ra-1W. SesemannJ. CohnE. Dubois-ReymondG. Oakesvon Hofmannsthal    
 
JULIUS GOLDSTEIN
Der Zusammenbruch
des Rationalismus

[ 1 / 2 ]


"Wenn man die Frage der Willensfreiheit nur von den Motiven der Wissenschaft her aufnimmt, so hat man sie von vornherein in einem negativen Sinn entschieden, weil sie als Wissenschaft auf einem Determinismus des Geschehens bestehen muß. Ihr Reich würde an dem Punkt aufhören, wo ein Moment der Freiheit vorhanden wäre. Wenn daher nur die Prinzipien der Wissenschaft in der Philosophie gelten dürften, so würde, zumindest für unsere Erfahrungswelt, eine Forderung des Lebens, die Freiheit des Willens, vernichtet sein."

"Daß sich die Wirklichkeit dem Einheitsstreben des Intellekts fügt, nimmt der Rationalismus ohne weitere Untersuchung an."

"Die Natur ist immer und überall eine, und ihre Kraft dieselbe, und die wirkende Macht, d. h. die Gesetze und Regeln der Natur, nach welcher alles geschieht und sich aus den einen Gestaltungen in die anderen verwandelt, sind überall immer dieselben, und so muß auch die Methode der Erkenntnis des Wesens irgendwelcher Dinge immer ein und dieselbe sein, nämlich die durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur."

"Marx und Chamberlain gehören, so stark sie sich auch sonst voneinander unterscheiden, der philosophischen Strukur ihrer Lehre nach durchaus zum geschichtsphilosophischen Rationalismus. Dieser tritt uns noch in einem anderen Glauben entgegen: in dem Glauben, daß man alle vergangenen und künftigen Normen menschlichen Lebens und Erlebens auf eine Norm zurückführen kann, daß es ein absolutes Schönheitsideal, eine absolute Religion, eine ethische Formel für alles Handeln geben muß."


I. Einleitung

Es galt bis vor kurzem als selbstverständlich, daß die Philosophie nur in engster Verbindung mit der Naturwissenschaft ihre Probleme behandeln und sich aich nur innerhalb der Grenzen der naturwissenschaftlichen Methoden und Tatsachen bewegend darf; ja, meist steigert sich die Behauptung dahin, daß die Philosophie, sofern sie eine allgemeine Weltanschauung geben will, die Resultate der Einzelwissenschaften zu einem möglichst geschlossenen Bild zusammenzufassen hat. In dieser Annahme liegt mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Wenn die Behauptung rein negativ auftritt: ohne Berücksichtigung der Wissenschaft keine Philosophie, dann wird ihr niemand widersprechen. Wenn sie aber die Wendung nimmt: nur die Wissenschaft und nichts anderes hat das Material für die Philosophie abzugeben, dann sehe ich darin eine verhängnisvolle Einseitigkeit.

Verdeutlichen wir uns den Sinn des obigen Satzes: Die Wissenschaft ist mehr als die Summe ihrer Resultate. Sie ist ihrem Wesen nach eine durch viele Erfolge bewährte Methode, Erfahrung darzustellen.

Wer nun von der Wissenschaft aus die letzten Probleme des Daseins behandelt wissen will, der trägt durch die der Wissenschaft wesentliche Methode schon eine ganz bestimmte Lösung in die Untersuchung der philosophischen Fragen hinein.

Zwei Probleme mögen das näher erläutern.

Die Wissenschaft muß auf einem geschlossenen Determinismus allen Geschehens bestehen. Wo sie keinen solchen aufzeigen kann, da muß sie annehmen, daß sie bisher noch nicht in den Besitz aller Daten zur Bestimmung dieses Determinismus gelangt ist. Wenn man z. B. die Frage der Willensfreiheit nur von den Motiven der Wissenschaft her aufnimmt, so hat man sie von vornherein in einem negativen Sinn entschieden. Nicht deshalb, weil Wissenschaft die Daten zur Entscheidung schon geliefert hat - das kann sie der Beschaffenheit des Problems nach niemals - sondern weil sie als Wissenschaft auf einem Determinismus des Geschehens bestehen muß. Ihr Reich würde an dem Punkt aufhören, wo ein Moment der Freiheit vorhanden wäre. Wenn daher nur die Prinzipien der Wissenschaft in der Philosophie gelten dürften, so würde, zumindest für unsere Erfahrungswelt, eine Forderung des Lebens, die Freiheit des Willens, vernichtet sein (1).

Ebenso scharf tritt das Problem zutage, wenn es sich um die Frage der Religion handelt. HÖFFDING hat in seiner Religionsphilosohie dies in überzeugender Weise zum Ausdruck gebracht:
    "Könnten und dürften wir keinen anderen Ansichten vom Dasein huldigen als denen, welche die wissenschaftliche Forschung ersinnen und beweisen kann, so müßte der Satz von der Erhaltung des Wertes (hierin besteht nach Höffding der Sinn der Religion) wegfallen. Die Wissenschaft ist nicht imstande, aus sich selbst einen religiösen Glauben zu erzeugen. Die Wissenschaft arbeitet sich zu der Ansicht empor, daß alle Veränderungen des Daseins Umsätze aus einer Form des Seins in eine andere sind, Umsätze, die nach bestimmten Maßverhältnissen vor sich gehen ... immer besser wird das Neue als eine Form des Alten erkannt; das Neue wird aus dem Alten gefolgert ... sowohl Identität als auch Rationalität und Kausalität werden immer mehr im Einzelnen nachgewiesen." (2)
In Ethik und Religion kommen die Forderungen des geistigen Lebens zur Geltung. Unser geistiges Leben befindet sich seinen tiefsten Tendenzen nach in einem Gegensatz zur Grundtendenz der Wissenschaft; ein prinzipieller Gegensatz der Bewertung und Haltungen liegt hier vor. Das Leben wertet das Persönliche, Individuelle, Einmalige. Die Wissenschaft das Unpersönliche, Allgemeine, das gesetzmäßig Wiederkehrende. Das Leben dringt auf Ursprünglichkeit, will neue Anfänge setzen und Zwecke verwirklichen; es verlangt über alle Einzelzwecke hinaus einen letzten, in sich selbst wertvollen Endzweck, von dem aus erst Vernunft und Glück ausstrahlen auf alle Einzelzwecke. Die Wissenschaft läßt letzte Zweck und Ziele nicht gelten; der Kreislauf kausalen Geschehens gilt ihr als Grundtatsache aller Erfahrung.

So ist auf der ganzen Linie ein Gegensatz zwischen dem geistigen Leben und der Wissenschaft; was das Leben als wertvoll am Dasein schätzt, hat keine Bedeutung für die Wissenschaft; ja, mehr als das: das Ganze des Lebens wird für die Wissenschaft bedeutungslos. Die Wissenschaft kann uns keinen Sinn des Lebens angeben, weil sie als Wissenschaft überhaupt keinen solchen suchen kann, weil für sie die Welt nicht so beschaffen ist, um der Frage nach einem Sinn der Welt eine Berechtigung zu geben.

Und hier entstehen nun schwere Konflikte. Durch Jahrtausende hat sich das Verlangen nach einem Sinn und einer metaphysischen Bedeutung des Lebens erhalten; in diesem Verlangen zittert die tiefste Sehnsucht der Menschenseele; alles, was an idealen Mächten die dumpfe Schwere des Menschenschicksals erleichtern wollte, entlieh seinen Glanz und seine Verklärung dem Glauben an eine metaphysische Bedeutung des Lebens.

Aber seit einigen Jahrhunderten hat eine andere Macht, ebenfalls aus dem Schoß des Lebens selbst geboren, immer mehr an Glauben gewonnen. Der Glaube an die Wissenschaft hat die Menschheit mit dem ganzen siegenden Zauber ergriffen, welcher dem Erfolg eigen ist. Denn unter dem Zeichen dieses Glaubens sind wirklich Berge versetzt worden, ist eine neue Welt aus Stahl und Eisen, eine Natur in der Natur entstanden, sind, wie im Märchen, Raum und Zeit ihrer Gewalt beraubt worden. Unter dem Zeichen dieses Glaubens ist eine neue Menschheit geworden, welche das Dunkel des Chaos gelichtet und Ordnung und Maß da eingeführt hat, wo früheren Geschlechtern Willkür und Zufall zu herrschen schien, eine Menschheit, welche sich von der Wissenschaft die Waffen schmieden ließ, um die feindlichen Gewalten des Daseins immer siegreicher zurückzudrängen.

Lag es da nicht nahe, der Wissenschaft auch die letzten Fragen unseres Lebensschicksals in die Hände zu geben?

Der Versuch hat mit einem Mißerfolg geendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat die Wissenschaft eine Weltanschauung, den Naturalismus, entworfen, dem sich das Leben zur metaphysischen Bedeutungslosigkeit verflüchtigt hat. Anfangs zwar empfand man die Herrschaft der Wissenschaft über alle Probleme des Daseins als etwas Großes und Befreiendes. Je mehr sich aber die negativen Folgen dieses Szientismus herausstellten, je mehr der Siegesrausch über die scheinbare Allwissenheit und Allmacht der Wissenschaft angesichts neuer Probleme gedämpft wurde, umso mehr brach eine Enttäuschung an der Wissenschaft herein, umso mehr empörte sich das Leben gegen die Wissenschaft: "Wir sind am Besten des Daseins durch die Wissenschaft betrogen worden", das klingt als erschütternder Refrain durch TOLSTOIs "Meine Beichte". Das verhängnisvolle, mißleitende Schlagwort vom "Bankrott der Wissenschaft" wird von BRUNETIÉRE ausgegeben. Hinter NIETZSCHEs unruhevollem Schaffen liegt das ernste und wahrhaftige Ringen nach einer Weltanschauung, welche dem Leben Atemraum gibt gegenüber der Wissenschaft.

Als besonders typisches Beispiel für die Wandlung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Verhältnis von Leben und Wissenschaft eingetreten ist, möchte ich aber RENANs "L'avenir de la science" anführen.

Die Schrift entstand im Jahr 1849 und bedeutet den Absagebrief RENANs an seine theologische Jugend. Aus dem Buch spricht der stolze siegesgewisse Glaube an die Wissenschaft, das sichere Vertrauen, nun endlich einmal auf dem Weg des Heils zu sein. L'avenir de la science - Zukunft und Wissenschaft werden miteinander verbunden, verschlingen und durchdringen sich in einem vorwärts gerichteten Blick. Aus der Stimmung eines wissenschaftstrunkenen Geistes heraus entwirft RENAN, hin und wieder sich kokett in gelinden Glaubenszweifeln wiegend, eine Religion der Wissenschaft. "La science seule peut résoudre à l'homme les éternels problémes dont sa nature exige impérieusement la solution." [Die Wissenschaft allein kann für den Menschen die ewigen Probleme lösen, deren Lösung seine Natur zwingend verlangt. - wp] Die Religionen enthalten ein unvollkommenes Wissen. Die moderne Wissenschaft macht die Religion überflüssig.

L'avenir de la science ist, wie ich schon sagte, der Absagebrief RENANs an seine Vergangenheit. Dieses sein persönliches Erlebnis wächst ihm zu einer Art geschichtsphilosophischer Notwendigkeit empor. Wie früheren Jahrhunderten alles zur Religion, so scheint seit dem 19. Jahrhundert alles zur Geschichtsphilosophie zu werden. "Chacun de nos jours est ce qu'il est par la facon dont il entend l'histoire." [Jeder dieser Tage ist das, was er ist, weil er die Geschichte versteht. - wp] (Seite 272) Jeder moderne Denker hat seine Geschichtsphilosophie. Sie ist die belebende Atmosphäre seiner Gedanken. RENANs Geschichtsphilosophie ist charakterisiert durch die von ihm übernommene Dreiphasentheorie COMTEs, die er mit Gedanken HERDERs und HEGELs bereichert. Mit intellektueller Inbrunst umfaß RENAN die Wissenschaft, aber dennoch vermag er ihr gegenüber nicht einen leisen Seufzer der Wehmut zu unterdrücken: "Ce que me donne la science ne me suffit pas, j'ai faim encore. Sie je croyais à une religion ma foi aurait plus d'aliment, je l'avoue; mais mieux vaut peu de bonne science que beaucoup de science hasardée." [Was mir die Wissenschaft gibt, ist nicht genug, ich habe immer noch Hunger. Wenn ich an eine Religion glauben würde, würde mein Glaube mehr Nahrung haben, gestehe ich; aber besser wenig gute Wissenschaft als eine Wissenschaft des Zufalls. - wp] (Seite 93).

Die Schrift blieb vierzig Jahre lang im Pult liegen. Dann erst gibt sie RENAN mit einer neuen Vorrede heraus. Aber was für ein anderer Geist spricht aus dieser Vorrede im Vergleich zur ursprünglichen Niederschrift! Löst uns die Wissenschaft die Probleme des Daseins? "Elle préserve de l'erreur plutôt qu'elle ne donne la vérité [Sie bewahrt uns vor Fehlern, anstatt die Wahrheit zu sagen. - wp] (Seite XIX). Gibt uns die Wissenschaft einen neuen Glauben über Sinn und Bedeutung des Lebens, so daß die Religion überflüssig wird? "Il se peut, que tout le dèveloppement humain, n'ait pas plus de conséquences que la mousse ou le liche dont s'entoure toute surface humectée." [Es kann sein, daß jede menschliche Entwicklung nicht mehr Konsequenzen hat als das Moos oder die Flechten, die eine feuchte Oberfläche umgeben. - wp]

Wir diese Auffassung von der Bedeutung des Lebens den ethischen Idealismus stützen und stärken können? "Il est don possible que la ruine des croyances surnaturelles, et qu'un abaissement réel du moral de l'humanité date du jour oú elle a vu la réalité des choses. A force de chimére on avait réussi à obtenir du bon gorille un effort moral surprenant; ôtées les chiméres une partie de l'energie factice qu'elles éveillaient disparaîtra ... je le dis franchement, je ne me figure pas comment on rebâtira sans les anciens rêves les assises d'une vie noble et heureuse ..." [Es ist daher möglich, daß der Ruin übernatürlicher Überzeugungen und eine echte Senkung der Moral der Menschheit von dem Tag an erfolgte, an dem sie die Realität der Dinge sah. Durch Schimären war es uns gelungen, vom guten Gorilla eine überraschend moralische Anstrengung zu erhalten; von den Chimären entfernt, wird ein Teil der künstlichen Energie, die sie geweckt haben, verschwinden ... Ich sage es ehrlich: ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ohne die alten Träume die Grundlagen eines edlen und glücklichen Lebens wieder aufbauen werden ... - wp]

So endet und so muß eine Philosophie enden, welche sich nur von der Wissenschaft und ihren Motiven bestimmen läßt. Die Metaphysik ist dann einfach nichts anderes als eine erweiterte Naturwissenschaft. Der Naturalismus und der ihm verwandte Positivismus setzen ihren Stolz gerade da hinein, sich nur von den Motiven der Wissenschaft leiten zu lassen. Sie betrachten die metaphysische Bedeutungslosigkeit des Lebens als das notwendige Ergebnis der geistigen Entwicklung der Menschheit. Wer sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden gibt, bei dem, so heißt es, wirken Bedürfnisse nach, die einer historisch und wissenschaftlich überwundenen Stufe der Weltauffassung angehören, anthropomorphe Bedürfnisse, die kein Recht haben, mitzusprechen. Doch braucht uns der Vorwurf des Anthropozentrismus [Menschheitszentrierung - wp] nicht zu schrecken. Denn einmal ist es eben die Frage, ob das Verlangen nach einem Sinn des Lebens nur einer historisch zufälligen Lage der Menschheit angehört und nicht vielmehr zum Grundbestand des Menschen zu rechnen ist (3), und dann wurzelt auch die Weltbetrachtung des Positivismus und Naturalismus in einem Anthropomorphismus eigener Art. Dieselben Männer, welche den Glauben, daß die Wirklichkeit den ethischen und religiösen Postulaten des Menschen nicht fremd gegenübersteht, als Anthropomorphismus verspotten, hängen sich naiv an einen ähnlichen Anthropomorphismus: nämlich an den Glauben, daß die Dinge gewissermaßen dazu da sind, um von uns wissenschaftlich erkannt zu werden. -

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat eine neue Art "wissenschaftlicher" Philosophie eine andere Verteilung von Wissenschaft und Leben in ihren Beziehungen zur Philosophie vorgenommen. Man konstruiert nur vom Standpunkt der Wissenschaft und ihrer Motive aus die Philosophie, und wenn das Gebäude der Wahrheit dann fertig ist, wenn alles unter Dach und Fach gebracht ist, dann bringt man hie und da, wie an einer schlechten Architektur, als überflüssige Schnörkel noch "Gemütsbedürfnisse" an. Man hat die dunkle Empfindung, daß man die Forderungen des Lebens nicht unbeachtet lassen darf, aber an der unabhängig von ihnen festgesetzten philosophischen Wahrheit können sie nichts ändern; sie kommen nicht über den Stand wohlwollend betrachteter harmloser Jllusionen hinaus. Psychologisch läuft das ungefähr auf die Worte NIETZSCHEs hinaus, mit denen dieser den Konflikt zwischen Wissenschaft und Leben schildert:
    "Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und immer mehr Freude durch Verdächtigung der tröstlichen Metaphysik, Religion und Kunst nimmt: so verarmt jene größte Quelle der Lust, welcher die Menschheit fast ihr gesamtes Menschentum verdankt. Deshalb muß eine höhere Kultur dem Menschen ein Doppelgehirn, gleichsam zwei Hirnkammern geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nichtwissenschaft zu empfinden: nebeneinander liegend, ohne Verwirrung, trennbar, abschließbar: es ist dies eine Forderung der Gesundheit. In einem Bereich liegt die Kraftquelle, im anderen der Regulator: mit Jllusionen, Einseitigkeiten, Leidenschaften muß geheizt werden, mit Hilfe der erkennenden Wissenschaft muß den bösartigen und gefährlichen Folgen einer Überheizung vorgebeugt werden ..." (4)
Sollen wir diese Sachlage wie ein Schicksal hinnehmen? Oder wollen wir nicht vielmehr eine Revision unseres Wissenschaftsbegriffs vornehmen? Es steht etwas Großes auf dem Spiel. Wenn die Philosophie nur von der Wissenschaft her ihr Weltbild aufbaut, dann wird sie stets dahin gelangen, das menschliche Leben als eine quantité négligeable [vernachlässigbare Größe - wp] zu betrachten, als ein Epiphänomen [Begleiterscheinung - wp]. Die Wissenschaft ist dem Leben entsprungen - in einem doppelten Sinn des Wortes, und der letzte Akt ihrer Omnipotenz ist die Nichtigkeitserklärung des Lebens. Wer sich damit nicht zufrieden geben kann, der muß auf den Ursprung dieser Sachlage zurückgehen, auf den Rationalismus und seine Auffassung vom Wesen der Wissenschaft. Wenn sich zeigen ließe, daß die Entwicklung der Philosophie von DESCARTES über KANT und HEGEL bis zum Naturalismus unserer Tage von der rationalistischen Wissenschaftsauffassung bestimmt ist, und daß diese Wissenschaftsauffassung sich heute nicht mehr halten läßt, so hieße das dem Leben wieder Atemraum geben, so hieße das gleichzeitig die Forderung einer neuen Philosophie rechtfertigen, in welcher das Verhältnis von Leben und Wissenschaft in einer für beide Teile fruchtbaren Weise neu bestimmt wird. Denn nicht darum kann es sich handeln - um das noch besonders auf das Stärkste zu betonen - die Wissenschaft beiseite zu schieben, sondern darum ihren Ort neu zu bestimmen.

In der Tat hat seit ungefähr zwei Jahrzehnten die Wissenschaft ihre Eindeutigkeit verloren. Eine weitgehende Strukturveränderung im Wesen der Wissenschaft hat die Stützpunkte für den Glauben des Rationalismus erschüttert. Ich nenne hier einstweilen die Namen MACH, POINCARÉ, DUHEM, um die Richtung auf das Relative, Bedingte, historisch Zufällige anzudeuten, das nach diesen Männern auch den scheinbar ewigen Voraussetzungen der Wissenschaft zukommt. Die Wissenschaft hat die inneren Wesensschranken ihrer selbst erkannt, wie ein reifer Mensch in wahrhaftiger Selbstbesinnung aus den unbestimmten unendlichen Möglichkeiten der Jugend zur Erkenntnis der Schranken seines Wesens zukommt.

Hinter der Wissenschaft wurde der Mensch, der irrende, tastende, wagende Mensch entdeckt; die wissenschaftsbildenden Potenzen wurden nicht länger in einer überpersönlichen freischwebenden Vernunft gefunden; man hob vielmehr die biologischen Untergründe ans Licht, um in diesen die Motive zur Wissenschaft aufzuzeigen. Das Irrationale lag nicht nur vor der Wissenschaft als ein Objekt der Bewältigung, es lag schon an ihrem Ausgangspunkt.
    "Am Grund unserer am klarsten formulierten, am strengsten abgeleiteten Lehren finden wir immer wieder", schreibt Duhem einmal, "diesen ungeordneten Haufen von Tendenzen, Bestrebungen und Intuitionen." (5)
Wie der Irrationalismus [irraio] innerhalb der Prinzipien der Wissenschaft wuchs, so auch in ihren Gegenständen. Die fortschreitende Wissenschaft entdeckte überraschende Tatsachen, welche den Rahmen der mechanistischen Naturauffassung sprengten. Das biologische und das seelische Gebiet wiesen Tatbestände auf, die in ihrem Wesenscharakter für die Wissenschaft transzendent sind. Ins Unbestimmte und Unbestimmbare dringt das geschichtliche Leben, in Religion, Ethik und Kunst weit über alle Festsetzung der Begriffe hinaus; ein neues Lebensgefühl, getragen von dem Gedanken einer noch werdenden unfertigen Welt, verlangt nach einer Weltanschauung, in welcher auch die Forderungen des Lebens nach Freiheit und Ursprünglichkeit zur Geltung und Anerkennung kommen.

Das alles wogt noch ungeklärt durcheinander; das alles marschiert noch getrennt, ohne einen Vereinigungspunkt zu haben, an dem es gemeinsam die Schlacht des Neuen gegen das Alte schlagen kann. Ich möchte in dieser Schrift einen solchen Vereinigungspunkt aufweisen; ich möchte den Versuch machen, dem Neuen, das sich in den verschiedensten Gebieten der geistigen Arbeit aufdrängt, mit zum Durchbruch zu verhelfen, indem ich es zusammenrücke, verbind und verstärke in seinen gleichartigen Tendenzen.

Dieser Vereinigungspunkt liegt in der neuen Behandlung des Problems von Leben und Wissenschaft. An einem Überblick über die Hauptmomente des neuzeitlichen Rationalismus werden wir die Eigentümlichkeiten des rationalistischen Wissenschaftsbegriffs kennen lernen. Aus dem Rationalismus hat sich das gegenwärtige Problem von Wissenschaft und Leben gebildet. Gegen die rationalistische Auffassung der Wissenschaft hat sich die neue Auffassung durchzusetzen. Die Kritik des Rationalismus an den verschiedenen Punkten wird uns gleichzeitig das Wesen des Neuen enthüllen. Der Gegenlauf gegen den Rationalismus hat sich dann zu positiven neuen Versuchen einer Weltanschauung gesteigert, von denen ich unter dem Gesichtspunkt Leben und Wissenschaft diejenigen drei Männer und Richtungen besonders behandeln will: den radikalen Empirismus eines WILLIAM JAMES, die Psychologie und Metaphysik eines HENRI BERGSON und die aktivistische Philosophie RUDOLF EUCKENs. In den Werken dieser drei Männer kommen die prinzipiellen Wandlungen der gegenwärtigen Philosophie am deutlichsten zum Ausdruck.


II. Die Entwicklung
des Rationalismus

Der Rationalismus ist die kühne Glaubensform der Neuzeit. Diese Glaubensform bindet eine geistige Entwicklung von Jahrhunderten zusammen und treibt die Probleme zu einer rastlosen Umgestaltung vorwärts. Denn hinter aller Erkenntnistheorie, hinter aller Gestaltung der wissenschaftlichen Einzelprobleme lebte das starke Verlangen nach einer neuen Einordnung des Menschen im All, nach sicheren eindeutigen Antworten auf die letzten Daseinsfragen. Im religiösen System des Mittelalters waren solche Antworten gegeben. Als man aber mit diesem System gebrochen hatte, war man im tiefsten Lebensgefühl erschüttert. Man hatte die geistige Orientierung verloren, wie man durch KOPERNIKUS die räumliche Orientierung verloren hatte.

Aber die alten Fragen hatten nicht aufgehört, die Seelen dieser Menschen zu bewegen, die Fragen nach einem Sinn und einem Wert des Lebens, nach der Stellung des Menschen im All. Im Verlangen jedoch, diese Fragen zu beantworten, war etwas Neues hinzugekommen: man verlangte eine Art von Sicherheit wie die Kirche sie geboten hatte. Tradition und Offenbarung genügten nicht mehr. Nicht das von der Autorität Gesetzte, sondern das Gesetz der Vernunft soll von nun an die letzte Entscheidung über Wahr und Falsch bringen. Nie zuvor ist das Problem der Gewißheit so tief empfunden und so heiß umkämpft worden wie in der Neuzeit, denn der neuzeitliche Geist wurzelt nicht mehr wie der antike in einem umfassenden Volksgeist und empfängt nicht mehr wie der mittelalterliche seine Richtlinien von der Kirchenlehre.

Der leitende Begriff, mit dem sich die Neuzeit gegen das Mittelalter durchsetzt, ist die Autonomie. Sie ist zunächst ein rein formales Prinzip, sie bedeutet anfangs nur eine Veränderung im Grund der Geltung. Aber der Begriff der Autonomie hätte nicht so viel bedeuten können, wenn nicht hinter ihm ein großes konkretes Werk gestanden hätte, auf das man sich als auf eine richtende Macht berufen konnte: die Wissenschaft. Wie das Mittelalter, um ein Letztes zu bezeichnen, "Dogma und Kirche" sagte, so sagt die Neuzeit "Wissenschaft". Sie besitzt dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom Wesen der Wissenschaft. Dieses ist ihr vorbildlich in der Mathematik gegeben. Die Mathematik gibt der Wissenschaft das ungeheure Selbstvertrauen und die Macht über die Gemüter. Der Rationalismus ist nichts weiter als eine von der Mathematik beeinflußte Auffassung vom Wesen der Wissenschaft, verbunden mit dem Versuch, die Gegebenheiten des Lebens in Einklang zu bringen mit dem Weltbild der mathematischen Physik. Das geschieht in verschiedenen Etappen. Die erste Etappe ist der ontologische Rationalismus eines DESCARTES und SPINOZA, die zweite Etappe ist der phänomenologische Rationalismus KANTs. Der Angelpunkt der kantischen Gedanken ist die Mathematik. Um die den mathematischen Urteilen eigene Notwendigkeit zu retten, unternimmt er die bekannte kopernikanische Umwälzung. Eine Abwandlung des ontologischen Rationalismus stellt der spekulative deutsche Idealismus dar, sofern er die Logisierung von der Natur auf die geschichtliche Welt überträgt und in dieser die gleichen Vernunftnotwendigkeiten entdecken zu können glaubt, die der ontologische und phänomenologische Rationalismus in der Natur entdeckt hat. Ich bezeichne ihn deshalb als geschichtsphilosophischen Rationalismus. Diesen drei Formen des Rationalismus ist ein Moment gemeinsam: sie lassen, ohne es freilich offen zuzugestehen, Motive außerwissenschaftlicher Art mitsprechen bei der letzten Bestimmung ihres Weltbildes. Wenn man hingegen bei der Wissenschaft, wie sie der Rationalismus auffaßt, stehen bleibt, wenn die Forderungen des Lebens sich zu puren Gemütsbedürfnissen verflüchtigen und das Weltbild der Wissenschaft als etwas Letztes gilt, dann haben wir den Naturalismus. Der Naturalismus, sagt EUCKEN einmal, gibt ein Bild vom All unter Absehung von allem charakteristisch Menschlichen. Da in dieser Metaphysik nur die Motive der rationalistisch gefaßten Wissenschaft gegeben sind, so möchte ich diese "wissenschaftliche" Philosophie als Szientismus bezeichnen. Der Szientismus ist ein säkularisierter Rationalismus. Allen vier Arten des Rationalismus ist eine Voraussetzung gemeinsam: die erkenntnistheoretische Autonomie der Wissenschaft. Sie baut sich auf dem Glauben auf, daß die die Wissenschaft beherrschenden Tendenzen eine ganz besondere Dignität besitzen, weil die Wissenschaft als Ganzes etwas Absolutes, von allem übrigen Losgelöstes, ist.

Nach diesem allgemeinen Überblick möchte ich nun den rationalistischen Wissenschaftsbegriff näher charakterisieren und damit zugleich seine Folgen für die rationalistische Metaphysik zeigen. Es werden sich dabei eine Reihe von Zügen ergeben, die der gesamten philosophischen Entwicklung der Neuzeit - auch in ihren empiristischen Richtungen - gemeinsam sind, und welche die bisherige Art der Philosophie zu einem in sich geschlossenen Ganzen machen. -

Die Voraussetzungen der rationalistischen Wissenschaftsauffassung bestimmen die gesamte Art des neuzeitlichen philosophischen Denkens. Wenn ich sage, daß das Leben von der Wissenschaft aus erfaßt und gedeutet wird, so meine ich damit, daß gewisse Tendenzen und Motive, die dem rationalistischen Wissenschaftsbegriff eigentümlich sind, unbesehen in die metaphysische Spekulation hinübergenommen werden. Nach Aufdeckung dieser heimlichen Voraussetzungen wird die Kritik zeigen, in welchen Punkten unsere Wissenschaft diese Voraussetzungen verlassen hat und welche Folgen dies für das Verhältnis von Leben und Wissenschaft, und deshalb auch für die Metaphysik, haben muß. Bei der Schilderung des rationalistischen Wissenschaftsbegriffs berücksichtige ich nur diejenigen Momente, die zu unserem Problem eine nähere Beziehung haben. -

Die rationalistische Wissenschaftsauffassung ist dadurch vor allem charakterisiert, daß ihr die Mathematik als Typus der Wissenschaft gilt. Das hat weittragende Folgen. Die Mathematik geht aus von einer Reihe von Axiomen, aus denen alle weiteren Sätze abgeleitet werden. Diese Axiome haben zeitlose Gültigkeit; sie sind unwandelbar und unbeweisbar, weil alles Spätere sich auf ihnen aufbaut. Sie haben den Charakter absoluter Sicherheit. Die Erfahrung, so glaubt man, kann ihnen weder etwas hinzufügen noch etwas fortnehmen. So werden sie dem Geist als feste Besitztümer zugeschrieben. Das verführt nun leicht dazu, in der gegebenen Wissenschaft und in dem von der Wissenschaft geschaffenen Weltbild etwas Letztes, mit dem Wesen des Geistes selbst Gesetztes zu sehen. Die Resultate der Wissenschaft verlieren ihren zeitlich bedingten Charakter und nehmen Teil an der absoluten Sicherheit der Axiome. Oder anders: nur das wird als Wissenschaft anerkannt, was denselben apodiktischen [Gewißheits- | wp] Charakter trägt wie die letzten Axiome. Das geschlossen System der mathematischen Physik gilt als die Wissenschaft. Das Ideal der Wissenschaft als einer Summe unveränderlicher, zeitlos gültiger Urteile und die wirkliche in der Zeit sich entwickelnde, sich verändernde Wissenschaft fällt mit dem Rationalismus zusammen. Dieser Zug kehrt auf allen Gebieten wieder denen sich der rationalistische Geist zugewandt hat. Er deutet darauf hin, daß der rationalistische Geist von einem der Vergangenheit zugewandten Lebensgefühl beherrscht ist und von der Zukunft keine Überraschungen mehr erwartet. Es äußert sich hierin eine gewisse Genügsamkeit hinsichtlich des erprobten Beweismaterials; es herrscht hier der Glaube, daß die eigentlichen Entscheidungen unserer Wissenschaft und unseres Lebens schon gefallen sind.

Indem der Rationalismus eine Reihe von Urteilen der Erfahrung, d. h. der Veränderung, entrückt, glaubt er, feste Maßstäbe zu haben, an denen er alles andere messen kann. Er hat sozusagen die Grenzen des Möglichen umschrieben (6). In Bezug auf die einzelnen Tatsachen war man bescheiden, hingegen die Axiome und Gesetze hielt man für alle Zeiten gesichert und für unerschütterlich. Verstärkt wurde dieser Glaube noch durch den Eindruck einer eindeutigen und imposanten Entwicklung der mathematischen Physik. ABEL REY schildert diesen Eindruck in seinem Werk "Die Theorien der Physik bei den modernen Physikern" mit folgenden anschaulichen Worten:
    "Eine definitive Mechanik: die analytische Mechanik Lagranges, eine durchweg auf dieser Mechanik begründete Physik - das ist, kurzgesagt, die Anschauung, von der man glaubt, sie lasse sich auf naturwissenschaftlichem Gebiet nur noch sub specie aeterni [im Licht der Ewigkeit - wp] betrachten. Diese Meinung war durch analoge Überzeugungen bezüglich der cartesianischen und der Physik Newtons (welche Kant ständig als die Physik betrachtete, ebenso wie euklidische Geometrie als die Geometrie) vorbereitet worden. Denn die Physik des traditionellen Mechanismus war die Vollendung und Resultante der Entwicklung der Physik innerhalb der zwei verflossenen Jahrhunderte. Ein Fortschritt hatte stattgefunden, es schien keine Lücke zu existieren. Die Physiker sammelten und verdichteten alle Ergebnisse ihrer Vorgänger in einem einfachen, elegangen harmonischen Werk. Es bildete die logische Fortsetzung aller seit Galilei, ja, seit Archimedes unternommenen Arbeiten: es verknüpft sogar durch die rationale Mechanik und Kinematik hindurch mit der schönen Ordnung der Geometrie. Nichts schien diese seit Jahrhunderten in gleicher Richtung gleichförmig beschleunigte Bewegung hemmen zu müssen. Die Wissenschaft hatte die einzig mögliche Erklärung der Naturphänomene gefunden, und zwar eine Erklärung im vollen Sinne des Wortes. ... Die Unvollkommenheit der Wissenschaft ließ wohl einige Schwankungen zu, aber niemand bezweifelte, daß dieses Schwanken immer mehr verschwinden würde." (Seite 34/35)
So strebt der Rationalismus auf allen Seiten nach festen Abschlüssen, nach sicherer Überschaubarkeit der Dinge. Er wird von einem Lebensgefühl beherrscht, das auf das Unbewegliche und Unveränderliche gerichtet ist. Das Einzelne bedeutet ihm wenig gegenüber dem Allgemeinen. Er hat ein statistisches Universum zur Voraussetzung, dessen letzte Prinzipien er zu kennen glaubt.

Ein weiterer Zug der Wissenschaft, den der Rationalismus ohne weiteres ins Metaphysische ausdehnt, ist das Streben, mit einem Minimum von Prinzipien auszukommen und im Einfachen zugleich das Wahre zu sehen. Es ist dies ein anderer Ausdruck für das Bestreben, die Welt zu intellektualisieren. Dieser Zug zur Einheit und Einfachheit wirkt mit geradezu elementarer Wucht. Wiederumg ware es starke Eindrücke von den Leistungen der mathematischen Physik, welche auch der Philosophie die Sicherheit gaben, sie könnte leicht zu einer Einheit gelangen. Auf einige wenige Gesetze hatte NEWTON alle Bewegungen der Himmelskörper zurückgeführt, und als man im 18. Jahrhundert die Atomistik schuf mittels einer großzügigen Übertragung der Himmelsmechanik auf unsere Körperwelt, da wirkten die überrasschenden Erfolge dieser Atomistik wiederum beflügelnd zurück auf das Einheitsstreben der neuzeitlichen Philosophie.

Daß sich die Wirklichkeit dem Einheitsstreben des Intellekts fügt, nimmt der Rationalismus ohne weitere Untersuchung an. Es gibt nur einen Typus der Wissenschaft und nur eine Methode für die Erkenntnis. In dieser Annahme berühren sich der ontologische Rationalismus eines SPINOZA und die neuesten Formen des Szientismus, etwa eines HAECKEL oder eines VERWORN.
    "Die Natur", heißt es bei Spinoza, "ist immer und überall eine, und ihre Kraft dieselbe, und die wirkende Macht, d. h. die Gesetze und Regeln der Natur, nach welcher alles geschieht und sich aus den einen Gestaltungen in die anderen verwandelt, sind überall immer dieselben, und so muß auch die Methode der Erkenntnis des Wesens irgendwelcher Dinge immer ein und dieselbe sein, nämlich die durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur."
Nur scheinbar wird der Glaube an die für alle künftige Erkenntnis gültige einheitliche Methode durch SPINOZAs Auffassung durchbrochen, daß die Substanz unendlich viele Attribute hat, von denen wir nur zwei kennen. Diese unendlich vielen Attribute sind aber aller Erfahrung entrückt; sie können deshalb niemals eine Änderung der einmal festgelegten Methode der Wissenschaft veranlassen; unsere Welt und unsere Welterkenntnis werden durch die unendlich vielen Attribute der Substanz in keiner Weise berührt.

Als Beispiel dafür, wie tief der rationalistische Glaube an den Monismus noch heute nachwirkt, gebe ich eine Argumentation VERWORNs hier wieder, die er in seiner "Mechanik des Geisteslebens" verwendet.
    "Jeder Erkenntnisprozeß ist ein Reduktionsprozeß, eine Zurückführung von unbekannten Komplexen auf bekannte Elemente. Eine konsequent zu Ende durchgeführte Erkenntnis wird also in letzter Instanz zu einem einheitlichen Prinzip führen, d. h. monistisch sein müssen. In diesem Sinne sind die verschiedenen Versuche aufzufassen, ... den Dualismus zu überwinden."
Also weil der Erkenntnisprozeß ein Reduktionsprozeß ist und möglichst alles auf eine Einheit zurückführen will, darum, so schließt VERWORN, muß sich auch die Wirklichkeit auf eine Einheit zurückführen lassen.

Der Glaube an die Einheit der Methode bedingt eine ganz bestimmte Metaphysik. Wie diese Metaphysik ausfällt, hängt davon ab, ob man von den höheren Tatsachen des Bewußtseins, wie LEIBNIZ und HEGEL oder von den anorganischen Naturphänomenen, wie der Naturalismus, ausgeht. Überall werden im Interesse eines einheitlichen Wissenschaftsideals Diskontinuitäten geleugnet, werden die großen Gegensätze unserer Existenz verwischt. In diesem Sinne kann man auf den rationalistischen Denker das Wort NIETZSCHEs anwenden: "Er ist ein Denker, d. h. er nimmt die Dinge einfacher als sie sind." Ein Typus des Geschehens soll für alle Wirklichkeit gelten. Man scheut vor keiner Verzerrung der Wirklichkeit zurück, wenn es gilt, einem Prinzip seine Unbedingtheit und Uneingeschränktheit zu bewahren. Der psycho-physische Parallelismus als metaphysische Theorie gibt hierfür ein gutes Beispiel. PAULSEN gesteht ein, daß dieser psycho-physische Parallelismus zu einem ganz entstellten Lebensbild führt. Aber höher als das Leben gilt die Rettung des Prinzips von der Erhaltung der Energie. - Die Automatentheorie des seelischen Lebens verdankte ihre Entstehung dem rücksichtslos durchgeführten Prinzip der Kontinuität. So schildert sie JAMES in seinen "Principles of Psychology":
    "Da Aktionen mit einem gewissen Grad an Komplexität durch bloße Mechanismen hervorgerufen werden, warum sollten solche Aktionen nicht auch für einen mehr verfeinerten Mechanismus durchgeführt werden? Die Konzeption von Reflexaktionen ist sicher eine der besten Eroberungen der physiologischen Theorie; warum eine solche also nicht radikal anwenden? Warum nicht sagen, daß, so wie das Rückenmark eine Maschine mit wenigen Reflexen ist, sind auch die Hemisphären des Gehirns eine Maschine mit vielen solchen Reflexen und nur darin besteht der Unterschied? Das Prinzip der Kontinuität wird uns dazu zwingen, diese Ansicht zu akzeptieren." (Bd. 1, Seite 129)
Wie die Natur von einem Prinzip aus begriffen werden soll, so auch die Geschichte. der geschichtsphilosophische Rationalismus ist ein strenger Monismus. Das zeigt sich schon darin, daß immer nur ein Faktor als derjenige herausgehoben wird, von dem aus alles andere abgeleitet wird, sei dies nun die Idee oder der ökonomische Prozeß oder die Rasse. MARX und CHAMBERLAIN gehören, so stark sie sich auch sonst voneinander unterscheiden, der philosophischen Strukur ihrer Lehre nach durchaus zum geschichtsphilosophischen Rationalismus. Dieser tritt uns noch in einem anderen Glauben entgegen: in dem Glauben, daß man alle vergangenen und künftigen Normen menschlichen Lebens und Erlebens auf eine Norm zurückführen kann, daß es ein absolutes Schönheitsideal, eine absolute Religion, eine ethische Formel für alles Handeln geben muß. Im engsten Zusammenhang hiermit steht das Bestreben, die Wirklichkeit zu intellektualisieren, d. h. sie als das vollkommene Gegenbild einer logischen Begriffsverknüpfung zu zeigen. Denken und Sein sollen zusammenfallen. SPINOZA setzt ratio und causa gleich (7). Im geschichtsphilosophischen Rationalismus kommt etwas Ähnliches zur Durchführung. Das zeitliche Geschehen wird seiner Zufälligkeit und tausendfachen Bedingtheit entkleidet, um als Vehikel einer logischen Entwicklung zu dienen. Das zeitliche Nacheinander wird zu einem logischen Auseinander. Die Notwendigkeit des Denkens hat sich in das Objekt gesenkt. Der geschichtliche Prozeß soll in seiner logischen Entwicklung ebenso begriffen werden wie SPINOZA die Welt aus dem Wesen Gottes logisch begreift. Die Voraussetzung hierfür ist aber, daß man, wie in der Mathematik, das Wesen der Dinge in ihrem Begriff besitzt, und aus diesem alles Einzelne ableiten kann (8). Etwas wirklich Neues geschieht in der geschichtlichen Welt ebensowenig wie in der Natur. Denn alle Entwicklung ist nur eine Explikation [Erläuterung - wp] des Begriffes.

Eine Folge hiervon ist der Determinismus. Dieser ist ja die Bedingung wissenschaftlicher Begreifbarkeit. Wenn sich in der Wissenschaft nach dem Glauben eines ontologischen und geschichtsphilosophischen Rationalismus die Wirklichkeit spiegelt, so darf auch in unserer Welt kein Moment der Unbestimmtheit sein. In der Geschichte ist nicht nur alles so gekommen, es hat auch so kommen müssen. Das kann sich mit einer Art von religiösem Fatalismus umkleiden.
    "Nur die Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist." (9)
Das Problem der Freiheit konnte innerhalb des Rationalismus nur nach zwei Richtungen gelöst werden: entweder, indem man die bewußte Zustimmung des Menschen zur Notwendigkeit als Freiheit bezeichnete, oder indem man, wie der kantische Rationalismus, unsere Erfahrungswelt vollkommen dem Determinismus übergibt, diese Welt aber als Ganzes phänomenal setzte und die Freiheit der Welt des Intelligiblen zuwies. In beiden Fällen hatte man unsere Welt der Wissenschaft als einem Zusammenhang von apodiktisch notwendigen und zeitlos gültigen Urteilen überliefert. Der Naturalismus als säkularisierter Rationalismus hatte leichtes Spiel mit diesen Lösungen des Freiheitsproblems. Er behielt die rationalistische Forderung des absoluten Determinismus allen Erfahrungsgeschehens bei und ließ das Übrige absinken. Dem Rationalismus mußte unsere Welt entweder vollkommen durchsichtig sein oder man glaubte der Anarchie zu verfallen. Die Möglichkeit von Einbrüchen metaphysischer Art galt es, für unsere Welt auszuschalten. Lieber diese Welt als Ganzes zur Erscheinung, zur Traumwelt herabsetzen, wenn man Freiheit und metaphysische Ursprünglichkeit retten will, als den rationalistischen Wissenschaftsbegriff opfern. - Im Verhältnis von Gott und Welt läßt sich das besonders verfolgen. Entweder man hebt Gott, wie im Deismus, so weit über die Welt hinaus, daß die Weltmaschine auch ohne ihn sicher arbeitet, oder er wird zu einer Idee verflüchtigt, welch das jenseits der menschlichen Erfahrung liegende Reich des Intelligblen postulatorisch abschließt - im "Gelten" RICKERTs spürt man noch diese Tendenz - oder er wird zum Weltprozeß selbst, der sich dann freilich in der menschlichen Vernunft in logischen Rhythmen erfassen läßt.
LITERATUR - Julius Goldstein, Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart, Leipzig 1911
    Anmerkungen
    1) Vgl. WILLIAM JAMES, Principles of Psychology, Kap. 26, Bd. II
    2) Vgl. HÖFFDING, Religionsphilosophie, Leipzig 1901, Seite 219.
    3) Vgl. den Schlußabschnitt von JEVONS, The Principles of Science: "Our own hopes and wishes and determinations are the most undoubted phenomena within the sphere of consciousness: If men do act, feel and live as if they were not merely the brief products of a casual conjunction of atoms but the instruments of a far reaching purpose, are we to record all other phenomena and pass over these?" [Unsere eigenen Hoffnungen, Wünsche und Bestimmungen sind die zweifellosesten Phänomene im Bereich des Bewußtseins: Wenn Menschen so handeln, fühlen und leben, als wären sie nicht nur die kurzen Produkte einer zufälligen Verbindung von Atomen, sondern die Instrumente eines weitreichenden Zwecks, sollen wir diese Phänomene nur registrieren und ansonsten über sie hinweggehen? - wp]
    4) NIETZSCHE, Menschliches, Allzumenschliches, 5. Hauptstück, Nr. 251.
    5) PIERRE DUHEM, Ziel und Struktur der physikalischen Forschung, Leipzig 1908, Seite 135.
    6) DESCARTES konnte die Worte schreiben: "Ich lasse in der Physik keine Prinzipien zu, die nicht auch in der Mathematik zulässig sind, um alles, was ich ableite, durch Beweise stützen zu können. Diese Prinzipien genügen, um alle Naturphänomene mit ihrer Hilfe erklären zu können." Und am Schluß seiner "principia philosophica" betitelt er einen seiner letzten Paragraphen: "Es gibt keine Erscheinung in der Natur, die nicht in dem, was in dieser Abhandlung erklärt wurde, enthalten wäre."
    7) Vgl. SPINOZA, Ethik II. 7. "Ordo et connexio idearum idem est ac ordo connexio rerum." [Die Reihenfolge und Verbindung von Ideen ist dieselbe wie die Reihenfolge der Verbindung von Dingen. - wp]. Das ist die Grundthese alles Rationalismus.
    8) Unter Begriff [wbbeg] ist nicht eine bloße Vorstellung von uns zu verstehen, sondern die innere Natur, die man meint, wenn man sagt, daß aus dem Begriff des Triangels dies oder jenes folgt". ... "Im Begriff hat man die vernünftige Notwendigkeit; daher hat man begriffen, nur das, dessen wahre Notwendigkeit man erkennt." - J. E. ERDMANN, Grundriß der Logik und Metaphysik, Seite 104.
    9) HEGEL, Philosophie der Geschichte, Seite 563 (Reclam)