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GILBERT WHITNEY CAMPBELL
Fiktives in der Lehre
von den Empfindungen

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"Der naive Realismus des täglichen Leben nimmt an, daß die Dinge im Wesentlichen unverändert bleiben und nur der Mensch in seiner Beziehung zu den Dingen sich ändert. Nun ist es uns im praktischen Leben oft gleichgültig, ob das, was unter besonderen Umständen vorhanden ist, unter anderen Umständen auch vorhanden ist oder nicht. Diese Gleichgültigkeit darf wohl den Gegenstand einer psychologischen Untersuchung bilden. Aber man treibt nicht Psychologie, solange man jede praktische Gleichgültigkeit einfach hinnimmt. Und solange man sie mit psychologischer Identität oder Konstanz verwechselt, geht man als Psychologe grundsätzlich in die Irre."

"Jeder Psychologe anerkennt grundsätzlich die Tatsache, daß die Zergliederung eines Gegebenen dieses unvermeidlich verändert. Es tritt etwas Neues hinzu. Aber zugleich geht regelmäßig etwas vorher Dagewesenes zugrunde."

"Jede Erfahrung ist eine mystische Erfahrung - mystisch in dem Sinne, daß nach der sorgfältigsten Analyse doch notwendig etwas übrig bleibt, was diese Erfahrung zu gerade dieser macht und von jeder anderen unterscheidet."


Kapitel III
Sind Fiktionen für die
Psychologie unentbehrlich?

Nach den vorstehenden Betrachtungen hat die Psychologie als eine rein empirische Wissenschaft die Aufgabe, das psychische Geschehen genau zu beschreiben und seine Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Hieraus ergibt sich von selbst, daß es wissenschaftlich unerlaubt ist, fiktive Gebilde so in die Psychologie einzuführen, als ob sie Tatsachen wären oder sein könnten.

Dementsprechend haben moderne Psychologen wiederholt gegen gewisse psychologische Theorien eingewendet, sie enthielten fingierte Elemente oder unerlaubte Voraussetzungen. So wirft z. B. WUNDT einer bestimmten Psychologie vor, daß "ihre logische Begründung keine voraussetzungslose ist." (81)

Wenn es möglich wäre, die Psychologie ohne Voraussetzungen zu begründen würde damit ein Seitenstück zu HEGELs "voraussetzungsloser" Logik geschaffen sein. Aber WUNDT schreibt an jener Stelle dem Wort "voraussetzungslos" keine absolute Bedeutung zu.

Fragen wir nunmehr nach dem Sinn, in dem eine "voraussetzungslose" Psychologie möglich ist.


§ 1. Die Voraussetzungen der Psychlogie

Die ersten Voraussetzungen, die zu erwähnen wären, sind so geläufig und von jedermann ohne weiteres anerkannt, daß ihre Aufzählung überflüssig erscheint. Jedenfalls genügt ihr Vorhandensein, um zu zeigen, daß die Rede von einer voraussetzungenslosen Psychologie keineswegs eindeutig ist.

Definieren wir Psychologie als Wissenschaft des psychischen Geschehens, so setzen wir damit zumindest zweierlei voraus:
    1. es gibt ein psychisches Geschehen;

    2. dieses Geschehen ist dem Psychologen wissenschaftlich erkennbar.
Diese beiden Voraussetzungen sagen nur, daß Psychologie als Wissenschaft möglich ist.

Die Aufgabe dieser Wissenschaft besteht darin, die Tatsachen des psychischen Geschehens genau zu beschreiben und seine Gesetzmäßigkeit festzustellen. Eine solche Aufgabe setzt voraus:
    1. es gibt Gesetzmäßigkeiten des psychischen Geschehens;

    2. (da die Psychologie sich nicht auf ein einziges Individuum beschränkt): alle bewußtseinsbegabten Individuen sind wesentlich den gleichen psychologischen Gesetzen unterworfen;

    3. (da wir vom psychischen Erleben eines jeden anderen nur durch dessen körperliche Bewegungen wissen): es gibt gesetzmäßige Beziehungen zwischen bestimmten körperlichen und bestimmten psychischen Vorgängen. (82)
Diese drei Voraussetzungen muß jede Psychologie anerkennen. Die Anzahl weiterer Voraussetzungen, die der Psychologe machen will, ist von seiner besonderen Auffassung der Psychologie als Wissenschaft abhängig. Diese Auffassung ist, wie diejenige der Philosophie, im allgemeinen durch einen von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten bedingt:
    1. entweder beginnt man mit der Erfahrung;

    2. oder man geht von einem anderen Standpunkt aus.
Aber der Begriff Erfahrung wird seinerseits recht verschieden gefaßt.

Oft ermahnt man die Psychologen, sich auf den naiv realistischen Standpunkt des vorwissenschaftlichen Denkens zu stellen. Danach herrscht von Haus aus eine Zwiespältigkeit in der Welt: das Seelische steht einer Welt der Wirklichkeit gegenüber, die von diesem Seelischen ganz unabhängig ist. Diese Wirklichkeit besitzt ansich gewisse Eigenschaften: die Dinge der Außenwelt sind groß oder klein, liegen nahe oder entfernt, sind farbig oder farblos usw. Beseelte Wesen können die Eigenschaften der Dinge wahrnehmen; aber die Dinge mit allen ihren wirklichen Eigenschaften existieren unabhängig von jedem erlebenden Bewußtsein. Von solchen naiven Voraussetzungen soll, so heißt es, der Psychologe ausgehen und nun festzustellen suchen, wieviel davon für ein wissenschaftliches Verständnis des psychischen Geschehens verwendbar ist.

Ohne Zweifel beginnen die meisten Psychologen ihre Arbeit auf eine ähnliche Weise. Solange sie aber mit jenem dogmatischen Dualismus an die Erscheinungen herantreten, beeinflußt das notwendig und von Grund auf ihre begrifflichen Ergebnisse. Noch aus der neuesten Zeit ließe sich durch zahlreiche Beispiele belegen, wie dadurch sogar die unmittelbare Beobachtung verfälscht wird. Unsere kritische Besprechung der verschiedenen begrifflichen Fasungen von "Empfindung" erläutert das auf Schritt und Tritt. Der naive Realismus des täglichen Leben nimmt an, daß die Dinge im Wesentlichen unverändert bleiben und nur der Mensch in seiner Beziehung zu den Dingen sich ändert. Nun ist es uns im praktischen Leben oft gleichgültig, ob das, was unter besonderen Umständen vorhanden ist, unter anderen Umständen auch vorhanden ist oder nicht. Diese Gleichgültigkeit darf wohl den Gegenstand einer psychologischen Untersuchung bilden. Aber man treibt nicht Psychologie, solange man jede praktische Gleichgültigkeit einfach hinnimmt. Und solange man sie mit psychologischer Identität oder Konstanz verwechselt, geht man als Psychologe grundsätzlich in die Irre. Praktisch irrelevante Verschiedenheiten dürfen natürlich für die Praxis außer Acht gelassen werden; dem Psychologen aber, der den Tatbestand des Erlebens beschreiben will, ist das keineswegs gestattet. EBBINGHAUS erscheint die Vernachlässigung der Verschiedenheiten als "ein ungemein verbreiteter Fehler allen psychologischen Theoretisierens." (83)

Der Psychologe hat vielmehr von seinen eigenen Erlebnissen als solchen auszugehen. Um sie zu beschreiben und zu vergleichen, bedarf er keiner Voraussetzungen physikalisch objektiver Art, weder hinsichtlich der äußeren Reize noch eines Nervensystems. Die Selbstbeobachtung bildet die Quelle wie die Kontrolle aller weiteren psychologischen Erwägungen. Alle psychologischen Begriffe gründen sich ursprünglich auf unmittelbar beobachtete eigene Erlebnisse und müssen immer darauf bezogen bleiben. Nur unter dieser Bedingung ist es gestattet, gegenwärtig nicht vorhandene psychische Tatbestände gedanklich zu erschließen.

Wir können daher die Auffassung WUNDTs zustimmen, wonach für die psychologische Beschreibung beispielsweise eine "normale" Empfdingung und eine Halluzination tatsächlich nicht verschieden sind. Für den Psychologen als solchen sind alle Empfindungen durchaus so beschaffen, wie sie erlebt werden. Die Scheidung ist normal und anormal, wie diejenigen zwischen wahr und falsch, dient anderen Zwecken als der reinen Beschreibung von Tatsachen.

Nun aber entsteht die Frage, was bedeutet der Ausdruck: die Empfindungen beschreiben, "wie sie erlebt werden". Heißt dies bloß: die anschaulichen Elemente eines Erlebnisses herausheben und bezeichnen? Sicherlih nicht. Wollte die psychologische Beschreibung sich darauf beschränken, so wäre ihre Aufgabe keineswegs gelöst. Es kommt nicht selten vor, daß jemand vergeblich versucht, von einem sonderbaren Erlebnis zu erzählen; vergeblich, nicht weil er das Ungewöhnliche nicht wirklich erlebt hätte, sondern weil eine passende Terminologie dafür noch nicht geschaffen ist. Man kann die Psychologie als die Wissenschaft vom unmittelbar Gegebenen bestimmen, muß dann aber dieses weit genug fassen, etwa wie STUMPF: "Unmittelbar gegeben nennen wir, was als Tatsache unmittelbar einleuchtet". (84)

Das Gegebene überhaupt des Psychologen besteht, möchten wir sagen, aus drei unterscheidbaren Faktoren: dem Anschaulichen; dem Unanschaulichen, das ebenso wie das Anschauliche Gegenstand der Selbstbeobachtung sein kann; und dem Vorausgesetzten, dessen Vorhandensein sich aufgrund früherer Erlebnisse und ihres erfahrbaren Zusammenhangs mit den gegenwärtigen beweisen läßt.

Zum Vorausgesetzten in diesem Sinne gehören die Wirkungen derjenigen Elemente, welche bei früheren Erlebnissen deutlich bemerkbar waren, jetzt aber nicht mehr bemerkbar sind, während doch die jetzt vorhandenen Erlebnisse nur durch die Wirksamkeit jener Elemente verständlich sind. Hierbei wird nichts vorausgesetzt, was nicht durch Erfahrungen verifizierbar wäre. In diesem Sinn sind die "Dispositionen", "Verschmelzungen" und "Assimilationen" WUNDTs Voraussetzungen eines jeden Erlebnisses.

Aber WUNDT und mehr noch andere Psychologen arbeiten nicht nur mit solchen Voraussetzungen, die durch die Erfahrung verifiziert worden sind oder verifiziert werden können, sondern auch mit rein fiktiven, d. h. unverifizierbaren Elementen, Prozessen und Gebilden. An der Stelle z. B., wo WUNDT versucht, die räumliche Anschauung des Gesichtssinns mit der des Tastsinns psychologisch in Einklang zu bringen, schreibt er:
    "Den Tasteindrücken entsprechen die Netzhauteindrücke, den Tastbewegungen die Augenbewegungen. Aber wie die Tasteindrücke eine lokale Bedeutung erst durch die mit ihnen verbundenen lokalen Färbungen der Empfindungen, die Lokalzeichen, gewinnen können, so wird das Ähnliche bei den Netzhauteindrücken vorauszusetzen sein." (85)
Folgendes weitere Beispiel erklärt sich von selbst:
    "Doch kann man bei farbigen Eindrücken im allgemeinen feststellen, daß sich in größeren Abständen vom Netzhautzentrum allmählich die Qualität der Empfindungen ändert, indem die Farben im indirekten Sehen teils ungesättigter, teils aber auch in einem qualitativ anderen Farbenton, z. B. gelb, wie orange, empfunden werden. Nun liegt freilich in diesen Eigentümlichkeiten kein strenger Beweis für die Existenz rein lokaler Unterschiede der Empfindungen, vollends von so feiner Abstufung, wie z. B. in der Netzhautmitte vorauszusetzen sind." (86)
Hier wie im Fall der durch Akkomodations[Anpassungs- | wp]bewegungen ausgelösten Empfindungen, welche "bei geringeren Tiefenverschiebungen ... sehr unsicher" sind (87), handelt es sich um Voraussetzungen, die mit einer speziellen, keineswegs gesicherten Hypothese stehen und fallen.

Wir sehen also, daß auch in der Psychologie die Forderung der Voraussetzungslosigkeit nur den Sinn haben darf, daß Voraussetzungen einer besonderen Art, nämlich unverifizierbare, nach Möglichkeit auszuschließen sind. Im vorhin herangezogenen Aufsatz wendet sich WUNDT gegen eine Begründung der Psychologie auf irgendwelchen metaphysischen Annahmen, weil sich nur ohne solche "eine unbefangene und voraussetzungslose Behandlung einer empirischen Wissenschaft ... durchführen läßt." (88)

Die Frage nach der Natur des Verhältnisses zwischen dem physiologischen Organismus und den psychischen Vorgängen darf in ihrer Allgemeinheit bei der Beschreibung des Psychischen dahingestellt bleiben. Aber die tatsächlichen Beziehungen zwischen psychischen und physiologischen Vorgängen darf der Psychologe keineswegs aus dem Auge verlieren. Besonders für die kausalgenetische Fragestellung muß er sie systematisch untersuchen. Wo die Kontinuität des psychischen Erlebens oder die Reihe der psychologischen Bedingungen Lücken zeigt, da kann die physiologische Untersuchung der weiteren psychologischen Forschung Richtungen weisen; ja unter Umständen kann es dienlich sein, aufgrund psychophysiologischer Einsichten psychologischer Zwischenglieder, die vorläufig nicht durch Beobachtung verfizierbar sind, anzunehmen. Aber niemals darf der Forscher die fiktive Natur solcher Annahmen außer Acht lassen.

Die Lehre vom psychophysischen Parallelismus z. B. ist ein fiktives Hilfsprinzip, und es ist durchaus möglich, daß sie aus der wissenschaftlichen Psychologie ausgeschaltet werden wird. (89) Noch wahrscheinlicher ist dies für andere weniger durchgreifende Fiktionen: die Zurückführung aller Bewußtseinserscheinungen auf unbewußte Elemente oder Vorgänge; die Behauptung, daß alle Erlebnisse aus einfachen Empfindungen und einfachen Gefühlen zusammengesetzt oder aus solchen entstanden sind, - solche Annahmen widerstreiten den gesicherten Ergebnissen der Beobachtung und deren induktiver Vergleichung.

Ein lehrreiches Beispiel rein wissenschaftlich psychologischer Theoriebildung ist die schon erwähnte Lehre KRUEGERs vom Bewußtsein der Konsonanz. Systematische, experimentelle Beobachtung und Vergleichung führten ihn zu der Hypothese, daß "das primär Bestimmende der Konsonanz und Dissonanz in gewissen wahrnehmbaren Eigenschaften und Verhältnissen der Differenztöne gelegen ist". (90) Und diese Hypothese hat er dann durch gesicherte Tatsachen nahezu vollständig verifiziert. Sie greift nicht, wie physiologische Hypothese STUMPFs, in eine andere, unvergleichbare Sphäre der Wirklichkeit hinüber, noch führt sie, wie diejenige von LIPPS, in die Finsternis des Unbewußten. Sofern KRUEGERs Theorie mit Teilinhalten des Bewußtseins arbeitet, die der unmittelbaren Beobachtung noch nicht zugänglich sind (wie gewisse Differenztöne 5. oder 6. Ordnung oder die nahe benachbarten Teiltöne, aus denen ein beobachteter Zwischenton resultiert) - insofern gilt jeweils von den hypothetischen Elementen, daß "es ihnen nur an den Bedingungen fehlt, gleich den anderen aufgefaßt zu werden." (91)

Aus den vorstehenden Erörterungen ergibt sich eine, obwohl nicht die endgültige Antwort auf die Frage, die wir am Anfang dieses Abschnittes stellen. Wir müssen danach in der neuesten Psychologie sich bahnbrechenden Tendenz entschieden beipflichten, die alle theoretischen Begriffe möglichst ausschließlich aus unmittelbar beobachteten Erlebnissen ableitet. Hypothesen und Voraussetzungen hält sie nur insofern für wissenschaftlich berechtigt, als dadurch aus verglichenen Beobachtungen erschlossene und durch Beobachtung verifizierbare Wirkungszusammenhänge zwischen wirklichen Erlebnissen und Erlebnisteilen zum Ausdruck gelangen. In diesem Sinn hat das Ideal einer voraussetzungslosen Psychologie eine positive Bedeutung.

Wir wollen nunmehr das Verfahren der rein empirischen Psychologie noch genauer ins Auge fasen, indem wir einige ihrer neueren Ergebnisse prüfen. Auf diese Weise hoffen wir, ein bestimmteres und fester begründetes Urteil über den Gebrauch von Fiktionen in unserer Wissenschaft zu gewinnen.


§ 2. Die wissenschaftlich empirische Psychologie
sucht Erlebnisse, genauso zu beschreiben,
wie sie erlebt werden.

Uralt sind die Versuche, das Tun und Lassen der Menschen auch nach seiner seelischen Seite hin mit Worten darzustellen. Aber erst die neuere Zeit stellte sich die Aufgabe, das seelische Geschehen möglichst vollständig und zugleich möglichst einheitlich zu beschreiben (92). Diese Aufgabe schließt das begriffliche Herausarbeiten von empirischen Regelmäßigkeiten und Funktionszusammenhängen ein. Die wissenschaftlich empirische Seelenforschung der Gegenwart stellt in Vielen eine Reaktion dar, gegen die klassische Assoziationslehre der großen englischen Philosophen.

Diese Assoziationspsychologie des 17. und 18. Jahrhunderts suchte das seelische Leben dadurch zu erklären, daß sie es auf eine möglichst kleine Zahl von ganz bestimmten, unveränderlichen, einfachen Elementen (das sind die fiktiven "simple ideas") zurückführte. Die Erklärung wollte zeigen, wie sich aus den verschiedenen ursächlichen Kombinationen dieser einfacheren Elemente alle komplizierteren Vorgänge zusammensetzen und auch genetisch entstehen. Die modernen Begriffe der Empfindungen als konstante, reine, einfache usw. Elemente, deren wichtigste wir kritisch besprochen haben, sind Nachklänge jener englischen Ideenmechanik.

Wissenschaftlich empirische Psychologie des Menschen ist dagegen eine
    "Darstellung der in jedem entwickelten menschlichen Seelenleben gleichförmig auftretenden Bestandteile und Zusammenhänge, wie sie in einem Zusammenhang verbunden sind, der nicht hinzugedacht oder erschlossen, sondern erlebt ist." (93)
Sie geht von der Tatsache aus, daß alle der Beobachtung zugänglichen Erlebnisse des Menschen zusammengesetzter Natur sind, d. h. eine Mehrheit konkreter Teilbestände zu unterscheiden gestatten; daß aber andererseits diese Teile jeweils nur innerhalb des konkreten Zusammenhangs eines Erlebnisganzen gegeben sind. Diese Teile und ihre Zusammenhänge, einschließlich der besonderen Eigenschaften des jeweiligen Ganzen, gilt es so vollständig und so einheitlich wie möglich vorurteilslos zu beschreiben.

HANS CORNELIUS beschränkt die Aufgabe der wissenschaftlichen Psychologie auf eine möglichst vollständige und einfache Beschreibung. (94) Damit wird zugleich allen berechtigten Forderungen einer psychologischen Erklärung Genüge geleistet. Aber diese methodologische Bestimmung ist unvollständig und zugleich mehrdeutig. Unsere Untersuchung der psychologischen Fiktionen zeigt, wie dadurch Verwirrung entsteht, daß man zwei wesentlich verschiedene Betrachtungsweisen nicht auseinanderhält, nämlich die genetische Erklärung und die wissenschaftliche Analyse des unmittelbar Gegebenen. Die genetische Erklärung hat es ausschließlich mit einer Analyse gewisser Bedingungen des psychischen Geschehens zu tun. Die wissenschaftliche Beschreibung aber muß davon ausgehen, gegenwärtige Erlebnisse in ihrer Ganzheit vergleichend zu bestimmen; und von da aus muß sie fortschreiten zu einer Zerlegung dieser gegenwärtigen Erlebnisse in ihre unterscheidbaren konkreten Bestandteile. (95)

CORNELIUS fordert eine "vereinfachte" Beschreibung der Tatsachen. Dagegen zeigen auch unsere Untersuchungen, daß das Streben nach "Einfachheit" der Beschreibung vielfach dazu verführt hat, wichtige Eigenschaften des Erlebnisganzen, seiner Teile und Zusammenhänge zu vernachlässigen. Die Aufgabe einer jeden wissenschaftlichen empirischen Psychologie finden wir genauer bestimmt, wenn KRUEGER seine besonderen Untersuchungen von vornherein das Ziel setzt (96):
    "Die psychologische Aufgabe ist, diese Tatsachen erschöpfend und möglichst einfach (97) zu beschreiben; worin die Forderung eingeschlossen ist, sie in den Zusammenhang der übrigen Bewußtseinserscheinungen möglichst vollständig einzuordnen."
Diese Aufgabe ist nicht leicht zu lösen. Die "fringes", wie JAMES die Tatsache nennt, daß jeder deutlich bemerkte Erlebnisteil mit zahllosen unbemerkten Elementen verknüpft ist, sind so mannigfach verwoben, daß es bisher noch vielfach unmöglich war, ihr Vorhandensein, geschweige denn ihre Zusammenhänge, genau festzustellen. Nur das entwickelte Bewußtsein ist einer methodisch hinreichenden Selbstbeobachtung fähig. Und hier können wir in vielen Fällen eine vollständige beschreibende Zerlegung der Erlebnisse in ihre konkreten Bestandteile nur auf dem Umweg erreichen, und zwar über eine genetisch vergleichende Analyse ihrer Vorgeschichte, sofern diese das gegenwärtige Erleben bedingt. Aber immer müssen wir uns bewußt bleiben, ob wir bloß gegenwärtig Unterscheidbares zergliedernd beschreiben oder ob wir Bedingungen des Gegenwärtigen begrifflich denken. Niemals dürfen wir uns über die Unvollständigkeit unserer beschreibenden Analysen hinwegtäuschen, daß wir hypothetische Bedingungen als Bestandteile in ein gegenwärtiges Erlebnis fingierend hineinverlegen. In dieser Hinsicht ist ein vorsichtiger Ausspruch DILTHEYs lehrreich:
    "Man gehe in dieser Zergliederung soweit wie möglich, man lasse das, was der Zergliederung widersteht, sehen wie es ist, man gebe von dem, dessen Zusammensetzung wir tiefer durchblicken können, die Erklärung seiner Entstehung, jedoch mit Angabe des Grades von Gewißheit, die dieser Erklärung zukommt." (98)
Beim jugendlichen Alter der rein wissenschaftlichen Psychologie kann es gar nicht anders sein, als daß in den meisten Fällen unsere Analyse sowohl der Bestandteile als auch der Bedingungen noch unvollständig ist. WILLIAM JAMES hat gerade dadurch tiefe psychologische Einsichten gewonnen oder vorbereitet, daß er meistens auf eine vollständige Analyse grundsätzlich verzichtete (99) und seine volle Kraft darauf verwendete, ausgewählte Komplexe oder Beziehungen als solche genau zu beschreiben. Das Sichbeschränken auf die reine Beschreibung ist nur dann dem Fortschritt der psychologischen Erkenntnis hinderlich, wenn man vorzeitig oder gar ohne es zu bemerken, die unvermeidlichen Lücken der Beschreibung durch fiktive Gebilde des Denkens ausfüllt.


A. Die Betrachtung eines Versuches, rein
beschreibende Psychologie mit erklärenden
Hilfsmitteln zu treiben.

Nicht selten wird der Versuch einer psychologischen Beschreibung dadurch irregeführt, daß er sich von vornherein auf gewisse Seiten der in Frage stehenden psychischen Tatbestände beschränkt und dabei natürliche, nie fehlende Zusammenhänge des Erlebens zerreißt. Solcher unfruchtbaren Einseitigkeit des Beschreibens liegen jederzeit theoretische Vorurteile zugrunde. Hierfür kann ein Teil der schon genannten Untersuchungen HOFMANNs als Beispiel dienen.

Seine Arbeit enthält wertvolle Beiträge zur Kritik der herrschenden Empfindungsbegriffe. Sie geht nun - unter dem starken Einfluß EDMUND HUSSERLs - über jene kritische Aufgabe hinaus zur positiven Bestimmung gewisser Grundbegriffe für die Lehre von der . Selbstverständlich muß jeder wissenschaftliche Arbeiter seine Fragestellung und das Tatsachengebiet seiner Forschung beschränken. Aber von den hier ungelöst bleibenden Schwierigkeiten sind viele erst durch solche willkürliche Beschränkungen entstanden.

HOFMANNs "Augenmerk ist auf das Gesehene selbst gerichtet". Er ist dabei der Meinung, daß
Er knüpft seine Überlegungen an den HERINGschen Begriff des "Sehdings" an und sucht selbständig den Unterschied zwischen dem "wirklichen Ding" und dem "Sehding" festzustellen. Er fragt nach den "rein sinnlich visuell wahrnehmbaren Unterscheidungsmerkmalen" und nachdem er einige vorläufige Bestimmungen der beiden Begriffe gegeben hat, versucht er den Begriff des "Sehdings" "noch ins Einzelne zu verfolgen".

Was ist die Sehgröße eines Dinges? Am Horizont sieht der Mond größer aus, als wenn er höher steht.
    "Die Menschen, die wir von einem hohen Turm herab sich in den Straßen tummeln sehen, kommen uns nicht größer als Puppen vor (101). Was ist die Größe? Tatsache ist, daß wir eine unter allen ansich möglichen Sehgrößen als die natürliche Größe anzunehmen pflegen. Individuelle Differenzen spielen eine Rolle. Man kann nur eine Zone innerhalb deren der Gegenstand in seiner natürliche Größe erscheint", bestimmen.
Hier führt HOFMANN den Begriff der "eigentlichen" Größe ein. Diese Größe ist ein Denkgebilde, das aus einer Anzahl von Sehdinggrößen konstruiert ist. Bei kleinen Gegenständen decken sich "eigentliche" und "natürliche" Größe.
    "Man könnte freilich bei den kleinen Gegenständen auch noch ein Vergrößerungsglas zu Hilfe nehmen, sich die einzelnen Teile derselben in der Vergrößerung ansehen und dann in Gedanken die gesehenen Teilgrößen zu einem Gesamtding zusammensetzen."
Aber dann bekommt man eine "Vergrößerung" des Gegenstandes. Hier, wie anderswo, setzt HOFMANN stillschweigend die Kenntnis einer "wirklichen" (objektiven) Größe voraus.

Am Ende seiner Betrachtung der Sehdinggröße bemerkt HOFMANN,
    "daß sich die beiden ... (natürliche und eigentliche) ... Sehdinggrößen ... unserem Gedächtnis einprägen und so gleichsam den absoluten Größenvergleichspunkt abgeben für alle Sehdinge, in denen uns sonst die Gegenstände erscheinen." (102)
An dieser letzten Einsicht scheitert der ganze Versuch, eine reine Deskription ausschließlich des visuell Erfaßten und Erfaßbaren zu geben; denn das Gedächtnis hält die Daten der verschiedenen Sinne gar nicht scharf auseinander. Tatsache ist, daß unsere Maßstäbe aus dem ganzen Erfahrungsgebiet herstammen, und es ist wichtig, zu beachten, daß die Auswahl hauptsächlich von praktischen Zwecken abhängig ist. Rein psychologisch gesprochen sind alle wahrgenommenen Größen natürliche Größen. Zuweilen sieht HOFMANN selbst denselben Gegenstand bei etwa 30-40 cm Entfernung und zuweilen bei 20-25 cm Entfernung in seiner "natürlichen" Größe.

Die "natürliche Sehgestalt" ist für HOFMANN schließlich diejenige, welche die Dinge bei der "gewöhnlichen", "natürlichen", "normalen", "mehr oder weniger willkürlich festgelegten", unter günstigen Beleuchtungsverhältnissen ausgeführten Betrachtungsweise zeigen. Zweifellos muß, wie er selbst sagt, "ein so bestimmter Begriff eine gewisse Schwankungsbreite haben". In einer Anmerkung macht er darauf aufmerksam, daß HUSSERL im Zusammenhang hiermit "den Einfluß des Interesses nach Sinn und Funktion" ausführlich behandelt hat. (103)

Er bemüht sich weiter, zu zeigen, daß ein wirkliches Ding mit einem Sehding nicht identisch ist. Es ist selbstverständlich, daß zwei Dinge verschieden sind, oder daß ein Ding von verschiedenen Gesichtspunkte aus betrachtet werden kann, als ob es zwei - (und meiner Meinung nach sind es zwei) - verschiedene Dinge wären, und um diese Verschiedenheiten auszudrücken, braucht man verschiedene Begriffe. In einem bestimmten Fall kann man den Unterschied beschreiben, wenn man die Zwecke, welche der Begriffsbestimmung zugrunde liegen, kennt. HOFMANN scheint tatsächlich darauf auszugehen, eine Formel für alle des rein sinnlichen Sehens ohne Rücksicht auf andere psychische Faktoren aufzustellen. Wenn man dagegen das jeweilige Gesamterlebnis in Betracht zieht, kann man den allgemeinen Zusammenhang nicht verkennen, daß in einem bestimmten Fall jeder nur das zu "sehen" pflegt, woran ihm praktisch gelegen ist.

Die Fiktion eines isolierten Sinngebietes ist ebenso ungeeignet, tatsächliche psychologische Erkenntnis zu liefern, wie die von CONDILLACs Statue (104). Jedenfalls gehört eine solche Fiktion nicht in die beschreibende Psychologie.

HOFMANN hält fest am Begriff der reinen Empfindung als einer Tatsache der Erfahrung. Von den plastisch dreidimensionalen Eigenschaften der Dinge sagt er: Wir sehen (sie)
    "mit derselben Deutlichkeit und sinnenfälligen Anschaulichkeit mit der wir das Nebeneinander zweier Farben sehen. ... die reine Deskription wird nicht umhin können zu sagen, daß das eine genau so sinnlich-anschaulich ist wie das andere." (105)
Alle anderen psychischen Faktoren der plastischen Auffassung (die doch großenteils experimentell ganz sichergestellt sind) bleiben hier geflissentlich außer Betracht. Aber diese Beschränkung auf das "sinnliche Sehen" läßt sich nur dann scheinbar durchführen, wenn man in die wirklichen Erlebnisse eben diejenige "reine Empfindung" dogmatisch hineinverlegt, die HOFMANN selbst früher als einen Grenzbegrif bezeichnet hat.


B. Die "Komplex-Qualitäten", die einem
Erlebnis als Ganzem zugehören,
dürfen nicht vernachlässigt werden.

Die Psychologie hat vor den anderen Naturwissenschaften (106) einen großen Vorteil voraus. Jene bedürfen stets rein begrifflicher Hilfskonstruktionen, um die von ihnen gesuchte Einheit aus dem Tatsachenmaterial herauszuarbeiten. Der Psychologe dagegen findet Einheit als etwas unmittelbar Gegebenes vor. (107) Nichts ist wirklicher, als das psychisch zusammenhangsvolle, geordnete Erleben. Schon die beschreibende Psychologie hat erlebte Zusammenhänge und Ordnungsformen vergleichend darzustellen.

Dabei muß sie es sorgfältig vermeiden, Teilmomente des Erlebens willkürlich voneinander zu trennen oder als konstant zu hypostasieren [vergegenständlichen - wp]. Niemals darf sie den Prozeßcharakter allen psychischen Geschehens aus dem Auge verlieren. Das war es, was WILLIAM JAMES mit seinem Begriff "stream of thought" betonen wollte. Anstatt durch fiktive Annahmen, wie "reine" oder "konstante" Empfindungen, das unmittelbar Gegebene zu zersplittern und scheinbar vereinfachend zu reduzieren, muß der Psychologe vor allem die komplexe Ganzheit dieses Gegebenen beobachten und vergleichend beschreiben. Die moderne wissenschaftlich empirische Seelenforschung bewegt sich offenbar in dieser Richtung. Mehr und mehr ersetzt sie die alten Elementbegriffe durch die voraussetzungslosere Bestimmung von Seiten, Zusammenhangsformen oder "Momenten" des Bewußtseins. Solche Momente sind z. B. Bekanntheitsqualität, Verschmelzung, subjektive Sicherheit beim Urteil, innere Einstellung.

In seinen mehrfach erwähnten Untersuchungen über das Konsonanzbewußtsein hat KRUEGER weitgehende und einheitliche Gesetzmäßigkeiten des Geschehens nur dadurch feststellen können, daß er alle scheinbaren Erklärungen zunächst auf sich beruhen ließ und vielmehr eine große Anzahl konkreter Tonerlebnisse wiederholt beobachtete, vielseitig miteinander verglich und so vollständig wie möglich beschrieb. Auf diese Weise gelang es ihm sogar, anschauliche Eigenschaften und Teile dieser Erlebnisse neu zu entdecken.

Was an unserem seelischen Erleben "unanschaulich" ist, entzieht sich besonders leicht einer voreilig "erklärenden" Elementenpsychologie. In dieser Richtung haben namentlich die Untersuchungen von ACH, MARBE, KÜLPE und seinen Schülern einer rein wissenschaftlich empirischen Theorie des Geschehens vorgearbeitet.

MESSERs "Experimentell-psychologische Untersuchung über das Denken" (108) stimmen methodisch mit denen der genannten Forscher, sowie mit Ergebnissen von LIPPS und HUSSERL in vielem überein.
    "Unser Verfahren", sagt Messer, "bestand nun darin, daß die Versuchsperson instruiert war, sofort nach dem Aussprechen des Reaktionswortes alles zu Protokoll zu geben, was sie vom Erscheinen des Reizwertes bis zum Reagieren erlebt hat." (109)
In einer großen Anzahl der Fälle waren die Reaktionen im letzten Grund durch die "Bewußtseinslage" bestimmt. Dieser Begriff, der von MARBE eingeführt ist, bezeichnet
    "Bewußtseinstatsachen, deren Inhalte sich einer näheren Charakterisierung entweder ganz entziehen oder doch schwer zugänglich erweisen".
MESSER versteht darunter in Übereinstimmung mit ACHs "Bewußtheiten" das Erlebnis eines "unanschaulichen Wissens",
    "das nicht durch visuelle, akustische, kinästhetische Empfindungen oder Erinnerungsbilder gegeben ist, wobei jedoch die Versuchsperson im unmittelbar folgenden Zeitpunkt angeben kann, welcher Wissensinhalt gegenwärtig war." (110)
MESSER fand in solchen Fällen, daß gewisse Denkerlebnisse den Klassen des Begrifflichen oder des gegenständlichen Denkens gar nicht untergeordnet werden können,
    "daß es nämlich auf die Auffassung, die Meinung des Denkenden ankommt, ob etwas begrifflich oder gegenständlich gedacht ist und daß mithin die jeweilige Aufgabe wesentlich in Betracht kommt." (111)
Das "Aufgabe"-Bewußtsein erwies sich diesem wie anderen modernen Forschern als ein wesentlich bestimmtes Moment des konreten seelischen Geschehens. "Die Aufgabe ist es, die dabei der Betätigung des Subjekts die Richtung und das Ziel gibt." (112) Eine solche Aufgabe bezieht sich etwa auf den sinnvollen Zusammenhang der Reaktionswörter mit den Reizwörtern. Ist die Aufgabe einmal gestellt und von den Versuchspersonen erfaßt, so reagieren sie hinfort auf die entsprechende sinnvolle Weise, auch wenn sie angewiesen sind, jenen Zusammenhang nicht ausdrücklich zu beachten. Die hier ins Spiel tretenden Formen des Aufgabebewußtseins, allgemein gesagt: der inneren Einstellung, sind psychologisch nahe mit den Gefühlen verwandt. So gelangt MESSER in seinen 14 Versuchsreihen dazu, mehr als 70 Arten von Gefühlen deskriptiv zu unterscheiden. Wir können an dieser Stelle nicht in die Einzelheiten der modernen Erforschung des Denkens eintreten. Methodisch ist das Wesentliche daran, daß man nicht vorzeitig und einseitig aus dem Gegebenen gewisse, überall vorausgesetzte "Elemente" heraushebt; daß man vielmehr zu allererst das Ganze eines jeden Erlebnisses möglichst genau zu beschreiben sucht. Die Ergebnisse weichen notwendig weiter als die der sensualistischen Assoziationslehren von den Ansichten der Vulgärpsychologie ab.

Erst auf diese Weise ist es gelungen, mit der alten Einsicht vom ununterbrochenen Fluß des psychischen Geschehens Ernst zu machen. So bestimmt sich auch die Tatsache genauer, die jeder Psychologe grundsätzlich anerkennt: daß die Zergliederung eines Gegebenen dieses unvermeidlich verändert. Es tritt etwas Neues hinzu. Aber zugleich geht regelmäßig etwas vorher Dagewesenes zugrunde. Treten aus einem Gesamteindruck einzelne Bestandteile gesondert hervor so werden sie qualitativ anders erlebt als innerhalb jenes Komplexes. Und in demselben Maß treten die dem Komplex als solchem eigentümlichen Qualitäten zurück. Jedes konkrete Gesamterlebnis besitzt solche nur ihm eigentümlichen Qualitäten, sei es auch nur der Stempel der Gegenwart, welcher einem jeden eine "unnachahmlich" und "nie zu wiederholende" Individualität verleiht.

CORNELIUS (113) und insbesondere KRUEGER (114) haben wiederholt dargelegt, wie die psychologische Erklärung unnötig erschwert oder irregeführt, ja die Beschreibung verfälscht wird, wenn man das Eigentümliche, durchaus Wirkliche unbeachtet läßt, das jedem unserer Erlebnisse als einem Ganzen zukommt. Der von KRUEGER vorgeschlagene kurze Ausdruck "Komplexqualität" besagt nichts anderes, als daß "alle Komplexe ihre besonderen Eigenschaften über die Eigenschaften ihrer Teile hinaus haben." (115)

"Komplexqualitäten" höherer Ordnung liegen beispielsweise wesentlich dem religiösen Leben zugrunde. Diejenigen, die die Echtheit der religiösen Erfahrung leugnen, glauben das Eigentümlich dieser Erlebnisweise vernichtet zu haben, indem sie zeigen, daß ihre Elemente nicht anders beschaffen sind, als diejenigen der gewöhnlichen Erfahrung. Auch die Gläubigen haben immer zugeben müssen, daß eine "Elementaranalyse" ihrer heiligsten Erlebnisse keine besonderen oder außerordentlichen Elemente enthüllen kann. Und doch haben sie mit Recht daran festgehalten, daß eine Erfahrung, die aus der bloßen Summe der durch Analyse herausgelösten Empfindungen, Gefühle und Vorstellungen zusammengesetzt wird, keineswegs der religiösen Erfahrung ähnlich sein kann. Nicht von jedem brennenden Dornbusch strahlt ein Gebot Gottes aus; (116) nicht ein jedes Heer findet sich um eines einzigen Diebstahls willen seiner ganzen Macht beraubt. (117) Das Einzigartige der religiösen Erfahrung beruth auf den Besonderheiten der darin erlebten "Komplexqualitäten". In seinem bahnbrechenden Buch "Varieties of Religious Experience" beachtet WILLIAM JAMES viel zu wenig die konkreten Zusammenhänge und Komplexionsformen, wodurch allein die von ihm hervorgehobenenn Bestandteil zu einem religiösen Bewußtsein werden. Die physiologischen Wirkungen und auch die psychologischen, insbesondere die anschaulichen Elemente der Erfahrungen, können wohl als ähnlich oder gleichartig einem Betrunkenen wie einem Heiligen zugeschrieben werden. Aber das Erlebnisganze wird ein unbefangener psychologischer Blick schwerlich verwechseln.

Insofern sagt ROYCE mit Recht: "Jede Erfahrung ist eine mystische Erfahrung" - "mystisch" in dem Sinne, daß nach der sorgfältigsten Analyse doch notwendig etwas übrig bleibt, was diese Erfahrung zu gerade dieser macht und von jeder anderen unterscheidet. (118)

EHRENFELS meint, daß mehr als die Hälfte aller im gewöhnlichen Leben verwendeten Begriffe psychologisch zur Kategorie der "Gestaltqualitäten" gehört (119).

Was man "Persönlichkeit" nennt, ist nur zu verstehen durch eine genetische Untersuchung der spezifischen Eigenschaften hoch zusammengesetzter Komplexe - in ihrer Beziehung zum Gefühls- (120) und Willensleben.


§ 3. Vergleichende Beschreibung psychischer
Komplexe muß die Grundlage aller
wissenschaftlichen Psychologie bilden.

Meine Kritik der herrschenden Empfindungstheorien hat uns zu dem positiven Ergebnis geführt, daß das psychische Geschehen wesentlich durch die besonderen Eigenschaften charakterisiert ist, die den unmittelbar erlebten Komplexen als solchen zukommen. Diese Grundtatsache der seelischen Wirklichkeit wird verfälscht oder bis zur Unerkennbarkeit verdunkelt, wenn der Psychologe die von jenen verschiedenen Empfindungstheorien angesetzten fiktiven Empfindungselemente hypostasierend [einer Vorstellung gegenständliche Realität unterschieben - wp] als Tatsachen darstellt. In dem Maße, indem er "Empfindungen" als dinghafte Konstanten verabsolutiert, versperrt er sich den Weg zu einer streng erfahrungswissenschaftlichen Theorie des Seelischen. Alle seelischen Vorgänge sind Lebensvorgänge. Sie können nicht vollständig beschrieben, geschweige denn in ihrer gesetzmäßigen Notwendigkeit erkannt werden, wenn man sie aus jenen fiktiven "Elementen" als restlos zusammengesetzt denkt. Das ist ebenso undurchführbar und ebenso irreführend, wie der gedankliche Aufbau des körperlichen Lebens aus physikalischen Atomen.

Wie der Biologe, so hat erst recht der Seelenforscher wissenschaftlicherweise damit zu beginnen, daß er die jederzeit hoch zusammengesetzten Tatbestände so hinnimmt, wie sie wirklich gegeben sind und ohne begriffliche Vorurteile ihre konkreten Eigenschaften und Beziehungen beschreibt. Mehr als andere Gesetzeswissenschaften ist die Psychologie in Gefahr, die lebendige Ganzheit ihrer Gegenstände durch fiktive Scheinerklärungen zu zerstören.

Wir verhehlen uns nicht, daß die Forderung eines fiktionslosen Beschreibens als Grundlage aller wissenschaftlichen Psychologie noch mancherlei methodologische Schwierigkeiten enthält. Aber die verfeinerte Methodik der neueren Forschung arbeitet mit sichtlichem Erfolg daran, diese Schwierigkeiten durch die Tat zu überwinden. Alles wissenschaftlich wertvolle Beschreiben, sagt man, verfälscht schon selbst unvermeidlich die in Frage stehende Wirklichkeit. In diesem Sinne bemerkt NATORP: "Beschreibung ist Abstraktion ... ist Vermittlung ... Stillsetzung des Stromes des Erlebens." (121) Sicherlich ist jede brauchbare Beschreibung eines Prozesses insofern abstrakt, als sie nicht alle unendlich kleinen Zeitmomente erfassen, nicht alle Eigenschaften, Teile und Beziehungen des Ganzen wiedergeben kann. Aber der Psychologe hat so wenig wie irgendein wissenschaftlicher Forscher die Aufgabe, Wirkliches einfach zu reproduzieren. Wissenschaftliche Beschreibung von Erlebnissen ist natürlich etwas anderes, als das Dasein dieser Erlebnisse selbst. Die besondere Flüchtigkeit des psychischen Geschehens und zugleich die nie wiederkehrende Eigenart eines jeden seiner Momente haben wir bereits betont. Aber kann man nicht einen Wasserfall richtig beschreiben, ohne dadurch seinen Stillstand zu fingieren oder gar realiter zu verursachen?

Der Psychologe sucht durch wiederholte und vergleichende Beobachtung diskursiv eine immer vollständigere Beschreibung der von ihm in Frage gezogenen Vorgänge zu gewinnen. Schon die Methodik dieses wissenschaftlichen Beobachtens ist vom theoretischen Ziel eines Begreifens gesetzlicher Notwendigkeiten beherrscht.

Das zeigt am deutlichsten die experimentelle Beobachtung, die jederzeit eine systematisch auswählende Variation der Bedingungen darstellt. Weiterhin hat der denkende Psychologe das Rohmaterial seiner so gewonnenen Beschreibungen Schritt für Schritt zu reduzieren und andererseits hypothetisch zu ergänzen - in der Richtung auf das psychologisch Wesentliche, d. h. auf dasjenige, was ihn in den Stand setzt, die beobachtete Wirklichkeit möglichst vollständig und möglichst einheitlich, kurz: als gesetzlich notwendig, zu begreifen. Nur, daß jeder Schritt einer in diesem Sinne erklärenden Psychologie der Kontrolle reiner Beobachtung und deskriptiver Vergleichung unterworfen bleibt.

Sicherlich kann schon die vergleichende Beschreibung des seelischen Geschehens nicht auskommen ohne den Begriff psychischer Bestandteile und ihrer Zusammensetzung. Aber sie darf nicht diese Bestandteile dinghaft hypostasieren, endgültig gegeneinander isolieren und als absolut setzen. Ohne Zweifel wird die konkrete Wirklichkeit des Psychischen durch jede Art Selbstbeobachtung und vollends Zergliederung tatsächlich verändert. Aber ebenso gewiß ist es möglich, diese Veränderungen wissenschaftlich wieder zu eliminieren: durch wiederholte, vergleichende Beobachtung und vorurteilslose, tatsachengemäße Zergliederung. Wir können das eine Mal größere, das andere Mal kleinere Komplexe auf ihre besonderen Eigenschaften und Beziehungen hin untersuchen. Wir haben des weiteren gewiß die Aufgabe, einen jeden Komplex vergleichend in seine letzten unterscheidbaren Bestandteile zu zerlegen, indem wir besonders darauf bedacht sind, die regelmäßigen Beziehungen dieser Bestandteile zueinander wie zu den sie enthaltenden Komplexen zu ermitteln. Schließlich - darin ist die Psychologie der Tonwahrnehmungen, wie wir sahen, besonders weit fortgeschritten - haben wir das Recht, die Ergebnisse dieser Beschreibungen, Vergleiche und Zergliederungen durch gegenwärtig nicht wahrnehmbare Bestandteile und durch Bedingungsbegriffe denkend zu verknüpfen, die wir als all dem methodisch erschließen. Nur dürfen wir uns dabei nicht abdrängen lassen von der Richtung auf eine möglichst vollständige und zugleich möglichst einheitliche Beschreibung psychischer Wirklichkeiten.

Dies aber geschieht unvermeidlich, wenn wir die oben erörterten Fiktionen einer "reinen" oder "konstanten" Empfindung in die psychologische Beschreibung einführen, und erst recht, wenn wir schon unsere Beobachtungen dadurch verfälschen. Jeder Begriff eines psychischen Bestandteils ist vielmehr systematisch zu ergänzen durch die genaue Beschreibung der größeren und der kleineren Komplexe, denen er jeweils angehört, und der Beziehungen, die zwischen ihm und den anderen Bestandteilen dieser Komplexe sowie den Eigenschaften der ganzen Komplexe tatsächlich bestehen. Erst auf diese Weise gewinnen die Begriffe von psychischen Bestandteilen wissenschaftliche Bestimmtheit und Verbundenheit.

So stellt sich die wissenschaftliche Psychologie als ein nie ganz vollendeter Stufenbau begrifflicher Verarbeitung des unmittelbar Gegebenen dar. Auf jeder Stufe aber dieses fortschreitenden Abstraktionsprozesses muß eines unerschütterlich festgehalten werden, sonst geraten wir mit Notwendigkeit ins Willkürliche oder ins Leere: das ist die Tatsache, die am besten durch den Begriff "Komplexqualität" bezeichnet wird; die Tatsache also, daß jedes seelische Geschehen und auch jeder seiner einzelnen konkreten Bestandteile als Ganzes besondere Eigenschaften besitzt, - besonders in dem Sinne, daß sie nicht ohne Rest auf die jeweils darin enthaltenen Teile zurückgeführt werden können.

Wie immer man den Begriff psychologischer Erklärung schließlich bestimmen mag, - in jedem Fall setzt das wissenschaftliche Erklären in der Psychologie ein möglichst genaues Beschreiben der zu erklärenden Gegebenheiten voraus. Dieser Aufgabe aber steht nichts so hinderlich im Weg, wie die hypostasierten Fiktionen einer "reinen" oder "konstanten" Empfindung. Denn diese Fiktionen verhindern, wenn sie hypostasiert werden, grundsätzlich die Einsicht in die Natur und Gesetze der Komplexqualitäten. Der erste Schritt, um diese bedenklichen Begriffe, (ja man könnte, um die Gefährlichkeit dieser Begriffe recht stark hervorzuheben, sie als Fremdkörper innerhalb der Seelenwissenschaft bezeichnen) durch Haltbares und Fruchtbares zu ersetzen, ist: daß man sie als willkürlich konstruierte Hilfsgebilde, als "Fiktionen" erkennt.
LITERATUR - Gilbert Whitney Campbell, Fiktives in der Lehre von den Empfindungen, Berlin 1915
    Anmerkungen
    81) WILHELM WUNDT, Über die Definition der Psychologie, Philosophische Studien, Bd. 12 (1896), Seite 13
    82) Vgl. dazu PFÄNDER, Einführung in die Psychologie, Leipzig 1904, Seite 38f. Er behauptet, man müsse der Psychologie das Kausalgesetz zugrunde legen. Aber man kann die besondere logische Natur der Gesetzmäßigkeit zunächst offen lassen.
    83) HERMANN EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie, Bd. I, Leipzig 1902, Seite 418
    84) CARL STUMPF, Erscheinungen und psychische Funktionen, Abhandlungen der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1906, Seite 6.
    85) WUNDT, Grundriß a. a. O., Seite 254
    86) WUNDT, Grundriß a. a. O., Seite 154
    87) WUNDT, Grundriß a. a. O., Seite 169
    88) WUNDT, Definition der Psychologie, a. a. O., Seite 22
    89) Darauf weist auch schon VAIHINGER selbst hin; vgl. "Philosophie des Als Ob", zweite Auflage 1913, Seite 57, 263, 339.
    90) FELIX KRUEGER, Psychologische Studien, Bd. I, 1906, Seite 307
    91) OTTO KLEMM, Geschichte der Psychologie, Leipzig und Berin 1911, Seite 280
    92) Vgl. KRUEGER, Archiv für die gesamte Psychologie und "Psychologische Studien" und öfter.
    93) WILHELM DILTHEY, "Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie", Sitzungsbericht der Berliner Akademie der Wissenschaften, Bd. II, 1894, Seite 1322. Vgl. hierzu AUGUST MESSER, "Empfindung und Denken", Leipzig 1908, Seite 13.
    94) HANS CORNELIUS, Psychologie als Erfahrungswissenschaft, Leipzig 1897, Seite 5
    95) Vgl. KRUEGER, Arbeiten zur Entwicklungspsychologie, Bd. I, Heft 1, Leipzig 1915. Das erste Heft dieser vielversprechenden Sammlung enthält eine programmatische Einleitung des Herausgebers "Über Entwicklungspsychologie, ihre sachliche und geschichtliche Notwendigkeit".
    96) KRUEGER, Differenztöne und Konsonanz, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. I, 1907, Seite 207.
    97) In seinen neueren Arbeiten und Vorträgen ersetzt KRUEGER den Ausdruck "einfach" durch den bestimmteren "einheitlich".
    98) DILTHEY, Ideen a. a. O., Seite 1327
    99) KRUEGER, a. a. O., Psychologische Studien, Bd. I, Seite 416
    100) HOFMANN, Untersuchungen über den Empfindungsbegriff, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 26, Seite 56
    101) HOFMANN, ebd. Seite 63
    102) HOFMANN, a. a. O., Seite 67
    103) HOFMANN, a. a. O., Seite 76
    104) Vgl. hierüber die ausführlichen Erörterungen von VAIHINGER in seiner "Philosophie des Als OB", a. a. O., Seite 31 und besonders Seite 362-366.
    105) HOFMANN, a. a. O., Seite 94
    106) Psychologie ist Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zugleich.
    107) vgl. CORNELIUS, a. a. O., Seite 141, 304-305 und öfter.
    108) AUGUST MESSER, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. VIII, 1906, Seite 1-224.
    109) MESSER, a. a. O., Seite 12.
    110) MESSER, a. a. O., Seite 210
    111) MESSER, a. a. O., Seite 159
    112) MESSER, a. a. O., Seite 209
    113) CORNELIUS, a. a. O., Seite 46, 47, 70, 117 und öfter.
    114) Alle psychologischen Veröffentlichungen und Vorlesungen KRUEGERs sind durch die Betonung des "Gesamteindrucks" charakterisiert.
    115) KRUEGER, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. I, a. a. O., Seite 242. Auch Arbeiten zur Entwicklungspsychologie, Bd. I, Heft 2, Seite 86 "Über die Vorstellungen der Tiere" von HANS VOLKELT. VOLKELT geht nicht von einzelnen Vorstellungen oder Empfindungen, sondern von einem Komplex aus.
    116) 2. Buch Mose, Kap. 3, 2.
    117) Josua Kap. 7
    118) JOSIAH ROYCE, aus Notizen nach ungedruckten Vorlesungen zu YALE im Jahre 1911.
    119) CHRISTIAN von EHRENFELS, Über Gestaltqualitäten, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 14, 1890, Seite 262
    120) Vgl. hierzu KRUEGER im Bericht über den II. Kongreß für experimentelle Psychologie, 1907, Seite 211f.
    121) NATORP, Allgemeine Psychologie nach kritischer Methode, Tübingen 1912, Seite 190/191