ra-1F. NietzscheE. Dubois-ReymondE. MachMüller-FreienfelsL. Nelson    
 
WASSILIJ SESEMANN
Das Rationale und das Irrationale
im System der Philosophie

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"Im Begriff des Rationalen liegt der eigentliche Kern des Erkenntnisproblems; er ist der Brennpunkt, in den alle grundlegenden Fragen der Erkenntnislehre zusammenstrahlen und zusammenlaufen. Das Rationale aber ist nur denkbar als Gegensatz zum Irrationalen. Worin liegt nun die logische Bedeutung der Korrelation dieses Begriffspaares?"

"Die Irrationalität bedeutet nicht Arationalität, sondern eine ideale Rationalität, eine Rationalität höherer Ordnung. Das ist der tiefste Sinn des platonischen Nichtseienden, als des Urquells allen wahren Seins, das ist die schöpferische Macht des Negativen, als des Grundhebels und der Grundbewegung allen philosophischen Denkens."

"Ein klassisches Beispiel der methodischen Bedeutung des Irrationalen bietet die Mathematik. Die Entdeckung der Irrationalzahl und ihre Einführung in alle Rechnungsarten der Arithmetik erweiterte mit einem Schlag den Bereich der quantitativen Bestimmungen zugänglichen Erscheinungen ins Unendliche. Das Unzählbare wurde nun meßbar, berechenbar, und die Mathematik erlangte die Möglichkeit hinfort über unendliche Zahlen ebenso frei und souverän schalten zu dürfen, wie über das gesamte Gebiet des Unendlichen."

"Die Idee der systematischen Einheit ist in ihrer Wurzel irrational. Das Prinzip der Irrationalität schlägt eine Brücke von den empirischen Formen des Rationalen zur Idee der absoluten Rationalität. Die letzte Grundlage und das höchste Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis, das, was ihr Wesen und ihren Aufbau durchgehend bestimmt und begründet, ist für sie selbst nur durch eine negative Definition erfaßbar und begreifbar. Das Negative wird zum Träger der höchsten Positivität."

1. Hoch hinauf in das Altertum führen und die ersten Anfänge der Begriffe des Rationalen und Irrationalen, hinauf bis in jene Zeit, wo das philosophische Denken noch ganz im Bann des Mythischen stand, und die gedankliche Spekulatioin vornehmlich durch anthropomorphe, sinnliche materielle Vorstellungen von der Beliebtheit und Beseeltheit der umgebenden Natur und des gesamten Weltalls gestützt und getragen wurden. Peras und apeiron [Unendlichkeit und Grenze - wp], dieses von den Pythagoräern entdeckte Gegensatzpaar, stellt das erste Entwicklungsstadium der Begriffe des Rationalen und Irrationalen dar. Freilich glaubt man noch in der pythagoreischen Lehre von den Gegensätzen die letzten Nachklänge jener alten Sagen zu hören, die von der Entstehung der Welt aus dem Kampf zweier feindlicher göttlicher Mächte zu erzählen wissen: Der Einen - der Spenderin des Lichts und Urheberin alles Guten, die jedem und allem Vernunft, Maß und Ordnung verleiht und der Anderen - der Beherrscherin des Reichs der Finsternis, des formlosen maßlosen Chaos, in dessen unergründlichen Tiefen furchtbare, zerstörende Kräfte schlummern. Allein auf der anderen Seite treten uns doch in den Spekulationen der Pythagoräer die ersten Äußerungen eines wahrhaft philosophischen Denkens entgegen, das Kraft genug besitzt, sich über das sinnliche Sein zu erheben und hinter der bunten Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt ihre eine unwandelbare Wesenheit zu erschauen. Diese Wesenheit aber ist die Einheit der Gegensätze. Dies ist das Grundmotiv der hellenischen Philosophie und zugleich der Leitstern, dem auch das moderne philosophische Denken folgt, soweit es noch den großen Traditionen der Antike treu geblieben ist.

Die Gegensätze bilden eine Einheit, sie stehen in einem notwendigen unlöslichen Zusammenhang. Andererseits sind sie aber doch Gegensätze im vollen Sinn dieses Wortes, sie bezeichnen jene äußersten Pole, innerhalb welcher sich der ewige Kreislauf des Werdens vollzieht. Aus ihrer Verbindung und Wechselwirkung entspringt sowohl die Vielheit der Dinge, als auch die Einheit des sie umfassenden Kosmos.

Das Problem der Einheit der Gegensätze zieht sich als roter Faden durch die ganze antike Philosophie; eine prägnante logische Formulierung findet es aber erst beim Begründer des Idealismus, bei PLATO. Hier erst treten die logischen Umrisse der Begriffe der Grenze und des Unbegrenzten deutlich hervor. Dank der wunderbaren Macht der platonischen Dialektik verwandeln sie sich aus noch halbmythischen, materiellen Kräften in rein gedankliche Prinzipien der Erkenntnis. Das peras ist gleichsam das aktive, das bestimmende Prinzip, das dem Gegenstand der Erkenntnis die logische Gestaltung gibt, ihn zählbar und meßbar macht. Es bezeichnet die Gesamtheit der methodischen Begriffe, welche die allgemeine Struktur der Erkenntnis bedingen. Das apeiron dagegen, ist das passive Moment jenes unbestimmte, zu bestimmende Substrat, das erst, wenn es sich mit dem peras verbindet und dessen Bestimmungen in sich aufnimmt, die gesamte Welt der qualitativ und quantitativ bestimmten Erkenntnisobjekte aus sich erzeugt. Die Unbegrenztheit des apeiron ist es, welche die Unendlichkeit der Synthese des gestaltgebenden und gestaltempfangenden Prinzips, die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der erkennbaren Wirklichkeit begründet und gewährleistet.

ARISTOTELES, der große Schüler und Gegner PLATOs nimmt ein anderes Gegensatzpaar zum Ausgangspunkt seines Systems: Form und Materie. Sehen wir aber von der metaphysischen Bedeutung dieser Begriffe ab, so sind auch sie letztlich nichts anderes als Abwandlungen jenes logischen Motivs, das den platonischen Prinzipien des peras und apeiron zugrunde liegt. Form und Materie sind - wenigstens dort wo ARISTOTELES sie rein logisch faßt -, streng korrelativ [aufeinander bezogen - wp]: auf ihrer Synthese baut sich die gesamte Welt des Realen auf.

So lassen sich schon in der Antike die ersten Ansätze jener fundamentalen logischen Konzeption aufzeigen, welche die Korrelativität der Gegensätze zur notwendigen Voraussetzung aller objektiven Erkenntnis macht. Allein erst der neueren Philosophie war es beschieden die systematische Bedeutung der Korrelativität in ihrer ganzen Tragweite zu ergründen und zu ermessen. In der antiken Auffassung der Gegensätze ist das Ursprüngliche, das Vorherrschende ihre Verschiedenheit, ihre Zweiheit; ihre Synthese dagegen gilt als das logisch spätere Moment, welches die Sonderheit und Selbständigkeit eines jeden von beiden voraussetzt. In der Überwindung dieses Dualismus bestand die methodische Aufgabe der neueren Philosophie, und sie löste sie, indem sie das Korrelativitätsmoment ins Zentrum rückte, d. h. den logischen Schwerpunkt aus der Verschiedenheit der Gegensätze in ihre innere Einheit" verlegte. Diese systematische Einheit der korrelativen Grundprinzipien ist es, welche unserer Analyse der Begriffe des Rationalen und Irrationalen und ihrer Bedeutung für das Erkenntnisproblem den methodischen Weg weisen soll.

2. Alle Philosophie ist ihrem innersten Wesen nach rational. Darin liegt ihr tiefster Sinn, ihre eigentliche Bedeutung. So verschieden auch ihre ersten Voraussetzungen und letzten Ergebnisse sein mögen, immer und überall ist es die sokratische Frage des ti esti [Was ist das? - wp], welche zu beantworten sie sich zur Aufgabe macht. Diese Frage bedeutet aber nichts anderes, als den Versuch, ihren Gegenstand zu begreifen, d. h. seine begriffliche Einheit zu erfassen, die Gesetzmäßigkeit der ihn bestimmenden Zusammenhänge und Relationen zu definieren. Auf welchem Weg sie diese Aufgabe löst, worin sie die gesuchte Einheit und Gesetzmäßigkeit zu erkennen glaubt, das alles mögen schon Fragen sein, die beim gegenwärtigen Stand des Wissens eine verschiedene Beantwortung zulassen. Aber auf die Forderung einer begrifflichen, rationalen Einheit kann und darf die Philosophie nicht verzichten; sonst verlöre sie ihre Existenzberechtigung und hörte auf Philosophie zu sein, d. h. aber rationale Erkenntnis. Im Begriff des Rationalen liegt der eigentliche Kern des Erkenntnisproblems; er ist der Brennpunkt, in den alle grundlegenden Fragen der Erkenntnislehre zusammenstrahlen und zusammenlaufen. Das Rationale aber ist nur denkbar als Gegensatz zum Irrationalen. Worin liegt nun die logische Bedeutung der Korrelation dieses Begriffspaares? - Wollen wir zum Problem der objektiven Erkenntnis kritisch Stellung nehmen, so ist es vor allem diese Frage, welche eine eingehende logische Untersuchung zu beanspruchen hat.

Das naive Bewußtsein faßt die ihm gegenüberstehende Welt als etwas unmittelbar Gegebenes auf. Mit der Gegebenheit des Objekts ist aber die Vorstellung von seiner Endlichkeit und damit zugleich von der Endlichkeit der Erkenntnis selbst notwendig verbunden. Es genügt, den Gegenstand analytisch in seine Bestimmungsfaktoren zu zerlegen, um der vollen, erschöpfenden Erkenntnis seiner Wesenheit sicher zu sein. Der Erkenntnisprozeß selbst, als solcher, ist bloß ein Übergangsstadium, dem keine selbständige logische Bedeutung zukommt. Der objektive Gehalt des Wissens ist gänzlich unabhängig von den subjektiven Methoden und Verfahrensweisen des Denkens. Von diesem Standpunkt aus sind Nichtwissen und Wissen, Problem und Problemlösung - absolut - unvereinbare Gegensätze. Die Erkenntnis ist schlechthin rational; als irrational gilt all das, was jenseits des wirklichen, oder sogar alles möglichen Wissens liegt. Dies sind die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, aus denen die Theorie von der analytischen Natur der Erkenntnis hervorgegangen ist; ohne die Annahme einer unmittelbaren Gegebenheit und Endlichkeit des Objekts, der daraus folgenden Endlichkeit der objektiven Erkenntnis und schließlich, ohne die Voraussetzung der absolut unversöhnlichen Gegensätzlichkeit und Transzendenz des Rationalen und Irrationalen wäre der Begriff eines rein analytischen Wissens unmöglich, undenkbar.

In der Geschichte der Philosophie vertreten diesen Standpunkt im Wesentlichen alle Erkenntnislehren der vorkritischen Zeit, insbesondere aber der vorkantische Rationalismus. Die absolute Rationalität der Erkenntnis, welche alles Irrationale unbedingt ausschließt, dieses Grunddogma jedes orthodoxen Rationalisten, führt ihn notwendigerweise zu einer Gleichsetzung der Begriffe des Endlichen und Rationalen, denn allein dem Endlichen ist die den Forderungen der ratio entsprechende absolute, in sich geschlossene Bestimmtheit eigen. Das Problem des apeiron existiert für den dogmatischen Rationalisten überhaupt nicht. Die platonische Korrelation der Grenze und des Unbegrenzten verliert in seinen Augen jegliche logische Bedeutsamkeit. Diese dogmatische Gleichsetzung des Rationalen und des Endlichen ist es nun, gegen die sich die Kritik des transzendentalen Idealismus richtet. Die Rückkehr zum platonischen Standpunkt und die philosophische Rehabilitierung des Unendlichkeitsprinzips - das gehört mit zu seinen größten und unveränglichen Verdiensten. Im Gegensatz zum Rationalismus vertritt die kritische Lehre den Standpunkt, daß die philosophische Erkenntnis keine Schranken, keine Abschlüsse kennt, denn unermeßlich und unbegrenzt steht ihr die objektive Welt der Erscheinungen gegenüber. Dann aber kann der Gegenstand der Erkenntnis keine in sich abgeschlossene Gegebenheit sein und auch nicht durch eine endliche Analyse erschöpfend erkannt werden. Vielmehr wird mit der Endlichkeit des Objekts auch der analytische Charakter des Erkennens notwendig aufgehoben. Denn ist einmal das Denken jener festen Stütze beraubt, welche ihm die endliche Gegebenheit des Objekts bot, so ist es darauf angewiesen, aus seinen eigenen Quellen die Prinzipien und Methoden zu schöpfen, die den Ansprüchen eines unendlichen Gegenstandes zu entsprechen imstande wären. Mit anderen Worten; die Analyse wird, sobald sie auf ein unendliches Objekt angewandt wird, notwendig zur Synthese, die aus der inneren Natur des Denkens heraus rationale Formen der Erkenntnis erschafft. Allein die synthetische Erkenntnis, d. h. die zu idealer Bedingtheit und Unendlichkeit potenzierte Erkenntnis, vermag das grenzenlose Bathos [Gegenüberstellung eines höheren Wertes zu einem niedrigeren - wp] der Erfahrung zu umfassen und zu begreifen.

Sub specie infinitii [im Licht der Unendlichkeit - wp] ändern sich alle Perspektiven und Horizonte. Es verschwinden die scharfen Grenzlinie, welche das Problem von seiner Lösung trennen, im Wissen selbst kommen Elemente des Nichtwissens zum Vorschein, im Nichtwissen - Keime eines neuen Wissens. Hinter jeder Lösung taucht ein neues, vielmehr eine ganze Reihe neuer Probleme auf, jede Antwort, die einer bestimmten Fragestellung entspricht, enthüllt bei näherer Betrachtung eine Fülle von weiteren, tiefer gehenden Fragen. Kurz: zwischen die Gegensätze die ursprünglich unvereinbar schienen, schiebt sich eine Reihe von vermittelnden Verbindungsgliedern ein; sie verlieren ihre anfängliche absolute Starrheit und Isoliertheit und werden zu Stadien einer logischen Entwicklungsreihe, innerhalb welcher alle Unterschiede und Abstufungen relativ sind und kontinuierlich ineinander übergehen.

Diese radikale Umwertung aller logischen Werte tritt besonders deutlich am Begriff des Problems zutage. Abgesehen von der rein subjektiven Bedeutung eines vorbereitenden Anfangsstadiums des psychologischen Erkenntnisprozesses gewinnt er in der kritischen Philosophie noch eine streng objektive Bedeutung: eines unveräußerlichen Moments der unendlichen und in ihrer Unendlichkeit unvollendbaren Erkenntnis. So wird das Problemhafte zum auszeichnenden Merkmal aller wahrhaft kritischen Philosophie und Wissenschaft. Hier ist auch der Boden, in welchem der die moderne Erkenntnislehre beherrschende Methodologismus wurzelt.

Wenn das vollendete System der Wissenschaft immer ein Ideal bleibt, das sich in einem unendlichen Entwicklungsprozeß verwirklicht, so ergibt sich daraus die Folgerung, daß die einzelnen Stufen der Erkenntnis den Gegenstand als Ganzes nicht zu erfassen vermögen, vielmehr bezeichnen sie bloß Etappen auf dem unendlichen Weg zur adäquaten absoluten Erkenntnis. Allein dieser Weg oder diese Methode existiert nicht getrennt vom Ziel zu dem sie hinführt; im Gegenteil, die Allheit der methodischen Stufen und Stadien des Wissens deckt sich durchaus mit dem vollendeten System der Erkenntnis. Folglich bildet jede einzelne Stufe, jede einzelne Methode ein konstruktives Element der idealen, schlechthin objektiven Erkenntnis. So treten Objekt und Methode der Erkenntnis in den innigsten und unlöslichsten Zusammenhang. Das Objekt wird gleichsam vollständig in die methodischen Bestimmungen der Erkenntnis zerlegt, es löst sich restlos auf im kontinuierlichen Prozeß ihrer logischen Entwicklung. Andererseits verwandelt sich auch die Methode aus einer subjektiven Verfahrensweise, welche der denkende Geist auf den ihm von außen gegebenen Gegenstand anwendet, in ein konstitutives, das Objekt erzeugendes Prinzip und erlangt dadurch die höchste für sie erreichbare Stufe der Objektivität (1).

In der konstitutiven Bedeutung der Methode offenbart sich der logische Sinn des Problembegriffs. Er vereinigt in sich all die logischen Motive, welche im Keim bereits im platonischen Prinzip des Unbegrenzten enthalten sind. Der Methodologismus und Problematismus in der modernen Erkenntnistheorie sind die Endergebnisse der historischen Entwicklung des platonischen Idealismus.

Freilich könnte hier der Zweifel berechtigt erscheinen: ob denn dem Problembegriff wirklich die konstitutive Bedeutung zukommt, die wir ihm zugewiesen haben? Seiner logischen Funktion nach deckt er sich doch vollkommen mit der kantischen regulativen Idee, die ja lediglich eine Norm des wissenschaftlichen Denkens, ein heuristisches Prinzip der philosophischen Forschung bezeichnen soll. Allein - so könnte man dagegen fragen - sind denn normative und konstitutive Gültigkeit unvereinbare, einander ausschließende Gegensätz? Ist es nicht vielmehr notwendig vorauszusetzen, daß allen vom Standpunkt des erkennenden Subjekts regulativen Normen bestimmte das Objekt konstituierende Prinzipien entsprechen müssen? Vertritt doch gerade in der kantischen Lehre die Idee das Systemprinzip. Das System aber bedeutet nicht bloß das Endziel, das die Richtung aller wissenschaftlichen und philosophischen Forschung bestimmt, sondern zugleich die letzte Grundlage, die erste notwendige Bedingung aller nur möglichen rationalen Synthesen und Zusammenhänge.

Eine systematische Tendenz ist auch dem Problembegriff eigen. In der Einheit des Problems ist bereits die Einheit des Erkenntnisgegenstandes angelegt, ja vorweggenommen (2). Die Einheit des Problems ist es auch, die in stetiger Selbstentfaltung die Vielheit der Probleme erzeugt, zugleich aber im Prozeß fortschreitender Differenzierung ihre volle Identität bewahrt und dadurch diese Vielheit wieder zu einer kontinuierlichen Einheit zusammenschließt. Die Einheit und Kontinuität der wissenschaftlichen Problematik - das sind die logischen Wurzeln der Unendlichkeit der Erkenntnis, der Unerschöpflichkeit ihres Gegenstandes.

Die Konsequenzen, die sich aus der systematischen Valenz [Wert - wp] des Problembegriffs ergeben, sind namentlich für die Frage nach der letzten Begründung und der objektiven Gewißheit der Gegenstandserkenntnis von entscheidender Bedeutung.

Haben wir einmal vorausgesetzt, daß die Erkenntnis schlechthin problematisch ist, d. h. vom Problembegriff durchgehend beherrscht wird, so müssen wir auch die daraus fließende Folgerung anerkennen: daß es keine unbedingt gewissen, evidenten Wahrheiten gibt, d. h. daß es keine Gegebenheiten gibt, welche die Philosophie nicht so oder anders zum Problem machen müßte, und welche keiner logischen Begründung und Rechtfertigung bedürften. In dieser Hinsicht besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen den konkreten Tatsachen der empirischen Wirklichkeit und den allgemeinsten axiomatischen Sätzen der abstrakten Wissenschaften; so oder anders sind sie alle problematischer Natur, d. h. sie bergen Ansätze zu neuen Problemen und Aufgaben in sich. Absolute Selbstgewißheit kommt allein dem in sich geschlossenen und selbstgenugsamen System der schlechthin vollendeten Erkenntnis zu (3).

3. Jetzt sind wir in unserer Begriffsentwicklung an dem Punkt angelangt, wo wir an die Beantwortung der zentralen Frage unserer Untersuchung herantreten können: Welche Bedeutung gewinnt die Korrelation des Rationalen und Irrationalen unter dem Gesichtspunkt des erkenntnistheoretischen Problematismus? Der problematische Charakter der Erkenntnis kommt, wie wir bereits gezeigt haben, in ihrer empirischen Unvollendetheit und Unabgeschlossenheit zum Ausdruck. Jede einzelne Stufe der Erkenntnis fordert zu ihrer eigenen Vollendung die Überwindung ihrer selbst, d. h. die Lösung der Probleme und Fragen, die sie offen gelassen hat. Als rational im vollen Sinn des Wortes (d. h. als den idealen Forderungen der Vernunft entsprechend) kann jedoch nur eine nicht problematische, in sich abgeschlossene Erkenntnis gelten. Sofern also für die empirisch wirkliche Erkenntnis diese Vollendung unerreichbar ist, vermag sie nicht nur nicht die höchste Stufe der Rationalität in sich zu verwirklichen, sondern enthält auch notwendig irrationale Elemente (ungelöste Probleme) in sich. Ja, noch mehr, dieser irrationale Einschlag ist kein zufälliges, so oder anders zu beseitigendes Beiwerk, sondern das notwendige Korrelat zu einer problematischen Unendlichkeit der objektiven Erkenntnis. Mit anderen Worten: die logische Struktur von Wissenschaft und Philosophie und überhaupt aller empirisch erreichbaren Erkenntnis wird in gleicher Weise von rationalen und irrationalen Faktoren bedingt.

In etwas anderer Fassung würde dieser Gedanke etwa so zu formulieren sein: Wenn das absolut rationale System der Erkenntnis eine reale Gegebenheit wäre, so hätte das Erkenntnisproblem überhaupt keine Existenzberechtigung. Dann träte nämlich der Fall ein, daß die Sphären des erkennenden Bewußtseins und des erkannten Gegenstandes sich vollkommen decken, Objekt und Subjekt in ewiger unwandelbarer Identität verharren würden, und eine fortschreitende Entwicklung der Erkenntnis daher gänzlich ausgeschlossen wäre. Eine solche absolute, nicht problematische Rationalität ist jedoch bloß ein überempirisches Ideal, das eine unmittelbare Realität lediglich für einen unendlichen intuitiven Verstand gewinnen könnte. In der empirischen Wirklichkeit dagegen bleibt die Erkenntnis immer unvollendet, problematisch. Das ist der sachliche Grund, weshalb das Erkenntnisproblem zum Eckstein der wissenschaftlichen Philosophie hat werden können. Die Bedeutsamkeit und Selbständigkeit, die ihm eignet, verdankt es ausschließlich dem Vorhandensein irrationaler Elemente im Wissen, der Nichtidentität und Inadäquatheit von Subjekt und Objekt, von erkennendem Bewußtsein und Erkenntnisgegenstand.

Diese Doppelsinnigkeit des Inhalts der objektiven Erkenntnis, ihr rational-irrationaler Charakter ist die notwendige Folge ihrer problematischen Strukturbeschaffenheit. Die Korrelation des Rationalen und Irrationalen bildet das logische Komplement eines anderen Gegensatzpaares, das bereits früher erwähnt wurde: Gegebenheit und Aufgabe. Wenn wir oben den Satz aufstellten: Keine Gegebenheit ohne ihr entsprechende Aufgabe, so können wir ihn jetzt durch seine Umkehrung ergänzen und berichtigend sagen: Keine Aufgabe ohne eine ihr zugrundeliegende Gegebenheit. In der Tat: Der problematische Charakter der empirischen Erkenntnis entspringt aus ihrer Unabgeschlossenheit, aus der Unzerlegbarkeit ihres Objekts in rein rationale Elemente. Die Überwindung dieses irrationalen Restbestandes in der Struktur der Erkenntnis ist bedingt durch die Unendlichkeit ihrer Entwicklung, durch die Stetigkeit ihrer fortschreitenden systematischen Vervollkommnung. Diese Unendlichkeit des Fortschritts, diese Unerschöpflichkeit der philosophischen und wissenschaftlichen Aufgaben ist es, in welcher sich die innersten systematischen Tendenzen, die rationale Wesenheit der Erkenntnis offenbart und kenntlich macht. Andererseits aber deutet doch wieder das ewige Unvollendetbleiben der Erkenntnis, das niemals zum Abschlußkommen ihrer Entwicklung auf die beständige Präsenz irrationaler Faktoren im Wissen hin, d. h. auf das Vorhandensein oder die Gegebenheit ungelöster, der Lösung erst harrender Probleme. Gegebenheit und Irrationalität sind unlöslich miteinander verbunden. Jede Gegebenheit beruth auf einer irrationalen Grundlage; und wiederum alles Irrationale ist nur als Gegebenheit denkbar, - kurz: Gegebenheit und Irrationalität sind Begriffe, deren logischer Ort in der philosophischen Systematik durch ihr Wechselverhältnis hinreichend und eindeutig bestimmt wird.

Bei diesem Ergebnis dürfen wir jedoch nicht stehen bleiben. Mag auch das Vorhandensein eines ständigen irrationalen Faktors in der Erkenntnis noch so schlagend erwiesen sein, so handelt es sich doch für uns vor allem darum, den logischen Wert des Irrationalitätsbegriffs zu beglaubigen, d. h. den Beweis zu erbringen, daß er nicht bloß eine inhaltsleere Abstraktion, das Produkt abstruser Dialektik ist, sondern ein lebendiges methodisches Prinzip, das seine Fruchtbarkeit an allen Fragen, die aus dem Begriff der Gegebenheit, als ihrem gemeinsamen Ursprung, hervorgehen, zu erhärten imstande ist.

In erster Linie sei die Bedeutung des Irrationalen erwähnt, welche in das philosophische Denken und in den philosophischen Sprachgebrauch eingeführt zu haben das große Verdienst FICHTEs ist: nämlich die Bedeutung des Irrationalen, welche zur methodischen Charakteristik des Problems des Konkreten dient. Es ist dies eins von den ewigen Problemen, welche das Sein dem denkenden Geist stellt; logische Bestimmtheit hat es aber est seit den Zeiten von LEIBNIZ und KANT gewonnen. Die konkrete Wirklichkeit, oder in psychologischer Terminologie gesprochen: die Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke läßt sich nicht restlos auf rationale Faktoren zurückführen, sie ist nicht in rein logische Zusammenhänge und Relationen zerlegbar. Jede Wahrnehmung stellt inhaltlich ein unendlich komplexes Gebilde, eine qualitativ und quantitativ unübersehbare Mannigfaltigkeit der verschiedenartigsten Faktoren und Elemente dar. Die vollständige Überwindung und Rationalisierung dieser Unendlichkeit des Konkreten ist eine Aufgabe, welche die beschränkten logischen Kräfte der empirischen Wissenschaft übersteigt. Das Problem des Konkreten aber existiert als unleugbare Tatsache, an der die Philosophie nicht vorübergehen kann, wenn sie nicht auf ihre ideale Bestimmung und ihre Universalität von vornherein verzichten will. So bleibt ihr dann dieser prinzipiellen Schwierigkeit gegenüber nichts anderes übrig, als im Hinblick auf die Beschränktheit der ihr zur Verfügung stehenden methodischen Mittel sich ausschließlich mit einer rein negativen Definition des Konkrten zu begnügen: nämlich es als irrationale Unendlichkeit - der rationalen Endlichkeit all jener gesetzmäßigen Zusammenhänge und Relationen entgegenzustellen, welche als logisch durchsichtige und eindeutig bestimmte Elemente den eigentlich positiven Gehalt der Erkenntnis ausmachen.

Aus der methodischen Genesis dieser logischen Charakteristik des Konkreten erhellt sich bereits, daß die Irrationalität im gegebenen Fall durchaus nicht als unbedingte Negation des Rationalen verstanden werden darf; vielmehr ist die Irrationalität des Konkreten relativ und steht mit der Sphäre des Rationalen im gleichen innerlichen Zusammenhang, wie die über alle Grenzen und Abschlüssen hinausgehende Unendlichkeit, mit der ihr homogenen in sich abgeschlossenen Endlichkeit.

Durch das Problem des Konkreten wird jedoch die methodische Bedeutung des Irrationalen nicht erschöpft. Wollte man bloß der konkreten Wirklichkeit Irrationalität zusprechen, so wäre damit die Annahme vorweg genommen, daß die Entwicklung der Erkenntnis nur in einer Richtung fortschreitet, daß allein im Problem des Konkreten die Wissenschaft es mit einer unendlichen Aufgabe zu tun hat, während die Gesamtheit der formalen Prinzipien und Prämissen der Erkenntnis ein endliches System bildet, dessen erschöpfende Determination seinem qualitativen und quantitativen Bestand nach entweder schon erreicht ist, oder doch zumindest im Bereich endlicher, möglicher Erfahrung liegt. Eine derartige Annahme würde den ganzen weiteren Entwicklungsprozeß der Wissenschaft ausschließlich auf die Bestimmung und Berechnung all der unendlich mannigfaltigen und komplizierten Kombinationen der primären Elemente und "aprioren" Formen der Erkenntnis zurückführen, zu denen sie sich in den Phänomenen der empirischen Wirklichkeit zusammenfinden und miteinander verbinden. Kurz: Philosophie und Wissenschaft müßten sich in diesem Fall in eine universale Kombinatorik verwandeln, welche die gesamte der Erkenntnis zugängliche Welt der Erfahrung umfassen würde. Allein, wenn man auch schon ganz davon absehen wollte, daß diese Annahme dem faktischen Entwicklungsverlauf der wissenschaftlichen Erkenntnis durchaus nicht entspricht, so ist sie auch rein methodisch keineswegs einwandfrei; neigt sie doch offensichtlich zu einer quantitativen Deutung rein qualitativer Veränderungen und verfälscht durch diese Vereinfachung die wahre Natur des Erkenntnisprozesses. Eine konsequente Durchführung des Problematismus ist unvereinbar mit der Beschränkgung des Irrationalen auf die Sphäre des konkreten Seins, sie erfordert vielmehr die Anwendung dieses methodischen Prinzips auf all die Grundfragen der Erkenntnistheorie, welche dem Problem der Gegebenheit entspringen, - somit auch auch die Frage nach den höchsten Prinzipien und Voraussetzungen der wissenschaftlichen Erkenntnis. Diese Forderung wurzelt im sachlichen Gehalt der Frage selbst. In der Tat: die systematische Einheit der Philosophie und die Mannigfaltigkeit der konkreten wissenschaftlichen Probleme stehen in einer unlöslichen, wechselseitigen Abhängigkeit. Jeder neuen Stufe der Einheit entspricht eine neue Stufe der Mannigfaltigkeit. Gleichzeitig mit dem Prozeß der Differenzierung der Erkenntnis vollzieht sich ein analoger Prozeß der Integration. Das Auftauchen neuer konkreter Probleme, die Entdeckung neuer weiterer Gebiete der wissenschaftlichen Forschung wirkt notwendig auf die die Wissenschaften begründenden Prinzipien und Voraussetzungen zurück und führt schließlich zu einer radikalen Umgestaltung und Umwandlung der allerletzten und allgemeinsten Grundlagen des gesamten Erkenntnissystems. Mit anderen Worten: die höchsten Prinzipien der Wissenschaft sind - wie wir schon oben angedeutet haben - im letzten Grund nicht weniger problematisch, als die konkreten Tatsachen der Wirklichkeit. Sofern sie aber problematisch sind, müssen auch zu einer weiteren logischen Entwicklung fähig sein, d. h. die Keime neuer, rational höher stehender Prinzipien in sich tragen.

Welches sind nun die methodischen Mittel, die für die Charakteristik dieser höheren Stufen der Rationalität zur Verfügung stehen, die zwar irreal sind und gleichsam nur in potentia existieren, ihre aktuelle Bedeutsamkeit aber dadurch erweisen, daß sie als ideale Zielpunkte den gesamten Lebensprozeß der empirischen Wissenschaften bedingen, ihm einen logischen Sinn und Wert verleihen?

Das auszeichnende Merkmal der logischen Entwicklung ist ihr "dialektischer Charakter". Die logischen Stadien einer Entwicklungsreihe sind nicht lediglich durch das Verhältnis der bloßen Aufeinanderfolge verbunden, sondern das Niedere geht immer in das Höhere als integrierender Bestandteil ein. Mit anderen Worten: jede folgende Stufe ersetzt die vorhergehende nur insoweit, als sie die logischen Mängel der letzteren, ihre innere Unvollständigkeit beseitigt, die Bedingtheit und Beschränktheit ihres Seins überwindet, dagegen ihren positiven Inhalt nicht nur rein erhält, sondern sogar in weitere systematische Zusammenhänge einglieder und in höhere Potenzen der Rationalität überführt. Aus dieser Wesenseigentümlichkeit des logischen Entwicklungsprozesses ergeben sich unmittelbar die qualitativen Unterschiede in den Übergängen von der höheren Stufe zur niederen und von der niederen zur höheren. Geht das Denken von einem höheren Stadium aus, so vermag es die ihm unter geordneten niederen Stufe zur höheren fortschreiten, so ist, vom Standpunkt dieser letzteren, eine vollständig eindeutige Bestimmung und Erschöpfende Charakteristik der ersteren nicht zu erreichen; denn - wie es ja in der Natur der Sache liegt - die engere logische Sphäre vermag die weitere nicht ihrem ganzen Umfang nach zu umgrenzen und zu umschreiben. Worauf beruth aber dann die Möglichkeit und Notwendigkeit eines Fortschritts von den niederen zu den höheren Stufen der Erkenntnis? Ausschließlich auf der logischen Unvollständigkeit jeder einzelnen von ihnen, auf ihrem problematischen Charakter, d. h. auf einem Mitenthaltensein in ihren Strukturverhältnissen von ungelösten Problemen. Somit erweist sich die Unvollkommenheit der empirischen Wissenschaft, also ein rein negatives Merkmal, als die einzige der Philosphie zugängliche Bestimmung ihres eigentlichen Gegenstandes - der schlechthin letzten Prinzipien und Voraussetzungen der Erkenntnis und der darauf gegründeten höheren Formen der wissenschaftlichen Systematik. Sofern aber diese idealen Stadien der Erkenntnis jenseits der empirisch realen Rationalität liegen, sind sie irrational. Hinter dieser negativen Definition verbirgt sich jedoch ein eminent positiver Sinn: Die Irrationalität bedeutet, wie wir schon oben betonten, nicht Arationalität, sondern eine ideale Rationalität, eine Rationalität höherer Ordnung. Das ist der tiefste Sinn des platonischen me on [das Nichtseiende - wp], als des Urquells allen wahren Seins, das ist die schöpferische Macht des "Negativen", als des Grundhebels und der Grundbewegung allen philosophischen Denkens.

Fassen wir das Gesagte kurz zusammen, so sind es drei methodische Bedeutungen des Irrationalen, die wir festgestellt haben. Zunächst das Irrationale, sofern es das logische Interesse des Problems der konkreten Gegebenheit zu wahren berufen ist. Eine tiefere Analyse dieses Problems deckt jedoch den innigen Zusammenhang der Irrationalität des Konkreten mit einer anderen Form des Irrationalen auf - der Irrationalität der letzten die Wissenschaft begründenden Prinzipien. Und schließlich, in der unlöslichen Verbindung und Einheit dieser beiden Formen des Irrationalen ist die systematische Bedeutung dieses Begriffs angelegt: Als der Gesamtheit der idealen Stufen der Erkenntnis, die von der Unabgeschlossenheit des empirischen Wissens hinauf führen zu einem vollendeten System der Philosophie.

Diese systematische Bedeutung des Irrationalen ist nicht bloß das Endergebnis, sondern zugleich auch die erste allgemeine Grundlage aller vom Standpunkt des Problematismus überhaupt möglichen Artformen dieses Begriffs. Auf dieser systematischen Basis gründet sich daher auch die Korrelation des Rationalen und Irrationalen. Das sind nicht lediglich Gegensätze, die ausschließlich durch die rein abstrakte Einheit eines formal-logischen Gesichtspunktes miteinander verknüpft sind, in der konkreten Wirklichkeit dagegen einander transzendenten Gebieten angehören, die durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt sind. Im Gegenteil, im korrelativen Verhältnis des Rationalen und Irrationalen offenbart sich ihre innere systematische Einheit, und diese Einheit ist für die Glieder dieses Verhältnisses ebenso wesentlich, sie ist ebenso konkret und real, wie die Vielheit ihrer Unterschiede.

Die fundamental-philosophische Bedeutung dieser Einheit des Rationalen und Irrationalen läßt sich am Besten an der Betrachtung einiger von den logischen Grundkorrelationen verdeutlichen, welche schon seit den Zeiten der Antike zu den wichtigsten konstruktiven Momenten aller wissenschaftlichen Erkenntnis gerechnet worden sind. Vor allem gehört hierher das Gegensatzpaar von Form und Materie (Inhalt), auf dessen logische Verwandtschaft mit den Begriffen des Rationalen und Irrationalen wir bereits oben hingewiesen haben. Die Unterscheidung von formalen und materialen Elementen der Erkenntnis ist notwendig an die Voraussetzung ihrer inneren Einheit gebunden, d. h. aber an die Anerkennung einer Relativität ihres Unterschiedenseins. Im Formalen müssen die Ansätze zum Materialen mitgegeben sein und umgekehrt, alles Materiale muß im Endresultat in einen Komplex von formalen Bestimmungen aufgelöst werden können. Andernfalls würde die systematische Kontinuität im korrelativen Verhältnis der Erkenntniselemente aufgehoben. Wenn also die Erkenntnis durch und durch problematischer Natur sein soll, so ist auch den formalen Elementen notwendig eine gewisse Materialität zuzusprechen, denn die Möglichkeit muß immer offen bleiben, sie formalen Prinzipien höherer Ordnung zu subordinieren [unterzuordnen - wp]. In gleicher Weise muß auch jede materiale Gegebenheit die Disposition zur Formwerdung in sich tragen, sofern sie nämlich als Determinante von materialen Inhalten höherer Komplexion dienen kann. Mit einem Wort, die Grenze zwischen dem formalen und materialen Bestand der Erkenntnis ist relativ, ist fließend. (4)

In demselben Sinn ist vom Standpunkt des Problematismus auch die Korrelation des Allgemeinen und Individuellen (Abstrakten) und Konkreten) zu deuten. Auch zwischen diesen Gegensätzen, die gleichsam die Kehrseite des eben betrachteten Begriffspaares bilden, besteht kein absolut unüberwindlicher Dualismus, von dem das philosophische Denken, als von einer schlechthin evidenten, unverrückbaren Gegebenheit ausgehen könnte. Der Unterschied zwischen Allgemeinem und Individuellem setzt ihre systematische Einheit voraus. Jeder Allgemeinbegriff ist individuell, sofern aus seiner Universalität und Einheit die Unersetzlichkeit und Einzigkeit der von ihm vertretenen logischen Funktion hervorgeht; in jedem konkreten Faktum andererseits ist ein gewisses Moment der Abstraktion mitgesetzt - ein Absehen von den Relationen und Zusammenhängen mit der gesamten übrigen Wirklichkeit. Sowohl das Allgemeine wie auch das Individuelle findet seine Vollendung in der Idee. Denn in der Idee erreicht das Allgemeine die Konkretheit des Individuellen, und das Individuelle die Universalität des Allgemeinen, kurz: die Idee bezeichnet den Vereinigungspunkt, die Identität dieser Gegensätze. Die Abstraktion, als Grundlage des Allgemeinbegriffs, und die konnkrete Allheit der Idee bedeuten durchaus nicht einander ausschließende Aspekte des philosophischen Denkens. Im Gegenteil, das Abstraktionsverfahren ist gerade der Weg, der zur Verwirklichung der allumfassenden konkreten Idee führt. Das soll natürlich nicht heißen, daß die systematische Universalität der Idee den Unterschied des Allgemeinen und Individuellen in sich aufhebt und vernichtet. Nein, die Gegensätzlichkeit dieser Begriffe bleibt in voller Kraft, zugleich aber wird sie einer höheren umfassenden Einheit untergeordnet.

4. Es sind aber noch andere, schwerere Bedenken in Erwägung zu ziehen, welche der hier vertretene Standpunkt wachrufen muß. Wenn es überhaupt keine solchen letzten Prinzipien der Erkenntnis gibt, welche im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung ihre volle Identität und Unveränderlichkeit zu wahren vermögen, geht da nicht die Philosophie jede feste sichere Stütze verloren und wird dadurch nicht die Möglichkeit einer schlechthin gewissen objektiven Erkenntnis vollständig aufgehoben? Fast hat es den Anschein, als wenn der Problematismus, bei konsequenter Durchführung, die eigentlichen Grundlagen des systematischen Standpunktes untergräbt und schließlich in dessen Gegenteil umzuschlagen droht - einen krassen Empirismus und Relativismus, der prinzipiell die Möglichkeit eines streng logischen Aufbaus der wissenschaftlichen Erkenntnis bestreitet?

Vielleicht ließe sich aber dieses rätselhafte Phänomen gerade in einem umgekehrten Sinn deuten, nämlich als Beleg dafür, daß die systematische Philosophie empiristischen Tendenzen durchaus nicht fremd gegenübersteht, ja noch mehr, daß eine richtige Anwendung der systematischen Methode überhapt gar nicht möglich ist, ohne daß auch dem Empirismus eine gewisse methodische Bedeutung zuerkannt wird. Ist es doch nicht von ungefähr, daß PLATO, der Begründer der systematischen Philosophie, die hypothetische Methode entdeckt hat, jene logische Methode, die offen aller konstruktiven Spekulation bloß eine bedingte Geltung zuspricht und ihre objektive Gewißheit und Wahrheit in Abhängigkeit von ihrer Übereinstimmung mit den Einzeldaten der Erfahrung stellt. Das soll doch wohl nichts anderes heißen, als daß jeder qualitativen Erweiterung des Tatsachenmaterials auch eine Vertiefung der sie begründenden Prinzipien entsprechen muß. Seit PLATO ist die hypothetische Methode zum Radikalmittel des spekulativen Denkens sowohl in der Antike, wie in der Neuzeit geworden. Und ein Blick auf die Geschichte der Philosophie bestätigt es uns in der Tat, daß die allgemeinen formalen Grundlegungen der Erkenntnis nicht weniger tiefe Wandlungen und Metamorphosen durchgemacht haben, als die Aufstellungen der einzelnen positiven Wissenschaften. - Freilich gibt es solche Wissensgebiete, welche scheinbar von den geschichtlichen Schicksalen und Wandlungen der Erkenntnis im Allgemeinen gänzlich unberührt bleiben. So ist die formale Logik z. B. im Wesentliche auf derselben Entwicklungsstufe stehen geblieben, die sie im aristotelischen Organon erreicht hat. Allein diese privilegierte Stellung einzelner Wissensgebiete ist in erster Linie durch die Enge der methodischen Grenzen bedingt, in welche sie das ihnen zuständige Problemgebiet einschließen. Mit der stetig fortschreitenden Differenzierung der Erkenntnis geht unvermeidlich die Absonderung einzelner Probleme oder Problemkomplexe Hand in Hand und damit zugleich eine Bearbeitung des darin enthaltenen Stoffes, die zunächst von den Zusammenhängen mit den methodisch benachbarten Problemgebieten noch gänzlich absieht. Eine solche künstliche Isolierung der Probleme, die hauptsächlich durch praktische Gründe hervorgerufen wird, kann jedoch nur eine vorläufige vorbereitende Bedeutung beanspruchen, und überhebt daher die Philosophie durchaus nicht der Verpflichtung, nach dem Zusammenhang dieser Forschungsgebiete mit der gesamten übrigen Problematik der Wissenschaften zu fragen und ihren logischen Ort im System der Erkenntnis zu bestimmen.

Indem nun dieser systematische Gesichtspunkt in alles Endliche die Perspektive der Unendlichkeit hineinträgt, deckt er mit einem Schlag die dogmatische Beschränktheit der einzelnen Disziplinen auf, und der problematisch hypothetische Charakter ihrer Grundlagen, die Unvollständigkeit und Unabgeschlossenheit ihrer inneren Struktur treten in unverhüllter Nacktheit zutage. - Betrachten wir etwa als Beispiel die formale Logik. Hat sich etwa ihre Stellung innerhalb des Systems der Philosophie seit KANT nicht verändert? Sind nicht sogar Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Existenzberechtigung laut geworden, Zweifel, die eben darin begründet sind, daß die formale Logik infolge ihrer inneren Abgeschlossenheit am wirklichen Leben und Werden der Wissenschaft keinen Anteil hat? Oder ein anderes Beispiel: Wo liegt der Grund dafür,, daß die Frage nach dem wissenschaftlichen Geltungswert der deduktiven Methode und ihrem Verhältnis zur Induktion nicht eine ebenso abschließende und erschöpfende Lösung zuläßt, wie etwa die Frage nach der Klassifikation der verschiedenen syllogistischen Schlußfiguren? Eben deshalb, weil dieses Problem die systematische Seite der formalen Logik beleuchtet, d. h. die Punkte, wo sie mit der Methodenlehre der positiven Wissenschaften in unmittelbarer Berührung steht. - Oder schließlich das Gesetz des Widerspruchs. Was könnte es wohl Einfacheres, Verständlicheres und Gewisseres geben, als dieses Gesetz! Und doch: sobald wir die Frage nach seiner systematischen Bedeutung stellen, erhebt sich sofort eine Menge der schwerwiegensten Probleme, durch welche die intimsten und eigensten Interessen der systematischen Philosophie in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wir sind natürlich weit davon entfernt, behaupten zu wollen, qualitative Charakter des Problematischen wäre in allen Wissenschaften der gleiche, und es müßte daher eine jede von ihnen in ihrer Entwicklung sich ausschließlich von ihrem Verhältnis zum Ganzen der Philosophie leiten lassen. Gewiß gilt es durchaus anzuerkennen, daß die genaue Bestimmung der Stufe der Problemhaftigkeit, welche den einzelnen Zweigen der Wissenschaft eigentümlich ist, so wie die Begründung ihrer relativen Selbständigkeit und der Diskontinuität in ihren logischen Wechselbeziehungen zu den Kapitalaufgaben der allgemeinen Methodenlehre gehört. Wir bestehen lediglich darauf, daß diese Aufgabe überhaupt nur lösbar ist unt er der einen Voraussetzung:
    Eines idealen, allumfassenden und kontinuierlichen systematischen Zusammenhangs aller Gebiete und Richtungen der objektiven Erkenntnis.
Diese Ausführungen sind aber vielleicht doch noch nicht geeignet, den eigentlichen Grund des oben erhobenen Bedenkens zu beseitigen. Gesetzt, der Problematismus wäre im Recht, und es wäre ihm zuzugestehen, daß an den inneren Wandlungen der Erkenntnis nicht bloß ihre materialen, sondern auch die formalen Elemente teilnehmen. Wo läge dann die Gewähr dafür, daß die Erkenntnis nicht vollständig die Stabilität einbüßt, mit der ihr Wahrheitswert steht und fällt, daß sie sich nicht in einem heraklitischen Werden, einem Kommen und Gehen einander verdrängender und vernichtender Entwicklungsstufen auflöst? Besteht nicht die logische Aufgabe aller Erkenntnis im Wesentlichen darin, die variablen Größen der empirischen Erfahrung auf gewisse konstante gesetzmäßige Relationen zurückzuführen? Und ist nicht alles Werden erst an einem unwandelbaren Sein meßbar und erkennbar? - Die Antwort auf diese Frage haben wir teilweise oben bereits vorweggenommen. Im historischen Werdegang der Erkenntnis spiegelt sich ihre logische Entwicklung, in der, wie gesagt, das höhere Stadium das niedere nicht annulliert, sondern "aufhebt", indem es seinen positiven Inhalt in sich aufnimmt und ihn zu höheren, differenzierteren und tiefer begründeten Formen der Erkenntnis umgestaltet.

Eroberungen und Entdeckungen, welche Wissenschaft und Philosophie einmal gemacht haben, gehen keineswegs im Strom der Zeiten unter, sie bilden vielmehr das ewige, unzerstörbare Material, aus dem sich das System der Erkenntnis aufbaut. Freilich erleiden die Grundlegungen und Prinzipien der Wissenschaft im Verlauf dieses Evolutionsprozesses so manche wesentliche tiefeinschneidende Wandlung. Es wandelt sich ihre Formulierung, es wandelt sich ihr logischer Ort im System der Erkenntnis, es wandeln sich schließlich auch Stellung und Richtung der in ihnen angelegten Problemansätze und Problemtendenzen. Trotzdem bleibt ihre ewige ideale Identität unwandelbar und unerschütterlich bestehen. Allerdings ist die Möglichkeit, diese ideale Identität der Erkenntnis in ihrer empirischen Veränderlichkeit zu wahren und aufrecht zu erhalten an eine Bedingung geknüpft: An die Anerkennung der leitenden Rolle des Problematismus in der Erkenntnislehre, d. h. aber an die Voraussetzung, daß der Gegensätzlichkeit des Rationalen und Irrationalen die systematische Einheit dieser Begriffe zugrunde liegen muß. (5)

Ein klassisches Beispiel der methodischen Bedeutung des Irrationalen bietet die Mathematik. Die Entdeckung der Irrationalzahl und ihre Einführung in alle Rechnungsarten der Arithmetik erweiterte mit einem Schlag den Bereich der quantitativen Bestimmungen zugänglichen Erscheinungen ins Unendliche. Das Unzählbare wurde nun meßbar, berechenbar, und die Mathematik erlangte die Möglichkeit hinfort über unendliche Zahlen ebenso frei und souverän schalten zu dürfen, wie über das gesamte Gebiet des Unendlichen. Diese methodische Fruchtbarkeit der Irrationalzahl verdankt sie nicht etwa irgendwelchen ihr allein eigenen geheimnisvollen, metaphysischen Eigenschaften, die unvergleichbar und unvereinbar wären mit allem, was der Sphäre der rationalen Erkenntnis angehört. Nein, sie unterscheidet sich von der rationalen Zahl lediglich so, wie das Unendliche vom Endlichen, d. h. bei völliger qualitativer Gleichartigkeit und Bestimmtheit bleibt an ihr, vom Standpunkt der rationalen Zahlen gesehen, etwas von der Unbestimmtheit des apeiron haften, sofern sie nämlich immer nur einer annähernden, niemals jedoch einer erschöpfenden quantitativen Bestimmung zugänglich ist.

Auf der gleichen Korrelation von Endlich und Unendlich beruth auch die rein logische Bedeutung des Gegensatzes von Rational und Irrational, oder in anderer Terminologie: des abstrakten Begriffes und der konkreten Idee. Allein, der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Bedeutungen des Irrationalen besteht darin, daß die logische Irrationalität nicht durch eine quantitative Unbestimmtheit, sondern durch eine unendlich gesteigerte qualitative Unbestimmtheit charakterisiert wird, eine Unbestimmtheit, die gleichsam ins Unendliche potenziert ist, die sich aus einer unendlichen Menge nicht homogener [gleichartiger - wp], sondern heterogener [ungleichartiger - wp] Dimensionen zusammengesetzt (6).

Freilich ist auf logischem Gebiet die Gleichartigkeit des Rationalen und Irrationalen in gewissem Sinne vorausgesetzt. Allein, wenn in der Mathematik das Prinzip der Homogenität einen durchaus positiven Charakter trägt und sich dahin aussprechen läßt, daß all die gesetzmäßigen Relationen, welche den Begriff der Zahl überhaupt konstituieren, sowohl für das Gebiet der rationalen Zahlen, wie für die Irrationalzahl Geltung haben, so erhält es in der Logik im Gegenteil eine negative Formulierung. Vom streng logischen Standpunkt aus ist es durchaus möglich in der Sphäre des Irrationalen, solche Relationszusammenhänge anzunehmen, die gänzlich außerhalb der von der empirischen Wissenschaft erreichten Stufe der Rationalität fallen. Diese Möglichkeit ist jedoch an eine einschränkende Bedingung gebunden: Die "irrationalen Gesetzmäßigkeiten" müssen dem Prinzip der "Kompossibilität" genügen, d. h. sie müssen in einem idealen systematischen Zusammenhang mit dem Gesamtgebiet des Rationalen stehen, mit allem, was den objektiven Gehalt der positiven Erkenntnis ausmacht.

Diese Einschränkung ist von der größten prinzipiellen Bedeutung; denn sie spricht es klar aus: daß der tiefere Sinn des Irrationalen nichts anderes ist und sein kann, als eine Rationalität höherer Ordnung, als die Idee der rationalen Systematischen Einheit selbst. Ebenso wie unter dem Aspekt der vollendeten aktuellen Unendlichkeit der Unterschied zwischen rationalen und irrationalen Zahlen verschwindet, so bildet auch die Systemidee den idealen Identitätspunkt der logischen Rationalität und Irrationalität. Empirisch betrachtet legen sich in eine Zweiheit, einem Gegensatz auseinander, dagegen von der Höhe des transzendentalen Standpunktes gesehen, schließen sie sich zu einer organischen Einheit zusammen.

So gelangen wir zu dem anscheinend so paradoxen Ergebnis: Die Idee der systematischen Einheit ist in ihrer Wurzel irrational. Das Prinzip der Irrationalität schlägt eine Brücke von den empirischen Formen des Rationalen zur Idee der absoluten Rationalität. Die letzte Grundlage und das höchste Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis, das, was ihr Wesen und ihren Aufbau durchgehend bestimmt und begründet, ist für sie selbst nur durch eine negative Definition erfaßbar und begreifbar. Das Negative wird zum Träger der höchsten Positivität. Jeder Versuch, diese wahrhaft logische, eminent-positive Bedeutung der Negation in Abrede zu stellen, würde die systematische Philosophie an ihrer Wurzel treffen. Sind alle negativen Bestimmungen lediglich abstrakte Schemata, die in keinem innerlichen Kontext mit dem realen konkreten Inhalt der Erkenntnis stehen, dann kann auch die kantische Idee nicht mehr als ein Hilfsprinzip bedeuten, das zwar eine nicht unwesentliche Ergänzung des kritischen Standpunktes bildet, jedoch aller konstitutiven Bedeutung für die positive Wissenschaft völlig bar ist. Das hieße aber die Idee ihrer wichtigsten systematischen Funktion entkleiden, als des höchsten Prinzips, das die logischen Elemente aller Erkenntnis innerlich verbindet und zusammenhält. Dann gäbe es keinen Ausweg aus der "analytischen" Logik, die am Dualismus von Konkretem und Allgemeinem orientiert ist, dann gäbe es auch keinen inneren, begrifflich erfaßbaren Zusammenhang zwischen den abstrakten und den konkreten Wissenschaften.

LITERATUR - Wassilij Sesemann, Das Rationale und das Irrationale im System der Philosophie, Logos, Bd. 2, Tübingen 1911
    Anmerkungen
    1) Den Gegensatz von objektivem Realismus und subjektivem Idealismus berührt das hier behandelte Thema nicht. Wir betrachten ausschließlich den immanenten Bestand der objektiven Erkenntnis.
    2) Hier, sowie in allen weiteren Darlegungen sehen wir von einer Scheidung zwischen den Gebieten der Philosophie und der positiven Wissenschaft noch gänzlich ab und beschränken uns ausschließlich auf die Analyse der allgemeinen Strukturbeschaffenheit der Erkenntnis überhaupt, d. h. also der Einheit von Philosophie und Wissenschaft.
    3) Vom Standpunkt des konsequenten Problematismus kann es keine Frage geben, die prinzipiell unlösbar wären. Die Unlösbarkeit eines Problems, sofern es nur einen vernünftigen Sinn hat, ist immer nur relativ und die bloße Folge einer falschen Fragestellung, d. h. eines Lösungsversuchs, der aus der Richtung des durch die systematische Kontinuität der Problem vorgezeichneten Weges herausfällt.
    4) Sachlich wird an diesem logischen Verhältnis nichts geändert, wenn wir das Formale, Bestimmende der Erkenntnis als die konstanten Relationszusammenhänge zwischen den Erkenntnisinhalten, das Materiale als das Dingliche an diesen Inhalten definieren wollten; denn auch bei dieser Fassung der Korrelation des Formalen und Materialen würde die Relativtät ihres Gegensatzes gänzlich unberührt bleiben. Wird einmal die Möglichkeit von Relationen höherer Ordnung (Relationen von Relationen) zugestanden, so muß, bei jeder weiteren Differenzierung der Erkenntnis, einerseits in den Relationen selbst ein Moment der Inhaltlichkeit, der Dinglichkeit hervortreten, sofern sie nämlich das Material für Relationen höherer Ordnung abgeben, andererseits aber auch das Dingliche am Inhalt in Relationszusammenhänge zwischen komplexeren Dinglichkeiten sich auflösen lassen.
    5) Daraus erhellt sich, daß es sich nicht darum handeln kann, die Gegensätzlichkeit in der Korrelation von Sein und Werden, von konstanten und variablen Elementen der Erkenntnis vollständig zu verwischen und aufzuheben, sondern einzig und allein um den schlichten Nachweis, daß aller empirisch überhaupt erreichbaren Fixierung dieser Gegensätze und ihres logischen Wechselverhältnisses immer ein Rest von Problemhaftigkeit und insofern von Relativität anhaften muß. Absolut konstant - würden wir sagen - ist nicht dies oder jenes logische Prinzip, diese oder jene Grundrelation der Erkenntnis, als vielmehr das Problem dieses Prinzips, dieser Relation, als eines konstruktiven Elements der Systemeinheit.
    6) Übrigens kennt auch die neuere Mathematik eine analoge Steigerung und Potenzierung des Unendlichkeitsbegriffs, wie das die Lehre CANTORs von den transfiniten Zahlen beweist, welche auf der Annahme von Mengen verschiedener Mächtigkeit, d. h. verschiedener Stufen der Unendlichkeit begründet ist. Allein, auch die Theorie CANTORs hat, wie die Mathematik überhaupt, die völlige qualitative Gleichartigkeit und Bestimmtheit (durch gesetzliche Relationen) ihres Gegenstandes zur Voraussetzung.