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PAUL FERDINAND LINKE
Die phänomenale Sphäre
[Eine Studie zur phänomenologischen Betrachtungsweise]
[1/2]

"Daß überhaupt von einem Gegensatz zur Wirklichkeit, von einem Schein, von einem in irgendeiner Weise phänomenalen Dasein sinnvoll die Rede sein kann, das liegt erst darin begründet, daß ein unmittelbar Gegebenes und damit ein Gegebenes überhaupt besteht."

"Nehmen wir z. B. ein Haus wahr, so haben wir eine Komplexion von sinnlichen Erlebnisse: die empfundenen Farbinhalte, Gestaltinhalte usw. - sie alle sind reelle Bestandstücke des Bewußtsein. Das Haus als dieser bestimmte Gegenstand ist in ihnen noch keineswegs erfaßt, das Haus ist uns nicht in der Weise jener Inhalte unmittelbar gegeben, sondern erfordert vielmehr einen ausdeutenden intentionalen Akt, d. h. ein reales Erlebnis, durch das die erlebten Empfindungen erst zu anschaulichen Repräsentanten eben des wahrgenommenen Hauses werden. Dieses Haus ist nun natürlich kein reales Bestandstück unseres Bewußtseins und braucht eventuell überhaupt nicht real zu sein, sondern es genügt hier seine bloße phänomenale und intentionale Existenz, die eben nur durch den interpretierenden Akt, in welchem sie ihr reales Korrelat hat, möglich wird."


Vorwort

Die hier folgenden, absichtlich möglichst knapp und schlicht gehaltenen Betrachtungen stehen in engstem Zusammenhang mit einem demnächst (1) erscheinenden Aufsatzes von mir über das Bewegungsproblem und somit indirekt auch mit meinen früheren Arbeiten über das Sehen von Bewegungen; sie sind also in gewissem Sinn aus zunächst experimentell-psychologischen Fragestellungen hervorgewachsen: vielleicht erweisen sie sich dadurch als geeignet, innerhalb ihrer bescheidenen Grenzen den von der Psychologie herkommenden Forschern einen Zugang zu den Problemen zu eröffnen, die von Seiten der Phänomenologen gesehen werden, und so ein wenig dazu beizutragen, die völlig unangebrachte und überflüssige Spannung zu mildern, die gegenwärtig zwischen beiden Lagern zu bestehen scheint. -

Den philosophischen Forschern wird sich die Verwandtschaft von dem, was ich hier als "phänomenale Sphäre" herauszuarbeiten versuche und jenem anderen, das ihnen als transzendentales Bewußtsein, als Sphäre des a priori oder als Geltungssphäre wohl bekannt ist, sicherlich bemerkbar machen, nicht minder freilich auch die gleichwohl vorhandene Verschiedenheit beider: eine genauere Diskussion über die dabei in Betracht kommenden Probleme habe ich geglaubt, mir an dieser Stelle ersparen zu dürfen. Ich gedenke, sie in einer ihrem Erscheinen hoffentlich nicht mehr allzu fernen umfassenderen Arbeit umso gründlicher nachzuholen.



I. Das Problem
(Psychologie und Wirklichkeit)

Bekanntlich ist dem Außenstehenden der Zugang zu den Problemen des Seelenlebens durch nichts so erschwert, als durch jene eigentümlich prononziert realistische Einstellung, die er vom täglichen Leben her gewohnt ist. Der in psychologischen und philosophischen Distinktionen Ungeübte ist Realist nicht nur in dem prinzipiellen Sinn, daß er außer dem realen kein anderes Sein mehr anerkennt, sondern in dem viel vageren und deshalb bedenklicheren, daß er jedes Sein und also auch das psychische nach Analogie desjenigen der äußeren Dinge auffaßt. Gedanken, Vorstellungen und Wahrnehmungen, schließlich selbst Gefühle und Willenstatsachen werden "hypostasiert" [vergegenständlicht - wp], erscheinen wie eine Art von physikalischen Körpern und physikalischen Kräften. Man weiß, daß es nicht nur Außenstehenden so ergeht und ergangen ist, daß vielmehr manches ansich bedeutsame Gedankensystem, etwa die Psychologie HERBARTs, gerade an diesem Punkt gescheitert ist.

Es ist das bleibende Verdienst WILHELM WUNDTs, die große Gefahr, die jeder fruchtbaren Psychologie durch die angedeuteten Vorurteile erwachsen muß, dadurch nun wohl für immer verbaut zu haben, daß er ihr eine andere positive Anschauung entgegensetzte: seine Aktualitätstheorie, die alle einfachen und komplexen Gebilde des Bewußtseins als actus, als Geschehnisse, als einen ständigen Wechsel sich folgender, niemals identisch wiederkehrender Ereignisse auffassen lehrte, ganz gleichgültig, ob sie nun auf das Subjekt selbst oder auf eine objektiv-physische Sphäre bezogen sind.

Mögen auch viele mit den speziellen Ausführungen, die WUNDT in seinen verschiedenen Schriften mit dieser Theorie verbunden hat, nicht immer einverstanden sein, umso sicherer ist die allgemeine Anerkennung, deren sich ihr Grundgedanke zu erfreuen hat. Die gesamte Psychologie im modernen Sinn, die empirisch-genetische, wie die phänomenologische, also alle Psychologie, soweit sie nur nicht konstruktiv-metaphysisch ist, steht in diesem Sinn durchweg auf ihrem Boden. Sollen Namen genannt werden, so wäre vielleicht in erster Linie an JAMES zu erinnern, dessen "stream of thoughts" im Grunde kaum etwas anderes besagt als die Aktualität des psychischen Seins, weiterhin an BERGSON, aus neuester Zeit aber vor allen Dingen an EDMUND HUSSERL.

HUSSERL verweist bei der Einführung seines grundlegenden ersten Bewußtseinsbegriffs ausdrücklich auf WUNDT und seine die Probleme in so vielfältigen Richtungen vertiefenden Untersuchungen rechnen mit der Identifizierung von Bewußtseinsgebilden und Erlebnissen im Sinne realer Vorkommnisse als der fundamentalsten und zugleich sichersten Voraussetzung aller modernen Psychologie.

Auch den folgenden Ausführungen liegt dieser allgemeinste Bewußtseinsbegriff zugrunde: d. h. wir verstehen unter Bewußtseinserlebnissen die jeweiligen Empfindungen, Gefühle, Wollungen, Urteilsakte usw. Wir verstehen, wenn die Sache noch etwas spezieller exemplifiziert werden darf, etwa unter Empfindungen und Wahrnehmungen den realen (2) Zusammenhang dieser psychischen Gebilde, also unser empfindendes Erleben, unser psychisches Verhalten innerhalb einer gewissen Zeit, soweit es eben gerade ein empfindendes Verhalten ist - und dasselbe hätte natürlich auch von den übrigen Erlebnisgruppen zu gelten. Oder in HUSSERLs Worten: wir verstehen unter Erlebnissen "die realen Vorkommnisse, welche von Moment zu Moment wechselnd, in mannigfacher Verknüpfung und Durchdringung die reale Bewußtseinseinheit des jeweiligen psychischen Individuums konstituieren." (3)

Und nun wollen wir es unternehmen, mit dieser Auffassung völlig Ernst zu machen. Das heißt also zunächst: wir sind der Meinung, daß bisher noch nicht genügend Ernst mit ihr gemacht wurde, daß man sie noch nicht bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt hat. Und das muß in der Tat trotz der allgemeinen Anerkennung der Theorie überraschenderweise behauptet werden. Denn: wäre es der Fall - das Bild dessen, was man jetzt noch zusammenfassend unter dem Namen einer psychologischen Wissenschaft begreift, würde ein in sehr wesentlichen Punkten von dem heute sich darbietenden verschiedenes sein. Denn diese Wissenschaft sähe sich genötigt, großen Gebieten gegenüber eine ganz andere Stellung einzunehmen, als es die heute zumeist als selbstverständlich angesehene ist, ja sie müßte in Bezug auf eben diese Gebiete den Anspruch auf einen Titel aufgeben, auf den sie zurzeit gerade den größten Wert legt, nämlich den einer empirischen Wissenschaft, einer Wissenschaft vom Wirklichen. Vielleicht scheint damit einigen zunächst nichts allzu Neues gesagt zu sein: man wird an STUMPFs Abtrennung der Erscheinungen von den psychischen Funktionen und andere ähnliche Distinktionen erinnern, insbesondere an die bekannte Gegenüberstellung von Akt und Inhalt, und wiederum von Inhalt und Gegenstand.

Gewiß: Beziehungen und sehr wesentliche Beziehungen zu diesen wichtigen Scheidungen (4) werden uns deutlich entgegentreten, aber wir haben zunächst etwas anderes und vielleicht fundamentaleres im Auge. Denn wir glauben noch wesentlich mehr abtrennen zu müssen als die Erscheinungen im STUMPFschen Sinne; ja wir meinen sogar, daß es nötig sein wird, die Abtrennung in anderer Weise und von anderen Gesichtspunkten aus zu vollziehen.

Verstehen wir nämlich unter Erlebnissen ganz ernsthaft lediglich reale Vorkommnisse und unter Psychologie die Feststellung solcher Vorkommnisse und der sie beherrschenden Gesetzmäßigkeiten, so ist am Ende beinahe die Hälfte der heutigen Psychologie überhaupt keine Psychologie: nur der wichtigste Teil der experimentellen Psychologie, und vieles, das ihm der Methode nach nahe steht, hätte noch als Psychologie zu gelten.

Und wiederum: Verstehen wir unter Erlebnissen das, was dem gebräuchlichen Wortsinn nach unter ihnen verstanden wird, nämlich die unmittelbar gegebenen Erlebnisse, (5) und unter Psychologie die Wissenschaft von ihnen, so hört diese Psychologie eben damit auf, eine empirische und induktive Wissenschaft zu sein. Erlebnisse in diesem Sinn nämlich sind keineswegs das psychische Wirkliche und können durchaus nicht bereits als solche als reale Vorkommnisse betrachtet werden. Ja, es ist fraglich, ob man ein Recht hat, sie, wenn man sich lediglich an das hält, als was sie sich unmittelbar darstellen, überhaupt als objektiv-real (als "wirklich") zu bezeichnen. Und es steht jedenfalls mit ihnen ganz anders als etwa mit chemischen oder physikalischen Vorgängen. Hier ist von Anbeginn außer Frage, daß eben das, was die Wissenschaft von ihnen (die Chemie und die Physik) letzten Endes an ihnen interessiert, worauf sie es bei ihnen eigentlich abgesehen hat, eben das an ihnen und in ihnen Wirkliche ist - wie es sich für eine induktive Wissenschaft gehört. Dagegen ist kein Gegebenes - auch kein gegebenes Erlebnis - als solches eo ipso [schlechthin - wp] real, und eine Wissenschaft, die das Gegebene und nur das Gegebene rein als solches sich zum Ziel setzt, hört eben damit auf, eine empirisch-induktive Wissenschaft zu sein. Gilt doch in gewissem Sinn genau das Gegenteil: daß überhaupt von einem Gegensatz zur Wirklichkeit, von einem Schein, von einem in irgendeiner Weise "phänomenalen" Dasein sinnvoll die Rede sein kann, das liegt erst darin begründet, daß ein unmittelbar Gegebenes und damit ein Gegebenes überhaupt besteht. Doch damit greife ich künftigen Erörterungen wohl schon allzu sehr vor. Vielleicht erscheint das alles überhaupt zunächst paradox. Aber das Paradoxe schwindet, sobald wir feste Begriffe prägen.


II. Zur Phänomenologie der Realität (6)

Wir haben uns zunächst klar zu machen, was im phänomenologischen Sinn ein realer Vorgang ist, d. h. es geht uns hier nicht das Mindeste an, was etwa Realität ihrer letzten physischen oder gar transzendent-metaphysischen Wesenheit nach ist, sondern lediglich, was jedermann darunter versteht, wenn er überhaupt einen objektiven Sinn damit verbindet.

Jeder beliebige physikalische Vorgang kann uns hier als Beispiel dienen: Welches sind seine allgemeinsten Beschaffenheiten, wenn wir ihn einen realen physikalischen Vorgang nennen? Doch wohl diese: daß er entsteht und vergeht, daß er eine gewisse Dauer hat und endlich und vor allem - was darin noch keineswegs impliziert ist -, daß ihm eine ganz bestimmte Stelle in der Zeit und zwar der objektiven Zeit zukommt. Dazu hätten dann noch keine speziellen, ihn als physikalisch charakterisierenden Eigenschaften zu treten - die uns hier natürlich gleichgültig sein können.

Vielleicht glaubt jemand aus irgendwelchen metaphysischen oder erkenntnistheoretischen Erwägungen heraus die Berufung auf die objektive Zeit ablehnen zu müssen. Zeit sei ihrer Natur nach subjektiv, und daß es eine objektive Zeit überhaupt gibt, muß zunächst einmal bewiesen werden. Natürlich wäre das nur ein völliges Mißverständnis unserer Fragestellung. Und zwar in doppelter Hinsicht.

Erstens: Auch wenn sich von einer höheren metaphysischen Warte aus ergeben sollte, da der Begriff der objektiven Zeit gestrichen werden muß, so wäre er doch zunächst für eine prinzipiell orientierende Betrachtung, wie die unsrige, beizubehalten: genauso wie etwa auch der überzeugendste Spiritualist eben in der Überzeugung, daß Geist und Körper dasselbe sind, doch die phänomenologische Verschiedenheit beider zunächst voraussetzt: jene Überzeugung kann ja doch nur besagen, daß das eine, das jedermann meint, wenn er von Geist und das andere, das jedermann meint, wenn er von Körper redet, in letzter Instanz "dasselbe" sind - trotz der offenbaren eben in den verschiedenen Bezeichnungen niedergelegten Differenz, die bei Beachtung des unmittelbar Gegebenen so evident hervortritt, daß wir im allgemeinen gar nicht in Versuchung kommen, Geistiges und Körperliches miteinander zu verwechseln. Oder - um ein nichtmetaphysisches und daher nach keiner Richtung hin verfängliches Beispiel zu wählen: wenn der Physiker lehrt, strahlende und molekulare Wärme sind toto genere [himmelweit - wp] verschieden, und jene gehört im Grunde in die optischen Kapitel, so ist damit die phänomenologische Identität beider Arten von Wärme nicht nur nicht geleugnet, sondern im Gegenteil: sie (d. h. die Tatsache, daß wir beide Mal sinnvoll von Wärme reden können) bildet gerade die unumgängliche Voraussetzung dieses Satzes.

Zweitens aber und vor allem: Die Worte subjektiv und objektiv unterliegen einer solchen Fülle von Äquivokationen [Mehrdeutigkeiten - wp], daß vor jedem möglichen Einwand nach ihrer Bedeutung im jeweiligen Fall gefragt werden muß.

Wir verstehen nun unter objektiver und subjektiver Zeit etwas sehr Einfaches und im täglichen Leben ebensowohl wie in den einzelnen Wissenschaften überall einwandfrei Vorausgesetztes. Objektiv ist die eine Zeit, das homogene Kontinuum, in dem ebensowohl der Gegenwartspunkt wie jeder beliebige Punkt der Vergangenzheit und Zukunft seine bestimmte Stelle hat. Subjektiv ist dagegen jede andere "Zeit" - von ihr läßt sich dann sagen, daß sie sich zur objektiven Zeit allemal ähnlich verhält wie eine Kopie zu ihrem Original. Zur Vermeidung von Mißverständnissen könnte man statt von objektiver auch von echter oder eigentlicher Zeit reden. Wenn wir irgendeinen Vorgang - etwa einen geschichtlichen - für wirklich halten, so meinen wir damit nichts anderes, als daß er in der echten oder objektiven Zeit seine Stelle hat. Die Zeit dagegen, in der ein Märchen spielt, ist eine subjektive oder scheinbare, ebenso etwa wie die Zeit der Ausdehnung eines - als individuelles Paradigma benutzten - idealen Gases: während umgekehrt das wirkliche Gas die Wirkichkeit eben darin bewährt, daß seine Ausdehnung in der echten Zeit gelegen ist. Dabei sind wir uns vollkommen darüber klar, daß damit noch nicht das phänomenologisch Letzte gesagt ist, was zur Klärung des Wirklichkeitsbegriffs gefordert werden kann. Wir wissen recht wohl, daß der Sinn der Aussage, dieses oder jenes ist wirklich, nicht eigentlich in vollster Unmittelbarkeit meint, es liege in der objektiven Zeit. Gewiß: es besteht die Möglichkeit, hier noch weiter zu dringen, vielleicht durch eine Analyse des objektiven Zeitbegriffs. Aber für unsere Zwecke braucht diese ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe glücklicherweise nicht geleistet zu werden. Denn es ist jedenfalls nicht zu bestreiten, daß die Begriffe wirklich und in der "objektiven Zeit liegend" äquivalent sind - etwa wie die des gleichseitigen und des gleichwinkligen Dreiecks. Und darauf allein kommt es hier an. Darin liegt aber unter allen Umständen schon eine recht wichtige Klärung. Man überzeugt sich von dieser Wichtigkeit, wenn man sich erinnert, wie es im Grunde doch nur der Hinweis auf die Zeitlichkeit war, der es HUSSERL ermöglichte, den Unterschied zwischen Ideellem und Realem so evident zu machen, wie (selbst BOLZANO und LOTZE kaum ausgenommen) vor ihm noch keinem Denker gelungen war.

Für uns ist es nun nicht die Scheidung des Realen vom Ideellen, auf die es ankommt, sondner die des Objektiv-Realen oder Wirklichen im eigentlichen Sinn von allem und jedem anderen. Natürlich bestehen hier sehr innige Zusammenhänge, und wir wollen gleich, um gründlich zu sein, ein wenig weiter ausgreifen. Auf Vorgänge waren wir zunächst gerichtet, und auf sie kommt es für unseren Gedankengang natürlich vorwiegend an. Um der prinzipiellen Bedeutung willen reden wir aber sogleich allgemeiner von Gegenständen überhaupt, wobei wir den Begriff Gegenstand zunächst soweit wie möglich fassen, also äquivalent mit dem des "Etwas".

Dann treten sogleich neben die objektiv-realen die subjektiv-, die unecht-realen Gegenstände oder (in allerdings sehr weiter Bedeutung des Wortes Fiktion) die realen Fiktionen. Ihr Bereich ist außerordentlich groß: sowohl das schon erwähnte individuelle Paradigma eines idealen Gases gehört hierher, wie auch alle Gestalten des Märchens und der Sage, und nicht minder all die tausend bloß gedachten, bloß "vorgestellten", bloß angenommenen Realien des täglichen Lebens, ganz gleichgültig, ob sie nun Dinge oder Geschehnisse, und wieder, ob sie konkrte oder abstrakt (selbständig oder unselbständig) und vor allem, ob sie physisch (7) oder psychisch sind: der gestiefelte Kater - diese bestimmte Märchenfigur - gehört dahin, aber auch sein Tun und Wollen, seine Farbe und seine Gestalt.

Was macht nun das Wesen dieser unechten Realitäten aus? Wir wissen es schon: sie sind allemal in einer Zeit gedacht: d. h. wir verstehen sie "in unserer Vorstellung" mit Bestimmungen, die nur als zeitliche einen Sinn haben: das scheidet sie vom Ideellen, das ja ebenfalls ein "Gedachtes" ist, aber solcher Bestimmungen ermangelt. Der gestiefelte Kater oder die Götterburg Walhalla, beides wird von uns als dieses Individuum gedacht, als dieses Einmalige, das wie alles Einmalige seine Stelle in der Zeit hat. Der Kater überhaupt aber, felis domesticus, von dem die Zoologie spricht, und ebenso die Burg überhaupt sind natürlich nichts Einmaliges, keine Individuen, sondern ideell, beide stehen in dieser Hinsicht mit den Zahlen auf einer Stufe.

Für diese unecht-realen Gegenstände hat es nun wenig zu bedeuten, ob sie "bloß (phantasie- oder gedächtnismäßig) vorgestellt" oder etwa wahrgenommen werden. Es steht hierin prinzipiell nicht anders mit ihnen als mit den echt-realen. Wir können eben jedes "Wirkliche" - ganz gleichgültig, ob es nun echt oder unecht ist, sowohl wahrnehmen wie vorstellen, und das unechte Wirkliche ist keineswegs mit dem bloß vorgestellten Wirklichen identisch, es kann ebenso auch wahrgenommen werden. Die kinematographisch vorgeführte Bewegung z. B. wird mit aller wünschenswerten Zweifellosigkeit wahrgenommen, trotzdem doch jedermann, und das heißt vor allem der Wahrnehmende selbst weiß, daß es sich dabei bloß um eine Fiktion, einen Schein, um Vorgetäuschtes handelt.

Ebensowenig deckt sich natürlich umgekehrt die bloß vorgestellte Realität mit der unechten: Sokrates, den ich jetzt vorstelle, ist deshalb noch keine Fiktion. Vielmehr kreuzt sich der Gegensatz von wahrgenommener und vorgestellter mit dem von echter und unechter Realität.


III. Fortsetzung:
Wahrnehmbarkeit kein Realitätskriterium.

Das schließt natürlich ein, daß in der Wahrnehmbarkeit als solcher kein Realitätskriterium - will sagen kein Kriterium für die echte Realität oder reale Echtheit - liegen kann. Die einfache Tatsache, daß es eine Wahrnehmungstäuschung gibt, beweist das Gegenteil. Und es ist kein Einwand dagegen, wenn gesagt wird: in solchen Fällen ist eben nur unvollkommen, also in Wahrheit überhaupt nicht oder nur teilweise wahrgenommen worden; soweit aber im eigentlichen Sinn wahrgenommen worden ist, soweit ist auch Wirklichkeit erfaßt. Ich frage: was heißt hier vollkommene Wahrnehmung? Die Antwort: das ist adäquate Wahrnehmung, unmittelbare Erfassung der Sache selbst, ist natürlich richtig, nur liegt darin noch keineswegs, daß die erfaßte Sache auch wirklich sein muß.

Denken wir wieder an den Kinematographen. Hier ließe sich sagen: wenn dabei (was doch unausweichlich ist) der Begriff der Täuschung dabei aufrecht erhalten bleiben soll, so liegt hier keine adäquate, die Sache selbst erfassende Wahrnehmung vor. Aber was heißt das? Doch nur, daß die hier tatsächlich vorliegende Realität, der echt-reale Gegenstand nicht erfaßt wird: wir sehen nicht die einzelnen getrennten Bilder, die wir von Rechts wegen hätten sehen müssen, sondern eine Einheit, die sich außerdem noch bewegt: in diesem Sinn ist also in der Tat von Adäquation nicht die Rede, denn am adäquatesten und damit zugleich vollkommensten wahrgenommen ist im Bereich des Wirklichen allerdings dasjenige, was, wenn wir die konstanten, der wahrnehmenden Funktion als solcher anhaftenden Fehler in Rechnung bringen, die Wirklichkeit relativ am genauesten wiedergibt, oder, wenn man lieber will, erkennbar macht. Ich habe die wirkliche Lampe, die vor mir steht, in diesem Sinne am vollkommensten dann wahrgenommen, wenn ich sie so wahrgenommen habe, daß ich gegenüber allen anderen möglichen Wahrnehmungen aufgrund dieser Wahrnehmung die relativ genauesten Angaben über die wirklichen (d. h. echt-realen) Beschaffenheiten der Lampe machen kann. Aber nicht minder sinnvoll läßt sich von der adäquaten Wahrnehmung einer Lampe reden, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist, und genau in demselben Sinn kann ich von einer adäquaten Wahrnehmung der kinematographischen Bewegung sprechen.

Niemals ist das Wirkliche darum wirklich, weil es adäquat wahrgenommen werden kann oder im Falle der Aktualisierung adäquat wahrgenommen wird, sondern eher umgekehrt: Ein Wirkliches ist genau in dem Maße adäquat wahrgenommen, als sich im Anschluß an die betreffenden Wahrnehmungen sekundär seine Wirklichkeit ergibt und sich in in ihnen fundierten Urteilen Ausdruck bringen läßt.

Aber müssen wir das Wirkliche nicht zuerst einmal haben, muß es uns nicht zunächst selbst gegeben sein, wenn wir von einer Adäquation an dieses Wirkliche reden und in diesem Sinne die Vollkommenheit der Wahrnehmung durch den Vergleich mit dem Wirklichen bestimmen wollen? Dieser Einwand würde auf einem Mißverständnis beruhen: Das Mißverständnis wäre genau dasselbe, wie das desjenigen, der die Möglichkeit der Adäquation einer gewissen realen Figur an einen Kreis in Frage stellen wollte, weil es niemals einen realen Kreis gegeben hat, noch geben wird, der für die vorliegende Figur als Vergleichsobjekt dienen könnte. Ein Vergleich ist eben hier gar nicht vonnöten, sondern wir bestimmen die Adäquation aufgrund rein ideeller Kriterien: Wir bestimmen, spezieller gesprochen, inwieweit die gegebene Figur der Kreisformel entspricht.

Und genauso liegt es in unserem Fall. Das ideelle Kriterium, das für unser Problem in Frage kommt, ist eben das uns wohlbekannte Wirklichkeitskriterium: es muß sich unter den Bestimmtheiten eines gewissen Gegenstandes auch die befinden: in der (einen objektiven) Zeit seine bestimmte Stelle zu haben und demgemäß dort auch unter der Voraussetzung geeigneter Mittel auffindbar zu sein. Fehlt diese Bestimmung in der Meinung des auffassenden Individuums, so hält es den Gegenstand für nicht echt-real, sondern für eine Fiktion, mag sie nun vorgestellt, oder wahrgenommen sein.

Wenn ein naiver Mensch von einem Regenbogen als einem wirklichen Bogen redet (8), der zu einer gegebenen Zeit den Himmel umspannt, so meint er damit einen gewissen individuellen Gegenstand, ausgerüstet mit Bestimmungen, wie sie eben einem individuellen Gegenstand und speziell einem Bogen, diesem greifbaren und festen Ding, zukommen, und er meint außerdem, daß dieses greifbare Ding sich räumlich als ein im Himmel befindliches oder am Himmel haftendes Ding erweist. Vor allem aber meint er, daß dieses selbe Ding zu einer genau bestimmten Stunde vorhanden war, und das heißt eben: er meint seine echte Realität, seine Wirklichkeit. Der physikalisch Unterrichtete hingegen, der seiner Wahrnehmung zum Trotz die objektiv-zeitliche Bestimmtheit dieses Dings bestreitet, behauptet damit zugleich dessen Unechtheit oder Scheinbarkeit.

Gewiß: er wird auch das nur - direkt oder indirekt - aufgrund von Wahrnehmungen tun können; aber natürlich sind diese Wahrnehmungen nur Mittel zum Zweck: sie setzen voraus, daß der Beobachtende immer schon, wenn auch keineswegs bereits in klarbewußter Explikation, weiß, wodurch sich etwas als Wirkliches oder Unwirkliches dokumentiert, genauso wie etwa auch dem mathematische Ungeschulten es irgendwie vorschweben oder irgendwie bewußt (und zwar sogar sehr bestimmt bewußt) sein kann, wodurch sich etwas als Ellipse dokumentiert oder als Rechteck oder dgl. und er infolgedessen auch fähig ist, relativ deutliche Unterscheidungen zu vollziehen, ohne daß er doch im Mindesten in begrifflichen Ausdrücken die Bestimmungen explizieren kann, die ihm für seine Unterscheidungen maßgebend waren. Prinzipiell gesprochen muß die Möglichkeit vorhanden sein, von einem Gegenstand zu reden, der, trotzdem er wahrgenommen und immer und unter allen Umständen identisch wahrgenommen wurde, ohne Wirklichkeit ist. Und vor allem bringt die einmalige Wahrnehmung rein als solche über die Wirklichkeit des Wahrgenommenen auch nicht die allergeringste Entscheidung, vielmehr wird diese allein durch einen Vergleich und zumeist öfter wiederholte Vergleichung mehrerer Wahrnehmungen erreicht; ja sie erfordert in sehr vielen Fällen einen oft außerordentlich komplizierten intellektuellen Prozeß: das eigentliche Wesen aller empirischen Forschertätigkeit ist eben nichts anderes als die Aneinanderreihung gerade solcher Prozesse.

Es ist auch falsch, daß das Wahrgenommene zumindest immer ein der Meinung nach wirkliches (stets im Sinne des echt-realen natürlich) sein muß. "Der Meinung nach wirklich" könnte zunächst im Sinne des phänomenologischen Meinens verstanden sein: das würde also besagen, daß es im Wesen dessen, was wir unter einem Wahrgenommenen verstehen, zugleich auch liegt, eo ipso [schlechthin - wp] als ein Wirkliches verstanden zu werden. Das wäre natürlich das genaue Gegenteil unserer Auffassung. Die kinematographische Bewegung, der Regenbogen, der im Wasser gekrümmte Stab, sie alle werden ganz zweifellos wahrgenommen, ohne deshalb im Mindesten als wirklich gemeint zu werden. Zweitens: "Der Meinung nach wirklich" könnte auch so viel heißen wie: mit der steten Überzeugung (dem Urteil nach BRENTANOscher Terminologie (9) verbunden, daß das Betreffende wirklich ist. Auch in diesem Sinn gilt es nicht von der Wahrnehmung: mit all den oben genannten Wahrnehmungen kann sich vielmehr durchaus die vollkommen feste Überzeugung verbinden, daß sie "Täuschungen" sind, also Unwirkliches darstellen.

Nur das muß allerdings zugestanden werden: jeder wahrgenommene Gegenstände prätendiert [erhebt Anspruch auf - wp], indem er wahrgenommen wird, Wirklichkeit: er sucht gleichsam ein günstiges Vorurteil für seine Wirklichkeit in uns zu erwecken, so daß wir, solange uns nicht gewichtige Gründe vom Gegenteil überzeugen, in der Tat im Allgemeinen ihr vertrauen und also Wahrgenommenes für wirklich halten. Wahrgenommenes als solches ist immer dem Anschein nach zugleich wirklich - aber eben auch nur dem Anschein nach.


IV. Die angebliche Realität des
adäquat Wahrgenommenen.

Nun erhebt sich hier aber ein Einwand, auf den wir schon lange gefaßt sind. Man gibt uns eine neue Bestimmung der adäquaten Wahrnehmung. Adäquate Wahrnehmung - sagt man - ist nicht Wahrnehmung, die ein beliebiges Wirkliches so erfaßt, wie es tatsächlich ist. Das würde allerdings, weil wir vom allermeisten Wirklichen gar nicht unmittelbar wissen, wie es tatsächlich beschaffen ist, notgedrungen auf ein besonderes Wirklichkeitskriterium führen. Soweit also dürften wir wohl recht haben. Aber eine Wirklichkeit gibt es, die jedenfalls ihrem Wesen nach so erfaßt werden kann, wie sie ist, nämlich die Wirklichkeit der Erlebnisse.

Das ist also genau unser Problem. Allerdings ist nun dieses adäquate Erfassen der eigenen wirklichen Erlebnisse (und zwar insbesondere der Empfindungen) nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Aber wir können doch prinzipiell stets zu dieser Ausnahme gelangen. Die Empfindungen nämlich - sagt man - fungieren zumeist gar nicht als das, was sie sind, sondern werden irgendwie interpretiert oder ausgedeutet. Wir brauchen nur von dieser Interpretation abzusehen, um zu den realen Empfindungen selbst zu gelangen und sie folglich adäquat (10) zu erfassen. Denn nunmehr ist das Objekt
    "in der Wahrnehmung nicht bloß als daseiend vermeint, sondern zugleich auch in ihr selbst gegeben und genau als das, als was es vermeint ist." (11)
Es definiert sich also jetzt die adäquate Wahrnehmung rein negative als eine solche, die infolge des Mangels an "Interpretation" eo ipso Wahrnehmung eines Wirklichen ist. Nehmen wir z. B. ein Haus wahr, so haben wir eine Komplexion von sinnlichen Erlebnisse: die empfundenen Farbinhalte, Gestaltinhalte usw. - sie alle sind reelle Bestandstücke des Bewußtsein (12). Das Haus als dieser bestimmte Gegenstand ist in ihnen noch keineswegs erfaßt, das Haus ist uns nicht in der Weise jener "Inhalte" unmittelbar gegeben, sondern erfordert vielmehr einen ausdeutenden intentionalen Akt, d. h. ein reales Erlebnis, durch das die erlebten Empfindungen erst zu anschaulichen Repräsentanten eben des wahrgenommenen Hauses werden. Dieses Haus ist nun natürlich kein reales Bestandstück unseres Bewußtseins und braucht eventuell überhaupt nicht real zu sein, sondern es genügt hier seine bloße "phänomenale und intentionale Existenz", die eben nur durch den interpretierenden Akt, in welchem sie ihr reales Korrelat hat, möglich wird.

Nun aber können wir in der angegebenen Weise von diesem hinzutretenden Gegenstand absehen. Dann richtet sich die Intention lediglich auf die den Erscheinungsakt konstituierenden Erlebnisse und speziell auf die Empfindungen: Wir brauchen also nur aufzuhören, zu interpretieren, und wir gelangen zum reellen Bewußtsein, zur psychischen Wirklichkeit. Die adäquate bestimmt sich näher als uninterpretierte Wahrnehmung und diese wiederum als evidente Auffassung der psychischen Realität selbst.

Schon hierin liegt nun eine Schwierigkeit: Gesetzt nämlich, es sei in der Tat die uninterpretierte Auffassung die unmittelbare Erfassung eines Wirklichen, wieso muß dann dieses Wirkliche gerade notwendig immer psychisch wirklich sein? Wieso ist mit anderen Worten das, wovon eine adäquate Anschauung möglich ist, zugleich das Psychische? Bereits STUMPF (13) hat diese Frage aufgeworfen und mit Recht hervorgehoben, es müsse unter jener Voraussetzung, falls etwa einmal die adäquate Anschauung eines Physischen möglich würde (was natärlich an und für sich kein Widerspruch ist), Physik zu Psychologie werden.

Für uns ergibt sich nun aber offenbar eine noch prinzipiellere Ablehnung der ganzen Position. Denn in ihr begegnen wir der deutlich ausgesprochenen Auffassung, daß reale Erlebnisse zugleich auch in dieser ihrer Realität direkt erfaßt oder wahrgenommen werden können. Unserer Behauptung also, Wirkliches als solches, Wirkliches also in seiner Eigenschaft eben Wirkliches zu sein, kann nie unmittelbar wahrgenommen oder (was wohl nur ein anderer Ausdruck für diese längere Formulierung ist) Wirkliches kann nie evident wahrgenommen werden, und es kann überhaupt nur das empirische und eventuell das induktive Verfahren wissenschaftlich zulässige Wirklichkeitsfeststellungen liefern, dieser unserer Behauptung ist so deutlich wie nur möglich widersprochen.

Ich entgegne nun Folgendes:

Zunächst formulierten wir unseren Standpunkt zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse noch nach einer besonderen Richtung.

Es fällt uns natürlich nicht ein, die Evidenz der adäquaten Wahrnehmung zu bezweifeln, aber wir bezweifeln allerdings, daß das evidenz und zugleich adäquat Wahrgenommene sich jemals eben damit außerdem noch als wirklich dokumentieren kann. Von HUSSERLs Behauptung also, es gehöre zum Wesen adäquater Wahrnehmung, daß ihr das angeschaute Objekt wahr und wirklich innewohnt, geben wir nur die Wahrheit (14) zu, die Wirklichkeit bestreite ich. Denn der Zusammenhang lehrt, daß HUSSERL das "wirklich" keineswegs im Sinne on wahr (oder besser "echt") gebraucht und es etwa (wie das ja wohl zu geschehen pflegt) nur zur Bekräftigung hinzugefügt hat. Begegnen wir doch zugleich Wendungen wie: der erlebte sinnliche Gehalt wird - in adäquater Wahrnehmung - als das angeschaut, was er ist (15). Und eben dieser sinnliche Gehalt heißt dann später ein reelles Bestandstück des Bewußtsein (16). HUSSERLs Meinung geht also ohne Zweifel dahin, daß in der Tat Wirkliches unmittelbar gegeben sein kann.

Dagegen ist es nun unsere Meinung, daß Wirkliches als solches nie und nimmer adäquat und evident genommen werden kann, oder genauer, daß niemals etwas, mag es nun ein Psychisches oder ein Physisches, ein materiales Etwas oder ein Bestandstück des Bewußtseins sein, auf eine solche Weise wahrgenommen oder überhaupt gegeben ist, daß aus dem im betreffenden Akt Gegebenen allein mit zweifelloser Evidenz seine Wirklichkeit hervorgeht. Kein Gegebenes, auch kein unmittelbar Gegebenes ist eo ipso bereits wirklich. In sehr vielen Fällen halten wir freilich Gegebenes und ganz besonders unmittelbar Gegebenes mit Recht auch ohne weiteres für wirklich, aber nie sind wir lediglich aufgrund einer solchen unmittelbaren Gegebenheit sicher, daß wir uns nicht getäuscht haben, wie es doch die Rede von der Evidenz natürlich verlangen würde.

Immer nehmen wir dabei das Wirkliche in seinem eigentlichsten Sinn und hüten uns vor naheliegenden Verwechslungen.

Daß zunächst "wirklich" so genommen mehr besagt als außerbewußtseiend, ist uns so selbstverständlich, daß wir es nicht besonders hervorheben. Es ist aber sicher auch nicht gleichbedeutend mit "nicht bloß vermeintlich" (17). Nich bloß vermeintlich ist doch auch Ideelles: wir sagen natürlich mit vollem Recht, daß die Tangente den Kreis bloß vermeintlich in einer Strecke berührt, während wir recht gut wissen, daß sie ihn doch immer wirklich in einer Strecke berührt: es kann als die Bedeutung von "bloß vermeintlich" unter Umständen geradezu mit der von "wirklich" zusammenfallen. In demselben Sinn sage ich zu jemandem, der 237 für eine Primzahl hält, daß diese Zahl bloß vermeintlich eine solche ist. "Nicht bloß vermeintlich" ist eben allerdings soviel wie "nicht wirklich", aber wirklich gewinnt dann den viel weiteren Sinn des eigentlich Seienden überhaupt. Bloß vermeintlich ist (besteht, existiert) eben das, was als das, als was es einem gewissen uns zunächst vorschwebenden Sinn nach existieren müßte, in Wahrheit nicht existiert: es können recht gut wirkliche Dinge bloß vermeintlich ("er hat bloß vermeintliche Luftschlösser gebaut") und umgekehrt Fiktionen "wirklich", d. h. eben Fiktionen sein.

Das adäquat und evident Wahrgenommene ist nun lediglich wirklich im Sinn eines eigentlich Seienden überhaupt: es ist das Selbstgegebene, das, bei dem von Signifikation, von Symbolbildung, von irgendeiner Differenz zwischen Gemeintem und Gegebenem nicht die Rede sein kann, aber es ist nicht wirklich im Sinne dessen, was in erster Linie ein Recht hat, das Wirkliche genannt zu werden, im Sinne unseres wohlbekannten Echtrealen, es ist also auch nicht wirklich im Sinne eines "reellen Bestandstückes unseres Bewußtseins".

Das erhärten wir nun auf folgende Weise, die, wie mir scheinen will, auch noch in anderen Hinsichten aufklärend sein dürfte.
LITERATUR Paul F. Linke, Die phänomenale Sphäre, Halle/Saale 1912
    Anmerkungen
    1) Im zweiten Band des "Jahrbuchs für Phänomenologie".
    2) Über die Verwendung der Ausdrücke real, wirklich usw. vergleiche man den Abschnitt II.
    3) Edmund Husserl, Logische Untersuchungen, Bd. II, Seite 326.
    4) Der erste, der diese Scheidungen ausführlicher begründet hat, ist der in Deutschland viel zu wenig beachtete Kasimir Twardowski in Lemberg mit seiner gründlichen und geistvollen Schrift "Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen", Wien 1894.
    5) So versteht - um nur ein Zitat anzuführen - auch Stumpf unter Erlebnissen unmittelbar Gegebenes oder jedenfalls Gegebenes. Vgl. Carl Stumpf, Erscheinungen und psychische Funktionen, Berlin 1907, Seite 6f.
    6) Anschauungen, die den in diesem Abschnitt vertretenen verwandt sind, finde ich im zweiten Kapitel von Max Schelers geistvollem Aufsatz "Über Selbsttäuschungen", Zeitschrift für Pathopsychologie, Bd. I, Seite 87f.
    7) Ganz in dem hier maßgebenden Sinn spricht Scheler von "physischen Phänomenen" (a. a. O., Seite 101).
    8) Vielleicht ist der Regenbogen kein günstiges Beispiel: man könnte einwenden, gerade er zeigt den Charakter der dinglichen Wirklichkeit sehr wenig. Dann wähle man etwa den Blumenstrauß, den der Konkavspiegel uns als frei in der Luft schwebend vortäuscht oder dgl. mehr.
    9) Viel besser spricht man hier mit Husserl von einem "Setzungscharakter" der Wahrnehmung oder Vorstelung (genauer des entsprechenden Gegenstandes.)
    10) Man sieht: Adäquation ist hier etwas ganz anderes als die frühere Wirklichkeitsadäquation: diese setzte die Wirklichkeit voraus, jene gelangt umgekehrt durch Verzicht auf die Interpretation zur Wirklichkeit.
    11) Husserl, a. a. O., Seite 711. Wenn wir hier und im Folgenden an Husserl exemplifizieren, so tun wir das nur um des literarischen Anschlusses willen. Es ist uns sehr wohl bekannt, daß Husserls jetzige, leider noch unveröffentliche Auffassung in wichtigen Punkten von der in den "Logischen Untersuchungen" vertretenen abweicht.
    12) Husserl, a. a. O., Seite 715.
    13) Carl Stumpf, Zur Einteilung der Wissenschaften, Seite 22.
    14) Husserl, a. a. O., Seite 711. Ich möchte stattdessen lieber "Echtheit" sagen, um die Wahrheit lediglich den Sachverhalten vorzubehalten.
    15) Husserl, a. a. O., Seite 709 und 711.
    16) a. a. O. Seite 715. Vgl. auch Abschnitt V, Kap. 2, besonders Seite 345f, wo die Empfindungen (und zwar die Empfindungen in dem hier vorausgesetzten Sinn) als Naturvorgänge aufgefaßt werden.
    17) Vgl. Husserl, a. a. O., Seite 715.