cr-4ra-1cr-2NietzscheG. BrandesL. SteinR. EislerL. Nelson    
 
FRIEDRICH RITTELMEYER
Friedrich Nietzsche
und das Erkenntnisproblem

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"Die psychologischen Erwägungen über die subjektiven Faktoren der Erkenntnis führen Nietzsche sehr rasch zu dem Schluß, daß Erkennen und Sein die sich widersprechendsten aller Sphären sind, zwischen denen es keine Kausalität, nur ein ästhetisches Verhalten gibt."

"Der Dienst der Wahrheit läßt sich nicht scheiden von Moral und Religion, er verlangt Selbstverleugnung, Treue, Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeit, das heißt Moral er setzt voraus Zuversicht zum Erkennen, Glaube an irgendeine Möglichkeit, Notwendigkeit, Nützlichkeit der Wahrheit, das latente Vertrauen zu einem irgendwie vorhandenen Sinn des Daseins, das heißt: Religion." 


II. Beiträge zur Beurteilung der
erkenntnistheoretischen Gedanken Nietzsches.


a. Ihre Entwicklung

Daß NIETZSCHE jemals ein  unkritischer  SCHOPENHAUERianer gewesen sei, läßt sich nicht aufrechterhalten. Wohl ist seine Erstlingsschrift auf dem Unterbau der SCHOPENHAUER'schen Willensmetaphysik aufgeführt und empfängt die originale Pracht, in der sie strahlt, vor allem durch das Licht, das in überraschendem Zusammenspiel von drei Seiten einfällt: aus der Vergangenheit vom Griechentum und seinen Geheimnissen, aus der Gegenwart vom WAGNER'schen All-Kunstwerk, aus der Zukunft von der erträumten neudeutschen Kunstherrlichkeit. Aber während NIETZSCHE öffentlich die Farben seines selbsterwählten Lehnsherrn trug und für sie kämpfte, hatte in einem geheimen Zwiegespräch längst eine energische Auseinandersetzung mit dem Meister begonnen. Das Wörtchen "und" auf dem Titelblatt des Hauptwerks: "Die Welt als Wille und Vorstellung" ist der Punkt, wo NIETZSCHE den Hebel zur Sprengung des Systems einsetzt. "Wie kann Wille Vorstellung werden?" "Wie kann Wille jemals  nicht  Vorstellung sein? - Das sind die beiden Fragen, mit denen der Schüler immer wieder vor den Meister tritt, und als des Meisters Weisheit keine Antwort für ihn hat, schickt sich der Schüler zur Wanderung an. Die Erstlingsschrift war tatsächlich ein "Abschiednehmen"; alsbald sehen wir NIETZSCHE deutlich seinen Weg in der Richtung zum Positivismus einschlagen. Nicht, wie man oft meinte, ein neuer Stern ging ihm auf, blendete ihn und lockte ihn auf die Pfade der Untreue, sondern des alten Gestirnes Glanz war ihm erblichen, sein Auge  suchte  nach neuen Sternen.

Doch diese ganz innere Geschichte blieb der Öffentlichkeit fast völlig verborgen. Vor der Welt stand NIETZSCHE da als schwertkühner Kämpfer einer kommenden Kultur. Erst in den Nachlaß-Entwürfen tun sich verschwiegene Fenster vor uns auf und wir blicken hinein in die Heimlichkeiten seiner Gedankenwelt. Wir sehen, wie dort die alten Elemente sich zersetzen, wie neue hinzutreten, wie Altes und Neues durcheinandergärt. Die großen Gedanken der alten griechischen Philosophen ziehen durch die Seele unseres Denkers und lösen tiefe Triebe seines Wesens aus. Auf metaphysischem Gebiet HERAKLIT mit seiner Lehre vom souveränen Werden, auf ethischem Gebiet EMPEDOKLES mit seinem aktiv gerichteten, männlichen Pessimismus, auf dem Erkenntnisgebiet die Sophisten - das waren die Männer, die er als seine Geistesverwandten erkannte, die er begrüßte als Wegdeuter auf dem Weg zu sich selbst. Zur selben Zeit aber sieht man von der anderen Seite die Strahlen der modernen Naturwissenschaft in seine Gedankenwelt hineinleuchten. Wir begegnen den ersten Versuchen einer strengeren erkenntniskritischen und psychologischen Methode; wir nehmen wahr, wie sein skeptischer Grundinstinkt sich der biologischen Evolutionstheorie zu bemächtigen beginnt. Doch sind es weniger einzelne Einflüsse und Erleuchtungen, als vielmehr der Sonnenschein allgemeiner Gedanken und Stimmungen, der NIETZSCHE zu seinem selbständigen Forschen und Fragen anregt.

Wir prüfen die Entwicklung im Einzelnen, an der Hand der drei Fragen nach dem subjektiven Vorgang, dem objektiven Inhalt und dem Gesamtwert der Erkenntnis.

1. Eine gewisse Gegnerschaft gegen das "reine Erkennen" liegt NIETZSCHE von Anfang an im Blut und ist durch den Einfluß SCHOPENHAUERs zumindest nicht besänftigt worden. So wird dem Denken zunächst die Aufgabe zugeschrieben, über seine eigene Unzulänglichkeit aufzuklären und dadurch die Bühne frei zu machen für die metaphysischen Offenbarungen der Kunst. Nach Auflösung der SCHOPENHAUERschen Willensmetaphysik tritt das Denken in den Dienst des Lebens und erhält dort eine, zwar nicht mehr bloß negative, aber immerhin sekundäre, positive Stellung zugewiesen. Einen Trieb nach der "kalten, reinen, folgenlosen Erkenntnis" kann es nicht geben.

Zu dieser Grundvoraussetzung von der sekundären Bedeutung des Denkens tritt nun als Bestätigung von der biologischen Seite her der Gedanke, daß der Intellekt überhaupt nur als Hilfsmittel der Lebenserhaltung zu betrachten ist, gebrechlichen Wesen vorübergehend beigegeben. Psychologische Erwägungen führen ferner zu dem Verdacht, daß von den, noch als apriori geltenden, Denkformen der Außenwelt gegenüber ein voreiliger, unberechtigt verallgemeinernder Gebrauch gemacht worden ist.

Aber noch stehen beide Gedanken, der von der sekundären Bedeutung des Intellekts und der vom Mißbrauch des Denkapparats, unvermittelt nebeneinander.

2. Solange der "Wille" mit Widerspruch und Weh "unzerstörbar mächtig und lustvoll" im Innern der Dinge wohnte, in einem der Erkenntnis doch ewig verschlossenen Reich, breitete sich über seiner Welt das Reich der Erscheinungen aus als ein vorläufig unangefochtener Tummelplatz der Erkenntnis. Je mehr aber das Reich des Willens selbst versinkt in die Sphäre des absoluten Nichts, umso mehr fallen die Schatten der Skepsis auf die Erscheinungswelt. Die Bewegungsgesetze erregen Bedenken. Die psychologischen Erwägungen über die subjektiven Faktoren der Erkenntnis führen sogar sehr rasch zu dem Schluß, daß Erkennen und Sein die sich widersprechendsten aller Sphären sind, zwischen denen es "keine Kausalität, nur ein ästhetisches Verhalten" gibt. Zwar taucht von der Biologie her der Gedanke auf, daß die Formen des Denkens, weil aus der Materie entstanden, dieser auch adäquat sein müssen, aber - und damit schreitet das "geistige Fatum" NIETZSCHEs an uns vorüber - das Gedankenbergwerk, das sich hier vor ihm öffnet, läßt er liegen. Dagegen deutet ein metaphysisch-idealistischer Versuch, die Welt in Empfindungskomplexe aufzulösen, jetzt schon unverkennbar in die Richtung der zukünftigen "Macht"-Metaphysik.

3. Auch die Wahrheit hat von Anfang an das tiefe Mißtrauen NIETZSCHEs zu tragen. Mit dem Stigma der Schrecklichkeit, ja Tödlichkeit gebrandmarkt, wird sie zuerst der schmerz- und lustvollen dionysischen Weisheit, dann dem neu emporsteigenden Ideal des "Lebens" untergeordnet. "Die einzige Kritik einer Philosophie, die möglich ist, und die auch etwas beweist, sit die, zu versuchen, ob man nach ihr  leben  kann."

Doch dabei bleibt es nicht. Biologie und Psychologie ergänzen sich gegenseitig dahin, die Wahrheit ihrem Ursprung nach als fixierte Willkür, ihrem Wesen nach als moralisches Phänomen, ihrem Wert nach als Hilfsmittel des Lebens  gleich  der  Lüge,  zu entwerten.

Auch die Logik, als "genau auf die Welt der Erscheinungen angepaßt" ursprünglich anerkannt, erfährt von der Biologie her die erste Verdächtigung, indem ihre Entstehung aus dem Kampf der Überzeugungen behauptet wird. -

Die zweite Periode im Denkerleben NIETZSCHEs kann vielleicht als die interessanteste bezeichnet werden. Ihr Gepräge empfängt sie zunächst durch eine neue Herrin, die er sich erkürt, die "Wissenschaft". Deren Nebenbuhlerin, die "Metaphysik", niederer Herkunft überführt und gemeingefährlicher Bestrebungen verdächtigt, wird öffentlich in die Wüste verstoßen. Es scheint eine Zeit lang, als wolle die neue Herrin unseren Denken bis zur Verleugnung seines Grundinstinkts, des Triebs nach machtvollem Leben, in ihren Bann ziehen. Aber schon beginnt das Gegenspiel. Zwei Gegner treten in Aktion, die sich längst bei eben diesem Grundinstinkt unseres Denkers in Ansehen zu setzen gewußt hatten: die psychologische Erkenntniskritik und die biologische Erkenntnisgenese. Diese beiden nähern sich gegenseitig und erstarken durch die Verbindung. So ist kein Zweifel: auch die Königin Wissenschaft verliert den Thron. -

Genau besehen, hat sich also in dieser zweiten Periode NIETZSCHEs keineswegs so viel geändert, als man manchmal zu seinen Ungunsten annahm. Man könnte vielleicht sagen, die "Wissenschaft" vertrete mehr die Dienste eines Mikroskops, das NIETZSCHE vorübergehend in die Hand nahm, um auf einem bestimmt abgegrenzten Gebiet dem Ursprung der menschlichen Werte nachzugehen; die "Wissenschaft" war gleichsam ein Gerüst, das er in die Tiefe der Anfänge hinein baute; als dann von unten die Antwort herauftönte: trübe Quellen überall! - wird auch das Gerüst wieder abgebrochen.

Breit und voll zieht der Strom von NIETZSCHEs Denken in der Tiefe seinem Ziel zu. Was man den "Positivismus" NIETZSCHEs nennt, war mehr ein Licht, das auf der Oberfläche in anderen Farben spielte, aber die Grundströmungen in der Tiefe nicht änderte, - vielmehr nur deutlicher hervortreten ließ. Und schon hören wir auch in der Ferne das Meer brausen, dem der Strom zueilt, die Metaphysik der Macht. -

Darum hat es auch wenig Wert, äußeren Einflüssen nachzuspüren. Mit AUGUSTE COMTE zeigt sich NIETZSCHE schon 1867-68 bekannt [Biographie I, 342]; FRIEDRICH ALBERT LANGEs "Geschichte des Materialismus" machte bereits bei ihrem Erscheinen 1866, also während der Studentenzeit NIETZSCHEs, einen tiefen Eindruck auf ihn [Briefe I, 33]; mit EUGEN DÜHRING beschäftigte er sich Ende 1875 [X, 379]. Was aber PAUL RÉE betrifft, so war es gewiß weniger die etwa durch ihn vermittelte Bekanntschaft mit englischen Moralgenetikern und Biologen, als vielmehr die positivistische Stimmung, die NIETZSCHE im Zusammensein mit ihm atmete und deren Wehen er für seine damalige philosophische Beschaffenheit als eine wohltätige Atmosphäre empfand.

Wir verfolgen die Entwicklung wieder im Einzelnen.

1. In der Ära "Wissenschaft" schien auch für das "Denken" eine bessere Zeit anbrechen zu sollen. Der kampflustige Angriff NIETZSCHEs richtet sich zunächst gegen die "schlechten Methoden" der Metaphysik. Aber unaufhaltsam schreitet doch die innere Zersetzung weiter. Einmal wird der schon früher feststehende Gedanke: es gibt kein "reines Erkennen"! illustriert durch eine Beleuchtung der Studierstuben der Denker. Ferner wird durch zunehmende Diskreditierung des  bewußten  Lebens gegenüber dem unbewußten von anderer Seite her gegen das "Denken" ein Vorstoß gemacht. Schließlich aber und vor allem treten die beiden Gedanken, von der sekundären Bedeutung des Intellekts im Dienst des Lebens und von der mißbräuchlichen Verwendung des Denkapparats in der Urzeit, einander näher, indem die mesquine [armselige - wp] Geburt aller Kategorien und Begriffe aus dem "Urglauben" alles Organischen an gleiche Dinge verkündet wird.

Dieser letzte Gedanke wird in den Nachlaßbänden in doppelter Weise weitergeführt. Einerseits wird zur Erklärung auf den Spiegelflächencharakter der Seh- und Tastorgane hingewiesen; andererseits wird durch einen an CARTESIUS sich anschließenden Gedankengang der Glaube an "gleiche" Dinge als eine Existenzbedingung des  Vorstellens  erhärtet.

So ergibt sich der zusammenfassendste Hauptgedanke, daß unser Intellekt,  ein  Spezialfall unter vielen möglichen, im Interesse der Lebenserhaltung die Außenwelt gröblich verfälscht hat.

2. Auch bei der Frage nach dem "Objekt" entlädt sich der Grimm NIETZSCHEs zunächst gegen die "unbewiesene" Welt der Metaphysik; der Gegensatz bringt die Welt der "Dinge", die "Natur", vorübergehend zu höheren Ehren. Aber in dem Satz, daß die Erscheinungswelt allmählich geworden ist, in einem anderen Satz, daß die subjektiven Faktoren verfälschend eingegriffen haben, sind Gesichtspunkte gewonnen, von denen aus die Natur bald als ein vollkommenes Rätsel erscheinen muß, unlösbar hinter der menschlichen Organisation verborgen.

In den Nachlaßbänden heben sich allmählich aus dem Meer der Gedanken zwei Hauptideen deutlich empor. Erstens erscheint die "Außenwelt", im Gegensatz zur Welt der "seienden" und "gleichen" Dinge im Intellekt, als eine Welt des absoluten Werdens. Andererseits führen erkenntnistheoretische [136f], metaphysische [137f] und biologisch [139f] Gedankengänge von verschiedenen Seiten langsam hin zu einer Auflösung der Außenwelt in ein System von Kraftrelationen. Beide Ideen bleiben jedoch vorläufig keimhaft entwickelt und unter sich unverwachsen.

3. Am deutlichsten sehen wir den Prozeß sich auf dem Gebiet der "Wahrheits"-Frage vollziehen. Zunächst werden "letzte Wahrheiten" abgelehnt. Mit dem Gedanken, daß auch die "Wissenschaft" streng genommen nur "von Wahrscheinlichkeit und deren Graden" reden darf, hat sich die Skepsis auch auf diesem Gebiet festgesetzt. Die Anwendung biologischer Gesichtspunkte auf die Erkenntnisgenese macht es immer unbegreiflicher, wie Wahrheit aus dem Irrtum entstehen kann. Die Verlegenheit unseres Denkers tritt besonders deutlich hervor, wenn er uns - objektiv - die Entstehung der Logik, und wenn er uns - subjektiv - den Wahrheitstrieb der Denker erklären soll. Nach mancherlei vergeblichen Versuchen steht plötzlich die große Hauptthese da: wahr = zweckmäßig! Nun finden sich auch allerlei Gedanken der ersten Periode mit verjüngten Kräften wieder ein, der Gedanke, daß die Lüge zu den Lebensnotwendigkeiten gehört und der Gedanke, daß alles Wahrheitsstreben von einem unberechtigten metaphysischen Glauben ausgeht. -

"Ich ging den Ursprüngen nach: da entfremdete ich mich allen Verehrungen - es wurde fremd um mich und einsam. Aber das Verehrende selber in mir - heimlich schlug es aus; da erwuchs mir der Baum, in dessen Schatten ich sitze, der Baum der Zukunft." [XII, 252f].

Den Lehrjahren in der Abhängigkeit von SCHOPENHAUER, den Wanderjahrenn auf den Pfaden der Wissenschaft folgen die Meisterjahre  Zarathustras.  Die erkenntnisgenetischen, wie die erkenntniskritischen Gedankenbohrgänge führen unseren Denker von verschiedenen Seiten immer näher zu einem zentralen Punkt, von wo aus sich dann die gesamte Gedankenwelt einheitlich ordnet. Es ist der "Wille zur Macht", der Grundtrieb seiner Seele, die Geheimwurzel der Lehren vom "Übermenschen" und von der "ewigen Wiederkehr", das eigentlich "Verehrende" in ihm, was nun erlöst und enträtselt in einer Philosophie vor uns steht. -

Man kann sich nicht leicht ein eigentümlich fesselnderes Schauspiel denken, als wie in dieser dritten Periode NIETZSCHEs die früher selbständig emporgewachsenen Säulen seiner Gedankenwelt immer kühner aufeinander zustreben in mächtigen Bogen, bis sie durch einen gewaltigen Schlußstein, den Gedanken vom "Willen zur Macht", ihre Vereinigung, Rechtfertigung, Krönung finden. Wohl fehlt es dem Bau noch vielfach an Füllwerk, wohl sehen wir allenthalben die Gerüste um ihn stehen, aber in der kraftvollen Hauptgliederung steht er doch vollendet da, der Bau, den  Zarathustra  der Menschheit als Tempel und Heiligtum bestimmt hatte.

Deutlicher als je sehen wir jetzt aber auch, bei welchen Meistern  Zarathustra  in die Schule gegangen ist. Wir erinnern uns an SCHOPENHAUER, an HERAKLIT, an DARWIN, aber mögen auch die Steine aus manchem Steinbruch herbeigeschafft sein, der Bau selbst atmet  Zarathustras  Geist und Leben.

Wie nun der Bau sich wölbt, wie der Meister energischer als je die Fundamente prüft und sichert, wie dabei die Freude des Gelingens aus seinen Augen leuchtet, das wollen wir auch im Einzelnen beobachten.

1. Die beiden Gedanken von der Unmöglichkeit des "reinen Erkennens" und von der Minderwertigkeit des bewußten Lebens werden in dem einen Gedanken verbunden, daß der Leib die Seele aller Philosophie ist. Dieser Gedanke wird dann mit den biologisch-erkenntnisgenetischen Resultaten zusammengefaßt und dem Hauptgedanken vom "Willen zur Macht" untergeordnet. Wie alles Denken anfänglich ein Bemeistern der Wirklichkeit war, so ist bis hoch hinauf jede Philosophie nur das ins Bewußtsein übersetzte System der Triebe ihres Autors, "geistiger Wille zur Macht" - so  soll  aber auch das Denken ein Schaffen sein, das selbst den Granitmassen der geschichtlichen Tatsachen noch seinen Willen aufprägt.

Deutlich sehen wir aber zugleich, wo dieser Gedankenbau seinen angreifbaren Punkt hat, - gerade dort, wo NIETZSCHE sich am stärksten zu verschanzen sucht. Das "reine Erkennen" wird auf ein enges Gebiet eingeschränkt und als Dekadenz-Symptom und Moralversteck entwertet. Schließlich hat auch der heftige Ausfall gegen das Bewußtsein, wobei ein vollkommener Atonismus [Spannungslosigkeit - wp] desselben konstatiert wird, nur den Zweck, eben diesen schwachen Punkt zu decken.

2. Im Gegensatz zu der durch die "inneren Tatsachen" verfälschten Welt der "seienden" Dinge wird jetzt laut und machtvoll das absolute, unformulierbare "Werden" als das eigentliche Wesen der Welt verkündet. Dieser Hauptgedanke erhält noch einen erkenntnistheoretischen Stützpfeiler, indem ein von allem "Seienden" und "Gleichen" gereinigter Sensualismus zum Erkenntnisprinzip erhoben wird. Das Subjekt, der eigentliche Gegner auf dieser Seite des Systems, in dem sich das "Seiende" immer wieder versteckt, erfährt die lebhaftesten Angriffe.

Neben dem Hauptgedanken von der "werdenden" Welt wächst nun aber auch eine neue Metaphysik empor, die die ganze Welt in einen großen Krieg, in ein gewaltiges Ringen von Machtsystemen auflöst. Ist die Welt des "Werdens" formuliert in einem Denkgegensatz gegen die seiende Welt, so ist die Welt des Kampfes formuliert in einem  Willens gegensatz gegen sie: es ist das Frohlocken des Helden über Krieg und Sieg, was hier philosophiert. Damit aber haben wir erkannt, daß die beiden Gedankenreihen, die von der werdenden Welt und die von der kämpfenden Welt, so wenig sie  logisch  auszugleichen sind, so sicher  psychologisch  zusammengehören, herausgewachsen beide aus dem Grundtrieb unseres Denkens, dem "Willen zur Macht", der keine feste Welt von Objekten sich gegenüber dulden will.

3. Obwohl bei der Frage nach der "Wahrheit" die große Hauptthese schon gefunden ist: wahr = zweckmäßig! - ein Gedanke, der sich ohne Mühe dem beherrschenden Gedanken vom "Willen zur Macht" unterordnet, so sucht doch NIETZSCHE auf der ganzen Linie seine Position noch zu verstärken. Wir könnten ihn mit einem Feldherrn vergleichen, der von allen Seiten seine Geschütze enger und enger gegen die Burg der "Wahrheit" heranführt. Der Satz, daß Wahrheit und Irrtum lebensnotwendig sind, wird dahin verschärft, daß zwischen Wahrheit und Irrtum kein wesentlicher Gegensatz ist, ja daß der Irrtum prinzipiell wertvoller sein könnte. Der Satz, daß allem Wahrheitsdienst ein metaphysischer Glaube zugrunde liegt, wird verstärkt durch den anderen, daß dieser metaphysische Glaube selbst nur eine biologische Abnormität, eine sublime Form des leben-verneinenden asketischen Ideals ist. Der Satz, daß die Logik auf irrtümlichen Voraussetzungen ruht, wird ausgeführt durch eine eingehende Besprechung ihrer biologischen Zweckmäßigkeit und ihres Moralgehalts. Bemerken wir hinter all diesen Sätzen immer wieder den einen Hauptgedanken: der Wille zur Wahrheit ist ein Wille zur Macht!, so erfährt dieser Gedanke selbst schließlich noch eine erkenntnispsychologische Begründung und damit wird von der Psychologie her das letzte schwere Geschütz gegen die Festung vorgeschoben. Ja, schon sehen wir, wie NIETZSCHE das Panier als Sieger hoch wehen läßt: die "ewige Wiederkehr": höchster Wille zur Macht: höchste Wahrheit! -

Anmerkungsweise seien hier etliche Bemerkungen über die Nachlaßbände eingeschaltet. Obwohl Material von sehr ungleichem Wert enthaltend - glänzend geprägte Aphorismen und Fragmente, die den Veröffentlichungen der Hauptwerke nicht nachstehen, aber auch die flüchtigsten Entwürfe und Einfälle - so sind sie doch wohl geeignet, das Urteil über NIETZSCHE in wesentlichen Punkten zu ergänzen. Sie beweisen, daß die Entwicklung NIETZSCHEs früher und selbständiger vor sich ging, als man dachte; sie beweisen, daß ein gleichmäßiger Zug der Entwicklung durch das ganze Denkerleben NIETZSCHEs zu verfolgen ist. Sie zeigen Weiter, daß er sich mit manchen Problemen doch ernster und gründlicher beschäftigte, als man aufgrund seiner öffentlichen Schriften zu vermuten geneigt oder genötigt war. Sie bringen die Gründe, Erklärungen, Motive zu vielem, was er öffentlich in Form der Behauptung vorgetragen hatte. Sie zeigen, daß er keineswegs seine jüngsten und unfertigen Gedanken immer gleich in die Öffentlichkeit zu schleudern bereit war, sondern vielmehr die Reife seiner Gedanken sehr wohl abzuwarten wußte: damit stellen sie seiner vornehmen Zurückhaltung ein schönes Zeugnis aus. Ferner ermöglichen die Nachlaßbände einen interessanten Einblick in die Art NIETZSCHEs zu denken, in seine willkürliche, aber geniale Weise, bald da, bald dort hinabzublicken, hinabzutauchen in irgendeine Tiefe. Schließlich aber zeugen sie aufs Neue eindrucksvoll von dem fast unglaublichen Reichtum dieses Geistes, der außer den Früchten, die die Öffentlichkeit in überreicher Fülle von ihm pflücken durfte, noch eine ganze Blütenpracht zu verschwenden hatte. - (Unausgeschöpftes Material scheinen sie uns namentlich in psychologischer, kunstphysiologischer und geschichtsphilosophischer Beziehung zu enthalten, sowie in Bezug auf WAGNER, DARWIN und die griechischen Philosophen.)


b. Die Bedeutung der erkenntnistheoretischen
Gedanken Nietzsches.

Eine eigentliche Kritik der erkenntnistheoretischen Anschauungen NIETZSCHEs könnte dem doppelten Einwand begegnen, daß sie unnötig, und daß sie unbillig ist; unnötig, weil der Widersprüche zu viele und zu offenkundige sind; unbillig, weil der Denker gar kein unangreifbares "System der Philosophie" aufzustellen beabsichtigt hat. Auf den letzteren Einwand ist zu erwidern, daß für die  Gesamtheit  in erster Linie der objektive Wert einer Philosophie in Frage steht: und dem ersteren Einwand gegenüber genügt der Hinweis auf den Einfluß NIETZSCHEs und die Masse der kritiklosen NIETZSCHE-Verehrer. So versuchen wir, soweit es nicht schon im Rahmen der Darstellung geschehen ist, hier noch zur Beurteilung der Hauptsätze NIETZSCHEs einiges beizubringen, wobei wir uns vor allem an die zuletzt gewonnenen Anschauungen halten müssen.

NIETZSCHE sagt einmal, die wertvollsten Einsichten seien die Methoden [VIII, 228]. Sein eigenes erkenntnistheoretisches Verfahren charakterisiert sich zunächst durch einen  Mangel  an Methode. Zwar zeigt er sich insofern als Wahrer der philosophischen Tradition, da er auch immer wieder von der inneren Welt des Bewußtseins aus einen Zugang zum Erkenntnisproblem zu gewinnen sucht. Man kann sogar wahrnehmen, daß diese Versuche zunehmend nicht nur energischer, sondern auch korrekter werden. Allein man prüfe auch die letzten dieser Gedankenführungen: wieviel willkürliche Voraussetzungen, einseitige Beobachtungen, unbegründete Behauptungen, vorschnelle Verallgemeinerungen, übereilte Schlüsse! Vor allem aber wird die Methode der psychologisch-erkenntniskritischen Untersuchungen immer wieder, und meist sehr rasch, durchkreuzt von einer anderen Methode, die man die Methode der freien biologischen Phantasie nennen müßte. Nun hat gewiß die Erkenntnistheorie den Resultaten der Biologie ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden; ja sie darf sich unter den Resultaten und selbst unter den Hypothesen der Biologie nach Aufklärung auch über ihre eigenen Probleme umsehen; aber dabei darf sie doch keinen Augenblick vergessen, daß die Biologie eine Einzelwissenschaft ist, die bereits mit einer ganzen Reihe von erkenntnistheoretischen Voraussetzungen arbeitet, die  sie,  die Erkenntnistheorie, ihrerseits nicht ungeprüft lassen darf. So ist das strengste Auseinanderhalten beider Wissenschaften vom Gewissen der Methode aus das einzig zuverlässige Verfahren. Selbst die anerkannteste biologische These müßte sich, ehe sie im Staatsverband der Erkenntnistheorie ein vorläufiges Heimatrecht erwerben kann, zuerst noch einer doppelten Prüfung unterziehen, einer Prüfung ihrer erkenntnistheoretischen  Voraussetzungen,  und einer Prüfung ihrer erkenntnistheoretischen  Folgerungen  im Vergleich zu den immanent-erkenntniskritisch gewonnenen Resultaten. Wollte man aber einmal beide Wissenschaften voreilig verbinden, und beispielsweise die biologische Evolutionstheorie als unwiderlegbar erwiesenes Forschungsresultat auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie einführen, dann würden wir noch keineswegs in die Richtung gewiesen, die NIETZSCHE einschlug, vielmehr in eine Richtung, die er selbst wohl einmal sah, aber in seiner radikalen Skepsis sofort wieder übersah: es würde durch Fragen, wie etwa die von NIETZSCHE selbst vorübergehend aufgeworfene; "woher sollte so ein Apparat, der etwas Neues erfindet, gekommen sein?" (Seite 21) dann gerade eine weitgehende Adäquatheit unserer Denkformen und unseres Denkinhaltes wahrscheinlich gemacht. Der extreme Skeptizismus, der sich an diesem Punkt bei NIETZSCHE zeigt, vor allem aber die willkürliche Vermischung der zwei Wissenschaften, die sich fast an allen Punkten zeigt, erklären zusammen, soweit theoretische Gründe in Betracht kommen, so ziemlich sämtliche irrtümliche Anschauungen NIETZSCHEs auf unserem Gebiet, von denen wir jetzt die drei hauptsächlichsten kurz besprechen wollen.

1. Das bewußte  Denken  schildert uns NIETZSCHE als ein sekundäres Produkt des Leibes, in seinen Haupttendenzen durch die körperliche Beschaffenheit des Denkers vollkommen bestimmt, und in seinen einzelnen Akten von der Unterwelt der Triebe und Affekte aus unkontrollierbar geleitet. Wäre diese Auffassung richtig, dann wäre jedenfalls alle eigentliche Belehrung, und damit alle wirkliche Wissenschaft, unter den Menschen ausgeschlossen. Das Spiel der Affekte zwischen den bewußten Gedanken vollkommen zugegeben - aber erwartet nicht NIETZSCHE selbst bei den Lesern seiner Ausführungen Verständnis? Setzt er damit nicht voraus, daß sie, trotz ihrer abgründlich geschiedenen Affektwelt, in gewissen Denkgesetzen zumindest gemeinsame regulative und heuristische Prinzipien besitzen zur Auswahl unter den vom Affekt dargebotenen Assoziationen?  Fordert  er also nicht selbst eine Emanzipation von der Welt der Affekte? Ja, wenn wir uns NIETZSCHE selbst, ohne Rücksicht auf Leser, in einem einsamen Monolog seine Gedanken spinnend vorstellen, wodurch empfiehlt er sie sich selbst? Etwa dadurch, daß er sie als genuine [echte - wp] Produkte seiner Affekte zu verstehen sucht? Oder nicht vielmehr dadurch, daß er sie sich als kausal verbundene Gedanken, als Schlüsse aus Tatsachen, als  unabhängig  von seinen Affekten gewonnene Resultate nachweist?

Wir sehen, dieser Standpunkt ist unvollziehbar. Der vollkommene Atomismus des Bewußtseins wäre ohne die Voraussetzung seines Gegenteils, einer immanenten Gesetzlichkeit des bewußten Denkens, gar nicht zu konstatieren. Der sehr zutreffenden Beobachtung, daß eine Tatsache uns häufig erst dann ins Bewußtsein tritt, wenn ein Grund zu ihr gefunden ist, steht doch die andere gegenüber, daß das Bewußtsein nun von sich aus diesen Grund prüfen und verwerfen kann - wovon ja NIETZSCHE selbst Gebrauch gemacht hat, wenn er uns die Gründe, die ins Bewußtsein treten, als unzureichend erweisen will!

Die Gegnerschaft gegen das "reine Erkennen" ist es gewesen, was NIETZSCHE in diese extreme und unhaltbare Position gedrängt hat. Das Berechtigte an seiner Anschauung scheint uns dies, daß allerdings ein  Abschluß  unseres Weltbildes, vorläufg oder überhaupt, nicht zu gewinnen ist ohne allerlei Hilfshypothesen, deren Wahl selbstverständlich durch anderwärts gewonnene ethische und metaphysische Überzeugungen eines Denkers bestimmt sein wird. Allein gerade die Tatsache, daß die einfache Beschreibung des erkannten Tatbestandes und die vollendende Ergänzung desselben durch metaphysische Hypothesen recht wohl auseinanderzuhalten sind, beweist doch, daß das "reine Erkennen" auch hier mindestens noch negativ und kritisch tätig sein kann. Und so wird man dem "reinen Erkennen" als der über dem Affekt stehenden Widerspiegelung des Objekts im Intellekt, ohne die sorgfältigste Prüfung keine weiteren Schranken ziehen dürfen, als sie das Reich der Objekte selber hat.

2. Wenn wir uns zu der Frage nach der "Außenwelt" wenden, so lassen wir hier die Metaphysik NIETZSCHEs ganz beiseite, umsomehr als sie, im Widerspruch zu den übrigen Anschauungen NIETZSCHEs von gewissen, einseitig bevorzugten Tatsachen des physischen Lebens auf das Weltgeschehen deutet. Der erkenntnistheoretische Hauptsatz NIETZSCHEs lautet: Es gibt eigentlich nur ein unformulierbares Sensationenchaos, in das eine bestimmte Tierart ihre Erhaltungsbedingungen hineininterpretiert hat. Die ungeheure  petitio principii [Es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist. - wp] dieses Satze liegt offen zutage. Ist eine bestimmte Tierart, oder auch nur eine bestimmte Art von Materie angenommen, die interpretiert wird, so sind damit all die Begriffe schon gegeben, die diese Art nach NIETZSCHE dann in das unformulierbare Geschehen hineininterpretiert haben soll: Ding und Eigenschaft, Subjekt, Kausalität, Gleichheit, Gattung usw. Um diese Begriffe als dem Objekt inadäquate subektive Fälschungen nachzuweisen, ist NIETZSCHE genötigt, sie ins Objekt selber aufzunehmen, wo sie nur umso sicherer aufgehoben sind. Er versucht sich eben an der unmöglichen Aufgabe, die Entstehungsgeschichte der Formen des Denkens zu denken, die er doch nur in den Formen des Denkens denken kann.

Wir verfolgen diese Gedanken hier nicht weiter. Darin wird NIETZSCHE ja Recht haben, daß sich die gröbere und die feinere Intellektualität - denke man sich nun diesen Unterschied nur individuell, oder gleichzeitig entwicklungsgeschichtlich - dadurch unterscheiden, daß die gröbere Intellektualität stärkere Vereinfachungen der Außenwelt vorzunehmen genötigt ist. Indessen schon daraus, daß der Intellekt, entwicklungsgeschichtlich wie individualgeschichtlich, die Fähigkeit behält, seine Ungenauigkeiten zu korrigieren, ist ersichtlich, daß es sich nicht um prinzipielle Fälschungen, sondern nur um vorläufige, mehr oder weniger grobe analytische Vereinfachungen der Wirklichkeit handeln kann, die an der Wirklichkeit selber nichts zu ändern imstande sind. Wenn man, wie NIETZSCHE in seiner extremen Skepsis, aus jeder Vereinfachung eine Fälschung, aus jeder Ungenauigkeit einen Irrtum, aus jeder Anmenschlichung eine Lüge macht, so erschwert man das vorliegende Problem um drei kaum lösbare Fragen: erstens wie ein solcher Apparat der Fälschung entstanden sein kann, zweitens wie ein solcher Apparat sich als nützlich erwiesen haben kann, drittens, wie dieser Apparat dann zur Einsicht in seine Fälschung gekommen sein kann.

3. Wir besprechen noch kurz die dritte große Hauptthese NIETZSCHEs: was "Wahrheit" genannt wird, ist nichts anderes als Zweckmäßigkeit im Interesse der Erhaltung der Gattung. Man könnte diesen Satz vielleicht mit der  einen  Frage beantworten: Wie vermöchte eine Gattung dann im Interesse ihrer Erhaltung solche "Wahrheiten" erfinden, wie die, daß  alle  ihre Glieder alt werden und sterben? - Doch wir wollen auf NIETZSCHEs Gedanken ausführlicher eingehen. Er sagt uns, in der psychologischen Begründung seines Satzes, daß als "wahr" das bezeichnet wird, was am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gibt. So gewiß es nun Gedanken gibt, deren gerades Gegenteil ein viel höheres Gefühl von Macht und Sicherheit geben würde, und die dennoch für wahr gehalten werden; so gewiß ein Gedanke seine Fähigkeit, das Gefühl der Macht und Sicherheit zu geben, einbüßt in dem Augenblick, wo er nicht mehr für wahr gehalten wird, so gewiß hat hier NIETZSCHE das logische Verhältnis des psychologischen Vorgangs umgekehrt. Nicht weil ein Gedanke Macht und Sicherheit gibt, wird er für wahr gehalten, sondern weil er für wahr gehalten wird, gibt er - unter Umständen - ein Gefühl von Macht und Sicherheit. Wenn NIETZSCHE in etwas anderer Wendung des Gedankens sagt: der Intellekt setzt sein "freiestes Können" zum Kriterium der Wahrheit, so scheidet er nicht klar zwischen Aktion und Reaktion. Nicht sein freiestes Können, sondern umgekehrt sein stärkstes Müssen setzt der Intellekt zum Maßstab der Wahrheit. Die "Wahrheiten" liegen nicht auf dem Gebiet, wo der Intellekt sich dem Objekt gegenüber frei schaffend betätigt, sondern gerade auf dem Gebiet, wo er sich vom Objekt bestimmt weiß und erst in abhängiger Weise tätig ist.

Aber auch abgesehen von dieser psychologischen Begründung, wie wollte man den Satz: Wahr = zweckmäßig! auch nur aufstellen, wenn man nicht dabei an eine Wahrheit dächte, die unabhängig ist von der Zweckmäßigkeit, und die man für die "wahre" Wahrheit hält? Was hätte der Satz für einen Sinn, wenn nicht den: Ihr habt etwas  Falsches,  nämlich eure Zweckmäßigkeiten, zur "Wahrheit" gemacht? Redet nicht NIETZSCHE selbst, ganz genau diesem Sachverhalt entsprechend, von einer "letzten Wahrheit", die nicht einzuverleiben ist? Und welchen Weg schlägt NIETZSCHE ein bei seinem Angriff gegen die Wahrheit? Beweist er uns etwa, daß der Satz: es gibt keine Wahrheit! zweckmäßig ist? Nein, er gibt zu, daß der Satz: es  gibt  eine Wahrheit! sich als zweckmäßig erwiesen hat, und sucht nun umgekehrt  seinen  Satz als einen adäquaten Ausdruck des Tatbestandes, als  unabhängig  von  Zweckmäßigkeit  zu erweisen. Mit anderen Worten: Er leugnet von einer vermeintlichen "Wahrheit" aus, daß es "Wahrheit" gibt, und nimmt für diesen Satz - "Wahrheit" in Anspruch! So erfüllt sich an NIETZSCHE, wenn auch in einem anderen Sinn als es der Autor meinte, das Wort: "Wozu Wahrheit! ... Zarathustra  kann nicht anders!" [XII, 397] -

Der richtige Kern der Anschauungen NIETZSCHEs ist, daß es für uns Wahrheit nur gibt als Relation zu einem erkennenden Intellekt, und, was damit unmittelbar zusammenhängt, daß der erkennende Intellekt, als die allen einzelnen Denkakten zugrunde liegende Urvoraussetzung, für sich selbst eine nicht weiter ableitbare Gewißheit ist. Eben damit hat aber der Begriff des Gegensatzes das Bürgerrecht im Reich der Erkenntnis gewonnen, denn ein Sein, wie es der erkennende Intellekt darstellt, ist eben für uns seinem Wesen nach die Negation des Nichtseins. Den Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum zu leugnen, dazu konnte NIETZSCHE nur durch seine Moralkritik verführt werden. Wird umgekehrt durch das Fehlschlagen seines Angriffs auf erkenntnistheoretischem Gebiet nicht auch für das Gebiet der Moral die Berechtigung des Gegensatzbegriffes wahrscheinlich gemacht? -

Wie sich so jede einzelne der drei großen Hauptthesen NIETZSCHEs als unhaltbar erweist, so läßt sich leicht einsehen, daß sie auch unter sich nicht übereinstimmen, daß die zweite These die dritte, und die dritte die zweite aufhebt, und daß sie wiederum beide mit der ersten nicht zu vereinbaren sind. Als in sich zusammenhängende wissenschaftliche Theorie vom Erkennen werden somit NIETZSCHEs Gedanken über das Erkenntnisproblem keine Zukunft haben.

NIETZSCHEs Erkenntnistheorie, wie seine ganze Philosophie, ist ein Rätsel, dessen Lösung seine Persönlichkeit ist. Niemals ist wohl eine Philosophie ein getreueres Widerbild ihres Urhebers am Firmament der Gedanken gewesen, als bei NIETZSCHE. Wenn wir ihm gerecht werden wollen, müssen wir daher auch dem Personalproblem eingehende Aufmerksamkeit zuwenden.

LOU ANDREAS-SALOMÉ erzählt uns in ihrer höchst interessanten Studie "Friedrich Nietzsche in seinen Werken", wie NIETZSCHE, als er zuerst vom Gedanken der ewigen Wiederkehr überfallen wurde, nur mit allen Zeichen tiefsten Entsetzens davon hat sprechen können. Trotz der Abneigung des engsten NIETZSCHE-Kreises gegen die Verfasserin halten wir diesen Bericht für unverdächtig. Jedenfalls wird uns an dieser einen kleinen Erzählung aus dem Leben NIETZSCHEs die Eigenart seines Geistes überraschend klar. Seine Grundbegabung war eine ganz ungeheuer feine und vielseitige Sensibilität, sodaß jeder Eindruck in seiner Gefühlswelt die stärksten und zartbestimmtesten Wellenkreise um sich zog. Mit welch außerordentlicher Gewalt ihn oft seine Gedanken "trafen", hat er selbst uns im Bild seines "Philosophen" geschildert [VII, 269]. Die ungemeine stilistische Reizbarkeit, die Mannigfaltigkeit der Worte und Bilder, überhaupt die unglaubliche Fülle der Gedanken und Assoziationen; die seltene Feinfühligkeit in allen psychologischen Fragen sind Folgen und Zeugnisse dieser geistigen Organisation. Man erinnere sich auch an den vielleicht einzig dastehenden Eindruck, den nach allen seinen Äußerungen die Musik WAGNERs auf ihn gemacht haben muß, sowie an die Tatsache, daß er seine spätere Abneigung gegen sie zuerst physiologisch begründete, nachdem er den übermächtigen Eindrücken nicht mehr gewachsen war. Nur ein Mensch, in dessen eigener Gefühlswelt die Gedanken solche Ereignisse waren, wie bei NIETZSCHE, konnte auch glauben, daß ein großer Teil der Menschheit an Lehren wie die "ewige Wiederkehr" zugrunde gehen würde.

Eben jener kleine Bericht der Frau SALOMÉ zeigt uns aber auch deutlich, daß es weit mehr die Gefühlsstärke eines Eindrucks war, was ihn erregte, als die Wahrheitsmacht desselben. Hier scheint und die eigentliche Tragik seines Denkerlebens zu liegen, oder auch, wenn man will, das Pathologische seiner Anlage, das, von Anfang an vorhanden, sich stärker und stärker geltend macht. Wissen wir nicht ebenso von ihm, daß die starken Wertgefühle der Freundschaft ihn immer wieder dazu verführten, seine Freunde, entgegen aller Wirklichkeit, zu idealisieren? Sagt er uns nicht selbst, daß ihm SCHOPENHAUER und WAGNER weit weniger in Betracht kamen als das, was sie waren, wie als das, was sie ihm wurden? Sind nicht sowohl seine Vorliebe für dichterische Einkleidungen, wie seine Unbekümmertheit um Widersprüche und Wandlungen, Winke nach derselben Richtung hin?

Denken wir uns nun hinter dieser geistigen Organisation, bei der die Gefühlsstärke eines Gedankens so viel zu bedeuten hat, eine Welt der stärksten Triebe, den Willen zur Macht in seiner sublimsten Form, als Wille zur Selbständigkeit, Freiheit, Größe, dann steht der "Granit von geistigem Fatum" im Denker NIETZSCHE vor uns, dann schauen wir auch das Geheimnis seiner Erkenntnistheorie. Was NIETZSCHE öffentlich als Lehren vortrug, war nur ein Oberflächenphänomen zu dieser unterirdischen Welt, ein Bewußtseinstext zu dieser Urmelodie.

Nun verstehen wir, warum er von Anfang an mit Argwohn nach dem "reinen Erkennen" hinblickte, nun erklären wir es uns, warum er, wie wenige, für das wunderbare Spiel der Affekte, für das ausgedehnte Reich des Unterbewußten, für die tiefen Beziehungen zwischen Körper und Geist ein so feines Verständnis hatte.

Denken wir uns nun einen solchen Organismus, wie den NIETZSCHEs, ein solches System lebendiger Kräfte, in dem der Subjektpunkt lebhaft "herumspringt", der Außenwelt gegenübertreten, dann wird er sie immer verschieden empfinden. Und genau das hören wir von NIETZSCHE, wenn er uns sagt, daß die Außenwelt sich gegen den jedesmal in uns herrschenden Trieb verschieden abhebt - eine Äußerung, die viel zu charakteristisch ist, um nicht Selbstbeobachtung und Selbstbekenntnis zu enthalten. Auf dem Boden solcher Erlebnisse erwuchs ihm seine Metaphysik der kämpfenden Kräfte, auf diesem Boden auch sein tiefes Mißtrauen gegen die subjektiven Faktoren, und gegen das Subjekt selbst.

Ähnlich zeigt sich zum Beispiel ja auch bei dem großen französischen Psychologen MAINE de BIRAN, daß ein stark wechselndes Gefühlsleben zur Annahme eines subjektiven Ursprungs der Kategorien besonders geneigt macht. Man hat die Tragik im Denkerleben NIETZSCHEs oft gerade umgekehrt in seinem überaus reizbaren Wahrheitswillen finden wollen, allein - bei aller Ehrfurcht vor seinem hohen, reinen, vornehmen Geist muß es gesagt werden: NIETZSCHE hat sich selber mißverstanden, wenn er jemals glaubte, die "Wahrheit" zu suchen. Wie er von SCHOPENHAUER sagte, nichts sei charakteristischer für seine Philosophie, als daß in ihr der Wille fehlt [XV, 39], wie er das Geheimnis der Griechen darin entdeckte, daß ihnen die Sophrosyne [besonnene Gelassenheit - wp] der Traum ihrer Sehnsucht war, so war auch bei ihm selbst nach seinem eigenen Wort der Mangel das Auge,, mit dem er sich sein Ideal ersah [IIIa, 86]. Ein Denker, der von sich sagt: "Wahrheit hieß ich einst all das, was mir weh und am wehsten tat" [XII, 376], dem ist es eben nicht um Wahrheit zu tun, sondern um Wehtun; und wie sehr das Wehtun nur ein neuer Reiz des Lebens ist, wie sehr am Schmerz die "Urlust perzipiert" wird, in der Tragödie wie im Leben, das hat NIETZSCHE selbst am tiefsten gewußt. Seine Liebe zum Paradox, zur "Magie des Extrems", wie er es nennt [XV, 454] ist gleichsam das "apollinische" Gegenbild zu diesem dionysischen Willen zum Weh.

So war NIETZSCHE selbst der Asket im Gewand des Wahrheitssuchers, von dem er redet. Aber auch der Asket war bei ihm nur Maske; dahinter lebte  Dionysos.  Nur so wird es uns verständlich, wie sich in ihm der Dienst der Wahrheit und der Zweifel an der Wahrheit vertragen konnten. -

Je stärker sich seine geistige Eigenart entwickelte, je energischer sein Wille zur Macht hervortrat, umso mehr mußte er sich auch berufen fühlen zum großen Reformator der Werte. Die "Umwertung aller Werte" ist auch in seinem Leben nur der Untertitel zum "Willen zur Macht". Er nannte das Ideal, für dessen Sieg er kämpfte, das "Leben", der Glaube an das Leben, das war NIETZSCHEs "Ewiges Ja". "Oh,  Zarathustra,  du willst, du begehrst, du liebst, darum allein lobst du das Leben" [VI, 158]. Aber so sichtbar dieses Idealbild ausgemalt ist mit allen Komplementärfarben seines Leidens, so deutlich zeigen die  Umrisse  alle Züge der geistigen Organisation NIETZSCHEs.

Wo er nun diesem Leben Schranken gezogen sah, dahin warf sich die ganze ungestüme Wucht seines Geistes. Hier ist die gemeinsame Wurzel, aus der seine Gegnerschaft gegen das Christentum, seine Kritik der Moral und seine erkenntnistheoretische Skepsis aufblühen. Nicht etwa wachsen Moral und Religion wie Blüten aus seiner theoretischen Philosophie hervor, sondern Moralkritik, Religionskritik, Erkenntniskritik sind die drei Schößlinge einer Wurzel, des Willens zu einem machtvollen Leben. NIETZSCHE selbst hat den tiefsten Grund seiner Religionsgegnerschaft im "Zarathustra" enthüllt: "Was wäre denn zu schaffen, wenn Götter - da wären?" [VI, 126]. In der Moral aber ist der kategorische Imperativ der eigentliche Erzfeind, gegen den gekämpft wird. So erblickte NIETZSCHE dann auch auf erkenntnistheoretischem Gebiet drei Gegner des vollen, freien, mächtigen, schaffenden Lebens; das waren: Die Tatsache einer Gehorsam heischenden Gesetzlichkeit des Denkens, die Tatsache einer Welt unabhängiger Objekte, und die Tatsache eines sich auf den Beziehungen beider allmählich aufbauenden Reiches der "Wahrheit". Gegen diese drei Feinde hat er gekämpft bis aufs Blut. Wie ein NAPOLEON unter den Denkern bricht er in ihre Reiche ein, genial, gewalttätig, welteroberungsdurstig. Aber er erlebt es, - und wir haben es mit ihm erlebt, - wie seine drei vereinigten Gegner sich zwar aus unhaltbaren Stellungen vor ihm zurückzogen, aber nur, um ihn in desto unbezwinglicheren zu erwarten.

Wenden wir auf NIETZSCHE die Methode an, die er uns selbst empfiehlt, nämlich bei den entlegendsten Behauptungen eines Philosophen zu fragen: Worauf will er hinaus? [siehe VII, 14], so können wir zusammenfassend von seiner Erkenntnistheorie sagen: Er wollte das Erkennen zu Gunsten des Lebens entwerten.

Somit steht und fällt NIETZSCHEs Erkenntnistheorie im letzten Grund mit seinem Ideal des "Lebens". Hier aber wird unseres Erachtens das Urteil der Nachwelt unzweifelhaft dahin lauten: Der große Kritiker der Dekadenz ist der typische Dekadent selber gewesen. "Wenn ein Philosoph krank ist, so ist es beinahe schon ein Argument gegen seine Philosophie", hat NIETZSCHE geschrieben, als er sich vorübergehend gesunder fühlte [Biographie I, 431]. So wenig ein Gesunder das Gut der Gesundheit zu schätzen weiß, so wenig macht der wirklich Lebenskräftige aus dem "Leben" eine Philosophie; seine Frage lautet:  Wofür  leben? NIETZSCHE aber, der phänomenal begabte Kranke, der gegen seine Krankheit kämpfte, wie nur ein Held und großer Charakter kämpfen kann, schmiedete sich als geistigste und gewaltigste Waffe gegen seine Krankheit - eine Philosophie! Wie er von der Menschheit sagte, sie habe eigentlich ihre Existenzbedingungen als Prädikate des Seins projiziert, so köntne man von  ihm  sagen, er habe alle seine geistigen und seelischen Existenzbedingungen in die Welt der Gedanken hineinprojiziert als seine Philosophie. Existenzbedingungen aber, sagt NIETZSCHE selbst "kann man nicht widerlegen: man kann sie nur - nicht haben!" [XII, 265]

Doch wenn wir nun zum Schluß dieses Denkerleben befreien von allen individuellen und pathologischen Zügen, blick uns aus dem Grund desselben ein Problem entgegen, ein ungeheuer ernstes und nachdenkenswertes Problem: Wie verhält sich Erkennen und Leben, Wissen und Schaffen? Wie gestalten wir die Fülle des Erkannten und Gewußten so, daß aus der toten Last ein System lebendiger Kräfte wird? Damit stehen wir von einem Kulturproblem allerersten Ranges, dem eigentlichen Problem unserer Zeit, dem Problem der Schule, der Universität, der Selbsterziehung, der nationalen Bildung. NIETZSCHE, mit seiner Fülle schöpferischer Kräfte hineingestellt in eine Zeit, in der viel, allzuviel toter, tödlicher Intellektualismus herrschte, hat schon als Student schwer an diesem Problem gelitten, und eine seiner allerbesten Schriften, die zweite "Unzeitgemäße", ist mit dem Herzblut dieser inneren Erlebnisse geschrieben.

An allen Wendepunkten seines Lebens taucht dann wieder dieses Problem auf. Aber wenn uns auch der Ertrag seines Denkens untersagt, ihn als den Bezwinger dieses Problems zu begrüßen, wenn uns auch die Eigenart seiner geistigen Organisation verbietet, ihn als den Märtyrer des Problems zu rühmen, so gibt uns doch die machtvolle Größe und schmerzliche Tragik seines Lebens ein Recht, ihn unter die Wegbereiter und Vorkämpfer einer neuen Kultur zu stellen als einen ihrer gewaltigsten und leidgekröntesten. -

Wir haben den Baum der Erkenntnistheorie NIETZSCHEs untersucht und ihn nicht geeignet gefunden, der zukünftigen Menschheit wohltätigen Schatten zu spenden; wir haben den Boden geprüft, auf dem er wuchs, und ihn nicht als gesundes Land bezeichnen können; aber dadurch ist nicht ausgeschlossen, daß wir nicht eine ganze Reihe wertvoller Früchte von diesem Baum sollten pflücken können. Wir fragen also noch: was können wir Positives von der Erkenntnistheorie NIETZSCHEs lernen?

Ist NIETZSCHE als Metaphysiker Voluntarist, als Ethiker Naturalist, so reiht er sich mit seiner Erkenntnistheorie ein unter die Skeptiker großen Stils. Mit vielen Skeptikern teilt er, daß er am Ausgang einer großen philosophischen Periode erscheint, und als Herold eines freien Lebensideals gegen die Tyrannei der Erkenntnis Protest erhebt. Seine spezielle philosophiegeschichtliche Stellung ergibt sich klar aus zwei mächtigen Geistesrichtungen, die in ihm einen grandiosen Zusammenstoß erleben. Auf der einen Seite ist NIETZSCHE Epigone der Philosophengeneration KANT-SCHOPENHAUER und erweist sich deutlich als solcher durch seine erkenntniskritischen Neigungen, sowie durch den Trieb, idealistische Systeme aufzustellen, der sich zwischen seinen übrigen Neigungen oft wie ein Atavismus ausnimmt. Auf der anderen Seite strebt ein neuer Geist in ihm empor, der Geist der gewaltig heranwachsenden Naturwissenschaften, deren anti-metaphysischer Empirismus und Positivismus von NIETZSCHE zu extremer Skepsis gesteigert wird.

Skeptiker sind wie Revolutionen und Gewitter: sie gehen vorüber, aber sie reinigen die Luft und brechen neuem Leben Bahn. So ist auch NIETZSCHE berufen, gleich seinem vielgefeierten Ideal, dem Erzrevolutionär NAPOLEON, auf seinen Eroberungspfaden Segensspuren zu hinterlassen. Um mit dem Äußerlichsten anzufangen, so haben wir ihn ausführlich genug reden hören, um es zu würdigen, wie sehr er auch auf dem abstrakten Gebiet der Erkenntnistheorie für die großen Probleme Worte und Empfindungen zu finden weiß, die das Entzücken denkender Menschen sind, - wie lebensvoll die Gedanken in ihm aufeinanderstoßen als "seine Art Ereignisse" [VII, 269]. Ferner: er philosophiert mit de Hammer, aber dieser Hammer seiner energischen Kritik verkündet uns mit seinem scharfen Ton wenigstens klar, wo das harte Gestein der großen Probleme liegt. Wie versteht er es, uns das verwickelte Zusammenspiel der subjektiven und der objektiven Faktoren der Erkenntnis bis zur Verzweiflung anschaulich vorzuführen! Wie weiß er uns den Reichtum der Wirklichkeit vors Auge zu stellen, über die wir ein paar grobe Netze von Kategorien werfen, und damit oft die ganze Fülle eingefangen zu haben meinen! Wie deutlich läßt er uns die letzten Schranken sehen, die aller Erkenntnis entzogen sind! Wie laut ertönt sein Warnruf gegen das heimtückische Eindringen falscher Metaphysik, gegen die listigen Intrigen der Sprache, für die der alte Philologe ein besonders geschärftes Auge hatte!

Sagt er uns mit all dem auch nur altbekannte Wahrheiten in besonders eindringlicher Sprache, so hat ihn nun doch die Genialität seiner psychologischen Intuition selbständig zu mancher bemerkenswerten Einsicht geführt. Mögen seine Beobachtungen gleichzeitig oder später auch von anderen gemacht und vielleicht auf experimentellem Weg bestätigt worden sein, sie bleiben doch ein beredtes Zeugnis seines glänzenden Scharfsinns. Dahin rechnen wir seine Kritik des Subjektbegriffes, seine Betrachtungen über das Traumleben, seine Zusammenstellung der Denkgesetze mit den physiologischen Gesetzen der Sinneswahrnehmung, vor allem aber seine Tiefblicke in die unterbewußten Reiche, seine Ausführungen über die Untrennbarkeit der seelischen Grundfunktionen und seine Erkenntnis der Phänomenalität der inneren Welt.

Doch damit erscheint uns die Bedeutung NIETZSCHEs als Erkenntnistheoretiker noch keineswegs erschöpft. Er, der energische Fragensteller, der große Tiefenspäher und Vorforderer, scheint uns vielmehr wohl würdig zu sein, in mancherlei Kämpfen der Gegenwart als ein beachtenswerter Rufer im Streit gehört zu werden.

1. Obwohl er selbst, als Metaphysiker, ein idealistisch-voluntaristisches System entworfen hat, in dem gleichsam SCHOPENHAUER und die Naturwissenschaft in der innersten Kammer des Grundwillens NIETZSCHEs ihre Versöhnung feiern, steht er doch als Erkenntnistheoretiker in einem doppelten Gegensatz zu allem einseitigen Idealismus. Einmal scheint uns seine wunderbare Einsicht in die  Komplexität  der inneren Welt und in das unauflösbare Zusammenspiel der Grundfunktionen, wie er sie frühzeitig in der Auseinandersetzung mit SCHOPENHAUER gewonnen hat, besonders geeignet, vor aller übereilten Vereinfachung des inneren Tatbestandes zu warnen und die einseitige Bevorzugung eines der psychischen Faktoren auf Kosten der übrigen als unrichtig zu erweisen. Wir empfehlen allen Voluntaristen die glänzende Analyse des Willens [VII, 28f], in der uns NIETZSCHE den Willensakt in seiner unglaublichen Kompliziertheit, in seiner untrennbaren Verbindung mit Vorstellen und Fühlen in einleuchtender Weise schildert. Andererseits scheint uns seine überraschende Einsicht in die  Phänomenalität  der inneren Welt, in ihre durchgängige "Zurechtmachung" nach demselben Schema, wie wir die Außenwelt bemeistern, sehr beherzigenswert gegenüber allem unvorsichtigen Vertrauen zur inneren Erfahrung und zu aller ungeprüften Überordnung derselben über die äußere. Sind durch diese beiden Einsichten die Probleme auch ganz wesentlich schwieriger geworden, so ist damit doch lange noch nicht einer müßigen Skepsis die Pforte aufgetan, sondern wir sind nur näher herangeführt an die Macht, die über den Parteien der inneren und der äußeren Erfahrung steht, an die lichte Macht der letzten großen Denkgesetze, die uns, wie sie uns durch die Irrgänge eines vorschnellen Idealismus hindurch geleuchtet hat, auch weiter leuchten kann auf dem Pfad der Erkenntnis.

2. Der andere große Gegensatz, in dem uns der Erkenntnistheoretiker NIETZSCHE zu stehen scheint, ist der noch immer in naturwissenschaftlichen Kreisen herrschende naive Materialismus. Obwohl seine eigene Erkenntnisgenese sich von den schlechten Methoden des Materialismus vielfach nicht unterscheidet, hat NIETZSCHE doch den erkenntnistheoretischen Grundfehler des Materialismus sehr früh und sehr klar erkannt, und seine lebensvolle Auseinandersetzung mit dem Objekt, seine kräftige Betonung der Relativität aller Erkenntnis, seine eindrucksvolle Hervorhebung der subjektiven Faktoren scheint uns, trotz aller Widersprüche des Systems, viel tiefer zu liegen, als jene den Problemen nicht gewachsene Oberflächlichkeit, der die durch die ungeheure Maschinerie des Gehirns hindurch gegangene "Außenwelt" ohne weiteres als die verbürgteste Realität selber gilt, aus der das Bewußtsein ohne Rest abzuleiten und zu erklären ist, die alle Elemente, mit denen das Bewußtsein sich die Außenwelt zurechtlegt, umgekehrt einfach aus der Außenwelt ins Bewußtsein übergegangen sein läßt und damit die Welträtsel gelöst zu haben glaubt.

3. Ferner scheint NIETZSCHE, der ehemalige Positivist, selbst als ein großer Erschütterer des Positivismus betrachtet werden zu können. So berechtigt seine Opposition ist gegen alle falsche Metaphysik, so sehr zeigt doch gerade die Kühnheit seiner Problemstellung, wie letztenendes alle Wege in die Metaphysik führen. Die fremde Seele, das eigene Ich, die unmittelbare Gewißheit, die Wahrheit, die Begriffswelt, die Außenwelt, es sind lauter Probleme, bei denen sich anhand von NIETZSCHEs Gedanken leicht im Einzelnen nachweisen läßt, wie mit der bloßen Feststellung der Bewußtseinswirklichkeit nicht auszukommen ist, wie wir zu transzendenten Annahmen über das unmittelbar im Bewußtsein Gegebene hinaus unwiderstehlich gedrängt werden. Alle großen Probleme sind Bergschachte, an deren Pforte die Metaphysik steht und Wache hält. Der kühne und energische Griff, der unserem Denker zu eigen ist, auch wo er in das Gebiet innerster Tatsachen hineingreift, zeigt uns am einleuchtendsten, wie man unmöglich eine einfache Tatsache aus dem See der inneren Ereignisse herausheben kann, ohne eine Reihe metaphysischer Wurzeln mit emporzuziehen.

4. Das führt uns noch auf einen letzten wichtigen Dienst, den der Erkenntnistheoretiker NIETZSCHE seiner Zeit zu leisten berufen sein könnte. Wie er sich selbst in unausweichlicher Konsequenz von seiner Religionsgegnerschaft zur Moralkritik und zur erkenntnistheoretischen Skepsis weitergetrieben fühlte, wie er die großen Werte Philosophie, Moral und Religion  miteinander  umzustürzen gesonnen war, so scheint uns nun auch sein scharfer, instinktsicherer Blick auf eine tatsächliche Verwandtschaft dieser drei Gebiete des geistigen Lebens hinzuweisen. Mit seinem psychologischen Tiefenspäherauge hat er das unlösliche Wurzelgeflecht gesehen, durch das die drei großen Bäume, in deren Schatten die Menschheit ruht, unterirdisch miteinander verbunden sind: der Dienst der Wahrheit läßt sich nicht scheiden von Moral und Religion, er  verlangt  Selbstverleugnung, Treue, Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeit, das heißt Moral; er  setzt voraus  Zuversicht zum Erkennen, Glaube an irgendeine Möglichkeit, Notwendigkeit, Nützlichkeit der Wahrheit, das latente Vertrauen zu einem irgendwie vorhandenen Sinn des Daseins, das heißt: Religion. Dies hat NIETZSCHEs tiefer Geist erfaßt und eine solche Einsicht adelt ihren Entdecker im Reich der Geister. Wenn nun NIETZSCHE diesem dreifachen Dienst der Wahrheit, Religion und Moral gegenüber konsequent die absolute nihilistische Skepsis predigt, so beweist er uns an seinem Denkerbeispiel noch einmal, wie eng die drei Gebiete verbunden sind, indem auch sein  negativer  Wahrheitskultus, seine Skepsis, verbunden war mit einer Religion, dem Glauben an das Leben, und mit einer Moral, dem Willen zur Macht.

So könnte jener Professor der Universität Würzburg zu Ehren kommen, von dem uns NIETZSCHE nach dem Erscheinen der ersten "Unzeitgemäßen Betrachtung" nicht ohne eine gewisse gedankenvolle Betroffenheit erzählt: "Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor wurde von einem alten Schüler des Philosophen von BAADER gesagt, einem Professor HOFFMANN in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine große Bestimmung für mich heraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten und rücksichtslosesten Typus er mich erriet." [Biographie II, 134] So könnte auch NIETZSCHE selbst richtig geweissagt haben, als er, in eigentümlicher Selbstironie, von der Tugend sagte - wir dürfen es in seinem eigenen Sinn dann auch ausdehnen auf Wahrheit und Religion - es gehe ihr wie den Fürsten: "Erst seit sie angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron." [XV, 453]

Wie in der subjektiven Welt der inneren Erlebnisse Vorstellen, Fühlen und Wollen unauflöslich verkettet sind, so sind vielleicht, und möglicherweise sogar im Zusammenhang damit, in der Welt der objektiven Geisteswerte Wahrheit, Religion und Moral untrennbar verbunden. Ist dies der Fall, dann wäre damit auch der Weg gewiesen, das große Kulturproblem: Erkennen und Leben! seiner Lösung entgegenzuführen und so den Geist NIETZSCHEs zu erlösen.
LITERATUR - Friedrich Rittelmeyer, Friedrich Nietzsche und das Erkenntnisproblem, Leipzig 1903