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WILHELM WUNDT
Philosophie und Wissenschaft

"Bedeutsamer ... sind aber wohl die mannigfachen selbständigen Versuche philosophischer Gesellschaftstheorien, die, zum Teil getragen von der sozialen Bewegung unserer Tage, heute weit mehr aus dem Kreis der Juristen und Nationalökonomen als aus dem der Katheder-Philosophen hervorgehen."

"Vom Autor einer philologischen, historischen, naturwissenschaftlichen Arbeit verlangt man eine gründlich Kenntnis des Gegenstandes nicht nur, sondern auch des Wichtigsten, was bis dahin über ihn geleistet ist. Wer philosophiert, der fühlt sich von dieser Vorschrift entbunden. Ein verfehlter Gedanke mag hundertmal totgeschlagen sein, man ist nicht sicher, daß er nicht zum hundertsten Mal wieder aufersteht und dazu ein Gesicht annimmt, als wäre er noch niemals dagewesen."

"Die Sache der Philosophie ist es, die gute Beziehung zu einzelnen Wissenschaften lebendig zu erhalten, indem sie ihnen entlehnt, was sie bedarf, die Grundlage der Erfahrung, und ihnen mitteilt, was sie entbehren, den allgemeinen Zusammenhang der Erkenntnisse."

Seit geraumer Zeit hat in der Gelehrtenwelt die Ansicht an Verbreitung gewonnen, die Philosophie sei eine "verflossene Wissenschaft". Selten laut ausgesprochen, aber umso öfter im Stillen gehegt, ist sie sogar unter die Philosophen gedrungen. Die Philosophie, so hört man hier, hat ihr schöpferisches Zeitalter hinter sich; sie lebt noch fort in ihrer Geschichte. Der heutige Philosoph hat darum sein Bestes getan, wenn er die Systeme der Vergangenheit wiedererneuert im Gedächtnis der Gegenwart.

Doch so wenig ich auch in die Begeisterung einiger Metaphysiker einstimmen möchte, welche, im Gegensatz zu dieser historischen Strömung, die "Königin der Wissenschaften" in alter platonischer Herrlichkeit wiederherstellen wollen, so meine ich doch, daß die Zeichen sich mehren, die einen Wandel der Anschauungen vorausverkünden. Als das bedeutsamste dieser Zeichen erscheint mir die zunehmende Beschäftigung mit philosophischen Fragen außerhalb des Kreises der eigentlichen Fachphilosophie. In der Tat, während der Philosoph von Beruf zumeist noch in der Interpretation vergangener Systeme oder in der Übertragung philologischer Künste auf die Hauptwerke der philosophischen Literatur seine Befriedigung findet, ist es heutzutage gerade der Chorus der "Spezialisten", der hauptsächlich das Geschäft der selbständigen Spekulation aus sich zu nehmen scheint.

Hier verhandelt die protestantische Theologie auf das Eifrigste die Frage, ob die christliche Dogmatik der Metaphysik bedarf, oder ob sie besser daran tut, dieses unsichere Fundament zu verlassen; und während die theologischen Metaphysiker bald SCHELLING oder HEGEL, bald die ältere Ontologie zu Hilfe rufen, betrachten ihre Gegner KANT als den Denker, der ein für allemal der Religion ihr Verhältnis zur Philosophie angewiesen hat.

Dort bemüht sich die katholische Theologie in rüstiger Arbeit, eine späte Nachblüte der Scholastik herbeizuführen. Sie sieht den zeitgenössischen Philosophen fleißig auf die Finger, ob ihnen nicht ein Gedanke entschlüpft, der irgendwo schon in den Foliobänden ALBERTs des Großen sich vorfinden möchte. Des Streites aber, welchem System die Führung zu überlassen ist, ist sie, glücklicher als ihre protestantische Schwester, enthoben, denn der unfehlbare Papst selber hat den größten Kirchenheiligen des 13. Jahrhunderts, THOMAS von AQUIN, allen Klerikern als maßgebende Autorität empfohlen.

Nicht minder lebhaft ist die philosophische Bewegung in Jurisprudenz, Staats- und Gesellschaftslehre. Anklänge an den naturrechtlichen Rationalismus der beiden vorigen Jahrhunderte begegnen uns hier neben Anlehnungen an philosophische Größen der jüngstvergangenen Zeit. Bedeutsamer als diese Nachwirkungen sind aber wohl die mannigfachen selbständigen Versuche philosophischer Gesellschaftstheorien, die, zum Teil getragen von der sozialen Bewegung unserer Tage, heute weit mehr aus dem Kreis der Juristen und Nationalökonomen als aus dem der Katheder-Philosophen hervorgehen.

Eine hochangesehene Richtung freilich gibt es, die solchen Bestrebungen kühl ablehnend gegenübersteht. Unsere historische Forschung rühmt sich nicht ganz mit Unrecht, in ihrer Weise in der methodischen Behandlung der Probleme mit den exakten Wissenschaften es aufnehmen zu können, und, neben dem überlebten Mißbrauch politischer und moralischer Nutzanwendungen, betrachtet sie Alles, was einer "Geschichtsphilosophie" von fern nur ähnlich sieht, als den Tod der wirklichen Geschichte. Wer möchte leugnen, daß die Historiker damit den bekannten philosophischen Versuchen gegenüber im Recht sind? Aber wie es leichter ist, die Verbannung der Politik aus der Geschichte anzuempfehlen, als diesen Rat selbst zu befolgen, so geht es auch mit der Vertreibung der Philosophie. Wer sie los zu sein glaubt, findet sich erst recht von ihren Netzen umsponnen. Klingt nicht das Stichwort der historischen Schule wie ein Echo des berühmten HEGEL-Satzes: "Was wirklich ist, das ist vernünftig"? In der Tat, der philosophische Prophet derjenigen Richtung, die sich heute in der Wissenschaft von Recht, Staat und Geschichte die historische nennt, dürfte kein Geringerer sein als der spekulativste aller Philosophen unseres Jahrhunderts.

Nicht am wenigsten sind endlich diejenigen Forschungsgebiete von der Philosophie berührt worden, die ihr vor nicht langer Zeit vielleicht am fernsten gestanden sind, die Naturwissenschaften. Wie wäre man noch vor dreißig Jahren erstaunt gewesen, inmitten physikalischer und physiologischer Werke Exkurse über das Problem der Erkenntnis anzutreffen? Die Älteren unter uns erinnern sich noch wohl der Zeit, da die Physik nur äußerlich in den Rahmen einer Wissenschaft zusammengesetzt war, innerlich aber in ebenso viele Disziplinen zerfiel, als es Erscheinungsgebiete gibt, mit denen sie sich beschäftigt. Schwere, Licht, Wärme, Elektrizität bedurften besonderer Erklärungsprinzipien, und im Grund bedurfte man für jede dieser Haupterscheinungen einer besonderen Theorie der Materie. Daneben ging die Chemie einher, welche zweifelhaft war, ob die Atome der Physiker auch für sie eine Bedeutung besitzen, und in diesem Zweifel bald mit der bloß empirischen Auffassung der Tatsachen, bald mit einem äußerlichen Schematismus ohne jeden erklärenden Wert sich zufrieden gab. So kam es, daß man vielfach alle Hypothesen über die Grundlagen der Erscheinungen als bloße Hilfsmittel der Veranschaulichung oder der Rechnung betrachtete und kein Arg dabei fand, wenn in den verschiedenen Teilen der Naturlehre die Hypothesen nach Bedürfnis wechselten. Ganz zwar ist dieser unbefriedigende Zustand noch nicht beseitigt. Immerhin hat die neuere mechanische Wärmetheorie für eine große Zahl der physikalischen Erscheinungen eine einheitliche Betrachtung meist möglich gemacht, und schon steht sie im Begriff zwischen Physik und Chemie die Brücke zu schlagen, indem sie auf die chemischen Verbindungsprozesse allgemein bewährte mechanische Gesichtspunkte mit Erfolg anwendet. Zwar halten noch jetzt die meisten Physiker und Chemiker unsere Ansichten über die Materie, und gewiß mit Recht, für provisorische. Doch kein Naturforscher zweifelt mehr daran, daß in ihnen ein Kern von Wahrheit ist, der allmählich, je mehr von verschiedenen Seiten her die Untersuchung übereinstimmende Ergebnisse herbeiführt, der vollen Wahrheit immer näher kommen wird. Namentlich aber ist mehr oder minder bewußt die Ansicht zur allgemeinen Geltung gekommen, daß es mit der bloßen Beschreibung und Verbindung der Tatsachen eines beschränkten Gebietes nicht getan ist, sondern daß es die höchste Aufgabe aller einzelnen Zweige der Naturwissenschaft bleibt, an einer philosophischen Gesamtauffassung der Natur mitzuarbeiten.

Diesem Umsichgreifen des philosophischen Bewußtseins entspricht es, daß gegenwärtig, manchmal vielleicht mehr als wünschenswert, die letzten und allgemeinsten Fragen mit einer gewissen Vorliebe besprochen werden. Schon hat man aus den Grundsätzen der physikalischen Wärmelehre Folgerungen entwickelt, welche, bis in die entfernteste Zukunft des Universums hinabreichend, sich nicht scheuen an die große Weltfrage zu rühren, ob es ein Ende der Dinge gibt oder nicht. Auf demselben Boden allgemeiner Betrachtungen hat der Satz von der Unzerstörbarkeit der Kraft seine zwingende Gewalt über die lebende Welt ausgedehnt, welche er dem allgemeinen Kräftewechsel der Natur dienstbar macht, indem er die in der Physiologie ohnehin bereits wankend gewordene Annahme spezifischer Lebenskräfte vollends vernichtet. Von einer anderen Seite her gewinnt das lange zurückgelegte Problem der Entwicklung der organischen Lebensformen einen wachsenden Einfluß in den biologischen Wissenschaften. Die festgewurzelten Ansichten über die Bedeutung der natürlichen Systeme werden umgestoßen, und die fast vergessene Frage nach der Entstehung alles Lebendigen erhebt sich von Neuem. Noch schwebt innerhalb der Entwicklungstheorien der Streit, wie die Zweckmäßigkeit der organischen Naturprodukte mit der strengen Kausalität der Natur zu vereinen ist, und man beginnt einzusehen, daß derselbe seine befriedigende Lösung nur finden kann, wenn man den Begriffen Zweck und Ursache von Neuem mit den Waffen zuleibe geht, die der jetzige Zustand der Erkenntnistheorie an die Hand gibt.

Während auf diesem Punkt die Naturwissenschaft zum Teil von der philosophischen Begriffszergliederung eine Lösung der Schwierigkeiten erwartet, in die sie sich verwickelt sieht, hat sie auf einem anderen begonnen, eine bisher der Philosophie zugezählte Disziplin zu erobern oder wenigstens eine Teilung der Gewalten herbeizuführen. Aus der Physiologie der Sinneswerkzeuge hat sich allmählich, durch die Übertragung naturwissenschaftlicher Beobachtungs- und Versuchsmethoden auf die innere Erfahrung, die neue Wissenschaft der experimentellen Psychologie entwickelt, die ihrem ganzen Wesen nach dazu berufen scheint, die Vermittlerin zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften zu bilden.

Doch nicht bloß die einzelnen Zweige der empirischen Forschung führen zur Philosophie hinüber, selbst die abstrakte Grundlage der Naturwissenschaft, die Mathematik, ist vom Zug der Zeit nicht unberührt geblieben. Hier sucht man durch transzendente geometrische Spekulationen einen allgemeineren, von den Fesseln der Anschauung befreiten Begriff des Raums zu gewinnen. Doch prüft man die allgemeinsten Sätze der Mechanik von Neuem auf ihre Herkunft und Sicherheit. Oder man ergeht sich, im vollen Gegensatz zu jener älteren Generation der Mathematiker, denen nur die Anwendung, nicht die Begründung der Begriffe am Herzen lag, in tiefsinnigen Spekulationen über Wesen und Ursprung der Zahl und über die logischen Fundamente der allgemeinen Analysis.

Unleugbar ist die philosophische Strömung ansich ein höchst erfreuliches Zeichen. Denn man wird wohl annehmen dürfen, daß derjenige, der mit dem Stand der speziellen Fragen eines Wissensgebietes genau vertraut ist, auch über die allgemeinen Fragen desselben am besten wird urteilen können. Aber die Sache hat noch eine andere Seite. Der Spezialforscher wird auf diese bessere Kompetenz doch nur dann Anspruch erheben dürfen, wenn er außerdem jenen weiten Blick besitzt, der ihn befähigt, den Zusammenhang seines Gebietes mit den anderen Gegenständen des menschlichen Interesses klar zu überschauen. Und hier läßt sich nun nicht verkennen, daß das Bild, welches uns die Philosophie der "Spezialisten" darbietet, keineswegs so überall ein erfreuliches ist. Der Jurist, der Nationalökonom, der Historiker, jeder von ihnen bringt sicherlich der Behandlung der ethischen Probleme fruchtbare Gesichtspunkte entgegen. Aber darum läßt sich doch auf das römische Recht oder auf die Gesetze des wirtschaftlichen Verkehrs ebensowenig eine Ethik gründen, wie die Beschäftigung mit zoologischen, botanischen oder physiologischen Studien an und für sich in den Vollbesitz der Vorbedingungen setzt, die zur Lösung erkenntnistheoretischer und metaphysischer Aufgaben erfordert werden. Das hat Niemand besser gewuß als der scharfsinnige Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre ADAM SMITH, der, als er seine "Theorie der moralischen Gefühle" geschrieben hat, von den Prinzipien, die er in seinem "Wohlstand der Nationen" entwickelt, so wenig Gebrauch machte, daß Niemand aus dem bloßen Inhalt beider Werke auf ihren gemeinsamen Urheber schließen würde.

Im Gegensatz hierzu zeigt die philosophische Spekulation, die heute innerhalb der Einzelwissenschaften geübt wird, in der Regel, daß man die Sache von der einen Seite, die gerade im Gesichtsfeld liegt, richtig gesehen, daß man sich aber um andere, mitunter wichtigere Seiten gar nicht gekümmert hat. Daß nebenbei Alles, was in älterer und neuerer Zeit zur Lösung der Probleme bereits geschehen ist, zumeist unberücksichtigt bleibt, ist ein geringerer Nachteil, für den unter Umständen sogar der damit verbundene Vorzug einer gewissen Unbefangenheit des Urteils entschädigen kann. Und wer möchte überdies ein derartiges Versäumnis dem Laien in der Philosophie verdenken, dem die Philosophen von Beruf hierin so manchmal mit ihrem Beispiel voranschreiten? Kein Gebiet ist in dieser Beziehung schlimmer dran als die Philosophie. Vom Autor einer philologischen, historischen, naturwissenschaftlichen Arbeit verlangt man eine gründlich Kenntnis des Gegenstandes nicht nur, sondern auch des Wichtigsten, was bis dahin über ihn geleistet ist. Wer philosophiert, der fühlt sich von dieser Vorschrift entbunden. Ein verfehlter Gedanke mag hundertmal totgeschlagen sein, man ist nicht sicher, daß er nicht zum hundertsten Mal wieder aufersteht und dazu ein Gesicht annimmt, als wäre er noch niemals dagewesen.

Man wird sagen, dieses Schicksal der Philosophie entspringt aus der umfassenden Natur ihrer Gegenstände. Bis zu einem gewissen Grad ist dies zuzugeben. Es versteht sich von selbst, daß, wer über eine spezielle Frage der Beobachtung oder der literarischen Kritik sich zu äußern wünscht, leichter in den Besitz des dazu vorrätigen Materials gelangen kann, als er etwa über den Ursprung und die Bedeutung des Kausalprinzips eine Untersuchung ausführt. Aber es folgt daraus doch noch nicht, daß der letztere nun annähernd so verfährt, als lebe er im Zeitalter der ionischen Physiker. Der Grund jener Erscheinung, der Grund zugleich der Entfremdung, welche sich in allmählich wachsendem Maß zwischen der Philosophie und den meisten Einzelgebieten wissenschaftlicher Forschung entwickelt hat, ist, wie ich glaube, ein tieferer: er liegt darin, daß das gegenwärtige Verhältnis zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften ein unhaltbares geworden ist. Eine seit langer Zeit vorbereitete, aber unter der Macht der historischen Tradition gegen mannigfache Hemmnisse ankämpfende Umkehrung ist hier im Werden begriffen, von deren Bedeutung und Notwendigkeit man sich beiderseits, in Philosophie und Wissenschaft, Rechenschaft geben sollte.

Den Alten war die Philosophie Wissenschaft überhaupt. Nachdem die mythologischen Vorstellungen wankend geworden sind, suchte die Philosophie dem Bedürfnis nach einer einheitlichen Weltanschauung zu genügen. In der Blütezeit der hellenischen Philosophie begannen zwar schon einzelne Teile namentlich der mathematischen und naturwissenschaftlichen Forschung eine sorgfältigere Pflege zu finden; sie blieben aber im Zusammenhang mit der großen Mutterwissenschaft und wurden höchstens als Anhänge und Ergänzungen derselben betrachtet.

Erst in das Zeitalter der untergehenden antiken Kultur fällt die allmähliche Entwicklung der Einzelwissenschaften. Jenes Reich der Ptolemäer mit seiner Hauptstadt Alexandria, in welchem sich die griechische Philosophie zuerst mit orientalischer Mystik verschwisterte, um dann völlig unterzugehen, ist zugleich die Geburtsstätte einer Reihe heute noch blühender Gebiete selbständiger Forschung geworden. Hier begründete schon im dritten Jahrhundert v. Chr. der Alexandriner EUKLID diejenige Methode der Geometrie, welche bis in unsere Tage herab im Unterricht die herrschende geblieben ist. Umd dieselbe Zeit löste ARCHIMEDES von Syrakus durch die Theorie des Hebels und das Gesetz der Fortpflanzung des Drucks in Flüssigkeiten die fundamentalsten Probleme der Mechanik. Hier legte ein Jahrhundert später HIPPARCH durch die Anwendung der exzentrischen Kreise und die genauere Durchführung der Theorie der Epizyklen die Grundlagen der rechnenden Astronomie. Eine Reihe hervorragender Mathematiker und Astronomen schließt sich an diese Vorgänger an, bis herab auf PTOLEMÄUS, dessen berühmtes Werk über das Weltsystem die ganze Astronomie des Mittelalters beherrschte.

Schon im Zeitalter EUKLIDs begann, gleichfalls in Alexandria, die zoologische und anthropologische Forschung einen neuen Aufschwung zu nehmen. Zum ersten Mal wurde hier die Anatomie auf planmäßige Zergliederungen des Körpers gegründet, und auf dieser Basis errichtete im zweiten Jahrhundert n. Chr. GALEN sein System der Physiologie und Medizin, neben der aristotelischen Physik und der ptolemäischen Astronomie die dritte Säule der Naturwissenschaft der späteren Jahrhunderte. Im Anschluß an die berühmte alexandrinische Bibliothek nahmen zugleich philologische Kritik und literaturhistorische Forschung ihre ersten Anfänge.

Wir pflegen heute einen engherzigen, der weiten Gesichtspunkte ermangelnden Betrieb wissenschaftlicher Arbeit als "Alexandrinismus" zu verspotten. Dabei kommt die große Seite dieser Kulturentwicklung nicht zu ihrem gebührenden Recht. Doch findet jene Verselbständigung der einzelnen Wissensgebiete, welche sich in der alexandrinischen Periode vollzogen hat, allerdings darin ihren charakteristischen Ausdruck, daß nun zum ersten Mal Philosophie und Einzelforschung völlig verschiedene Wege wandelten. Während jene in phantastischer Schwärmerei den festen Boden wissenschaftlicher Methodik völlig unter den Füßen verlor, vertiefte sich die letztere mit Vorliebe in eine nüchterne und mühselige Detailarbeit.

Von da an ist die Trennung der Gebiete erhalten geblieben, wenn auch das scholastische Mittelalter, in Nacheiferung seines großen aristotelischen Vorbildes, noch vielfach bestrebt war, namentlich naturwissenschaftliche und philosophische Studien zu vereinigen, eine Aufgabe, die bei dem vorwiegend literarischen Betrieb der ersteren nicht schwer zu erfüllen war. Dadurch gewann auch die Philosophie dem Schein nach wieder etwas von jener Herrschaft, die sie im Altertum besessen hatte - freilich umso mehr eine bloße Scheinherrschaft, als das theologische Dogma überall die freie Bewegung des Gedankens in Fesseln legte.

Dies änderte sich völlig mit dem Zeitalter der Erneuerung der Wissenschaften. Während sich die Philosophie allmählich, und nicht ohne bleibende Spuren des früheren Einflusses, aus der Knechtschaft der Theologie befreite, begann in allen einzelnen Zweigen der Forschung eine selbständige Bewegung, derjenigen der alexandrinischen Periode verwandt, nur ungleich gewaltiger. Die Begeisterung jedoch für die antike Kultur der philologischen und literaturhistorischen Arbeit zahllose Kräfte zuführte, regte es sich auf allen Gebieten naturwissenschaftlicher Beobachtung. Den großen geographischen folgten die astronomischen Entdeckungen, deren wertvollste die Bestätigung des kopernikanischen Weltsystems zu ihrem Ziel hatten. Daran schlossen sich Physik und Mechanik, Anatomie, Physiologie und Naturgeschichte, und in einer etwas späteren Zeit die Anfänge einer wissenschaftlichen Chemie und Geologie.

Neben diesen zahlreichen zu neuem Leben erwachten Wissensgebieten nahm von nun an die Philosophie ihre gesonderte Stellung ein. Wenn auch ihre Vertreter selten verfehlten, ihr die Würde einer höchsten Wissenschaft zuzuschreiben, so entsprach doch dieses Verlangen nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen, wenigstens sicherlich nicht in dem Sinn, daß die andern Gebiete einer dauernden Abhängigkeit von ihr sich unterworfen hätten. Eher läßt sich das Umgekehrte behaupten. Nachdem die humanistische Bewegung vorübergegangen war, deren zu ausschließlich auf die Pflege des Altertums gerichtetes Streben eine selbständige philosophische Leistung nicht aufkommen ließ, waren es die exakten Wissenschaften, denen die Führung in der Philosophie zufiel. Aber diese Einwirkung vollzog sich doch mehr stillschweigend und manchmal sogar wider Wissen und Wollen der Philosophen selbst, als daß sie etwa aus der Anerkennung eines legitimen Verhältnisses der Abhängigkeit hervorgegangen wäre. Namentlich die metaphysischen Systeme lehnten ein solches nachdrücklich ab und waren weit mehr geneigt nach platonischem Beispiel eine Herrschaft der Philosophie anzunehmen. So kam es, daß die beiderseitigen Ansprüche überhaupt nicht zu einer klaren Erörterung gelangten. Tatsächlich erfreuten sich, von einzelnen vorübergehenden Beeinflussungen abgesehen, die Einzelwissenschaften einer vollen Unabhängigkeit. Die Philosophie ihrerseits behauptete, eine solche zu besitzen, ohne sich jemals der unbewußten Einwirkung von irgendwelchen Einzelgebieten aus erwehren zu können. Und je weniger die Rechtmäßigkeit solcher Einwirkungen zugestanden wurde, umso mehr blieben sie den zufälligen und einseitigen Eindrücken überlassen, denen der einzelne Philosoph bei der Gestaltung seiner Weltanschauung Folge gab.

Nun kann sich kein Mensch den Ideen entziehen, die seine Zeit bewegen. Es versteht sich daher von selbst, daß die mächtigsten Zeitideen jeweils auch in den philosophischen Systemen zum Ausdruck gelangten. Immerhin hat der Umstand, daß man einen derartigen Einfluß eher verbergen als zugestehen mochte, diese Wirkung beeinträchtigt. Im Anschluß an die Traditionen der antiken und der scholastischen Philosophie betrachtete man fortan die Philosophie als eine Weltanschauungslehre, die rein auf sich selbst gestellt, nur von der Sicherheit der selbstgefundenen Begriffe abhängig ist. Die Einseitigkeit des einzelnen Systems, die unvermeidliche Folge dieser vermeintlichen Unabhängigkeit, wurde so höchstens durch die gleichzeitige Existenz mehrerer Systeme einigermaßen ausgeglichen. Indem jedes derselben wieder von einem anderen Punkt aus mit der geistigen Bewegung seiner Zeit verbunden war, gaben sie erst alle zusammen ein Bild des wissenschaftlichen Bewußtseins ihres Zeitalters. Aber es ist klar, daß solche Ergänzungen und Rückwirkungen immer schwerer werden mußten, je vielgestaltigere Formen die Entwicklung der einzelnen Forschungsgebiete gewann, und daß daher mit dem fortschreitenden Wachstum der letzteren die Gefahr einer Entfremdung zwischen ihnen und der Philosophie allmählich zugenommen hat.

Bei DESCARTES, dem Vater aller nach ihm gekommenen metaphysischen Systeme, bemerkt man deutlich den vorwiegenden Einfluß des gewaltigen Werkzeugs der modernen Naturforschung, der Mathematik, auf Methode wie Inhalt der Gedankenentwicklungen. So einseitig ist dieser Einfluß, daß der Philosoph den weittragenden physikalischen Ideen eines GALILEI sogar nur ein geringes Verständnis entgegenbringt, vielmehr sein ganzes Bestreben dahin richtet, den Naturmechanismus aufgrund geometrischer Abstraktionen zu begreifen. Daneben ergießt sich dann in seine noch immer zwischen theologischen und naturwissenschaftlichen Interessen geteilte Metaphysik der volle Strom scholastischer Überlieferungen.

Völlig seines theologischen Charakters entäußert hat sich dies aus der christlichen Philosophie stammende Element erst bei SPINOZA freilich ohne darum verschwunden zu sein. Hat doch der ontologische Gottesbeweis aus der Blütezeit der Scholastik durch den tiefsinnigen Juden erst seine strengste philosophische Form erhalten, und ist doch die weltflüchtige Gottesliebe, in der SPINOZAs Ethik gipfelt, nur eine Metempsychose [Wiederauferstehung - wp] augustinischer Mystik. Von der Naturwissenschaft her empfängt aber seine Philosophie ihre treibene Kraft durch jene Idee der Unendlichkeit, die sich an der kopernikanischen Weltanschauung entzündet hatte.

Vielseitig, wie in allen seinen Bestrebungen, hat LEIBNIZ auch in seinen philosophischen Gedanken von den verschiedensten Richtungen her Anregungen empfangen. Doch das wirksamste Motiv entspringt ihm aus seinen eigensten mathematischen Ideen. Jener Begriff der Stetigkeit, des Übergangs zu Verschiedenheiten von endlicher Größe durch unendlich kleine Unterschiede, ein Begriff, der in der Konzeption des Differentialkalküls die vornehmste Rolle spielt, er ist es zugleich, der bei ihm mit einem Mal die zuvor noch unsicheren metaphysischen Gedanken erleuchtet und gestaltet hat. Man kann sich keine bessere Vorstellung vom ungeheuren Einfluß machen, den hier eine einzelne Idee auf ein ganzes Gedankensystems gewinnt, als indem man sich das Verhalten zweier so verschiedener Denker, wie SPINOZA und LEIBNIZ, ein und demselben tatsächlichen Problem gegenüber vergegenwärtigt. Das Problem der Wechselwirkung von Körper und Seele, beide Philosophen wollen und müssen es lösen; aber jeder löst es von der Idee aus, die sein System beherrscht. Bei SPINOZA schließt die Unendlichkeit Gottes oder der Substanz aller Dinge die Unendlichkeit auch der Eigenschaften ein. Zwei solche Eigenschaften sind Denken und Ausdehnung. Das unendliche Denken muß aber alle denkbaren Körper als Vorstellungen in sich schließen, ebenso wie die unendliche Ausdehnung sie in Wirklichkeit enthält. Zu jeder Idee muß also das zugehörige reale Ding existieren, und umgekehrt. Die Wechselbeziehung der körperlichen und geistigen Welt wird so zu einer logischen Folge des Prinzips der Unendlichkeit. Bei LEIBNIZ führt die Stetigkeit der Dinge, das Grundgesetz allen Seins, zur universellen Harmonie. Denn die Stetigkeit bringt es mit sich, daß zu jedem Wesen ein anderes existiert, welches von ihm nur unendlich wenig verschieden ist, zu diesem wieder ein solches, und so fort ins Unendliche. Das Gesetz der Stetigkeit wird daher von selbst zum Gesetz der Harmonie, und dieses sagt aus, daß alle Wesen der Schöpfung zueinander in inneren Beziehungen stehen, ein allgemeines Prinzip, von welchem die Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele nur einen besonderen Fall bildet.

Weitab von dieser Gedankenrichtung der kontinentalen Metaphysik bewegte sich die englische Erfahrungsphilosophie. Eine Philosophie des gesunden Menschenverstandes, abhold allen Bestrebungen, welche über der grübelnden Vertiefung in die Probleme des Jenseits die praktischen Aufgaben des wirklichen Lebens vergessen, hat die englische Philosophie von Anfang an in der Pflege zweier Gebiete ihre Hauptstärke, durch die sie auch auf die allgemeine Entwicklung des Denkens eine große Wirkung ausübte, der Erkenntnistheorie und der Moralphilosophie. Die Erkenntnistheorie der Engländer enstand als eine Ergänzung der empirischen Naturforschung, die Moralphilosophie als eine solche der Politik und Jurisprudenz. Beide aber, wenn auch im allgemeinen getragen von dem in diesen Einzelwissenschaften herrschenden Geist, stützten sich doch nicht auf sie, sondern auf psychologische Beobachtungen und Reflexionen. Und die Psychologie, die auf diese Weise die Basis aller philosophischen Bestrebungen bildete, war ebenfalls eine Psychologie des gesunden Menschenverstandes: sie bestand in einer klaren, nüchternen und nicht selten einseitigen Erwägung der geläufigen Tatsachen, ohne sonderliches Bemühen in den Zusammenhang tiefer einzudringen. Wie schon BACO von VERULAM seine Enzyklopädie und Methodenlehre nicht den vorhandenen Wissenschaften und die in ihnen praktisch geübten Methoden entnehmen zu können glaubte, sondern die Aufgabe seiner Philosophie darin erblickte, daß sie wegweisend und gesetzgebend den Wissenschaften gegenübertritt, so blieb es im Ganzen bei seinen Nachfolgern. Wie weit daher auch die Wege dieser Empiriker von denen der kontinentalen Metaphysik sich entfernten, das Verhältnis zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften blieb hier wie dort dennoch ein ähnliches.

In der Philosophie der deutschen Aufklärung schon hatten LEIBNIZ' Ideen und englischer Empirismus mannigfach auf einander gewirkt. KANT aber war es, in welchem schließlich diese beiden geistigen Strömungen ineinander übergegangen sind, um jenes merkwürdige Mischprodukt grübelnden Tiefsinns und zweifelnder Vorsicht zustande zu bringen, über dessen Widersprüche sich noch heute unsere KANT-Interpreten die Köpfe zerbrechen. So klar KANT seine Aufgabe vor der Seele gestanden hat, so schwer war diese Aufgabe zu lösen. Die Methoden der alten Metaphysik samt allem, was diese von der sinnlichen und der übersinnlichen Welt behauptete, dem Empirismus preiszugeben, und doch die Gewißheit der letzten und höchsten Güter zu retten, nach denen jene Metaphysik gestrebt hat, das war ein Preis, wert der äußersten Anstrengungen. KANT suchte ihn zu gewinnen, indem er die drei Säulen unseres Glaubens an eine übersinnliche Welt, die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, vom Gebiet des metaphysischen Erkennens auf das der moralischen Forderungen hinübertrug, während ihm zugleich die mittlere dieser Ideen, die der Freiheit des Willens, die eine Verbindung herstellen sollte zwischen dem Reicht der Erfahrung und dem jenseits aller Erfahrung liegenden Bereich unserer Ahnungen und Hoffnungen. Erscheint doch die Freiheit des Willens als eine unmittelbare innere Erfahrung, während wir gleichwohl jede Willenshandlung einreihen in den lückenlosen Zusammenhang empirischer Ursachen und Wirkungen. Die Lösung dieses Widerspruchs fand KANT darin, daß alle Erfahrung sich nich auf die Dinge bezieht, wie sie ansich beschaffen sind, sondern auf Erscheinungen, das heißt auf die Dinge, wie sie vermöge der Gesetze unseres Anschauens und Denkens in unserem Bewußtsein gestalten. Ein solches Gesetz unseres Bewußtseins ist auch das der ursächlichen Verknüpfung der Erscheinungen. Wenn wir die Willenshandlung der Kausalität unterwerfen, so sollen wir sie demnach als Erscheinung beurteilen im Zusammenhang anderer Erscheinungen. Wenn wir unseren Willen als frei auffassen, so sollen wir unser inneres Wesen erkennen, wie es ansich ist, unabhängig von dem nur die Erscheinung beherrschenden Gesetz von Ursache und Wirkung.

Nach zwei Richtungen hin lag in diesen Anschauungen die Aufforderung, philosophische Disziplinen zu schaffen, die an die Stelle der alten Metaphysik treten konnten. Auf der einen Seite konnte Umschau gehalten werden in jenem Inventar in uns liegender Begriffe, durch welche die Dinge der Außenwelt erst in die unserem Bewußtsein gegebenen Erscheinungen sich umwandeln. Da diese Begriffe aller Erfahrung vorausgehen, so werden sich aus ihnen Prinzipien entwickeln lassen, die nicht erst auf Erfahrung zu warten brauchen, um bestätigt zu werden, sondern die a priori für alle Erfahrung maßgebend sind. Die so entstehende philosophische Disziplin nannte KANT "Metaphysik der Natur". Auf der anderen Seite konnte die Tatsache der Willensfreiheit, in der sich uns unser eigenes Wesen enthüllt, in Bezug auf die Folgerungen und Forderungen geprüft werden, die aus ihr für die moralische Welt und unsere eigene Betätigung in derselben entspringen. So ergab sich KANTs "Metaphysik der Sitten". Lehnten sich beide Gebiete dem Namen nach an die alte Metaphysik an, so entsprachen sie doch in ihrem Inhalt fast mehr der Erkenntnislehre und Moralphilosophie der Engländer. Denn sie beschränkten sich vorsichtig auf die obersten Prinzipien der empirischen Naturerkenntnis und der empirischen Sittlichkeit. Aber die Grundauffassung war freilich eine ganz andere als dort, und hier kam wieder die deutsche Metaphysik zum Durchbruch. Die allgemeinen Prinzipien der Naturerklärung galten KANT als vorausgehend jeder Einzelerfahrung, und das Sittengesetz war ihm eine in uns liegende Regel, welche sich zwar in jeder einzelnen sittlichen Handlung wirksam erweist, selbst aber unabhängig ist von allen Motiven der Erfahrung und von den aus letzterer stammenden sinnlichen Neigungen.

Die Stellung der Philosophie zu den Einzelwissenschaften war dadurch unzweideutig bestimmt. In seiner Formulierung der allgemeinsten mechanischen und physikalischen Gesetze sowie in der Theorie der Materie, die KANT in seinen "metaphysischen Anfangsgründen der Naturlehre" entwickelte, kümmerte er sich nicht im mindesten um die etwaigen Ergebnisse der Einzelforschung. In der Verarbeitung und Ordnung des Einzelnen blieb dieser dagegen freier Spielraum. In dasselbe Verhältnis trat seine praktische Philosophie zu den sie berührenden Einzelgebieten, zu Theologie und Rechtswissenschaft. Einen Vorteil hatte das so entstandene Verhältnis unzweifelhaft: die hier gegebene Grenzregulierung war eine weit klarere als innerhal der älteren metaphysischen Schulen. Ob sich freilich diese Grenzen zu beiderseitiger Befriedigung festhalten lassen, war eine andere Frage. Die Naturwissenschaft sah sich bald genötigt, KANTs allgemeine Theorien über Bord zu werden, weil sie mit der Erfahrung unvereinbar sind; die Rechtswissenschaft konnte mit seinem starren moralischen Imperativ und mit seinen rigorosen Ansichten von Zurechnung und Vergeltung schwer auskommen. Auf der anderen Seite gestattete sich KANT selbst schon, namentlich in seiner Rechtslehre, ansehnliche Eingriffe in die Domäne der Spezialforschung.

Diese Übergriffe mehrten sich nun rasch bei seinen Nachfolgern, und in gleichem Maß begann auch in den Einzelwissenschaften jener Prozeß der Verselbständigung, der allmählich zu dem heutigen Zwischenzustand einer Philosophie der Philosophen und einer Philosophie der Spezialisten geführt hat. Zwar hielt sich KANTs nächster Nachfolger, FICHTE, noch an die von jenem gezogenen Grenzen, die er sogar genauer zu bestimmen bemüht war. Seine Philosophie bezeichnete er als "Wissenschaftslehre", weil er ihr die Aufgabe stellte, alle allgemeinen wissenschaftlichen Sätze a priori zu entwickeln. Jeder abgeleitete Satz der Wissenschaftslehre sei aber, sagte er, zugleich oberster Grundsatz irgendeiner Spezialwissenschaft, wobei letztere den ihr eigentümlichen Inhalt gewinnt, indem sie jenen Grundsatz auf die Erfahrung anwendet. Mit dieser relativ bescheidenen Aufgabe begnügten sich jedoch ein SCHELLING und HEGEL nicht mehr. SCHELLING, der selbst nach den Grundsätzen seiner Naturphilosophie gelegentlich ärztliche Rezepte verschrieb, suchte die Einheit der Wissenschaft in platonischem Geist wieder herzustellen, und an die Erfüllung dieser Aufgabe setzte HEGEL die ganze zähe Energie seines Fleißes und die unerschrockene Konsequenz seines Denkens, in welchem Kühnheit und Tiefe der Ideen mit steifer Pedanterie der Form und der Liebhaberei für einen geisttötenden Schematismus wunderbar gemischt waren.

HEGELs System befriedigte für den, der sich ihm gefangen gab, alle Bedürfnisse. Es gab keine allgemeine noch einzelne Frage, die es nicht beantwortete. Da aber der lebendige Fluß der wissenschaftlichen Entwicklung unbekümmert um dieses dialektische Kunstwerk seinen Weg fortsetzte, so geschah es, daß sich die Welt eines Tages im Besitz zweier wissenschaftlicher Systeme sah, die beiden denselben Inhalt an Begriffen und Tatsachen umfassen wollten, und dabei doch an Form und Methode so total voneinander verschieden waren, wie der grünende Urwald auf Bergeshöhen und das schwimmende Floß, das man aus seinen Bäumen gezimmert hat. Das war also das Resultat dieses Strebens nach Einheit der Wissenschaft, daß das philosophische System und das wissenschaftliche System zwei verschiedene Wissenschaften geworden waren, die nicht als die Namen miteinander gemein hatten. Daß dabei wechselseitige Beeinflussungen, und mitunter solche von mächtiger und dauernder Wirkung, gelegentlich stattfanden, ändert nichts an der Unnatur des ganzen Verhältnisses. Manchen der philosophischen Zeitgenossen und Gegner HEGELs kann man wohl nachrühmen, daß ihr Auftreten gemäßigter, daß zuweilen auch ihre Methode einer der positiven Forschung befreundete gewesen ist. Aber das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften wurde darum doch von einem HERBART oder SCHOPENHAUER nicht anders aufgefaßt, als von einem SCHELLING oder HEGEL, und die tatsächliche Beziehung blieb darum auch bei ihnen im Wesentlichen ungeändert.

Daß dieses Verhältnis ein unhaltbares geworden ist, zeigt der Erfolg. Der Versuch, der Philosophie die Stellung zurückzuerobern, die sie im Altertum besessen hat, bewirkte, daß sie sich, statt über den Wissenschaften, außerhalb derselben befindet. Es ist eine falsche und den tatsächlichen Einheitsbedürfnissen des menschlichen Denkens widersprechende Ausflucht, wenn heutige Philosophen diese Lage damit rechtfertigen wollen, daß es zwei voneinander verschiedene Weisen die Gegenstände zu erkennen, die gewöhnliche, mit der sich die Einzelwissenschaften behelfen, und eine besondere höhere, zu der sich erst die Philosophie erhebt. Entweder ist die erste dieser Erkenntnisweisen falsch oder die zweite; ein drittes gibt es nicht. Nun läßt sich aber unschwer nachweisen, daß die Dissonanzen zwischen philosophischer und wissenschaftlicher Betrachtung in hundert Fällen etwa 80 Mal darin ihren Grund haben mögen, daß der Philosoph sich nicht in den Vollbesitz der Tatsachen gesetzt hat, über welche die wissenschaftliche Erfahrung gebietet; in den zwanzig übrigen hat die Spezialforschung es verabsäumt, Psychologie und Logik gründlich zu Rate zu ziehen oder sich um die Ergebnisse benachbarter Wissensgebiete zu kümmern. In beiden Fällen ist die Dissonanz eine solche, die aufgelöst werden kann und muß, und gerade die Aufgabe der Philosophie sollte es sein, den Widersprüchen, die sich zwischen verschiedenen Erkenntnisgebieten herausstellen, auf den Grund zu gehen und, wenn es möglich ist, sie zu beseitigen.

Nachdem die alte Philosophie die Einzelwissenschaften als ihre Abzweigungen betrachtet, hat sich schon vom Beginn der neueren Philosophie an eine allmähliche Umkehrung dieses Verhältnisses vorbereitet, indem von einzelnen Gebieten, meist von der Mathematik oder Naturforschung aus, die Philosophie die sie befruchtenden Gedanken empfing. Der vorübergehende Versuch, der Philosophie die Stellung zurückzuerobern, die sie in der antiken Kultur eingenommen hatte, kann diesen Entwicklungsgang nicht aufhalten, ja dieser Versuch selbst hat, wie zahlreiche einzelne Einflüsse beweisen, sich demselben nicht entziehen können. Das Ziel der Entwicklung ist daher offenbar dieses, daß die Philosophie nicht mehr bloß verstohlen und zufällig den Anregungen folgt, welche die Einzelforschung auf sie ausübt, sondern daß sie den ganzen Umfang wissenschaftlicher Erfahrung zu ihrem Fundament nimmt. Dann erst wird sie Wissenschaftslehre oder "Wissenschaft der Wissenschaften" im wahren Sinn des Wortes sein, indem sie die Arbeit, welche die Einzelforschung begonnen hat, weiterführt und, soweit es jeweils menschlichem Streben gelingen kann, zm Abschluß bringt.

Daß aber eine solche allgemeine Wissenschaft nötig ist, beweist nicht bloß jener philosophische Trieb, der überall innerhalb der Einzelforschung, und heute lebendiger als lange zuvor, sich regt, sondern das ergibt sich vor allem aus jener Forderung nach Einheit und Zusammenhang, der sich unser Denken niemals auf die Dauer entziehen kann. Dieser Forderung können die Einzelwissenschaften, auch wenn man sie alle vereinigt, aus zwei Gründen unmöglich genügen. Der erste dieser Gründe liegt im Zusammenhang der allgemeinen wissenschaftlichen Prinzipien, der zweite in der Übereinstimmung der fundamentalen Normen und Methoden des Erkennens.

Jede Einzelwissenschaft beherrscht ein spezielles Gebiet von Tatsachen und Begriffen, zwischen dessen Bestandteilen sie eine erklärende Verbindung herzustellen bemüht ist. Doch niemals läßt sich ein solches Gebiet derart absondern aus dem gesamten System der menschlichen Erkenntnis, daß nicht mannigfache Beziehungen nicht bloß zu Nachbargebieten, sondern manchmal selbst zu verhältnismäßig entlegenen allgemeineren Disziplinen stattfinden. Der Physiker, der Chemiker, der Physiologe, sie haben es schließlich alle mit derselben materiellen Grundlage der Körperwelt zu tun, aber jeder von einem anderen Standpunkt aus. Auf die Dauer wird sich daher sicherlich nur derjenige Begriff der Materie als haltbar erweisen, der die Ansprüche dieser verschiedenen Forscher befriedigt, und bei dem außerdem die Warnung des Psychologen Gehör findet, daß man nicht subjektive Tatsachen unseres Bewußtseins ohne objektiven Erklärungswert aus unseren Vorstellungen in die Dinge hinüberträgt. Der Zoologe, der Botaniker, der Anatom, der Physiologe und der Pathologe, sie alle stoßen, jeder von einem besonderen Erfahrungskreis aus, auf den Begriff des Lebens; die Abgrenzung der Lebensprozesse von den allgemeinen Naturvorgängen versetzt außerdem Physik und Chemie in Mitleidenschaft und steht in einem nahen Zusammenhang mit kosmologischen und geologischen Fragen. So weit sich das Reich der Erfahrung erstreckt, ebenso weit dehnt das allgemeine Kausalgesetz seine Herrschaft aus. Wie wäre aber eine exakte Auffassung dieses Gesetzes möglich ohne eine gründliche Kenntnis der hauptsächlichsten seiner Anwendungen in den einzelnen Wissenschaften, und wie wollte man über Ursprung und allgemeine Bedeutung desselben Rechenschaft geben, ohne Psychologie und Erkenntnistheorie zu befragen?

Diese Beispiele würden sich beliebig vermehren lassen. Sobald innerhalb der Einzelforschung ein wichtiges Problem von allgemeiner Tragweite sich auftut, so wird es von selbst, indem es die Hilfe anderer Wissensgebiete und unter ihnen insbesondere auch diejenige der Psychologie und Erkenntnislehre voraussetzt, zu einer philosophischen Aufgabe. So erhebt sich aus der Mitte der Einzelwissenschaften selbst die Forderung nach einer Wissenschaft der Prinzipien, der allgemeinen Grundbegriffe und Grundgesetze, für die der Name Metaphysik beibehalten werden mag, vorausgesetzt daß man das Zerrbild, das häufig unter diesem Namen gegangen ist, nicht mit der berechtigten und notwendigen Aufgabe einer solchen Prinzipienwissenschaft verwechseln will.

Den gesamten Inhalt der Erfahrungswissenschaften, insofern er eine prinzipielle Bedeutung besitzt und beiträgt zur Gestaltung unserer wissenschaftlichen Weltanschauung, hat die Metaphysik zu ihrem Gegenstand. Vor ihr zweigen aber einige speziellere Gebiete sich ab, die vermöge der Eigentümlichkeit der Tatsachen, die sie umfassen, zu dieser Sonderstellung gelangen. Dahin gehört in erster Linie das sittliche Leben. Auch hier sind es gewisse Einzelwissenschaften, Anthropologie und Geschichte, Rechtswissenschaft und Politik, welche sich teils mit Tatsachen der sittlichen Entwicklung, teils mit wichtigen Anwendungen der sittlichen Gesetze beschäftigen. Doch wegen der speziellen Richtung ihrer Forschungen kann in diesen Disziplinen die Frage nach dem Ursprung und Wesen des Sittlichen umso weniger zur Entscheidung gelangen, als in diese Frage außerdem psychologische und metaphysische Erwägungen auf das tiefste eingreifen.

Eine ähnliche Sonderstellung gebührt dem Gefühl des Schönen in seinen künstlerischen Betätigungen wie in seinem Einfluß auf die Naturanschauung. Die Kunst in ihren mannigfachen Formen bildet den Inhalt verschiedener Wissenschaften, die teils der historischen, teils der theoretischen Betrachtung derselben bestimmt sind. Wieder machen daher die Anforderungen, welche die spezielle Aufgabe an den Kunsthistoriker stellt, eine Lösung der allgemeinen ästhetischen Probleme aufgrund der bloßen Einzelbetrachtung unmöglich. Auch kann die ästhetische Untersuchung ebensowenig wie die ethische der Hilfe der Psychologie entraten. Freilich aber werden Ethik und Ästhetik, gleich der Metaphysik, nur dann auf einen wissenschaftlichen Charakter Anspruch erheben dürfen, wenn sie vom vollen Unterbau der einzelnen Forschungsgebiete getragen werden, auf die sie selbst wieder gesetzgebend und maßhaltend zurückzuwirken berufen sind.

Metaphysik, Ethik und Ästhetik beschäftigen sich hiernach mit dem Inhalt des menschlichen Erkennens und Strebens teils nach seinem gesamten Umfang teils nach einzelnen seiner vornehmsten Richtungen. Aber unser Erkennen ist nicht bloß ein fertiges und gewordenes, sondern vor allein werdendes. Die Frage erhebt sich daher, durch welche Hilfsmittel der menschliche Geist in den Besitz des Wissens gelangt, und welchen Gesetzen er dabei gehorcht. Da jene Hilfsmittel wiederum, abgesehen von der besonderen Technik der Spezialforschung, allgemeingültiger Art sind, und da nicht minder die Gesetze des Erkennens übereinstimmend sich den verschiedensten Objekten gegenüber betätigen, so ergibt sich auch hier die Aufgabe einer allgemeinen Wissenschaft, welche der Metaphysik ergänzend zur Seite tritt und für welche man den Namen der Logik wird beibehalten können.

Freilich aber werden einer wissenschaftlichen Logik andere Aufgaben zu stellen sein, als diejenigen waren, welche die zumeist als philosophische Propädeutik [Vorschule - wp] behandelte Logik der Schule erfüllte. Im Anschluß an ARISTOTELES und die Scholastik suchte sie die Denkgesetze auf dürftige, von der tatsächlichen Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens längst überholte Formeln zurückzuführen. Daß die Methodik, die der Schüler in der fleißigen Beschäftigung mit seinem eigenen Fach sich aneignet, unendlich viel mehr wert ist als die brotlose Kunst dieses logischen Formalismus, ist längst kein Geheimnis mehr. Im Gegensatz zu ihm hat daher die wissenschaftliche Logik zwei Aufgaben zu lösen, die sich keineswegs unabhängig von jeder Beziehung auf den tatsächlichen Inhalt unseres Erkennens erledigen lasen, sondern die vielmehr die breite Basis der wissenschaftlichen Erfahrung voraussetzen. Die eine dieser Aufgaben besteht im Problem der Erkenntnislehre: welches sind die Bedingungen, die Grundlagen und Grenzen unseres Wissens? die andere im Problem der Methodenlehre: welches sind die Prinzipien und Methoden, deren sich die wissenschaftliche Forschung auf ihren Wegen bedient? Die in diesem Sinne behandelte Logik will sonach nicht Regeln aufstellen, durch die man in den Stand gesetzt wird, richtig zu denken und mit Erfolg Probleme zu lösen; sondern die tatsächlich befolgten Gesetze des Denkens und der Untersuchung sucht sie aus ihren Anwendungen zu abstrahieren, um dann durch die so vermittelte Selbstbesinnung ihrerseits klärend und fördernd auf die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens zurückzuwirken.

Man wird sagen: die Aufgabe, die hier dem Philosophen gestellt wird, sei eine zu gewaltige, als daß eines einzelnen Menschen Kraft ihr gewachsen wäre. Ich antworte darauf: es ist auch nicht meine Meinung, daß sich jeder Philosoph zur Ausarbeitung eines Systems anschickt, in welchem alle Disziplinen der Philosophie gleichmäßig ausgeführt sind. Der Forderung nach Teilung der Arbeit wird, als einer notwendigen Konsequenz der ungeheuren Zunahme des Wissensinhaltes, die Philosophie nicht ganz sich entziehen können, wenn gleich bei ihr die Allgemeinheit der Aufgaben selbstverständlich eine zu weit gehende Zersplitterung ausschließt und eine zureichende Kenntnis mindestens der philosophischen Nachbargebiete immer erforderlich macht. Aufhören aber allerdings muß, wie ich meine, der Zustand, daß der Philosoph Philosoph ist und nichts weiter. Man wird von ihm die volle Beherrschung mindestens eines seinen philosophischen Arbeiten nächstliegenden Spezialgebieten verlangen müssen. Je mehr auf diese Weise die Philosophie den Zusammenhang mit den Einzelwissenschaften im Auge behält, umso mehr wird man dann auch von den Vertretern der Einzelwissenschaften erwarten dürfen, daß sie, wo eigenes Bedürfnis sie philosophischen Aufgaben entgegenführt, nicht völlig planlos auf die hohe See der Spekulation sich hinauswagen, sondern ihrerseits sich der Vorbedingungen und Hilfsmittel erinnern, die zu einem solchen Unternehmen notwendig sind. Freilich wird man von einem Spezialisten so wenig eine Beherrschung der ganzen Philosophie wie vom Philosophen eine Vertrautheit mit allen Einzelwissenschaften fordern können. Auch dort wird Jeder zunächst in den seinen eigenen Bestrebungen näher liegende Regionen sich umsehen, und nur so viel allgemeine Orientierung dürfte allerdings wünschenswert sein, als zur Würdigung des Zusammenhangs des eigenen Faches mit der Gesamtheit der Wissenschaften und zur Gewinnung eines selbständigen Urteils über die philosophischen Fragen des ersteren unerläßlich ist.

Daß neben der kritischen und systematischen die historische Behandlung der philosophischen Probleme fortan ihre Bedeutung behält, bedarf kaum noch der besonderen Betonung. Aber freilich werden die Folgen der veränderten Stellung, in welche die Philosophie selbst gelangt ist, auch auf deren Geschichte ihre Wirkung äußern. Je mehr dieselbe aufhört eine bloße Geschichte der philosophischen Systeme zu sein, um sich in eine allgemeine Geschichte der Wissenschaft umzuwandeln, desto mehr wird sie eine fühlbare Lücke ausfüllen im Zusammenhang unseres Wissens. Der wahre Beruf des Historikers der Philosophie ist es, nicht eine Chronik der Meinungen und Verirrungen der Philosophen zu schreiben, sondern ein Bild der die Gesamtentwicklung der Wissenschaft beherrschenden Ideen zu entwerfen.

Die zahlreichen Quellen der Erkenntnis, die in den verschiedenen Wissensgebieten fließen, hat so die Geschichte der Philosophie zu einem Strom zu sammeln, an welchem man zwar nicht den Verlauf jeder besonderen Quelle, wohl aber die Richtung wiedererkennt, die sie alle zusammen genommen haben. Dem Bewußtsein der jüngst vergangenen Zeit war diese Wechselwirkung zuweilen abhanden gekommen. Den einzelnen Wissenschaften entspringt daraus der geringere Vorwurf. Denn die Sache der Philosophie ist es, die gute Beziehung zu denselben lebendig zu erhalten, indem sie ihnen entlehnt, was sie bedarf, die Grundlage der Erfahrung, und ihnen mitteilt, was sie entbehren, den allgemeinen Zusammenhang der Erkenntnisse.

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Philosophie und Wissenschaft, Essays von Wilhelm Wundt, Leipzig 1885