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PAUL FERDINAND LINKE
Der Recht der Phänomenologie
[eine Auseinandersetzung mit Theodor Elsenhans]
[2/2]

"Das Erscheinende als solches ist das offenbare Subjekt der Prädikatioin und ihm schreiben wir das zu, was wir an ihm selbst als Charakter vorfinden: eben die Nichtigkeit. Man muß hier nur wie überall in der Phänomenologie den Mut haben, das im Phänomen wirklich zu Erschauende, statt es umzudenken, eben hinzunehmen, wie es sich selbst gibt, und es ehrlich zu beschreiben."

"Die an und für sich bestehende peinliche Tatsache, daß ich im Fluß der Zeit sozusagen vom Gegenstand abgetrieben werde, muß irgendwie aufgehoben werden; ich muß ihn aus dem Zeitfluß herausheben: ich muß ihn vorstellen - zum Wesen alles Vorstellens gehört eben schon von vornherein die Entindividualisierung."


Die Reduktionen

Die Eigenart der phänomenologischen Betrachtungsweise läßt sich nun vielleicht am Einfachsten auf folgendem Weg klarmachen.

Wir gehen von einem naheliegenden Beispiel aus:
    Ich sah gestern am 6. Februar 5:10 Uhr am wenig bewölkten Himmel die untergehende Sonne. Heute nun denke ich an das gestern Wahrgenommene zurück: ich stelle mmir erinnerungsmäßig die untergehende Sonne vor und zwar - wie wir es der Einfachheit halber nennen wollen - genau so, wie ich sie gestern wahrgenommen habe. Nun kann ich immer neue und neue Akte des Vorstellens erleben, in denen ich in derselben Weise auf die gestern wahrgenommene Sonne gerichtet bin: stets ist der Gegenstand derselbe - vollkommen derselbe, nicht etwa nur der "gleiche". Der von uns gemeinte Gegenstand hat sich - sofern nur unsere Voraussetzung zutrifft - nicht im Geringsten geändert: er ist genau die gestern untergehende Sonne geblieben, mögen sich die Akte und die sie vielleicht begleitenden illustrierenden Bilder auch noch so sehr geändert haben. Nun vollziehen wir die phänomenologische Reduktion: die epoche. Wir schalten alles aus, was in irgendeiner Weise die Richtigkeit von Ergebnissen der empirischen Forschung voraussetzt: alles, was sich als eine nur den individuellen Einzelfall (oder eine Generalisation aus Einzelfällen) betreffende Wahrheit gibt oder seiner Natur nach allein als solche geben kann, versehen wir mit einem Fragezeichen. Selbstverständlich heißt das nicht, daß wir annehmen, dergleichen sei falsch, sondern nur, daß wir die auf Feststellungen dieser Art abzielenden Untersuchungen insgesamt als für unsere Probleme gleichgültig betrachten. Wir ignorieren von vornherein die ganze in dieser Richtung liegende Forschungsweise: wir verhalten uns so, als ob (43) die empirische Wirklichkeit vielleicht nicht vorhanden sein könnte, oder als ob sich damit rechnen läßt, daß die ganze empirisch gegebene Welt, die wir - eben als empirische - in der natürlichen Einstellung selbstverständlich mit dem Prädikat wirklich (d. h. in diese unsere eine, individuelle, einmalig in Raum und Zeit vorhandene Welt irgendwie eingeordnet) versehen, dieses Prädikat in Wahrheit nicht verdient: die Daseinsthesis, die eben in diesem Sinn die Generalthesis der natürlichen Einstellung genannt werden kann, setzen wir in Klammern." (44)
Es scheint mir nun die Bedeutung dieser Einklammerung oder Ausschaltung dann am Klarsten hervorzutreten, wenn man hinsichtlich ihrer zwei Stufen unterscheidet.

Die reale Welt pflegt als die "hic et nunc" [hier und jetzt] vorliegende, als die räumlich und zeitlich ausgebreitete individuelle Welt betrachtet zu werden. Demnach läßt sich zuerst die räumliche Wirklichkeit ausschalten. Das heißt nun aber nicht etwa, daß wir die räumlichen Bestimmungen des betreffenden Gegenstandes ausschalten, sondern vielmehr, daß wir den Gegenstand, der nach wie vor räumlich bestimmt bleibt, als einen in der individuell-einen Raumwelt eventuell nicht vorhandenen (und dann also auf keine Weise in ihr auffindbaren) betrachten: es wird damit also die "Art" von Transzendenz ausgeschaltet, an die man bei diesem bedenklich vieldeutigen Terminus in erster Linie zu denken pflegt, nämlich die Transzendenz im Sinne einer räumlichen oder "außenweltlichen" Realität. Da das im Fall unseres Beispiels nicht übel für den halluzinierten Gegenstand zutrifft, so können wir auch sagen, wir betrachten ihn, betrachten den gestrigen Sonnenuntergang, als ob er halluziniert wäre. Offenbar bleibt für unser unmittelbares Bewußtsein die halluzinierte Sonne genauso "außenweltlich", wie die Sonne der Astronomie: vielmehr, daß sie dies bleibt und ist, macht gerade das Eigenartige und Merkwürdige der Halluzination aus. Nur dadurch unterscheidet sich die halluzinierte Sonne von der von allen die individuelle Raumwelt untersuchenden empirischen Wissenschaften vorausgesetzten, daß sie in dieser, in der Welt des "wirklichen" Raumes nicht vorhanden ist: sie bietet keinerlei Ansatzpunkt für ihre Forschungen.

Es kommt uns aber darauf an, alle Ansatzpunkte der empirischen Forschung auszuschalten: denn es ist ja eben unser Ziel, ein besonderes Gebiet des Nicht-Individuellen, als Nicht-Empirischen herauszuarbeiten. Das führt nun sofort zur zweiten Stufe der Reduktion. Denn sicher ist auch die in der realen Raumwelt nicht vorhandene, aber doch jedenfalls irgendwie sonst "vorhandene", nicht als eine bloße Nichtsgemeinte (45), eventuell halluzinierte Sonne noch individuell: sie liegt fest auf einer ganz bestimmten Zeitstelle, nämlich eben der, in der sie halluziniert wurde. Allgemeiner gesprochen: alles Wahrgenommene ist bereits dadurch, daß es zu einer bestimmten Zeit wahrgenommen wurde, individuell bestimmt. Indem ich heute an den gestern wahrgenommenen Sonnenuntergang zurückdenke, ist er durch die Gebundenheit an diesen einen Augenblick des wahrnehmenden Erfassens individuell bestimmt: er ist, auch wenn er sich als halluziniert herausstellen, ja sogar wenn ich während des Erfassens von diesem meinem pathologischen Zustand wissen sollte, doch noch immer als ein einmaliges Vorkommnis gemeint, als ein Vorkommnis, das zeitlich festliegt oder ein Individuum ist. Er ist eine in der Außenwelt, die sich mir subjektiv darbot, in diesem einen, individuellen, niemals wiederkehrenden Moment beginnende und in einem ebensolchen Moment wieder aufhörende, also einmalig festliegende Veränderung. Er ist in den Fluß der Zeit, wie er sich mir zeigte und noch zeigt, eingeordnet: denn er wurde ja natürlich in einem wahrnehmenden Akt erfaßt, der als Glied in der Kette meiner Erlebnisse seine feste Stelle hat, also auch seine Begrenzung durch andere vorangehende, nachfolgende und gleichzeitige Erlebnisses: sie sind es, und für unsere jetzige Begrachtung sind sie es allein, die den Sonnenuntergang zeitlich bestimmen; alle etwaigen späteren genaueren Bestimmungen müssen an sie und also zugleich an den wahrnehmenden Akt - an die Empfindung, kantisch gesprochen - irgendwie anknüpfen. Auch diese Art Individualität schalten wir nun aus, d. h. auch der Akt, in dem der Sonnenuntergang erstmalig erlebt wurde, soll uns nicht mehr interessieren, weer in seinen psychophysischen noch in seinen psychologischen Bedingungen. Ich betrachtet auch das Akterlebnis, als ob es nicht vorhanden wäre.

Was bleibt übrig? Selbstverständlich noch immer der Sonnenuntergang. Ich stelle ja durchaus noch den Sonnenuntergang vor, auch wenn ich ihn weder als in der realen Außenwelt vorhanden noch als gestern wahrgenommen oder überhaupt als mit irgendeinem meiner Erlebnisse koexistierend betrachte. Das, was ich vorstelle, bleibt ein rotes, rundes, am Horizont versinkendes Etwas: ein einheitlicher Komplex von vorgestellten Beschaffenheiten.

Der Einsicht in diesen im Grunde so einfachen Sachverhalt stehen nun freilich allerlei traditionelle Vorurteile gegenüber. Schon indem man das, was wir hier als vorgestellte Beschaffenheiten bezeichneten, "Inhalte" nennt, kommt man sehr leicht zu ihnen. Denn Inhalte sind "natürlich" psychische Inhalte, also Bewußtseinstatsachen. So verwandelt sich der ganz und gar unwirkliche (und nur in realen Akten gegebene) Beschaffenheitskomplex unversehens in einen nun doch wieder realen Bewußtseinstatbestand.

Aber benennen wir nicht selber den Komplex eben als unwirklich, also doch wohl als bloßen Schein, schließlich als "Nichts"? Auf ein Nichts können wir doch unmöglich unsere Untersuchungen richten. Aber dieses Nichts hat seinen guten Sinn nur für die Redeweise der natürlichen, empirischen Einstellung. Nichts heißt soviel wie nichts Wirkliches, nichts in der individuell-einen, räumlichen und zeitlichen Welt Vorhandenes, und gerade, was diese Redeweise sozusagen systematisch übersieht, sucht der Phänomenologe herauszuarbeiten. Was sie aber übersieht, ist schließlich doch auch für sie vorhanden: das, was sie als "Nichts" bezeichnet, ist eben doch auch für sie letzten Endes ein Etwas.
    "Das Erscheinende als solches", sagt Husserl (46) - "ist das offenbare Subjekt der Prädikatioin und ihm schreiben wir das zu, was wir an ihm selbst als Charakter vorfinden: eben die Nichtigkeit. Man muß hier nur wie überall in der Phänomenologie den Mut haben, das im Phänomen wirklich zu Erschauende, statt es umzudenken, eben hinzunehmen, wie es sich selbst gibt, und es ehrlich zu beschreiben."
Auch die Mehrdeutigkeit des Wortes "real" (ebenso wie "tatsächlich" und "wirklich") macht sich hier störend bemerkbar: einmal heißt es soviel wie wahrhaft vorhanden, in unmittelbar zugänglicher Weise gegeben, dann aber soviel wie in der tatsächlich-einmaligen Welt der Individuen irgendwann und vielleicht auch irgendwo vorhanden. Unser bloßer Beschaffenheitskomplex - sagt man - ist in dieser "realen" Welt der Individuen nicht auffindbar, also ist er nichts "Reales", nichts wahrhaft Vorhandenes und unmittelbar Gegebenes, sondern nur ein zusammen von in gewisser Weise interpretierten Empfindungen. An sie als die unzweifelhaften Bewußtseinstatsachen müssen wir uns halten. Aber gerade von diesen Empfindungen wissen wir unmittelbar gar nichts: es ist uns nur die rote, runde dingliche Einheit gegeben. Und sie ist ganz gewiß kein Zusammen von Empfindungen: "rot" ist eine dingliche - d. h. nur an Dingen (oder an Dingen und Dingnoematen) (47) vorkommende Qualität und genausowenig eine Empfindung, als "rund", "doppelt" usw. eine Empfindung ist - man müßte denn (wie dies ja HERING u. a. in der Tat getan haben) gewissen offenbar dinglichen Qualitäten, bloß weil sie physiologisch (oder psychophysisch) genommen "subjektiv" (48) sind, den Namen "Empfindungen" beilegen wollen: eine zumindest irreführende Terminologie.

Also auf die jetzt eine bloß vorgestellte Einheit von Beschaffenheiten gewordene Sonne richten wir unser Augenmerk. Wir haben da noch immer einen ganz bestimmten Sonnenuntergang vor uns: er ist nicht mehr der gestrige und überhaupt nicht irgendwann, aber im Übrigen ist er - immer unmittelbar genommen unverändert geblieben: er ist jetzt ein Sonnenuntergang von er "Art" wie der gestrige, richtiger: er ist die Art, die Spezies "Sonnenuntergang so, wie ich ihn gestern wahrgenommen habe" selbst noch besser: er ist das einer solchen Artbildung zugrunde Liegende, eine reine Idee, in der neueren HUSSERLschen Terminologie ein Eidos, ein Wesen. Wir haben in der Tat eine Wesenserschauung vollzogen: jeder individuelle Sonnenuntergang - auch der halluzinierte oder in einer Erinnerungstäuschung gegebene - ist eine bloße "Vereinzelung" dieses Wesens oder dieser Idee.

Aber ist es denn auch wahr, daß das, was wir hier als Idee gewonnen haben, wirklich ohne Stelle in der individuell-einen oder realen Zeit ist? Könnte es sich nicht vielleicht letzten Endes um eine bloße pointierende Abstraktion handeln? Vielleicht sehen wir von der einen bestimmten Zeitstelle nur in demselben Sinn ab, in dem wir bei einer Farbe von der bestimmten, gerade vorliegenden Helligkeit absehen, wobei dann diese Farbe doch jedenfalls irgendeinen Helligkeitsgrad behalten muß. So hätte auch unser angeblich "ideeller" Sonnenuntergang irgendeine Stelle in der realen Zeit, nur welche er hat, wäre uns gleichgültig geworden: genauso sind wir ja gelegentlich auch von einem uns im Übrigen auf das Genaueste "gegenwärtigen" Ereignis, dessen Zeitstelle wir vergessen haben, überzeugt, daß es jedenfalls irgeneine solche gehabt haben muß. Indessen: das ist nun gewiß nicht die Sachlage. Zunächst scheint es ja allerdings sehr plausibel: ein Ereignis ohne eine feste Zeitstelle - das ist eben einfach ein Ereignis, das eigentlich genommen doch irgendeine feste Zeitstelle hat: nur ist diese Stelle beliebig, ich kann innerhalb eines gegebenen, zeitlich bestimmten Ganzen mit der zeitlichen Bestimmung willkürlich verfahren, ihm bald diese, bald jene zuschreiben. Der konstant festgehaltene "Teil" dieses Ganzen ist dann eben das Ereignis "ohne" eine feste Zeitstelle, genauso wie das konstant festgehaltene Rot, mit dessen stets in irgendeinem Grad vorhandener Helligkeit ich in ähnlicher Weise willkürlich umspringen kann, dadurch für mich zum Rot "ohne" Helligkeit wird.

Aber die schöne Analogie stimmt nicht. Gewiß: das Rot, dem ich beliebige Helligkeiten beilegen kann, das läßt sich während dieses ganzen Vorgangs dauernd als reales Rot denken: etwa als das Rot dieser Scheibe jetzt vor mir: an ihr bewerkstellige ich experimentell die Helligkeitsänderungen; das Rot bleibt dabei gleichwohl ein Individuum: es liegt während des ganzen Vorgangs zeitlich fest und darf festliegen, ohne dadurch den Vorgang als solchen aufzuheben. Ganz anders aber steht es um ein Ereignis. Ein Ereignis läßt sich natüclich nicht in analoger Weise behandeln: es vergeht und ist - wie in unserem Fall - schließlich vergangen: an Vergangenem aber kann ich nicht experimentieren. Will ich es dennoch tun, allgemeiner: will ich irgendeine Änderung (wie eben auch eine solche der Zeitstelle) an ihm vornehmen, so muß ich es zuvor irgendwie "gegenwärtig" gemacht, irgendwie aus der entschwindenden Zeit herausgehoben, dem Fluß der Zeit entrückt, es zeitlich isoliert haben. Ich muß es "vorstellen" im wörtlichen Sinn, gleichsam geistig vor mich stellen, um noch darauf "hinblicken" zu können, während es realitäter schon entschwunden ist.

Darin liegt aber , daß ich um den fraglichen Prozeß ausführen zu können, bereits die Ablösung des Ereignisses von der festen Zeitstelle, die es einnimmt, vollzogen haben muß. Der scheinbar so einleuchtende Gedankengang beruth also auf einem regelrechten ciruculus vitiosus [Teufelskreis - wp]. Der Prozeß, der erst zur Entindividualisierung führen sollte, setzt sie bereits voraus: es muß der Gegenstand, der durch eine pointierende Abstraktion gegen seine besondere Zeitstelle indifferent gemacht werden soll, notwendig schon vorher zeitlich indifferent sein. Die an und für sich bestehende peinliche Tatsache, daß ich im Fluß der Zeit sozusagen vom Gegenstand abgetrieben werde, muß irgendwie aufgehoben werden; ich muß ihn aus dem Zeitfluß herausheben: ich muß ihn vorstellen - zum Wesen alles Vorstellens gehört eben schon von vornherein die Entindividualisierung. Das wahre Analogon zum Gegenstand "ohne" feste Zeitstelle ist nicht das Rot, das (sofern es nur überhaupt "selbst" und nicht indirekt oder in bloßen Symbolen gegeben ist) immer irgendeinen Helligkeitsgrad hat, ich weiß nur nicht welchen, sondern etwa das Rot ohne Umhüllung oder das Dach ohne Haus, von welchen beiden ja jedes auch ohne Umhüllung und ohne Haus vorhanden sein kann. Der wahrgenommene (wie auch der erinnerte) Gegenstand wird nicht durch die bloße pointierende Abstraktion von seiner Zeitstelle befreit, sondern durch die eigentliche Weglassung, Trennung: was natürlich voraussetzt, daß das zu Trennende zuvor "vereinigt" wurde, oder besser - da von seiner aktiven Vereinigung keine Rede sein kann - daß es als "Vereinigtes", als aus selbständigen Einheiten Zusammengesetztes gegeben sein muß, wie ja auch Haus und Dach, Berg und Wald in diesem Sinn zusammen gegeben sind - in einem fundamentalen Gegensatz zum Zusammen von Haus und Front oder von Berg und Tal.

Das entspricht nun genau unseren früheren (49) Ausführungen: daß ein gewisses Gegebenes als Individuelles (50) Ausführungen: daß ein gewisses Gegebenes als Individuelles (d. h. Einmaliges, Wirkliches) auftritt, oder in seinem Gegebensein individuell bestimmt ist, das dankt es in den prinzipiell maßgebenden Fällen allein dem Umstand, daß es an den jeweils erfassenden Akt und damit auch an seine feste Stelle im Erlebnisstrom zeitlich gebunden ist; es koexistiert mit einem bestimmten konkreten Erlebnis und erhält nur dadurch - also zufällig, wenn man es so nennen will - die ihm zukommende feste Zeitstelle. Ohne dergleichen Koexistenz wäre ein gegebener Gegenstand zeitlich indifferent, ein bloßes Quale, das ebensowohl jetzt, wie auch früher oder selbst später bestehen könnte, vielmehr: es ist ohne sie ein solches bloßes Quale (51) und kann tatsächlich zeitlich auf diese, wie auch auf jene Stelle gelegt werden (52). Dafür gibt es jederzeit Beispiele: oft genug kennen wir ein früher Wahrgenommenes "inhaltlich" auf das Genaueste, sind aber nicht in der Lage, ihm eine feste Zeitstelle zuzuweisen; und dabei geben wir ihm vielleicht dennoch gedanklich irgendeine Zeitstelle, wie wir uns auch ein Dach meist als mit irgendeinem Haus verbunden zu denken pflegen. Oder aber wir lassen jede Beziehung zum koinzidierenden Erlebnis und damit auch zur Zeitstelle fallen - analog etwa dem Dach, das wir uns irgendwo fern von jedem zugehörigen Haus (und mithin der Dachfunktion beraubt) vorstellen können: in diesem Fall sind wir zu einem "zeitlosen" oder ideellen Gehalt des wahrgenommenen Gegenstandes vorgedrungen, zu seinem "Eidos" oder "Wesen". Der Phänomenologe hat die "Blickrichtung" auf diesen Gehalt in voller Reinheit durchzuführen - aber in tausend Fällen des täglichen Lebens ist sie prinzipiell genommen bereits vorhanden, nur fortgesetzt vermischt mit der natürlichen Betrachtungsweise. Man könnte etwa an den Maler erinnern, der im Bild den ideellen Gehalt der wahrgenommenen Landschaft festhält und allein festhalten kann, oder aber an die Einstellung des "Lernens".

Ich wähle dieses Beispiel, weil es dem experimentellen Psychologen besonders nahe liegt. Denn er kann, wenn er sich über den Sinn seiner Lernversuche Rechenschaft gibt, unmöglich verkennen, daß einen wahrgenommenen Gegenstand in der Weise des Gelernten präsent haben etwas ganz anderes bedeutet als sich an ihn erinnern. Ich erinnere mich der gestern gelernten Silbenreihe: das besagt, daß mir die Silbenreihe als gestern von mir gelernte gegenwärtig ist, gleichsam eingehüllt in den gestrigen Lernakt (53), "eingeordnet in den geschichtlichen Zusammenhang des eigenen Erlebens" und daher individuell, zeitlich festliegend, real. Das Gegenteil gilt für die Silbenreihe, soweit sie "auswendig" gewußt, in der Weise des Lernens erfaßt ist: für sie ist es - wenn sie nur erst gelernt ist - ganz gleichgültig, wann, wie oft und auf welche Weise sie eingeprägt wurde: sie kommt als dieses einmalig oder mehrmalig gegebene Silbenreihen-Individuum gar nicht in Frage: es kann völlig vergessen sein, ohne daß deshalb die gelernte Silbenreihe "selbst" vergessen wäre - begreiflich genug: denn sie ist der in allen Akten gemeinte identische ideelle Gehalt, "ohne Zeitbezeichnung", wenn man es so nennen will "zeitlos".

Natürlich sind diese Dinge den empirischen Forschern nicht verborgen geblieben - auch ELSENHANS kennt sie: ja ich habe ihn in den letzten Bemerkungen teilweise wörtlich zitiert. (54)

Ich muß also mit einigermaßen freudigem Erstaunen feststellen, daß mein Autor selbst - Phänomenologe ist ... nein: aber daß er wenigstens einen Keim, und zwar den zweifellos wichtigsten Keim dazu in sich trägt. Um es ganz zu werden, müßte er freilich aus dieser zuletzt erwähnten Anschauung die Konsequenz ziehen und einsehen, daß seine anderen Meinungen mit ihr unverträglich sind: dabei denke ich besonders an seine Abstraktionstheorie, die sich dann nicht nur als falsch, sondern als überflüssig erweisen würde.

Denn die in "Lerneinstellung" erfaßte Silbe, etwa die Silbe "vil" genügt in der Tat vollkommen, um die tatsächlich vorliegenden einzelnen wahrgenommenen, gelesenen und gehörten Silben "vil" als die bald mit diesem, bald mit jenem Zeitindex versehenen "Festlegungen" einer Idee, eben der Idee "vil" aufzufassen: genauso wie verschiedene individuelle, untereinander gleiche Sonnenuntergänge nichts sind als mit einem verschiedenen Zeitindex versehene Festlegungen einer einzigen Idee "so und so beschaffener Sonnenuntergang", die als solche bereits an einem einzigen Fall - vielleicht dem gestrigen - erschaut werden konnte.

Freilich würde dann ELSENHANS auch HUSSERLs Lehre von der Wesenserschauung nicht den Vorwurf einer gewagten Metaphysik gemacht haben. Sie ist in Wahrheit das genaue Gegenteil. Wir müssen uns nur klar sein, daß jedes wahrgenommene oder vorgestellte Individuum, jeder empirisch gegebene Gegenstand von vornherein wenn nicht ausschließlich, so doch jedenfalls auch und zwar in einem sehr wesentlichen Punkt bereits ideell ist, daß er sich als Resultante zweier Komponenten oder - mit einem noch besseren Vergleich - als Durchschnittspunkt zweier Koordinaten ansehen läßt: eines bloßen "Was" oder "Quale", der "zeitlosen" Idee und eines individualisierenden, sie zeitlich festlegenden Faktors.

Hat man sich das klar gemacht, so hat man auch eingesehen, daß sich nicht, wie früher allgemein angenommen wurde, das Ideelle und Allgemeine aus dem zunächst allein gegebenen Empirisch-Einzelnen entwickelt oder doch ableiten läßt, sondern daß das Ideelle (und damit mittelbar auch das Allgemeine) schon von vornherein vorhanden ist. Es ist buchstäblich wahr: "die reinen Wesen sind da, es kommt nur darauf an, daß wir sie sehen." Die kopernikanisch Wende der Phänomenologie bezeichnet haben. (55)


V. Die empirische und die
phänomenologische Fragestellung. Die Fiktion.

Ich bin mir bewußt, mit den vorangehenden Ausführungen in manchen nicht unwesentlichen Punkten über HUSSERL hinausgegangen zu sein - hoffentlich nicht zum Schaden der Sache. Vor allem suchte ich alles zu vermeiden, was mir irgendwie den so beliebten Vorwurf des "Platonismus" eintragen könnte. Vielleicht werden nun stattdessen als Aristoteliker gebrandmarkt. Mag man es tun: aber man soll zumindest eingestehen, daß ich jedenfalls den Punkt vermieden habe, der die Marke des Aristotelismus allein zu einem Vorwurf herabsetzen würde, daß ich nämlich aufgrund meiner "Ideenlehre" dem Wesen der empirischen Forschung nicht gerecht werden kann. Ich erhoffte mir gerade das Gegenteil, sofern es doch wenigstens eine Aufgabe der phänomenologischen Wissenschaft ist, den Sinn des empirischen Verfahrens aufzuhellen, die Voraussetzungen zur Klarheit zu bringen, die Erfahrung "erst möglich" machen. (56)

Das wird deutlich an einem Problem, das zunächst wie ein schwerwiegender Einwand gegen meine Anschauungen aussieht.

Ich sagte: ein als individuell vorgestellter (und natürlich entsprechend wahrgenommener) Gegenstand soll ein trennbares Zusammen von zweierlei sein: dem ideellen Gehalt und der individalisierenden Bestimmung; das würde also heißen: es ist ihm Individualität nicht wesentlich zugehörig. Wenn aber der Gegenstand als Individuum vorgestellt ist, so ist er doch offenbar als etwas vorgestellt, dem Individualität wesentlich ist. Folglich führt unsere Behauptung auf einen Widersinn und ist falsch.

Indessen: das ist ein auf Ungenauigkeit des Ausdrucks beruhender Trugschluß. Natürlich wird der Gegenstand als etwas vorgestellt, dem Individualität wesentlich ist. Das darf aber nur das ganz Selbstverständliche besagen wollen, daß der Gegenstand, der sich in unserer Vorstellung als individuell charakterisiert, damit ein Kennzeichen aufweist, dem es wesentlich ist, etwas als individuell zu bestimmen - wie etwa auf der als Kugel vorgestellte Gegenstand damit ein Kennzeichen aufweist, dem es wesentlich ist, etwas als kugelrund zu bestimmen. Es darf aber nicht bedeuten, es sei dem als Individuum vorgestellten Gegenstand selbst dadurch wesentlich geworden individuell zu sein: auch der als kugelrund vorgestellte (und wahrgenommene) Gegenstand braucht ja deshalb noch nicht in Wahrheit immer eine Kugel zu sein.

Es ist ja auch sonst bekannt genug: Individuum und vorgestelltes Individuum ist keineswegs dasselbe. In keinem als individuell Gegebenen findet sich die Individualität als wesentliche Bestimmung und wir können daher auch nie mit absoluter Sicherheit angeben, ob ein bestimmtes Gegebenes, das sich uns als zeitlich festliegend charakterisiert (ein in einer bestimmten Vereinzelung angetroffenes Eidos), in der Tat ein Individuum ist oder nicht. Um es aber mit relativer Sicherheit, d. h. mit einem mehr oder weniger hochen Grad an Wahrscheinlichkeit feststellen zu können, dazu ist eben deshalb ein besonderes Verfahren nötig - die Empirie.

Man wird wohl allgemein als typisch für jegliches empirische Verfahren das Ausgehen von folgender Frage ansehen: durch welche Beschaffenheiten (Bestimmungen) ist dieses eine - vielleicht jetzt vor mir liegende - mir individuell erscheinende Etwas charakterisiert? Nun ist doch aber gewiß jedes solche individuell erscheinende Etwas schon von vornherein irgendwie charakterisiert: ich schreibe ihm, vorstellend, schon allerlei Beschaffenheiten zu: es ist in unserem Sinne als ein mir an einen individualisierenden Faktor gebunden gegebener Beschaffenheitskomplex anzusehen. Deshalb muß notwendigerweise zuerst gefragt werden: kommen diese mir als an diesen individualisierenden Faktor gebunden gegebenen Beschaffenheiten diesem individualisierenden Faktor auch in Wahrheit zu? Oder müssen sie vielleicht insgesamt oder doch zum Teil als bloße Ideen - gleichsam in der phänomenologischen Luft schwebend - angesehen werden? Durch die Beantwortung dieser Frage erfahren wir also, ob das "Was", das uns als Individuum erschien, auch in der Tat ein Individuum ist oder nicht - in Übereinstimmung mit unserer obigen Formulierung. Im Bejahungsfall wäre ein gegebenes Individuum dann tatsächlich empirisch bestimmt; im Verneinungsfall müßte ich sagen, daß das so beschaffene "Individuum", das mir gegeben war, eigentlich gar kein Individuum war, und ich muß Individuelles von vielleicht ganz anderer Beschaffenheit (im Fall der halluzinierten Sonne psychophysische Prozesse) an seine Stelle setzen, ich muß den vorliegenden individualisierenden Faktor auf andere Weise binden.

Auf eine solche Bindung der ideellen "Beschaffenheitskomplexe" an die Individuen aber ist alle Empirie gerichtet. Sie frägt, durch welche Ideen das als individuell Gegebene bestimmt ist und - was damit Hand in Hand geht - ob die uns als an bestimmte Ideen (an ein bestimmtes "Was") gebunden entgegen tretenden "Individuen" auch in der Tat Individuen sind, d. h. sich in aller Erfahrung als Individuen bewähren.

Jedenfalls ist sie immer in irgendeiner Weise auf die Individuen um ihrer selbst willen gerichtet, auf die individuelle Wirklichkeit als solche. Aber sie ist dazu durchaus auf die Ideen angewiesen (57): um die Individuen durch die Ideen zu bestimmen (und wie wollte ich sie anders bestimmen?), muß ich die Ideen ihrerseits mit voller Klarheit erfaßt haben: ich muß überall einen völlig klaren Sinn mit ihnen verbinden.

In dieser Sinnerklärung der Ideen, die nichts anderes ist als eine genaue Darlegung der Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten, die ihnen zukommen, sowie in der Erforschung der möglichen Synthesen aus ihnen besteht die der Empirie gegenüber ganz selbständige Aufgabe der Phänomenologie, die man nur deshalb früber weniger klar gesehen hat, weil man sie mit den Aufgaben vermengte, die sich aus der Frage nach der Bildung und Zerlegung der Begriffe ergaben, und zwar besonders der Begriffe in einem empirisch-psychologischen Sinn.

Vielleicht ist es gut, sich diese Aufgabe einmal ganz unabhängig von aller phänomenologischen Terminologie in inkorrekten, aber unmittelbar verständlichen Ausdrücken klar zu machen. Niemand bezweifelt, daß uns die gesamte empirische Welt in einer großen Fülle mannigfaltiger Kombinationen von vergleichsweise außerordentlich wenig "Merkmalen" oder "Qualitäten" gegeben ist. Jeder Empiriker greift bei all seinen Bestimmungen mit Notwendigkeit auf etwas von der Art zurück, das er sich den primären und sekundären Qualitäten LOCKEs in immerhin wichtigen Beziehungen analog denken muß. Halten wir uns zunächst an die Außenwelt, so kommen geometrisch-mechanische Angaben in Frage, ferner unter Umständen Farben, Töne und Gerüche und endlich gewisse "Merkmale" kategorialer Art wie Ding, Ursache und dgl.

Alle diese "Qualitäten" - das Wort ist hier natürlich übertrieben weit genommen - sondern sich nun (weil sie - wie wir gezeigt - als vorgestellte Ideen unabhängig sind von den Individuen, die sie bestimmen) zu einem aller Empirie gegenüber völlig selbständigen Gebiet aus (58).

Festzustellen, ob das hier vorliegende Kristall ein Oktaeder ist oder was sonst - das ist die empirische Aufgabe.

Festzustellen, welche Eigenschaften das Oktaeder als Idee genommen hat - das ist die von dieser empirischen vorausgesetzte außerempirische Aufgabe, die eine phänomenale wäre, wenn die Eigenart der räumlichen Beziehungen diese nicht einer besonderen, vorwiegend mit begrifflichen Symbolen operierenden Methode - der mathematischen Methode - unterworfen hätte, mit deren Hilfe diese Aufgabe in einer bedeutend einfacheren, freilich in den letzten Grundlagen dennoch auf Phänomenologie zurückführenden Weise gelöst werden kann. (59)

Festzustellen, ob das hier vorliegende Kristall gelb ist oder nicht - das ist die empirische Aufgabe.

Festzustellen, welche Eigenschaften das Gelb als Idee genommen hat, wie etwa, daß es an einen Helligkeitsgrad einerseits, an Anschauung andererseits gebunden ist - das ist wiederum die entsprechende Aufgabe der Phänomenologie.

Festzustellen, ob auf die da oder dort vorliegenden individuellen Tatsachen und Vorgänge Ideen mit etwa "Berührung", "Ordnung", "Verbindung", "Trennung", "Reihenfolge", "Freiheit", "Ursache" usw. angewandt werden dürfen - das ist die empirische Aufgabe.

Festzustellen, was mit diesen "Ideen" gemeint ist: ob sie zunächst überhaupt einen Sinn haben (d. h. ob ihren "Begriffen" ein echter ideeller Gegenstand zukommt oder ob sie leere Begriffe sind) und sodann welches dieser Sinn ist - das ist die phänomenologische Aufgabe. Denn es ist ein höchst inkorrekter Ausdruck, wenn z. B. vom Chemiker gesagt wird, er erführe aus seinen empirischen Forschungen, was der Begriff "Atomverbindung" besagt: natürlich muß er ganz unabhängig von diesen Forschungen mindestens zu wissen glauben, was für einen Sinn er den Begriffen "Atom" und "Verbindung" gibt, was er feststellt, ist nur die freilich unendlich wichtige Tatsache, daß die diesen Begriffen entsprechenden Ideen realisiert sind - wie dann auch alle Empirie darauf gerichtet ist, den Ausschnitt aus dem Bereich des Möglichen zu finden, der in der realen Welt vorliegt - der Bereich des Möglichen aber ist der Phänomenologie unterworfen. (60)

"Qualitätenkomplexe" nannten wir mit absichtlicher Inkorrektheit gelegentlich die Ideen: natürlich könnten sie das nur insofern sein, als ihre Indivualisierungen eben als "Qualitäten" der betreffenden Individuen gedacht werden. Statt des übertrieben weit gebrauchten Wortes Qualitäten wäre aber besser das Wort "unselbständige Teilmomente" am Platz: unselbständig - nämlich wiederum an den Individuen, denen sie dann so wesentlich zugehören würden, wie das die natürliche Weltbetrachtung in der Tat voraussetzt. Aber es gehören ja (wie wir sahen) in Wahrheit diese Momente gar nicht wesentlich zu den Individuen.

Dadurch wird nun alles sehr einfach: jedes gegebene Ganze, sofern es nur eben "in Idee gesetzt", d. h. des individualisierenden Momentes beraubt ist, ist phänomenologisch genommen selbständig: ein selbständiges "Wesen", wie HUSSERL sagt, ein (ideelles] Konkretum. (61)

Dasjenige unselbständige Moment, das mit nur soviel anderen unselbständigen Momenten zusammen ein Ganzes bildet, als nötig sind, um dieses Ganze selbständig gegeben sein zu lassen, bildet dann ein einfachstes ideelles Konkretum, eine phänomenologische "Letztheit" (für die etwa eine homogen rote Kugel ein Beispiel wäre).

Ich kann nun ein solches einfachstes Konkretum (das so, wie es ist, d. h. "selbst" oder anschaulich gegeben sein muß) analysieren: ich kann es vergleichen mit anderen Ideen und mir so immer neue in ihm (und diesen anderen Ideen) "fundierte" Momente und Beziehungen zur Gegebenheit bringen, die mir nicht nur erlauben, das ursprüngliche Konkretum fortschreitend sicherer zu identifizieren (was oft sehr wichtig ist), sondern die mich auch zu neuen und wieder neuen Ideen führen, bis zu den abstraktesten und höchsten: alle Kategorienlehre hat hier ihre Wurzel. (62)

In Kombinationen solcher (an vergleichsweise sehr wenigen individuellen Gegebenheiten "erschaubarer") einfachster ideeller Konkreta (Letztheiten) und der in ihnen fundierten Ideen muß uns nun offenbar die gesamte reale Welt, die Welt aller Individuen, immer gegeben sein, wie sie sich auch wandeln mag und welche empirischen Gesetze sie auch beherrschen.

Jedenfalls besteht ansich eine Fülle von Kombinationsmöglichkeiten und damit eine schier unendliche Aufgabe der Phänomenologie. Die Empirie hat demgegenüber festzustellen, durch welche unter den ansich möglichen "Beschaffenheitskombinationen" in einem gegebenen Fall ein individuelles Sein oder Geschehen (und Arten und Gattungen von solchen) bestimmt ist, anders ausgedrückt: ob eine derartige Kombination in Wahrheit individualisiert vorliegt oder nicht.

Ich merke noch Folgendes an: ich nannte die Ideen gelegentlich "zeitlos": selbstverständlich sollte das nur soviel bedeuten wie "zeitlich nicht festliegend", denn auf alle unsere Ideen lassen sich zeitliche Bestimmungen zumindest sinnvoll anwenden. Immer sind die Ideen aber bereits ein Vorgestelltes, ideelle Gegenstände: ihne steht die Vorstellung gegenüber, der vorstellende Akt, der die Funktion hat, auf den Gegenstand hinzuweisen und hinweisend für uns zu bestimmen. Diese ihre hinweisende Bestimmung läßt sich abstraktiv herauslösen: als bloße Bestimmung ist sie dann selbstverständlich im eigentlichen Sinn zeitlos - so sehr sie Zeitliches meinen kann, was man am Besten an den Zeitbestimmungen selber sieht: die Bestimmung morgens 7 Uhr ist nicht selbst morgens 7 Uhr (63). Die echten zeitlosen Bestimmungen (Begriffe im engsten Sinn) sind als soche natürlich "unanschaulich" und brauchen den vorgestellten Gegenstand durchaus nicht mit sich zu führen, d. h. ihre "Erfüllung" kann unter Umständen vollständig fehlen; oft ist sie jedoch bloß anklingend, in unvollkommener Weise vorhanden (in Gestalt der sogenannten "illustrierenden Bilder"). Unanschauliche Bestimmungen, denen es wesentlich ist, keinen ideellen Gegenstand zu haben, sind widersinnig.

Bei der völligen Gleichgültigkeit des Individuellen und so der festen Zeitstelle für alle phänomenologischen Einsichten versteht es sich von selbst, daß sie für solche Individuen, denen ich willkürlich oder unwillkürlich eine andere Zeitstelle beilege, als sie tatsächlich haben, genauso gut bestehen bleiben wie sonst, bei den Fiktionen. Nicht weil die Fiktivität als solche irgendeine Vorzugsstellung für die Phänomenologie hat, sondern weil für sie die besondere Art der zeitlichen (und überhaupt empirischen) Anordnung der Individuen in der Welt gleichgültig ist; deshalb kann ich mich phänomenologisch ebenso gut an einer fingierten Welt orientieren (64).

Es ist aber eine ganz gute Probe aufs Exempel: alle Wahrheiten, die auch in einer solchen Welt noch erhalten bleiben, sind phänomenologische Wahrheiten, den Unterschied von allem Empirischen sieht man hier besonders deutlich. Wenn auch die Möbel meines Zimmers in gemessenen Intervallen einen Tanz aufzuführen begönnen und eine grüne Sonne sich in Spiralen an einem gelben, eine unendliche Ebene bildenden Himmel mit rasender Schnelligkeit bewegen würde, die mathematischen Gesetze - auch die geometrischen - würden genauso gelten wie jetzt und das Gelb des Himmels würde als Vereinzelung der Idee Gelb genau dieselbe Reihe in der Farbenskala einnehmen wie jetzt und früher.

Andererseits würde der Sinn des Fallgesetzes und aller physikalischen und empirischen Gesetze überhaupt auch in dieser fiktiven Welt erhalten bleiben: ich könnte mir diesen Sinn auch an ihren Gegenständen zur Gegebenheit bringen. Was es heißt, daß die Fallbeschleunigung in der Sekunde 9,8 m beträgt, das könnte ich mir genauso gut auch da noch anschaulich klar machen und, daß sich die Fallräume wie die Quadrate der Fallzeiten verhalten, kann ich, nachdem ich es mir klar gemacht habe, sogar beweisen, zumindest unter einer Voraussetzung: wenn ich nämlich das Gesetz dann bloß als reines Sinngesetz auffasse, das, wie alle mathematischen und phänomenologischen Gesetze, lediglich von bloßen Möglichkeiten gilt, und freilich von ihnen dann völlig absolut. Die Möglichkeiten aber liegen in den Ideen und die Ideen bleiben als letzte sinngebende Grundlage in jeder mir gegebenen Welt dieselben, mag sie nun wirklich sein oder fingiert. Die reine Ideenwelt gibt darum auch die einzig denkbare Orientierung jeder Betrachtung ab, welche die - sei es nun sachliche oder methodische - Richtigkeit der Resultate der empirischen Forschung nicht von vornherein aussetzen will.

Wie könnte die Welt des naiv-praktischen Realismus, der ELSENHANS eine ähnliche Funktion zuschreibt, dasselbe leisten ? (64) Allerdings gewisse empirische Gesetze - etwa die Gesetze, die die besondere "Welt der Physik" aufbauen - sind auch in ihr ausgeschaltet; das mag für ihn unbewußt das Maßgebende gewesen sein, aber im Übrigen besteht sie doch aus einer höchst unklaren Mischung phänomenologischer und naiv-empirischer Einsichten: daß das Wasser den Berg hinauffließt, erscheint dem naiven Menschen genauso widersinnig oder noch widersinniger als irgendein reines Ideengesetz.


VI. Die apodiktische Evidenz
und das Kriterium.

Die apodiktische Evidenz der phänomenologischen Feststellungen ergibt sich uns, wenn wir das Vorige recht erwägen, ganz von selbst. Natürlich will sie nicht besagen, daß für einen Phänomenologen keine Irrtümer möglich sind. Auch der Mathematiker wird ja gelegentlich irren, aber nur ein ganz und gar auf die Spitze getriebener Psychologismus könnte daraus Bedenken gegen die besondere Art der mathematischen Gewißheit herleiten. Noch weniger soll damit "der beliebigen Behauptung eines beliebigen Wesensforscher eine völlig unangreifbare Position gesichert sein." (65) Aber der Satz, den Elsenhans für die Prämisse dieser absurden Konsequenz hält, bleibt trotzdem wahr: ist einmal ein Wesenszusammenhang richtig erschaut, so kann er durch Beobachtung und Induktion keiner Änderung erfahren (66). Selbstverständlich! Können denn physikalische Gesetze durch juristische eine Änderung erfahren? Natürlich nicht, denn beide betreffen vollständig heterogene Gebiete. Aber sofern sich zeigt, daß gewisse Individuen an gewissen Ideen und deren gesetzmäßigen Zusammenhängen "teilhaben", gilt das Gegenteil: den Empiriker, der den "Wesenssatz" 2 > 1 oder "zu jeder konkreten (wirklichen oder scheinbaren) Bewegung gehört eine Geschwindigkeit und ein bewegtes Etwas" aufgrund von Experimenten bestreiten wollte, wird man auslachen oder sollte es wenigstens tun. Was von der Idee gilt, das muß auch von ihrer empirischen Vereinzelung gelten. Ein falscher Satz aber gilt auch von der Idee nicht, kann also selbstverständlich von der Empirie nicht bestätigt werden: versteht man das unter empirischer Kontrolle, so wird sie kein Mensch bestreiten.

Im Übrigen mag man im Zweifelsfall nur immer unser einfaches Kriterium von der fingierten Welt benutzen. Auch in der fingierten Welt behält das Orange in der nach Ähnlichkeit richtig geordneten Farbreihe seine Stelle zwischen Rot und Gelb. Für eine vérité de fait [Glaubenswahrheit - wp] hingegen, für einen nur an wirklichen Individuen beweisbaren Satz gilt das durchaus nicht: daß Rot und Grün miteinander gemischt Weiß ergeben, kann ich den fingierten Farben ebensowenig ansehen wie den wirklichen. Es liegt das eben durchaus nicht im Sinn von Rot und Grün: die beiden Farben kommen nicht als Ideen in Betracht, sondern als etwas, das nur durch sie bestimmt ist, das gleichsam "hinter ihnen" liegt, als reale Tatsachen. Der Satz entspricht nicht einem Satz über das Oktaeder, sondern einem solchen über das Kristall, das in ihm vorliegt. Oder will ELSENHANS im Ernst den alten LEIBNIZ-HUME'schen Unterschied der beiden großen Wahrheitsklassen bestreiten? Also: nicht absolute Irrtumsfreiheit beansprucht der Phänomenologe, wohl aber Freiheit von allen dem empirischen Verfahren in Sonderheit zukommenden Fehlerquellen. (67) Bedienen wir uns wieder unserer etwas vergröbernden Redeweise: der Phänomenologe, der "Wesenszusammenhänge" erschaut, zeigt, daß eine gegebene, genau abgegrenzte "Beschaffenheit" oder "Qualität" - sofern sie nur eben diese "Qualität" ist und bleibt - das Bestehen einer anderen "Qualität" einschließt: er liest gewissermaßen aus ihr einfach die Eigenschaften ab, die in ihr liegen. Nur die unvermeidlichen, aber prinzipiell immer korrigierbaren Lesefehler, die Fehler seines intellektuellen Könnens, sind seine Fehler.

Der Empiriker dagegen charakterisiert Individuen (und individuelle Vorgänge) durch solche "Qualitäten". Aber die Individuen sind - wie wir prinzipiell festgestellt haben - an und für sich unabhängig von den gegebenen "Qualitäten": das als rot oder als quadratisch (anschaulich) gegebene Individuum braucht nicht notwendig rot oder quadratisch zu sein, so sicher es mir als rot und als quadratisch gegeben ist, und ich habe keine Möglichkeit, dies auf einem Weg zu entscheiden, der nicht selbst wieder die Gültigkeit von empirisch gefundenen Gesetzen voraussetzt und somit prinzipiell auf einer anderen Stufe der erkenntnismäßigen Dignität stünde als der, auf dem das ursprüngliche Wissen erreicht wurde. Aus dieser einfachen Tatsache, daß es kein absolut sicheres Mittel gibt, um festzustellen, ob einem gegebenen Individuum die Beschaffenheiten auch in Wahrheit zukommen, die ich - als mir gegebene - "habe" und ihm zuweise, begreifen sich alle Fehlermöglichkeiten, die der Empirie spezifisch zukommen. Natürlich ist es auch wiederum das Ziel jeder methodischen Empirie, die aus diesen Fehlermöglichkeiten fließenden Irrtümer tunlichst zu vermeiden. Wir wissen ja alle, in wie hohem Maße sie vor allem durch die systematische Verwendung des induktiven Verfahrens dieses Ziel erreicht hat, aber wir dürfen darum doch nicht vergessen, daß sie es nie absolut erreichen kann. Erfahrung ist und bleibt eben ein "unendlicher Prozeß", ein Annäherungsverfahren. Immer ist es möglich, daß es sich auf dem Gebiet der Erfahrung prinzipiell analog verhält wie im Fall der "blauen" Berge der Ferne, daß die Beschaffenheiten tatsächlich anders verteilt sind, als sie sich mir verteilt zeigen.

Habe ich es dagegen wie in der Phänomenologie mit den Beschaffenheiten als solchen zu tun, so liegt es natürlich im Wesen der Sache, daß diese Fehlerquelle ausgeschaltet ist. Ich sehe da etwas "als" Berge und "als" blau, und es muß mit allen Eigenschaften der "Bergheit" und der "Bläue" versehen sein: es gehört ein Tal "wesensgesetzlich" dazu und ein Helligkeitsgrad, der ideelle Tatbestand ist jeweils fertig gegeben, wir heben nur gewisse Seiten an ihm hervor. (68)

ELSENHANS meint nun, in der evidenten Aussage über das Orange würden frühere Erfahrungen verwertet (69). Das wird natürlich niemand bestreiten: wir verwerten ja in unseren Aussagen psychologisch fortgesetzt frühere Erfahrungen. Was aber allein in Frage steht, ist doch nur, worauf sich die Wahrheit (70) des fraglichen Sachverhalts gründet. Und darauf antworten wir: sie gründet allein in den ideellen "Qualitäten" selbst, nicht in jenen psychologischen Vorgängen, genauso wie die Wahrheit eines mathematischen Sachverhaltes in gewissen mathematischen Ideen (und letztenendes phänomenologisch erschaubaren Ideen) gründet, nicht aber in der Benutzung der Logarithmentafeln, die vielmehr bloß dazu dienten, mir diesen Sachverhalt bequem zur Verfügung zu stellen. Oder ist ernsthaft dies die Meinung, es könne einmal irgendwo ein Orange gefunden werden, das, ohne aufzuhören Orange zu sein, doch die Eigenschaft nicht hätte, zwischen Gelb und Rot zu liegen? Doch wohl nicht. Aber ein Rot, das mit Grün gemischt nicht Grau ergibt, sondern etwa Braun - das könnte sich ganz gut einmal finden lassen, so unwahrscheinlich es auch sein mag.

Aber wie vermittle ich meine phänomenologischen Einsichten anderen? ELSENHANS (71) hat ganz recht: dazu sind objektive Kriterien nötig, von jedem Denkenden "nacherlebbare" Momente. Und die Phänomenologie verfügt nicht nur über solche Momente, sondern im Gegenteil: sie hat es sich z. T geradezu zur Aufgabe gesetzt, derartige Kriterien auch auf solchen Gebieten zu schaffen, wo sie bisher nicht vorhanden waren. Ihre ständige Betonung der Forderung, überhaupt auf die Anschauung, auf die Sachen selbst - die ideellen Konkreta - zurückzugehen, ist auch nach dieser Richtung hin von Bedeutung. Natürlich sind die Gebiete, auf denen sie ihre Kriterien zur Anwendung bringt, an und für sich sehr schwierige. Und kan darf es wahrlich nicht verwunderlich finden, wenn auch sie hier noch des öfteren versagt. Aber prinzipiell geht sie doch auch gegenüber den "höchsten" Ideen - wie Gerechtigkeit, Wahrheit usw. - in derselben direkt zur Nachprüfung auffordernden Weise vor, die wir an unserem einfachen Farbenbeispiel verfolgen können: sie geht von gewissen konkret-real vorliegenden Einzelheiten aus - in unserem Beispiel etwa von "diesen" Farbtäfelchen - und schaltet die individualisierenden Momente aus. Die Gegenstände dürfen nicht als in der Welt befindlichen betrachtet werden, in der sie aufeinander wirken und neue nicht wesensgesetzlich im Gegebenen liegende Eigenschaften "entwickeln" können -, dann sind die reinen ideellen Konkreta da: an ihnen nehme ich bestimmte "Abstraktionen", "Fundierungen" vor, deren Sinn und Berechtigung ich dabei wieder anhand anschaulicher Beispiele klarlege, dabei immer nur schrittweise weitergehend, so daß der Leser überall befähigt wird, das, was es zu verstehen gibt, unmittelbar nachzuerleben und (was besonders wichtig ist) seine Terminologie danach zu orientieren. Ich muß auf diese Weise schließlich - cum grano salis [mit einer Brise Salz :-) | wp] genommen - Gerechtigkeit und Wahrheit ebenso gut "vorzeigen" können, wie ich (dem ideellen Gehalt nach) das Rot und Gelb tatsächlich vorzeige. Ich meine: entweder ist dies die Methode der Behandlung philosophischer und philosophisch-psychologischer Probleme oder - es gibt keine.

Aber - so hat man gesagt - wenn sich die Phänomenologie in Sinnfeststellungen bewegt, verfährt sie dann nicht einfach formal-logisch? Ja, ist sie nicht selbst Logik? Das ist nun ein besonders schwerwiegendes Mißverständnis: denn die Phänomenologie sucht ja nicht den Widersinn zu erweisen, der sich an gewissen vorliegenden Definitionen und Urteilen herausstellt, ganz gleichgültig, ob diese ansich wahr sind und worauf sich gegebenenfalls ihre Wahrheiten gründen, sondern sie will (genauso wie sich die Empirie um die Feststellungen der "originären" Grundlagen aller Individualisierungen bemüht) die letzten "originären" Grundlagen aufweisen, auf denen alle Definitionen ruhen und ruhen müssen, soweit ihr bloßer Sinn, ihr anschaulich-ideeller Gehalt in Frage kommt: Sinn aber ist für den Phänomenologen etwas Positives, kein bloßes Fehlen von Widersinn.

Daß aber die Phänomenologie nicht Logik ist, das ergeben schon unsere Beispiele: hat es die Logik mit Farben zu tun? oder mit Gerechtigkeit? oder mit Bergen? Ich denke doch: nein. Umso mehr gilt das Umgekehrte: die Logik allerdings wurzelt in ihren letzten Fundierungen ganz und gar in der Phänomenologie (72).


VII. Phänomenologie und empirisch-
deskriptive Psychologie


A. Allgemeines

Alles Bisherige zeigt, daß die Phänomenologie der Empirie ihr Recht läßt: deren Gebiet ist ein ganz und gar anderes. Indessen sucht sie nicht doch wenigstens einer empirischen Wissenschaft den Rang streitig zu machen, der empirischen Psychologie? Sucht sie nicht Fragen, die man bisher der empirisch-deskriptiven Psychologie zuwies, als die ihrigen zu beanspruchen? Sie tut das allerdings; aber nur, weil man bis jetzt unter dem Titel einer empirischen Psychologie zuwies, als die ihrigen zu beanspruchen? Sie tut das allerdings; aber nur, weil man bis jetzt unter dem Titel einer empirischen Psychologie allerlei zusammenfaßte, das teilweise nicht einmal mit Psychologie, ganz sicher aber nicht mit Empirie etwas Wesentliches zu tun hat. Man verwechselte auch hier die Erfassung der individuellen Tatsache mit der des ideellen Gehaltes, "unter" dem sie befaßt wird: beides zugleich nannte man die Wahrnehmung überhaupt, so nun speziell "innere" oder Selbstwahrnehmung und sogar Selbstbeobachtung. Spätere Zeiten werden einmal der ausdrücklichen Heranziehung historischer Gesichtspunkte bedürfen, wie besonders des Hinweises auf die Herrschaft verkehrter Abstraktionstheorien, um auch nur verstehen zu können, man habe einmal ernsthaft geglaubt, das, was etwa das Wort "Absicht" meint (und wofür das Wort als solches natürlich völlig gleichgültig ist), ließe sich beobachten, während es sich doch gewiß ebensowenig beobachten läßt wie die Zahl Π oder die Tugend.

Denn es ist ja klar: die Beobachtung unterstreicht sozusagen das zeitlich-individuelle Moment, das auch schon in der Wahrnehmung (und Erinnerung) liegt. Dem Wort Beobachtung einen Sinn zu geben, in dem die Beziehung auf Individuell-Tatsächliches nicht liegt, widerstreitet von vornherein allem vernünftig durchführbaren Sprachgebrauch. Ich beobachte - wahrnehmend oder auch in der Erinnerung -, wie ein so oder so beschaffenes individuelles Stück eine gewisse (wahrgenommene oder als wahrgenommen erinnerte) Zeitstrecke hindurch in seinen mir gegebenen "Beschaffenheiten" entweder konstant bleibt oder sich aber ändert, d. h. andere und andere Beschaffenheiten annimmt: beobachten heißt ein Individuelles wahrnehmen mit der besonderen Intention auf die Feststellung der Veränderungen, die es innerhalb einer gegebenen Zeit erfährt, Konstanz als Grenzfall der Veränderung genommen. So kann ich auch mich selbst beobachten, meine bewußt-psychischen Veränderungen. Das darf aber nur heißen: ich beobachte, wie mein Ich - oder, wenn man lieber will, mein Bewußtseinsstrom - in immer anderer und anderer Weise qualifiziert ist. Zum Beispiel eben noch vor wenigen Sekunden konnte ich mich an die Überschrift des Zeitungsaufsatzes erinnern, der mich gestern besonders interessierte, jetzt kann ich es nicht mehr, so sehr ich mich auch besinne ... Das ist eine echte Selbstbeobachtung, niedergelegt in empirischen Deskriptionen.

Und was habe ich da beobachtet? Doch wohl dies: daß mein Bewußtsein jetzt ein anderes bestimmtes ist als kurz vorher; das besondere "Quale", die "Beschaffenheitseinheit", in der es mir eben noch gegeben war, ist eine andere geworden. Auch hier haben wir also das Zusammen des rein "qualitativ" bestimmenden Moments einerseits und des individualisierenden Faktors andererseits: es muß ja wohl auch so sein, wenn wir recht haben und alles Gegebene überhaupt in abtrennbaren, an und für sich zeitindifferenten "Qualitäten" gegeben ist, in ideellen Konkretis, selbständigen Ideen. In der Tat ist mir in dem einen Fall der Erinnerung bereits die Erinnerung (nämlich die Erinnerung "dieser Art") als solche gegeben, ihrer Idee nach, zugleich als letztfundierende Grundlage der Klassifikation der wirklich vorkommenden Erinnerungen und sie ist mir darin so vollkommen gegeben, wie mir im einzelnen Fall einer Zweiheit die Zweiheit als solche vollkommen gegeben ist oder im einzelnen Fall einer Rotnuance diese Rotnuance als solche. Und ich kann, ja ich muß diese Idee isolieren, aus dem Fluß der Zeit herausheben: ich muß es, wann auch immer ich die Resultate meiner Beobachtungen fixieren will: dabei bin ich dann selbstverständlich noch empirisch eingestellt, ich richte mich gleichsam durch die Idee hindurch auf die individuellen Vorgänge - ich beschreibe, was sich zu dieser Zeit in mir abgespielt hat, vielleicht, um es mit früheren ähnlichen Vorgängen, vergleichen und auf diese Weise empirische Gesetze feststellen zu können. Aber Ähnlichkeit führt genauso wie Gleichheit, von der wir dies schon hervorgehoben hatten, auf Identität zurück, auf die Identität der gemeinsamen ideellen Bestimmung: damit sind wir wieder bei der Idee. Sie ist eben auch hier schon von Anbeginn da. Und wenn sie es ist - ja, dann sollte man sie doch nich in bloßen, "vagen Intentionen" zu erfassen suchen, sondern in der vollen Klarheit ihrer "konkreten" Anschauung aufgrund einer echten phänomenologischen Analyse.

Man erkennt das ja auch hier und da an, sucht es aber als bloße Bedeutungs- oder Begriffsanalyse, als eine selbstverständliche Nebensächlichkeit abzutun: die Phänomenologie - speziell die psychologische Phänomenologie - erscheint dann als "Versuch, einer modernen deskriptiven Psychologie zuverlässige begriffliche Grundlagen zu geben". Aber abgesehen davon, daß es sich in keiner Phänomenologie um bloße "Begriffe" handelt, sondern um etwas, das man recht gut als die konkreten "Sachen selbst" zu den Begriffen (im gebräuchlichsten Wortsinn) in Gegensatz bringen kann, heißt das doch eigentlich nichts anderes als den Wert einer fundamental wichtigen Sache sozusagen auf terminologischem Weg herabsetzen. Natürlich handelt es sich in der Tat bei der Phänomenologie um die Schaffung einer solchen zuverlässigen "begrifflichen" Grundlage für - so manches, u. a. auch für die Psychologie. Aber was würde man zu jemandem sagen, der - nur weil ihm zufällig das Organ für mathematische Dinge fehlt - das Wesen der Mathematik dadurch charakterisieren wollte, daß er diese Wissenschaft als eine übersubtile und überhaupt höchst unerquickliche Disziplin bezeichnen wollte, die nur immer die Bedeutung hat, der modernen Naturwissenschaft zuverlässige begriffliche Grundlagen gegeben zu haben? Und doch hat die Phänomenologie für die Psychologie mindestens die Bedeutung, die die Mathematik für die Naturwissenschaft hat.


B. Die "Bildertheorie" als Beispiel

Oder glaubt man im Ernst, es sei "eigentlich" un im Großen und Ganzen auch jetzt schon alles in schönster Ordnung? Nun ja: Physik läßt sich bis zu einem gewissen Grad auch ohne Mathematik betreiben aber man sollte sie doch wenigstens nicht prinzipiell und allgemein so betreiben wollen. Es hat die moderne empirische Psychologie - die als solche gewiß nach Möglichkeit eine Experimental- und Völkerpsychologie sein muß - gewiß viele Lichtseiten, aber sie finden sich nur in wenigen und im Grunde sehr eng umgrenzten Gebieten: Ich könnte da mancherlei Beispiele geben (73): ich wähle das nächstliegende, das noch in einem zweiten Sinn zu unserem Thema gehört, weil es dem Aufsatz, gegen den wir uns hier richten, selbst entstammt. ELSENHANS, der Verfasser eines in seiner Art ausgezeichneten psychologischen Kompendiums, das durchweg auf und zum Teil sogar über dem Niveau der traditionellen Psychologie steht, verwirft ganz ernsthaft die Lehre von der "Intentionalität der Vorstellung" und gibt der "Bildertheorie" vor ihr den Vorzug (74).

Zunächst ist das wahrgenommene Ding für uns einfach da - hierin findet unser Autor kein besonderes Problem, dasjenige ausgenommen, das er als das erkenntnistheoretische bezeichnet. Erst wenn wir in einem engeren Sinn des Wortes vorstellen, "meinen" wir ein Ding, nämlich eben das wahrgenommene. Das heißt aber nichts anderes, als daß wir eben ein Vorstellungsbild haben. Dieses Bild beziehen wir auf das Ding, einfach aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem ehemals Wahrgenommenen.

Aber ist denn die Rede vom Bild wirklich in einem solchen eigentlichen Sinn zu nehmen? Sie ist doch bestenfalls selbst nur ein Bild, ein bloßes Gleichnis.

Das Ding ist etwa zackig und aus Blech. Das Bild ist ihm ähnlich, also doch wohl auch zackig und aus Blech. Zugleich ist es, wie ausdrücklich gesagt wird, in mir: "in mir" aber - das kann doch wiederum unmittelbar und für den Naiven (und auf den Naiven bezieht ELSENHANS sich ausdrücklich) nur heißen: in meinem Bewußtsein, im Sinne meines bewußten Seelenlebens. Aber ist denn in meiner Seele ein zackiges Blech?

Oder ist das Bild nicht zackig und nicht aus Blech? Worin besteht dann aber die Ähnlichkeit? Nun, darin, daß es den Gegenstand darstellt, wie eben jedes Bild seinen Gegenstand. Immerhin ein Teil der Eigenschaften müßte auch hier bestehen bleiben: die weißgraue Farbe nicht weniger als die eigentümliche Gestaltung. Und auch Gestalt und Farbe sind in meinem Seelenleben nicht zu finden.

Doch - geben wir einmal zu, wir hätten ein solches Bild in der Tat: es würde das, was es leisten soll, gar nicht leisten können. Denn irgendwie ähnlich sein, gleich, übereinstimmen muß es als Bild doch jedenfalls mit dem Original.

Nun wissen wir aber bereits dieses: alle Übereinstimmung oder Gleichheit weist auf Identität zurück, nömlich auf die Identität des ideellen Vorstellungsgehaltes. Auch von der Übereinstimmung von Bild und Gegenstand muß das gelten. In der Tat heißt "etwas ist Bild von etwas" nichts anderes als: es hat ganz oder doch der Hauptsache nach denselben Vorstellungsgehalt. Beides wird durch dieselbe ideelle Einheit vorgestellt. Und da man wohl Ideen, die anders als irgendwie vorstellungsmäßig gegeben sind, nicht anerkennen wird, so muß man schon sagen: die Bildfunktion führt auf die Vorstellung zurück, nicht umgekehrt (75). Und es ist in der Tat nicht zu verstehen, was die Rede von Bildern überhaupt besagen wollte ohne einen Rückbezug auf die Vorstellung: "dies hier ist das Bild einer Katze" besagt nur: ich stelle mir aufgrund seiner eine Katze vor. Mit anderen Worten: die Bildertheorie der Vorstellungen bedeutet einen regelrechten circulus vitiosus. Sie ist wirklich ganz und gar nichts anderes als ein Gleichnis, ein grob naturalistisches Gleichnis, das nur dieser groben Naturalistik seine Verbreitung verdankt, welche Verbreitung aber so wenig zu seinen Gunsten beweist, wie etwa die grobe Naturalistik des Bildes vom Druck, der auf jemandes Seele lastet und anderer in diesem Stil ihrerseits etwas beweist.

Daß ich die Gründe, die ELSENHANS vom Standpunkt einer empiristischen Erkenntnistheorie aus gegen die Lehre von der Intentionalität anführt, nicht zu billigen vermag, ist hoffentlich aus meinen früheren Überlegungen so klar geworden, daß es überflüssig sein wird, es noch einmal besonders hervorzuheben: es kam ja hier zuletzt allein auf die speziell für die Fundierung der für die Psychologie bedeutsamen Fragen an.

KÜLPE sucht einmal die Phänomenologie auf folgende Weise kurz zu charakterisieren (76):
    "Nicht nur Worte, auch Tatsachen bedeuten etwas, und auf diese Bedeutung ist der Phänomenologe eingestellt."
Merkt man dazu noch an, daß hier mit Tatsachen nicht die eigentlichen oder individuellen Tatsachen gemeint sind, sondern die ideellen Gegebenheiten, so trifft das in der Tat den Kern der Sache. Alle Phänomenologie ist - wie wir es ausdrückten - auf die ideelle Komponente des jeweils Gegebenen gerichtet, auf den Bedeutungsgehalt, den Sinn der Phänomene: sie ist in des Wortes ureigenster Bedeutung Phänomenologie.

An derselben Stelle betont KÜLPE die Notwendigkeit einer genaueren Beschreibung der phänomenologischen Methode und richtet in diesem Sinne eine Reihe von Fragen an ihre Verfechter.

Die vorstehende Arbeit hofft - von ihrem eigentlichen Ziel abgesehen - zumindest zur Beantwortung einiger dieser Fragen einen Beitrag gegeben zu haben.
LITERATUR Paul F. Linke, Der Recht der Phänomenologie, Kant-Studien, Bd. 21, Berlin 1917
    Anmerkungen
    43) Über Beziehungen der Vaihingerschen Als-Ob-Betrachtung (die freilich nur in den Partien, die unabhängig vom pragmatischen Standpunkt des Verfassers ihren Wert behalten, für uns in Frage kommen) zur Phänomenologie wird die Seite 165 zitierte Arbeit des Verfassers einiges sagen.
    44) Vgl. Husserl, Ideen, Seite 53f. Ich vollziehe meine Reduktionen allerdings im Einzelnen etwas anders als Husserl.
    45) vgl. Husserl, Ideen, Seite 221, sowie diese Arbeit [gleich weiter unten]
    46) Ideen, Seite 221
    47) Nur wenn man, wie dies Husserl zu tun scheint, das Ding von vornherein definitorisch als wirkliches (echt individuelles) Ding faßt, ist es nötig, zwischen Ding und Dingnoema zu unterscheiden: das ist meines Erachtens nicht statthaft und keinesfalls zweckmäßig. Es ist doch gewiß eine höchst erkünstelte Redeweise, wollte man es für einen bloß inkorrekten Ausdruck halten, wenn es im Märchen heißt, Rotkäppchen habe einen Korb in der Hand gehalten, genau genommen ist es aber ein Korbnoema gewesen.
    48) Max Frischeisen-Köhler, "Wissenschaft und Wirklichkeit" wird anscheinend durch diese Terminologie irregeführt, wenn er den "Empfindungen" die Subjektivität abstreitet (a. a. O. Seite 219f). Vgl. auch Konstantin Oesterreich, "Die Phänomenologie des Ich, Leipzig 1910, Seite 32f.
    49) siehe oben
    50) Hans Driesch spricht von einer "reinen Solchheit" in wesentlich engerem Sinn: vgl. "Ordnungslehre", Jena 1912, Seite 84f. Ich hoffe bei anderer Gelegenheit auf die interessanten, sich vielfach mit meinen Forschungen berührenden Gedankengänge Drieschs eingehen zu können. - - - Der alte Terminus "Idee" scheint mir für dieses "Solchheit" immer noch der passendste: Husserls Ausdruck "Wesen" hat das Mißliche, daß er mit dem natürlichen Sprachgebrauch kollidiert, der gerade am empirisch Wesentlichen orientiert ist. Das Wesen der Farbe Rot ist für den Vorurteilslosen das für das empirische Rot Wesentliche. Ähnlich Wesen der Elektrizität, Wärme usw.
    51) Genauer: es kann als Glied sowohl dieser wie jener Folge von Geschehnissen betrachtet werden. Auch das Wort "Zeitindex" bedeutet im Obigen genauer die Eigenschaft Glied einer bestimmten Geschehnisfolge zu sein.
    52) Denn ich kann mich nur an Erlebnisse erinnern. Vgl. dazu die gründlichen Untersuchungen von August Gallinger, "Zur Grundlegung einer Lehre von der Erinnerung", Halle 1914, besonders Seite 11f.
    53) ELSENHANS, Lehrbuch der Psychologie, Seite 358f.
    54) Emil Lask (Logik der Philosophie und Kategorienlehre, Tübingen 1911) gebraucht die Rede von der kopernikanischen Wende im eigentlichen Anschluß an Kant in einem Sinn, der sich mit dem meinen relativ nahe berührt, nur ist mein Vorgehen radikaler. Eine "Zwei-Elemententheorie" vertrete auch ich: aber nicht Form und "sinnlicher" Inhalt, sondern Idee und Individualität stehen einander gegenüber; dadurch gewinnen wir nicht nur wesentlich mehr Fühlung mit der empirischen Forschung, sondern auch mit der von Lask mißbilligten Ansicht Lotzes (a. a. O. Seite 35). Über den Sinn der kantischen kopernikanischen Wende vgl. die gründlichen Untersuchungen von Fritz Münch, Erlebnis und Geltung, Kant-Studien, Ergänzungsheft 30, Seite 6f.
    55) Ich muß mir versagen, auf die Fülle von Problemen, die hier anklingen, näher einzugehen. Eins aber sieht man: gerade als idealistische Philosophie kann die Phänomenologie der Empirie und dem ihr immanenten Realismus gerecht werden: sie "nimmt" als echter Idealismus den Realismus "in sich auf" - wie das vor kurzem Bruno Bauch vom transzendentalen Idealismus hervorgehoben hat (Kant-Studien, Bd. XX, Seite 116).
    56) Wenn also Rickert (Gegenstand der Erkenntnis, 1915, dritte Auflage, Seite 223) sagt: "Wir erkennen also Wirkliches dadurch, daß wir Unwirkliches anerkennen", so können wir und damit dem Wortlaut nach und im Prinzipiellsten ganz einverstanden erklären. Trotzdem bestehen natürlich gewaltige Unterschiede: vor allem scheint uns, wie wir gerade in dieser Darstellung gezeigt zu haben hoffen, der Aufweis des ideellen Faktors in der Erkenntnis viel früher erfolgen zu müssen, als erst in der Urteilslehre. Rickert macht dem überlieferten Positivismus bereits zu früh Zugeständnisse. Vgl. auch Anmerkung 54. - - - Am nächsten scheint mir übrigens Rickert an einigen Stellen seiner "Lehre von der Definition" (zweite Auflage, 1915) der Phänomenologie gekommen zu sein: ich beabsichtige, an anderer Stelle darauf ausführlicher Bezug zu nehmen.
    57) Wir gehen also durchaus auf den - freilich ideellen - "Inhalt" zurück. Ein Standpunkt, wie ihn auf kantischer Seite Jakob Guttmann im 6. Abschnitt seines Buches "Kants Begriff der objektiven Erkenntnis" (Breslau 1911, besonders Seite 157) vertritt, würde sich mit dem unsrigen sehr nahe berühren, wenn Guttmann seinen Begriff der inhaltlichen Bestimmtheit etwas weiter nähme.
    58) Selbstverständlich wurzelt wie alles Methodische auch das der Mathematik im Gegenständlichen: die mathematischen Gegenstände haben aber das Besondere, daß ihnen gegenüber schöpferische Leistungen möglich sind ohne ein Zurückgehen auf die letztfundierende konkrete Anschauung; was nicht heißen soll, daß diese Anschauung nicht letztenendes doch für das volle Verständnis der Mathematik als Wissenschaft von Bedeutung ist: nicht die Mathematik, wohl aber die mathematische "Grundlagenforschung" bildet einen Zweig der Phänomenologie. - - - Übrigens wird allein aus dem obigen Gesichtspunkt verständlich, wie es überhaupt möglich wurde, Theorien nach Art der bekannten "Spielregelmathematik" (z. B. bei Johannes Thomae, vgl. darüber Gottlob Frege, Grundgesetze der Arithmetik, Bd. 2, Seite 97, § 88f) überhaupt aufzustellen. Andererseits begreift es sich daraus ebenso sehr, daß die philosophischen Köpfe unter den Mathematikern mit Notwendigkeit in die Nähe der Phänomenologie geführt werden: so kann Freges "Gebiet des objektiven Nichtwirklichen" - konsequent ausgebaut - meiner Meinung nach gar nichts anderes sein als eben das Gebiet der Phänomenologie (Frege, a. a. O., Bd. 1, Seite XVIIIf). Vielleicht würde die eingehendere Beschäftigung mit den tiefdringenden Untersuchungen dieses hervorragenden Denkers auch Forscher wie Elsenhans (Kant-Studien, Bd. 20, a. a. O. Seite 230f) und Messer (der hier ganz positivistisch die "idealen" Objekte der Mathematik kurzerhand mit "bloß gedachten" identifiziert, vgl. z. B. "Geschichte der Philosophie der Neuzeit", 1912, Seite 132) überzeugen, daß die Probleme doch etwas anders liegen, als sie glauben. - - - Vgl. Husserl, Ideen, Seite 196 Anm., der sich übrigens das Verhältnis von Phänomenologie und Mathematik nicht ganz so zu denken scheint wie wir.
    59) Nicolai Hartmanns Frage, was zur Möglichkeit hinzukommt, um die Wirklichkeit voll zu machen (Kant-Studien, Bd. XX, Seite 13) scheint mir damit beantwortet. - - - Das Mögliche ist nach dem Obigen das sinnvolle Ideelle, d. h. das Konkret-Ideelle und in ihm fundierte - eine wesentliche Vereinfachung des Möglichkeitsbegriffs: vgl. dagegen Gallinger, Das Problem objektiven Möglichkeit, Leipzig 1912 und Meinongs Bemerkungen dazu, "Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", Leipzig 1915, Seite 152f. - - - Drieschs Möglichkeitsbegriff (a. a. O. Seite 73f) scheint mir nicht restlos durchführbar zu sein: das Dreieck mit der Winkelsumme 4R ist in unserem Sinn nicht möglich.
    60) Husserl, Ideen § 15, Seite 28f.
    61) Elsenhans verwechselt wohl Konkretum mit Individuum, wenn er (Kant-Studien XX, Seite 237) es unverständlich findet, daß von einem Konkretum die Rede sein kann, das nicht in der Erfahrung vorfindbar ist.
    62) Bolzanos "Vorstellung ansich" (sowie der an ihr orientierte Begriff des "Vorstellungsinhalts" in einem Twardowskischem Sinn) schwankt zwischen meiner Idee und der obigen im eigentlichen Sinn zeitlosen Bestimmung.
    63) Meine Betrachtungen ergeben also, daß es sich genau umgekehrt verhält als es Vaihinger ("Philosophie des Als-Ob", Seite 399f) voraussetzt: nicht die "Allgemeinbegriffe" sind Fiktionen, sondern damit überhaupt sinnvoll von Fiktionen die Rede sein kann, müssen bereits "Allgemeinbegriffe" vorausgesetzt sein, d. h. genauer unsere Ideen, die Wurzeln alles Allgemeinen. Eine Beziehung zwischen ihnen und den Fiktionen besteht nur insofern, als die Eigenart und Selbständigkeit der Ideen sich an den Fiktionen besonders gut veranschaulichen läßt.
    64) Vgl. auch Johannes Volkelt, "Der Weg der Erkenntnistheorie", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 157, 1915, Seite 177). Man überdenke unter dem Gesichtspunkt des Textes auch die Fragen, die Volkelt in demselben Aufsatz über den Erkenntnisgegenstand der exakten Wissenschaften stellt (Seite 136f), man wird dann eine sehr bedeutende Vereinfachung der Probleme bemerken.
    65) Elsenhans a. a. O., Seite 243.
    66) Aus Schelers Aufsatz "Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik" (Jahrbuch für Philosophie, B.d 1, Teil II, 1913, Seite 448).
    67) Ich gebe allerdings zu, daß die von Elsenhans herausgezogene Stelle des Geiger'schen Aufsatzes (Jahrbuch für Philosophie, Bd. 1, Teil II, 1913, Seite 57) irreführend ist: Geiger scheint für die Fehlerquellen des empirischen Verfahrens nur die Induktion verantwortlich zu machen. Aber prinzipiell genommen hat doch die Induktion gerade im Gegenteil die Aufgabe, die empirischen Fehlerquellen zu verringern.
    68) Ich denke, daß durch diese Fassung der Sache auch einige der Schwierigkeiten beseitigt sind, die Volkelt (a. a. O. Seite 159f) in der phänomenologischen Betrachtungsweise findet. Ich bekenne übrigens, daß mich die Bedenken Volkelts besonders intensiv beschäftigt haben: ich habe ihnen die erneute Revision meiner prinzipiellen Stellung zur Phänomenologie und so indirekt auch Anregungen für die hier vorliegende Darstellung zu verdanken.
    69) a. a. O. Seite 246
    70) Elsenhans unterliegt hier offenbar der auch von Volkelt (a. a. O. Seite 133) gerügten Verwechslung.
    71) a. a. O. Seite 262
    72) Sehr richtig betont Richard Hönigswald ("Prinzipienfragen der Denkpsychologie", Kant-Studien, Bd. 18, Seite 228), daß das Sinnvolle als solches noch lange nicht wahr ist. Wir gehen weiter: für uns hat das Ideell-Sinnvolle an und für sich mit dem Urteilen und Denken überhaupt noch nichts zu tun.
    73) Vgl. hierzu wie zu diesem ganzen Abschnitt meine Ausführungen in "Die phänomenale Sphäre".
    74) a. a. O. Seite 270f.
    75) Es ist bemerkenswert, daß einem so entschiedenen Gegner der Abbildtheorie wie Heinrich Rickert dieser wichtige Einwand entgehen konnte nicht wie Rickert ("Gegenstand der Erkenntnis", 1915, Seite 129f) meint, "entspricht" der "Inhalt" der Vorstellung dem der Wahrnehmung, sondern beide sind ideell eines.
    76) Oswald Külpe, Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland, 1914, Seite 143.