cr-2tb-1 J. VolkeltH. BergmannMFKW. EnochJ. Bergmann    
 
JOHANNES VOLKELT
Beiträge zur
Analyse des Bewußtseins

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"Der naive Realist ist überzeugt, daß wir, indem wir empfinden, mit den Außendingen als solchen irgendwie in eine unmittelbare Berührung kommen, der Außenwelt als solcher unmittelbar gewiß werden. Das Empfinden gilt ihm als ein die Außenwelt intuitiv verbürgendes Gewißheitsprinzip."

"Indem wir sehen und tasten, geben sich uns unmittelbar Teile, Stücke der Außenwelt zu spüren. Lassen wir das Zweifeln und Kritisieren des nachdenkenden Menschen beiseite, hören wir allein auf die naive Sprache des Empfindens, so glauben wir in den Farben und Formen, im Harten und Weichen, Schweren und Leichten, das, woraus die Außenwelt wahrhaft besteht, zu empfinden."

"Dem unmittelbaren Bewußtseinsdasein nach betrachtet, gehört das Träumen zum Empfinden, so sehr es sich auch sowohl seiner psychologischen Herkunft, als auch seinen physiologischen Bedingungen nach vom Empfinden unterscheidet."


I. Die Empfindung und
der Glaube an die Außenwelt

1. Wohin sich auch mein Bewußtsein wenden mag, überall stößt es auf unverrückbare, undurchdringliche Schranken. Nicht nur das Gesehene und Getastete, sondern auch die Töne, Gerüche, Geschmäcke und Leiblichkeitsempfindungen treten meinem Bewußtsein als eine Art Widerstand, wie ein von außen Herkommendes entgegen. Soweit ich empfinde, so weit ist mein Ich ausgebreitet. Darüber hinaus liegen Dunkel und Rätsel. Die Empfindungen stellen gleichsam äußerste Umkreise dar, die das Bewußtsein einerseits erhellt, von denen es aber andererseits zurückgeworfen wird.

Ich will mit diesen Worten nicht in irgendwelche Tiefen führen, sondern nur das Gebiet bezeichnen, dem die folgenden Betrachtungen gelten sollen. Dem ganzen Reich der Empfindungen wendet sich meine Aufmerksamkeit zu, und zwar in der Absicht, um dasjenige Gemeinsame hervorzuheben, das seine unterscheidende Eigentümlichkeit bildet. Nicht nach solchen Eigenschaften will ich es also beschreiben, die es mit anderen Gruppen von Bewußtseinsvorgängen gemeinsam besitzt, sondern nur insofern es sich von allen anderen Arten des Seelischen charakteristisch abhebt.

Ich will mich dabei streng auf dem Boden der unmittelbaren Erfahrung halten. Darum soll alles Physiologische beiseite bleiben. Meine Empfindungen als solche verkünden mir von meinen Nerven und meinem Gehirn schlechthin nichts. So genau ich auch den Inhalt meiner Empfindungen durchlaufe und zergliedere, so finde ich darin keine Spur einer Abbildung von Nerven und Gehirn, ja überhaupt keinen durch sich selbst sprechenden Hinweis auf sie. Wüßte ich nicht auf Umwegen - dadurch nämlich, daß ich fremde menschliche Leiber zerlege und mir über die Ergebnisse einer solchen Zerlegung von anderen berichten lasse - vom Vorhandensein, der Beschaffenheit und den Leistungen der Nerven und des Gehirns: von meinen Empfindungen allein her würde ich nicht einmal wissen, daß ich so etwas wie Nerven und ein Gehirn besitze. Will man daher das Empfinden gemäß der Art und Weise beschreiben, wie es sich einem jeden in seiner unmittelbaren Erfahrung gibt, so kommt man überhaupt nicht mit dem physiologischen Gebiet in Berührung. (1)

Ich brauche kaum ausdrücklich zu erklären, daß es eine Psychologie der Empfindungen nicht ohne ein genaues Eingehen auf den ganzen physiologischen und weiterhin physikalischen Unterbau des Empfindens geben kann. Sobald man im Bereich der Empfindungen den Abhängigkeitsverhältnissen nachspürt, wird man unvermeidlich auf die Sinneswerkzeuge, auf die peripherischen Nervenenden und von da auf eine Menge verwickelter Zusammenhänge zwischen den außen- und innenleiblichen Reizen und dem Nervensystem und Gehirn geführt. Daher liegt der Zweifel nahe, ob denn bei der durchgängigen Abhängigkeit sämtlicher Empfindungen von den Reizen und den physiologischen Verarbeitungen dieser etwas Erhebliches herauskommen kann, wenn man von dieser ganzen physiologischen Seite absieht und sich darauf beschränkt, den im Bewußtsein unmittelbar vorliegenden Tatbestand des Empfindens zu beschreiben.

Dieser Zweifel wäre vollauf berechtigt, wenn ich den Abhängigkeitsverhältnissen der Empfindungen nachgehen wollte. Dann wäre es widersinnig, nur das, dessen wir im Empfinden unmittelbar inne werden, berücksichtigen zu wollen. Dagegen ist für die Aufgabe, die ich mir hier stelle, das Absehen von allem Physiologischen geradezu eine unumstößliche Bedingung. Ich will hier festzustellen versuchen, welche eigentümliche Äußerung und Leistung des Bewußtseins im Empfinden vorliegt; auf welche unterscheidende Art sich das Bewußtsein gerade im Empfinden benimmt und gibt. Die Bewußtseinsfunktion, die das Unterscheidende des Empfindens bildet, soll aufgesucht und beschrieben werden. Es wäre so verkehrt wie möglich, wenn man sich, um dies zu erfahren, an die Nervenvorgänge wenden wollte.

Auch handelt es sich hierbei um keine Betrachtung nebensächlicher Art. Denn alles, was uns die Empfindungen an Lust und Schmerz geben, alles, was aus ihnen unserem Seelenleben an Wert und Unwert, an Haltung und Färbung zufließt, knüpft sich unmittelbar an die Art und Weise, wie sich das Empfinden unserem Bewußtsein zu spüren gibt. Also wird es doch von Interesse sein, nach der im Empfinden sich dartuenden Bewußtseinsart zu fragen. Überhaupt aber ist es eine wichtige, ja die grundlegende psychologische Aufgabe, überall die Bewußtseinstatsachen als solche zu beschreiben und zu zergliedern.

2. Es gilt zunächst, an Allbekanntes zu erinnern. Die Empfindungsinhalte sind in ihrem Kommen und Gehen von unserer Willkür unabhängig. Wir haben es zwar meistenteils in der Gewalt, unseren Leib in verschiedene Lagen zu bringen, mit unseren Sinnesorganen allerhand leibliche Veränderungen vorzunehmen und können so auf die Empfindungen, die uns zuteil werden, einen bedeutenden mittelbaren Einfluß gewinnen. Haben wir dagegen einmal unseren Leib und unsere Sinnesorgane in ein bestimmtes Verhältnis zur umgebenden Körperwelt gebracht, so ist der Ablauf der Empfindungen unserem Einfluß gänzlich entrückt. Diese Unabhängigkeit von unserer Willkür, diese Gegebenheit unterscheidet die Empfindungen vorzugsweise von den Erinnerungs- und Phantasiebildern, den Gedankenverknüpfungen, den Willensakten. Auf allen diesen Gebieten ist eine Abhängigkeit von unserer Willkür in weitem Umfang vorhanden.

Ein ausschließliches Merkmal der Empfindungen ist diese Gegebenheit jedoch nicht. Denn es gibt in unserem Bewußtsein noch gar Vieles, was unabhängig von unserem Dazu- und Dagegentun auftritt. Bei weitem nicht alle unsere Vorstellungen und Gedanken entspringen infolge unserer absichtlichen Leitung, infolge unseres Achthabens und Bemühens. Was taucht nicht alles in unserem Erinnern, in unserer umgestaltenden Phantasie, selbst in unserem Denken unvorhergesehen, überraschend, ja gegen unseren Willen auf? Und nun gar im Bereich unserer Gefühle, Affekte, Begehrungen führt das Unwillkürliche eine noch viel umfassendere Herrschaft. Es teilt also das Empfinden das Merkmal der Unabhängigkeit von unserer Willkür mit sehr zahlreichen anderen Bewußtseinsvorgängen.

3. Ein anderer allen Empfindungen gemeinsamer Charakterzug besteht in einem Nursichselbstbedeuten, im Fehlen der Abbildlichkeit. Die Empfindungen unterscheiden sich hierin nicht nur von den Erinnerungsvorstellungen, sondern auch von den Erzeugnissen der Einbildung und Phantasie. Die Erinnerungsvorstellungen wollen sich schlechthin nicht selbst bedeuten, ihr Wesen erschöpft sich darin, daß sie nur den entsprechenden vorhergegangenen originalen Bewußtseinsinhalt besagen wollen. Die Gebilde der Phantasie erheben zwar nach der einen Seite hin den Anspruch auf eine selbständige Bedeutung: insofern sie nämlich mehr oder weniger freie Umformungen früherer Eindrücke und Vorstellungen sind; nach der anderen Seite aber kommt ihnen das Merkmal der Abbildlichkeit zu: insofern sie doch, trotz aller Freiheit der Umformung, auf die originalen Eindrücke und Vorstellungen, die den Stoff für sie hergegeben haben, als einen wesentlichen Maßstab hinweisen.

Auch von diesem Merkmal der Empfindungen gilt jedoch, daß es nicht ausschließlicher Natur ist. Denn es gibt außer den Empfindungen noch mancherlei in unserem Bewußtsein, das nur sich selbst bedeutet und mit Abbildlichkeit nichts zu schaffen hat. Unsere Gefühle, Strebungen, Willensakte sind durchaus originaler Natur; ihr Wesen besteht nicht in einem abbildlichen Hinweisen auf ein vorangegangenes Ursprüngliches, sondern in ihrem Sichselbstgeben; nicht in der Stellvertretung eines anderen Bewußtseinsvorganges, sondern in ihrem Selbstgelten.

4. Wenn hiernach sowohl die Gegebenheit, als auch das Nursichselbstbedeuten Merkmale sind, die das Empfinden mit anderen Bewußtseinsvorgängen teilt, so lenkt die erneuerte Frage, wo denn wohl das Unterscheidende der Empfindungen zu suchen ist, die Aufmerksamkeit auf die eigentümliche Eindringlichkeit oder - vielleicht besser gesagt - Aufdringlichkeit, mit der sich uns alle Empfindungen darbieten. Betrachten wir die Art und Weise, wie uns die Empfindungen zuteil werden, so bemerken wir eine gewisse Unwidersprechlichkeit und Unerbittlichkeit, wie sie allen anderen Bewußtseinsvorgängen fehlt. Es ist das Gegenteil von Abgeschwächtheit, Verdünntheit, Vermittelheit, es ist rücksichtslose, stärkste Gegenwart, womit sich uns die Empfindungen zu spüren geben. Ich bin mir des Bildlichen, Ungefähren und Umwegartigen dieser Ausdrücke sehr wohl bewußt. Nichtsdestoweniger zielen sie auf die Eigentümlichkeit des Empfindens, die tatsächlich vorliegt, und deren sich jedermann ständig verinnerlicht. Diese Eigentümlichkeit läßt sich nicht begrifflich zerlegen, nicht für den Verstand beschreiben; sie läßt sich nur in gefühlsmäßiger und bildlicher Weise, besonders auf dem Umweg der Ablehnung des Gegenteils, andeuten. Die angewandten Ausdrücke haben nur den Zweck, im Leser die von mir gemeinte Seite seines Empfindungsverfahrens lebendig entstehen zu lassen.

Es ist nicht etwa nur ein Gradunterschied, den ich mit der angedeuteten Eigentümlichkeit vor Augen habe. Es wäre so verkehrt wie möglich, in der zwingenden Aufdringlichkeit des Empfindens nichts als eine besonders starke Intensität der Bewußtseinserregung erkennen zu wollen. Die Art, wie ich einer gesehenen Farbe, eines gehörten Tones inne werde, ist grundverschieden von der Art, wie sich mir eine erinnerte Farben- oder Tonempfindung gibt. Mag mir auch das Erinnerungsbild die Beschaffenheit der gesehenen Farbe, des gehörten Tones vollkommen genau zu Bewußtsein bringen: so bleibt doch bestehen, daß auf beiden Seiten die Art und Weise des Bewußtseinsdaseins völlig verschieden ist (2). Was nun aber gar das Gefühl, die Begehrung, den Willen anlangt, so wird es niemandem auch nur in den Sinn kommen, die Art, wie sie das Bewußtsein berühren und erregen, als nur dem Grad nach von der Eigentümlichkeit des Empfindens unterschieden zu betrachten.

5. Es würde sich mit dem unterscheidenden Merkmal der Aufdringlichkeit nicht viel anfangen lassen, wenn es nicht doch eine Seite an sich hätte, die einer genauen Bezeichnung zugänglich wäre. Fragen wir nämlich, wie sich für uns diese Aufdringlichkeit des Empfindens äußert, so stoßen wir unmittelbar auf einen eigentümlichen Schein, der sich am besten als Schein des von unserem Bewußtsein unabhängigen Daseins, als Schein der Transsubjektivität bezeichnen läßt. Wir spüren unsere Empfindungen niemals unmittelbar als etwas nur Innerliches, nur dem Bewußtsein Angehöriges. Empfinden ist für die unmittelbare Erfahrung kein Insichfinden, kein Haben eines zu unserer Innerlichkeit gehörigen Inhalts. Überall und immer erfahren wir, indem wir empfinden, zugleich den Eindruck des Außenweltlichen; wir glauben, unmittelbar das Draussen unseres Bewußtseins zu empfinden. Am deutlichsten tritt uns dieser Schein des Transsubjektiven an den Gesichts- und Tastempfindungen entgegen; es gibt keine stärkere Ausdrücklichkeit dieses Scheins als die sich uns "augenscheinlich" und "handgreiflich" aufdrängende. Doch auch wenn wir z. B. auf eine Geruchsempfindung achten: spüren sie sie etwa als einen Innenvorgang, wie wir Wehmut, Kummer, Frömmigkeit, künstlerische Freude fühlen? Auch den Gerüchen haftet der Schein des von außen Kommenden an, die Außenwelt scheint uns in ihnen anzuwehen. Und wie steht es denn mit den Gemeingefühlen? Wer an Kopfweh oder Atemnot leidet, hat darin unwillkürlich, ohne jede Zutat einer Reflexion, das Gefühl seiner Leiblichkeit. Ebensowenig wie die Gesichts- oder Geruchsempfindungen geben sich uns die Gemeingefühle als intrasubjektiv zu fühlen. Wir haben in ihnen unmittelbar die Gewißheit, daß wir in ihnen mit dem außenweltlich scheinenden Teil unseres Ich, d. h. mit unserem Leib beteiligt sind. Der Schein des Transsubjektiven nimmt hier die besondere Form des Leiblichen an.

So besteht also der Schein des Transsubjektiven in zwei Formen: als Schein der außenleiblichen und als Schein der eigenleiblichen Außenwelt. Nicht nur auf dem Gebiet der unbestimmten, verworrenen Gemeingefühle, sondern soweit es sich überhaupt um Körpergefühle handelt, kommt die Form des leiblichen Transsubjektiven in Betracht. Auch die Tast-, Druck- und Temperaturempfindungen sind nach der einen Seite Körpergefühle. Indem ich durch Tast-, Druck- oder Temperaturempfindungen meiner außenleiblichen Umgebung inne werde, habe ich zugleich Empfindungen meiner eigenen Leiblichkeit. Hier liegen also Empfindungsgruppen vor, die teils den Schein der eigenleiblichen, teils den einer außenleiblichen Transsubjektivität mit sich führen. Um eine Ausdrucksweise JODLs zu gebrauchen, könnte ich sagen: gewisse Empfindungsinhalte stehen vor unserem Bewußtsein als lokalisiert, andere als externalisiert (3).

6. Wer den Schein der Transsubjektivität als zum erfahrungsmäßigen Empfindungsbestand unabtrennlich gehörend betrachtet, bekennt sich hiermit keineswegs zum naiven Realismus. Der naive Realist ist überzeugt, daß wir, indem wir empfinden, mit den Außendingen als solchen irgendwie in eine unmittelbare Berührung kommen, der Außenwelt als solcher unmittelbar gewiß werden. Das Empfinden gilt ihm als ein die Außenwelt intuitiv verbürgendes Gewißheitsprinzip. So ist es bei KIRCHMANN, RIEHL, REHMKE und anderen (4). In den vorausgegangenen Aufstellungen dagegen ist immer nur von einem Schein des Transsubjektiven die Rede. Nur dies gehört erfahrungsgemäß zum Empfinden, daß es den Eindruck, den Glauben mit sich führt, als wäre uns darin die Außenwelt gegeben. Kein "Daß", sondern nur ein "Alsob" ist es, worauf uns mit Rücksicht auf die Außenwelt die Analyse des Empfindens geführt hat. Diese Analyse läßt es völlig dahingestellt, ob und inwieweit diesem Eindruck die Wirklichkeit entspricht. Es ist mit der Feststellung des Eindrucks der Transsubjektivität noch nichts darüber gesagt, ob und in welchem Sinn es eine Außenwelt gibt, und ob und inwieweit von einer Übereinstimmung der wirklichen Außenwelt mit dem, was sich uns in der Empfindung der Außenwelt aufdrängt, die Rede sein kann. Es sind Erwägungen ganz anderer Art, auf denen im Streit zwischen den phänomenalistischen und den erkenntnistheoretisch realistischen Richtungen die Entscheidung beruth. Der Schein der Transsubjektivität sagt darüber, ob und in welchem Grad er recht oder unrecht hat, für sich noch nichts aus.

7. Überaus häufig trifft man in der psychologischen Literatur die Auffassung, daß das Empfinden ursprünglich ein Insichempfinden ist, ein Finden gewisser Erregungen in der Innerlichkeit des Bewußtseins. Der Schein der Außenweltlichkeit wird als etwas erst Hinzukommendes angesehen, als ein Ergebnis der Entwicklung, mag diese als mehr von innen oder als mehr von außen her geschehend betrachtet werden. Das Empfinden gilt also als abtrennbar von jenem Schein. Ansich soll das Empfinden ein rein innerliches Gegebensein sein.

Ich lasse hier dahingestellt, ob dieser Auffassung eine gewisse Wahrheit zugrunde liegt. Dagegen steht zweifellos fest, daß es in der Erfahrung zumindest ein derartiges rein innerliches Empfinden nicht gibt. In der Erfahrung läßt sich keine Empfindung aufweisen, der nicht unwillkürlich der Eindruck des Transsubjektiven anhaftet. Es ist dieser Schein zwar in verschiedenen Graden vorhanden; den Gesichtsempfindungen z. B. wohnt er nachdrücklicher und voller bei als etwa den Geschmacks- oder Geruchsempfindungen; und es wird gleich weiterhin über diese Unterschiede einiges zu sagen sein. Gänzlich dagegen fehlt er nirgends im Empfindungsbereich; und selbst wo er, wie bei den Körpergefühlen, am wenigsten ausdrücklich vorhanden ist, spüren wir ihn immer noch in unbezweifelbarer Weise. Die Erfahrung also zeigt uns nirgends rein innerliche Empfindungsgebilde. Niemand empfindet den Rosengeruch oder Milchgeschmack als ein Innenereignis seines Bewußtseins, als eine auf die Außenwelt unbezogene Bewußtseinsintimität.

Es ist auch nicht so, daß die Empfindung uns zunächst als eine rein innerliche Angelegenheit spürbar wäre und wir dann die Beziehung auf die Außenwelt hinzufügen. Von einem derartigen Hinzufügen, Daranknüpfen ist uns in der Erfahrung schlechthin nichts bekannt. Die Empfindung steht uns mit einem Schlag als scheinbar transsubjektiv vor dem Bewußtsein. So fühlen wir auch keine Nötigung, keinen Zwang, den Empfindungen den transsubjektiven Schein hinzuzutun. Die Empfindungen werden uns eben ohne alles bewußte Zutun von uns aus als scheinbar transsubjektiv zuteil. Die scheinbare Transsubjektivität kommt nicht erst in unserem Bewußtsein zustande; wir machen sie nicht; sondern sie steht vor unserem Bewußtsein als etwas völlig Einfaches, Müheloses, Selbstverständliches, schlechthin Fertiges da.

Soll daher das Empfinden irgendwo als ein Insichfinden vorkommen, so könnte dies nur jenseits der Erfahrung möglich sein. Man könnte also etwa sagen, daß dem Bewußtsein des Neugeborenen die Empfindungen als rein intrasubjektive Vorgänge gegenwärtig sind und erst im Laufe der Zeit, durch Erfahrung und Übung und vielleicht auch unter Mitwirkung apriorischer Funktionen, der Schein des Transsubjektiven hinzutritt. Oder man könnte jene rein innerlichen Empfindungen unter die Schwelle des Bewußtseins verlegen: dann würden wir beständig mit den unbewußt bleibenden Innenempfindungen eine gleichfalls unbewußte Umformung vornehmen, derart daß nur das Ergebnis dieser Umformung - eben die scheinbar transsubjektiv gewordene Empfindung - uns zum Bewußtsein käme. Ich will diese beiden Möglichkeiten, von denen besonders die zweite augenscheinlich mit den größten Schwierigkeiten verknüpft ist, hier dahingestellt sein lassen und micht zunächst mit dem Ergebnis begnügen, daß sich das Empfinden als reines Insichempfinden nicht in der Erfahrung aufweisen läßt.

8. Um zu zeigen, wie weit verbreitet die Annahme ist, daß es ein Empfinden rein innerlicher Art gibt, greife ich einige Belege aus verschiedenen Gestaltungen der Psychologie heraus. Nach HEGEL besteht das Empfinden darin, daß die Seele ihre Inhaltsbestimmtheiten in sich und für sich findet. Empfinden ist ein dumpfes Fürsichsein. Im Empfinden bin ich in meinem Eigensten. Bezeichnend ist, daß HEGEL das Empfinden auch zu Gefühl und Herz erweitert. HEGEL spricht beinahe, als ob wir die Empfindungsinhalte als Ausfüllungen und Auskleidungen unseres Bewußtseins vorfänden. Um dem transsubjektiven Schein der Empfindungen gerecht zu werden, hatte er etwa wie sein Schüler ROSENKRANZ sagen müssen, daß das Empfinden beides zugleich ist: Insichsein und Außersichsein des Geistes (5). Auch bei J. E. ERDMANN kommt der transsubjektive Schein der Empfindungen nicht zu seinem Recht. Ihm ist alles Empfinden ein Innerlichmachen der Leiblichkeit. Es sind nur die Leibeszustände, die die empfindende Seele in sich findet. In diesem Nichtloskommenkönnen des Empfindens vor der Leiblichkeitsempfindung kommt zum Ausdruck, daß ERDMANN den außerweltlichen Charakter des Empfindens zugunsten der Innerlichkeit verkürzt. (6)

Auch bei SCHOPENHAUER findet sich durchgängig die transsubjektive Seite des Empfindens verkannt. Seiner Lehre von der Intellektualität der Anschauung liegt die Voraussetzung zugrunde, daß die Empfindung nichts Objektives, auch nicht in einem phänomenalen Sinn, an sich hat, daß die Empfindung ein "an sich selbst stets subjektives Gefühl" ist, daß "das Außerhalb" erst durch das Kausalitätsgesetz, mit dem der Verstand den subjektiven Empfindungsbegriff bearbeitet, hinzukommt. Ich will hier keineswegs etwas gegen die wesentliche Mitwirkung der Intelligenz am Zustandekommen der sinnlichen Anschauung einwenden; diese Frage bleibt hier völlig abseits liegen; nur dies ist hier behauptet, daß SCHOPENHAUER in seiner Lehre von der Intellektualität der Anschauung immer so spricht, als ob das Empfinden noch gar nichts von Außenweltlichkeit an sich trüge, sondern alle Beziehung auf Außenweltlichkeit erst durch den Gebrauch des Kausalitätsgesetzes entsteht (7). Im Grund treibt schon die von KANT übernommene Entgegenstellung der Materie der Empfindung und der apriorischen Raumform zu der Annahme hin, daß die Empfindung als solche ein bloßes Insichempfinden ist. Hat der Empfindungsstoff als solcher nichts von einem Raum an sich, so muß, insofern die Vorstellung der Außenwelt, des Draußen erst als durch die Raumanschauung zustandekommend vorausgesetzt wird, der Empfindung als solcher der Eindruck der Außenwelt noch gänzlich fehlen. In der Tat tritt uns bei SCHOPENHAUER dieser Gedankenzusammenhang mehrfach entgegen: das "Außer uns" ist eine ausschließlich räumliche Bestimmung; also ist an den Empfindungen nichts von einem "Außer uns" zu bemerken.

Auch in HERBARTs Psychologie besteht die Neigung, den zur Empfindung gehörigen transsubjektiven Schein nicht zu seinem Recht kommen zu lassen. Indem für HERBART die Empfindungen die ursprünglichen, noch unverarbeiteten Selbsterhaltungen der punktuellen Seele sind, stehen ihm dabei Innenzustände von ausschließlicher und unbedingter Innerlichkeit vor Augen; Innenzustände, die zu aller Außenweltlichkeit nur im Verhältnis des Gegensatzes stehen. Namentlich tritt dies dort hervor, wo HERBART die Entstehung der Raumvorstellung behandelt. Indem er die Raumvorstellung aus Empfindungen hervorgehen läßt, denen alle räumlichen Verhältnisse fern liegen, stellt er sich diese Empfindungen als in jeder Hinsicht subjektiv vor. Mag die Metaphysik das Dasein einer Welt außerhalb von uns behaupten: für die empfindende Seele "fällt das alles zusammen, es wird ein ungeschiedenes Chaos". (8)

Oder hören wir VOLKMANN. Hier tritt das Nichtanerkennen des transsubjektiven Scheins der Empfindungen noch deutlicher hervor. Seine Auseinandersetzungen über die Lokalisation und Projektion der Empfindungen beruhen auf der Voraussetzung, daß das Empfinden nichts als ein Insichfinden ist. Es geht dies besonders aus der Art hervor, wie er die Vorstellung des Außendings zustande kommen läßt. Hierzu sei nötig, daß zur Empfindung das Bewußtsein der Abhängigkeit im Haben der Empfindung hinzutritt. Damit ist gesagt, daß zur Empfindung als solcher kein Abhängigkeitsbewußtsein gehört. Zudem handelt es sich dabei nach VOLKMANN um ein durch Vergleich und Reflexion entstehendes Bewußtseins, während doch der transsubjektive Schein etwas im Empfinden unmittelbar Mitempfundenes ist. Soweit also ist VOLKMANN von der Anerkennung des transsubjektiven Scheins entfernt, daß er, um zur Vorstellung der Außenwelt zu gelangen, ein zur Empfindung allererst unter Umständen hinzutretendes und auf Reflexion beruhendes Bewußtsein der Abhängigkeit zu Hilfe ruft (9). Über den Wert der Lokalisations- und Projektionstheorien zu urteilen, gehört nicht hierher. Nur so viel behaupte ich, daß, wenn diese Theorien Empfindungen zugrunde legen, die durch und durch, auch dem Eindruck und Schein nach, subjektiv sind, sie hiermit Gebilde annehmen, die sich in keiner Erfahrung aufweisen lassen.

Von den neueren Psychologen nenne ich HERBERT SPENCER. Im Empfinden fassen wir das, was das Bewußtsein erfüllt, als dem Ich angehörig auf, während wir das Wahrgenommene als dem Nicht-Ich angehörig ansehen. "Wenn der Geist eine Empfindung auffaßt, so ist er mit einer einzigen subjektiven Affektion erfüllt." Im Empfinden sind wir nur mit der subjektiven Erscheinung beschäftigt; die objektive Erscheinung wird uns erst im Wahrnehmen gegenwärtig. Die Wahrnehmungen entstehen im Anschluß an die Empfindungen, indem sich mit den Empfindungen noch Erinnerungen und Folgerungen verbinden und wir unsere Aufmerksamkeit auf die hierdurch gegebenen Beziehungen lenken. Diese erfahrungswidrige Verinnerlichung der Empfindungen aber legt sich für SPENCER besonders dadurch nahe, daß er alle Empfindungen auf das Gefühl der Muskelspann oder gar auf das Gefühl einer Nervenerschütterung zurückführt. Durch diese Phantastereien geschieht es, daß es ihm vorkommt, als ob die Empfindung eine reine Innerlichkeit wäre. Im Gefühl der Muskelspannung ist freilich in Wirklichkeit eine Empfindung der eigenen Leiblichkeit, als Bewußtsein vom Nicht-Ich enthalten. Doch da das Nicht-Ich hier der eigene Leib ist, und noch dazu in dunkler Form, so wird es von SPENCER übersehen und so hält er die Empfindung für etwas von aller Beziehung zum Nicht-Ich Losgelöstes (10).

10. Den verschiedenen Arten der Empfindungen haftet der Schein der Außenwirklichkeit nicht in gleich ausdrücklicher Weise an. Zuoberst stehen ohne Zweifel die Gesichts- und Tastempfindungen. Indem wir sehen und tasten, geben sich uns unmittelbar Teile, Stücke der Außenwelt zu spüren. Lassen wir das Zweifeln und Kritisieren des nachdenkenden Menschen beiseite, hören wir allein auf die naive Sprache des Empfindens, so glauben wir in den Farben und Formen, im Harten und Weichen, Schweren und Leichten, das, woraus die Außenwelt wahrhaft besteht, zu empfinden. Anders steht es mit Gehör und Geruch. Die Töne und Gerüche empfinden wir nicht so sehr als Stücke der Außenwelt selbst, sondern mehr als von draussen kommend, von der Außenwelt her an uns dringend, also als Kundgebungen der Außenwelt. Der Geschmack dürfte, schon wegen seiner engen Verknüpfung mit Tastempfindungen, in der Mitte zwischen beiden Arten von Empfindungen stehen. Was die Leiblichkeitsempfindungen betrifft, so wohnt ihnen der Schein der Bewußtseinsjenseitigkeit gleichfalls in unbezweifelter Weise inne; nur ist hier das Charakteristische, daß wir in ihnen das mit unserem Bewußtsein in ausgezeichneter, ganz besonders intimer Weise verbundene Stück der Außenwelt - eben den eigenen Leib - zu empfinden gewiß sind. Die Ausdrücklichkeit, mit der sich uns dieser Schein der eigenleiblichen Außenweltlichkeit zu fühlen gibt, hängt von der Bestimmtheit der Lokalisation ab. Je bestimmter wir gewisse Leibesempfindungen in den einen oder anderen Teil des Leibes verlegen, umso zwingender ist der Eindruck der Bewußtseinsjenseitigkeit.

10. Dieser Schein des Transsubjektiven wohnt sämtlichen Empfindungen so unablöslich inne, daß er auch dann nicht weicht, wenn wir ihn uns kritisch zu Bewußtsein gebracht haben. Auch wer Farben, Töne usw. für etwas der Außenwelt gänzlich Fremdes, allein im Bewußtsein Vorkommendes hält, glaubt nichtsdestoweniger Farben, Töne usw., geradeso wie der Naturmensch, als etwas Transsubjektives zu empfangen. Ja mag ich auch mit BERKELEY, HUME, KANT überhaupt das Dasein einer körperlichen Außenwelt leugnen, so geben sich mir doch alle Empfindungen nach wie vor als außenweltliche Inhalte. Es handelt sich also um einen Schein, dem Kritik und Wissen schlechterdings nichts anhaben können. Besonders deutlich wird dies in solchen Fällen, wo auch der naive Mensch den transsubjektiven Schein durchschaut. Jedermann weiß, daß den Nachbildern oder dem Größererscheinen des aufgehenden Mondes oder den Bildern im Spiegel nicht diejenige Wirklichkeit zukommt wie den unmittelbar angrenzenden Formen und Farben; dessenungeachtet reihen sich jene rein subjektiven Erscheinungen genauso in das Wahrnehmungsfeld ein, als ob sich in ihnen die Außenwelt selbst darbietet.

11. Noch aus einem anderen Grund ist es wichtig, an die Sinnestäuschungen zu erinnern. Besonders deutlich wird das, was ich sagen will, an den Halluzinationen. Diese haben einen ganz anderen Ursprung als die gesunden Empfindungen: es sind Erinnerungsbilder, die zu Wahrnehmungen objektiviert werden. Es liegt eine Umsetzung von Reproduktion in Empfindung vor. Nichtsdestoweniger haftet auch den Halluzinationen der Schein der Außenweltlichkeit an; sie sind mehr als bloße Phantasiegebilde. Während also die Halluzinationen ihrer Herkunft nach sich von den Empfindungen abtrennen, gehören sie ihrem unmittelbaren Bewußtseinsdasein nach zu ihnen. Denn es ist in ihnen genau dasselbe Merkmal vorhanden, das dem normalen Empfinden seine Eigentümlichkeit gibt: der Schein der Bewußtseinsjenseitigkeit.

Dasselbe gilt vom Traum. Die Traumgestalten geben sich mir nicht als meine Phantasieerzeugnisse; vielmehr verkehre ich mit ihnen wie mit fremden, von mir unabhängigen Wesen. Die Traumwelt ist, solange ich träume, meine Außenwelt. So sehr auch die Traumbilder mit den Vorgängen zusammenhängen, aus denen die Phantasiegestalten des wachen Zustandes hervorgehen, so verknüpft sich doch damit zugleich das Spüren der Bewußtseinsjenseitigkeit, also diejenige Bewußtseinsäußerung, die das Eigentümliche des Empfindens ausmacht. Dem unmittelbaren Bewußtseinsdasein nach betrachtet, gehört das Träumen zum Empfinden, so sehr es sich auch sowohl seiner psychologischen Herkunft, als auch seinen physiologischen Bedingungen nach vom Empfinden unterscheidet.

12. Man mag das Empfinden noch so drehen und wenden: es läßt sich darin keine andere unterscheidende Eigentümlichkeit entdecken als der schon so oft genannte transsubjektive Schein. Oder wenn ich die Sache unter Herzuziehung des in § 4 Gesagten genauer ausdrücken soll: die Eigentümlichkeit des Empfindens stellt sich uns als eine unverkennbare Ausdringlichkeit des Eindrucks in Verbindung mit dem Schein der Transsubjektivität dar. Und noch genauer wird es sein, zu sagen: die Aufdringlichkeit des Eindrucks und der transsubjektive Schein bezeichnen in Wahrheit dieselbe eine Eigentümlichkeit. Nach ihrem Stimmungscharakter, nach ihrer unsagbaren Seite gibt sich die Eigentümlichkeit des Empfindens als jene gezeichnete Aufdringlichkeit des Eindrucks zu fühlen; nach ihrer faßbaren, bestimmteren Beschaffenheit stellt sich uns dieselbe Eigentümlichkeit als jenen Schein der Außenweltlichkeit dar.

Ich habe bisher immer von einem Schein oder Eindruck der Außenweltlichkeit gesprochen. Ich kann nun, um seine Zugehörigkeit zum Bewußtsein ausdrücklicher hervorzukehren, statt dessen Bezeichnungen gebrauchen, in denen die Außenweltlichkeit als eine gespürte, innegewordene und dgl. betont ist. Demgemäß läßt sich die unterscheidende Eigentümlichkeit des Empfindens durch Sätze wie die folgenden ausdrücken: das Bewußtsein spürt im Empfinden unmittelbar die Transsubjektivität seines Inhaltes; oder: das Bewußtsein wird im Empfinden der Bewußtseinsjenseitigkeit seines Inhaltes in unmittelbarer Weise inne.

13. In dieser unterscheidenden Eigentümlichkeit des Empfindens liegt nun zugleich eine elementare Bewußtseinsfunktion vor. Ich behaupte: das unmittelbare Innesein der Bewußtseinsjenseitigkeit des Bewußtseinsinhaltes, wie es das Empfinden aufweist, ist eine empirisch unzerlegbare, empirisch nicht weiter ableitbare Bewußtseinsfunktion. Es läßt sich dieses Innesein, solange man sich auf dem Boden des erfahrungsmäßig Aufweisbaren hält, ebensowenig zerlegen und aus Teilen zusammensetzen wie etwa die Farbempfindung. Es können an der Farbempfindung wohl Seiten unterschieden werden, wie Farbton, Sättigungsgrad, Lichtstärke. Allein das sind nicht Teile, aus denen die Farbempfindung zusammengesetzt werden könnte. Jede jener "Seiten" setzt, um überhaupt vorgestellt werden zu können, das ganze Farbempfinden bereits voraus; ohne die vorausgesetzte Daseinsweise der Farbigkeit verlieren jene Seiten vollständig ihren Sinn. Von einer Zusammensetzung aus Teilen könnte nur dann die Rede sein, wenn keinem der Teile das Farbempfinden als Voraussetzung zugrunde läge, sondern das Farbempfinden erst durch die Zusammensetzung der Teile als Ergebnis hervorginge, wie dies etwa beim Dreieck hinsichtlich der drei geraden Linien der Fall ist. Eine derartige Zerlegung ist nun eben beim Farbempfinden nicht durchzuführen. Und das Gleiche gilt vom transsubjektiven Schein. Es wäre so verkehrt wie möglich, zu sagen: er bestehe aus dem subjektiven Innesein und aus der dazutretenden Transsubjektivität. Denn die Transsubjektivität kommt im Empfinden eben nur vor als gespürte; sie ist durch und durch ein Gespürtwerden und nichts anderes. Es wäre also im zweiten Bestandteil tatsächlich schon das Ganze vorausgesetzt. Auch wüßte ich nicht, wie man sonst das Innesein der Transsubjektivität zu zerlegen auch nur versuchen könnte. Kurz: es liegt hier eine einfache Äußerung des Bewußtseins vor.

Und ebenso verhält es sich, wenn man nach der empirischen Ableitbarkeit des transsubjektiven Scheins fragt. Ein Hervorgehen desselben durch ein Zusammentreten seiner Teile ist nach dem Gesagten ausgeschlossen. Es könnte sich also von qualitativen Übergängen aber, durch die das Spüren der Bewußtseinsjenseitigkeit aus etwas anderem hervorginge, zeigt die Erfahrung nicht die geringste Spur. Und es ist dies umso weniger der Fall, als das Empfinden, soweit unsere Erinnerung in die Kindheit zurückreicht, immer schon den Charakter des transsubjektiven Scheins an sich trägt und auch für das darüber nach rückwärts hinausliegende Kindesalter kein rein innerliches Insichempfinden angenommen werden darf.

14. Aber verhält es sich wirklich so, wie die zuletzt gesagten Worte behaupten? Man könnte vielleicht einwerfen: das Empfinden des einjährigen Kindes, das zu laufen beginnt, eine Anzahl Personen und Dinge unterscheidet, seine Begehrungen äußert und dgl., trage wohl freilich bereits den Akzent der Transsubjektivität; aber so sei es nicht beim Neugeborenen: hier entbehrt das Empfinden zunächst aller transsubjektiven Färbung, ist wahrhaft nicht anderes als ein Sichempfinden; später erst entwickelt sich die Beziehung des Empfundenen auf die Außenwelt. Hätte diese Ansicht Recht, so wäre der transsubjektive Schein aus einfacheren Ursprüngen hervorgegangen. Dieses Hervorgehen wäre zwar nicht in einer unmittelbaren Erfahrung aufgewiesen, sondern aus gewissen Erfahrungen erschlossen. Aber es wären doch nicht die unbewußten Tiefen des Seelenlebens, sondern die ersten Entwicklungsabschnitte des Bewußtseins, also ein der Erfahrung nächstbenachbartes Gebiet, wohin das Hervorgehen des transsubjektiven Scheins verwiesen wäre.

Mir erscheint eine solche Ansicht als unhaltbar. Erstens wüßte ich nicht, durch welche Beobachtungen der Schluß nahegelegt, geschweige denn erzwungen würde, daß das Empfinden des Neugebornen des transsubjektiven Aussehens entbehrt. Sodann müßte, falls wirkklich das Neugeborene nur Empfindungen von intrasubjektivem Charakter besitzt, sich seine Intelligenz durch eine geistreiche Findigkeit oder schöpferischen Tiefblick in einem seltsamen Grad auszeichnen, wenn sie zu den intrasubjektiven Empfindungen den Schein der Außenweltlichkeit hinzuzufügen imstande sein sollte. Denn es handelt sich hier ja nicht um ein gewöhnliches Draussen, es ist keine Kunst, wenn man sich in einem Zimmer befindet, bei irgendeinem Geräusch zu schließen, daß es draußen seinen Ursprung hat. Von einem solchen relativen Draussen ist in unserem Fall nicht die Rede. Die Bewußtseinsjenseitigkeit ist das absolute Draußen des Bewußtseins, ein Draussen, das durch eine einzigartige erkenntnistheoretische Kluft vom Bewußtsein geschieden ist, ein Draußen, das dem in sich eingeschlossenen Bewußtsein ungeheuer fern liegt und fast wie ein Ungedanke erscheinen muß. Wäre es nun wirklich so, daß dem Bewußtsein seine Bewußtseinsjenseitigkeit nicht durch transsubjektiv aussehende Empfindungen naiv geoffenbart würde, sondern daß das Bewußtsein sich dieses Draußen erst durch Reflexion erobern müßte, so wäre die Intelligenz des Neugeborenen vor eine Aufgabe gestellt, der sie nicht gewachsen wäre. Auch der Leitfaden der Kausalität würde das Neugeborene wohl nicht befähigen, die Grenzen seines Bewußtseins, in die es nach der gegnerischen Annahme in jeder Beziehung eingesperrt ist, zu überspringen. Wären seine Empfindungen in jeder Beziehung, auch ihrem Eindruck nach, schlechtin intrasubjektiv, so würde es trotz der Kausalitätskategorie weiter den Traum einer solipsistischen Innerlichkeit träumen. Sich über sein eigenes Bewußtsein in das schlechthin jenseitige Draußen hineinzuversetzen, wäre ohne die naive Sprache des Empfindens eine für seine Intelligenz unerhörte Leistung. Ich jedoch noch weiter. Ich will annehmen, daß es ihm mittels des Leitsterns der Kausalität gelungen wäre, über die reine Innerlichkeit gleichsam hinüberzugreifen. Damit wäre das Neugeborene doch immer erst bei der Vorstellung des Transsubjektiven angelangt. Den intrasubjektiv aussehenden Empfindungen wäre auf dem Weg des Schließens die Vorstellung von einer transsubjektiven Welt, aus der sie stammen, angehängt. Von dieser Assoziation zwischen Empfindung und Vorstellung bis zu dem den Empfindungen unmittelbar innewohnenden Schein des Transsubjektiven ist aber ein gewaltiger Schritt. Hätte es das Bewußtsein bis zu jener Assoziation gebracht, so würde es zwar von der Außenwelt als von einer mehr oder weniger wahrscheinlichen Hypothese reden können; dagegen bliebe noch vollständig unklar, wodurch nun die Wandlung des Empfindens selber eintritt, die sich uns als unmittelbarer sinnlicher Eindruck des Transsubjektiven darstellt. JODL sagt treffend:
    "Keine spätere Entwicklung der intellektuellen Funktioinen, des Vergleichens und Urteilens" würde, (wenn alle Wahrnehmungen ursprünglich innere Zustandsveränderungen wären), "etwas anderes zustande bringen können, als eine Hypothese von einem gewissen Wahrscheinlichkeitswert, niemals aber die unmittelbare sinnliche Überzeugung des natürlichen Bewußtseins vom Bestand der Außenwelt." (11)
So treten der Ansicht, daß das Bewußtsein des Kindes in seinen frühesten Entwicklungsabschnitten jenen Schein des Transsubjektiven zu den intrasubjektiv aussehenden Empfindungen hinzufügt, von allen Seiten unauflösbare Schwierigkeiten entgegen. (12)

15. Wenn das unmittelbare Innesein der Transsubjektivität als eine ursprüngliche, elementare Bewußtseinsfunktion anerkannt wird, so ist damit nichts Seltsames, Eigensinniges, Fernliegendes mit dem Wesen des Bewußtseins verflochten; vielmehr handelt es sich dabei um eine für das Bewußtsein höchst prinzipielle Leistung. Die ganze Welt des Bewußtseins ist durch diese Leistung in entscheidender Weise bestimmt, erhält durch sie Form, Sinn und Schicksal.

Durch diese elementare Bewußtseinsfunktion geht dem Geist in unzweideutiger, unbezweifelbarer Weise dasjenige Reich auf, das den großen und einzigartigen erkenntnistheoretischen Gegensatz und zugleich die unentbehrliche erkenntnistheoretische Ergänzung zum Einzelbewußtsein bildet. Im Empfinden überwindet das Bewußtsein in unmittelbarer Weise seine Einsamkeit, seine Insichgeschlossenheit; im Empfinden wird das Bewußtsein seines Jenseits, das Ich seines Nicht-Ichs, die Innerlichkeit des Außendaseins inne; im Empfinden knüpft sich das Bewußtsein an eine bewußtseinsabhängige Welt, stellt sich in einen weiten und reichen Umkreis des Gegebenen hinein. Diese Sätze bleiben auch dann richtig, wenn ein späteres Nachdenknen dem transsubjektiven Schein alle objektive Berechtigung absprechen und zu einem unbedingten Phänomenalismus und Jllusionismus kommen sollte. Auch dann würde vom Empfinden gesagt werden müssen, daß das Ich im Empfinden unmittelbar des Nicht-Ichs inne wird, ihm die Gewißheit der Außenwelt widerfährt und dgl. Es müßte nur hinzugefügt werden, daß diese Gewißheit nichts als Trug ist.

Ich will keineswegs behaupten, daß der Mensch nicht auch ohne den transsubjektiven Schein des Empfindens zum Gedanken der Außenwelt kommen könnte. Auch wenn die Empfindungen immerdar intrasubjektiv aussähen, würde der Mensch mittels des Leitfadens der Kausalität den Gedanken einer Außenwelt fassen. Allein dieser Gedanke würde über eine schwankende Haltung, über eine blasse, zweifelhafte Gestalt nicht hinauskommen. Von jener Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der wir, indem wir empfinden, im Transsubjektiven zu leben sicher sind, wäre wohl wenig verstanden. Und sicherlich würde ferner dieser Gedanke nicht bald nach der Geburt, sondern erst bei einer erheblichen Entwicklung des Denkens gefaßt werden können.

16. Die im Empfinden zutage tretenden elementare Bewußtseinsfunktioin darf als eine irrationale Seite des Bewußtseins bezeichnet werden. Das Bewußtsein spürt, indem es sich spürt, zugleich sein eigenes Jenseits. Das Bewußtsein ist nichts als ein Insichsein, und doch empfindet es seinen Inhalt zugleich als draußen seiend. Das Bewußtsein erzeugt in sich zumindest den Schein, den Eindruck seines ausschließließenden Gegenteils. Hiermit ist eine Funktion gekennzeichnet, die in unser Begreifen nicht aufgeht, die für unsere Vernunft einen unauflöslichen Knoten bildet. Ich will keineswegs sagen, daß hier ein Widerspruch im Sinne HEGELs als das Wesen des Bewußtseins bildend vorliegt. Den Satz der Identität halte ich für unaufhebbar und daher für überall erfüllt. Ich behaupte nur, daß wir mit unserer Vernunft nicht einzusehen vermögen, wie sich jene elementare Bewußtseinsfunktion mit dem Prinzip der Identität verträgt. Nur in diesem relativen Sinn, nur in Bezug auf unsere Einsichtsfähigkeit möchte ich die elementare Bewußtseinsfunktion des Empfindens als eine irrationale Seite des Bewußtseins angesehen wissen.

Diese Unbegreiflichkeit gilt auch für den Fall, daß von der Kritik dem transsubjektiven Aussehen der Empfindungen jede objektive Bedeutung abgesprochen werden sollte. Denn nicht dies wurde von mir behauptet, daß das Bewußtsein im Empfinden wahrhaft und wirklich über sich hinausspringt und die Dinge-ansich in ihrer Selbstheit und ohne Scheidewand beschaut. Sondern nur so viel wurde gesagt (und die ganze Ausdrucksweise war darauf ausgerichtet), daß dem Bewußtsein im Innesein, im Spüren, in der Gewißheit das Transsubjektive entsteht. Und das eben geht über unser Begreifen hinaus, wie dem Bewußtsein, das doch eben nichts als Innerlichkeit ist, dennoch der Schein seines eigenen Jenseits aufgehen kann.

17. Welche weittragende Bedeutung der Behauptung zukommt, daß im Empfinden die aufgewiesene elementare Bewußtseinsfunktion enthalten ist, kann erst im Zusammenhang der Lehre von den elementaren Bewußtseinsfunktionen deutlich hervortreten. Nach meiner Überzeugung legt sich das Bewußtsein - und zwar rein erfahrungsmäßig betrachtet - in einer weit reicheren Mannigfaltigkeit elementarer Funktionen aus, als die moderne Psychologie anzunehmen geneigt ist. Die folgenden Artikel sollen dies wenigstens nach einigen Richtungen hin darzulegen versuchen.

Stellt das Bewußtsein eine Organisation aus ursprünglichen elementaren Funktionen dar, so ist damit eine Grundlage der Psychologie geschaffen, die nicht nur alle materialistischen Deutungen ausschließt, sondern auch der jetzt so weit verbreiteten Überschätzung des Physiologischen in der Psychologie entgegenarbeitet. Aber auch der gedankenlose Unfug, der gegenwärtig so häufig mit der Hypothese des Parallelismus in der Psychologie getrieben wird (13), erscheint von vornherein unmöglich, wenn das Bewußtsein als eine Mannigfaltigkeit qualitativ verschiedener, empirisch unableitbarer, einfacher seelischer Funktionen anerkannt ist. Und wie die Lehre von den elementaren Bewußtseinsfunktionen diesen und anderen psychologischen Hypothesen entgegentritt, so wird sie auch für die positive Gestaltung der Metaphysik der Psychologie in hohem Grad maßgebend sein. Diese Andeutungen mögen hier genügen. Die folgenden Artikel werden über die hier angeregten Fragen mehr Licht verbreiten.

18. Die Verkennung des dem Empfinden zugrunde liegenden transsubjektiven Scheins hängt mit gewissen Gestaltungen der Raumanschauungstheorie zusammen. Wo die Raumanschauung den Empfindungen als etwas Eigenartiges, Höheres, Verwickelteres derart entgegengestellt wird, daß ihnen alles Raumempfinden fehlen soll, dort liegt ein starker Antrieb vor, auch den transsubjektiven Schein den Empfindungen als solchen abzusprechen. Kommt das Räumliche erst infolge einer besonderen apriorischen Anschauungsfunktion zu den Empfindungen hinzu, oder entwickelt sich die Raumform erst auf der Grundlage gewisser ansich nichts an Raum enthaltender Empfindungen, dann liegt es nahe, auch die Beziehung zur Außenwelt zu den Empfindungen erst in und mit der Raumform hinzutreten zu lassen. Die Beziehung unserer Intelligenz zur Außenwelt äußert sich in nichts so auffällig wie in der Raumanschauung: so wird sich dann auch wohl den Empfindungen erst dann, wenn sich die Raumform mit ihnen verknüpft, der Schein einer Außenweltlichkeit hinzugesellen. Und so finden wir dann in der Tat, daß besonders dort, wo die Raumform dem Empfinden entrückt und einer höheren, vornehmeren, entwickelteren Leistung des Bewußtseins vorbehalten wird, der transsubjektive Schein des Empfindens geleugnet zu werden pflegt.

Es ist hier nicht der Ort, die Frage zu behandeln, wie sich die Raumanschauung zur Empfindung verhält. Ich will es nur als meine Überzeugung aussprechen, daß ich die Raumanschauung für etwas mit der Farb- und Tastempfindung zugleich Entstehendes und mit ihnen gleich Elementares betrachte und keinen Grund einsehe, warum man nicht geradezu von Raumempfindung sprechen darf. Die Darlegungen STUMPFs über diesen Gegenstand (14) scheinen mir überzeugend zu sein. Es ist auch nicht zu besorgen, daß die Raumanschauung, indem sie auf die gleiche Stufe mit der Farbempfindung gestellt wird, um ihre seelische Ursprünglichkeit kommt. Denn ist auch die Farbempfindung physiologisch bedingt, so steht darum doch um nichts weniger fest, daß das Farbigempfinden als solches eine eigenartige Leistung des Bewußtseins, eine aus der immanenten *Gesetzmäßigkeit und Beschaffenheit des Bewußtseins hervorgetriebene Reaktionsweise desselben ist. Man möchte fast von einem Genie der Seele sprechen, wenn man sich darin vertieft, daß das Bewußtsein, in Beantwortung gewisser physiologischer Reize, den Zauber der Farbe aus ihren Tiefen hervorholt. In ähnlicher Weise bleibt auch das Räumlichempfinden, aufgefaßt werden als unmittelbar auf bestimmte physiologische Reize hin entstehend.

19. Wenn in allem Empfinden das Spüren der Außenweltlichkeit vorliegt, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß für die Erklärung unseres Glaubens an die Außenwelt der transsubjektive Schein der Empfindungen den Ausgangspunkt und die Grundlage bildet. Freilich ist ein weiter Weg von dieser naiven Gewißheit bis zum Glauben des erwachsenen und gar des nachdenkenden Menschen an die Außenwelt. Dieser Glaube ist verwickelter, ausgerüsteter, feiner, kritischer; sein Grundstein aber in in jenem transsubjektiven Schein zu suchen. Ich mache es mir hier nicht zur Aufgabe, die Entwicklung des Glaubens an die Außenwelt zu verfolgen; dies würde einen Aufsatz für sich bilden. Nur auf weniges will ich hinweisen.

Zunächst besteht das Gefühl des Transsubjektiven in einer unakzentuierten, unausdrücklichen Weise. Der Mensch hat sich noch nicht den Gegensatz von Innen und Draußen vor die Seele gestellt. Erst auf Anlaß mannigfacher Erfahrungen kommt er dazu, auf den Gegensatz von Ich und Nicht-Ich seine Aufmerksamkeit zu lenken. Im Laufe dieser Entwicklung wird aus dem dumpfen Spüren des Draußen immer mehr ein durch das Bewußtsein dieses Gegensatzes erhellter Glaube an die Außenwelt (15).

Unterstützt wird diese Schärfung des Glaubens an die Außenwelt durch einen Eingriff von anderer Seite her. Ich meine die schon oben (in der Anmerkung zu § 13) erwähnte Erfahrung des Bewegungswiderstandes. Es handelt sich dabei um ein Zusammenwirken von Wollen, Muskelspannungs- und Tastempfindung. Das Vordringenwollen erfährt eine in Tastempfindungen sich kundgebende Hemmung. Mit dieser Erfahrung verbindet ich nun instinktiv und selbstverständlich das Fragen und Antworten nach dem Leitfaden der Kausalität; und so wird die erfahrene Hemmung ohne weiteres auf die entgegenstehende und entgegenwirkende Außenwelt bezogen. Auf diese Weise erhält das schon in der Tastempfindung als solches von uns gespürte Transsubjektive eine bedeutende Befestigung und Ausfüllung. Denn in jener Erfahrung ist ein Anhaltspunkt, ja die Nötigung gegeben, die Außenwelt, die uns in den Empfindungen als solchen gleichsam erst als ein stilles, mattes Sein entgegentrat, mit Kräften und Wirkungen, mit etwas unserem Streben und Wollen Ähnlichem auszufüllen. So nimmt allerdings die Erfahrung vom Bewegungswiderstand in einem Zustandekommen des Glaubens an die Außenwelt eine wichtige Stelle ein; nur bildet sie nicht, wie DILTHEY meint, die Grundlage dieses Glaubens.

Noch vieles andere wirkt zur Kräftigung der Überzeugung von der Außenwelt mit: die Übereinstimmung in den Aussagen der verschiedenen Menschen über die Sinnenwelt, die Erfahrungen von einem regelmäßigen, gleichförmigen Ablauf der Veränderungen in der Sinnenwelt usw. Ohne sich zu einer philosophischen Beweisführung und Kritik zu erheben, kann der Mensch aus derartigen Erfahrungen, vermöge der unwillkürlichen oder willkürlichen Anwendungen der Kausalitätsfunktion, beständig Nahrung für die Sicherheit seines Glaubens an die Außenwelt ziehen.
LITERATUR: Johannes Volkelt, Beiträge zur Analyse des Bewußtseins, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 112, Leipzig 1898
    Anmerkungen
    1) Der Kuriosität halber weise ich auf den Vortrag von LEOPOLD BESSER "Was ist Empfindung?" (Bonn 1881) hin. Der Verfasser glaubt allen Ernstes, unser Empfinden, ebenso das Gedächtnis, die Übung und dgl. könnte vollständig beschrieben und erklärt werden, ohne daß das Bewußtsein herangezogen wird. Er setzt mit einer Naivität, die ihres gleichen suchen dürfte, unser Empfinden schlechthin den Nervenvorgängen gleich. Es ist wert, daß eine solche ungewöhnliche Verfinsterung des Intellekts bei einem wissenschaftlichen Forscher in Erinnerung gebracht wird.
    2) LOTZE hat diesen qualitativen Unterschied zu einem schlagenden Ausdruck gebracht (Metaphysik, Leipzig 1879, Seite 520; Grundzüge der Psychologie, § 13).
    3) FRIEDRICH JODL, Lehrbuch der Psychologie, Stuttgart 1896, Seite 550f.
    4) Über KIRCHMANN und RIEHL vergleiche man mein Buch "Erfahrung und Denken", Seite 525f. REHMKE hat seinen naiven Realismus besonders in den Schriftchen "Unsere Gewißheit von der Außenwelt" (1894) zum Ausdruck gebracht.
    5) HEGEL, Enzyklopädie, § 399f. - ROSENKRANZ, Psychologie, dritte Auflage, Seite 126.
    6) J. E. ERDMANN, Psychologische Briefe, vierte Auflage, Seite 162f.
    7) Schopenhauers Werke, hg. von GRISEBACH, Bd. 2, Seite 28f; Bd. 3, Seite 66f; Bd. 6, Seite 21f. Freilich tritt bei SCHOPENHAUER die Innenzuständlichkeit des Empfindens nicht so deutlich hervor, wie es aufgrund seines ganzen Gedankenzusammenhangs der Fall sein müßte. Es hängt dies mit einem gewissen naiven Leiblichkeits-Realismus zusammen. Den Empfindungen haftet keine Spur von Raumvorstellungen an; nichtsdestoweniger sollen sie uns unmittelbar unsere leibliche Wirklichkeit zu fühlen geben. In den Gesichtsempfindungen z. B. spüren wir die Netzhaut in mannigfaltiger Weise affiziert, und dgl.
    8) Herbarts Werke, hg. von HARTENSTEIN, Bd. 4, Seite 311, 314; Bd. 5, Seite 119; Bd. 6, Seite 118f.
    9) WILHELM VOLKMANN, Lehrbuch der Psychologie, zweite Auflage, § 32, § 100-102.
    10) HERBERT SPENCER, Prinzipien der Psychologie, übersetzt von VETTER, Bd. 1, 1882, Seite 155f; Bd. 2, 1866, Seite 240f, 247, 252f.
    11) JODL, Lehrbuch der Psychologie, Seite 533. Auch JODL tritt der Ansicht entgegen, daß der neugeborene Mensch beim ersten Gebrauch seiner Sinne alle Eindrücke nur als Veränderungen seines eigenen Zustandes auffasse. Die exzentrische Projektion der Empfindungen sieht er als ein integrierendes Moment des Empfindungsprozesses an. Nur verfolgt JODL diesen Gedanken nicht in seine ganze Bedeutung und Tragweite hinein.
    12) Ich finde bei HÖFFDING Andeutungen darüber, wie er sich den transsubjektiven Schein des Empfindens empiristisch entstanden denkt. Das den Empfindungen anhaftende Gepräge der Wirklichkeit soll seinen Ursprung zuerst in der Stärke der Empfindung, sodann und hauptsächlich darin haben, daß unser primitiver Bewegungsdrang sich an die Empfindungen anschließt, sie mit einer Art Sanguinität [Leichtsinn - wp] erfaßt (Psychologie, übersetzt von Bendixen, Seite 162f). Ich erwidere: sowohl die Stärke der Empfindung als auch der Bewegungsdrang sind etwas so durchaus anderes als der Schein der Außenweltlichkeit, sind von diesem durch eine derartige Kluft getrennt, daß nicht einzusehen ist, wie dieses aus jenen Faktoren sollte entstehen können. Es wäre daher erst zu zeigen, durch welche Mittel es dem Bewußtsein des Kindes gelingen soll, über diese Kluft hinüberzugreifen und aus Empfindungsstärke und Bewegungsdrang das transsubjektive Aussehen der Empfindungen hervorzuzaubern. An anderer Stelle leitet HÖFFDING unsere Überzeugung von der Wirklichkeit daher ab, daß wir bei unseren Bewegungen auf Widerstand stoßen. Ein Wesen, das der Empfindung des Bewegungswiderstands entbehrt, würde, auch wenn es sonst in seinen Sinnen mit uns gleich organisiert wäre, außerhalb der handgreiflichen Wirklichkeit stehen und gleichsam ein ätherisches Dasein führen (Seite 350f). Wie sollte wohl, so frage ich, die Empfindung des Bewegungswiderstandes zu einer Überzeugung der Außenwirklichkeit anders hinführen als durch ein am Leitfaden der Kausalität vor sich gehendes Schließen, mag sich dieses Schließen auch so abgekürzt, zusammengepreßt und dunkel als möglich vollziehen? Ein solches Schließen würde aber höchstens, wie der Text darlegt, zu einer Vorstellung von der Außenwelt und zu einer Assoziation dieser Vorstellung mit unseren Empfindungen und zwar zunächst mit den Tastempfindungen, nicht aber zu einem unmittelbar transsubjektiven Aussehen der Empfindungen hinführen. Etwas Ähnliches gilt auch gegen DILTHEY, der gleichfalls die unmittelbare Erfahrung des Willens von Intention und Hemmung, von Impuls und Widerstand zum Grundstein unseres Glaubens an die Außenwelt macht (in der Anhandlung "Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht", enthalten in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1890). DILTHEY spricht mehr intuitionistisch als intellektualistisch. Allein ich wüßte nicht, wie es zugehen sollte, daß uns im Innewerden des Gegensatzes von Bewegungsdrang und Hemmung ohne das Anwenden der Kausalitätsfunktion die Gewißheit von der Außenwelt zuteil werden könnte. Und nehme ich auch an, daß dies geschehen wäre, so bleibt immer wieder die Frage, wie es denn möglich sein soll, daß sich diese in der Innenerfahrung unseres Willens gegebene Gewißheit von der Außenwelt in einen unmittelbaren transsubjektiven Schein des Empfindens verwandelt. Wir sehen uns wieder zu der Annahme gedrängt, daß in unseren Empfindungen das Empfinden der Außenweltlichkeit als eine elementare Bewußtseinsfunktion zugrunde liegt.
    13) Eine gewisse eingeschränkte Bedeutung des parallelistischen Gesichtspunktes in der Psychologie ist damit nicht geleugnet.
    14) CARL STUMPF, Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung, Leipzig 1873, Seite 106f, 176f, 272f.
    15) Diese Dunkelheit, die dem ursprünglichen Empfinden hinsichtlich des Inneseins des Draußen zukommt, denkt sich RIEHL derart gesteigert, daß seiner Ansicht nach das ursprüngliche Empfinden sich zum Unterschied von Ego und Non-Ego völlig indifferenz verhalten soll (*Der philosophische Kritizismus, Bd. 2, Seite 67, 69). RIEHL scheint mir hierin zu weit zu gehen. Ebensogut könnte ich schließen, daß, weil das Kind zunächst den Unterschied von weiß und schwarz nicht mit bewußt unterscheidender Tätigkeit erfaßt, der Unterschied von weiß und schwarz für sein Bewußtsein in dieser frühen Zeit zu einer ununterscheidbaren Einheit zusammengeht.