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RUDOLF EISLER
Das Einheitsprinzip
der Erkenntnis


"Der Begriff der Einheit gründet sich auf eine Funktion des Bewußtseins selbst; Einheit ist etwas, was in und durch das Bewußtsein dann gesetzt, erzeugt wird, wenn irgendein Inhalt aus der Fülle möglicher Bewußtseinsinhalte herausgehoben und für sich im Bewußtsein festgehalten wird (analytische Einheit) oder wenn eine Mannigfaltigkeit von Inhalten oder von analytischen Einheiten zusammengefaßt wird (synthetische Einheit)."

"Das theoretische Einheitsstreben ist schon in der Wahrnehmung wirksam. Gewisse Momente im Wahrnehmungsinhalt selbst lösen triebmäßig die Tendenz aus, aus dem Strom der das Bewußtsein durchziehenden Eindrücke Teile herauszuheben und zu besonderen Gruppen, anschaulichen Einheiten zusammenzufassen, zu verbinden. Solche räumlich und zeitlich fixierten Komplexe von Wahrnehmungsdaten, mit denen sich auch Erinnerungsbilder, reproduzierte Elemente oder etwa Reproduktionstendenzen verbinden, bilden dann den Ausgangspunkt für weitere Analysen und Synthesen, für eine weiter gehende geistige Verarbeitung."

"Von innen, vom zentralen Ich, von dessen auf theoretische und praktische Ziele gerichteten Willen geht hier die Formung der Bewußtseinsinhalte aus. Der aktive Denkwille ist mehr oder weniger bewußt auf die Herstellung einheitlicher Zusammenhänge gerichtet, die aus dem Assoziationsmaterial aktiv herausgearbeitet und miteinander zu höheren, komplexeren, umfassenderen Einheiten verknüpft werden."

"Einheiten erzeugt das Denken zunächst in den Begriffen, deren höhere Formen freilich schon Urteilsakte voraussetzen. Von einem bestimmten, einheitlichen Gesichtspunkt aus werden im Begriff Vorstellungselemente als zusammengehörig, eine bestimmte Art von Gegenständen bestimmend, charakterisierend, zu einer gedanklichen Einheit verbunden."

"Der Erkenntniswille ist auf die Erstellung einheitlicher Zusammenhänge von zunächst in der Anschauung gegebenen Erlebnisinhalten gerichtet. Etwas erkennen wollen heißt: wissen, sich bewußt sein-wollen, welche allgemein und notwendig herzustellen und anzuerkennende Verknüpfung (Synthesis) von Daten zur möglichst eindeutigen Bestimmung des Wesens eines Objektes oder einer Klasse von Objekten - aufgrund regelmäßig sich einstellender Erlebnisse - gefordert erscheint."

I. Von den frühesten Zeiten philosophischer Spekulation an bis herauf zur jüngsten Gegenwart begegnen wir dem Bestreben, die Mannigfaltigkeit des Gegebenen sowie auch die Vielheit der Dinge und Kräfte auf irgendeine Einheit zurückzuführen oder sie auch aus einer solchen Einheit, einen einheitlichen Prinzip, abzuleiten. Am weitesten gehen jene Philosophen, welche nicht bloß nach einer qualitativen Einheit, einer Einheit des Wesens der Wirklichkeit streben, sondern auch nach einer numerischen Einheit, in dem Sinne, daß der Vielheit der Erscheinungen nur ein einziges absolutes Wesen gedanklich zugrunde gelegt wird, mag dieses nun als Geist, Materie, Kraft oder als qualitativ unfaßbares Seinsprinzip bestimmt werden. Die verschiedenen Arten "monistischer" Weltanschauung treten uns da entgegen, so der Spiritualismus und metaphysische Idealismus, der Materialismus, der metaphysische Dynamismus, die Idealitätslehre, und diese Weltanschauungen nehmen den Charakter eines "singularistischen" Monismus an, wenn sie alle Dinge als bloße unselbständige Modifikationen eines allein absolut realen Urwesens betrachten, welches öfter pantheistisch mit der Gottheit identifiziert wird. Nun fehlt es freilich in der Geschichte der Philosophie nicht an einer häufigen Bestreitung und Ablehnung der streng monistischen Weltanschauungen, der "Dualismus" und "Pluralismus" verfechten immer wieder das Recht der Annahme zumindest einer Zweiheit von Seinsprinzipien (Geist und Körper), bzw. einer Vielheit selbständiger Wirklichkeitselemente (Monaden, Atome und dgl.) Aber auch die nicht-monistischen Weltanschauungen entbehren keineswegs ganz des Zuges nach Einheit; ein schroffer Dualismus, der die Körper- und Geisteswelt nicht auf einen einheitlichen göttlichen Weltgrund zurückführt, findet sich nur höchst selten, und auch der Pluralismus anerkennt vielfach einheitliche Beziehungen zwischen den Wirklichkeitselementen, ganz abgesehen von vermittelnden Standpunkten, welche die Einheit und Vielheit des Seienden irgendwie miteinander zu vereinbaren suchen.

Es handelt sich überall nur um ein verschiedenes Ausmaß der Betätigung des metaphysischen (spekulativen) Einheitsstrebens. Wir kommen auf dieses noch zu sprechen. Hier sei zunächst nur bemerkt, daß dieses Streben nur die höchste Zuspitzung eines allgemeinen Einheitsstrebens bedeutet, nur eine Abart des universalen theoretischen Einheitswillens, der allem Erkennen immanent ist, ihm als eine seine Entwicklung leitende Triebkraft zugrundeliegt. Und zwar einmal als mehr passiver (besser "reaktiver") Einheitstrieb, dann aber auch als spontaner, aktiver Einheitswille im engeren Sinn, der wiederum durch eine psychische "Mechanisierung" einen triebhaften Charakter annehmen kann, wie andererseits das oft nur dumpfbewußte, ganz in seinem Inhalt aufgehende, in ihm versenkte reaktive Einheitsstreben bis zur Stufe des sein Ziel klar erfassenden und seiner selbst bewußten aktiven Willens zur Einheit emporzusteigen vermag.

Definieren läßt sich Einheit nicht, sie ist ein Grundbegriff, der sich nicht auf andere, allgemeinere Begriffe zurückführen läßt. Dennoch gibt es ein Wissen um das, was unter "Einheit" zu verstehen ist; es entsteht durch die Reflexion auf das, was das Wort "Einheit" meint, und es ist auch möglich, das "Fundament" des Einheitsbegriffs aufzuzeigen. Jeder Begriff hat ein solches Fundament, mag dieses nun in äußeren oder in inneren Wahrnehmungen oder aber in unmittelbaren Beziehungen oder in Forderungen und dgl. bestehen. Der Begriff der Einheit gründet sich auf eine Funktion des Bewußtseins selbst; Einheit ist etwas, was in und durch das Bewußtsein dann gesetzt, "erzeugt" wird, wenn irgendein Inhalt aus der Fülle möglicher Bewußtseinsinhalte herausgehoben und für sich im Bewußtsein festgehalten wird ("analytische" Einheit) oder wenn eine Mannigfaltigkeit von Inhalten oder von analytischen Einheiten zusammengefaßt wird ("synthetische" Einheit). Das "Erlebnis" der Einheit ist keine besondere Einheitsempfindung oder Einheitsvorstellung, sondern ein zwar ursprünglich noch vorbegriffliches, aber doch in einer primären Denkfunktion gegründetes Wissen. Die Einheit als solche, als eigenartige Bewußtseinsqualität, ist nicht aus der analytisch-synthetischen Funktion ableitbar, aber sie hat diese zur Bedingung, sie hat ohne sie - oder doch ohne deren Möglichkeit - keinen Bestand; sie ist an einen möglichen Akt der Einheitssetzung gebunden, von einem solchen nur in der Abstraktion trennbar. Einheit ist nichts passiv Gegebenes, sondern die Richtung des Bewußtseins auf Einheit (das "Erfassen" der Einheit) schließt einen Bewußtseinsakt ein. Die Einheit selbsst abber ist vom Erlebnis der Einheit zu unterscheiden, sie ist der Inhalt oder Gegenstand dieses Erlebnisses, die Form, welche das dem Bewußtsein Gegebene annehmen kann oder muß. Sie ist zwar keine ansich existierende Eigenschaft der Dinge, aber sie kann objektive Bedeutung haben, für das Seiende gelten, dieses selbst bestimmen. Was mit Recht, aufgrund empirisch-rationaler Forderungen, als Einheit gesetzt ist, bzw. zu setzen wäre, ist oder hat tatsächlich, wirklich Einheit, ganz unabhängig vom einzelnen subjektiven Erlebenk, ja auch im Gegensatz zu einem solchen. Von der subjektiven Wahrnehmungs- und Vorstellungseinheit ist die objektive, erfahrungs- und denknotwendige Einheit der Erkenntnis und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ist auch das Einheitsstreben als solches subjektiv, d. h. eine Subjektfunktion, so kann es doch auf Objektives, auf Objektivität gerichtet sein. Eine "voluntaristische" Erkenntnistheorie braucht keineswegs subjektivistisch zu sein, es ist auch ein objektivistischer Voluntarismus möglich, der den Logismus nicht aus-, sondern einschließt. Der Wille, weit entfernt, der Objektivität Abbruch zu tun, kann - theoretisch und praktisch - geradezu Objektivität schaffen, indem er das Denken und Handeln in eine auf Universalität, die Überwindung subjektiver Einseitigkeiten zielende Richtung bringt. Die dauernde Urbedingung dazu ist eben der objektive Einheitswille. -

Das theoretische Einheitsstreben nun - das mit dem praktischen und ästhetischen Einheitsstreben zur Gattung des allgemeinen Willens zur Einheit gehört - ist zunächst schon in der Wahrnehmung wirksam. Gewisse Momente im Wahrnehmungsinhalt selbst lösen triebmäßig die Tendenz aus, aus dem Strom der das Bewußtsein durchziehenden Eindrücke Teile herauszuheben und zu besonderen Gruppen, anschaulichen Einheiten zusammenzufassen, zu verbinden. Solche räumlich und zeitlich fixierten Komplexe von Wahrnehmungsdaten, mit denen sich auch Erinnerungsbilder, reproduzierte Elemente oder etwa Reproduktionstendenzen verbinden, bilden dann den Ausgangspunkt für weitere Analysen und Synthesen, für eine weiter gehende geistige Verarbeitung. Das ursprünglich "Gegebene" (1) ist weder eine Einheit noch eine Vielheit, sondern etwas relativ Chaotisches, das sich erst in mehr oder weniger deutlich unterschiedene Elemente und einheitliche Verbindungen solcher gliedert. Auch von einer "Kontinuität" des primitiven Bewußtseinslebens kann nicht gesprochen werden, da Stetigkeit und Diskretheit der Erlebnisse nicht schon ursprünglich mit diesem zum Bewußtseinsinhalt gehören.

Triebmäßig und vielfach ganz "mechanisiert" (automatisiert) reagiert das Einheitsstreben in den Prozessen der rein assoziativen Verbindung der Empfindungen und Vorstellungen. Es besteht die Tendenz, Vorstellungselemente, die in irgendeiner Beziehung zusammengehören oder Bestandteile eines Ganzen einer Einheit bilden, auf dem Weg der Reproduktioin wieder zu einer Einheit des Bewußtseins zu verbinden, wobei auch schon die bloße Einheit des Gefühlstons, der Stimmung assoziativ wirksam sein kann. Die Vorstellungen sind nicht selbständig wirkende Kräfte, die einander gewissermaßen anziehen, sondern sie lösen, als Momente des seelischen Prozesses, das der Psyche eigene Einheitsstreben aus, welches sie zueinander führt, wobei der emotionale Faktor des Bewußtseins, das Gefühl, bald völlig zurücktritt, bald aber auch sich in gewissem Grad bemerkbar macht. So ist schon im assoziativen Geistesleben der Wille, wenn auch nur als einfacher, meist unterbewußter Triebwille, von dynamischer Bedeutung.

Ist in den assoziativen Prozessen der Einheitswille rein impulsiv und mehr aufgrund äußerlicher Anregung oder Aufstachelung wirksam, so entfaltet sich im Prozeß der "aktiven Apperzeption" (im Sinne WUNDTs) in verschiedenem Maß die Selbsttätigkeit ("Spontaneität" des Bewußtseins. Das ist der Fall einerseits in den Erzeugnissen der aktiven, kombinierend-schöpferischen Phantasie, welche aus den durch Wahrnehmung und Gedächtnis erworbenen Vorstellungselementen und Vorstellungen neue anschauliche Einheiten gestaltet, andererseits in den Produkten des Denkens, welches teils unmittelbar an der Anschauung, teils an gedanklichen Bearbeitungen von Anschauungsmaterial sich betätigt. Von innen, vom zentralen Ich, von dessen auf theoretische und praktische Ziele gerichteten Willen geht hier die Formung der Bewußtseinsinhalte aus. Der aktive Denkwille ist mehr oder weniger bewußt auf die Herstellung einheitlicher Zusammenhänge ("apperzeptiver Einheiten") gerichtet, die aus dem Assoziationsmaterial aktiv herausgearbeitet und miteinander zu höheren, komplexeren, umfassenderen Einheiten verknüpft werden. Die Apperzeption wirkt hier bewußt "selektiv"; sie bringt jene Elemente zu einem klaren und deutlichen Bewußtsein, die durch das Denkziel, das theoretische Bedürfnis und Interesse, den Erkenntniszweck gebraucht und gefordert werden. Nicht das bloß äußerlich, zufällig oder durch bloß subjektive Einflüsse sich Zusammenfindende wird hier einheitlich verknüpft, sondern das innerlich Zusammengehörige, das zur Herstellung innerer Zusammenhänge des Bewußtseinsinhaltes Taugliche ist es, was uns in den gedanklichen oder logischen Einheiten entgegentritt, in den Begriffen, Urteilen und Schlüssen. Das Ziel des einheitlichen Zusammenhangs determiniert die Richtung der aktiven Geistesarbeit und die Prozesse der Reproduktion, Analyse, Synthese; es bringt die vergleichend-beziehende Bewußtseinstätigkeit in Fluß, und so entstehen Einheitsgebilde, welche dem Denk- und Erkenntniswillen, dem Willen zur einheitlichen Bestimmung des Seins und Soseins von Gegenständen aller Art und zur Begreiflichkeit der Zusammenhäng derselben gemäß sind. Denken ist zwar nicht selbst Wollen, aber doch eine (innere) Willensbetätigung; der Wille ist der Motor des Denkens, er gibt diesem die Richtung auf ein Ziel und macht es so zu einem teleologischen Prozeß. Das streng logische Denken aber ist jenes, welches vom reinen Denkwillen geleitet ist; dieser Wille ist auf einen möglichst lückenlosen und vollständigen einheitlichen Zusammenhang der Gedanken und des Gedachten gerichtet, auf die Herstellung und Gewinnung allgemeingültiger Denkeinheiten. Gegenüber allen subjektiven Wollungen, Neigungen, Interessen und Wünschen geht der logische Wille auf solche Zusammenhänge aus, die von aller bloß subjektiven, individuell wie gattungsmäßig menschlichen Willkür und Stellungnahme unabhängig gelten können. Das logische Denken ist daher nicht das psychologische, subjektiv variierende, durch die verschiedensten Umstände und Motive bedingte Denken, sondern das durch den reinen Denkwillen geleitete und durch dessen absolute Forderungen normierte, den Denknormen gemäße Denken.

Einheiten erzeugt das Denken zunächst in den Begriffen, deren höhere Formen freilich schon Urteilsakte voraussetzen. Von einem bestimmten, einheitlichen Gesichtspunkt aus werden im Begriff Vorstellungselemente als zusammengehörig, eine bestimmte Art von Gegenständen bestimmend, charakterisierend, zu einer gedanklichen Einheit verbunden. Durch eine tiefere Einsicht in dasjenige, was als konstant zusammengehörig und als für das zu Begreifende Charakteristische, Bedeutsame, "Wesentliche" zu gelten hat, erfahren die meisten Begriffe allmählich ihre Vervollkommnung, sie werden immer korrekter, präziser, exakter, können in steigendem Maß Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Sachgemäßheit erheben. - Die "Ineinssetzung", welche der Begriff als synthetische Einheit bedeutet, ist eine Funktion, die auch im Urteil zutage tritt. Im Urteil kommt die Zusammengehörigkeit von Anschauungs- und Begriffselementen lebendig zum Ausdruck, indem Subjekt und Prädikat aufeinander bezogen und als eine Einheit konstituierend bestimmt werden, aufgrund der unmittelbaren Analyse eines Anschauungsinhaltes oder auf der Grundlage schon vorhandener Begriffe. Solche bilden die Bestandteile von Urteilen, während andere Begriffe erst als Niederschlag von Urteilen, in und mit diesen, entstehen. Ob die Ineinssetzung das Wesen des Urteils erschöpft oder nicht, bleibt hier dahingestellt, jedenfalls ist sie eine Hauptfunktion des Urteils. Der Schluß endlich ist die Synthese mehrerer Urteile zu einem neuen Zusammenhang, dessen Einheit im Schlußsatz formuliert wird; letzterer ist ein durch andere Urteile vermitteltes Urteil. Wie durch das Urteil können auch durch Schlüsse Begriffe eine Fortbildung erfahren oder neu entstehen. Der Begriff bildet sowohl den Ausgangs- wie den Endpunkt von Urteilen, er ist zuhöchst die Einheit zusammengehörender Urteilsmöglichkeiten und Urteilsnotwendigkeiten, eine Anweisung auf solche.

Das streng logische Denken hat seine eigene Gesetzlichkeit, und diese entspringt dem logischen Einheitswillen. Die logischen Denkgesetze sind ein Ausfluß der Autonomie des reinen Denkwillens. Da dieser auf die unbedingte Einheit von Denkinhalten und Denkzusammenhängen geht, so sind die Denkgesetze der Identität, des (zu vermeidenden) Widerspruchs und des zureichenden Grundes Forderungen, denen alles Denken genügen muß, um zumindest formal richtig, d. h. dem Denkziel überhaupt gemäß zu sein; sie sind die obersten Normen, nach welchen alles Denken beurteilt, theoretisch gewertet wird. Sie gelten schlechthin für alles Denken, weil ohne ihre Befolgung ein einheitlicher Zusammenhang der Denksetzungen nicht erzielt werden kann. Sie müssen daher von jedem, der richtig denken will, befolgt und anerkannt werden, sind also von der Willkür und Subjektivität der Denkenden völlig unabhängig, Bedingungen des logischen, richtigen "Denkens überhaupt", wann, wo und in wem es psychologisch verwirklicht werden mag. Da sie die Form des logischen Denkens selbst konstituieren, können sie durch keine Erfahrung und kein Denken umgestoßen werden; sie gelten "a priori", jeder Versuch, sie denkend zu bestreiten, setzt unweigerlich schon ihre Geltung, ihre Richtigkeit voraus. (2)

Das Denken als biologisch-psychischer Vorgang mag sich erst allmählich herausgebildet, entwickelt haben; sobald aber einmal richtig, mit Erfolg gedacht wird, gedacht werden soll, muß in den logisch geforderten Formen gedacht werden. Die logischen Denkgesetze sind durch das reine Denkziel bedingt und zugleich mit dem Denken ursprünglich gesetzt; sie stammen nicht von außen. Als Grundsätze entspringen sie aus der Reflexion auf das Wesen und die Aufgabe des Denkens selbst. Ohne die Festhaltung der Einheit der im Denken gebrauchten Begriffe, ohne das Trachten nach Vereinbarkeit verschiedener Urteile über denselben Gegenstand und nach einer Vermeidung von Urteilen, die das durch vorhergehende Urteile Gesetzte und Anerkannte wieder aufheben, ohne die Rechtfertigung von Urteilen durch andere als den Grundlagen ihrer Setzung und Geltung ist das logische Denkziel nicht erreichbar. Die Einstimmigkeit des Denkens mit sich selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Phasen, Momente und Erzeugnisse ist die Grundforderung, der kategorische Imperativ der Logik, des in ihr sich äußernden theoretischen Vernunftwillens.

Die logische Denkgesetzlichkeit, die logische Geltung überhaupt, ist von der psychologischen Gesetzmäßigkeit des Denkens scharf zu unterscheiden. Für die psychologische Betrachtungsweise kommt der zeitlich-kausale Zusammenhang der Denkvorgänge in Betracht, und auch wenn hier das Denken als zielstrebige Tätigkeit untersucht wird, so wird die Frage, ob das Denkziel erreicht wird oder nicht, nicht berücksichtigt. Vom rein logischen Gesichtspunkt aus kommt nun gerade die Richtigkeit, die Normgemäßheit, der theoretische Wert der Denksetzungen oder Denkerzeugnisse in Betracht. Es handelt sich hier um Geltungszusammenhänge, die, als solche, nicht zeitlich-kausaler Art sind. Sie stützen sich auf die Grundforderung des logischen Einheitswillens als oberste Denksetzung und Voraussetzung. Der logische Einheitswille kommt hier nicht als psychischer Vorgang in der Zeit (als Willensvorgang) in Betracht, sondern rein durch seinen Inhalt oder Gehalt; durch diesen obersten Willensgegenstand, dieses oberste Ziel des Denkens, dessen Anerkennung schlechthin gefordert ist, sind alle logischen Sondergeltungen als solche bedingt. Der Zusammenhang dieser Geltungen oder geltenden Denksetzungen stellt ein eigenes Gebiet dar, das weder zur Sphäre des physischen noch zu dem den psychischen Geschehens gehört, sondern sich (mit SIMMEL u. a.) als "drittes Reich" oder (mit HUSSERL) als Reich der "idealen Geltungseinheiten" oder als die "ideelle Shäre" bezeichnen läßt. Dieser Inbegriff von Geltungen und Wahrheiten hat aber nicht etwa eine geheimnisvolle selbständige Sonderexistenz, ist nichts Metaphysisches, sondern gehört zum denkenden Bewußtsein überhaupt, ist vom "Denken überhaupt" nicht abzutrennen, welches immer ein Denken von Inhalten, nicht ein für sich bestehender leerer Akt ist, der irgendwie einen ihm von außen zukommenden Inhalt oder Gegenstand aufnimmt oder erfaßt. Es gehört zum Wesen des Denkens selbst, daß es sich einerseits als eine Reihe von Denkvorgängen und andererseits als ein Zusammenhang von (gültigen) Denksetzungen betrachten läßt. Daß beide Betrachtungsweisen - die kausal-zeitliche, genetische, psychologische und die ideell-normative, logische - reinlich auseinandergehalten werden müssen, muß freilich gegenüber allem "Psychologismus" betont werden. Die Frage nach der Ursache und der zeitlichen Entstehung des Denkens und der Gedanken ist von der Frage nach dem Grund von Denksetzungen nach der Geltung von Gedanken auf das Schärfste zu unterscheiden; die Einheit des Kausalzusammenhangs der Denkvorgänge und Denkgebilde ist eine andere als die Einheit des rein logischen Zusammenhangs der Gedanken, die Einheit der "Logizität".

Die Idee einer Denkeinheit und ihre Steigerung zum Ideal des möglichst vollkommen einheitlichen Denkzusammenhangs leitet, reguliert, normiert das Denken der Individuen wie insbesondere das interindividuelle, wissenschafliche Denken. Das Denken als zeitlich-geschichtlicher Prozeß geht darauf aus, diese Idee in immer umfassenderer und angemessener Weise zu verwirklichen, d. h. Gebilde zu erzeugen, die der logischen Idee möglichst adäquat sind. Nun kann allerdings ein in gewisser Hinsicht formal richtiges Denken zu material falschen Resultaten führen, nämlich allemal dann, wenn aus irrigen Vorauings ein in gewisser Hinsicht formal richtiges Denken zu material falschen Resultaten führen, nämlich allemal dann, wenn aus irrigen Voraussetzungen, aus unzureichenden oder nicht entsprechenden geistigen Bearbeitungen von Erfahrungsmaterial Folgerungen gezogen werden. Die Gedanken entsprechen dann zwar den Normen des Folgerns und Schließens, aber nicht der Gesetzlichkeit des der Erfahrung (im engeren Sinne) selbst zugrundeliegenden, ihr immanenten, sie konstituierenden Denkens und damit auch nicht den Gegenständen dieses Denkens, den Erfahrungsobjekten; die Ergebnisse des Schließens weichen dann von den durch die Erfahrungsgesetzlichkeit bedingten und geforderten Denksetzungen ab, sie sind ihnen nicht konform, stimmen mit ihnen nicht überein, enthalten keine materielle Wahrheit, gelten nicht für die Wirklichkeit.

Von dem in jeder Beziehung richtigen Denken aber ist zu sagen, daß es für alle Gegenstände eines Denkens überhaupt, für das Seiende, die Wirklichkeit, die Realität gilt. Auf die Frage: wie ist es möglich, daß nicht bloß das rein ideelle, sondern auch das reale Sein den Denkgesetzen unterworfen, vom Logischen beherrscht ist? lautet die Antwort: Weil die Bedingungen des (richtigen) Denkens der Objekte zugleich Bedingungen dieser Objekte selbst sind. Den Gegenstand endlichen Denkens bildet ja nie und nimmermehr das über alle erfahr- und denkbaren Relationen erhabene "Ding-ansich" oder besser das "Ansich der Dinge", das "Absolute", sondern die Art und Weise, wie sich dieses Absolute für ein erkennendes Bewußtsein darstellt bzw. sich allgemein und notwendig darstellen muß, also der Inbegriff der "Erscheinungen" des "Ansich". Was nicht in die Formen des (anschaulichen und abstrakt-begrifflichen) Denkens eingeht, kann nicht zum Gegenstand des Denkens werden, bedeutet für dasselbe nichts positiv Bestimmtes, Bestimmbares. Ansicht gibt es keinen "Gegenstand" als solchen, der Begriff eines solchen schließt schon die Beziehung auf ein zumindest mögliches, unter bestimmten Bedingungen lebendiges Bewußtsein ein, so scharf man auch die Objekte von den unmittelbaren Inhalten des Bewußtseins und Denkens methodisch unterscheiden und die Unabhängigkeit der Erkenntnisobjekte von den besonderen erkennenden Subjekten und deren zufälligen Erlebnissen und Standpunkten betonen muß.

Die Forderung nach einer Einheit des Denkens und der Gedanken hat demnach eine objektive Bedeutung. Die Denkgesetzlichkeit, die Logik, in der sie zum Ausdruck gelangt, hat ja natürlich außerhalb alles möglichen Denkens oder Gedachtseins keine Existenz. Aber sie ist keineswegs etwas bloß Subjektives, mit dem die erfahrbare Wirklichkeit nichts zu tun hat. Indem der Denkwille die Widerspruchslosgikeit des Denkens fordert, postuliert er diese zugleich für die Verbindung der Merkmale der Objekte und dieser selbst. Was unbedingt einen Widerspruch im Denken, in den Begriffen, Urteilen und Schlüssen, einschließt, das kann nicht bloß nicht gültig gedacht werden, es kann eo ipso [schlechthin - wp] auch nicht sein, weil eben das uns zugängliche Sein direkt oder indirekt nur aufgrund gültiger Denksetzungen bestimmt werden kann. Das "Sein" braucht kein reines Denkerzeugnis zu sein, aber es wird immer, als objektives, allgemeingültiges Sein und Sosein - auf der Grundlage von Erlebnissen, von anschaulich Gegebenem - denkend bestimmt, und muß daher der Denkgesetzlichkeit konform sein; so unabhängig es von allen subjektiven Bewußtseinszuständen ist, so "transsubjektiv" es auch ist, liegt es doch nicht jenseits allen Gedachtseins als etwas absolut Transzendentes, sondern es ist dem logischen "Bewußtsein überhaupt" immanent, bleibt stets auf ein solches bezogen, was immer ihm "ansich" zugrundeliegen mag. Sind die in Begriffen und Urteilen vollzogenen Synthesen, Einheitsverknüpfungen so, wie sie durch die logisch-methodologische Gesetzlichkeit gefordert werden, dann gelten sie einerseits für alles Denken, andererseits für alle die durch sie angezeigten Objekte des Denkens.

II. Der Einheitswille, der im formal-logischen Denken das oberste Apriori bildet, ist schon die ("transzendentale") Quelle der Erfahrungs- und Erkenntniszusammenhänge. Solche Zusammenhänge objektiver, allgemeingültiger Art sind uns nicht von selbst und von vornherein gegeben, so daß wir sie nur passiv zu erfassen oder im Bewußtsein abzuspiegeln brauchen, sondern sie entspringen einer (reaktiv-aktiven) Verknüpfungstätigkeit des erkennenden Bewußtseins, und ihre Gültigkeit stützt sich auf fundamentale, ursprüngliche, in der Gesetzlichkeit des Erkennens selbst wurzelnde Forderungen des Willens zur Erkenntnis. Dieser Erkenntniswille ist auf die Erstellung einheitlicher Zusammenhänge von zunächst in der Anschauung gegebenen Erlebnisinhalten gerichtet. Etwas "erkennen" wollen heißt: wissen, sich bewußt sein-wollen, welche allgemein und notwendig herzustellen und anzuerkennende Verknüpfung (Synthesis) von Daten zur möglichst eindeutigen Bestimmung des "Wesens" eines Objektes oder einer Klasse von Objekten - aufgrund regelmäßig sich einstellender Erlebnisse und Erlebnismöglichkeiten - gefordert erscheint. Der Erkenntnisprozeß beginnt mit der ganz triebmäßigen Synthese anschaulich gegebener Inhalte, welche räumlich-zeitlich geordnet werden, zu Komplexen, die durch ein primäres Denken als "Dinge" mit "Eigenschaften" bestimmt werden und durch ein ebensolches Denken zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Gegenstände der Erfahrung als solche sind nicht fertig gegebene und passiv vorgefundene Realitäten, sondern sind durch Funktionen des Bewußtseins bedingt, die freilich nicht willkürlich und grundlos, sondern nur aus Anlaß bestimmter Erlebnisse, sinnlicher Wahrnehmungsdaten wirksam sind. An den so erzeugten Erfahrungsobjekten betätigt sich das denkende Erkennen immer weiter und erarbeitet sich die als objektive Tatsachen bezeichneten einheitlichen Zusammenhänge von Daten zu einer möglichen Erfahrung mit zunehmender Genauigkeit und Vollständigkeit.

Einheit ist die gemeinsam oberste Voraussetzung der objektiven Erfahrung und der Erfahrungsobjekte. Erfahrung im engeren, vom bloßen, subjektiv variierenden, individuell oft ganz verschiedenen Erlebnis unterschiedenen Sinne, enthält schon ein primäres Denken, ist schon durch Funktionen der Einheitsverknüpfung bedingt. Diese Funktionen sind, als Erfahrung bedingend, sie der Form nach erst begründend, "transzendental" und die Begriffe und Grundsätzes, welche diese Funktionen als solche fixieren, haben "apriorische" Geltung, das heißt: sie sind weder aus dem Erfahrungsmaterial abstrahiert, noch auf dem Weg induktiver Verallgemeinerung gewonnen, sondern gelten von vornherein für alle mögliche Erfahrung, weil sie nichts anderes zum Inhalt haben, als eben die Formen und Bedingungen objektiver "Erfahrung überhaupt", wann und wo und von wem auch immer sie "gemacht" werden mag. Erfahrung als Prozeß ist schon geistige Tat, sie ist die primäre und immer neu einsetzende, sich wiederholende Einheitssynthese des Intellekts, welche den Ausgangspunkt, die Grundlage für weitere, umfassendere Synthesen, für das begrifflich-abstrakte, schließende Denken gibt, welches wieder auf den Erfahrungsprozeß zurückwirkt. Erfahrung schließt also einerseits schon ein Denken ein, andererseits steht sie zum Denken im Verhältnis der Wechselwirkung und gegenseitigen "Anpassung". Die objektive Erfahrung ist denkbestimmt; das auf die Erkenntnis der Wirklichkeit gerichtete Denken hat die Erfahrung zum Leitfaden; deren intellektual-gesetzliche Verarbeitung ergibt gegenständliche Erkenntnis. Die Erfahrung selbst ist schon Herstellung und Gewinnung einheitlicher Zusammenhänge von Erkenntniselementen und das Fundament zur Erarbeitung von Zusammenhängen höherer Ordnung, in welchen eine Mannigfaltigkeit verschiedener Erfahrungen sich zu einer Einheit verknüpft. Alles Denken, sofern es nicht ein reines Denken der Formen und Gesetze des Denkens selbst und des Erfahrungsprozesses ist, bezieht sich auf Erfahrung. Diese ist teils der konstante Ansatzunkt für das Denken, teils der Zielpunkt desselben, sofern nämlich die Idee möglichst vollkommener Erfahrung dem wissenschaftlichen Denken die Richtung gibt.

So ist die objektive Erkenntnis erfahrungsbezogen, ohne doch - KANT hat dies in grundlegender Weise dargelegt - bloß aus einer gegebenen Erfahrung zu entspringen. Die Bedingungen, Formen, Gesetze der Erfahrungstatsachen aussagenden Urteile sind nicht Erzeugnisse der Erfahrung, sondern gehen ihr logisch - nicht zeitlich, nicht als angeborene Begriffe! - voran, weil sie selbst erst Erfahrung ermöglichen. Die durchgängige Beziehung dieser "apriorischen" Erkenntnisformen, der "Kategorien" der Substanz, Kausalität und dgl. und der Grundsätze ihrer Anwendung (Satz von der Erhaltung der Substanz, der Kraft und dgl.) auf mögliche Erfahrung bedeutet, daß sie für sich allein keinen objektiven Inhalt haben, daß sie nur dazu dienen, Erfahrung zu konstituieren. Die formalen Grundbegriffe und Grundsätze der Erkenntnis sind die notwendigen Mittel im Dienst des Willens zur Erfahrung; sie sind durch die Idee der Erfahrung aufgegeben, gefordert und gesetzt. Die "transzendentale Deduktion" der Kategorien und Grundsätze empirischer Erkenntnis kann nur darin bestehen, daß die Gültigkeit, die Gebrauchsnotwendigkeit derselben aus der Geltung der Erfahrungsidee abgeleitet, gerechtfertigt (legitimiert) wird. Die Kategorien sind verschiedene Arten der Synthese von Erfahrungsmaterial zur Einheit objektiver Erfahrung; in ihnen und in den Grundsätzen der Erkenntnis bekundet sich der dem Erkennen zugrundeliegende, es normierende Einheitswille. Der Wille zur objektiven Erfahrung, die selbst nichts anderes ist als ein einheitlicher Zusammenhang von Daten, bedingt die Gültigkeit der Kategorien und Grundsätze, weil diese die absolut notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen eines solchen einheitlichen Zusammenhangs, die Mittel zur Herstellung desselben sind. Erfahrung im engeren Sinne ist kein assoziativ verbundenes wechselndes Vorstellungsgemenge, sondern eine Verknüpfung von Daten nach einheitlichen und allgemeingültigen Gesichtspunkten, durch welche ein eindeutig fester Zusammenhang, eine bestimmte Ordnung in das Gegebene hineinkommt. Erfahrung bedeutet einheitliche Ordnung, d. h. ein Gliederung und Zusammenfassung des Gegebenen nach einheitlichen Gesichtspunkten zu Einheiten, die für jedes erkennende Bewußtsein als möglich und notwenig, als geboten, als "aufgegeben" erscheinen.

Die der Erfahrung zugrundeliegenden Bedingungen sind nun, wie wir dies wieder im Geistes des Kritizismus formulieren müssen, die Bedingungen auch der Objekte der Erfahrung, die sie konstituierenden formalen Faktoren derselben. Damit vollendet sich die "transzendentale Deduktion" der Kategorien und Grundsätze. Während nach der Ansicht des passivistischen "Empirismus" die Grundbegriffe und Grundsätze deshalb und nur soweit gültig sind, weil und sofern sie durch die Objekte der Erfahrung gegeben sind, rechtfertigt der Kritizismus das Vertrauen auf die universale Geltung jener Erkenntniselemente daraus, daß wir ohne ihren Gebrauch gar nicht mit Erfahrungsobjekten zu tun hätten, sondern nur mit einem Chaos ungeordneter oder doch nicht einheitlich geordneter, subjektiver Erlebnisse. Gewiß, nicht selbstherrlich und willkürlich erarbeitet sich das Denken die Objekte der Erkenntnis, es kann sie nicht völlig schöpferisch aus nichts erzeugen, es betätigt sich an einem Material, das zwar für, aber nicht rein durch das Denken gegeben ist, zu dessen Begreiflichkeit es vielleicht der Annahme eines "Ansich" der Erfahrungsobjekte bedarf. Und im Einzelnen muß sich das Denken mit seinen Kategorien und Grundsätzen an das anschaulich sich Darstellende richten, ihm anpassen. So ist z. B. der Kausalität: "Alle Veränderung hat eine Ursache", von apriorischer Geltung; was aber im Einzelfall als Ursache anzusetzen ist, das kann nicht im Voraus durch bloßes Denken festgestellt werden, ebenso nicht, was konkret als "Substanz", als das im Wechsel der physischen Veränderungen sich konstant Erhaltende zu betrachten ist, so sicher wir voraussetzen, daß etwas (wenigstens relativ) Beharrliches den beobachteten Verändungen zugrunde liegt. Die Kategorien sind Konstituentien des "Objekts überhaupt" [Dings-ansich | wp], d. h. Bedingungen der Möglichkeit einer Beziehung zusammengehöriger Vorstellungen auf eine sie für alles Erkennen zusammenschließende, verknüpfend Einheit; die besonderen empirischen Objekte aber, die mannigfachen objektiven Erkenntnissynthesen, sind aus der Gesetzlichkeit des Denkens allein nicht ableitbar, nicht restlos begreiflich zu machen. Wie sehr auch das Denken von der subjektiv-qualitativen Seite des anschaulich Gegebenen abstrahiert, um den Gegenstand exakt naturwissenschaftlicher Erkenntnis möglichst bloß aus quantitativ bestimmbaren, raum-zeitlich-kausalen Relationen aufzubauen - sei es nun in der Weise eines Mechanismus, Dynamismus oder der Energetik - immer bleibt es auf das anschaulich gegebene Material der Erfahrung bezogen, durch das es sich im Einzelnen mit bestimmen lassen muß. Die Synthese zur Einheit als solche ist unter allen Umständen eine Leistung des Intellekts und ebenso sind die obersten Grundsätze der Einheitsverknüpfung im Wesen des erkennenden Bewußtseins selbst gelegen, die einzelnen Resultate der Erkenntnistätigkeit aber, welche sich als die besonderen Objekte der Erfahrung darstellen, sind einheitliche Zusammenhänge, bzw. gesetzliche Notwendigkeiten solcher Zusammenhänge, die nicht mehr allein auf die Form denkender Verknüpfung zurückzuführen sind. So sind dann auch die besonderen Gesetze des objektiven Geschehens nicht rein apriorischer Natur, sondern werden durch eine Anwendung der obersten Grundsätze des Denkens und Erkennens auf das Erfahrungsmaterial erkannt, sind also "empirisch behaftet", wenn auch die Gesichtspunkte, welche die Forschung bei der Aufsuchung von Gesetzen des Geschehens leiten, den Rang apriorisch gültiger Ideen, oberster Voraussetzungen, mit denen wir an das Gegebene herantreten und von dem wir erwarten, daß es sich ihnen fügt, d. h. sich ihnen gemäß bearbeiten läßt, besitzen. Die apriorische Geltung der Prinzipien der Erkenntnis wird durch die theoretische Zweckmäßigkeit derselben, ihre ausnahmslose Brauchbarkeit und Bewährung für die Erfahrung und die Gewinnung von Erfahrungszusammenhängen ergänzt.

Raum und Zeit und die Kategorien sind Formen der Ordnung der Daten zu einer möglichen Erfahrung. So bedeutet das Neben- und Auseinander eine bestimmte Art und Weise, solche Daten in Reihen und ein System von Reihen zu bringen. Ebenso ist das Nacheinander und jede Phase desselben, sei es Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, eine Ordnungsweise, eine "Form" des Gegebenen. Aber wir müssen die subjektive Raum- und Zeitvorstellung vom objektiven Raum und der objektiven Zeit unterscheiden. Erstere ist rein anschaulich und weist bei verschiedenen erlebenden Subjekten und auch bei ein und demselben Subjekt mannigfache Schwankungen auf. Der objektive Raum und die objektive Zeit hingegen sind begrifflicher Art, sie sind schon der Niederschlag einer denkenden Verarbeitung der unmittelbaren, primären Anschauungsformen und haben einen allgemeinen, für alle erkennenden und nach objektiver Erfahrung stehenden Subjekte einen gemeinsamen, identischen Beziehungspunkt. Sie sind nicht bloß Ordnungen und Ordnungsmöglichkeiten, sondern einheitliche, allgemeingültige Ordnungsnotwendigkeiten (3), System, in welchen jede Erscheinung ihre feste, unverrückbare Stelle einnimmt. Die Raum- und Zeitordnung der Wissenschaft ist frei gemacht vom Wechsel und der Verschiedenheit subjektiver Erlebnisstandpunkte, sie ist eine streng methodische Synthese, ist von einer einheitlichen Idee, vom reinen Willen zur Einheit beherrscht. Das Gleiche gilt für die Beurteilung der Bewegung der Dinge, die für die Wissenschaft irgendein einheitliches, wenn auch letzten Endes ideelles Bezugssystem erfordert; selbst konventionelle willkürliche Bezugnahmen müssen, um eine objektive Erfahrungserkenntnis zu ermöglichen, einheitlich sein und sich von subjektiv variablen Bewegungsvorstellungen freimachen. Wohl hat es alle Erfahrungserkenntnis, auch die der exakten Wissenschaften mit Relationen zu tun; aber die Art und Weise, wie das einzelne Subjekt als solches zwischen seinen Erlebnisinhalten Beziehungen herstellt, wird von der Wissenschaft überwunden, indem sie unter dem Einfluß der Einheitsidee zu einheitlichen Relationszusammenhängen unaufhörlich vorzudringen bestrebt ist. Zu diesen Relationen gehören auch die kausalen Beziehungen der Phänomene, welche die Wissenschaft durch die Formulierung von "Gesetzen" des physischen und psychischen Geschehens ebenfalls einheitlich gestaltet. Und wenn auch die historischen Wissenschaften oder Methoden nicht auf die Erkenntnis von Gesetzen ausgehen, so benützen sie doch solche zur Gewinnung einheitlicher Zusammenhänge der geschichtlichen Ereignisse, die als solche einmal sind, sich nicht wiederholen; auch die Beziehung historischer Fakta auf einheitliche Ziele und Werte dient der objetiven Ordnung geschichtlicher Erfahrungsmaterialien. Das ideale Ziel der Einheit leitet alle Forschung und ist die Voraussetzung, die aller Hoffnung auf die Gewinnung objektiver Wirklichkeitserkenntnis zugrundeliegt. Indem eine solche Erkenntnis in immer vollkommenerer Weise zustandekommt, bewährt sich die Einheitsidee und die Erwartung ihrer Verwirklichungsmöglichkeit auf das glänzendste durch die Tat selbst. Der Idealismus der Wissenschaft, der Theorie wird nicht zuschanden; so kann er zur sicheren Grundlage eines Idealismus der Praxis werden. Die Idee einer einheitlichen Ordnung stiftet eine Einheit zwischen Erkennen und Handeln, Theorie und Praxis; sie rechtfertigt den "Aktivismus" und "methodischen Monismus".

Ein bedeutsames Ergebnis meiner Untersuchung ist Folgendes: Die (objektiv-empirische) Wirklichkeit selbst ist schon auf eine Idee bezogen, ist geradezu die "Verwirklichung" einer solchen, so daß also nicht bloß die Praxis von Ideen geleitet ist. In der uns zugänglichen objektiven Wirklichkeit realisiert sich in einem stetig fortschreitenden Prozeß der naiven und methodisch-wissenschaftlichen Erkenntnis die Idee objektiver Wirklichkeit, d. h. die Idee eines einheitlich geordneten, systematischen Zusammenhangs möglicher Erfahrungsinhalte. Die subjektive Erkenntnistätigkeit ist objektiv gerichtet, sie wird zunächst vom Willen zur Objektivität, von einem Wahrheits- und Wirklichkeitswillen geleitet, der eben nur in der Herausarbeitung eines einheitlichen Zusammenhangs seine Erfüllung zu finden vermag. Nur soweit es uns gelingt, das gegebene Erfahrungsmaterial auf feste Einheiten zu beziehen, es konstanten, gesetzlichen Einheitszusammenhängen einzuordnen, dringen wir zu Tatsachen vor. Diese Tatsachen, diese empirischen Wirklichkeiten sind nicht Dinge-ansich, nicht jenseits alles erkennenden Bewußtseins gelegene Wesenheiten, aber auch nicht bloße subjektive Vorstellungen. Der Erkenntniswille geht ja geradezu darauf aus, das in Erlebnissen Gegebene so zu verarbeiten, daß alles bloß Subjektive eliminiert und nur das begrifflich herausgearbeitet wird, was zur allgemeingültigen Bestimmung von Objekten geeignet erscheint. Die Erkenntnisarbeit besteht nicht bloß in subjektiven Zusammenfassungen und Ordnungen, etwa zum Zweck der "Denkökonomie", der Ersparung geistiger Arbeit, die ja als Nebenzweck und Nebenwirkung auch ihre große Bedeutung hat, sondern in einer Ordnung des Gegebenen nach Prinzipien einer die Erfahrungsgegenstände selbst konstituierenden und für alles Erkennen in gleicher Weise gültigen Einheit. Die "äußere", sinnlich vermittelte Erfahrung hat zum Gegenstand die allen Subjekten gemeinsame, in ihren Relationen und Gesetzen für alle identische, gleiche Außenwelt. Die Kategorien der Substantialität (Dinglichkeit) und Kausalität, angewandt auf die räumlich-zeitliche Ordnung des Gegebenen, bedingen die Setzung einer Vielheit relativ selbständiger Objekt-Einheiten, die miteinander in Wechselwirkung stehen.

In diesem System objektiver Erfahrungsinhalte nehmen auch die einzelnen psycho-physischen Subjekte, die als Zentren von Erlebnissen sich betätigenden menschlichen Organismen eine Stelle ein, deren Zustände und Reaktionen von der Umwelt beeinflußt und deren Wahrnehmungen von der Wirksamkeit äußerer "Reize" abhängig sind. Weit entfernt, etwa aus sich allein die Objektwelt zu erzeugen, bilden die psycho-physischen Subjekte zusammen mit den äußeren Objekten den Inhalt des (rein logischen, transzendentalen) "Bewußtseins überhaupt", d. h. sie sind mit den Gegenständen äußerer Erfahrung auf allgemeine Geltungen und ideelle Funktionen bezogen, im Übrigen aber kommt ihnen genau der gleiche Existenzwert zu wie den Dingen der Außenwelt. Die Besinnung auf die Bedingtheit des Erfahrbaren durch das transzendentale, erfahrungserzeugende Bewußtsein ändert nicht das Geringste an der "empirischen Realität" der Wirklichkeitsfaktoren und an dem zwischen diesen bestehenden Verhältnis relativer Unabhängigkeit; sie dient nur der erkenntniskritischen Begreiflichkeit der Erkenntnis und deren Übereinstimmung mit den Objekten, sowie der Abhaltung von allem metaphysischen Dogmatismus. Von irgendeinem schlechten Subjektivismus, subjektiven Idealismus oder gar "Solipsismus" kann hier keine Rede sein. Ist doch das eigene empirisch-historische "Ich" des Erkennenden um nichts "realer" als die fremden Ichs, deren Setzung und Anerkennung aufgrund kategorialer Verarbeitung des Gegebenen und zum Verständnis desselben unweigerlich geboten ist. Ohne die Supposition [Unterordnung - wp] eines dem eigenen analogen "Innenseins" nicht bloß der den Mitmenschen, sondern auch den Tieren, Pflanzen, ja schließlich auch dem Anorganischen eignenden Körperlichkeit ist ein einheitliches Verständnis der wahrnehmbaren Körperreaktionen nicht möglich. Dieses fremde "Fürsichsein" oder "Innensein", diese fremde Subjektivität ist aber gedanklich, dem vollen Sinn der Setzung nach, von der "eigenen" als "andere", dem Bereich der eigenen Ich-Funktionen und Ich-Erlebnisse nicht angehörende, ebenso selbständige und wirksame, ein eigenes Reaktionszentrum bedeutende Innerlichkeit unterschieden. -

Kurz: der "kritische Idealismus" schließt den "empirischen Realismus" ein; er hat insofern durchaus den Charakter des Objektivismus, mag nun letzten Endes ein dem Erkennen absolut transzendentes "Ansich" der Dinge - der Außen- und Innenwelt - angenommen werden oder nicht. Der Einheitszusammenhang, der die erfahrbare Welt ausmacht, ist keinesfalls identisch mit dem bloßen Ablauf des subjektiv-seelischen Lebens, sondern befaßt dieses in Verbindung mit dem physischen Sein und Geschehen in sich, er ist beiden Erscheinungsweisen, beiden "Seiten" der empirischen Wirklichkeit übergeordnet.

"Physisches" und "Psychisches" sind nicht zwei selbständig nebeneinander bestehende Seinsarten, aber auch nicht miteinander identisch. Eine ursprünglich noch ungeschiedene Erfahrungsganzheit, eine Fülle möglicher Erfahrungsinhalte wird durch die Methodik des Denkens und Erkennens zu zweierlei Systemen von Erscheinungen verarbeitet. Das eine System, das der sinnlich vermittelten, äußeren Erfahrung, steht für die Erkenntnis durch die Synthese raumzeitlicher Daten zu Ding-Einheiten, deren qualitative Eigenschaften möglichst auf rein quantitativ-dynamische Relationen, auf gesetzliche Modifikationen räumlicher Verhältnisse zurückgeführt werden. Der Erkenntnis- und Forschungswille ist auf dem Standpunkt äußerer Erfahrung auf allgemeingültige, vom subjektiven Erleben als solchem unabhängige, objektive, räumliche Einheiten und Beziehungen zwischen solchen gerichtet, und dieses Erkenntnisziel bestimmt die Art und Weise der begrifflichen Verarbeitung des Gegebenen. Für diesen Standpunkt gibt es schließlich, wenn er konsequent behauptet wird, nur Körper und Körperliches, bewegte und bewegungsfähige Massen und Massenteilchen (Atome, Elektronen) sowie an ihnen haftende oder auch sie selbst konstituierende Kräfte und Energien. Die streng zu fordernde Einheit der Betrachtungsweise und Methodik schließt das logische Postulat ein, innerhalb des gesamten Systems äußerer Erfahrung als solcher nichts anderes zu setzen und gelten zu lassen als immer wieder nur räumliche, materielle, bzw. dynamisch-energetische Agentien und Vorgänge. Nach diesem Prinzip, das sich auch heuristisch als höchst fruchtbar erweist, sind alle Hypothesen und Interpolationen der exakten Naturwissenschaft zu orientieren. Reinliches Denken ist hier das erste Gebot; keine nichtphysischen, immateriellen, psychischen Faktoren dürfen zur Erklärung physikalisch-chemischer Erscheinungen als solcher herangezogen werden; das geschlossene System naturwissenschaftlicher Erkenntnis (im engeren Sinne) darf nirgends durchbrochen werden, soll nicht durch die Vermengung der Interpretationsweisen Verwirrung, Unordnung, Disharmonie, Widerspruch in das exakt Gewonnene hineinkommen und der Weg zu weiterer Erkenntnis gesperrt werden. Alle gegenteilig gerichteten Versuche der Erklärung physischer Phänomene sind, sie mögen noch so geistreich sein, doch nur schlimmste Rückfälle in frühere, durch die Entwicklung der Wissenschaft überholte Phasen, Rückschritte der wissenschaftlichen Kultur. Das logisch-methodologische Einheitsprinzip verstattet an keiner Stelle des streng naturwissenschaftlichen Weltbildes eine Lücke oder Ausnahme. Nicht bloß kausal-gesetzlich überhaupt muß es in der körperlichen Natur stets und überall zugehen, sondern das Prinzip einer "geschlossenen Naturkausalität" (WUNDT) und das der Erhaltung der Substanz wie der Kraft und Energie erfordern die Eliminierung aller nicht mechanisch-energetischen Faktoren und Prozesse aus dem System physischen Geschehens. Ob es sich um anorganische oder organische, mineralische, pflanzliche, tierische oder menschliche Körper handelt, die Betrachtungs- und Erklärungsweise des Standpunktes äußerer Erfahrung muß in allen Fällen einheitlich gewahrt werden, bei aller Berücksichtigung der durch die besonderen formalen und gesetzlichen Komplexionen bestimmter Körpersysteme bedingten Modifikationen im Ablauf und Zusammenhang des Geschehens, insbesondere der "von innen", aus der Struktur des organischen Systems her entspringenden Reaktionen, die mit der Steigerung der Organisation vom Druck der Umgebung immer unabhängiger werden, eine immer selbständigere Eigenrichtung aufweisen.

Die quantitativ-mechanistische Naturerklärung (im weiteren Sinne) ist nicht etwas bloß Zufälliges, Wechselndes, auf bloßer Verallgemeinerung gewisser Erfahrungen Gegründetes oder der mehr oder weniger willkürlichen Aufstellung von Hypothesen Entsprungenes. Ihre Anfänge reichen weit zurück und ihre unverrückbare Grundlage ist die im Laufe der Erkenntnisentwicklung immer klarer und vollständig bewußt werdende und immer vollkommener und umfassender sich durchsetzende Gesetzlichkeit des erkennenden Bewußtseins selbst, dessen ideales Zentrum der theoretische Einheitswille, der Wille zur einheitlichen Begreiflichkeit des Gegebenen ist. Nicht bloß zum Zweck des Handelns, der praktischen Beherrschung der Umwelt, der Voraussicht der Zukunft ist die quantitative, mechanisch-energetische Naturauffassung ins Leben getreten, sondern das Hauptziel der ihr innewohnenden Tendenz besteht in der Herstellung einheitlicher, allgemeingültiger, eindeutiger Einheitszusammenhänge des durch die Sinne gegebenen Erfahrungsmaterials. Die Logik des naturwissenschaftlichen Denkens kommt im Weltbild der Naturwissenschaft zum Ausdruck, sie hat in diesem ihren Niederschlag; die Mechanistik (bzw. Energetik) ist angewandte Logik, ein Produkt der Verarbeitung des Stoffes äußerer Wahrnehmung durch das Denken, durch die einheitlich verknüpfenden Funktionen des Bewußtseins. Alle im Laufe der Zeit gemachten neuen Erfahrungen und alle diesen sich anpassenden Modifizierungen des quantitativen, mechanistisch-dynamischen Weltbildes können und werden am logischen Fundament, an der apriorischen Wurzel desselben nichts ändern.

Aber die immer wieder sich einstellenden Angriffe auf diese Art der Naturerklärung werden sich nur dann mit Erfolg abweisen lassen, wenn man sich, abgesehen von der fortschreitenden Verfeinerung des mechanistischen Weltbildes, darüber vollkommen klar sein wird, daß dieses Weltbild zwar richtig, theoretisch und praktisch zweckmäßig und konsequenz durchzuführen, aber letzten Endes doch einseitig und relativ ist. Es ist eben eine Aufgabe der Erkenntniskritik, dies darzulegen und vor jeder Verabsolutierung dessen, was sich eben nur vom Standpunkt einer äußeren Erfahrung so darstellt und gültig ist, zu bewahren. Neben diesem Standpunkt gibt es den der "inneren" oder unmittelbaren Erfahrung, wie ihn die Psychologie und die Geisteswissenschaften (in ihrem deskriptiv-explikativen Teil) einnehmen. Von diesem Standpunkt aus bedeuten dem erkennenden Subjekt seine Erlebnisse nichts anderes als Bewußtseinsmodifikationen, die es in ihrer qualitativen Unmittelbarkeit hinnimmt und auf die Einheit seines Ich-Zusammenhangs, als Bestandteile desselben, bezieht. Keine begriffliche Ablösung vom erlebenden Subjekt erfolgt hier, kein "Umdenken" des Erlebnisinhaltes zu Relationen zwischen begrifflich fixierten Objekt-Einheiten, keine Eliminierung des rein qualitativen Bestandteils des Erlebten. Das Denken ist hier nicht auf die Erkenntnis einer Außenwelt als einer Welt von in Wechselwirkung stehenden räumlichen Komplexen gerichtet, sondern es faßt, anschaulich-konkret, Erlebnisse zur Einheit eines Ichs zusammen, bestimmt die Erlebnisse als Zustände, Reaktionen und Aktionen dieses "Ich", dieser Subjekt-Einheit und geht sodann dem Zusammenhang der Erlebnisse als solcher, die es kausal-teleologisch verknüpft, nach. Eine denkende Bearbeitung, eine kategoriale Formung fehlt also auch hier keineswegs, aber sie richtet sich nach dem besonderen Erkenntnisziel und dem Standpunkt der Betrachtung, so daß alle bloß die äußere Erfahrung bedingenden Voraussetzungen (z. B. einer beharrenden Substanz) wegfallen. Die psychischen Vorgänge, d. h. die als solche, als Ich-Funktionen bestimmten Erlebnisse werden wohl von den psychologischen Disziplinen ebenfalls auf "Ursachen" zurückgeführt, aber die Einheitlichkeit der Betrachtungsweise erfordert es, als solche Ursachen andere psychische Vorgänge anzusetzen, um einen einheitlichen Zusammenhang der subjektiven Erlebnisse selbst zu erhalten. Das hindert nicht, die Bedingtheit solcher Erlebnisse (Empfindungen, Wahrnehmungen) von Faktoren der engeren und weiteren Umwelt und Außenwelt zu berücksichtigen, nur können diese, streng genommen und nicht bloß einer laxen Ausdrucksweise nach, nicht als physische Phänomene "Ursachen" sein. Ursachen (und Wirkungen) psychischer Vorgänge sind andere Geschehnisse nur ihrer eigenen, dem psychischen Geschehen analogen "Innerlichkeit" nach, die wir nicht umhin können, ihnen einfühlend und denkend zugrunde zu legen. Im Übrigen sind sie nur Anlässe, von denen die psychischen Erlebnisse funktional abhängig sind. Zwischen psychischen und physischen Vorgängen als solchen gibt es keine eigentlichen Wechselwirkungen, wohl aber Wechselbeziehungen, gegenseitige Abhängigkeiten, ein Gebundensein des Auftretens der einen an das der anderen, wobei zunächst noch nichts darüber gesagt ist, was hierbei die eigentliche Ursache und Wirkung ist. Schon durch die Geschlossenheit des physikalisch-chemischen Weltbildes, des Systems der Naturphänomene, in welchem jede materiell-energetische Veränderung eindeutig auf andere materiell-energetische räumliche Veränderungen bezogen oder zu beziehen ist, bleibt kein Platz für psychische Wirkungen und Ursachen physischer Phänomene oder für physische Ursachen und Wirkungen psychischer Reaktionen und Aktionen als solcher. Will man letztere dem äußeren Kausalzusammenhang einordnen, so muß man sie ihrer physischen Erscheinungs- oder Betrachtungsweise nach, also als Gehirnprozesse oder analoge organische Reaktionen einstellen; will man umgekehrt physische Vorgänge mit psychischen in Verbindung bringen, so muß man sie als Ausdruck ("Außenseite") psychischer oder "psychoidischer" Regungen oder Strebungen auffassen, mag dies auch zum Teil erst und nur innerhalb der "metaphysischen" Weltdeutung geschehen. Das Ärgste ist die unreinliche Vermischung des Erklärens, der sprunghafte Wechsel der Stand- oder Gesichtspunkte der Erfahrungsverarbeitung, kurz der Mangel an Einheitlichkeit in der Anwendung der Begriffe, Grundsätze und Methoden, an Einheit der "Denkrechnung" (RUDOLF GOLDSCHEID).

III. Die scharfe, reinliche Auseinanderhaltung der Gesichtspunkte und Ergebnisse äußerer und innerer Erfahrung, die Anerkennung der Dualität der Betrachtungs- und Erscheinungsweisen der Wirklichkeit führt keineswegs zu einem Dualismus metaphysischer Art, sondern ist mit einer "monistischen" Weltanschauung durchaus vereinbar. Ein kritischer Monismus besteht eben nicht in der Ableitung des Psychischen aus dem Physischen (Materialismus) oder des Physischen aus dem Psychischen (Spiritualismus), sondern in der empirisch und erkenntniskritisch wohl begründeten Annahme, daß die beiden Daseinsweisen des Wirklichen nicht zwei selbständig nebeneinander bestehende und nur äußerlich verbundene, völlig heterogene Realitäten, sondern nur zwei Erscheinungs- oder Manifestationsweisen eines in ihnen zur Darstellung gelangenden identischen Seins sind. Die in immer größerem Ausmaß beobachtete und vorauszusetzende Korrelation zwischen beiden Daseinsarten, die wechselseitige Zuordnung, in die sie sich bringen lassen, die funktionelle Abhängigkeit der einen Reihe des Geschehens von der andern ist am Besten durch die Beziehung der Erscheinungszweiheit auf eine gemeinsame Einheit begreiflich zu machen, deren nähere Bestimmung man der Metaphysik überlassen oder aber auch als prinzipiell unausführbar ablehnen kann. Hiernach wäre also das absolute Sein in der einen Hinsicht, seiner unmittelbarsten Erscheinungsweise nach, psychisch, eine Mannigfaltigkeit von subjektiven "Innenzustanden" verschiedensten Grades und verschiedenster Entwicklungsstufe, andererseits ein System von Raumdingen und objektiven, räumlich-dynamischen Relationen zwischen solchen, und zwar so, daß sich die verschiedenen Aspekte des Seienden wechselseitig entsprechen. Da diese Aspekte auf ein Gemeinsames, Identisches sich beziehen, so ist es begreiflich, daß der Steigerung und Komplikation der einen Art der Erscheinung eine Potenzierung, Höherentwicklung der anderen Erscheinungsweise parallel geht, ohne daß eine direkte Wechselwirkung zwischen Innen- und Außensein zu bestehen braucht. Für den Gesichtspunkt der "Metaphysik", d. h. einer universalen Einheitsverknüpfung, ist eben im Grunde jedes Geschehen in der Welt sowohl "physisch" als auch "psychisch", es ist die Äußerung, der objektive, wahrnehmbare Ausdruck einer der unsrigen analogen, wenn auch nicht überall selbständigen, zentralisierten, aktiven, im engeren Sinne bewußten oder gar selbstbewußten Innerlichkeit oder Subjektivität. Das Einheitsprinzip, das bei der Suche nach möglichst die ganze Mannigfaltigkeit des Naturgeschehens einerseits, der psychischen Prozesse andererseits beherrschenden Gesetzen richtunggebend ist, liegt auch der Idee der Entwicklung von Natur und Geistesleben zugrunde. So wie man die besonderen Arten des Geschehens auf eine, wenn auch polar auseinandergehende Einheit der Aktion und Reaktion zurückzuführen trachtet, so ist der theoretische Einheitswille auch darauf gerichtet, die verschiedenen Arten und Gattungen des Seins auf ein qualitativ einheitliches, ursprüngliches Sein zurückzuführen, aus dessen allmählicher Differenzierung die Sonderarten der Dinge hervorgegangen sind und noch hervorgehen, die alle miteinander verwandt sind, weil sie eine gemeinsame Abstammung haben und teilweise sogar direkt auseinander entsprungen sind. Der Entwicklungsbegriff ist eine Idee von höchstem regulativ-heuristischen Wert; die logischen Motive derselben gewährleisten ihren durch nichts zu hemmenden Siegeslauf, mag auch die besondere Form, in der sie auftritt, dem Wechsel unterliegen. Und mögen auch für die naturwissenschaftliche und die geisteswissenschaftlich-psychologische Erkenntnisweise die Entwicklungsgesetze einem zum Teil verschiedenen Charakter annehmen, so sucht doch das Denken zu einer Natur und Geist gleicherweise innewohnenden, gemeinsamen Entwicklungstendenz vorzudringen, welche die Gesamtwirklichkeit durchwaltet, wenn sie auch im spezifisch organischen Leben Form zeitigt, die im Anorganischen nicht zu finden sind. Die physische und die psychische Entwicklung lassen sich als zwei Seiten der nach einheitlichen Grundgesetzen erfolgenden Gesamtentwicklung begreifen, innerhalb deren die mannigfachsten Stufen psycho-physischen Daseins vorkommen, nach unten hin begrenzt durch das "mechanisierte", gleichsam erstarrte, stabile oder stabil gewordene Geschehen, nach oben in die fortschreitend sich differenzierenden, wandlungsfähigen, sich der Umwelt oder auch diese sich selbst anpassenden, das Eigensein physisch wie psychisch steigernden Lebensformen. Dem metaphysischen, auf die Totalität des Weltgeschehens mit spekulativer, logisch gezügelter Phantasie gerichteten Geistesblick stellt sich das Universum als ein in unendlicher Selbstentwicklung begriffenes, ewig schöpferisch immer neue Daseinsformen aus sich heraus erzeugendes All-Leben dar, das äußerlich als gewaltiger Kraft- und Energiestrom, innerlich als ein Zusammenhang der verschiedensten Grade der Erlebnisfähigkeit, des Verspürens von Veränderungen und entsprechenden, zielstrebigen Reagierens, des "Psychischen" (im Weitesten, auch das relativ Unbewußte einschließenden Sinne) erscheint. Mit SCHELLING können wir sagen:
    "Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
    Bis zu Erguß der ersten Lebenssäfte, Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
    Die erste Blüt', die erste Knospe schwillt,
    Zum ersten Strah von neugeborenem Licht,
    Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung dringt
    Und aus den tausend Augen der Welt
    Den Himmel so Tag wie Nacht erhellt,
    Ist eine Kraft, ein Wechselspiel und Weben,
    Ein Trieb und Drang nach immer höherem Leben.
Der theoretische Einheitswille, der schon im naiven Erkennen eine fundamentale Bedeutung hat und der dann in den Einzelwissenschaften die Gestaltung der Ding- und Gesetzesbegriffe leitet, erweist sich als eine Triebfeder des philosophischen als metaphysischen, auf eine "Weltanschauung" gerichteten Denkens. Erstrebt und versucht wir hier eine Einheitssynthese höchster Ordnung, und nur in der Art und Weise, wie die Vereinheitlichungstendenz zur Verwirklichung gelangt, unterscheiden sich die metaphysischen Systeme voneinander. Auch die rein idealistischen, alle transzendente Metaphysik ablehnenden Theorien gehen, wo sie durchgeführt werden, auf eine höchste Einheit aus, die in diesem Fall aber nicht außerhalb des erkennenden Bewußtseins gesucht, sondern mit einem einheitlichen System wirklicher und möglicher Bewußtseinsinhalte identifiziert wird. Als Regel für die Methodik metaphysischer oder doch universal-systematischer Vereinheitlichung des Erkenntnismaterials muß zunächst die Forderung aufgestellt werden, diese Vereinheitlichung so vorzunehmen, daß die innerhalb der streng wissenschaftlichen, empirischen Forschung hergestellten und gewonnenen Einheitszusammenhänge dadurch nicht aufgehoben werden. Nur jene Weltanschauung kann Anspruch auf Richtigkeit oder zumindest Annehmbarkeit erheben, deren Synthese sich auf die den Natur- und Geisteswissenschaften bzw. den Ergebnissen derselben zukommenden Einheiten stützt, ihnen in keiner Weise widerspricht, keinen Abbruch tut. Ferner darf weder die eine noch die andere Betrachtungsweise oder "Seite" der Wirklichkeit vernachlässigt werden; weder die psychisch-subjektive noch die psychisch-objektive Erscheinungsart des Seienden läßt sich eliminieren. Für den Standpunkt des Physikers oder Chemikers gibt es nur Körper und an sie gebundene Vorgänge, das Psychische als solches kommt hier methodisch nicht in Betracht, es bildet keinen in die Formeln für die Verbindugnen und Gesetzmäßigkeiten der Naturobjekte einsetzbaren Faktor. In der universalen Synthese der Weltanschauung aber muß das Psychische, die subjektive Erscheinungsweise des Wirklichen, die schon auch in der Psychologie und in den Geisteswissenschaften zur Geltung gelangt, in ihrer ganzen Breite herangezogen und mit der physischen Daseinsart der Realität zusammengehalten werden. Endlich ist noch Folgendes zu betonen: Einheit im quantitativen, numerischen Sinn ist nur eine Abart der Einheit überhaupt, von der es noch andere Formen gibt, so die qualitative, die kausal-dynamische, teleologische, die räumlich-zeitliche, die rein logische Einheit u. a. Alle diese Einheitsarten gelten für die durch das Denken zusammengefaßten, zu einer Einheit verknüpften Inhalte und Objekte, d. h. diese sind "wirklich" selbst Einheiten und einheitlich, sofern sie mit Grund, mit methodischer Richtigkeit denkend so bestimmt werden. Objektive Einheit jeder Art besteht also unabhängig von aller subjektiven Willkür und von allen Modifikationen erlebender Subjekte. Aber das, was aufgrund von Erlebnissen vereinheitlicht wird, das ist nicht das absolute "Ansich" der Dinge, das über alle kategorischen Bestimmtheiten, Relationen, Gegensätze und sinnlichen Prädikate erhaben ist, sondern das Mannigfaltige, das als solches für ein erkennendes Bewußtsein überhaupt besteht und bestehen kann. Vom "Ansich" der Erscheinungen können wir, sofern wir überhaupt ein solches annehmen oder postulieren, nur sagen, daß es jedenfalls keine "Vielheit" von "Dingen" ist. Damit ist aber nicht schon gesagt, daß es ein numerisch einziges oder qualitativ einfaches Wesen ist, sondern es liegt eben jenseits von Einheit und Vielheit, es ist über diesen wie über jeden anderen Gegensatz erhaben (4). Die Anschauungsformen und Kategorien des endlichen, "diskursiven" Denkens sind auf das "Absolute", das "Ansich" der Objekte und Subjekte, nicht anwendbar, mag auch ihre Anwendung auf das Material möglicher Erfahrung mit diesem "Ansich" in irgendeiner Verbindung stehen. Das absolute "Ansich" der empirisch-realen Erscheinungswelt mag die Grundlage für die qualitativen, räumlich-zeitlichen, kausal-gesetzlichen Bestimmtheiten der Phänomene enthalten, es selbst aber, unabhängig von aller Beziehung auf die Formen und Normen des erkennenden Bewußtseins, ist nicht durch die Prädikate zu bestimmen, die nur seinen Erscheinungsweisen zukommen. Einheit und Vielheit als solche sind also Begriffe, deren Gegenstand in der Fülle der objektiven und subjektiven Phänomene zu suchen ist.

Nichts hindert eine kritische Metaphysik, nach einer umfassenden Vereinheitlichung der erkennbaren Objekte und Relationen zu streben, nur muß sie dessen eingedenk sein, daß das von ihr Vereinheitlichte auf ein logisches Bewußtsein überhaupt bezogen bleibt, durch dessen Funktionen und Geltungen es bedingt ist. Nur als Gegenstand eines solches Bewußtseins und in dessen eigenen Formen ist uns die Wirklichkeit zugänglich, nicht so, wie sie ansich oder etwa als Inhalt eines denkbaren "Alltagsbewußtseins" bestehen mag, als über räumliche, zeitliche und kausale Relationen erhaben oder diese in sich befassende und überwindende, ungebrochene Totalität, die für uns ein bloßer "Grenzbegriff" ist. Auch die Einheit der Erscheinungswelt ist uns nicht gegeben, kein Gegenstand der Erfahrung, sondern eine "Idee", die unser Denken regulativ zu immer umfassenderer Vereinheitlichung des Materials möglicher Erfahrung anleitet; aber diese Einheit bezieht sich doch nicht auf ein absolut Transzendentes, sondern ist als eine in der Mannigfaltigkeit und Vielheit der Erscheinungen selbst sich entfaltende, ihr immanente Einheit zu denken, nicht als eine hinter ihr stehende und zu einem wesenlosen Schein herabsetzende, inhaltslose Einheit, aus der die Mannigfaltigkeit des Seins und Geschehens nun einmal nicht abzuleiten, begreiflich zu machen ist. Die Einheit des Universums schließt die Vielheit und relative Selbständigkeit nicht aus, sondern ein; das ist keine bloße Vermutung, wir wissen dies ganz genau, denn hier handelt es sich um etwas in den Grenzen des Denkens Liegendes und durch das Postulat der Begreiflichkeit des Gegebenen Gefordertes. Mit dem absolut Transzendenten, Unerkennbaren hat es die kritische Metaphysik nicht zu tun, wenn sie auch gedanklich über die Schranken gegebener Erfahrung hinausgeht, das wirklich Erfahrbare spekulativ ergänzt und in einer nur begrifflich ausführbaren Synthese zusammenschließt. Die philosophische "Intuition", die in neuester Zeit HENRI BERGSON zur Quelle metaphysischer Erkenntnis macht, ist keineswegs dem begrifflichen Denken entgegenzustellen, sondern vollzieht sich auf der Grundlage dieses Denkens selbst, ist nur die höchste synthetische Leistung desselben, keineswegs also "irrationaler" Natur, wenn sie auch die Abstraktionen der Verstandesbetrachtung wieder aufhebt und die mit der Einnahme bestimmter Standpunkt des Erkennens und der Verfolgung spezieller Erkenntnisziele notwendig verknüpften Einseitigkeiten überwindet. Das "Absolute" aber ist weder einzelwissenschaftlichen Denken noch der philosophischen Intuition zugänglich, es ist und bleibt ein bloßer Grenzbegriff. Auch das universale "Leben", auf welches der Metaphysiker die Mannigfaltigkeit des Geschehens bezieht, kann nur begrifflich bestimmt werden und ist nicht anders erkennbar als in den Formen des erkennenden Bewußtseins, so unmittelbar auch das bloße Erleben ist. Bloße Anschauung ohne Begriff ist, mit KANT zu reden, "blind", sie ist auch stumm, besagt nichts, erhält nur im und durch das Denken einen Sinn, einen Erkenntniswert; geistige "Anschauung" aber, Intuition in einem höheren Sinn, ist schon selbst der Niederschlag eines Denkens, das oft sehr kompliziert ist. Allerdings ist es möglich, auch ohne die Anwendung der - oder doch gewisser - Denkkategorien etwas zu betrachten, aber dann ist eben von keiner empirischen Wirklichkeitserkenntnis die Rede, sondern einerseits von einer bloß passiven Hingabe an den Strom subjektiver Erlebnisse noch ohne Deutung derselben, andererseits von der Setzung und begrifflichen Formulierung rein theoretisch-praktischer Geltungszusammenhänge ohne Rücksicht auf zeitliche und kausale Relationen. In keinem dieser Fälle kommt eine auf die empirische Realität, auf reale Existenzen unmittelbar gerichtete Erkenntnis in Frage.

Damit sind wir zum Ausgangspunkt unserer Untersuchung zurückgekehrt. Indem das Gesamtergebnis der Erkenntnis, auch das der "metaphysischen", sich als von der Gesetzlichkeit des erkennenden Bewußtseins beherrscht zeigt, schließt sich der Ring. Vom "Logos", d. h. von ursprünglichen, apriorischen Geltungen oder Denksetzungen gingen wir aus und zeigten, daß durch diese Geltungen von Denk- und Erkenntnisformen nicht bloß das Erkennen, sondern auch der Gegenstand der Erkenntnis bedingt ist. Zu diesem Gegenstand gehört schließlich auch der Prozeß des Denkens und Erkennens selbst. Die Selbsterkenntnis des Erkennens und des Denkens vollzieht sich in zweierlei Weise. Die eine derselben, die der Logik und Erkenntniskritik ist eine Anwendung der allgemeinen logischen Normen auf das Denken und Erkennen, das von diesem Gesichtspunkt aus als Geltungszusammenhang, als auseinander und aus dem Denk- und Erkenntnisziel folgende Wahrheiten sich darstellt. Die andere Betrachtungsweise des Denkens und Erkennens ist die der Psychologie; hier bedeutet das Denken und Erkennen einen Bestandteil der psychischen Wirklichkeit, einen in der Zeit verlaufenden, kausal verknüpften Bewußtseinsvorgang, der wie alle anderen psychischen Geschehnisse eine physische Seite hat und sich physiologisch etwa als Regulationsprozeß auffassen läßt. Psychologisch betrachtet sind die Begriffe und Urteile, die Einheitssynthesen überhaupt Produkte der Denktätigkeit, rein logisch ist umgekehrt das Denkgeschehen wie alles übrige empirisch Erkennbare von Denksetzungen, von "transzendentalen" Geltungen abhängig, es ist eine "Erscheinung" unter anderen, "Selbsterscheinung" des Bewußtseins, das sich in eine subjektive Bewußtseinstätigkeit und einen objektiven Bewußtseinsgehalt "dirimiert" [bei Stimmengleichheit eine Entscheidung zugunsten der einen oder anderen Partei treffen - wp]. So ist dann auch der im Denken und Erkennen wirksame Vorgang der Verknüpfung des Gegebenen zur Einheit, die psychologisch bestimmte Tätigkeit durch die in sich beruhende Geltung der Einheitsidee als Inhalt des Einheitswillens logisch bedingt. Diese Geltung ist der oberste Grund aller durch sie gesetzten besonderen Geltungen, während das Denken und Wollen die Ursache der aus demselben hervorgehenden Denk- und Erkenntnisgebilde ist. Die Forderung eines einheitlichen Zusammenhangs alles Denk- und Erfahrbaren enthält die unbedingt geltende Grundlegung ("Hypothesis" in der Ausdrucksweise der "Marburger Schule") zur Objekterkenntnis und zum Erkenntnisobjekt, wobei zum "Objekt" im weiteren Sinne auch das psycho-physische Subjekt (Ich) und dessen Handlungen gehören. Begrenzt wird die durch die Anwendung des Einheitsprinzips auf das Gegebene erstellte Erscheinungswirklichkeit psychischer und physischer Art nach zwei Seiten hin: einerseits durch das nicht bloß Tranz- und Intersubjektive, sondern jenseits aller Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeit liegende absolut Transzendente, andererseits durch das alle Erfahrung und Erkenntnis bedingende, ihr logisch vorangehende, diesseits derselbe liegende Transzendentale, dessen "höchster Punkt" das Einheitsprinzip ist - der Kern von KANTs "transzendentaler Apperzeption".

Das Einheitsprinzip läßt sich logisch nicht weiter ableiten; ist es doch selbst das oberste Prinzip aller logischen Begründung, der "Ursprung" aller Geltungen und, teleologisch betrachtet, das theoretische Endziel des Denkens und Erkennens, kurz: der ideale Abschluß desselben. Richtig denken und wahrhaft erkennen wollen ist ja nichts anderes, als einen einheitlichen Zusammenhang von Denk- und Erkenntnisinhalten herstellen und gewinnen wollen. Es handelt sich hier nicht um ein bloß subjektives Begehren nach einer Einheit, mit der die Wirklichkeit nichts zu tun hat. Der logische Einheitswille gilt objektiv, er fordert unbedingte und allgemeingültige Anerkennung, weil nur durch seine Erfüllung Erkenntnis und erkennbare Wirklichkeit (als System von Erkenntnisobjekten) möglich ist. Im theoretischen Einheitswillen bekundet sich die überindividuelle und zugleich allen erkennenden Individuen und Gemeinschaften immanente Gesetzlichkeit des Intellekts, die eine Richtung der Autonomie des Geistes schlechthin ist. Dieser "Geist" ist keine metaphysische Substanz oder Kraft, sondern bedeutet den, sich selbst als solchen erfassenden, einheitlichen Zusammenhang von Akten der Einheitssetzung und von Einheitsforderungen. Theoretische und praktische "Vernunft" sind nur verschiedene Richtungen ein und desselben synthetischen Prinzips, das sich zugleich in den erlebend-handelnden Subjekten und in der Welt der theoretisch-praktischen Objekte verwirklicht - verwirklicht durch die Funktion des, eine "Idee" als Inhalt einschließenden, Vernunftwillens, dessen Selbstrealisation und Selbsterhaltung mit der Herstellung einer objektiven Einheit Hand in Hand geht (5). Indem das Denken den Gesichtspunkt der Einheit auf alles, was Bewußtseinsinhalt werden kann, anwendet, schließt es sich selbst und die Bewußtseinstätigkeit überhaupt, also das ganze Erleben als solches, zur Einheit des Erlebenden, Denkenden, Wollenden zusammen. Weit entfernt, ein bloß subjektives Erzeugnis zu sein, dient das Einheitsprinzip umgekehrt mit zur Konstituierung des psychologischen Subjekts, welches im Wollen und Denken von anderen Subjekten und den Objekten der Außenwelt unterschieden wird. Das Streben des Subjekts nach Einheit findet seine Rechtfertigung aus der dem Subjekt logisch vorangehenden und dessen Bereich übersteigenden Bedeutung des Einheitsprinzips, die von der psychologischen Faktizität des subjektiven Strebens nach Einheit wohl zu unterscheiden ist. Dieses Streben ist weder ein rein naturhafter Instinkt noch etwas Willkürliches, das für die Erkenntnis und deren Gegenstand irrelevant ist, sondern ein durch die Gesetzlichkeit des Bewußtseins bedingtes Streben. Die Besinnung auf den Sinn der Erkenntnis, auf das Ziel des Denkens läßt uns die Notwendigkeit des Einheitsstrebens begreifen. Ohne Einheit keine Vernunft, aber auch keine Erfahrung und keine Erfahrungswirklichkeit, keine objektive Erkenntnis und keine Erkenntnisobjekte. Daher ist Einheit unbedingt gefordert, sie ist ein allen erkennenden Subjekten aufgegebenes Ziel, ein idealer Gegenstand des theoretischen Willens überhaupt, auf den sich alles subjekte Streben einstellen muß. Einheit der Synthesis - das ist der "kategorische Imperativ" der theoretischen Vernunft, das alle subjektive Denk- und Erkenntnistätigkeit normierende Gesetz des Bewußtsein (6).
LITERATUR - Rudolf Eisler, Das Einheitsprinzip der Erkenntnis, Annalen der Natur- und Kulturphilosophie, Bd. 13, Leipzig 1917
    Anmerkungen
    1) Die "Gegebenheit" als solche ist natürlich schon ein Begriff; daß etwas als "gegeben" bestimmt wird, ist schon eine Leistung des Denkens.
    2) So auch jede Theorie, welche die bloß relative, etwa nur auf das praktische Handeln bezogene Geltung des Logischen behauptet.
    3) Man kann schon in der "Ordnung" als solcher eine Vereinheitlichung erblicken. Dann bedeutet eben objektive "einheitliche Ordnung" eine Vereinheitlichung nach einem allgemein gültigen, einheitlichen Vereinheitlichungs- und Ordnungsprinzip.
    4) Es bleibt also hier keinesfalls für einem metaphysischen Dualismus Platz; ein solcher kann sich nicht auf die Ergebnisse des Kritizismus berufen.
    5) Der in dieser Abhandlung dargelegte "voluntaristische Kritizismus" ist vom Verfasser seit 1900 in einer Reihe von Schriften entwickelt worden; vgl. namentlich die "Einführung in die Erkenntnistheorie", Leipzig 1907; "Grundlagen der Philosophie des Geisteslebens, Leipzig 1908; "Geist und Körper", Göttingen 1911; "Handwörterbuch der Philosophie", Berlin 1913; "Der Zweck", Berlin 1914.
    6) Betreffs des Einheitsprinzips vgl. die Schriften von Kant, Lotze, Cohen, Natorp, Stammler, Cassirer, Riehl, Berthold Kern, Arthur Liebert, Max Adler, F. J. Schmidt, Höffding, Theodor Lipps, Wundt, Münsterberg, Dorner, Lipsius, Rickert, Münch u. a.