

    4. Jeder Karton trug einige Figuren, jede Figur war aus krummen und geraden Streckenelementen zusammengesetzt: die Zahl dieser Elemente war auf allen Kartons gleich, so daß auch kein Karton als Ganzes genommen, vor dem anderen in Bezug auf Übersichtlichkeit oder Deutlichkeit den Vorzug hatte.

    5. Wir bevorzugten kleine Formate, die mit einem Blick übersehbar waren, so daß die Teilfiguren nicht zur Analyse herausforderten.
Es war nicht leicht, Figuren und Kartons zu finden, die allen diesen Anforderungen genügten. Oft zeigte es sich, daß die Versuchspersonen selbst ganz krause, ungewohnte Kombinationen, z. B. durch den Vergleich mit stenographischen Schriftzügen, im Gedächtnis festhielten und so einzelne Teile der Gesamtanschauung von vornherein betonten.

Die Blättchen wurden nun den Versuchspersonen mit der allgemeinen Bitte, aufzumerken, vorgezeigt. Nach der Vorführung einer ganzen Reihe solcher Blättchen erfolgte die Aufforderung, das Gemerkte zu zeichnen. Schließlich wurde die Versuchtsperson gefragt, warum sie sich ihrer Ansicht nach gerade etwas Bestimmtes gemerkt hat.

In den meisten Fällen, in denen es überhaupt zu einem Resultat kam, (denn oft erklärte die Versuchsperson - durch die Einladung zu zeichnen überrascht - sich überhaupt nichts gemerkt zu haben) wurde jene Figur gemerkt und gezeichnet, die den Kartons gemeinsam war. Und zwar ergab die Analyse meistens, daß sich die Versuchsperson bewußt war, sich eine Figur wegen ihrer Gleichheit gemerkt zu haben. - Entscheidend aber waren die Fälle, in denen die Versuchsperson die gemeinsame Figur vollkommen richtig ihrer Gestalt und Lage nach zeichnete, auf die Frage aber, warum sie sich gerade diese Figur gemerkt hat, angab, sie sei auf dem letzten Blättchen aufgefallen, und sehr erstaunt über die Mitteilung war, daß diese Figur auch auf den vorhergehenden Blättchen vorkam. Der Satz, daß sich gleiche Qualitäten auch ohne Bewußtsein ihrer Gleichheit verstärken, erscheint damit bewiesen.

Von den Versuchspersonen wurde fast jedesmal neben dem gemeinsamen Teil der Kartons noch irgendetwas gezeichnet, was sich in oft possierlicher Weise als ein Gemisch und eine Entstellung der vielen anderen nicht gemeinsamen Figuren, bisweilen auch als frei Erfundenes erwies. Wir werden auf diese merkwürdigen Erinnerungsgebilde noch ausführlich zu sprechen kommen. Für diesmal lehren sie, daß die Verschiedenheit der Figuren jedenfalls nicht genügt, um eine von ihnen aus der Gesamtheit herauszuheben. In den wenigen Fällen, in denen es auch bei einer sich nicht wiederholenden Figur, zu einem solchen Herausheben kam, ließ sich eine Assoziation leicht nachweisen und wurde auch von der Versuchsperson ohne weiteres als solche erkannt.

Eine wesentliche experimentelle Unterstützung unserer Ansicht fanden wir bei ABRAHAM ANTON GRÜNBAUM (Über die Abstraktion der Gleichheit, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. XII). - GRÜNBAUM stellt seinen Versuchspersonen die Aufgabe, unter mehreren Figuren die gleichen zu finden, und untersucht nun ihr von dieser Tendenz von vornherein beeinflußtes Verhalten. Als besonders interessant bezeichnet er selbst die Fälle, in denen die Konstatierung der Gleichheit nicht gelingt und bei denen die Versuchsperson auf die Aufforderung, zu zeichnen, was sie sich gemerkt hat, die gleichen Figuren zeichnet. GRÜNBAUM bemerkt hierzu:
    "Wir können die Tatsachen vorläufig unter einem Satz vereinigen: Die gleichen Figuren sind in besonderer Weise wirksam, noch bevor die Gleichheit konstatiert ist. Wenn die Gleichheit nicht mehr konstatiert wird, so besteht diese Wirksamkeit darin, daß eine von den gleichen Figuren aus der Masse der nichtgleichen Figuren hervorgehoben wird. Es ist so, als ob die eine gleiche Figur die andere unterstützt, so daß sie beide, obgleich sie im Bewußtsein nicht gegeben sind, doch zueinander in Beziehung stehen, welche die Hervorhebung der einen von ihnen bewirkt." -
Auch bei den Versuchen, in denen die Gleichheitskonstatierung gelingt, unterscheidet GRÜNBAUM einen Spezialfall: Hervorhebung ohne Wissen um die Gleichheit, also wieder (trotz divergenter Aufgabenstellung) einen Fall, der unserem Ureffekt der Gleichheit entspricht.
    "Dieser eigenartigen Hervorhebung ist irgendeine bewußte Beziehung zur Aufgabe völlig fremd, nur nachträglich erwies sich die hervorgehobene Figur als die gleiche."
Eine ähnliche fundamentale Wirkung des Wiedererkennens ähnlicher Teilinhalte beschreibt CORNELIUS (Psychologie als Erfahrungswissenschaft, 1897, Seite 34). HÖFFDING (Der menschliche Gedanke, Seite 50f) bezeichnet das Wiedererkennen als "eine interessante Übergangsform zwischen Empfinden und Nachdenken."

Hier soll auch ein Beispiel aus der Praxis eines Schriftstellers seinen Platz haben. Derselbe bemerkt, daß ihm die Stilisierung eines Satzes, den er eben geschrieben hat, nicht behagt; beim oftmaligen Durchlesen stößt er immer wieder an dasselbe Wort, das ihn irgendwie unklar, geradezu grundlos quält. Endlich merkt er, daß er einige Zeilen vorher dasselbe Wort oder ein stammverwandtes (so können einander die Worte "Widerspruch" und "ansprechend" gegenseitig stören), gebraucht hat. Infolge der unbewußten Gleichheit ist das wiederholte Wort ungebührlich aus dem Satz hervorgetreten, und dieses auffallende Formdetail, dem kein inhaltlicher Zwang entspricht, war es wohl, was den feinfühlenden FLAUBERT zwang, so unerbittlich auf Wiederholungen, Assonanzen [Anklänge - wp], Reime in seienr Prosa Jagd zu machen. Dieser Dichter soll die Fähigkeit besessen haben, Wortwiederholungen über viele Seiten hinweg zu bemerken. -

Zusammenfassend dürfte nun klar sein: in der vorbegrifflichen Gesamtanschauung wirkt objektiv vorhandenes Gleichbleiben und Wechseln der Teile automatisch, ohne zu einer abstrakten Erkenntnis oder auch nur zu einem Bewußtsein von "Gleich" oder "Ungleich" zu führen, ohne eines solchen zu bedürfen. Und zwar erzielt das Wechseln der Qualitäten eine leere Bewußtseinssteigerung, das Gleichbleiben ein Innewerden der Qualitäten und damit die erste Gliederung der vorbegrifflichen Anschauun.

Diesen Sätzen soll eine letzte Überlegung entgegengeführt werden: Es gibt gar keine objektive Gleichheit auf dem Gebiet des Vorbegrifflichen. - Man kann gegen uns argumentieren, daß wir von unserem Standpunkt aus, der dem Wechsel der Qualitäten keine qualitäterfassende Wirkung zugesteht, überhaupt nie zu einem Hervorheben einzelner Qualitäten kommen würden. Denn genau besehen gibt es nichts als wechselnde Qualitäten, da jeder Qualität in ihrer Dauer unendlich viele verschiedene Zeitmomente zukommen, jeder räumlich ausgedehnten Qualität ferner eine unendliche Mannigfaltigkeit vermöge der unendlich vielen Raumpunkte, die sie erfüllt, nicht abgesprochen werden kann; und daß zu diesen unendlich vielen zeitlichen und örtlichen Bestimmungen auch noch eine unendliche qualitative Variation der Außenwelt tritt.

Dieses Problem "der Überwindung dder Unendlichkeit" ist im Grunde eine Seite der Frage: "Wie ist eine Erkenntnis der Welt möglich und die Beantwortung dieser Frage stößt der Reihe nach auf alle Schwierigkeiten, die aus der Kompliziertheit der Welterscheinungen und aus der geringen Kenntnis, die wir von dem zur Bewältigung dieser Welt vorhandenen seelischen Mechanismus haben, entspringen können. - Für das Stadium der vorbegrifflichen Anschauung sei bemerkt, daß die angeführte Schwierigkeit zum großen Teil aus dem Hereintragen der in der fertigen, begriffsbeeinflußten, gedeuteten Welt vorliegenden Verhältnisse in eine primitive Epoche entsteht.

Einem begrifflichen Denken mag es allerdings erscheinen, daß dasselbe Ding dadurch, daß ihm in jedem Moment eine neue Zeitbestimmung zugeschrieben werden muß, eigentlich aufhört "dasselbe" und "sich selbst gleich" zu sein. Es fragt sich aber, ob dieser objektive Wechsel auch bemerkt wird, ob er also eine phänomenale Gleichheit ausschließt. Und da glauben wir allerdings, daß der bloße Wechsel der Zeitmomente seitens des Subjekts nicht mit dem jede ins Bewußtsein tretende Verschiedenheit beantwortenden Ruck zur Kenntnis genommen, sondern vermöge eines kontinuierlichen Übergangs und Auseinanderhängens von Moment zu Moment überhaupt vernachlässigt wird. - Das Kontinuum also überwindet die Unendlichkeit der Zeitmomente; genauer gesagt, die verschiedenen Zeitmomente geben zwar jedem Ding etwas objektiv Wechselndes, dieser Wechsel wird aber vermöge seiner Kontinuität phänomenal als Konstanz empfunden.

Wenn man will, kann man hierin etwas der Abstraktion Ähnliches finden und paradox genug von "vorbegrifflicher Abstraktion" sprechen. Das Subjekt sieht von den wechselnden Zeitmomenten ab und hebt das Gleiche hervor. Doch muß man sich erinnern, daß hierbei von etwas abstrahiert werden soll, was noch gar nicht im Bewußtsein war. Man kann also nur von einer "unechten Abstraktion" reden oder tut besser daran, es überhaupt nicht zu tun.

Sehr scharf formuliert CORNELIUS (Psychologie, Seite 141) und wir können uns ihm für das vorbegriffliche Stadium anschließen:
    "Der Zeitverlauf unseres psychischen Lebens stellt sich nach diesen Betrachtungen nicht aus einer Folge dauerloser Zeitpunkte, sondern aus endlichen Zeitstrecken zusammen. Auch die Gegenwart besitzt jeweils eine endliche Dauer: Der gegenwärtige Bewußtseinsinhalt dauert eben so lange, wie kein neuer Inhalt denselben ablöst. ... Man hat diese Dauer inkonsequenterweise als Dauer einer scheinbaren Gegenwart bezeichnet; sie sollte vielmehr die Dauer der wirklichen oder der empirischen Gegenwart heißen, da wir am Inhalt während dieser Zeit einen Unterschied zwischen zeitlich verschiedenen Teilen, von welchen der eine vergangen, der andere gegenwärtig wäre, nicht vorfinden." -
Was nun Raum und Materie anlangt, so ist es bei der Anzahl von Raumpartikeln jedes Ausgedehnten und bei der gleichfalls unendlichen Variationsmöglichkeit der Qualitäten (z. B. Farbnuancen) unwahrscheinlich, daß auch nur zwei solche Raumpartikel qualitativ gleich sind. Woher also soll das Urerlebnis der "Gleichheit" kommen? - Dieser Einwand verwechselt, genau wie der erste, "objektive" und "phänomenologische" Deskription; einer immer tiefer ins Objekt eindringenden, gleichsam immer mikroskopischeren Betrachtung erscheint die Welt allerdings unendlich mannigfach und eine Beschreibung, die jedes einzelne dieser Merkmale hervorheben und betrachten möchte, kommt nie ans Ende. Aber diese atomistische Betrachtungsweise der Welt, so sehr sie dem entwickelten wissenschaftlichen Denken entspricht, ist eben durchaus nicht als primär vorauszusetzen. Im Gegenteil: die ursprüngliche Betrachtung geht von großen einförmigen Komplexen aus, deren verschiedene Teilchen gar nicht unterschieden werden. Die mangelnde Beherrschung und Schärfe der Sinne verhindert das Gewahrwerden störender Differenzen, so daß ganz beträchtliche Massen, die, objektiv genommen, alles andere als "gleichförmig" sind, ja die einer nur um weniges geschärften Betrachtung in ihre mannigfaltigen Teile auseinanderfallen, den niedrig funktionierenden Sinnen noch als monotones Ganzes ohne Gliederung erscheinen, die mit anderen ebensolchen Ganzen gleichgesetzt werden, von denen sie in Wirklichkeit verschieden sind. So haben wir es also recht eigentlich der Stumpfheit unserer Sinne zu verdanken, daß die Welt von Anfang an nicht in ein vibrierendes, anknüpfungsloses, allzu buntes Chaos zerstäubt, sondern sich vermöge einer nur scheinbaren, dem großen Blick vorgetäuschten Gleichheit einzelner Teile durch die Hervorhebung dieser Teile zu ordnen beginnt. - Die mangelnde Sinnesschärfe ist neben der Zeit- und Raumkontinuität unser wichtigstes Instrument zur Überwindung des objektiv Unendlichen. Hierüber werden unsere mit dem 3. Kapitel beginnenden Untersuchungen über das "Verschwommenheitsphänomen" noch Manches klar machen. - Hier sei nur noch als eine Stütze des Vorgebrachten die Tatsache angeführt, daß bei den Kindern seit jeher einfache Formen als Spielzeug beliebt waren. Dies ist nicht etwa durch die ästhetische Wirkung zu erklären, die das Vereinfachte auf Erwachsene macht, sondern nur wohl ganz einfach daraus, daß die Kinder auch das lebende Pferd, den wirklichen Wagen nur in den rohen Formen des Spielzeugpferdes und Spielwagens erblicken, ohne jedes naturalistische Detail. Eine genaue Nachahmung der Lebensformen würde ihnen als Spielzeug unrealistisch erscheinen, da es ihnen vermöge der Nähe und geänderten Aufmerksamkeitseinstellung andere Dinge als die erlebten zeigt, jedoch die grob behauenen Holzgegenstände ihrer Spielzeugwelt wirklich genau ebendasselbe bieten, was dem Kind auch auf der Gasse, im Freien auffällt. -

Indem wir im eben Gesagten zugunsten der Möglichkeit des "Gleichen" in der vorbegrifflichen Anschauung gesprochen haben, scheinen wir vielleicht zu weit gegangen zu sein und unserer eigenen ersten Beschreibung des Vorbegrifflichen entgegengearbeitet zu haben. Wir haben uns gedreht. Anfangs gingen wir davon aus, daß zunächst nur verschiedene Sinnesqualitäten und der ihnen entsprechende Ruck gegeben ist, daß die Gleichheit erst allmählich zur Wirkung kommt. Jetzt stehen wir wieder, mit Kontinuität und Sinnesstumpfheit (wenn man so sagen will) ausgerüstet, in einer Welt, die aus vielen großen gleichartigen Massen zusammengesetzt ist und eine baldige Übersichtlichkeit verheißt. - Tatsächlich liegt hier kein Widerspruch vor, sondern die beiden Ansichten erfordern einander als gegenseitige Korrektur, wie auch in der Wirklichkeit die beiden großen Mechanismen von "Verschieden" und "Gleich" beständig sich ineinander verschränken. Man darf sich die Welt des Kindes nicht als chaotischen Wirbel vorstellen, ohne jede Qualitätserfassung, noch weniger freilich merkmalsmäßig von vornherein in objektive Einzelqualitäten eingeschachtelt. Sondern gleich zu Beginn der kindlichen Kosmogonie steht dem Nichterfassen einzelner Qualitäten, ja ganz derber Differenzen das Hervortreten einiger Empfindungsballungen gegenüber, die entweder, wie die Mutterbrust, infolge ihrer besonderen Gefühlswichtigkeit oder wie das Sonnenlicht, infolge ihrer Intensität oder schließlich infolge des hier beschriebenen Hebelwerks von Gleichheit, Kontinuität und Sinnesstumpfheit sich frühzeitig vor dem neutralen Hintergrund der Gesamtanschauung bemerkbar machen.
LITERATUR - Max Brod / Felix Weltsch, Anschauung und Begriff, Leipzig 1913
    Anmerkungen
    1) NATORPs "Allgemeine Psychologie" erschien erst nach Abschluß dieser Arbeit.