p-4p-4M. SchießlTetensK. TwardowskiA. BrunswigP. SternA. Meinong     
 
MAX SCHIESSL
Untersuchungen über die
Ideenassoziation

[und ihren Einfluß auf den Erkenntnisakt]
[2/2]

"Daß wir Dinge, Merkmale, Unterschiede in der Welt erblicken, ist nicht die Wirkung der Außenwelt, sondern dies beruth auf unseren Vermögen.  Wir geben die Form des Bewußtseins aus uns selbst zum bloßen Erfahrungsstoff hinzu. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß die sich uns aufdrängende Empfindung bzw. der Inhalt derselben ansich formlos ist; wohl aber muß seine Form erst durch die vergleichende Denktätigkeit unterschieden und uns zu Bewußtsein gebracht werden. In diesem Sinne ist also die Form  unsere Tat und zwar unsere  eigentümliche Tat, da die Dinge sich nach unserem Vermögen richten müssen, und wir nur soviel wahrnehmen, als wir unterschieden haben."

"Jeder liest also etwas anderes aus den Erfahrungen, die er macht, heraus, weil er Anderes in dieselben hineindenkt, da in jedem die Ideenassoziation individuell verschieden ist. Und was hat man z. B. nicht schon alles aus der Natur herausgelesen? Selbst in den Sternen wollte der einzelne Mensch schon seine Schicksale lesen! Und jeder las etwas anderes aus ihrer Konstellation heraus. So sagt uns jedes Experiment nur so viel, als wir in dasselbe hineindenken und die ganze Physik ist ein imposantes Beispiel, wie der Mensch seinen Geist in die Natur hineinspiegelt."


Das Erkenntnisproblem

Das Erkenntnisproblem wurde verschieden beantwortet, je nachdem man einseitig auf das Subjekt oder das Objekt des Erkennens blickte. So gab es vor KANT zwei verschiedene Ansichten:
    1.  Die Sensualisten behaupteten: alle Erkenntnis stammt aus der Sinnestätigkeit, aus der Einwirkung des Objekts auf das bloß empfindende, rein leidende Subjekt. - Dagegen behaupteten

    2.  Die Idealisten: alle Erkenntnis stammt rein aus der Tätigkeit des Subjekts, und sie erblickten im gedachten Objekt nur ein Erzeugnis jener Tätigkeit.
KANT versöhnte beide Theorien in der bereits in der Einleitung angedeuteten Weise [Begriffe ohne Anschauung leer - Anschauung ohne Begriffe blind | wp]. Nach ihm wollte FICHTE Form und Stoff der Erkenntnis aus der reinen unendlichen Tätigkeit des Ich ableiten. Was wir Außenwelt nennen, erschien ihm nur als eine unbegreifliche Schranke, welche aber dem Ich den Anstoß gibt, ein Nichtich zu setzen. Hatte so FICHTE doch noch die Mitwirkung eines realen Faktors, jene unbegreifliche Schranke welche den Anstoß zur Setzung des Nichtich gibt, anerkannt, so schwindet auch dieser in HEGELs Philosophie, welche alle Erkenntnis durch den bloße Akt des logischen Denkens ohne Hilfe der Erfahrung aus dem absoluten Urgrund ableiten wollte.

HERBART dagegen vertritt das realistische Moment der kantischen Philosophie und meint: So viel Schein, so viel Hindeutung auf ein Sein.

Alle unsere Erkenntnis, sagt nun KANT (Werke II, Edition HARTENSTEIN, 1838, Seite 35) fängt mit der Erfahrung an; aber es entspringt nicht alle aus der Erfahrung, vielmehr ist die Erfahrung selbst bereits ein Zusammengesetztes aus demjenigen, was wir durch Eindrücke empfangen und dem was unser Erkenntnisvermögen aus sich selbst hergibt.

Diesen Satz akzeptiere ich vollständig, und wir wollen nun untersuchen, was in der Erfahrung auf Rechnung der Sinnlichkeit kommt und was wir selbst dazu hergeben. Dasjenige, was wir durch Eindrücke empfangen, heißt der  Stoff,  dasjenige, was wir selbst dazu hergeben, heißt die  Form der Erkenntnis.  Den Stoff liefert die Außenwelt von der wir allerdings bekanntlich nur durch einen Schluß wissen, aber durch einen unabweisbaren Schluß, da sich gewisse Vorstellungen, die wir nicht abweisen können, nur durch eine transzendente und keine immanente Kausalität erklären lassen (vgl. von HARTMANN, Das Ding ansich und seine Beschaffenheit, Berlin 1871, Seite 64f). Sie zwingt uns, den Inhalt einer Sinneswahrnehmung als einen gegebenen hinzunehmen, an dem wir nichts weiter ändern können, den wir eben haben müssen, wie er sich uns aufdrängt. (vgl. ULRICI, Gott und der Mensch, Seite 12 und 379f). Alle Erkenntnis besteht daher ihrem  Stoff  nach aus beiden Faktoren:  Außenwelt und Sinnlichkeit. 

In jeder Erfahrung liegt aber noch etwas, was über die Erfahrung hinausgeht und nicht aus derselben stammen kann: die Zusammenfassung (Synthesis) des Mannigfaltigen zu einer Einheit, sowohl zur Einheit eines Gegenstandes als auch zur Einheit eines Begriffs.

Alle Synthesis in der Erfahrung entsteht nun durch Vergleichen.  Durch Vergleichen wird das Gleichartige in der Erfahrung verbunden, das Ungleichartige als solches unterschieden. Auf diese Weise werden die mannigfaltigen einzelnen Bestandteile einer Sinneswahrnehmung durch  tertia comparationis [dritter Vergleichsbezug - wp] für unser Bewußtsein einheitlich zusammengefaßt, und es entsteht hierdurch in unserer Sinnlichkeit der zeitlich-räumiche Zusammenhang, die Gestalt, der Umriß eines Gegenstandes. Wir sehen jetzt "Etwas" und dieses "Etwas" ist das Werk unserer vergleichenden, unterscheidenden Denktätigkeit, es ist die Sinneswahrnehmung in der Form (im engeren Sinn des Wortes), welche jede Erfahrung infolge unserer eigentümlichen Organisation annehmen muß, um Gegenstand des Bewußtseins werden zu können. Daß wir Dinge, Merkmale, Unterschiede in der Welt erblicken, ist nicht die Wirkung der Außenwelt, sondern dies beruth auf unseren Vermögen.  Wir  geben die Form des Bewußtseins aus uns selbst zum bloßen Erfahrungsstoff hinzu. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß die sich uns aufdrängende Empfindung bzw. der Inhalt derselben ansich formlos ist; wohl aber liegt seine Form nur der Potenz nach, unentwickelt vor, und muß erst durch die vergleichende Denktätigkeit unterschieden und uns zu Bewußtsein gebracht werden. In diesem Sinne ist also die Form unsere Tat und zwar unsere eigentümliche Tat, da die Dinge sich nach unserem Vermögen richten müssen, und wir nur soviel wahrnehmen, als wir unterschieden haben.

Nun aber eine hochwichtige Frage. Wir rechneten oben zur Form der Erkenntnis im weitesten Sinne alles, was wir aus uns selbst zum Stoff hinzugeben. Dieses ist aber mit der einheitlichen Synthesis des Gegebenen noch nicht erschöpft; es kommt vielmehr zu dieser Synthesis noch ein weiteres Moment, nämlich  das Verständnis der Erfahrung.  Woher weiß ich denn, daß die Gestalt, die ich jetzt infolge jener Synthesis wahrnehme, ein Apfel, Haus, Pferd usw. ist?  Woher habe ich das Verständnis der Erfahrung?  Und damit kommen wir wieder auf einen wunden Fleck der bisherigen Erkenntnistheorie.

Das  Verständnis der Erfahrung  läßt sich nämlich weder aus dem  Geist,  noch aus der  Sinnlichkeit noch aus der  Verbindung beider  erklären.

Was wir  Geist  nennen, ist eine rein formale Tätigkeit. Der Geist verbindet und trennt das Mannigfaltige der Erscheinung, schafft die Form, Gestalt, den Umriß etc. eines Gegenstandes, der sich mir aufdrängt, unterscheidet auch die Vorstellung als sein Produkt von sich selbst als produzierender Tätigkeit, die Vorstellung als Schranke von sich selbst als beschränktem Dasein, und vermittelt mir so das Bewußtsein, daß ich "etwas" sehe, was aber dieses "etwas" ist, davon erhalten wir durch die Denktätigkeit allein keine Kunde. Ihre Arbeit ist im Vergleichen und Unterscheiden des gegebenen Inhaltes nach den verschiedensten Gesichtspunkten vollbracht, sie gibt der Vorstellung ihre  Form;  allein mit der Form ist uns noch nicht zugleich auch das Verständnis derselben gegeben. Ebensowenig ist dasselbe mit dem  Stoff  unserer Erfahrung schon verbunden, vielmehr:  Stoff und Form können gegeben sein und wir haben doch kein Verständnis der Erfahrung.  Wenn z. B. ein Laie chinesische Schriftzeichen betrachtet oder wenn ein biederer Landmann staunend die Lokomotive anstarrt, da hat er eine vollständige Anschauung mit Inhalt und Form und doch kein Verständnis derselben; er kann sich dabei nichts denken. Wer daher meint, alle Erkenntnis besteht nur aus den beiden Faktoren Verstand und Sinnlichkeit, kann nicht erklären, wie ein Verständnis der Erfahrung möglich sein soll.

Jetzt dürfte klar geworden sein, daß alle Erkenntnis nicht aus zwei, sondern aus drei Elementen besteht, aus Stoff, Form und Verständnis. Und gerade letzteres ist das Wesentlichste an der Erkenntnis; denn was hilft mir eine Erfahrung, wenn ich kein Verständnis derselben habe. Und da sich letzteres aus den beiden Faktoren Verstand und Sinnlichkeit allein nicht erklären läßt, so wird man es jetzt nicht mehr seltsam finden, wenn wir auf die Existenz eines dritten Faktors schließen, welcher im Erkenntnisakt uns das Verständnis der Erfahrung vermittelt und zugleich die Möglichkeit des Irrtums erklärt. Und dieser dritte Faktor ist die Ideenassoziatioin oder genauer der Inhalt derselben, unsere gesamte frühere Erfahrung, die in der Ideenassoziation einheitlich verbunden ist. Sie ist der Maßstab, an welchem wir jede neue Erfahrung messen.

Alle Erkenntnis  ist also eigentlich  ein Produkt von vier Faktoren:  Außenwelt und Sinnlichkeit, Geist und Ideenassoziation. Nun fällt aber die Außenwelt ganz und gar außerhalb unseres Bewußtseins. Sie ist zwar die Grundbedingung aller Erkenntnismöglichkeit, fällt aber selbst nicht in unser Bewußtsein. Wir wissen von ihr nur, daß sie der Grund der Erscheinungen in unserer Sinnlichkeit ist, die Dinge selbst dagegen nehmen wir nur mittelbar durch unsere Sinne wahr. Wir können daher in unseren Erkenntnissen eigentlich nur drei Faktoren unterscheiden: Sinnlichkeit, Geist und Ideenassoziation. Aus diesen drei Faktoren aber muß jede Erkenntnis notwendig bestehen, weil alles Erkennen auf Vergleichen beruth, mithin notwendig drei Elemente voraussetzt: das vergleichende Subjekt (Geist - Form), das zu vergleichende Objekt (Sinnlichkeit - Stoff), das gleichartige Medium der Vergleichung (die frühere Erfahrung in unserer  Ideenassoziation - Verständnis).

Es ist daher nicht zufällig, sondern notwendig, daß in jedem Erkenntnisakt  drei und nicht bloß zwei Faktoren  tätig sind, und der Grund hiervon liegt in der Eigentümlichkeit unseres Denkens und Erkenntnisvermögens. -

Endlich muß ich noch bemerken, daß  Stoff und Form  keineswegs für sich, getrennt, irgendeine Realität haben. Sie sind vielmehr nur Produkte unserer unterscheidenden Tätigkeit, also Unterschiede, unterliegen mithin dem Gesetz der Koexistenz, und können an jeder Erkenntnis nur der Potenz nach vorhanden sein (koexistieren) oder wie REINHOLD sich über den Stoff und die Form der Vorstellung äußert ("Theorie des Vorstellungsvermögens", Seite 235):
    "Stoff und Form machen  nur durch ihre Vereinigung die Vorstellung aus, und lassen sich nicht voneinander trennen, ohne daß die Vorstellung selbst aufgehoben würde."
Beide haben daher nur in, für und durch unser Denken Realität, und lassen sich an jeder Erkenntnis unterscheiden, aber nicht getrennt vorstellen. -

Ich beginne nun nachzuweisen, daß die  Ideenassoziation  zu aller Erkenntnis das Medium der Vergleichung liefert, d. h. daß  unsere frühere Erfahrung,  welche eben den Inhalt der Ideenassoziation bildet, der Maßstab ist, an dem wir jede neue Erfahrung messen. Dies erhellt sich zunächst aus folgenden Tatsachen:

Es ist allbekannt und erneuert sich jeden Augenblick, daß wir Jemanden, den wir schon einmal oder öfter gesehen haben, wenn wir ihn wiedersehen,  wiedererkennen.  Diese Tatsache ist nur erklärlich, wenn wir die Wahrnehmung jener Person mit unseren  früheren Erfahrungen  verglichen, wenn also bei diesem Wiedererkennen unsere  Ideenassoziation,  deren Inhalt ja unsere gesamte bisherige Erfahrung ist,  das Medium der Vergleichung geliefert  hat. Woher sollte ich sonst wissen, daß diese Erscheinung der Herr Sowieso ist, wenn ich ihn nicht früher schon einmal gesehen und jetzt durch meine Sinneswahrnehmung an diese frühere Vorstellung erinnert worden wäre, beide verglichen und als identisch befunden hätte?

Ein anderes gar zierliches Beispiel habe ich aus dem Mund eines bekannten Philosophen vernommen: wenn ein Kind zuhause einen Hund namens  Caro  hat, und einen anderen Hund sieht, so sagt es nicht, das ist auch ein Hund, sondern das ist auch ein Caro. Man sieht hier wieder deutlich, daß das Kind die neue Erfahrung  mit seinen früheren  verglichen hat. Ebenso ruft derjenige, der zum ersten Mal ein Zebra sieht, begeistert aus: Auch, das ist ein schönes Pferd! - Auch hier war die  individuelle Erfahrung  der Maßstab. Er hielt das Zebra eben für dasjenige, was ihm in  seiner  Erfahrung in der Ähnlichkeit am nächsten kam.

Immer vergleicht jeder Mensch seine Wahrnehmungen wie auch die Ansichten eines Anderen mit  seiner individuellen  Erfahrung. Wenn z. B. eine Dame sagt: "Fräulein, Ihr Hut ist sehr hübsch gemacht; meiner ist nicht so gut gelungen", so liegt in diesem "meiner" das offene Geständnis, womit die betreffende Dame ihre Wahrnehmung verglichen hat. Wer sich die Mühe machen will, bei Gesellschaften auf das Gespräch der Leute zu merken, kann es zwischen jedem Wort herausfinden, daß jeder Alles, was er sieht und hört, mit seiner Individualität vergleicht, daß  seine individuelle Erfahrung  (Ideenassoziation) der Maßstab ist, an dem er alles, was um ihn herum vorgeht, prüft und sich verständlich macht.

Ein ganz evidenter Beweis hierfür aber ist, daß,  wenn unsere Ideenassoziation keine ähnliche Erfahrung enthält, wir unfähig sind, die neue Erfahrung zu verstehen.  Die Ideenassoziation kann uns eben dann  kein Medium  zur Vergleichung liefern, und wir können zwar unsere Anschauung von unserem Selbst unterscheiden und dadurch wissen,  daß  wir eine Anschauung haben: allein wir können sie an keiner anderen, uns bereits bekannten Erfahrung vergleichen und  haben daher kein Verständnis derselben.  Wir gestehen es dann sogar offen zu, den betreffenden Gegenstand  nicht  zu kennen oder das Gesagte  nicht  zu verstehen. Wer z. B. nie ein  Tellurium [Planetenmaschine - wp] gesehen hat, wird sich auch nichts bei dieser Erscheinung denken können, und wird gestehen müssen, dieses Ding kenne er nicht, oder er fängt an zu raten und hält es für dasjenige, was ihm  in seiner Erfahrung  in der Ähnlichkeit am Nächsten kommt. Ebenso weiß jedermann aus eigener Erfahrung, auf welch seltsame Vorstellungen uns eine Wort, das wir zum ersten Mal hören und nicht verstehen, bringen kann. Dies ist gewiß ein augenscheinlicher Beweis dafür, daß  alles Verständnis der Erfahrung nur durch einen Vergleich mit unseren früheren Erfahrungen  zustande kommt, daß also das Verständnis der Erfahrung ganz und gar abhängt von unserer  Ideenassoziation. 

Genug! Wir sehen also deutlich, daß die Ideenassoziation das Medium zum Erkenntnisakt liefert, und wo sie ein solches nicht beschaffen kann, kommt kein Verständnis, also auch keine Erkenntnis der Erfahrung zustande.  Es kann der Maßstab unserer Erkenntnis auch nur aus der bisherigen Erfahrung genommen werden.  Denn jede neue Wahrnehmung ist für mich vorerst noch etwas Unbekanntes. Würde ich nun diesen unbekannten Gegenstand mit einem anderen unbekannten Objekt vergleichen, so müßte das Resultat dieser Vergleichung notwendig ebenfalls ein negatives werden, oder vielmehr es würde aus dieser Vergleichung überhaupt nichts folgen, ich käme mithin zu keiner Erkenntnis. Daher kann ich  Unbekanntes nur durch einen Vergleich mit Bekanntem, das ich schon aus früheren Erfahrungen kenne, erkennen.  Dann darf aber der neue Gegenstand kein absolut, sondern nur ein relativ Unbekanntes sein, da sonst nach dem Gesetz der Gleichartigkeit wieder keine Erkenntnis möglich wäre.  Der neue Gegenstand muß daher notwendig mit unseren früheren Erfahrungen verwandt,  er muß mit denselben in gewissen Beziehungen  gleichartig sein  und so ist es auch. Gemeinschaftliche Vergleichspunkte zwischen unseren früheren und jeder neuen Erfahrung sind immer vorhanden, weil alle neue Erfahrung dadurch, daß sie nur durch unsere bestimmt modifizierten Sinne in unser Bewußtsein eingehen kann,  notwendig mit allen früheren Erfahrungen desselben Sinnes homogen  wird, und sich daher Vergleichspunkte bei aller Verschiedenheit der neuen Erfahrung doch in den früheren vorfinden müssen. Die Dinge richten sich eben nach unseren Vermögen und nicht diese nach den Dingen. Daher kann nichts absolut Neues und Unbekanntes den Weg zu unserer Seele finden; immer werden und müssen gleichartige Bezugspunkte schon in uns vorhanden sein. Ich nenne dieses aus dem Wesen der menschlichen Organisation abgeleitete Gesetz:  Das Gesetz der apriorischen Verwandtschaft oder Gleichartigkeit aller Wahrnehmungen desselben Sinnes  oder kurz:  das Gesetz der Homogenität. 

Aus dem eben gewonnenen Resultat: die Ideenassoziation vermittelt uns das Verständnis der Erfahrung, folgt:
    Der Mensch liest nur so viel aus den Dingen heraus, als er in die Dinge hineindenkt, und auf Grund  seiner Ideenassoziation in dieselben hineindenken muß.
Denn da ich jede neue Erfahrung nur durch ein Vergleichen mit meinen früheren Erfahrungen verstehen lerne, so hängt mein Verständnis der Wahrnehmungen auch ganz von meiner bisherigen individuellen Erfahrung ab, und ich kann aus der vorliegenden Empfindung nicht mehr herauslesen, als meine Ideenassoziation mir zum Vergleich bietet. Darum hört auch mein Verständnis auf, wenn sich keine Vergleichspunkte in meiner Ideenassoziation finden.

Jeder liest also etwas anderes aus den Erfahrungen, die er macht, heraus, weil er Anderes in dieselben hineindenkt, da in jedem die Ideenassoziation individuell verschieden ist.  Jeder mißt mit seinem eigenen Maßstab,  daher ein alter Spruch: "So viel Köpf', so viel Sinn." So versteht jeder die Bibel anders und jede Irrlehre beruft sich auf dieselbe. Und was hat man z. B. nicht schon alles aus der Natur herausgelesen? Selbst in den Sternen wollte der einzelne Mensch schon seine Schicksale lesen! Und jeder las etwas anderes aus ihrer Konstellation heraus. So sagt uns jedes Experiment nur so viel, als wir in dasselbe hineindenken und die ganze Physik ist ein imposantes Beispiel, wie der Mensch seinen Geist in die Natur hineinspiegelt.

Wenn aber alles Erkennen infolge der Einwirkung der Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt einen spezifisch individuellen Charakter bekommt, da werden wir uns bekümmert fragen: Ja,  ist dann überhaupt noch Wissenschaft möglich?  Und ich muß gestehen, eine Wissenschaft im Sinne des Dogmatismus ist nicht möglich, wohl aber eine Wissenschaft im Sinne des Kritizismus. Denn allerdings gibt es dann keine objektive, wohl aber eine subjektive Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, zwar keine absolute Philosophie und Wissenschaft, wohl aber eine  menschliche  Philosophie und eine  menschliche  Wissenschaft, gegründet auf das Allgemein-Menschliche in unseren eigentümlichen {sinnlichen und {geistigen Vermögen, mit denen der Mensch die Welt auffassen. Die Formen der Sinnlichkeit wie des Denkens und Erkennens, und daher aller Erfahrung in unserem Bewußtsein, sind für alle Menschen dieselben, in uns Allen muß der gleiche Geist tätig sein, wenn wir Menschen genannt werden sollen. Alle denken und erkennen wir in derselben Weise, die Gesetze des Denkens und Erkennens gelten für einen, wie für alle anderen. Es gibt daher allgemein-menschliche Wahrheiten, und eine Wissenschaft ist möglich als Theorie des (subjektiv) Allgemein-notwendig-gültigen.

Wenn die Ideenassoziation uns das Verständnis der Erfahrung vermittelt, so folgt daraus, daß  ohne Ideenassoziation kein Verständnis  der Erfahrung möglich, letzteres mithin bereits eine gewisse Entwicklung der ersteren voraussetzt.

Blicken wir auf das Leben des Menschen in den ersten Zeiten der Kindheit, so sehen wir diesen Satz bestätigt. Solange in den Kindern die Ideenassoziation nicht einigermaßen ausgebildet ist, haben sie kein Verständnis dessen, was sie wahrnehmen. Sie schauen blöd in die Welt hinein und denken sich nichts oder nicht viel dabei. Es geht ja uns gerade so, wenn wir etwas sehen, wofür sich kein Analogon in unserer Ideenassoziation findet; dann haben wir auch eine Sinneswahrnehmen, aber kein Verständnis derselben. Die Bestimmtheit für unser Bewußtsein erhält der Inhalt dieser Sinneswahrnehmung erst dann, wenn uns irgendjemand aus dem bereits Bekannten die neue Erscheinung erklärt. Ohne Ideenassoziation ist also kein Verständnis der Erfahrung möglich, und darum spricht man den Kindern bis zu einem gewissen Alter mit Recht die Vernunft und Zurechnungsfähigkeit ab.

Unser Erkenntnisvermögen entwickelt sich somit erst infolge wiederholter Erfahrungen, und nicht auf einmal lernen wir das, was um uns vorgeht, verstehen. Zunächst dürfte sich im Kind wohl das Bewußtsein entwickeln, indem es infolge der Nötigung, die in jedem möglichen Inhalt des Bewußtseins liegt, unwillkürlich darauf verfallen muß, seine Beschränkung von sich selbst als beschränktem Wesen zu unterscheiden. Da aber dieses Unterscheiden ein vollständig unbewußter Vorgang ist, von dem wir erst durch angestrengte Reflexion Kunde erhalten, so dauert es erklärlich lange, bis das Kind nur einigermaßen Übung in denselben erlangt. Es muß sich ja erst allmählich daran gewöhnen, auf einen vorhandenen Reiz in dieser Weise zu reagieren, kurz auch das Vergleichen und Unterscheiden muß erst gelernt werden. Es gehört daher schon ein gewisser Grad von Fertigkeit dazu, bis das Kind nur dunkel den Inhalt seines Bewußtseins von anderen gleichartigen früheren Inhalten desselben zu unterscheiden vermag und dadurch ein Verständnis der Erfahrung gewinnt. Eine klare, bestimmte und sichere Unterscheidung wird erst nach jahrelanger Übung möglich sein, da all dies erst allmählich erlernt werden muß.

Man könnte nun fragen: wie entwickelt sich denn die Ideenassoziation? Wann ist sie so weit entwickelt, daß wir an ihrer Hand unsere Erfahrungen verstehen können, kurz  wann beginnt das Verständni der Erfahrung  d. h. die eigentliche Erkenntnis; denn das bloße Anstarren ist noch keine Erkenntnis. Dies will ich jetzt erläutern.

Wir haben oben gehört: Alle Ideenassoziation beruth auf Vergleichen; alles Bewußtsein und Denken ist aber Vergleichen: somit  beginnt die Ideenassoziation mit dem Bewußtsein und Denken.  Wir haben aber wiederum gehört: die Sinneswahrnehmung wird nur verhältnismäßig, je nachdem sie mehr oder weniger klar und deutlich unterschieden wurde, reproduziert. Ich habe auch darauf hingewiesen, daß selbst beim gereiften Menschen verhältnismäßig wenig mit Bestimmtheit in die Ideenassoziation aufgenommen wird, und daß  Vieles,  was nur flüchtig verglichen wurde, auch nur dunkel und verschwommen reproduziert werden kann. Umso mehr ist dies bei Kindern der Fall. Das Unterscheiden muß ja erst erlernt werden; daher wird die Ideenassoziation in unserer frühesten Jugend noch sehr chaotisch und ununterschieden sein, da wir im Unterscheiden noch nicht die Gewandtheit besitzen, die wir in späteren Jahren durch Übung allmählich erst erlangen. Und da wir ferner aus den Dingen nur soviel herauslesen können, wie wir in dieselben hineindenken durch die Vermittlung der Ideenassoziation, so erklärt es sich auch, warum unsere ersten Erkenntnisse noch außerordentlich spärlich und ebenso dunkel und chaotisch wie die Ideenassoziation selbst sind. Kinder können daher erst allmählich ein Verständnis der Erfahrung gewinnen, weil ihre Ideenassoziation erst nach und nach die Sinneswahrnehmung bestimmter und deutlicher reproduziert, entsprechend der Fertigkeit, die wir durch Übung allmählich im Unterscheiden erlangen. Wir können daher eigentlich nicht sagen, wann die Erkenntnis beginnt:  Bewußtsein, Ideenassoziation und Erkenntnis entwickeln sich wechselseitig unbewußt und unwillkürlich, allmählich vom ersten Augenblick an.  Es ist ein Entwicklungsprozeß, der unser ganzes Leben hindurch dauert, und beständig schauen wir die Welt mit anderen Augen an, weil wir beständig Andere werden, beständig lesen wir anderes aus den Dingen heraus, weil wir Anderes in dieselben hineindenken.

Daraus glaube ich, erklärt sich auch sehr einfach,  warum wir von unserer frühesten Jugend durchaus keine Erinnerung mehr haben.  Wir haben damals eben noch kein und später doch noch sehr wenig Verständnis der Erfahrung gehabt. Wir mußten erst vergleichen und unterscheiden lernen. Der Inhalt unserer Ideenassoziation war dementsprechend ein wenig unterschiedener, chaotischer, aus dem wir uns erst allmählich herausarbeiten mußten. Das Fehlen der Erfahrungen unserer Kindheit in der Ideenassoziation darf uns daher nicht wundern. Was eben nicht klar und bestimmt unterschieden wurde und in bestimmter Form in unsere Ideenassoziation aufgenommen wurde, kann auch nicht bestimmt reproduziert werden. Daher haben wir wohl dann und wann dunkle Erinnerungen aus jener Zeit, vermögen sie aber nicht mehr von anderen gleichartigen Inhalten des Bewußtseins zu unterscheiden. Was wir in unserer Jugend erlebt haben, ist nicht verloren gegangen; es wird reproduziert, kann aber nicht mehr unterschieden werden.

Wir haben jetzt gezeigt, wie ein Verständnis der Erfahrung möglich ist; jetzt werden wir zeigen, wie  Irrtum möglich  ist.

Der vorhin dargelegte Einfluß der Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt wird nämlich nur zu oft verhängnisvoll, indem er uns in  Täuschungen aller  Art verwickelt. Zum Beispiel: Es ist gewiß schon jedem von uns begegnet, daß wir gedankenvoll auf der Straße an jemand vorübergingen, plötzlich aufblickten, in einem Vorbeigehenden einen Bekannten zu sehen glaubten und ihn grüßten. Wenn nun der Gegrüßte uns zögernd dant und wir näher zusehen, so bemerken wir, daß wir einen ganz fremden Menschen gegrüßt und mit einem Bekannten verwechselt haben. Und das war alles das Werk eines Augenblicks. Was ging aber unterdessen in unserem Inneren vor? Wie kamen wir dazu einen ganz fremden Menschen für einen Bekannten zu halten?

Offenbar muß dieser Verwechslung folgender innerer Vorgang zugrunde liegen:
    1) wir müssen das Bild des Vorübergehenden  verglichen haben mit dem Bild jenes Bekannten, sonst wäre es nicht möglich gewesen, ihn mit demselben zu verwechseln. Es muß also auch unsere  Ideenassoziation hier tätig gewesen sein und uns das Bild des Freundes reproduziert haben, und dieses muß dann  das Medium der Vergleichung gewesen sein;

    2) mußten wir bei dieser Vergleichung eine solche Ähnlichkeit zwischen beiden Vorstellungen gefunden haben, daß wir beide im ersten Augenblick verwechselten und  für identisch hielten;

    3) bei näherer Vergleichung aber sahen wir, daß zwischen beiden Vorstellungen doch  Unterschiede bestehen, und der Gegrüßte nicht der vermeintliche Freund ist.
Wir sehen nun weiter, daß nichts gewöhnlicher ist, als solche Täuschungen und Verwechslungen. Namentlich unterliegen wir denselben des Nachts. Was sehen wir da nicht alles in einem Gebüsch! Bald meinen wir einen Jäger zu sehen, dann ein Bild, abergläubische und ängstliche Leute aber sehen gar in jedem Baum einen Riesen oder ein Gespenst oder einen Räuber, der auf sie zukommt. In jedem Geräusch hören sie Hufschlag oder das wilde Heer, das in der Nähe vorüberzieht. Ja, wir brauchen gar nicht abergläubisch und nicht ängstlich zu sein: wenn wir Nachts beim Schein der Lampe im einsamen Zimmer studieren und manchmal in Gedanken versunken den Kleiderständer anstarren, da meinen wir oft im Halbdunkel gar seltsame Gestalten zu sehen, bis wir uns erinnern, daß dies ja unser eigener Rock ist.

In dieselben Täuschungen verfallen wir, wenn wir bestimmen sollen, was ein Gegenstand ist, den wir in weiter Ferne wahrnehmen. Die Kühe auf der Alm halten wir für Gemsen und umgekehrt.

Noch mehr ist dies der Fall bei psychisch aufgeregten Personen. Was glauben Kranke z. B. in ihrer Fieberhitze nicht alles zu sehen! Ja, man braucht nicht gerade krank zu sein: das Mädchen das am Fenster den Geliebten erwartet, glaubt in jedem, der um die Ecke biegt, ihn schon zu sehen.

Selbst bei vollster Gemütsruhe täuschen wir uns. Manche alte Dame erblickt in einem zottigen kleinen Hündchen zu ihrer Verwunderung plötzlich ihren "Ami" und gesteht ihren Irrtum erst ein, wenn das Hündchen nicht auf ihr Zurufen achtet.

Und diese Täuschungen kommen nicht bloß beim Gesichtssinn, sondern bei allen Sinne vor. Wenn wir z. B. einen Bekannten erwarten, glauben wir in jedem Geräusch schon den Fußtritt desselben zu vernehmen und dgl. Ja, auch bei rein logischen Untersuchungen sind wir solchen Verwechslungen fast in noch höherem Grad ausgesetzt. So verwechseln wir z. B. die Begriffe  Raum, Ausdehnung, Ort  etc. oder  Zeit, Veränderung, Bewegung  usw.

Betrachtet man nun die Sache näher, so zeigt es sich, daß wir uns über dergleichen Verwechslungen und Täuschungen eigentlich gar nicht wundern dürfen. Wenn ich z. B. einen fremden Menschen mit einem Bekannten von mir verwechsle, so ist dies ganz natürlich. Ich mußte ja das Bild des Vorübergehenden mit meinen früheren Erfahrungen vergleichen, um zu einem Verständnis meiner Sinneswahrnehmung zu gelangen.

Meine Ideenassoziation reproduzierte mir nun das Bild meines Freundes, und wenn ich dann beide Vorstellungen für identisch hielt, und so den Fremden mit emeinem Bekannten verwechselte, so war dies eigentlich gar nicht zu verhindern; ich hatte ja nicht Zeit genug, umd durch einen genauen Vergleich auf die zwischen beiden Vorstellungen bestehenden Unterschiede aufmerksam zu werden, und mußte daher notwendig vorerst beide für identisch halten, da mir die unterscheidenden Merkmale beider erst später durch ein weiteres Vergleichen zum Bewußtsein kamen.

Erwägen wir ferner, daß wir jede neue Erfahrung nur durch einen Vergleich mit den früheren und eine Subsumierung [Einordnung - wp] unter dieselben erkennen, daß also bei jeder Erkenntnis der Inhalt unserer Ideenassoziation den Maßstab der Vergleichung bildet, so ergibt sich, daß eigentlich jede Erkenntnis ursprünglich auf einer solchen Täuschung oder Verwechslung beruhen muß, weil notwendig bei jeder derartigen Vergleichung, also bei allem Erkennen ein Zeitpunkt vorkommen muß, wo wir die beiden zu vergleichenden Vorstellungen noch nicht unterschieden haben und noch für identisch halten, da wir uns der unterscheidenden Merkmale noch nicht bewußt geworden sind.  Jede Erkenntnis beruth somit ursprünglich auf einer Täuschung,  und da diese Täuschung notwendig bei aller Erkenntnis vorkommen muß, so haben wir hiermit ein wissenschaftliches Gesetz, welches wir das  Gesetz der Pseudo-Identität  nennen wollen, da wir in diesem Stadium der Erkenntnis zwei ansich verschiedene Vorstellungen vorerst fälschlich für identisch halten, weil wir uns ihrer unterscheidenden Merkmale erst später bewußt werden.

Das  Gesetz der Pseudo-Identität  lautet hiermit:
    Alle Dinge erscheinen uns bei erster oder oberflächlicher Vergleichung identisch mit denjenigen gleichartigen Vorstellungen unserer früheren Erfahrung (Ideenassoziation), mit welchen wir sie verglichen haben. (vgl. auch ULRICI, "System der Logik", Seite 71f)
Häufig kommen wir über dieses Stadium rasch hinweg, indem unsere vergleichende Denktätigkeit alsbald die unterscheidenden Merkmale zwischen beiden Vorstellungen entdeckt und so beide als zwei verschiedene Vorstellungen unterscheidet. Dann wissen wir gar nicht, daß wir dieses Stadium durchlaufen mußten. Oft aber bleiben wir in denselben hängen, entweder  aus eigener Schuld  infolge flüchtiger und nachlässiger Vergleichung, oder  ohne unsere Schuld,  wenn der Gegenstand zu rasch an uns vorüberzieht oder wir ihn wegen der Verschwommenheit der Erscheinung z. B. bei weiter Entfernung, bei Dunkelheit usw. mit bestem Willen nicht näher unterscheiden können. Bemerken wir dann spter die Verwechslung, so sagen wir: "Wir haben uns getäuscht,  wir haben uns geirrt." 

Wie ist es nun möglich, den Inhalt einer Empfindung mit dem Inhalt einer Ideenassoziation zu verwechseln? Offenbar geschieht dies im Stadium der Pseudo-Identität und ich habe nun die Möglichkeit diese Verwechslung zu erklären. Sie beruth einfach darauf, daß  unser Denken wirklich außerstande ist, eine äußere Einwirkung sofort vom Inhalt einer Ideenassoziation zu unterscheiden. 

Jede Empfindung repräsentiert sich nämlich unserem Bewußtsein als Schranke und Negation des Ich, die uns veranlaßt unseren jetzigen Zustand mit dem früheren zu vergleichen und dadurch der Empfindung als Grund unserer Veränderung bewußt zu werden. Genau dasselbe geschieht auch durch jede Vorstellung der Ideenassoziation. Auch diese drängen sich uns auf, indem jede Vorstellung, an welcher wir gerade eine Sinneswahrnehmung oder irgendeine andere Vorstellung vergleichen, unwillkürlich andere Vorstellungen, mit denen sie durch  tertia comparationis [dritte Vergleichspunkte - wp] verbunden, uns ins Gedächtnis zurückruft und wir uns so in unserer Ideenassoziation ebenso gefangen finden, wie in einer äußeren Anschauung. Zwischen einem Inhalt der Ideenassoziation und der Empfindung besteht daher nur ein quantitativer und kein qualitativer Unterschied. Dazu kommt nun, daß ich von ersterem ganz absehen kann, da es mehr das Interesse als die Intensität ist, was mich veranlaßt, mich mit dieser oder jener Vorstellung zu beschäftigen. Ja es liegt sogar in meiner Freiheit von der Außenwelt ganz zu abstrahieren und meine Aufmerksamkeit auf mein Inneres zu konzentrieren, wie z. B. beim Studieren, und so verschwindet auch dieser quantitative Unterschied zwischen Empfindung und Vorstellung zur Bedeutungslosigkeit. Außerdem haben wir ja gewöhnlich gar kein Bewußtsein von demselben, wenn wir nicht ausdrücklich darauf reflektieren.

Der Inhalt einer Empfindung und einer Ideenassoziation läßt sich also  a priori  gar nicht unterscheiden, da im ersten Augenblick kein Unterschied zwischen beiden besteht und dieser sich uns erst später aufdrängt. Der Inhalt einer Ideenassoziation nämlich läßt sich mit Freiheit verändern. Wir brauchen nur zu wollen und können ein anderes Bild an die Stelle des früheren schaffen, können ihn also spontan verändern. Nicht so den Inhalt einer Empfindung. Dieser wird uns aufgedrungen und läßt sich durch die Spontaneität unseres Denkens nicht willkürlich ändern, sondern wir müssen ihn hinnehmen, wie er uns gegeben ist. Der Unterschied beider Inhalte des Bewußtseins kommt uns daher erst zu Bewußtsein, wenn wir spontan an unserer Vorstellung etwas ändern wollen und nun merken, daß die Vorstellung eigenmächtig beharrt und sich nicht willkürlich gestalten läßt, und jetzt erst sind wir genötigt, vermöge des Gesetzes der Kausalität, unsere Vorstellung als Wirkung auf eine äußere Ursache zu beziehen.

Dazu kommt noch ein anderer Punkt. Wenn nämlich unser Denken den Inhalt einer Empfindung mit dem einer Ideenassoziation verwechseln können soll, so müssen beide Inhalte auch eine gewisse Verwandtschaft haben, da sonst eine Verwechslung nicht denkbar wäre. Und so ist es auch. Jede neue Erfahrung ist mit allen früheren desselben Sinnes  a priori  homogen, da unsere Sinne sich nicht nach den Dingen, sondern die Dinge sich nach unseren Vermögen richten müssen. Wir sehen mit  unseren  Augen, in  unseren  sinnlichen Vermögen spiegeln sich die Dinge, daher die apriorische Gleichartigkeit aller Wahrnehmungen desselben Sinnes.

Und damit ist die Möglichkeit einer Verwechslung des Inhaltes einer Empfindung mit dem einer Ideenassoziation vollständig erklärt. Sie ist nicht nur nichts Auffallendes, sondern etwas ganz Natürliches, ja Gebotenes. Denn beide Inhalte unterscheiden sich an und für sich durch nichts voneinander; erst wenn wir mit Spontaneität etwas an diesem Inhalt verändern wollen, kommt uns der Unterschied beider zum Bewußtsein. Es ist daher für unser Denken gar kein Grund vorhanden, einen vorschwebenden Inhalt  a priori  für den Inhalt einer Empfindung zu halten, es muß ihn vielmehr vorerst notwendig für den Inhalt einer Ideenassoziation, für etwas schon Bekanntes halten, da er mit allen früheren Erfahrungen durchaus homogen ist und sich nicht sofort von denselben unterscheiden läßt. -

Eine andere Frage ist nun:  Wie ist es möglich, daß durch den Inhalt einer Empfindung unsere Ideenassoziation in Bewegung gesetzt wird,  da derselbe ja mit unseren früheren Erfahrungen nocht nicht durch  tertia comparationis  verbunden sein kann?

Die Antwort hierauf ergibt sich aus dem Gesetz der Homogenität. Alles, was in unser Bewußtsein eingeht, ist nach diesem Gesetz ja mit allen früheren Erfahrungen desselben Sinnes bereits homogen, daher auch  a priori  aufgrund unserer Organisation, also von Natur aus schon, mit allen gleichartigen früheren Erfahrungen durch  tertia comparationis verbunden,  obwohl es noch nie mit denselben verglichen wurde. Jede neue Erfahrung  muß  daher gleichartige Vorstellungen ebenso erwecken, wie irgendeine andere, die bereits längst in unsere Ideenassoziation aufgenommen wurde.

Daher kommt es auch, daß uns die gleichartigen Merkmale neuer Erfahrungen immer früher zum Bewußtsein kommen, als die unterscheidenden. Erstere sind ja das Band zweier Vorstellungen und daher der Ausgangspunkt für unsere Vergleichung.

Manche wichtigen psychischen Erscheinungen dürften aus dem Stadium der Pseudo-Identität, welches jede menschliche Erkenntnis durchlaufen muß, ihre natürliche Erklärung finden. So vor allem dasjenige, was man gewöhnlich unter dem Namen  Sinnestäuschungen  versteht. Die Sinne täuschen uns nie, weil sie nicht urteilen. Sie haben weder Willen noch Erkenntnis, sie sind ein mechanisches Werkzeug, das blind den Gesetzen gehorcht, welche die Natur in sie gelegt hat.  An Sinnestäuschungen zu glauben ist barer Sensualismus Sie vermitteln uns bloß den  Stoff  unserer Erfahrungen, wie sie ihn empfangen und nach den von ihnen von der Natur vorgeschriebenen Gesetzen empfangen müssen. Was wir aus dem Stoff machen, ist lediglich unser Werk, und wir lesen nichts aus den Dingen heraus, was  wir  nicht zuerst in dieselben hineingelegt haben.

Es gibt daher keine Sinnestäuschungen,  sondern dasjenige, was man fälschlich so genannt hat, sind nichts anderes als  Pseudo-Identitätsschlüsse.  So täuscht mich mein Auge, wenn ich einen Fremden für einen Bekannten oder nachts einen Baum für einen Riesen anschaue, es täuscht mich nicht mein Ohr, wenn ich das Miauen des Katers halb schlaftrunken für den Ruf des Nachtwächters halte, sondern derjenige, der sich täuscht, bin ich selber, und die Schuld an der Täuschung tragen nicht die Sinne, sondern  sie liegt im Erkenntnisakt. 

Vielleicht wäre hier auch ein Streifzug in das Gebiet der sogenannten  Nachtseite des menschlichen Lebens  nicht ohne Ausbeute. So dürfte sich das sogenannte  Gespenstersehen  mannigfach leicht aus Pseudo-Identitätsschlüssen enträtseln lassen. Wenn z. B. ein altes, Geistergeschichten volles Mütterlein nachts in den Keller kommt und ihren im finsteren Winkel sitzenden Kater mit seinen leuchtenden Augen für ein Gespenst oder gar für den leibhaftigen Gottseibeiuns hält, so liegt darin gewiß nichts wunderbares, da ja der Mensch aus seinem Erfahrungsstoff machen kann, was er will, bzw. aufgrund seiner Ideenassoziation machen muß. Das Verständnis der Dinge ist uns mit dem Inhalt der Empfindung noch nicht gegeben und was der Mensch aus den Dingen herausliest, muß er infolge seiner eigentümlichen Organisation erst in dieselben hineindenken. Es ist daher sehr erklärlich, warum die abergläubische Alte ihren Kater für den Teufel hielt. Sie hatte ja ihre Ideenassoziation mit dergleichen Bildern geschwängert, die Ideenassoziation aber liefert das Medium zu jedem Erkenntnisakt. Abergläubische Leute wollen ja Gespenster sehen, sie gehen mit einem Gespensterglauben schwanger. Wenn sie nun solche wirklich zu sehen glauben,  kommt nur die Ideenassoziation zu ihrem Recht  und sie dürfen sich darüber nicht beklagen. Bemerkenswert ist dagegen, daß er Unerschrockene, der sich alles Verdächtige genau ansieht, gewöhnlich keine Gespenster sieht. Natürlich! Das Unterscheiden ist ja, wie wir gleich hören werden, die Erlösung aus den fatalen Täuschungen eines Pseudo-Identitätsschlusses.

Ähnlich erklären sich sehr einfach verwandte Erscheinungen, wie z. B. die  Totengesichte der Sterbenden.  Ich war z. B. einer Sterbenden, um deren Bett die Vewandten standen. Plötzlich meinte diese, ihre verstorbenen Schwestern zu sehen, welche kommen um sie abzuholen. Den umstehenden Frauen wurde es unheimlich zumute, allein dieser Fall dürfte sich ganz einfach aus dem bisher Abgehandelten erklären. Warum sollte die alte Frau mit ihren brechenden Augen, deren ganzer Sinn auf die nahe Auflösung gerichtet war, in den umstehenden Verwandten nicht ihre Schwestern haben sehen können? Der Mensch kann ja aus seinem Erfahrungsstoff machen, was er will, bzw. muß: jeder versteht die Erfahrung so, wie er sie aufgrund seiner Ideenassoziation verstehen muß. -

Doch ich wollte dies nur andeuten. Ich glaube nun zur Genüge gezeigt zu haben, wie sich aus dem Einfluß der Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt nicht bloß das Verhältnis der Erfahrung, sondern auch die Täuschungen, Störungen und Verirrungen des Erkennens höchst einfach erklären lassen, und hiermit ist die Frage, wie Irrtum möglich ist, gelöst. Wir haben auch gesehen, daß  der Irrtum ein verschuldeter  oder  unverschuldeter  sein kann, ja daß er  niemals absolut unmöglich  ist, da alle Erkenntnis notwendig das Stadium der Pseudo-Identität durchlaufen muß. Und damit haben wir den alten Satz  "errare humanum"  "Irren ist etwas allgemein Menschliches" bestätigt gefunden.

Wir können nun aber im Stadium der Pseudo-Identität nicht stehen bleiben, und die Frage, die wir jetzt zu lösen haben, ist:  Wie ist Wahrheit möglich?  oder: Wie werden wir aus der Pseudo-Identität erlöst?

Es kommt im Leben häufig vor, daß z. B. ein Schwärmer in jedem schönen Mädchen sein Ideal verwirklicht zu sehen glaubt. Diesen Wahn hegt er so lange, bis er etwas merkt - den Unterschied. 

Erwägen wir diese schlichte Erfahrung aus dem Alltagsleben, so finden wir den Weg, der uns aus dem Stadium der Pseudo-Identität herausführt. Aus diesem Irrtum werden wir erlöst  durch Unterscheiden Der Unterschied ist das Resultat des Vergleichens, das Resultat jedes vollendeten Erkenntnisaktes. Wie das Vergleichen der Ausgangspunkt, so ist das Unterscheiden der Endpunkt jener Entwicklung, welche jede Erfahrung im Erkenntnisakt durchzumachen hat. Zwischen beiden Punkten aber steht das Stadium der Pseudo-Identität. -

So kommen wir  durch Irrtum zur Wahrheit.  Durch Unterscheidung wird der  Schein  überwunden. Die Wahrheit ist das Ende der Erkenntnis; aber häufig bleiben wir im Stadium der Pseudo-Identität stecken. Der Irrtum ist also zwar nie absolut unmöglich, weil er seinen Grund in der eigentümlichen Organisation des Menschen hat, aber  es ist dem Menschen auch nicht bestimmt, daß er fortwährend notwendig irrt,  sondern es ist ihm die Möglichkeit gelassen, durch genaues Unterscheiden den Irrtum zu überwinden und zur ersehnten Wahrheit zu gelangen. -

Ich gehe nun daran, das Ergebnis der ganzen Abhandlung zusammenzufassen und eine kurze, übersichtliche Darstellung des Erkenntnisaktes zu geben. Alles Erkennen, sahen wir, ist das Resultat einer  Entwicklung  und durchläuft, wie jede Entwicklung mehrere Phasen. Demnach löste sich uns die Frage:  Wie entsteht aus der rein sinnlichen uns noch unbewußten Empfindung die bewußte Vorstellung und Erkenntnis des Gegenstandes, der auf uns wirkt?  in folgender Weise:

Die sinnliche Empfindung wird durch drei Stadien hindurch zur bewußten Vorstellung entwickelt:

I. Das Stadium der Empfindung.  Alle sinnliche Erkenntnis beginnt, wie die Physiologie uns lehrt, damit, daß ein Reiz auf unsere Sinnlichkeit wirkt und den Sinnesnerven in schwingende Bewegung versetzt, die sich bis ins Gehirn fortpflanzt. Über diesen rein physischen Vorgang haben uns die Physiologen des Näheren aufzuklären. - Jeder solcher Reiz ruft nun eine dem betreffenden Sinnesnerven entsprechende Empfindung hervor und enthält hiermit eine Veränderung unseres Daseins, also eine Veranlassung unseren jetzigen Zustand mit dem früheren zu vergleichen und uns so dieser Empfindung als Ursache der Veränderung bewußt zu werden. Dies geschieht dadurch, daß wir die Empfindung von unserem Selbst unterscheiden, d. h. sie zum Gegenstand einer Vorstellung machen. In dieser Empfindung hat der Geist also ein  Objekt,  an dem er seinen Formen verwirklichen kann, welches die Denktätigkeit zur weiteren Vergleichung und Unterscheidung anregt.  Wir haben nun einen Stoff der Erkenntnis  gewonnen Dieser Stoff muß aber, um erkannt werden zu können erst  geformt  werden und so ergibt sich als

II. Stadium: das Stadium der Gestaltung des Erfahrungsstoffes,  in welchem wir den Inhalt der Empfindung in sich unterscheiden, ihm die Form des Bewußtseins geben etc. Kurz: es ist dies jene Enwicklungsphase, in welcher der Erfahrungsstoff seine einheitliche Synthesis, seine Gestalt und Form erhält, so daß ich jetzt sagen kann: ich sehe, höre etc. etwas. Nun habe ich dem Stoff zwar auch seine  Form  erteilt, allein ich habe immer  noch kein Verständnis der Erfahrung.  Es ist somit eine weitere Phase gefordert:

III. Das Stadium des Verständnisses der Erfahrung  oder der  Erkenntnisakt.  In diesem Stadium wird mir die Erfahrung verständlich gemacht, d. h. der  Inhalt  der Erfahrung wird mit  anderen Inhalten  früherer Erfahrungen verglichen und von ihnen unterschieden. Und dies ist:  Der eigentliche Erkenntnisakt,  während wir durch die beiden vorausgehenden Stadien nur zum Bewußtsein kamen:
    1) daß ich überhaupt eine Empfindung habe,
    2) daß der Inhalt derselben ein gewisses mir noch nicht weiter bekanntes "Etwas" ist.
Den eigentlichen Erkenntnisakt haben wir nun im Vorhergehenden ausführlich untersucht und gefunden, daß sich in demselben  ebenfalls drei Stadien  mit voller Bestimmtheit unterscheiden lassen. Sie sind:

a)  das Stadium der Vergleichung.  Wir beginnen jetzt zunächst damit, den Inhalt unserer Empfindung mit anderen früheren gleichtartigen Erfahrungen zu vergleichen. Da derselbe  a priori  mit allen gleichartigen früheren Erfahrungen durch  tertia comparationis  verbunden sein muß, so liefert mir die Ideenassoziation sofort auch gleichartige Vorstellungen zur Vergleichung, und die Folge dieser ersten Vergleichung ist, daß wir den Inhalt der Empfindung ganz und gar mit dem gleichartigen Inhalt der Ideenassoziation, mit welchem wir denselben verglichen haben, verwechseln und etwas schon Bekanntes zu sehen glauben. Kurz: wir stehen im

b) Stadium der Pseudo-Identität,  in welchem wir den Inhalt der Empfindung vollständig mit dem betreffenden Inhalt der Ideenassoziation identifizieren. Unser Denken ist aber Tätigkeit, vergleichende Tätigkeit; es bleibt daher hier nicht stehen, sondern vergleicht weiter und stößt nun auf Unterschiede, die zuvor nicht bemerkt wurden, die sich uns aber aufdrängen und nicht abgewiesen werden können. Wir stehen bereits im

c) Stadium der Erlösung aus der Pseudo-Identität  oder der  Unterscheidung.  Die Folge der eben gemachten Wahrnehmungen ist, daß wir  1)  den Inhalt der Empfindung und den Inhalt der Ideenassoziation voneinander unterscheiden und zum Bewußtsein kommen, daß wir es nicht mit einem Bekannten zu tun haben, sondern etwas Anderes als das, was wir wahrzunehmen glaubten, wahrnehmen;  2)  daß wir den uns vorschwebenden, eigenmächtig beharrenden Inhalt jetzt als die Wirkung einer äußeren Ursache erkennen,, während wir ihn bisher wie einen Inhalt der Ideenassoziation behandelten oder vielmehr von diesem Unterschied noch kein Bewußtsein hatten. Und jetzt geschieht es, daß wir den Inhalt einer Empfindung nach außen beziehen und das Bewußtsein erhalten, daß ein äußerer Gegenstand auf uns einwirkt. Durch fortgesetzte Vergleichung entdecken wir nun noch mehr Unterschiede und das Resultat dieser Entwicklung ist, daß der Inhalt unserer Empfindung zwar demjenigen Inhalt unserer Ideenassoziation, mit welchem er  a priori  durch  tertia comparationis  verbunden in unserem Bewußtsein auftrat und mit dem wir ihn verwechselt haben, gleichartig aber doch auch in manchen Beziehungen von ihm unterschieden ist, daß wir also z. B. zwar ein Haus sehen, aber nicht das Haus, welches wir zu sehen glaubten, und so sagen wir dann: der Gegenstand, den ich sehe, ist  ein  Haus etc. Was aber unterdessen unbewußt in uns vorgegangen ist, klingt in dem "mein", das man so oft bei jeder Sinneswahrnehmung im Leben hören kann, nach und verrät das tiefe Geheimnis dieses unbewußt sich vollziehenden Aktes. -

Das wäre also der innere Vorgang beim menschlichen Erkenntnisakt. Obwohl ich für das Dargestellte gute Gründe zu haben glaube, so will ich mir doch keineswegs Unfehlbarkeit bis ins Detail anmaßen und lasse hier gerne am Ende auch eine andere Anschauung gelten. Ein Jeder, der einmal über dergleichen Objekte nachgedacht hat, weiß ja wie unendlich schwer solche Forschungen sind und wie leicht man auf Irrwege geraten kann. Dagegen glaube ich mit Evidenz nachgewiesen zu haben, daß alle Erkenntnis notwendig aus drei Faktoren besteht und die drei Stadien des Vergleichens, der Pseudo-Identität und des Unterscheidens durchläuft.

Und dies gilt nicht nur für die sinnliche Erkenntnis, sondern für alle Erkenntnis überhaupt. Auch bei der begrifflichen Erkenntnis gelangen wir erst durch Unterscheidung aus der Verwechslung der Begriffe mit ähnlichen heraus.

Welch einen eminenten Einfluß die Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt hat, glaube ich nachgewiesen zu haben. Ebenso dürfte uns jetzt auch klar sein,  warum alle bisherige Erkenntnistheorie nicht befriedigen konnte.  Sie übersah ja den allerwichtigsten Faktor im ganzen Erkenntnisakt. Ohne Ideenassoziation gibt es kein Verständnis der Erfahrung. Das Verständnis und die Möglichkeit, die Erfahrung falsch zu verstehen, zu irren, läßt sich aus den beiden Faktoren "Verstand" und "Sinnlichkeit" allein nicht erklären.

Meine Aufgabe wäre jetzt gelöst. Aber in diesem Augenblick drängt sich mir ein  furchtbarer verhängnisvoller Zweifel  auf, der entweder dieser meiner Theorie oder einem uralten Erbe der Philosophie den Todesstoß versetzt. Wenn ich nämlich sage, ich sehe z. B. einen Baum, ein Haus, ein Pferd etc. so muß ich offenbar den Inhalt meiner Empfindung mit dem Inhalt des Begriffes "Baum", "Haus", "Pferd" etc. verglichen haben; sonst wäre nicht denkbar, wie ich dazu komme, den Inhalt meiner Erfahrung und jenen Begriff zu subsumieren. Nun kann aber der Inhalt des Begriffes  Baum, Haus  etc. keine individuelle, sondern muß notwendig eine allgemeine Vorstellung sein - dann aber war meine Theorie des Erkennens falsch, weil ich lehrte: den Maßstab im Erkenntnisakt bildet unsere individuelle Erfahrung, also lauter individuelle, konkrete Vorstellungen, und im Laufe der ganzen Untersuchung haben wir nichts von Allgemeinvorstellungen gehört.

Das furchtbare  Dilemma,  das wir nun zu lösen hätten, ist folgendes:

Entweder ist der Inhalt der Begriffe eine Allgemeinvorstellung, - dann kann die Ideenassoziation bzw. deren Inhalt, die individuelle, konkrete Erfahrung, nicht der Maßstab für alles Erkennen sein und  das Resultat unserer Untersuchung ist falsch; 

oder die Ideenassoziation liefert wirklich das Medium zum Erkenntnisakt, jede neue Erfahrung wird also wirklich an unserer früheren Erfahrung verglichen, - dann war es  falsch,  was Hundert und Tausende bisher glaubten,  das der Inhalt der Begriffe eine Allgemeinvorstellung ist  und  die alte Lehre vom Begriff,  wonach Begriffe durch Abstraktion und Reflexion entstehen sollen, war  eine alte Verirrung. 

Hier gilt es also Leben um Leben; mit dem Einen steht und fällt das Andere. Gelingt es mir nun nachzuweisen, daß das Medium im Erkenntnisakt notwendig eine individuelle konkrete Vorstellung sein muß und keine allgemeine sein kann, so rette ich dadurch zwar meine Theorie, breche aber über die bisher gewöhnliche Ansicht hinsichtlich der Entstehung und des Inhaltes der Begriffe den Stab.

Diesen  Nachweis, daß unsere Ideenassoziation,  unsere individuelle Erfahrung  und nur sie das Medium zum Erkenntnisakt liefert,  habe ich eigentlich schon oben geführt, und ich brauch daher nur noch auf einige schlagende Tatsachen zu verweisen. Ein evidenter Beweis hierfür ist z. B.  die Möglichkeit einer Verwechslung neuer Erfahrungen mit früheren.  Ich habe darauf hingewiesen, wie häufig wir einen Fremden mit einem Bekannten verwechseln. Wie aber wäre dies möglich, wenn der Anblick des Vorübergehenden in mir nur die Allgemeinvorstellung, welche den Inhalt des Begriffes "Mensch" bilden soll, wachgerufen hätte? Nie und nimmer. Vielmehr ist eine jede derartige Verwechslung ein schlagender Beweis, daß wir den Vorübergehenden mit einer ganz  individuellen, konkreten  Erfahrung verglichen haben mußten, da sonst eine solche Verwechslung nicht denkbar gewesen wäre.

Bei allen seinen weiteren Erkenntnissen ertappt sich selbst beobachtende Mensch als  das Produkt seiner individuellen Erfahrung  und spricht dies auch unumwunden aus. Ich bitte meine verehrten Leser im Interesse der Wahrheit, sich einmal die Mühe zu machen und in einer Gesellschaft das Gespräch der Leute zu belauschen, so werden sie finden: aus jedem Wort, das jemand spricht, spricht sein Ich, seine Individualität. Das "Mein" kann man überall heraushören. Gewiß ein handgreiflicher Beweis, daß jeder seine konkrete, persönliche Erfahrung zum Maßstab der Vergleichung macht. Wie wäre es sonst möglich, daß uns durch die Erzählung eines fremden Abenteurers eigene derartige Erlebnisse, an die wir oft lange nicht mehr gedacht haben, wieder einfallen. Man denke nur einmal darüber nach, was es heißt, wie man so oft hören kann: "Weil sie gerade von dem sprechen, fällt mir auch etwas Ähnliches ein, das  mir selbst  begegnete", oder "da erinnern sie mich an einen merkwürdigen Fall, den  ich  erlebt habe" etc. Solche Reden, die wir den ganzen Abend immer in Gesellschaften hören können, beweisen doch zur Evidenz, daß wir alles was wir sehen und hören, nur an unserer individuellen Erfahrung prüfen, daß also ganz  konkrete Vorstellungen  den Maßstab bei jeder Vergleichung bilden.

Schließlich folgt aus dem  Gesetz der Gleichartigkeit,  daß wir Gattung nur durch Gattung, Art durch Art, Individuum nur durch Individuum erkennen können. Da nun alle Erfahrung eine individuelle, konkrete ist, so folgt auch, daß das Medium ihrer Erkenntnis nur ein individuelles, konkretes sein kann, da sonst ein Verständnis derselben nicht möglich wäre.

Doch ich will nicht länger bereits Gesagtes wiederholen. Nicht grundlos, sondern mit gutem Recht glaube ich, behaupten zu können, daß das Medium im Erkenntnisakt nur eine konkrete und keine allgemeine Vorstellung sein kann. Da ich nun aber, wenn ich sage, ich sehe einen Baum etc., meine Sinneswahrnehmung notwendig mit dem Inhalt dieses Begriffs verglichen haben muß, weil ich sie sonst nicht unter denselben subsumieren hätte können, so folgt daraus, daß entweder die Theorie der Begriffe, welche lehrt, der Inhalt der Begriffe ist eine allgemeine oder abstrakte Vorstellung, falsch ist, oder daß die Vorstellung, an welcher wir unsere neue Erfahrung verglichen haben, nicht der Inhalt des Begriffes  Baum, Haus  etc. war, da dieser nur etwas Allgemeines sein kann. Mit einem Wort: wir müssen gestehen: mit der bisherigen Theorie der Begriffe lassen sich obige psychologische Tatsachen nicht mehr erklären; sie stehen in direktem Widerspruch mit derselben und drängen zu einer  neuen Theorie der Begriffe.  Da nun diese nicht mehr in den Bereich der mir gesteckten Aufgabe gehört, so mögen vorläufig folgende wenige Andeutungen genügen:

Die Annahme allgemeiner und abstrakter Vorstellungen als Inhalt der Begriffe  ist einer der folgenschwersten Irrtümer aller bisherigen Philosophie. Nicht bloß in philosophischen Theorien hat diese unselige Verirrung monströse Mißgeburten zutage gefördert, z. B. das reine Sein und reine Denken, die Idee einer Identität aller Unterschiede im Absoluten etc., sie ist sogar auch praktisch geworden in der Kunst - ich verweise nur auf den * Doryphoros  des POLIKLET und hat unter den Ästhetikern die größten Verwirrungen hervorgerufen - man denke z. B. an die reinen Wasser WINCKELMANNs, an die Idee hermaphroditischer Gestalten, die uns in der Geschichte der Ästhetik begegnen.

Diese so verhängnisvolle Annahme nun beruth auf einem  äußerst versteckten Fehlschluß,  der so natürlich scheint, daß er uns, wenn wir denselben aufdecken, im ersten Augenblick auf das Äußerste frappiert und wir es selbst kaum glauben können, daß wir es hier mit einem Fehlschluß zu tun haben. Und doch ist es so:

Jeder Begriff z. B.  Haus, Pferd, Gebirge  etc. ruft in uns eine Vorstellung hervor. Das ist eine Tatsache. Wir stellen uns unter diesen Begriffen etwas vor, denken uns etwas dabei. Das  proton pseudos [erster Irrtüm, erste Lüge - wp] der bisherigen Begriffstheorie lag nun darin, daß man diese Vorstellung unbedenklich mit dem Inhalt des Begriffs identifizierte. Wer möchte auch meinen, daß diese nicht der Inhalt des Begriffs wäre? Die Folge davon war, daß man nun also schließen mußte. Da diese Vorstellung der Inhalt des Begriffes  Baum, Gebirge  etc. ist, dieser aber notwendig etwas Allgemeines sein muß, so muß auch jene Vorstellung notwendig eine allgemeine, bzw. abstrakte, sein und so kam man zu jener unseligen Annahme.

Nun läßt sich aber zur Evidenz nachweisen, daß mir hier ein Fehlschluß unterlief. Es läßt sich zeigen, daß die Vorstellung, welche ein Begriff erweckt, eine individuelle ist und eine individuelle sein muß, daß sie mithin nicht der Inhalt des Begriffes, der ja etwas Allgemeines ist, sein kann, wohl aber  daß dieser in der individuellen Vorstellung koexistiert.  Andererseits aber läßt sich auch zeigen, daß die Annahme allgemeiner und abstrakter Vorstellungen Denkunmögliches verlangt und  ad absurdum  führt (BERKELEY hat sich in seiner "Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis" nicht ohne Grund so sehr gegen jene Annahme ereifert), daß mithin die bisherige Entstehungstheorie der Begriffe, welche wir die  Abstraktionstheorie  nennen wollen, weil sie lehrt, Begriffe entstehen durch Abstraktion von den zufälligen und unwesentlichen und Reflexion auf die wesentlichen, allgemeinen Merkmale, die sich dann in eine Allgemeinvorstellung verschmelzen sollen (vgl. ÜBERWEG, System der Logik, Bonn 1868, § 56f), unmöglich ist, da sie auf einem Fehlschluß beruth und nur die Konsequenz dieses Fehlschlusses ist, Unmögliches verlangt und  ad absurdum  führt (das "reine Sein" HEGELs z. B. ist nur die letzte folgerichtige Konsequenz der Abstraktionstheorie). Sie muß durch eine  Komparationstheorie  ersetzt werden, welche sagt: Alle Begriffe entstehen durch Vergleichung. Der Inhalt des Begriffs ist nicht, wie man fälschlich glaubte, eine allgemeine oder abstrakte Vorstellung, er ist überhaupt  keine Vorstellung,  sondern die ideale Einheit gleichartiger Vorstellungen, d. h. alle Begriffe sind ihrem Inhalt nach  tertia comparationis,  ihrer Form nach symbolische (sprachliche) Zeichen für  tertia comparationis  (Beziehungspunkte, Vergleichspunkte). Ihr Inhalt ist also das als das Gemeinsame gleichartiger Vorstellungen Unterschiedene, also ein Produkt unserer eigentümlichen vergleichenden Denktätigkeit, mithin dem Gesetz der Koexistenz verfallen, d. h. ihr Inhalt kann als solcher in den Dingen (als Objekten unserer Vorstellung) nur der Potenz nach vorhanden sein oder  koexistieren.

Doch ich kann mich auf diesen Punkt hier nicht weiter einlassen. Für den Zweck dieser Abhandlung genügte es nachzuweisen, daß die Annahme allgemeiner Vorstellungen für den Erkenntnisakt nicht bloß überflüssig, sondern sogar unmöglich ist und daß vielmehr zu jeder Erkenntnis unsere individuelle Erfahrung eine ganz konkrete Vorstellung als Medium liefert. Eine ausführliche Kritik jener Annahme kann ich erst in einer später folgenden Abhandlung über die Entstehung der Begriffe geben, und bis dahin muß ich es der  inneren Wahrheit  meiner Erkenntnistheorie überlassen, sich selbst zu rechtfertigen.



LITERATUR - Max Schießl, Untersuchungen über die Ideenassoziation und ihren Einfluß auf den Erkenntnisakt, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 62, Halle/Saale 1873