ra-2A. TumarkinJ. VolkeltW. ConradL. KühnA. LassonF. H. Jacobi    
 
ANNA TUMARKIN
Ästhetisches Ideal
und ethische Norm


"Die eine Tendenz im menschlichen Wesen - man könnte sie vielleicht bildlich die zentrifugale nennen - ist die Tendenz, alles was man tun und denken kann, was man erleben mag, jedes einzelne Erlebnis in eine Beziehung zu etwas anderem zu bringen, es als Mittel zu betrachten zu einem höheren Zweck, nachdem man einmal den Schwerpunkt aus sich hinausverlegt hat, immer über sich hinauszustreben, hinauszustreben über das augenblicklich Gegebene zu etwas anderem, das solange als Ziel betrachtet wird, bis es erreicht ist, um dann selbst herabzusinken zum Mittel; das ewige Streben nach dem Absoluten, das allem Wirklichen den Charakter der Relativität gibt. Und dem gegenüber steht die entgegengesetzte - zentripetale - Tendenz, alles Geschende auf sich selbst zu beziehen, nach dem Eindruck zu beurteilen, den man selbst davon bekommt, sich selbst, seine eigene Gefühlsart zum Richter, zum Maßstab der Welt machend, im Erlebnis, im Moment volle Befriedigung findend, im Wirklichen das Ideal erblickend."

Die neueren Untersuchungen zur Werttheorie haben auch die Frage nach der Bedeutung des Wertbegriffs für die Ästhetik zur Sprache gebracht. Während auf der einen Seite die Ästhetik in eine allgemeine Wertlehre eingereiht (so von JONAS COHN in seiner "Allgemeinen Ästhetik") oder sogar als das ursprüngliche, natürliche Gebiet von Wertungen betrachtet wird (EDITH LANDMANN-KALISCHER sieht "den Typus des Werturteils im reinen, uninteressierten Geschmacksurteil", (Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. V, Seite 270), zeigt sich auf der anderen Seite das entgegengesetzte Bestreben, den Wertbegriff ganz von der Ästhetik auszuschließen: von MEINONG ausgehend, der das Werthalten als ein Wirklichkeitsgefühl, als eine emotionale Reaktion auf etwas Existierendes auffaßt, unterscheidet WITASEK das ästhetische Gefallen, das eine Vorstellung zu seiner Voraussetzung hat, vom Werthalten, das auf einem Urteil beruth und setzt die Begriffe Wert und Schönheit einander entgegen ("Wert und Schönheit", Archiv für systematische Philosophie, Bd. 8, Seite 164f). Daß die Schönheit Gegenstand der Werthaltung wird, sei für sie nicht wesentlich: "etwas ist schön nicht weil oder indem es gewertet wird, sondern es hat Wert, weil es schön ist" (Seite 166).

So berechtigt auch WITASEKs Widerspruch gegen das Einordnen der Ästhetik in eine allgemeine Wertlehre mir zu sein scheint, weil unter dem Gesichtspunkt des Wertes das ästhetische Verhalten nicht in seiner Eigentümlichkeit erkannt werden kann, - der Standpunkt, den WITASEK in dieser Frage selbst einnimmt, scheint mir, so wie er die Frage formuliert, auch nicht durchführbar. Die Eigentümlichkeit des ästhetischen Verhaltens läßt sich allerdings nicht vom Begriff des Wertes aus erfassen, aber diese Eigentümlichkeit liegt ursprünglich nicht im ästhetischen Urteil, nicht im Begriff der Schönheit, sogar nicht im ästhetischen Gefallen, sondern in der ästhetischen Betrachtung, an die sich jenes Gefallen knüpft, das Geschmacksurteil nach sich ziehend. WITASEK aber geht so gut wie COHN von einem ästhetischen Urteil aus, dem Urteil über die Schönheit eines Gegenstandes; und da liegt der Vergleich mit dem Urteil über den sittlichen, praktischen oder auch wissenschaftlichen Wert tatsächlich nahe, denn der Unterschied ist hier bei weitem nicht so groß, wie wenn man die verschiedenen Formen des Verhaltens vergleicht, auf denen jene Urteile beruhen. Als Verstandesfunktion bleibt sich das Urteil in allen diesen Fällen seiner Form nach gleich, und seinem Inhalt bildet überall in ähnlicher Weise die Zuwendung zum betrachteten Objekt, die Bevorzugung eines Gegenstandes vor den andern, wenn auch der Grund dieses Vorziehens in jedem Fall ein anderer ist.

So möchte ich im Gegensatz zu WITASEK sagen: "Etwas ist schön, indem es (ästhetisch) gewertet wird." Denn die Schönheit eines Gegenstandes kommt uns erst zum Bewußtsein, wenn wir uns über das Objekt, das unserer Betrachtung zugrunde liegt, Rechenschaft geben und, indem das Objekt diese ästhetische Betrachtung veranlaßt, das Urteil: "es ist schön" fällen. Dann aber ist es nicht mehr bloß eine reine Betrachtung, nicht eine Hingabe an die "Erscheinung", sondern eine wertende Beurteilung des wirklich existierenden, die Betrachtung veranlassenden Gegenstandes, also doch eine "Werthaltung" im Sinne MEINONGs, der die Überzeugung vom Dasein des gewerteten Gegenstandes zugrunde liegt. Und dieser als schön erkannte Gegenstand hat auch, wie jeder Wertgegenstand, seine Motivationskraft, ist Objekt der Begierde; seine Existenz, die Möglichkeit seiner Betrachtung, vielleicht auch seines Besitzes wird gewünscht und ist uns nicht gleichgültig. Die Betrachtung selbst, die reine ästhetische Kontemplation möchte "interesselos", der Frage der Wirklichkeit gegenüber gleichgültig sein, in Bezug auf den Gegenstand, den wir als Grund jener Betrachtung erkennen, haben wir sehr wohl ein Interesse. Gewiß gehört dieses Interesse am schönen Gegenstand, über dessen Existenz wir uns freuen und dessen Fortdauer wir wünschen, nicht zum Wesen der ästhetischen Betrachtung, es deckt sich nicht mit dieser, aber es entspringt so natürlich aus ihr, daß es in Wirklichkeit fast nie eine ästhetische Betrachtung gibt, in deren Gefolge nicht ein Interesse entstünde, wir uns fast nie der ästhetischen Betrachtung hingeben, ohne uns über die Veranlassung dieser uns festhaltenden Betrachtung Rechenschaft geben und auf diese Veranlassung dann auch Wert zu legen.

So gehört das Urteil über die Schönheit, als die natürliche Folge der ästhetischen Betrachtung (des eigentlichen Gegenstandes der ästhetischen Untersuchung), mit zur Ästhetik, obgleich "das Schöne" nicht der Grundbegriff, nicht der Ausgangspunkt der psychologischen Ästhetik ist und das Urteil über das Schöne nicht das Wesen des ästhetischen Verhaltens ausmacht. Man könnte vielleicht sogar noch weiter gehen und sagen, daß auch das, was den unmittelbaren Grund des Werturteils "es ist schön" bildet, daß die Lust, welche uns die ästhetishe Betrachtung gewährt, ebenfalls nicht zum Wesen des ästhetischen Verhaltens gehört. Tatsächlich trägt allerdings das letztere einen lustvollen Charakter, sonst würden wir nicht dabei verweilen; aber ebenso wie uns die Betrachtung des künstlerischen Bildes des Lebens festhält, ebenso hält uns auch das wirkliche Leben fest; und so wenig wir deswegen, weil wir am Leben hängen, sein Wesen in der Lust sehen, so wenig dürfen wir darin auch das Wesen des ästhetischen Verhaltens suchen. Statt von einem ästhetischen Verhalten von einem ästhetischen Genuß oder einem ästhetischen Gefallen sprechen, heißt eine Nebenerscheinung zum Wesen des in Frage kommenden Vorgangs machen. Und doch gehört dieses Gefallen und damit auch das Werturteil über das Schöne in kein anderes Gebiet als das der Ästhetik, weil in diesem Gefallen das Motiv zu aller ästhetishen Tätigkeit liegt, der produktiven wie der rezeptiven.

Soll die Ästhetik als selbständige Wissenschaft den anderen Gebieten gegenüberstehen, so muß das ästhetische Verhalten in seiner Eigentümlichkeit erfaßt werden. Der Kürze halber bezeichne ich dieses eigentümliche ästhetische Verhalten als "ästhetische Betrachtung", obgleich ich mir der Ungenauigkeit wohl bewußt bind, die im Hervorheben eines einzelnen Zuges dieses komplizierten Vorgangs liegt. Die Analyse dieser "ästhetischen Betrachtung" bildet den eigentümlichen Gegenstand der Ästhetik; je weiter die letztere darüber hinausgeht, desto mehr nähert sie sich den anderen Gebieten. Im Urteil über die Schönheit ist die ästhetische Eigentümlichkeit fast ganz verwischt; es ist ein Werturteil, das als solches den anderen Werturteilen gleichkommt; die ihm zugrunde liegende Hinwendung zum schönen Gegenstand ist so gut eine "Werthaltung" von etwas Existierendem, wie die Werthaltung des sittlich Vollkommenen oder des praktisch Nützlichen. Will man auch auf dieser Stufe die Eigentümlichkeit des Ästhetischen wahren und das ästhetische Gefallen von allen Formen der Werthaltung unterscheiden, so braucht man jedenfalls einen anderen Ausdruck, der das, was sowohl jenem als auch diesen gemeinsam ist, bezeichnet. Denn wenn auch die Zuwendung in verschiedenen Fällen verschieden bedingt ist und daher auch einen etwas modifizierteren Charakter trägt, so bleibt sie doch immer dieselbe Zuwendung, und der sprachliche Gebrauch hat daher nicht so unrecht, den Ausdruck Wert auch auf das ästhetische Gebiet anzuwenden.

Die Einigung in der Frage nach der Bedeutung des Wertbegriffs für die Ästhetik wird dadurch erschwert, daß man auf beiden Seiten statt von einer ästhetischen Betrachtung von einem ästhetischen Urteil ausgeht. Die erscheint mir als eine Nachwirkung der kantischen "Urteilskraft", in der die Ästhetik [ik_rhb] in einer Analyse des Geschmacksurteils besteht. Bei KANT war dieses Vorgehen bedingt durch sein allgemeines System, durch seine Kategorienlehre, durch die Bedeutung, welche er seinem Prinzip der Ableitung der reinen Verstandesbegriffe beilegte. Aber wie fruchtbar KANTs "systematischer Faktor" sich sonst gerade in der Ästhetik erwies, indem er dem Denken dieses ihm von Haus aus fremde Gebiet eröffnete, - darin zeigte sich wieder unorganische Ursprung der Ästhetik KANTs, daß er, was er als Eigentümlichkeit der ästhetischen Betrachtung erkannt hatte, nun auf das ästhetische Urteil übertrug und so die Herausdifferenzierung der Ästhetik, die er doch anstrebte, in der Formulierung wieder aufgab (1). Wenn KANT dem ästhetischen Urteil Eigenschaften beilegte, die eigentlich nur der ästhetischen Betrachtung zukommen, so faßt er das ästhetische Verhalten, da er es doch in seiner Eigentümlichkeit erkennen möchte, gerade von der Seite auf, an der es sich am wenigsten von den anderen Form des Verhaltens unterscheidet. Eine Folge dieser kantischen Problemstellung, die beim Bestreben, dem ästhetischen Verhalten in seiner Eigenart gerecht zu werden, doch von jenem Punkt dieses Verhaltens ausgeht, der am wenigsten eigenartig ist, vom Urteil über die Schönheit, ist es, wenn heute auf der einen Seite die Ästhetik ganz in die allgemeine Wertlehre eingereiht, auf der anderen Seite aber der Wertbegriff von der Ästhetik wiederum ganz ausgeschlossen wird.

Die beiden Forderungen, welche jede psychologische Ästhetik erfüllen muß, sind, dß das ästhetische Verhalten in seiner Eigentümlichkeit gefaßt wird, und ferner, daß sich aus dieser Auffassung eine Erklärung, eine Motivierung unseres Verweilens bei der ästhetischen Betätigung ergibt, denn eine unmotivierte menschliche Betätigung, eine Betätigung ohne Anreiz ist für den Psychologen ebenso undenkbar, wie für den Naturforscher eine körperliche Bewegung ohne die sie veranlassende Energie; ein "reines Spiel", als Tätigkeit ohne jedes Motiv, ohne Anreiz, ist ein metaphysischer Begriff, mit dem der Psychologe nichts anfangen kann. Und das ist es, was vom psychologischen Standpunkt aus gegen die formalistische Ästhetik eingewandt werden muß, daß sie keine von den beiden Forderungen erfüllt: das ästhetische Verhalten als mehr oder weniger bewußtes Erfassen gewisser Raum- und Zeitverhältnisse definierend, zeigt sie nicht, worin denn das Eigentümliche des ästhetischen Verhaltens besteht, das uns berechtigt, es vom theoretischen Verhalten zu unterscheiden, und sie erklärt nicht, worauf die selbsterhaltende Kraft des ästhetischen Verhaltens beruth, wodurch uns die ästhetische Betrachtung anzieht. Die Theorie vom unbewußten Erkennen ist in ihren verschiedenen Formulierungen nur ein unbefriedigender Kompromiß, wobei das ästhetische Verhalten zum Unterschied vom theoretisch-wissenschaftlichen wohl auf die Stimmung zurückgeführt, diese letztere aber aus denselben rationalistischen Prinzipien heraus erklärt wird, auf denen auch das wissenschaftliche Erkennen beruth. Der Begriff des "unbewußten Rechnens der Seele" ist schon in seinem Ursprung ein Notbehelf, um dem ästhetischen Eindruck mit seiner irrationalen Natur gerecht zu werden, ohne doch mit den rationalistischen Prinzipien der Ästhetik zu brechen. Jede Ästhetik, welche das Wesen des ästhetischen Verhaltens im bewußten oder unbewußten Erfassen von Formen sieht, bleibt auch die Antwort auf die andere Frage schuldig, was den Künstler zu seiner oft die Anspannung aller Kräfte verlangenden Tätigkeit festhält; denn das Ziel, das wir sonst bei jedem Erfassen von Gegebenem verfolgen, das Ziel der objektiven Erkenntnis der Wirklichkeit, fällt beim ästhetischen Verhalten, der ideellen Welt der Kunst gegenüber, fort.

Beide Lücken sucht die Einfühlungslehre auszufüllen, die heute in ähnlicher Weise der Anschauungslehre entgegentritt, wie früher die Inhalts- der Formästhetik, nur daß heute die alte Streitfrage nicht mehr metaphysisch, sondern psychologisch gefaßt wird: wann beginnt in jedem einzelnen Fall das spezifisch ästhetische Verhalten, ob bereits beim Erfassen der gegebenen Verhältnisse (A. HILDEBRAND, E. KALISCHER, im gewissen Sinne auch KONRAD LANGE - Verstehen dessen, was das Kunstwerk darstellt) oder erst beim Erfüllen des Erfaßten mit seelischem Inhalt, bei der Einfühlung. Und in analoger Weise setzt sich die Streitfrage fort innerhalb der Einfühlungsästhetik: das ästhetische Verhalten zwar nicht in objektiver Erkenntnis, sondern in Einfühlung bestehend, diese Einfühlung selbst aber beruhend auf unserer Kenntnis von den objektiven Lebensbedingungen und Lebensäußerungen des betrachteten Wesens (THEODOR LIPPS); oder aber das ästhetische Verhalten bestehend in der unmittelbaren gefühlsmäßigen Reaktion des Subjekts auf die gegebenen Formen, die durch ihre Analogie mit unseren Ausdrucksbewegungen direkt unser Gefühl affizieren; der eigentliche Inhalt der "ästhetischen Betrachtung" ist im letzteren Fall ein rein subjektives Erlebnis, dieses Erlebnis aber wird objektiviert in der betrachteten Form, die als Träger jenes Erlebnisses erscheint und die selbst so gut dem Fühllosen wie dem Fühlenden, dem Toten wie dem Lebendigen gehören kann. Diese letztere Theorie, die subjektiv gefaßte Einfühlungslehre, scheint mir am ehesten die oben präzisierten Forderungen zu erfüllen. Sie hebt als ästhetisch einen Akt hervor, der wesensverschieden ist von allen übrigen Lebensäußerungen des Menschen: das Verschmelzen des subjektiven Gefühls mit der objektiven Vorstellung (2), welche das Gefühl nicht bloß veranlaßt, sondern auch selbst verkörpert, dieses sich selbst in einem anderen Fühlen, dieses einzigartige Verwachsen von Subjekt und Objekt. Diese Auffassung erklärt auch, was uns bei der ästhetischen Betrachtung festhält, was den Künstler zum Schaffen und den Genießenden zur Betrachtung treibt; denn indem wir unsere eigene Gefühlsweise in den Gegenstand hineinfühlen, lebt sich das, was an Gefühlsmöglichkeiten in uns liegt und durch unsere individuelle Stellung im realen Leben nicht ausgelöst wird, aus, gelangen unsere potentiell vorhandenen, aber noch nicht ausgelösten und daher am meisten nach Auslösung verlangenden Gefühlskräfte zur Betätigungf. Dieses Sichausleben all der Gefühle, deren wir der Anlage nach fähig sind, denen aber bis jetzt zur Realisierung keine Gelegenheit geboten wurde, ist uns geradeso ein Bedürfnis, wie das Ausleben aller anderen in uns liegenden Kräfte, und die Lust, die wir daran empfinden, ist nichts anderes als die natürliche Selbstbehauptung, wie sie jedem Wesen eigen ist, die instinktive Bejahung des eigenen Selbst.

So ist es ein Analogon jenes Selbsterhaltungstriebes, der uns in allem Wirken und Leiden an das Leben kettet, was uns auch bei ästhetischer Betrachtung bzw. beim künstlerischen Schaffen festhält, ein verinnerlichter, verfeinerter, nach innen reflektierter Selbsterhaltungstrieb; denn nicht darauf kommt es beim ästhetischen Verhalten an, daß unser einzelnes individuelles Ich, wie es durch seine gegebene Stellung im realen Leben bestimmt ist, in seinem persönlichen Wohl gefördert wird, sondern darauf, daß wir in uns durch Einfühlung, wie in einem Spiegel, all das Wohl und all das Weh reflektieren, das ein Mensch überhaupt je erleben kann. Das Objekt, das diese Einfühlung veranlaßt hat, wird gesucht, nicht insofern es selbst in einer realen Beziehung steht zum betrachtenden Individuum, in dessen persönliche Lebensverhältnisse eingreifend, sondern nur insofern es als Symbol, auf das die Gefühle des Betrachters übertragen werden, jenes Selbstgefühl verkörpert. Wie alles, was von uns gesucht wird, eine Anziehungskraft auf uns ausübt, hat auch das Objekt der ästhetischen Betrachtung Wert für uns, aber nicht realen Wert, gleich demjenigen, was unser Dasein direkt bestimmt, sondern bloß symbolischen Wert, insofern es Veranlassung gibt, uns unseres eigenen Gefühlsreichtums bewußt zu werden. Die Linie, die ich betrachte, ist ansich in ihrem realen Dasein für mein persönliches Wohl gleichgültig, aber die Vorstellung, die sie in mir weckt, wird zum Träger eines Gefühls, das mich festhält. Das Objekt gewonnt Wert als Symbol eines subjektiven Vorgangs; eigentlich ist es dieser letztere, der Wert für uns hat, aber weil dieser subjektive Vorgang uns nicht anders zu Bewußtsein kommen kann als verkörpert, getragen von der Vorstellung des Objekts, geht jene Wertung durch eine natürliche Gefühlsassoziation auf das letztere über. Wir übertragen auf das Symbol den Wert des Symbolisierten; und zwar ist diese Übertragung keine willkürliche, auf einer zufälligen Verwechslung beruhende, wie wenn in religiöser Symbolik das abbildende Bild zur abgebildeten und angebeteten Gottheit wird, oder wenn der naive Zuschauer auf der Bühne "denselben Cäsar, der über Rom geherrscht hat", zu sehen meint, oder auch, wenn das spielende Kind am Stock geradeso hängt, als wenn es ein lebendiges Pferd wäre (3); bei diesen Formen der willkürlichen Symbolik haben das Symbol und das Symbolisierte jedes seine eigene Existenz für sich, und das eine wird in einem Moment für das andere genommen, um vielleicht im nächstfolgenden wieder davon unterschieden zu werden; die religiöse Ekstase oder die ungeschulte Phantasie bewirkt eine Jllusion, die bei ruhiger Betrachtung, als Irrtum erkannt, wieder verschwindet.

Von dieser auf Irrtum beruhenden, willkürlichen Symbolik ist die ästhetische Symbolik wesentlich verschieden: das Symbolisierte hat hier keine gesonderte Existenz neben dem Symbol; wir erleben den subjektiven Vorgang der Einfühlung nur an die Vorstellung der sie veranlassenden Formen gebunden; das Symbol und das Symbolisierte sind hier viel inniger als in allen anderen Fällen miteinander vereinigt. Es ist keine zu fällige Verwechslung mehr, sondern eine natürliche Verschmelzung, wenn wir den Wert, den für uns das Symbolisierte hat, auf das Symbol übertragen, denn wir können ohne das letztere auch das erstere nicht erleben, seiner nicht bewußt werden. Daher verschwindet die ästhetische Jllusion, wenn man da überhaupt noch von Jllusion sprechen darf, nicht, sobald man sich über ihre Natur Rechenschaft gibt, wie es bei der religiösen Jllusion des Bilderverehrers, der kindlichen Jllusion des seinen Stock für ein Pferd haltenden Knaben oder der "dramatischen Jllusion" des naiven Zuschauers der Fall ist, welcher denselben CÄSAR, der über Rom geherrscht hat, vor sich auf der Bühne zu sehen glaubt. Der fanatische Bilderverehrer, der spielende Knabe, der naive Zuschauer haben es nicht gern, wenn man sie daran erinnert, daß sie einen Stein, einen Stock, einen geschminkten Schauspieler vor sich haben; in all diesen Fällen wird die Jllusion durch die kritische Betrachtung wesentlich geschwächt. Die ästhetishe Einfühlung, die von jener "dramatischen Jllusion" wohl unterschieden werden muß, wird durch die Erkenntnis, daß wir es bloß mit einer einfachen Linie zu tun haben, auch nicht für einen vorübergehenden Augenblick aufgehoben.

Demnach ist es zwar in übertragener, symbolischer, aber doch kein geborgter, illusorischer, sondern ein eigener, wirklicher Wert, der dem Gegenstand der ästhetischen Betrachtung zukommt; ja sogar in einem gewissen Sinn, wenn wir ihn mit den nicht symbolischen, realen Werten vergleichen, derjenige Wert, der am ehesten den Namen Eigenwert verdient. Denn mit den letzteren, den realen Werten, läßt sich der ästhetische Wert - um so den Wert zu nennen, den wir durch Übertragung dem Gegenstand der ästhetischen Betrachtung beilegen - ebensowenig identifizieren, wie mit den eben angeführten illusorischen Werten; als symbolischer, aber doch nicht bloß illusorischer Wert hat er seinen Platz außerhalb der beiden Wertgruppen. Mit den realen Werten verglichen, kann der ästhetische Wert in dem Sinn Eigenwert genannt werden, daß hier der Wert schon in der Vorstellung des Objektes liegt, mit ihr gegeben ist daß das Objekt also nicht dadurch erst seinen Wert gewinnt, daß es zu etwas außerhalb der Objektvorstellung Stehendem in Beziehung gesetzt wird, wie dies bei den Gegenständen von realem Wert immer der Fall ist. Die letzteren werden in Beziehung gesetzt entweder zum betrachtenden Subjekt, dessen Bedürfnisse sie befriedigen - sie sind dann Mittel zum Zweck, mit dessen Erreichung sie ihren Wert verlieren, so die gut zubereitete Speise, wenn wir satt sind, so das Geld, wenn wir ohnehin schon haben, was wir brauchen -, oder aber, bei objektiven Werten, zu einer festen gegebenen Norm, wobei dann der Grad der Annäherung an diese gegebene, absolute Norm den Wert des Gegenstandes bestimmt. In manchen Fällen ist es vielleicht ansich ganz gleichgültig, ob jemand sagt, was er über einen bestimmten Punkt weiß oder nicht; vielleicht wären sogar alle besser daran, wenn er es nicht sagt; aber der Ethiker beurteilt nicht die Tat ansich, insofern sie als einzelne Tatsache mitsamt ihren Folgen wünschenswert ist, sondern indem er sie auf die allgemeine sittliche Norm bezieht, verurteilt er sie, als der Norm der Wahrhaftigkeit widersprechend.

Daß mit der ersten Gruppe von realen Werten verglichen, mit den relativen Werten also, die den Gegenständen zukommen, insofern diese Mittel zum Zweck sind, der ästhetische Wert ein Eigenwert ist, ist eine längst hervorgehobene und keines Beweises mehr bedürfende Tatsache; wohl aber dürfte noch darauf hingewiesen werden, daß auch die zweite Wertgruppe, daß die objektiven realen Werte nicht in dem Sinn Eigenwerte sind, wie die ästhetischen Werte. Wenn ich bei der Wahl einer Handlung mich von sittlichen Motiven leiten lasse, sie von einem sittlichen Standpunkt aus beurteile, ethisch werte, so bringe ich sie in Beziehung zu etwas für mich Feststehendem, das mir zur Norm dient und an dem ich jene Handlung messe. Was diese meine Norm ist, ob der Wille Gottes oder das Wohl der Menschheit oder die Entwicklung der menschlichen Gattung in ihren einzelnen Vertretern, das gilt gleich viel, aber irgendein ethisches Grundprinzip muß ich haben, das als etwas Gegebenes, Objektives für mich feststeht, woran ich die einzelne sittliche Handlung halten, was ich mir in jedem einzelnen Fall zum Maßstab nehmen könnte. Das ethische Werten geschieht immer im Hinblick auf die als höchste erkannte Norm, wie auch das sittliche Verhalten auf der Beziehung der einzelnen Willensakte zu dieser Norm beruth. Die sittliche Handlung hat ihren Wert zwar nicht als Mittel zu einem durch sie erreichbaren Zweck, aber sie hat ihn auch nicht ansich, sondern gewinnt ihn erst durch ihre Beziehung zu einer ansich wertvollen Norm. Es gibt daher wohl eine autonome, d. h. nicht durch äußere Macht erzwungene, sondern durch eigene Vernunft in ihrer Berechtigung erkannte Ethik, aber keine heautonome [selbstgesetzgeberische - wp] Ethik, keine Ethik, nach der wir selbst unser Selbstzweck wären, keine Ethik, deren Schwerpunkt in uns selbst läge; denn die Ethik setzt ein bewußtes Soll voraus, das meinem natürlichen Wollen als etwas Objektives, über mich Hinausweisendes gegenübertritt. Ich kann nicht mein eigener Gesetzgeber sein, ich kann mich zur Befolgung des Gesetzes erziehen, aber das Gesetz selbst muß mir von außen gegeben sein, oder ich muß zumindest glauben, daß es mir von außen gegeben ist. Wie eine absolute ethische Norm möglich ist, d. h. wie ein Gesetz, das unsere Vernunft aufstellt, uns als absolute, objektive Gegebenheit entgegentreten kann, das ist das letzte, wohl überhaupt unlösbare Problem der Ethik; Tatsache ist, daß ein sittliches Gesetz nur in der Form einer absoluten, objektiven Norm möglich ist, denn ich kann mich weder vor mir selbst noch vor etwas von mir Abhängendem beugen.

Anders verhält es sich mit der ästhetischen Wertung. Hier gibt es keine objektive Norm, auf die das Objekt bezogen würde; die Wertung beruth hier auf dem subjektiven Vorgang der Einfühlung mit der darin liegenden Selbstbejahung, die zur Bejahung des veranlassenden Objektes wird. Das Objekt wird ansich bejaht, ganz unabhängig von allen Beziehungen zu etwas außerhalb der Objektvorstellung; das Objekt hat seinen Wert nur als Spiegel, der uns unseren eigenen Wert reflektiert, wir bejahen uns im Spiegel des Objekts, und zwar nicht bloß insofern wir uns einer bewußten Norm entsprechend finden, sondern unbedingt und unmittelbar, so wie wir uns im Augenblick fühlen. Wir selbst sind so die Norm, unser Selbstgefühl ist der Maßstab, auf dem die Wertung des Objekts beruth, die Objektvorstellung wird um ihrer selbst willen bejaht, hat Eigenwert, ist Gegenstand einer wirklich heautonomen Wertung. Bei der ästhetischen Wertung, empfinden wir daher kein "Soll", wie bei der ethischen, keinen Zwang, keinen Zwiespalt zwischen dem, was wir ohne jedes Dazwischentreten der Reflexion, unmittelbar bejahen, und einer bewußten Norm, die uns vorschreibt, was wir zu bejahen haben. Im Gegensatz zum normativen Charakter der ethischen Wertung steht die Unmittelbarkeit der ästhetischen Beurteilung und deren Unabhängigkeit von allen bewußten ästhetischen Prinzipien. Zeigt man einem, daß seine allgemeine ethische Norm unhaltbar ist, so ist damit auch sein ethisches Einzelurteil hinfällig, denn es beruhte auf jener Norm: zerstört man einem, der seine Ethik auf Gottvertrauen aufgebaut hat, seinen Gottesglauben, überzeugt man einen, der immer das Wohl der Menschheit vor Augen gehabt hat, von der Nichtigkeit und Eitelkeit dieses Menschenwohls, so verlieren sie, bis sie sich eine neue Norm geschaffen haben, auch im täglichen Leben den sicheren Boden. Rüttelt man aber an den ästhetischen Theorien, die sich jemand aufgestellt hat, so wird er vielleicht theoretisch unsicher, das unmittelbare Urteil aber bei einzelnen ästhetischen Eindrücken wird dadurch wenig modifiziert; jeder, der sich mit ästhetischen Theorien befaßt, weiß aus eigener Erfahrung, wie wenig das unmittelbare Urteil auf diesem Gebiet von allgemeinen Theorien abhängt.

Der Ursprung der ästhetischen Wertung aus der Einfühlung bedingt aber nicht nur die Unmittelbarkeit des ästhetischen Urteils und seine Unabhängigkeit von allen normativen Prinzipien, sondern auch noch eine andere Eigentümlichkeit desselben: in der ästhetischen Einfühlung bejahe ich freilich mich selbst, aber nicht dieses individuelle Ich, wie es durch meine augenblickliche gegebene Lage bestimmt ist, nicht dieses einzelne Individuum mit seinen realen Bedürfnissen; ich abstrahiere vielmehr von allen meinen individuellen Lebensbedingungen, trete aus meiner individuellen Lebenssphäre heraus und bejahe nur, was an allgemeinen Menschenanlagen in mir liegt, mein "ideelles Ich". Daher trägt dieses Bejahen nicht den Charakter von persönlichem Genuß, wie das unmittelbare instinktive Bejahen von allem, was meinem individuellen Wohl zuträglich ist, sondern den von objektiver Wertung. An das instinktive Bejahen seines Selbst knüpft sich daher das natürliche Bedürnis, daß auch andere dieses Selbst mitbejahen. Der Genuß, wie die auf Genuß zielende praktische Schätzung, ist egoistisch: das ist mir als Individuum zuträglich, - wenn es anderen nicht zuträglich ist, umso besser für mich. Jede objektive Wertung aber, die ästhetische so gut wie die ethische, rechnet mit dem Urteil der anderen. Der sinnliche Selbsterhaltungstrieb ist befriedigt, so bald die gewünschte Wirkung auf meinen Organismus stattgefunden hat; die ideelle Selbstbejahung, auf der die ästhetische Wertung beruth, geht über die individuelle Zustimmung im subjektiven Zustand hinaus und fordert allgemeine Anerkennung, objektive Geltung.

Daher, durch die in der Einfühlung liegende Selbstbejahung bedingt, jene Eigentümlichkeit des ästhetischen Urteils, auf die KANT zum ersten Mal hingewiesen hat: neben der Unmittelbarkeit und Freiheit der ästhetischen Beurteilung die Forderung ihrer allgemeinen Gültigkeit und daher auch, auf der Seite des Künstlers, das Bedürfnis, die Art, wie er die Welt ästhetisch sieht und erlebt, auch anderen mitzuteilen, seine Gestalten nicht bloß selbst zu schauen, sondern sie auch anderen greifbar hinzustellen, nicht zu ruhen, bis er seine Konzeption auch äußerlich realisiert vor sich sieht.

So bringt es die Einfühlung nebst der in ihr liegenden Selbstbejahung mit sich, daß die ästhetische Wertung zwar nicht den normativen Charakter der ethischen Wertung hat, aber doch eine ebenso objektive Wertung ist wie diese. Weil die ästhetische Wertung auf Einfühlung beruth, ist sie objektiv und doch zugleich eine unmittelbare Wertung, und deshalb hat ihr Objekt seinen Wert weder vom Zweck, dem es dient, noch von der Norm, auf die es bezogen wird, sondern trägt ihn in sich selbst; es ist wertvoll, weder als Gegenstand des Genusses noch als Gegenstand einer normativen Beurteilung, sondern als ein in sich vollendetes und realisiertes Ideal. Jeder Gegenstand der ästhetischen Betrachtung trägt seinen Wert in sich selbst, er ist, sobald er jene Wirkung veranlaßt, welche wir die ästhetische nennen, in seiner Art vollkommen, er läßt keine Wertunterschiede zu; der ästhetischen Ideale sind unendlich viele, und zwar nicht nur für verschiedene, sondern für denselben Betrachter, der nacheinander die verschiedensten ästhetischen Eindrücke empfangen kann. Die ethische Norm hingegen ist jeweils in demselben Bewußtsein nur eine, und nach ihr werden alle ethischen Werte bemessen; eine Stufenreihe von Werten, deren Richtung die Norm angibt, deren letzte Stufe aber nirgends gegeben ist. Ein realisiertes sittliches Ideal wäre ein Widerspruch in sich selbst; denn auf sittlichem Gebiet liegt das Ideal in unendlicher Ferne, ist bloß eine Idee, während es auf ästhetischem Gebiet immer Wirklichkeit ist.

Die beiden Wertungsformen beruhen auf zwei entgegengesetzten Tendenzen im menschlichen Wesen; die eine davon - man könnte sie vielleicht bildlich die zentrifugale nennen - ist die Tendenz, alles was man tun und denken kann, was man erleben mag, jedes einzelne Erlebnis in eine Beziehung zu etwas anderem zu bringen, es als Mittel zu betrachten zu einem höheren Zweck, nachdem man einmal den Schwerpunkt aus sich hinausverlegt hat, immer über sich hinauszustreben, hinauszustreben über das augenblicklich Gegebene zu etwas anderem, das solange als Ziel betrachtet wird, bis es erreicht ist, um dann selbst herabzusinken zum Mittel; das ewige Streben nach dem Absoluten, das allem Wirklichen den Charakter der Relativität gibt. Und dem gegenüber steht die entgegengesetzte - zentripetale - Tendenz, alles Geschende auf sich selbst zu beziehen, nach dem Eindruck zu beurteilen, den man selbst davon bekommt, sich selbst, seine eigene Gefühlsart zum Richter, zum Maßstab der Welt machend, im Erlebnis, im Moment volle Befriedigung findend, im Wirklichen das Ideal erblickend.

Für jene erste Tendenz steht das Ich immer im Dienste eines Höheren, das gesucht wird, für diese letzte existiert alles nur, insofern es sich in diesem Ich spiegelt. Dort wird das augenblickliche Erlebnis nach seiner Bedeutung für die Ewigkeit gemessen, hier das Einzelerlebnis nach seinem selbständigen Wert geschätzt, so daß es vielleicht keiner anderen Ewigkeit mehr bedarf, als der im Einzelnen intensiv gelebten, vollgenossenen Augenblick enthaltenen. Jene erste Tendenz würde, einmal entfesselt, nie mehr zur Ruhe kommen, ein "wozu" würde immer das andere ablösen, ein Ziel dem anderen entfernteren weichen, wenn der Mensch nicht um seiner Selbsterhaltung willen seinem Streben willkürlich eine Grenze setzen würde, jene Bewegung, die er einmal begonnen hat und die sich selbst überlassen ins Unendliche gehen würde, an einem Punkt gewaltsam unterbräche und sich jeweils ein letztes Mal setzte, um in seinem unendlichen Streben einen festen Stützpunkt zu gewinnen.

Eine selbstgesetzte Grenze des ethischen Strebens ist also jenes sittliche Ideal, das kein natürliches Produkt der ethischen Grundtendenz des menschlichen Wesens ist, sondern vielmehr eine Übertragung der entgegengesetzten ästhetischen Tendenz auf das ethische Gebiet. Je ausgeprägter die ethische Anlage des Menschen, umso schwerer befriedigt ihn ein gegebenes festgesetztes Ideal, an dessen Stelle bei ihm eine bloß allgemeine Idee von sittlicher Vollkommenheit tritt; und so ist vielleicht der wirklich ethisch angelegte Mensch nicht der, welcher in einem festen unerschütterlichen Vertrauen sein Ideal unverwandt verfolgt, sondern der, welcher keines hat, weil ihm keines genügt, der im leidenschaftlichen Ringen nach einem Ideal sucht, ohne es zu finden. Bei der ästhetischen Wertung hingegen, bei der der Mensch nicht aus sich hinausstrebt, sich flieht, sondern in sich ruht, jeden Augenblick sein Endziel erreichend, weil er kein anderes Ziel außerhalb des momentanen Erlebnisses hat, ist das Ideal nicht bloß Idee, sondern Wirklichkeit: Ideal und Wirklichkeit decken sich miteinander. Daher auch die verschiedene Stellung des Menschen dem ethischen und dem ästhetischen Ideal gegenüber: das ethische oder auch das religiöse Ideal steht über dem Menschen, ihm ordnet sich der Mensch unter, indem er sich selbst danach schätzt, wie weit er von diesem Ideal entfernt ist; das ästhetische Ideal hat keinen anderen Wert als den Beifall des Menschen, es steht nicht über ihm, sondern neben ihm, besser in ihm (4); es übt keinen Zwang auf den Menschen aus, stellt keine Forderungen an ihn, wie das ethische Ideal, es verlangt nicht, daß man ihm gehorcht und folgt, es tritt dem Einzelnen nur entgegen, damit er Freude daran hat.

Daher das Gefühl der Freiheit dem Schönen gegenüber: da ist etwas Wertvolles, das unsere Zustimmung erweckt, ohne an uns seinerseits eine Forderung zu stellen. Auch auf ethischem Gebiet gibt es eine Freiheit, aber die sittliche Freiheit empfinden wir nicht dem ethischen Ideal gegenüber - diesem gegenüber sind wir nicht frei, sondern bestimmt; die sittliche Freiheit empfinden wir im Namen des Ideals dem gegenüber, was sich ihm entgegensetzt, den äußeren Umständen, den eigenen sinnlichen Trieben gegenüber. Und ferner: das Gefühl der ethischen Freiheit entsteht nur im Gegensatz, als Reaktion gegen das ebenfalls vorhandene Gefühl des äußeren und als solchen empfundenen Zwanges, es ist das negative Gefühl des sich nicht zwingen Lassens. Beim ästhetischen Verhalten fällt das Gefühl des Zwanges überhaupt fort: wir haben das Bewußtsein von etwas Wertvollem, ohne unseren Wert daran zu messen, denn es hat seinen Wert erst von uns bekommen; wir dürfen genießen, ohne uns durch den Genuß irgendwie zu verpflichten, wir sehen ein Ideal vor uns, ohne daß dadurch unsere Mängel, unsere Unvollkommenheiten zu Bewußtsein gebracht werden, denn dieses Ideal ist ein Spiegel unseres eigenen Inneren.
LITERATUR Anna Tumarkin, Ästhetisches Ideal und ethische Norm, Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Bd. 2, Stuttgart 1907
    Anmerkungen
    1) Ausführliches darüber in den Kant-Studien, Bd. 11, Seite 348f (Zur transzendentalen Methode der kantischen Ästhetik).
    2) vgl. HERMANN SIEBECK, "Über musikalische Einfühlung", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 127, Heft 1.
    3) vgl. HEINRICH GOMPERZ, "Über einige psychologische Voraussetzungen der naturalistischen Kunst", Beilage zur "Allgemeinen Zeitung" vom 14. und 15. Juli 1905.
    4) vgl. RUDOLF STECK, "Kultus und Kunstgenuß", Schweizerische Reformblätter, April 1902