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WILHELM WUNDT
Über den Einfluß der Philosophie
auf die Erfahrungswissenschaften

[Akademische Antrittsrede gehalten zu Leipzig am 20. November 1875]

"In Worte muß jedes Urteil zu kleiden sein: dies ist das unerläßliche Kriterium des logischen Denkens. Und dieses Kriterium entscheidet zugleich über die Bedeutung jener Hypothese, welche in der Sinneswahrnehmung und in manchen anderen psychologischen Prozessen eine intellektuelle Tätigkeit annimmt. Mit demselben Recht, mit dem man jene Prozesse als unbewußte Denkakte bezeichnet hat, kann man sie, wie es in der Tat geschehen ist, auch wortlose nennen. Die verschiedenen Elemente, nach denen wir z. B. die Entfernung eines Gegenstandes wahrnehmen, sind wir, da wir uns ihrer nicht bewußt werden, auch nicht imstande in Worten auszudrücken. Der Physiologe dagegen, der sich von jenen Elementen Rechenschaft gibt, wird naturgemäß für dieselben auch einen Ausdruck in der Sprache finden können. Nur darum ist er imstande, den ganzen Vorgang der Sinnesanschanschauung in der Form einer logischen Gedankentätigkeit darzustellen."

"Ursache ist nur was eine Wirkung hervorbringt. An eine Wirkung, die der Gegenstand auf uns ausübt, denken wir aber niemals bei der unmittelbaren sinnlichen Anschauung. An eine Wirkung, die der Gegenstand auf uns ausübt, denken wir aber niemals bei der unmittelbaren sinnlichen Anschauung. Zur Ursache wird der Gegenstand erst, wenn wir etwa die Lichtstrahlen und Schallwellen in Betracht ziehen, welche auf unsere Sinnesorgane einwirken. Solche Reflexionen stellt der Physiologe an, nicht das naive Bewußtsein. Dieses trennt den Gegenstand nicht von seiner Anschauung desselben."


Hochgeehrte Versammlung!

In der jüngsten Zeit hat bekanntlich vielfach die Frage nach dem Zusammenhang und der Wechselwirkung der einzelnen Wissenschaften die Gemüter beschäftigt. Wenn schon in früheren Tagen besonders unsere Universitäten in ihrer Bestimmung, der allseitigen Pflege der Wissenschaft zu dienen, zu solchen Betrachtungen reichen Anlaß geboten, so sind es heute außerdem praktische Ziele, durch die jene Erörterungen ein lebendigeres Interesse gewinnen. Manche beginnen zu zweifeln, ob unsere universitas litterarum [Volluniversität mit allen Fakultäten außer den technischen - wp] in der gegenseitigen Abgrenzung ihrer Fakultäten und Lehrfächer noch, wie es wohl einst gewesen ist, ein durchweg treffendes Bild gibt vom großen Organismus der Wissenschaft. Man weist auf die Teilung der wissenschaftlichen Arbeiten hin, durch welche die verschiedenen Disziplinen mehr voneinand getrennt worden sind, und zuweilen regt sich selbst das Bedenken, ob die äußere Vereinigung der Wissenschaften ihrem wirklichen inneren Zusammenhang noch entspricht. Obgleich es nicht diese praktische Frage ist, für dich ich mir Ihre Aufmerksamkeit in dieser Stunde erbitte, so steht doch die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, zu ihr in einer nahen Beziehung. Denn indem ich es versuchen will, den Einfluß der Philosophie auf die Erfahrungswissenschaften an einigen hervortretenden Beispielen zu schildern, werde ich, wie ich hoffe, zugleich auf Erscheinungen hinweisen können, die, weit entfernt jene Meinung von der fortschreitenden Isolierung der Wissenschaften zu unterstützen, vielmehr von dem noch ununterbrochenen, ja gegenwärtig vielleicht wieder lebendiger als ehedem gewordenen geistigen Austausch zwischen denselben Zeugnis ablegen.

Die weitgehenden Wirkungen zu verfolgen, welche die Einzelwissenschaften während ihrer geschichtlichen Entwicklung aufeinander ausgeübt haben, würde wohl, so lohnend ein solches Unternehmen sein möchte, die Kräfte des Einzelnen weit übersteigen; auch dürften die Beziehungen, die hier aufzudecken wären, nicht selten allzu fern voneinander abliegen. Eine eher zu übersehende Aufgabe scheint es mir darum, von den Beziehungen jener Wissenschaft, welche selbst es mit den Prinzipien jener Wissenschaft, welche es selbst mit den Prinzipien und Methoden der Forschung zu tun hat, zu denjenigen Erfahrungswissenschaften, die ihr als nächste Grundlage dienen, ein Bild zu entwerfen. Handelt es sich doch dabei größtenteils um solche Einwirkungen, die, weil sie unmittelbar in der Natur der menschlichen Erkenntnis ihren Grund haben, im Wesentlichen unverändert andauern, mögen sie sich auch immerhin je nach dem augenblicklichen Zustand der Wissenschaft in etwas verschiedener Weise äußern.

Da wir die Erfahrung in eine äußere und in eine innere trennen, so bilden Naturwissenschaft und Psychologie die zwei allgemeinsten Erfahrungswissenschaften. So nahe auch die Psychologie durch ihre Geschichte und durch die Natur ihrer Probleme der Philosophie steht, so wird es daher für den gegenwärtigen Zweck wohl gestattet sein, sie der Naturwissenschaft der Philosophie gegenüberzustellen. Naturgemäß sind nun die Wechselwirkungen dieser letzteren mit jenen Erfahrungswissenschaften doppelter Art. Auf der einen Seite werden die der theoretischen Philosophie im engeren Sinn zugehörenden Gebiete, Logik, Erkenntnislehre und Metaphysik, von der Psychologie und von den Naturwissenschaften aus beeinflußt. Wird ja doch das logische Denken von unserem Bewußtsein zunächst in der Form der psychologischen Erfahrung erfaßt; von den Naturwissenschaften aber und der mit ihrer Hilfe groß gewordenen Mathematik hat einer der scharfsinnigsten Vertreter der neueren Logik wohl nicht mit Unrecht bemerkt, daß ihnen die wissenschaftliche Methodenlehre mehr verdankt als der Logik der Schule. Die Einflüsse vollends, welche Psychologie und Naturwissenschaft auf die metaphysischen Begriffe geäußert hat, bezeugt die Geschichte der Philosophie fast auf jeder ihrer Seiten, und das Studium der Geschichte der induktiven Wissenschaften gewinnt einen besonderen Reiz, wenn man den metaphysischen Ideen nachgeht, welche sich in ihnen als Vorläufer philosophischer Systeme entwickelt haben. Als ich vor Jahresfrist mein erstes philosophisches Lehramt angetreten habe, versuchte ich es hervorzuheben, wie gegenwärtig wieder im Innern der Einzelwissenschaften eine solche von den Systemen der Vergangenheit nicht überall befriedigte, der Zukunft zugewandte philosophische Bewegung sich gelten macht (1). Heute ist es die entgegengesetzte Seite jener Wechselwirkung, auf die ich für eine kurze Zeit Ihren Blick lenken möchte. Je mehr man in unseren Tagen mit Recht geneigt ist, den Einfluß der Erfahrung auf die Philosophie zu fordern, umso mehr dürfte es am Platz sein, eindringlich darauf hinzuweisen, wie andererseits gerade in der Gegenwart inmitten der Erfahrungswissenschaften die Philosophie ihren alten Einfluß behauptet.

Vielen unter uns lebt die Zeit noch in frischer Erinnerung, in welcher die Zersplitterung und wechselseitige Entfremdung der wissenschaftlichen Arbeiten vor allem in einer von Seiten der Naturwissenschaft geübten Geringschätzung der Philosophie sich kundgegeben hat. Daß daran die Stellung, welche der deutsche Idealismus dieses Jahrhunderts den Erfahrungswissenschaften gegenüber eingenommen hat, einen wesentlichen Teil der Schuld trägt, ist allbekannt. Heute hören wir darum überall aus dem Kreis der einzelnen Wissenschaften, sobald man wieder beginnt, sich der Philosophie zu nähern, die Äußerung laut werden, KANT sei derjenige Philosoph, dessen Standpunkt jenem der Erfahrungswissenschaften befreundet ist. Fragen wir aber nach dem Grund dieser Anerkennung, so liegt derselbe sicherlich nicht bloß darin, daß KANT von der Mißachtung, mit welcher der spätere Idealismus die Erfahrung behandelt hat, noch nichts wußte. Auch in der Zustimmung zu den einzelnen Lehren des kantischen Systems dürfte er schwerlich zu finden sein. Denn Wenige werden mehr mit der aus einer veralteten Psychologie erwachsenen Gliederung der menschlichen Geisteskräfte oder mit der Kategorienlehre oder gar mit der metaphysischen Begründung der Naturwissenschaft, wie sie KANT gegeben hat, einverstanden sein. Jene Anerkennung bezieht sich vielmehr auf die allgemeine Auffassung, die KANT vom Wesen unserer Erkenntnis besitzt. Diese ist nach ihm ein Produkt einerseits der Erfahrung, andererseits solcher Elemente, welche vor der Erfahrung in unserem Bewußtsein liegen, und welche alle Erfahrung formen und ordnen. Eine ähnliche Auffassung aber ist es, der die Erfahrungswissenschaften gegenwärtig von verschiedenen Seiten her aus eigenem Antrieb entgegengeführt werden. So bezeichnet jenes Gefühl der Verwandtschaft mit der Erkenntnistheorie KANTs, dessen sich die empirische Forschung heute bewußt wird, zugleich deutlich genug, daß sie die Wirkungen wieder lebhafter empfindet, welche die Philosophie auf sie ausübt.

Unter den Gebieten der reinen Philosophie ist es bekanntlich die Logik, die Lehre von den Formen und Methoden des Denkens und Erkennens, welche bei allem Wechsel der metaphysischen Systeme ihre Prinzipien seit Jahrtausenden unverändert bewahrt hat. In dieser Tatsache wurzelt ohne Zweifel das zu den verschiedensten Zeiten in der Philosophie hervorgetrene Bestreben, ein System der Erkenntnis aufzurichten, welchem die unwandelbare Sicherheit logischer Grundsätze als Fundament dient. So suchte LEIBNIZ schon den Grundsatz der logischen Schlußfolgerung zum allgemeinen Prinzip des Erkennens zu erheben; KANT leitete die Stammbegriffe des Verstandes aus den logischen Formen der Urteile her. Die spekulative Methode des neueren Idealismus endlich, wie sie von FICHTE begründet, von HEGEL ausgebildet worden ist, stützt sich auf die beiden logischen Sätze der Identität und des Widerspruchs. Das Ziel dieser Methode aber war darauf gerichtet, das logische Denken zur einzigen Quelle der Erkenntnis zu machen. Indem man so darauf ausging, Inhalt und Form des Erkennens in eins zu verschmelzen, mußte freilich der alte Bau der Logik selbst aus seinen Fugen weichen, und man untergrub das Fundament, auf dessen Sicherheit man vertraut hatte.

Aber nicht bloß innerhalb der Philosophie, auch in den Erfahrungswissenschaften ist das Bestreben, auf die unmittelbar einleuchtenden Grundsätze der Logik die wissenschaftlichen Wahrheiten zurückzuführen, mannigfach zutage getreten, und hier hat es sich vielleicht selten so lebendig geäußert wie in der Gegenwart. Fast könnte man auf den Gedanken geraten, die heutige Naturwissenschaft, so wenig ihr auch der spekulative Idealismus mit seinem Begriffskonstruktionen sympathisch zu sein scheint, erlebe trotzdem unbewußt an sich selbst dessen Nachwirkungen.

Das augenfälligste Beispiel bietet hier freilich diejenige Erfahrungswissenschaft, die sich am nächsten mit der reinen Philosophie berührt, die empirische Psychologie. Schon in den älteren psychologischen Darstellungen begegnen wir nicht selten einer Form der Erklärung, welche dahin abzielt, die psychologischen Vorgänge, wie die sinnliche Wahrnehmung, die Verbindung der Vorstellungen, als eine primitive Form logischer Gedankentätigkeit aufzufassen. Nennt doch ARISTOTELES bereits die Empfindung ein Urteilen, bei dem wir zwischen den Gegensätzen des Empfindbaren entscheiden. Einen breiteren Raum nimmt diese Auffassung ein in den klassischen Arbeiten BERKELEYs, aus dessen Abhandlung über das Sehen man an nicht wenigen Stellen einen Physiologen unserer Tage zu hören glaubt. Wie eindringlich in neuerer Zeit SCHOPENHAUER auf die intellektuelle Tätigkeit bei der Sinnesanschauung hingewiesen hat, und wie seine Ideen mit den Hypothesen, welche gegenwärtig in der Physiologie der Sinnesorgane die verbreitetsten sind, durch weg zusammentreffen, ist bekannt. Gewiß ist es bemerkenswert, daß nicht sowohl die philosophischen Bearbeiter der Psychologie als vielmehr die der Naturwissenschaft angehörenden Physiologen jenen logischen Gesichtspunkt in der weitesten Ausdehnung zur Geltung gebracht haben. Nicht zufrieden mit der Ableitung der Entfernungs- und Größenvorstellungen der Objekte und anderer mehr sekundärer Elemente der Wahrnehmung aus einer logischen Gedankentätigkeit, hat man hier sogar die ursprüngliche Anschauung des Raumes auf Urteile und Schlüsse zurückzuführen versucht.

Das Zugeständnis, daß diese logische Tätigkeit bei der sinnlichen Wahrnehmung ohne unser Bewußtsein vonstatten geht, entkleidet sie freilich in den Augen des Psychologen und des Logikers zum Teil wieder der Bedeutung, die man ihr beilegt. Für den Psychologen wird dadurch jene Auffassung zu einer Hypothese gestempelt, welche sich mit anderen Hypothesen über die gleichen Vorgänge zu messen hat. Der Logiker vollends kennt nur solche Urteile und Schlüsse, die mit Begriffen rechnen, und die daher ein von Vorstellungen getragenes Bewußtsein voraussetzen. Freilich scheinen nun hier gewisse Reformbestrebungen innerhalb der neueren Logik jener psychologischen Hypothese zu Hilfe zu kommen. Nicht der Begriff, sagt man, sondern die Vorstellung ist das Element des Urteils; zu Begriffen soll uns erst die Logik verhelfen, sie beginnt nicht mit solchen. So wahr es aber auch ist, daß dem logischen Denken sein eigentlicher Zweck genommen würde, wenn wissenschaftliche Begriffe gegeben sein müßten, ehe es beginnen sollte, so bilden doch Postulate solcher Begriffe die notwendige Voraussetzung aller unserer logischen Urteile. Bestimmtheit und Allgemeingültigkeit, welche für den wissenschaftlichen Begriff erfoderlich sind, können allerdings diejenigen Begriffe noch nicht besitzen, mit denen unser logisches Denken zu operieren beginnt. Aber als Forderungen müssen jene Eigenschaften in allen Begriffen enthalten sein, welche als Elemente unserer Urteil und Schlüsse sollen dienen können. In der Tat denken wir stets zu den äußeren Zeichen, deren wir uns zur Einkleidung unserer Gedanken bedienen, Bestimmtheit und Allgemeingültigkeit als allgemeine Forderungen hinzu. Bis zum heutigen Tag hat die Wissenschaft die Begriffe "Tier" oder "Pflanze" nicht endgültig festgestellt. Aber in dem Moment, wo die Sprache das Wort geschaffen hat, hat sie damit die Forderung eines allgemein gültigen Begriffs verbunden. Die Frage also, ob Vorstellung oder Begriff das Element des logischen Denkens sind, ist, wie ich glaube, im wörtlichen Sinn genommen, ein Wortstreit. Es frägt sich eben, ob man den Akt unseres Bewußtseins, der im Wort sein äußeres Zeichen findet, eine Vorstellung oder einen Begriff nennt. In Worte aber muß jedes Urteil zu kleiden sein: dies ist das unerläßliche Kriterium des logischen Denkens. Und dieses Kriterium entscheidet zugleich über die Bedeutung jener Hypothese, welche in der Sinneswahrnehmung und in manchen anderen psychologischen Prozessen eine intellektuelle Tätigkeit annimmt. Mit demselben Recht, mit dem man jene Prozesse als unbewußte Denkakte bezeichnet hat, kann man sie, wie es in der Tat geschehen ist, auch wortlose nennen. Die verschiedenen Elemente, nach denen wir z. B. die Entfernung eines Gegenstandes wahrnehmen, sind wir, da wir uns ihrer nicht bewußt werden, auch nicht imstande in Worten auszudrücken. Der Physiologe dagegen, der sich von jenen Elementen Rechenschaft gibt, wird naturgemäß für dieselben auch einen Ausdruck in der Sprache finden können. Nur darum ist er imstande, den ganzen Vorgang der Sinnesanschanschauung in der Form einer logischen Gedankentätigkeit darzustellen. Jene logische Hypothese über die Entstehung unserer Sinneswahrnehmungen ist in Wahrheit nichts anderes als eine Übertragung unserer Reflexion über den Vorgang auf den Vorgang selbst. Eine Erklärung der wirklichen psychologischen Prozesse gibt es nicht, denn statt dieselben objektiv aufzufassen, stellt sie den subjektiven Standpunkt des reflektierenden Beobachters in den Vordergrund. Daß dies gerade bei psychologischen Dingen leicht geschieht, ist begreiflich, da wir eben hier gleichzeitig Beobachter und selbst Gegenstand der Beobachtung sind. Immerhin scheint mir jene Umsetzung der inneren Vorgänge in eine logische Gedankentätigkeit nicht bedeutungslos zu sein. Sie ist nicht nur die leichteste und populärste Methode, durch die wir uns von den Elementen, welche bei der Bildung unserer Vorstellungen wirksam sind, Rechenschaft geben können, weshalb sie ben auch diejenige ist, auf welche wir die Beobachter bei dem Versuch, sich den Zusammenhang der inneren Erfahrungen zu erklären, so oft unabhängig voneinander stoßen sehen, - sie hat noch ein allgemeineres erkenntnistheoretisches Interesse. Dieses liegt gerade in der Tatsache, daß wir überall geneigt sind, andere psychologische Vorgänge, die sich unserem Bewußtsein unmittelbar durchaus nicht in der logischen Form darbieten, in diese Form umzuwandeln. Wodurch kommt in die logische Gedankenform diese Tendenz, sich alle möglichen Arten gesetzmäßiger Verbindung zu unterwerfen?

Diese Frage wäre wohl der Erwägung wert, auch wenn nur die Psychologie ihr gegenüberstünde. Doch wenden wir unseren Blick auf jene Wissenschaften, die sich die Erklärung der äußeren Natur zur Aufgabe gemacht haben, so sehen wir, daß hier die Logik eine durchaus ähnliche Wirkung ausübt wie auf dem Gebiet der inneren Erfahrung, wenn auch, den veränderten Bedingungen gemäß, in einer anderen Weise. Überall in der Naturerklärung begegnen wir dem Streben, auf die äußeren Naturerscheinungen die Forderung einer inneren Denknotwendigkeit anzuwenden. In zwei Begriffen findet diese Forderung ihren Ausdruck, im Begriff des Zwecks und in dem der wirkenden Ursache. Daß die äußere Welt zweckmäßig geordnet ist, daß jede Erscheinung in einem System vernünftiger Zwecke, welches wir die Weltordnung nennen, eine bestimmte Stelle einnimmt, ist eine Forderung, die der menschliche Geist von Anfang an der Natur entgegengebracht hat. Indem wir aber den Zweck als ein Produkt der Vernunft auffassen, geben wir ihm unmittelbar eine logische Bedeutung, insofern wir damit die Forderungen des logischen Denkens als Maß an ihn anlegen. Und auf demselben Boden ist der Begriff der ursächlichen Beziehung der Dinge erwachsen. Wenn wir verlangen, daß jede Erscheinung auf eine Ursache zurückgeführt werden muß, so bedeutet dies, daß nur durch die Auffindung der Ursache unser logisches Denken, welches überall nach einer Begründung der Tatsachen sucht, Befriedigung findet. Deutlich spricht sich dies in der Vertauschung der Ausdrücke Ursache und Grund aus, der wir so oft begegnen. Der Grund ist der allgemeinere Begriff; und er stammt zunächst aus dem logischen Denken: die Prämissen sind der Grund einer Schlußfolgerung. Indem wir also die Ursache als Grund bezeichnen, stellen wir die Forderung auf, daß die äußere kausale Beziehung durch unser begründendes Denken in ähnlicher Weise durchschaut werden muß wie der Zusammenhang der Urteile im Schluß.

So begegnen wir hier einer ähnlichen Tendenz, wie sie uns bei der Beurteilung der inneren, psychologischen Erfahrung entgegengetreten ist, der Tendenz nämlich, jede Art von Gesetzmäßigkeit, die uns die Beobachtung darbietet, in die Form der logischen Gesetzmäßigkeit umzuwandeln. Fragen wir aber, worin dieses Streben unseres erkennenden Geistes seine tiefere Wurzel hat, so zeigt sich, daß dasselbe in seinen verschiedenen Gestaltungen immer von einer übereinstimmenden Forderung ausgeht: von der Forderung, daß sich alles innere und äußere Geschehen mit Notwendigkeit ereignen muß. Dieses Prinzip der Notwendigkeit legen wir jeder wissenschaftlichen Untersuchung zugrunde; es ist nicht sowohl ein Gesetz als ein Postulat, mit dem wir bereits an die Erklärung der Dinge herantreten. Nun gibt es unter allen inneren und äußeren Erfahrungen nichts, was im gleichen Grad den Charakter innerer Notwendigkeit an sich tragen würde, wie das logische Denken. Ihm ist diese Notwendigkeit immanent. Während wir an alle anderen Erfahrungen immer nur die Forderung heranbringen, daß sie als notwendige begriffen werden sollen, sehen wir dieselbe in unserem logischen Denken unmittelbar schon erfüllt. So kommt es, daß wir dieses als die allgemeine Norm ansehen, auf die jede Art des Zusammenhangs unserer Vorstellungen zurückgeführt werden muß, um der Forderung innerer Notwendigkeit zu genügen.

Wollen wir entscheiden, ob und bis zu welcher Grenze dieser Einfluß der Logik auf unser wissenschaftliches Urteil ein berechtigter ist, so müssen wir uns vor allem über den inneren Vorgang nähere Bekanntschaft geben, der jener Erhebung des logischen Denkens zur Norm der wissenschaftlichen Erkenntnis zugrunde liegt. Dieser Vorgang läßt sich wohl am deutlichsten durchschauen auf dem Gebiet der inneren Erfahrung. Solange wir die Verbindung der einfachen zu zusammengesetzten Vorstellungen oder die Assoziation der letzteren als ein Geschehen betrachten, welches sich objektiv an den Vorstellungen ereignet, können wir in keiner Weise dazu gelangen, die psychologischen Gesetzmäßigkeiten logischen Gesichtspunkten unterzuordnen. Damit dies gelingt, müssen wir vielmehr die Verbindung und den Wechsel der Vorstellungen als eine von uns ausgehende Gedankentätigkeit aufzufassen suchen. Ich kann also z. B. schon die Empfindung ein Urteil nennen, wenn ich mich zwischen verschiedene Empfindungen gestellt denke und sie vergleichend gegeneinander abwäge. Die Wahrnehmung einer räumlichen Entfernung kann ich als einen Schluß bezeichnen, wenn ich mich als einen überlegenden Beobachter vorstelle, der die verschiedenen hier in Betracht kommenden Momente, wie Gesichtswinkel, Perspektive, Verschiedenheiten beider Netzhautbilder, in Rechnung zieht und auf diesem Weg zu einer bestimmten Schätzung der Entfernung gelangt. Psychologische Gesetzmäßigkeiten gehen also nur dann in die Form logischer Beurteilung über, wenn ich mir die psychologischen Erscheinungen als die eigenen spontanen Denkhandlungen meines Ich vorstelle. Wenn wir nun erwägen, wie die Verwechslung unseres inneren Seins mit unserem Selbstbewußtsein ein Vorgang ist, der sich im gewöhnlichen Denken fortwährend vollzieht, so begreifen wir leicht die Neigung, gerade auf die psychologische Erfahrung die logische Betrachtungsweise anzuwenden.

Schwieriger ist die Frage, wir wir dazu kommen, denselben Gesichtspunkt auch auf die äußeren Naturerscheinungen zu übertragen. Gelänge es, diese Erscheinungen ebenfalls als Denkhandlungen unseres Ich aufzufassen, so wäre damit der Weg gegeben, von einem Mittelpunkt, nämlich eben vom denkenden Ich aus, das ganze Reich des Wissens der logischen Gedankenbewegung zu unterwerfen. In der Tat hat FICHTEs subjektiver Idealismus diesen Weg eingeschlagen. Freilich sah er sich genötigt, die Objektivität als eine Schranke einzuführen, an welcher die Handlung des denkenden Ich gebrochen wird. An dieser Schranke ist aber auch FICHTEs Wissenschaftslehre gescheitert, die dem äußeren Naturzusammenhang ratlos gegenübersteht. Die äußere Natur läßt sich eben als eine bloße Fortsetzung der inneren Gedankenbewegung niemals begreifen; unmöglich können wir also auf sie in gleicher Weise den logischen Gesichtspunkt anwenden wie auf unsere innere Erfahrung.

Die beiden Begriffe, in welchen unsere logische Beurteilung der äußeren Natur ihren Ausdruck findet, Zweck und Kausalität, sind in dem allgemeineren Begriff der Naturordnung enthalten. Dieser letztere aber ist untrennbar von der Vorstellung einer ordnenden Vernunft, d. h. einer Gedankentätigkeit, deren Erzeugnis die Natur ist. Nun kann diese Gedankentätigkeit in einer doppelten Form aufgefaßt werden: entweder als eine der Natur selbst immanente Vernunft, die sich in unserem Bewußtsein höchstens wie in einem Spiegelbild darstellt, oder aber als eine Gedankentätigkeit, die unser Bewußtsein selbst zur Auffassung der Natur mit hinzubringt, die wir in die Außenwelt hineinlegen, weil wir dieselbe nur durch das Medium unseres vom Denken beherrschten Bewußtseins kennen. Die erste dieser Auffassungen führt zu einem objektiven Idealismus, wie zuletzt SCHELLINGs Naturphilosophie ihn zum Ausdruck gebracht hat, die zweite ist durch KANTs kritischen Idealismus begründet worden. Sie ist es zugleich, die mehr oder weniger bewußt in der gegenwärtigen Naturforschung ihre Geltung behauptet. Bei KANT selbst ist die logische Grundlage dieses Standpunkts noch einigermaßen verdunkelt. Wenn er sich auch bemüht, jene Stammbegriffe des Verstandes, welche ordnend alle unsere Erfahrungen beherrschen, aus den Formen der Urteile abzuleiten, so stehen doch Zeit und Raum bei ihm, obgleich sie ebenfalls subjektiven Ursprungs sind, außerhalb aller Verbindung mit den Grundgesetzen unseres Denkens. Hier nun gerade scheint die neuere Psychologie ergänzend eintreten zu wollen, indem sie auch jene Formen der Anschauung aus einer psychischen Tätigkeit abzuleiten sucht; eine verbreitete Richtung aber, die sich besonders in den physiologischen Theorien geltend macht, sucht speziell bei der Raumanschauung diese Tätigkeit unmittelbar als eine logische Gedankenbewegung aufzufassen. Meistens verdeckt man zwar zum Teil die logische Wurzel dieser Annahme wieder, indem man mit SCHOPENHAUER, mit dem ja jene Richtung der Sinnesphysiologie in so vielen Punkten übereinstimmt, den a priori in uns liegenden Begriff der Kausalität bei aller äußeren Anschauung wirksam sein läßt. Und hier scheint sich dann eine in der Naturwissenschaft überhaupt geläufige Ansicht mit den Ergebnissen der Sinneslehre in schönster Harmonie zu befinden. Denn so hoch die heutige Naturforschung die Erfahrung auch stellt, darüber sind doch nicht wenige Physiker einig, daß gewisse Elemente a priori sich bei unserer Naturerkenntnis wirksam erweisen, und hierhin rechnet man vor allem das Prinzip der Kausalität. Aber es scheint mir, als wenn in dieser Anwendung des Kausalprinzips auf die Sinnesanschauung eine jener Begriffsvertauschungen vorliegt, die für die Entwicklung unserer Erkenntnis so verhängnisvoll sind, eine Vertauschung nämlich des Begriffs der Ursache mit dem Erkenntnisgrund. Den äußeren Gegenstand sollen wir unmittelbar als die Ursache unserer Vorstellung denken, und ebenso sollen wir bei der Wahrnehmung der Größe, Entfernung und Anordnung der Objekte auf ursächliche Verhältnisse zurückgehen. Und doch bezieht sich der Begriff der Ursache überall auf ein Geschehen. Ursache ist nur was eine Wirkung hervorbringt. An eine Wirkung, die der Gegenstand auf uns ausübt, denken wir aber niemals bei der unmittelbaren sinnlichen Anschauung. An eine Wirkung, die der Gegenstand auf uns ausübt, denken wir aber niemals bei der unmittelbaren sinnlichen Anschauung. Zur Ursache wird der Gegenstand erst, wenn wir etwa die Lichtstrahlen und Schallwellen in Betracht ziehen, welche auf unsere Sinnesorgane einwirken. Solche Reflexionen stellt der Physiologe an, nicht das naive Bewußtsein. Dieses trennt den Gegenstand nicht von seiner Anschauung desselben. Und übersetzen wir uns selbst den psychologischen Vorgang, aus dem die Anschauung hervorgeht, in eine bewußte Reflexion, so treten in diese immer nur einzelne Empfindungen, niemals Einwirkungen eines äußeren Objekts als ihre Elemente ein. IN der Ordnung dieser Elemente folgt unsere Reflexion lediglich dem Prinzip des logischen Schließens, dem Erkenntnisgrund, nicht dem Kausalgesetz, dessen Wirksamkeit erst beginnt, sobald wir Veränderungen wahrnehmen, die wir in einen wechselseitigen Zusammenhang bringen.

Aber auch die Naturerklärung, welche diesen Zusammenhang endgültig festzustellen sucht und dabei überall mit dem Begriff der Ursache operiert, bringt diesen Begriff wohl nicht ursprünglich an die Erfahrung heran. Der Trieb, nach einem Grund der Erscheinungen zu suchen, muß zwar in uns gelegen sein, ehe auch nur der Versuch einer Naturerklärung beginnen kann, aber dieser Trieb hat seine Wurzel in unserem stets von Grund zur Folge oder von der Folge zum Grund fortschreitenden Denken. Nicht der Kausalbegriff, sondern das Prinzip des Erkenntnisgrundes ist uns angeboren. In diesem Sinne können wir sagen, daß das Gesetz der Kausalität aus der Erfahrung stammt, und daß es sich doch gleichzeitig auf die ursprünglichen Eigenschaften unseres Bewußtseins stützt. Aus der Erfahrung kommt die besondere Form des Zusammenhangs der Erscheinungen nach Ursache und Wirkung, das Verlangen aber, diesen Zusammenhang als einen allgemeinen und notwendigen zu begreifen, entstammt der Natur unseres erkennenden Geistes. Eben deshalb sind wir geneigt, die Kausalität dem Erkenntnisgrund unterzuordnen. Wir treten ja an die Natur heran mit der Forderung, die Vorstellungen, die wir von ihr empfangen, einzufügen in den Zusammenhang unseres Denkens, und unter dem gleichzeitigen Einfluß dieser Forderung und der Erfahrung hat der Begriff der Kausalität sich gebildet. So ist dieser Begriff einerseits zwar ein Reflex unseres denkenden Geistes, andererseits aber ist seine besondere Form von den Objekten der Erfahrung bestimmt, von welchen er reflektiert wird.

Noch in einer anderen Form pflegt sich dieser Zusammenhang des Erkenntnisgrundes mit dem Kausalprinzip zu äußern. Die erklärende Naturwissenschaft stellt es nicht nur als ihr Ziel hin, einen allgemeinen Zusammenhang der Erscheinungen nachzuweisen, sondern dieser Zusammenhang soll auch speziell ein solcher sein, daß, unter der Voraussetzung gewisser Grundhypothesen über die Beschaffenheit und den Zustand der Materie, alles Geschehen aus einigen wenigen allgemeinen Sätzen, den Axiomen der Größenlehre, der Geometrie und der abstrakten Mechanik, abgeleitet wird. In einzelnen Gebieten hat sich die mathematische Physik diesem Ziel in Bezug auf den letzteren Punkt, die Deduktion aus den Axiomen, schon in bewundernswertem Grad angenähert. Die Unsicherheiten, die noch bestehen, beziehen sich größtenteils nur auf die immer noch schwankenden Vorstellungen über die Natur der Materie. Jene Ableitung verfährt nun vollständig nach dem Prinzip des Erkenntnisgrundes. Die Axiome über Größe, Raum und Bewegung auf der einen Seite, die Hypothesen über die Materie auf der andern sind die Prämissen, aus welchen die mathematische Physik in einer ununterbochenen Kette von Schlußfolgerungen die allgemeinsten Naturerscheinungen abzuleiten sucht. Hier sehen wir nun offenbar das Streben, den Zusammenhang der Erscheinungen dem Prinzip des Erkenntnisgrundes unterzuordnen, auf dem Weg zu seiner Erfüllung. Der einzelne Zusammenhang, der uns zuerst nur in der Form der vereinzelten kausalen Beziehung entgegengetreten ist, fügt sich plötzlich in einen Gedankenzusammenhang ein, in welchem er als eine aus allgemeinen Prämissen mit Notwendigkeit zu folgende Wahrheit erkannt wird. Hier gerade ist es, wo selbst der allen Erkenntnisquellen außerhalb der sinnlichen Erfahrung skeptisch abgewandte Empirismus in der Naturforschung sich nicht den Einflüssen der Logik entziehen kann. Mag man, wie es von Seiten des neueren englischen Empirismus geschehen ist, die Geometrie wie auch die reine Größenlehre als Erfahrungswissenschaften betrachten, oder mag man, wie es in neuester Zeit mit Scharfsinn und Glück versucht worden ist, die abstrakte Mechanik als eine beschreibende Wissenschaft behandeln, um der Anerkennung unmittelbar evidenter Axiome in ihr zu entgehen: dem einen Postulat kann sich selbst der äußerste Skeptizismus nicht entziehen, wenn er nicht die Möglichkeit der Wissenschaft selbst bestreiten will, dem Postulat nämlich, daß alles Erkennen ein in sich zusammenhängendes sein muß. Wohl hat man diese Forderung selbst als ein Produkt der Erfahrung hinzustellen gesucht. Aber JOHN STUART MILL, der konsequenteste Verteidiger dieser Theorie, hat sich zum dem Zugeständnis genötigt gesehen, eine gewisse Neigung des menschlichen Geistes, aus einzelnen Tatsache allgemeine Gesetze zu abstrahieren, sei allerdings vorauszusetzen, um die Verbindung der Erscheinungen zu stande zu bringen. Diese Neigung des Geistes ist es eben, die erklärt sein will, und sie findet ihre Erklärung in der zwingenden Gewalt, mit der unser Denken uns antreibt, nach dem Gesetz von Grund und Folge die einzelnen Erfahrungen einem allgemeineren Zusammenhang unterzuordnen.

So macht die Logik aller Orten ihren Einfluß geltend. Hier sucht der spekulative Denker mit Bewußtsein ein Netz logischer Gedankenverbindungen über das ganze Gebiet des empirischen Wissens zu werfen. Dort folgt der empirische Forscher ohne es selbst zu wissen den Antrieben, welche das logische Erkenntnisprinzip auf ihn ausübt. Nur zu leicht vergißt der Erstere, daß zwar die Logik dem Erkennen seine Form gibt und ihm seine Normen vorschreibt, daß sie aber niemals imstande ist irgendeinen Erkenntnisinhalt aus sich zu erzeugen. Und nur zu leicht verstrickt sich der Letztere entweder in verkehrte Anwendungen des logischen Prinzips, oder er sträubt sich gegen dasselbe, wo er doch unbewußt im Begriff steht es anzuwenden. Der philosophischen Erkenntnistheorie kommt es daher zu, die Grenzen abzustecken zwischen dem was unserem Denken gegeben wird und dem was es selber hinzubringt, nachzuweisen, bis wohin die logischen Einflüsse innerhalb der Erfahrung berechtigt sind, und von wo an sie beginnen sich ein Recht anzumaßen, das ihnen nicht zusteht. Hier liegt ein Gebiet vor uns, wo die Philosophie ergänzend, berichtigend und fruchtbringend zurückwirken kann auf die Wissenschaft der Erfahrung.

Wie die Logik die allgemeine Form, so hat die zweite Disziplin der reinen Philosophie, die Metaphysik, den allgemeinsten Inhalt unseres Erkennens zu ihrem Gegenstand. Dieser Inhalt läßt sich nicht ohne eine Form denken; die Metaphysik steht daher unter dem unerläßlichen Einfluß der Logik. Andererseits kann aber die Form nicht den Inhalt aus sich erzeugen. Es muß also, wenn die metaphysische Untersuchung in Gang kommen soll, zu den logischen Prinzipien etwas weiteres hinzukommen. Dieses etwas kann die Metaphysik nirgendwo anders hernehmen als aus der Erfahrung, oder vielmehr aus den Erfahrungswissenschaften, nämlich aus jener geläuterten und berichtigten Erfahrung, welche die Wissenschaft zustande bringt. Wie aber die Metaphysik auf diese Weise notwendig und mit Recht von den Erfahrungswissenschaften aus beeinflußt wird, so übt sie ihrerseits Rückwirkungen auf die letzteren.

Oft hat man von Seiten der empirischen Forschung die Metaphysik wegen ihrer Wandelbarkeit angeklagt. Und doch ist diese Wandelbarkeit schließlich nur eine Folge der gewaltigen Umgestaltungen, welche die einzelnen Wissenschaften selbst fortwährend erleiden, und welche uns zu einer abschließenden Erkenntnis niemals gelangen lassen. In dem ungeheuren Umfang der Erfahrung findet sich unser Bewußtsein unendlich viel später zurecht als im begrenzten Gebiet seines eigenen Denkens. Indem aber dieses letztere nach Erkenntnis der Welt drängt, entstehen vorzeitige und unreife metaphysische Versuche. Die philosophischen Systeme sind es nicht allein, in denen solche Versuche zutage treten. Mitten in den Erfahrungswissenschaften sind die handgreiflichsten Spuren derselben zu finden. Ist doch schon das gewöhnliche Bewußtsein in einer Menge metaphysischer Vorurteile befangen, deren Beseitigung der Wissenschaft schwer genug fällt.

Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß es keine leichte Aufgabe sein würde die Einflüsse der Metaphysik auf die Erfahrungswissenschaften im Einzelnen nachzuweisen. Denn es handelt sich hier um Wechselwirkungen, welche von der Entwicklung der Wissenschaften selbst außerordentlich abhängig sind und darum weniger gleichförmig andauern. Wenn wir nur auf das gegenwärtige Jahrhundert zurückblicken, so lebt aus dem Anfang desselben der Einfluß von SCHELLINGs Naturphilosophie auf die empirische Naturforschung, aus der späteren Zeit die gewaltige Rückwirkung, welche HEGELs System auf den ganzen Umfang der Geisteswissenschaften geübt hat, noch in Aller Erinnerung; von KANT ganz zu schweigen, der, nachdem die Spekulation, die an ihn angeknüpft hat, ihre nächste Wirkung wieder verloren hat, heute vielleicht in den Erfahrungswissenschaften mächtiger fortwirkt als jemals. Nicht weniger übt HERBART im Kreis der exakten Wissenschaften zwar eine an Umfang beschränktere doch nicht weniger tiefgehende Wirkung noch heute aus, während sich SCHOPENHAUER mit den Erfahrungswissenschaften vor allem durch seine erkenntnistheoretischen Untersuchungen berührt, die mit den metaphysischen und ethischen Ansichten, denen er seinen populären Erfolg verdankte, nicht in einem notwendigen Zusammenhang stehen. Auch der Einflüsse, welche der Empirismus und der Materialismus während einer längeren Zeit auf die Naturwissenschaften gewonnen haben, ist hier zu gedenken. Nichts kann irriger sein als die verbreitete Meinung, daß diese Anschauungen aus der Entwicklung der Naturforschung selber hervorgegangen sind. Von den Philosophen, von BACON und LOCKE, ist der Standpunkt des neueren Empirismus begründet worden; philosophische Schriftsteller, die französischen Enzyklopädisten des vorigen Jahrhunderts, haben dem modernen Materialismus sein eigentümliches Gepräge gegeben, und noch bei den neuesten, angeblich mit den Waffen der Naturwissenschaft kämpfenden Verteidigern dieser Richtung sind viel deutlicher die Spuren jener ihrer Vorgänger zu finden als diejenigen der heutigen Naturforschung. Diese huldigt allerdings in zahlreichen ihrer Vertreter noch immer einem praktischen Empirismus, der alles was philosophischer Spekulation ähnlich sieht möglichst weit von sich fern hält. Aber der gefürchteten Metaphysik entgeht dieser landläufige Empirismus nur darum doch nicht. Seine Metaphysik besteht eben darin, daß er zu den metaphysischen Vorurteilen des gemeinen Bewußtseins zurückkehrt, die er mit einigen Widersprüchen bereichert, welche die Wissenschaft in dieselben hineinbringt. Er glaubt also z. B. an die unmittelbare Realität der sinnlichen Wahrnehmung, und er muß doch auf der anderen Seite zugeben, daß vermöge der Resultate, zu denen Physik und Physiologie gelangt sind, die Dinge in Wirklichkeit nicht so sind, wie sie unseren Sinnen erscheinen.

Doch es würde zu weit führen, hier im Einzelnen die Spuren zu verfolgen, an denen sich der Einfluß der Metaphysik in den Erfahrungswissenschaften bemerkbar macht. Nur auf zwei Fragen sei hier hingewiesen, welche zugleich die Grundfragen der Psychologie und der erklärenden Naturforschung sind: es ist die Frage nach dem Wesen der Seele auf der einen, die Frage nach dem Wesen der Materie auf der anderen Seite. Die Lehre, daß die Seele ein einfaches Wesen, eine Monade ist, ist vor LEIBNIZ nur in unsicheren Anfängen vorhanden; ihre Ausbildung gehört durchaus der Metaphysik des LEIBNIZ an. Die Rückwirkung aber, welche diese Lehre auf die empirische Psychologie, auf die Ansichten über das Bewußtsein, über die Natur der Vorstellungen und die Gesetze des Wechsels derselben geübt haben, ist so unermeßlich groß, daß heute selbst Derjenige, der an jener metaphysischen Annahme zweifelt, sich kaum ihrem Einfluß ganz entziehen kann.

Nicht minder stammt diejenige Theorie der Materie, in der die heutige Naturforschung immer einstimmiger wird, aus der Metaphysik her. Ursprünglich lehnt sie sich an die alten Vorstellungen des DEMOKRIT an; dann begegnen wir, namentlich bei den Chemikern wie BOYLE und DALTON einer Verbindung der Atomistik DEMOKRITs mit einer qualitativen Elementenlehre. Heute hat sie sich von dieser ihrer Grundlage allmählich immer weiter entfernt. Immer verbreiteter treffen wir die Ansicht, daß die Uratome einfach und ausdehnungslos sind. Hier aber lassen sich die Spuren von LEIBNIZ und HERBART nicht mehr verkennen. Nicht als ob den Naturforschern, die heute mehr oder weniger ausgesprochen der einfachen Atomtheorie zugetan sind, jene Beziehung immer deutlicher bewußt würde. Diejenigen Einwirkungen auf unsere Anschauungen sind ja in der Regel die tiefgehendsten, die so sehr Bestandteile unserer Bildung ausmachen, daß wir uns von ihnen keine Rechenschaft geben können. Jene Idee der einfachen Atomistik bietet wohl zugleich einen Fall dar, wo die Metaphysik nicht die Wissenschaft bloß mit verworrenen und fruchtlosen Ideen bereichert hat, wie es manche Naturforscher als Regel ansehen. Denn jener Gedanke der einfachen Atomistik gewinnt ja, wie Niemand, der den neueren Fortschritten der Physik und Chemie gefolgt ist, verkennen kann, von Tag zu Tag mehr Boden in den Resultaten der empirischen Forschung.

Wenn man sich dieses Zusammenhangs der wissenschaftlichen Ideen nur erst recht bewußt wird, und wenn man zugleich bedenkt, daß die Sünden, welche die philosophischen Systeme begehen, zu einem guten Teil zumindest von den Erfahrungswissenschaften mit verschuldet werden, so wird die Zeit vielleicht nicht mehr fern sein, wo auch die vielgeschmähte Metaphysik bei den empirischen Forschern wieder einigermaßen zu Ehren kommt. Dieses Ziel herbeiführen zu helfen, muß sich vor allem die Philosophie bemühen, da sie neben ihren anderen Aufgaben auch die hat, von jenen wichtigen und tiefgehenden Wechselwirkungen der Wissenschaften ein Bild zu entwerfen. Denn die Geschichte der Philosophie gewinnt einen wesentlichen Teil ihres Interesses gerade daraus, daß das ganze wissenschaftliche Bewußtsein der Zeiten sich in den philosophischen Anschauungen spiegelt. Besonders die deutsche Philosophie trägt deutlich die Spuren dieser Wechselwirkungen an sich. Und wer könnte sich hier der Anerkennung entziehen, daß wir dies nicht zum kleinsten Teil unserer universitas litterarum verdanken, die wohl im Großen und Ganzen auch heute noch der inneren Beziehung der Wissenschaften die richtige äußere Form gibt, indem sie jenen oberen Fakultäten, welche die Wissenschaft mit Rücksicht auf die praktischen Bedürfnisse des Lebens vertreten, die philosophische Fakultät hinzufügt, damit sie die Wissenschaft um ihrer selbst willen und als allgemeine Grundlage der praktischen Wissenszweige zu pflegen hat. Irre ich nicht, so beginnt man gegenwärtig mehr, als es während längerer Zeit geschehen ist, wieder die mannigfachen Förderungen zu empfinden, welche die verschiedenen Gebiete der Forschung voneinander empfangen. Es kann nicht ausbleiben, daß man sich dabei zugleich jener Einwirkungen wieder bewußt wird, die jetzt wie immer die Philosophie von den Einzelwissenschaften erhält und auf sie ausübt. Vielleicht werden damit auch die Versuche verschwinden, welche der philosophischen Fakultät ihre Bedeutung, als Vermittlerin jener Beziehungen zu dienen, entziehen möchten, indem sie dieselbe in eine Anzahl von Fachschulen zerspalten wollen. Niemand könnte einen solchen Schlag schwerer empfinden als der Vertreter der Philosophie, derjenigen Wissenschaft, die nur aus der lebendigen Verbindung mit den Einzelwissenschaften immer neues Leben zu schöpfen vermag. Mich aber erfüllt es mit besonderer Freude, daß mir, an diese durch alten Ruhm und neuen Glanz gleich ausgezeichnete Hochschule berufen, die Ehre zuteil wird in eine philosophische Fakultät einzutreten, die alle jene Bedingungen, welche eine fruchtbringende Wechselwirkung der Wissenschaften verbürgen, in so seltener Weise in sich vereinigt.

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Über den Einfluß der Philosophie auf die Erfahrungswissenschaften, Leipzig 1876
    Anmerkungen
    1) Über die Aufgabe der Philosophie in der Gegenwart, akademische Antrittsrede, Leipzig 1874.