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FRIEDRICH EMIL OTTO SCHULTZE
Erscheinungen und Gedanken
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"Ist die Beschreibung falsch, so ist auch alles ihr Folgende falsch oder nur zufällig richtig. Grund dazu ist, daß das Maß von Voraussetzungen bei der Beschreibung winzig ist gegen die Menge der Vermutungen, die bei der Klassifikation und bei der Erklärung hinzutreten. Um dieser Scheidung willen ist das Gebiet der relativ größten Sicherheit mit einem besonders hohen Zaun zu umgeben. In der Schonung seiner Grenzen können wir nicht streng genug sein und uns nicht streng genug erziehen."

Wenn man nun versucht, eine kurze Definition des Wortes Erscheinung zu geben, so findet man die bekannte Schwierigkeit vor, die allen letzten Begriffen gegenüber besteht. Zurückführen auf Einfacheres ist unmöglich. Erscheinung sein, Erscheinungen vorfinden sind letzte Tatsachen. Wie man den Begriff rot nicht definieren kann, so auch nicht den Begriff Erscheinung. Wir können nur auf anschauliche Beispiele verweisen und sagen: »Erscheinung« ist alles, was so gegeben ist wie Empfindung, Gefühl, Vorstellung, nämlich unmittelbar und anschaulich."

der deutsche Sprachgebrauch unserer ZZeit mit dem Wort '*Denken stets das Geistige, Nichtsinnliche, Nichtanschauliche hervorheben. Wie tief diese Scheidung im Sprachgebrauch steckt, beweist auch der Umstand, daß man die wahnhaften Einbildungen Geisteskranker oft selbst bei Ungebildeten durch eine Frage auf ihren Ausgangspunkt (Halluzination oder echte Wahnidee) zurückführen kann. Man fragt: Wie kommen Sie dazu (dies anzunehmen)? Haben Sie bloß gedacht oder haben Sie das irgendwo gehört oder gesehen? Die Patienten verstehen hier das Wort Denken sofort leicht im Sinn des Unanschaulichgegebenen."


Vorbemerkungen
§ 1.

Ich möchte in dieser Arbeit und in einer oder zwei ihr unmittelbar folgenden Arbeiten einige Hauptgesichtspunkte der Beschreibung in der Elementarpsychologie darstellen und von ihnen aus ein Schema zu entwickeln suchen, das die Grundlage einer systematischen Analyse sein kann. Ich bin mir der Unvollständigkeit meines Arbeitens bewußt. Ich betrachte diese Arbeit von vornherein als einen Versuch.

Zunächst werde ich die Grundbegriffe "Erscheinung" und "Gedanke", bzw. "Bewußtheit" (1) klar zu stellen suchen. Sie sind die zwei Grundarten von Bewußtseinsinhalten überhaupt, die wir zu scheiden haben, die zwei Hauptschubfächer, die wir zum Klassifizieren und Ordnen unserer Bewußtseinsinhalte brauchen.

Im zweiten Teil der Arbeit werde ich eine Einteilung der Gedanken zu geben versuchen.

Eine andere Arbeit wird den Begriff der unselbständigen Erscheinung (des sog. Wirkungsakzentes) näher besprechen.

Damit ist die Vorbereitung für eine genauere Analyse der Erscheinungsreihen unseres Ichs und seiner Komponenten gegeben; diese erfolgt in einer dritten Arbeit, bei der die Frage der Klassifikation der Gefühle und Organempfindungen eine besondere Berücksichtigung finden wird.


Kapitel I
Allgemeineres über die Aufgaben
der Beschreibung


§ 2. Begriff und Gefahren der Analyse

Beschreibung wird meist bestimmt als die unzweideutige erschöpfende Angabe der Komponenten des zu bestimmenden Gegenstandes, ihrer Merkmale und Beziehungen (Qualität, Intensität, räumliche und zeitliche Bestimmtheit, Deutlichkeit und Klarheit; Über-, Neben- und Unterordnung und sonstige Beziehungen sind die Hauptgesichtspunkte).

In dieser Form der Definition, die den Kern der Bedeutung des Wortes Beschreibung angibt, liegt ein mehrfacher Sinn; denn wir können auch da von Beschreibung sprechen, wo wir es höchstens mit Vorbehalt tun sollten, z. B. wenn wir sagen: die Erde dreht sich um die Sonne. Das Wort "Beschreibung" hat bekanntlich im Verlauf der Entwicklung der Naturwissenschaft einen besonderen Sinn bekommen, den der Voraussetzungslosigkeit, der reinsten Tatsächlichkeit. Er liegt sprachgebräuchlich (besser: im Jargon der Naturforscher) klarer in dem Wort Analyse zutage. Wie steht es aber mit dem stolzen Wort NEWTONs: hypotheses non fingo [Ich bilde keine Hypothesen. - wp] Fehlt hier jede Voraussetzung? Ist das, was der Physiker Erscheinung nennt, ein absolut zweifelloses Substrat, oder ist der Physiker doch der Metaphysiker, wenn man ihn nach dem Gegenstand seiner Forschung beurteilt, und von ihm nur verschieden, insofern er einwandfreie, objektive Methoden hat, während der echte Metaphysiker im gewöhnlichen Sin solcher Arbeitsweisen entbehrt?

Der Grund dieses Strebens nach Voraussetzungslosigkeit ist klar. Beschreibung ist dem Naturforscher die erste Leistung, mit der er einer Erscheinung gegenübersteht. Durch sie kommt er erst darauf, die vielen Einzel- und Teilgegenstände selbständig und als problematisch herauszuheben. Aus ihr entwickeln sich die anderen Aufgaben, Klassifikation und Erklärung. Erst mit diesen beiden Schritten geht er auf das letzte und eigentliche Ziel wissenschaftlicher Arbeit los, auf die Aufweisung der Notwendigkeitszusammenhänge. - Ist aber die Beschreibung falsch, so ist auch alles ihr Folgende falsch oder nur zufällig richtig. Grund dazu ist, daß das Maß von Voraussetzungen bei der Beschreibung winzig ist gegen die Menge der Vermutungen, die bei der Klassifikation und bei der Erklärung hinzutreten. Um dieser Scheidung willen ist das Gebiet der relativ größten Sicherheit mit einem besonders hohen Zaun zu umgeben. In der Schonung seiner Grenzen können wir nicht streng genug sein und uns nicht streng genug erziehen.

Hiermit ist die Beschreibung auf einen ziemlich engen Sinn abgegrenzt. Man sollte glauben, man hätte seine Aufgabe genügend dargelegt, die Beschreibung könnte kaum fehlerhaft sein. - Leider kommen noch eine Anzahl großer - zwar nicht prinzipieller, aber technischer - Schwierigkeiten hinzu, die sich als sehr tiefgreifend erweisen.

Sie bedürfen einer eingehenden Darstellung und methodischer Prüfung; nur im Großen und Ganzen kann ich sie besprechen - und zunächst will ich sie nur kurz zusammenfassen. - Zuerst kann das unmittelbar Vorgefundene leicht durch das Gedächtnis beeinflußt werden, denn unsere Beschreibung geschieht erst auf Grund und mit Hilfe der Gedächtnisspuren - sie findet nicht unvermittelt von den Erscheinungen aus statt (vgl. § 9). -

Weiterhin treten ganz unvermerkt eine Anzahl von Gedanken und Urteilen hinzu, sie drängen sich uns so auf, daß wir sie unwillkürlich zunächst berichten. - Wir werden damit vom Urerlebnis abgedrängt; es erfordert oft Erziehung und Übung, den Urbestand erst herauszuschälen aus einer dichten Hülle von nachträglichen Urteilen (vgl. Kap. III, A).

Drittens meinen manche, man könne ohne weiteres beschreiben; ja sie sagen, man dürfe eine Versuchsperson nicht fragen, man bekäme sonst falsche Bilder! Diese Ansicht ist schlechthin irrig. Zweifellos ist die Suggestivfrage die Quelle von vielen Fehlern; daß aber eine Fragestellung - zumindest für feine Analysen - nötig und unvermeidbar ist, muß mit aller Bestimmtheit gesagt werden; ich hoffe, in § 4 eine Anzahl Beweise zu bringen.

Letztens scheint es wohl vielen gleichgültig, ob man Erlebnisse als bloß introspektiver [bewußte Beobachtung des eigenen gegenwärtigen Erlebens - wp] Psychologe beschreibt - oder ob man ausdrücklich die Erlebnisse des Experiments zugrunde legt. Es wäre falsch, beide Resultate für gleichwertig zu halten! Jedes von ihnen hat Vor- und Nachteile. Vor allem aber muß als dritte Methode die systematische Gelegenheitsbeobachtung herbeigezogen werden: bringt die reine Introspektion "üppige, oft phantastische Tropengewächse" - so zeitigt das Experiment "Reinkulturen!" Beides kommt in der Natur nicht vor! Darum muß man die Gelegenheit beim Schopf fassen und sofort im rechten Augenblick sein Notizbuch ziehen können und seine Analysen niederschreiben. Hierüber zunächst einige Bemerkungen. -


3. Das Material, das durch reine Introspektion
gewonnen wird, ist nicht gleichwertig
mit dem durch Experiment oder systematisch Gelegenheitsbeobachtung gefundenen.

Ich kann nicht umhin, mich hier in einigen Punkten gegen die Gefahren einer rein introspektiven Methode zu wenden. Sie hat zweifellos sehr feine Beobachtungen ergeben, und sie allein kann die Lehrmeisterin der experimentellen Beobachtung sein. Aber diese muß als ihre Schülerin und Nachfolgerin über sie hinauswachsen. Wir müssen von der Naturwissenschaft lernen, daß daß nicht mögliche Konstruktionen, sondern tatsächliche Einzelbeobachtungen einzig und allein entscheidend sind.

Es wäre eine unglückliche Einseitigkeit, wollte man empirische und experimentelle Psychologie identifizieren. Das Feldgeschrei: "Hie Introspektion! Hie Experiment!" will einem schon gelegentlich in den Ohren klingen. Es wäre so schlim Chirurgie und Heilkunde zu identifizieren. Die innere Medizin bleibt die Grundlage der ärztlichen Tätigkeit überhaupt, wie die introspektive Methode die der empirischen Psychologie: EXPERIMENT und OPERATION sind nur HILFSMETHODEN, jene der Beobachtung, diese der Therapie. Es handelt sich nicht um die Abgrenzung von Spezialfächern aufgrund verschiedenartiger Gegenstände. - Das Experiment ist eine Methode, keine neue Wissenschaft. Wer kühn ist, mag es bildlich das Mikroskop des Psychologen nennen, insofern wir eine Fülle von Tatsachen sehen, die unserem Auge sonst verborgen bleiben würden; aber darum ist es doch falsch, ihm - ein anderes Bild gebraucht - die Kraft des Steins der Weisen zuzuschreiben. - Sicher müssen wir es da anwenden, wo es angängig ist.

Seine Überlegenheit stützt sich auf viele Punkte; einige noch wenig betonte Umstände sind folgende:

Man will z. B. einen Fall möglichst anschaulich beschreiben. Man sucht, in seiner Beobachtung so vollständig wie möglich zu sein, und findet dafür im Sprachgebrauch leicht eine Stütze: man beschreibt das Erlebnis, so wie es sein müßte, wenn der Sprachgebrauch streng wäre im Beschreiben und ausschließlich Erscheinungen beschreiben würde. Dazu kommt, daß man sich leicht in seiner Phantasie Fälle veranschaulichen kann, die genau so sind, wie der Sprachgebrauch sie darstellt. Nur so ist es denkbar, daß Werturteile stets aufgrund von Lust- und Unlustgefühlen gefällt werden, daß Einheiten Apperzeptionserlebnisse sind, daß beim Wollen und Handeln stets Lust- oder Unlustgefühle, Strebungsgefühle und Affektverläufe vorkommen sollen. Diese Konstruktionen einer Spätretrospektion [bewußte Beobachtung des eigenen vergangenen Erlebens - wp] lehrt am besten der Versuch als irrig erkennen. -

Ein weiterer Grund dieser Überlegenheit liegt darin, daß in der Versuchsisolierung Erlebnisse in ihrer Eigenart erst recht an das Tageslicht treten, die sonst in der Fülle der Eindrücke verschwinden und zurücktreten. Ich hoffe demnächst selbst in einigen Arbeiten über die Analyse auf dem Gebiet des Zeitbewußtseins durch die dort gegebenen Scheidungen zwischen einzelnen Typen zeitlicher Gebilde und ähnliches den Beweis zu erbringen, daß man durch genaue Beobachtung im Experiment viel mehr analytische Scheidungen machen kann, als das in der Vorstellung möglich ist. Eine so feine Abstufung der Eindrücke z. B. hinsichtlich der Geschwindigkeit, wie dies am Zeitsinnapparat möglich ist, ist in der Vorstellung absolut unerreichbar. Hierzu kommt die Herbeiführung der Erlebnisse zu beliebiger Zeit, die dadurch ermöglichte Kontrolle der Beobachtungen und Angaben und vor allem eine weitgehende Unabhängigkeit vom Gedächtnis und von früheren zufälligen Beobachtungen unter unreinen Bedingungen. Bei diesen Versuchen hatte ich wiederholt Gelegenheit, von den Versuchspersonen zu hören, daß sie sagten, sie wären durch reine Introspektion, also ohne Experiment nicht zur Scheidung der einzelnen Typen gekommen.

So gut wie unerreichbar sind der reinen Selbstbeobachtung naturgemäß die individuellen Unterschiede. Ihre Größe wird einem erst in der praktischen Ausübung des systematischen Versuchs klar. Man kann oft nicht genug über ihre Größe und Typik staunen. Am deutlichsten wird sie einem, wenn man mit ihnen als mit einer Schwierigkeit kämpft. So glaubte ich, die Angaben einer VP in der ersten Zeit gar nicht brauchen zu können; sie gab so wenig an, daß ich sie für wenig zur Selbstbeobachtung veranlagt hielt. Später wurden mir gerade diese Angaben wertvoll, als mich weitere Gelegenheiten von ihrer sehr guten Beobachtungsfähigkeit überzeugt hatten. Gleichzeitig ergab ein sehr einfacher Schluß, daß die dort von mir vermißten Begleiterscheinungen gar nicht typisch zu sein brauchten. Ich hatte sie vom Standpunkt der rein introspektiven Methode für unbedingt nötig gehalten. Der Fall war umso interessanter, als die anderen VP gleichfalls meinten, die fraglichen Nebensymptome wären der Grund des zu erklärenden Phänomens. Sie kamen erst durch lange Beobachtung von dieser Überzeugung ab.

Der Wert des vergleichenden Experiments liegt zumal in der leichten und sicheren Erkenntnis von Nebensächlichkeiten. Er beruth auf der (allerdings nicht strengster Verallgemeinerung fähigen) Vorausseztung der gleichartigen Gesetzmäßigkeit aller Individuen.

Allein mit dem Experiment und der Spätretrospektion sind unsere Methoden nicht erschöpft, denn das experimentum naturae wird oft von beiden nicht erreicht, und zumal in der reinen Retrospektion verzerrt. Zweifellos setzt der Versuch oft, nicht bloß durch die Schuld des Versuchsleiters, die VP in Bedingungen, die im normalen Leben nicht vorkommen, jeder weiß, wie es ihm bei den ersten Versuchen zumute ist, wie man ängstlich auf Kleinigkeiten achtet und sie für wertvoll hält, und wie es einer Anzahl Stunden bedarf, bis man seine "Kandidatengefühle" los ist und sich sicher in der Situation fühlt. Mancher überwindet diese Schwierigkeit nie ganz, läßt sie sich aber doch nicht anmerken. - Dazu kommt die Kenntnis der Fragestellung oder das unwillkürliche Raten bei unbekannter Fragestellung. Die Selbstbeobachtung verfeinert sich nur allmählich; viele Leute sind aber dazu überhaupt nicht veranlagt. - Außerdem sind die Erlebnisse der Versuchsanordnung doch zumal durch die Isolierung ziemlich fremdartig. Kurz: ich kann mich oft nicht des Eindrucks erwehren, daß viele Versuche Treibhauskulturen sind; daß das Experiment oft wie eine Lupe wirkt - aber wie eine Lupe mit astigmatischen [verzerrenden - wp] Gläsern. Deshalb kommt man den Erlebnissen des Alltagslebens in der Beobachtung während des Alltagslebens oft näher, als man meint. Die Aufgabe besteht nur in der sofortigen eingehenden Analyse und Beschreibung der Umstände - im Notizbuch oder im Taschenprotokollbuch. - Läßt man diese Methode nicht gelten, so wären z. B. die meisten irrenklinischen Beobachtungen nichts wert, sie gründen sich auf derartige Beobachtungen an anderen Patienten. Das Laboratoriumsexperiment hat jedenfalls nicht annähernd soviele Tatsachen aufgedeckt, wie die alltägliche klinische Beobachtung ohne Apparate.

So scheint mir die Alltagsbeobachtung allein fähig, Erfolg in der Untersuchung des Gefühlslebens zu versprechen. Eine zuverlässige Methode, experimentell Lustgefühle auszulösen, besitzen wir meines Erachtens nicht. Am ehesten scheint es zu gelingen, Unlustgefühle zu erzeugen, z. B. durch Riechen oder Trinken höchst unangenehmer Substanzen und durch quälende Körperreize. Diese müssen aber dann so stark sein, daß eine Störung durch die Ablenkung der Aufmerksamkeit fast unvermeidbar ist. Ferner wird gerade die Gefühlsauslösung durch das Vorauswissen ihres baldigen Eintritts und durch die Fragerichtung besonders stark beeinträchtigt. Es gibt im Experiment nur wenige Fälle, wo wir mit Sicherheit Werturteile erwarten können. Die bedürfen aber nicht der Gefühlsauslösung.

Im Gegensatz hierzu gibt uns nun das Alltagsleben und gelegentlich auch das Experiment ungewollt Gefühlserlebnisse und Beobachtungen so eigener Art, wie sie das darauf angelegte Experiment selten oder nie liefert. Allerdings quantitative Messungen kann man hier nicht machen, ebensowenig in exakter Weise Bedingungen feststellen; aber den qualitativen Fragen kann man ungleich näher treten. Es wäre eine schwere Verkennung dessen, was Wissenschaft ist, wollte man nur die mit mathematischen Methoden festgestellten Resultate als wissenschaftlich anerkennen. Große Entdeckungen wie die des Blutkreislaufs, der mikroskopischen Strukturen und der Desinfektionslehre verdanken ihren Wert Gedanken, die mit Mathematik nichts zu tun haben. Selbst die astronomischen Beobachtungen und Entdeckungen, so der heliozentrische Standpunkt und die Bewegungsrichtungen der Himmelskörper lassen sich nicht in mathematischen Funktionen restlos auflösen; einige Konstanten bleiben als Qualitäten stets übrig.


§ 4. Die Bedeutung der Frage im
psychologischen Experiment

(Die Einführung der Frage ändert zwar Erlebnis- und Beobachtunsresultat, ist aber oft unentbehrlich.)

Die Vorsicht, die viele Forscher gegen das Fragen [wahle] beobachten, ist völlig berechtigt; aber eine grundsätzliche Verwerfung ist falsch. Sicher können selbst geübte Psychologen durch Fragen vorübergehend zu einer unsachlichen Angabe und zu Widerspruch verleitet werden. Aber daraus darf man nicht verallgemeinernd schließen, daß mit jeder Fragestellung ein Versuchsfehler eintritt. Man darf natürlich keine verführerischen Suggestivfragen stellen; es genügt, Stichworte wie Kapitelüberschriften zu sagen, damit die VP überhaupt daran denkt, in einer bestimmten Richtung zu beobachten oder Angaben zu machen. Oder man fragt so: war die Erscheinung XY da, fehlte sie, oder war sie zweifelhaft? Sieht die VP die drei Möglichkeiten, so wird sie nicht verleitet, sich der einen aus irgendeinem unsachlichen Grund zuzuwenden. Natürlich muß man die Fragestellung bei der Protokolldurcharbeitung als Versuchsbedingung berücksichtigen.

Die Notwendigkeit der Frage gründet sich zunächst darauf, daß die Angaben durch eine entsprechende Fragestellung vollständiger werden. Bisweilen ist auch die Feststellung des Ausfalls einer Erscheinung, ihres Nichteintrittes wesentlich. Das Ausbleiben der Angabe der VP in dieser Richtung kann jedoch nicht als Zeichen für den Ausfall der Erscheinung gelten.

Selbst die Antwort "nein", auf die Frage: "Ist sonst noch etwas erlebt?" hat sich oft als ungenügend erwiesen. Selbst geübte VP können auch dann noch wesentliche Erlebnisse übersehen. Eine Kritik der VP ferner in dem Sinn, daß sie meint, das fragliche Erlebnis gehöre nicht zum Versuch, kann gleichfalls Grund von Irrtümern sein.

Hier muß allerdings berücksichtigt werden, daß die Fragestellung als solche nicht ohne weiteres genügt; denn es ist schwierig, sie über eine Reihe von Versuchen aufrecht zu erhalten, oder ihrer bei einem schwierigen Versuch stets eingedenk zu sein. Dies beweist der Umstand, daß die Lösung von schwierigen Aufgaben erst gelernt werden muß, daß die VP sie bei den ersten Versuchen oft direkt vermißt. Daß es schwierig ist, die Fragestellung über eine längere Versuchsreihe im Kopf zu behalten, zeigt sich aus einer Serie von 48 Fällen, in denen VP auf eine im Beginn der Reihe gestellte Frage nur in 23 Fällen spontan Antwort gaben. (In diesem Fall war die Frage ungemein leicht.) Es ergab sich hieraus die Notwendigkeit, vor jedem Versuch die Frage zu wiederholen.

Ein weiterer Grund zu fragen ist bisweilen der, daß die Erscheinungen so gewöhnlich und wenig auffällig sind, daß sie von der VP nicht berücksichtigt werden. Ungeübte VP genieren sich bekanntlich förmlich, über derartige Erscheinungen etwas auszusagen. Der Geübte hingegen hat, wenn er z. B. sich mit Aufmerksamkeitserscheinungen noch nicht beschäftigt hat, am Anfang eine gewisse Mühe, sie zusammenfassend und vollständig zu überschauen. Wenn man z. B. eine VP nach einem kurzen Versuch, in dem sie einen ganz einfachen Sinnesreiz beobachtet hat, fragt, "was war Ihnen an Aufmerksamkeitserscheinungen gegeben?" oder "In welcher Form waren Ihnen Erscheinungen Ihres Körpers gegeben?" so kann sie meistens gar keine oder nur höchst unvollständige Aussagen machen. Diese Erscheinungen sind so flüchtig, daß sie unbedingt der Lenkung der Aufmerksamkeit auf sie bedürfen, um erfaßt zu werden.

Auch die große Zahl der möglichen Symptome und die Unregelmäßigkeiten ihres Eintritts verlangt eine klare Fragestellung, wenn nicht zahllose vergebliche Versuche zur Langeweile und zur Ermüdung der VP gemacht werden sollen. Schließlich ist gerade die feinere Analyse so schwierig, daß ein ganz komplexes System von Fragestellungen notwendig ist. Sowohl Einzelheiten als Merkmale der Erscheinung werden einfach übersehen, wenn man nicht danach fragt. Ich glaube, daß besonders die beiden Abschnitte dieser Arbeit über Gedanken und Erscheinung das Dringende dieses Grundes anschaulich machen werden.

Als letzter Grund dafür, sich von diesem horror quaestionis frei zu machen, muß die Tatsache gelten, daß sich im Verlauf jeder längeren Versuchsreihe unvermerkt eine bestimmte Aufmerksamkeitsrichtung herausentwickelt. Es ist dies vorhin bereits gelegentlich des Prozesses der Verdeutlichung an einigen Beispielen erklärt worden. Mit anderen Worten: die Fragestellung entwickelt sich, auch ohne daß wir es wollen. Infolgedessen ist es wohl richtiger, das seelische Geschehen, das früher oder später doch in bestimmte Bahnen einlenkt, von vornherein ihnen zuzuführen. Man hat dann, bereits im Verlauf von wenigen Stunden, die Freude, zusehends vollständigere Protokolle zu bekommen, schließlich entwickelt sich hierin eine gewisse Konstanz und Vollständigkeit der Angaben, so daß auch daraus geschlossen werden kann, daß wir unter der unvermeidlichen, besonderen Bedingung der Fragestellung ein Bild des seelischen Geschehens bekommen hatten, das wir untersuchen wollten. Soweit ich meine VP gefragt habe, ist ihr Eindruck über die Fragestellung der, daß sie sagen, ich kann mir sehr gut denken und bin der Überzeugung, daß sich die Beschreibung unter dem Einfluß der Fragestellung in einer gewissen Richtung ändert, während der Eindruck selbst sich qualitativ nicht ändert und nur deutlicher wird. Hieraus ergibt sich, daß man der VP gegenübersteht etwa wie der Irrenarzt, der von seinem Patienten eine Krankengeschichte aufnimmt. Da dieses Verfahren gleichfalls systematisch und zielbewußte ist, möchte ich es (um diese Methode gegen die übliche Art der Protokollgebung ohne Fragestellung zu unterscheiden und in Übereinstimmung mit dem Fremdwort Anamnese (Krankgeschichte) als anamnestisches Verfahren bezeichnen. Es würde dies eine Seite der von ACH sogenannten systematischen experimentellen Selbstbeobachtung sein. Die andere Seite des Verfahrens kommt im Namen ACHs nicht zum Ausdruck. Sie scheint mir besonders wesentlich zu sein. Man kann sie als das "Zweimänner-Verfahren" bezeichnen. Der Sinn ist der, daß derartige schwierige Introspektionen, abgesehen von den Gelegenheitsbeobachtungen des Alltagslebens, im Experiment nur so gemacht werden können, daß der Beobachter als VP Reize und Fragen durch einen getrennten Versuchsleiter empfängt. Hierdurch wird der Beobachter wieder in einem gewissen Sinn von der Fragestellung weitgehend unabhängig.

Wenn man die aus diesen Arbeiten sich ergebenden Fragen übersieht, so bemerkt man sofort, daß die Zahl der Fragen, die einem Einzelerlebnis gegenüber notwendig sind, so groß ist, daß man aufgrund eines einzigen Versuchs eine Protokollzeit von mindestens einer halben bis dreiviertel Stunde nötig hätte. Nach den Erfahrungen mit meinen VP und nach Selbstbeobachtungen glaube ich sagen zu können, daß man das Protokoll über einen Versuch nur selten über 4 - 6 Minuten ausdehnen darf. Es treten dann bereits deutliche Unsicherheiten und vielleicht auch Verfälschungen des Gedächtnisbildes ein. Um diesem Übelstand auszuweichen, muß man die Versuche öfters wiederholen und so die Angaben nach den einzelnen Richtungen ergänzen. Man kommt auf diese Weise zu einem fraktionierten Verfahren. Man erhält dadurch freilich nie ein genaues Bild der einzelnen Erlebnisse, sondern kann sich nur Typen konstruieren. - Die weiteren Schwierigkeiten für das Verständnis des Mechanismus und für die Morphologie [Lehre von den Formen/Gestalten - wp] lassen sich dann in der Weise überwinden, daß man zunächst die Analyse in einer längeren Anzahl von Versuchen vollständig durchführt, bis die VP in sämtlichen Richtungen schnell und sicher ihre Aufgaben machen kann. Dann schreitet man zu einer neuen Versuchsreihe, sie muß darin bestehen, daß die VP ohne ausdrückliche Fragestellung im unwissentlichen Verfahren sich dem Eindruck hingibt, und daß man ohne eine bestimmte Reihenfolge aus dem Frageschema einzelne Fragen herausgreift und beantworten läßt. Man kann dann in einer Art statistischen Verfahrens bei langen Versuchsreihen die Häufigkeit des Eintritts bestimmter Symptome zahlenmäßig feststellen.


§ 5. Einzelne Forderungen, die an die
protokollarische Beschreibung zu stellen sind.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich einige Forderungen, die für die Beschreibung, soweit wir sie im Versuchsprotokoll niederlegen, maßgebend sind.

Anfängern bereitet es bekanntlich die größten Schwierigkeiten, sich ein gutes Protokoll zu geben; denn sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen, was wichtig und interessant ist. Zunächst müssen sie in langer geduldiger Übung dazu erzogen werden, daß sie sehen, alles Erlebte ist wertvoll. Auf der anderen Seite würde eine umfassende Beschreibung aller Teilinhalte von Erlebnissen so ungeheuer zeitraubend sein und so in Nebensächlichkeiten hineinführen, daß diese Art der Beschreibung undurchführbar wäre. Den hieraus sich ergebenden Übelstand überwindet die eben erörterte Forderung der fraktionierten Analyse.

An zweiter Stelle ist das Wo des Beginnens entscheidend. Der Anfänger neigt dazu, das Auffallende und Merkwürdige zunächst hervorzuheben. Dies hat zur Folge, daß nach der Angabe dieser Teilinhalte unsicher tastende Ergänzungen der Angaben gemacht werden, und daß man schließlich nicht weiß, ob man vollständig gewesen ist oder nicht. - Diesen Mißstand lernt man leicht vermeiden, wenn man sich angewöhnt, streng an der zeitlichen Zeitfolge der Erlebnisse festzuhalten. Man kommt dann zu einer Einteilung in einzelne Phasen - zunächst in die großen Perioden der Vorbereitung im weiteren Sinn (Aufgabenstellung, Instruktion usw.); dann der Vorphase im engeren Sinn (des Wartens auf den Reiz), der Hauptphase und der Nachphase, dann gliedert man diese wieder nach hervorstechenden Erlebnissen und bekommt so ein Grundgerüst, das man leicht in einzelnen ausbaut. Man hat also festen Grund unter sich! Dies hat noch den besonderen Vorteil, daß man unvermerkt das Konstruieren von Notwendigkeitszusammenhängen und das Aufstellen von Vermutungen verlernt.

Es läßt sich diese Weise der Darstellung mit der Beschreibung des Weges eines Phonographenstiftes vergleichen: Moment für Moment stellen wir die Erlebnisse des Phonographen fest und haben klar ihre zeitliche Ordnung als Grundlage aller näheren Bestimmungen (Tiefe, Breite der Wegspur, Oberflächengestaltung usw.). Wwenn wir nun in Übereinstimmung mit diesem Bild den Weg unseres Bewußtseinsstromes durch Querstriche gedanklich zerlegen, so kommen wir leicht zu dem vielfach üblichen Ausdruck Bewußtseinsquerschnitt, der auch uns hier weiter leiten wird!

Dieser Gesichtspunkt verliert nicht an Wert, weil er oft zu versagen scheint. Hier folgendes: wie wir in weiter zurückliegenden Perioden unseres Lebens keine genaue zeitliche Ordnung herstellen können, wenn wir mit anderen Worten: in unserer eigenen Lebensgeschichte nicht mehr klar Bescheid wissen, so ist es abe bei längeren Versuchsprotokollen! Es genügen bisweilen Sekunden und halbe Minuten, um hier Unsicherheiten zu bringen; nach 5 - 8 Minuten werden Fehler und Mängel oft schon sehr deutlich. Für ganz schnelle Zeitfolgen (vgl. die Trillererscheinungen in der demnächst erscheinenden Arbeit "Beitrag zur Psychologie des Zeitbewußtseins") ist eine zeitliche Unordnung, eine Unklarheit der zeitlichen Ordnung sogar charakteristisch!

Allein: auch Unordnung, Unklarheit sind psychologische Tatsachen und als solche Probleme!

Es ist dies übrigens dieselbe Eigentümlichkeit, wie sie auf dem Gebiet der räumlichen Ordnung die Lokalisationsschärfe (vgl. § 7) zeigt.


Kapitel II
Wie können wir Erscheinungen und
Gedanken voneinander scheiden?


§ 6. Unsere Bewußtseinsinhalte sind
entweder Erscheinungen oder Bewußtheiten

Wie wohl die Frage nach der Einteilung der Bewußtseinsinhalte die Grundfrage der Psychologie ist, genau wie die Klassifikation der Tiere und Pflanzen die Grundlage der umfassenden wissenschaftlichen Zoologie und Botanik, so ist darin bisher noch keine Einigung erzielt. Daß Empfindungen Bewußtseinsinhalte sind, ist allgemein zugegeben. Ob die Vorstellungen etwas Neues neben Empfindungen sind oder, bildlich gesprochen, "Spielarten" von ihnen, charakterisiert durch Undeutlichkeit und Unvollständigkeit - ist bereits zweifelhaft. Ob Gefühle Inhalte eigener Art oder besondere Arten von Empfindungen sind, ist angeblich noch zweifelhafter. Die Verschiedenheit von Vorstellung und Begriff ist im breiten Rahmen der Psychologie kaum berücksichtigt, selbst nicht durchgehend bei den Logikern. Und mit Urteilen will man in der Psychologie nicht viel zu tun haben; man zaudert noch vielfach, die Scheidung zwischen Psychologie und Logik zu machen, weil der Gegenstand offenkundig beiden irgendwie gemeinsam ist.

Um zur Klärung beizutragen, möchte ich eine Grundscheidung durchführen, die mir für alle Psychologie notwendig und wertvoll und auch in der der Frage der Bewußtseinsgrade ersprießlich zu sein scheint.

Zunächst möchte ich Empfindungen und Gefühle unter einem Namen, als Erscheinungen zusammenfassen. Im zweiten Teil der Arbeit werden die Wirkungsakzente als hierher gehörig besprochen werden. - Diesen Gruppen von Bewußtseinsinhalten gegenüber möchte ich die Klasse der Bewußtheiten oder Gedanken stellen.

Erscheinungen sind anschaulich,
Gedanken sind es nicht.

Wenn ich als Laie einen Berg in der Ferne sehe, so befindet sich derselbe für meinen unmittelbaren Eindruck ein gutes Stürkc hinter dem Baum, dessen Blätterwerk er hier und da überschneidet. Es liegt in der "Erscheinung" des Berges ein Merkmal von gleicher Anschaulichkeit, wie es das der Farbigkeit oder Helligkeit ist, aufgrund dessen ich über den Abstand zwischen Baum und Berg Aussagen mache. Sehe ich den gleichen Berg zu anderer Zeit und bei anderer Beleuchtung, vielleicht bei Föhn, so ist seine absolute Entfernung zu jenem Baum und zu mir nicht verändert, wohl aber ist die "Erscheinung" anders geworden. Er erscheint mir näher oder ferner; und diese Änderung ist so sinnlich, wie die seiner Farbigkeit oder Helligkeit.

Diese Beispiele zeigen deutlich einen Unterschied, der vielfach als der zwischen Inhalt und Gegenstand bezeichnet wird. Für uns ist hier nur der Inhalt das Entscheidende. Was man hier "Inhalt" nennt, möchte ich "Erscheinung" nennen! (2) Zweifellos ist hier etwas Sinnlich-Anschauliches da, das mir allein gegeben ist, wie ich es vorfinde. Auf dessen Existenz kann ein anderer Beobachter nur schließen; der Blindgeborene kann sich nicht einmal vorstellen, wie es mir gegeben ist.

Um weiterhin auf das zu weisen, was ich Erscheinung nenne, so denke ich an viele von den psychologischen Tatsachen, die man im Gesetz von der spezifischen Sinnesenergie und in der Lehre von den primären und sekundären Qualitäten bespricht. - Ferner an Halluzinationen und Jllusionen. Hierher gehören auch die Erinnerungsbilder dieser Erlebnisse, soweit sie uns mehr oder weniger klar und deutlich gegeben sind!

Diesen Erscheinungen haben nun manche Autoren die Gefühle gegenübergestellt, und zwar in einer Weise, daß man meinen sollte, sie wären von den Empfindungen und Vorstellungen ganz und gar verschieden. Dies ist nicht der Fall!

Die meines Erachtens irrige Auffassung von der Sonderstellung der Gefühle beruth, soweit ich sehe, auf ungenügender Beobachtung. Verständlich wird sie uns durch die Schwierigkeit, Gefühle zu beobachten. Wenn man starke Gefühle hat, pflegt man sich nicht zu beobachten, geschweige das Protokollbuch aus der Tasche zu ziehen und aufzuschreiben, was man erlebt hat, und was man über die Lokalisation und Qualität der Gefühle aussagen kann. - Leider ist aber dieser Weg wohl der einzige, der uns weiter helfen kann. Nur eine Methode ist außerdem für Gefühlsanalysen brauchbar: Dies ist eine systematische Analyse beim intellektuellen Reaktions-, bei sogenannten Assoziationsversuch. Hierbei treten häufig Gefühle ein, die allerdings schnell vergehen, aber doch der Analyse zugänglich sind. - Nützt man so die Erfahrung aus, so findet man, daß die Gefühle den Empfindungen ganz nahe stehen und von ihnen als Erscheinungen qualitativ gar nicht zu scheiden sind. Dies ist der tiefgreifende Gedanke, wie ihn auch STUMPF in allerjüngster Zeit auf dem II. Psychologenkongreß in Würzburg vertreten hat. Er forderte darum, die Gefühle als Gefühlsempfindungen (3) zu bezeichnen und sie unter die Empfindungen zu reihen. Tatsächlich sind die hiergegen zu erhebenden Einwände auch - abgesehen von einem Bedenken, das bereits von STUMPF selbst gemacht wurde und von mir im Kapitel "Wirkungsakzente" näher besprochen werden wird - nicht phänomenologischer Natur, sondern erst aufgrund der Unterschiede im Mechanismus der Auslösung zu begründen. Gefühl und Empfindung sind rein als Erscheinungen nicht verschieden.

Der Hauptgrund nun, den man zugunsten der Sonderstellung der Gefühle vorbringt, ist der Mangel ihrer Lokalisation. Die Lokalisation zu leugnen, ist aber gerade ein Tatsachenfehler (4). - Wenn man aber die Lokalisation als allgemeines Merkmal von Empfindungen, Vorstellungen und Gefühlen festgestellt hat, so kann man leicht auch das Merkmal bestimmen, um dessenwillen man von Anschaulichkeit sprechen muß. Weshalb kann man sonst bei der Wahrnehmung von Gefühlen von "innerer Wahrnehmung" sprechen, d. h. von einem anschaulichen Vorfinden von Erscheinungen, die uns vom tief innerlichen Verhalten des Beobachters Kunde geben?

Durch das Wort "Anschaulichkeit" ist in bildlicher Redeweise gesagt, daß Gefühle als Erscheinungen so deutlich wahrnehmbar sind wie Empfindungen, wie z. B. Temperatur- und Druckempfindungen, fast so sinnlich wie Gesichtsempfindungen. Hierin rechtfertigt sich der Ausdruck "Wahrnehmung von Gefühlen". In innerer Wahrnehmung gegeben heißt aber für mich nicht schlechthin dem Ich zugehörig, denn auch die Organempfindungen sind im phänomenalen Ichkomplex schlechthin gegeben und etwas herzlich Äußerliches. Sondern der Ausdruck "innere Wahrnehmung" soll meines Erachtens auf die Bedeutung der tiefen, im Innern der Persönlichkeit vorgehenden Vorgänge und Umstände hinweisen, die sich in Gefühlen symptomatisieren und somit selbst erst erschlossen sind.

Hiermit dürfte der Ausgangspunkt für die im Folgenden gebrauchte Bedeutung des Wortes Erscheinung gegeben sein. Anschaulichkeit oder Erscheinungscharakter ist das allgemeinste Merkmal an der Qualität von Gesichts-, Gehör-, Geruchs-, Druckempfindungen, von Vorstellungen und Gefühlen, also von allem mehr oder weniger deutlich lokalisiert Vorgefundenem.

Was nun unter Lokalisation im Besonderen verstanden sein soll, mögen die folgenden Zeilen darzustellen suchen!


§ 7. Der Lokalcharakter der Erscheinungen

Am besten denken wir hierfür zunächst an die naive Auffassung, welche uns sagt, daß die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen. Wir Einzelmenschen stehen mitten darin und fassen das grob Wahrgenommene und Erlebte ins Auge: wir sprechen, wenn wir etwas beschreiben wollen, von dem, was draußen geschieht und von dem, was in unserem Körper, Verstand und Gemüt abläuft. Hiermit ist ein deutlicher, allerdings sehr grober Begriff von Lokalisation verbunden. Es scheint mir jedoch die eine Hauptsache klar zu erfassen, nämlich die Tatsache, daß alle Erscheinungen mehr oder weniger deutlich lokalisiert sind. Dies können wir von Dispositionen und Gedanken nicht sagen: sie sind nicht lokalisiert. Wir können nur sagen, daß wir im Gehirn Stellen bestimmen können oder zu bestimmen hoffen, von denen aus Einflüsse auf Gedanken und Dispositionen ausgehen. An eine Identifizierung beider und somit an eine räumliche Lokalisation von Gedanken und Dispositionen ist aber zur Zeit nicht im Entferntesten zu denken.

Es ist nun unsere Aufgabe, dem Begriff der Lokalisierbarkeit der Erscheinung näher zu treten. - Daß Lokalisierbarkeit räumliche Ausgedehntheit im Sinn einer Undurchdringlichkeit der Materie heißt, ist ausgeschlossen, sobald man den Standpunkt der Subjektivität der Empfindungsinhalte annimmt. Damit soll folgendes gesagt sein.

Die Empfindungsinhalte der einzelnen Sinnesgebiete stehen zueinander in räumichen Beziehungen und ordnen sich in das gleiche dreidimensionale Ganze ein, das wir gedanklich konstruieren, und das wir phänomenalen Raum nennen. So kann ich z. B. behaupten, die weiße Fläche des Papiers, auf dem ich jetzt schreibe, ist als Erscheinung von mir etwa 20-30 cm entfernt. Dies heißt zunächst nur, daß zwischen dem Komplex von Organempfindungen meines Körpers, insbesondere des Kopfes einerseits und den genannten optischen Inhalten andererseits eine räumliche Beziehung besteht, die in obiger Weise charakterisiert worden ist. Was noch weiter damit gesagt sein soll, ist hier nicht von Bedeutung. - Derartige Beziehungen finde ich in genau der gleichen Weise, aufgrund von Ähnlichkeiten und Abstraktionen, wie ich Intensitäten und Qualitäten als gleich oder verschieden feststelle. (5)

Besondere Fälle von Lokalisation liegen bei den Erscheinungen vor, wo Inhalte mehrerer Sinnesgebiete einheitlich verschmolzen sind. Wenn ich z. B. mit einem warmen Gegensatnd auf meine Haut drücke, finde ich eine Erscheinung, an der wir qualitative Ähnlichkeit mit Druck- wie auch mit Temperaturempfindungen feststellen können; aber dieser zweifachen qualitativen Bestimmung entspricht die Angabe von nur einem räumlichen Merkmal, nämlich der Lokalisation auf einen Bezirk von der Ausdehnung z. B. einer kleinen Linse oder einer dünnen Scheibe, die zu anderen Erscheinungen (zumal Organempfindungen) in gewissen räumlichen Beziehungen steht, d. h. von ihnen weiter entfernt ist als von einem anderen ähnlich gearteten Komplex.

Nun besteht im Bereich unseres Körpers und der näheren Umgebung für die normale Wahrnehmung eine ziemlich weitgehende Gleichheit der Lokalisation dieser Repräsentanten und ihrer Gegenstände. Bei größerer Entfernung der Erscheinungsteilinhalte voneinander jedoch ist das nicht mehr der Fall. Wenn ich z. B. in einem "guten" Panorama stehe, so kommen doch zweifellos Stellen mit starken Raumillusionen darin vor: das Bild, d. h. die Erscheinung jenes Baumes dort auf dem Hügel ist deutlich von mir weiter entfernt, als ein gleich großes, gleich gemaltes, aber in einem Zimmer aufgehängtes Bild desselben Gegenstandes bei 6-8 m Abstand von mir erscheinen würde. Das Bild in 6-8 m Abstand bedingt im Zimmer eine andere räumliche Jllusion als im Panorama. Die Erscheinungen sind in beiden Fällen verschieden lokalisiert.

Der Lokalcharakter ist somit unmittelbar vorgefunden. Er ist ein ebenso integrierendes Merkmal der "Erscheinung", wie die Intensität und wie die Qualität, denn wir finden ihn unmittelbar vor und können ihn von der Erscheinung nicht loslösen, wir können ihn nur abstrakt denken.

Die Lokalisation ist nun hinsichtlich ihrer Schärfe ungemein verschieden und oft schwer bestimmbar. Deutlich ist sie bei vielen Gesichtsempfindungen der unmittelbaren Umgebung. Man frage sich aber z. B.: Wie weit ist mein Augendunkel bei geschlossenem Auge, wie weit das Dunkel des Tunnels, in dem ich stehe, von mir entfernt? Wie weit von mir liegen die Nachbilder von der Sonne, die ich eben erblickt habe? Wie weit erscheinen die Berge, die Sterne entfernt? Sie sind in der Richtung auf das Schärfste bestimmt. In der dritten Dimension sind sie kaum abgrenzbar.

Man hört im Wald ein Geräusch. Jetzt deutet man es als das Kratzen eines Käfers an einem Stück trockener Borke; im nächsten Augenblick denkt man es als das ferne Kreischen einer Sägemühle, und sofort erscheint es anders. - Eine ungemein charakteristische Beobachtung machte ich einmal, als ich, nach recht beschwerlichem Anstieg in großer Hitze auf einer isolierten Bergspitze in einem sehr einsamen Felsengebirge angelangt, einen langen Schluck prickelnden kohlensauren Wassers nahm. Ich meinte im gleichen Augenblick eine ferne Steinlawine zu hören. Nach einigen Minuten trank ich wieder: - im gleichen Moment die gleiche Erscheinung. Als ich das Wasser im Mund wohlig hin und her spielen ließ, wurde das Rauschen stärker: ich hatte das Rauschen der Kohlensäure in meinem Mund für eine Steinlawine gehalten. Der Lokalcharakter der Erscheinung war ungemein charakteristisch: er war ein Erscheinungsmerkmal, ein "Wirkungsakzent", keine bloß gedachte Eigenschaft. Aber wie undeutlich war mir nun die Richtung - vom Abstand ganz zu schweigen. - Ähnlich ist es, wenn ich beim Einschlafen eine Stimme in meinem Zimmer höre. Ich höre sie rechts von mir, aber ob sie nach vorn, gerade zur Seite oder schräg hinter mir ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist nur, daß sie nicht links ist.

Es gibt Fälle, wo der Lokalcharakter schwindet - infolge von Gedächtniswirkung, selbst bei optischen Eindrücken: ob die Tanne rechts oder links vom Haus stand, dessen kann ich mich nicht erinnern, ich weiß nur, daß das Haus direkt am Ende eines schnurgeraden Weges stand! Wie aber die Tanne, deren ich mich wohl entsinne, zum Haus stand, das ist mir entfallen. - Sollte man schließen wollen, daß hier für die Erscheinung der Tanne gar keine Lokalisation vorlag? Doch wohl nicht.

Und so kann man bei eben gehörten Tönen und eben wahrgenommenen Tasteindrücken im ersten Augenblick keine klare Erinnerung mehr haben; besinnt man sich aber, oder fragt man sich: war der Ton über - unter - vor - neben - hinter mir? so wird man klar, daß mindestens einige dieser Möglichkeiten ausgeschlossen waren; und man kommt so zu einer sicher vorhandenen, wenn auch sehr undeutlichen Lokalisation.

Die gleiche Unklarheit findet sich außer bei der Frage nach der Richtung des Sinneseindrucks, in der er zu anderen Sinneseindrücken lag, auch bei der Abgrenzung gegen die Umgebung. Wenn ich z. B. einen punktuellen Tastreiz ausübe, so ist die Empfindung selbst nicht punktuell, sondern, wie man richtig sagt, eher scheibenförmig. Sie gleicht mehr der Form eines verwaschenen rundlichen Wolkenfetzens als dem Bild eines Sternes.

Weht uns der Wind um die Ohren und Stirn, so sind die taktilen Elemente durchaus nicht präzise an die Stellen unserer Haut gebunden, sondern äußerst vage: würden wir nicht von anderen Erfahrungen her die Form unseres Ohres kennen, so würden wir es für kaum mehr als eine knollen- oder plump lappenförmige Hervorragung unseres Kopfes halten; aber ihre Grenze wäre auch dann noch zerfließend, verwaschen wie die der Ränder einer Nebelwolke.

Ähnlich ist es mit den Tönen: höre ich eine durch eine Wand verdeckte Stimmgabel ertönen, so kann ich mit ziemlicher Genauigkeit die Stelle angeben, wo sie steht. Aber wesentlich verschieden von dieser physikalischen oder optischen Täuschung ist das akustische Bild, durch das ich zur Deutung komme. Die Ausbreitung der Erscheinung des gehörten Tones überragt ganz wesentlich die Schallquelle, sie hat eine Ausdehnung von vielleicht 50 cm bis 1 m, 2 m und mehr; ihr Aufhören nach der Seite ist ganz unbestimmt; hingegen kann ich mit Bestimmtheit sagen: sie fehlt rückwärts völlig! Damit ist auch die grundsätzliche Verschiedenheit dieser Lokalisation vom physikalischen Wellensystem des sich ausbreitenden Tones dargelegt.

Ich muß hier auf einen häufigen Fehler aufmerksam machen! Manche Forscher sagen, der Lokalcharakter bei Geräuschen ist nichts unmittelbar Vorgefundenes, denn er ist von der Erfahrung abhängig. Seine Abhängigkeit von der Erfahrung streite ich nicht ab, sondern ich stütze sie sogar durch das Beispiel von der Lawine. Woran mir aber hier liegt, ist die Meinung, die den Lokalcharakter auf etwas anderes zurückführen will - zurückführen im Sinn auch einer Klassifikation. Das ist nicht möglich; er ist ein letztes Merkmal der Erscheinung und selbst on den ihn bedingenden Ursachen der Erfahrung qualitativ verschieden, ja ihnen nicht einmal in irgendeiner Weise ähnlich!

Die Frage der Lokalisation der Erscheinungen führt zu einer unvermeidbaren metaphysischen Schwierigkeit. Wir nehmen nicht wahr, was unser Nachbar wahrnimmt, fühlt oder denkt. Der Strangulationsversuch, die Ohnmacht und eine Menge alltäglicher, klinischer und experimenteller Erfahrungen beweisen die Abhängigkeit der individuellen Bewußtseinsinhalte, der Erscheinungen sowohl die der Gedanken, von der Intaktheit bzw. Ernährung des Gehirnes, mit dem allein sie in erschließbarer, mechanischer oder dynamischer Beziehung stehen.

Wenn man nun annimmt, daß es verschiedene Individuen mit einem selbständigen und individuell verschiedenen Seelenleben gibt, so muß man einen ihnen gemeinsamen "Raum" annehmen. Für den Fall, daß viele einander ähnlich nahe befindliche Individuen ihre sinnliche Aufmerksamkeit auf die gleiche, ihnen räumlich nahe Erscheinung lenken und von ihr Reize empfangen, müssen dann einige der Erscheinungen dieser Individuen die gleiche Stelle im Raum einnehmen. Ganz im Gegensatz zum atomistischen Geschehen ist aber von einer gegenseitigen Beeinflussung gleich lokalisierter Erscheinungen verschiedener Individuen nichts nachweisbar. Es fehlt den seelischen Erscheinungen in diesem Sinn die Undurchdringbarkeit!

Sinneswahrnehmung ist nun der Prozeß, in dem aufgrund von bestimmten, uns dem Wesen nach unbekannten Reizen an einer bestimmten Stelle des Raumes eine bestimmte Erscheinung eintritt, die zu anderen Erscheinungen und Faktoren in gewisser Beziehung steht und dadurch andere Prozesse (gegenständliche Interpretation, Gefühlsauslösung, Bildung von Gedächtnisspuren oder gedankliche, Phantasie- und Willensvorgänge) auslöst. Wie die Sinnesinhalte,, treten auch andere Phänomene an bestimmten Stellen des Raumes auf und gehen Vereinheitlichungen und Beziehungen zu anderen Erscheinungen und Prozessen ein. So verhalten sich z. B. Wirkungsakzente und Gefühle. -

Daß die Einordnung unserer Erscheinungen in dieses System als ein Prozeß gedacht wird, berechtigt sich daraus, daß wir physiologische, materielle Reize, die sogenannten Sinnesreize, dem Eintritt der Erscheinungen vorausgehend denken. Diese Annahme wird nicht dadurch widerlegt, daß wir von diesen Sinnesreizen und anderen Bedingungen dieser Ordnung (Resten früherer Erfahrungen, wie das noch näher zu bestimmen ist) nichts unmittelbar merken. Es ist nur das Mißverständnis auszuschließen, daß diese Ordnung ein Vorgang von Erscheinungen wäre, daß diese erst hier, dann da auftreten, daß eine "Projektion" vorliegt. Es ist ein Prozeß des Zusammenwirkens metaphysischer, erschlossener Reize verschiedener Art (Sinnesreize z. B. optischer, muskulärtaktiler usw., ferner reproduzierter Erfahrungen) mit dem Resultat, daß aus ihrer (d. h. der Reize) Ordnung und Vereinheitlichung ein Sein der Erscheinungen und Teilerscheinungen an den diesen Reizen gesetzmäßig entsprechenden Teilen des phänomenalen Raums nach einem unmeßbar kleinen Zeitintervall folgt.

Was Erscheinungen sind, kann nman sich auch an Traumhalluzinationen und an Doppelbildern klar machen, die man durch Vorhalten von Prismen vor ein Auge erzeugt: sie haben mit dem Ding des Naiven schlechthin nichts zu tun und sind ihm qualitativ doch scheinbar gleich!

Die Erscheinungen sind somit Gebilde ganz eigener Art und Gesetzmäßigkeit. Ganz anders als physischen Objekten fehlt den optischen Gebilden so zum Teil die Rückseite und der Durchmesser. Wenn man bedenkt, daß in dem gleichen, vielleicht sehr kleinen Raumanteil die individuell verschiedenen Erscheinungen von Hunderten von Personen sein können, ohne einander zu beeinflussen, so sieht man, daß das psychische Geschehen schon hierin vom physischen total abweicht. Man hat Bilder und Vergleiche dafür aus der physischen Welt: auch der Regenbogen hat sozusagen keine Rückseite; denn man kann ihn nicht von hinten sehen. Aber wie weit entfernt ist dieses Bild vom tatsächlichen Bestand der seelischen Erscheinungen, die uns zeigen, daß sie keine Rückseite haben. Ganz eigenartig erweisen sich die Erscheinungen auch dadurch, daß es unmöglich ist, auf die Erscheinungen ein sehr naheliegendes Bild aus der physischen Welt zu übertragen, das des Mosaiks. Wenn man von Teilerscheinungen spricht, glaubt man gelegentlich sich das Gesehene aus Teilen zusammengesetzt, die in sich gleichartig sind. Man müßte dann aber annehmen, daß Kitt und Masse gleichartig und ununterscheidbar sind! Das geht nicht. Dieses Bild versagt. Wir können somit von Teilerscheinungen mit sachlichem Recht nur bei qualitativ oder intensiv und räumlich verschiedenen Teilen der Erscheinung reden, im Übrigen müssen wir bei homogenen Erscheinungen von ihrer Ausdehnung, ihren räumlichen Relationen zu anderen Erscheinungen und deren Deutlichkeit sprechen. Ja, streng genommen gibt es nur Bewußtseinsquerschnitte von stets hoher Verwickeltheit; daraus herausgehobene Teile sind eben nur wieder Bewußtseinsquerschnitte mit besonders starkem Heraustreten eines nur gedanklich isolierten Teilinhalts. Eine Reduktion des Psychischen auf das Physische im Sinne der Gleichartigkeit ist somit meines Erachtens absolut ausgeschlossen.



§ 8. Den Erscheinungscharakter erfaßt man bisweilen leichter,
wenn man fragt, ob es so ist, wie wenn gar keine
Erscheinungen da wären.

Wenn bisher die Erscheinungen durch das positive Merkmal der Anschaulichkeit charakterisiert waren, so können wir zur Erleichterung noch ein gleichsam negatives Merkmal hinzufügen. Es ist eigentümlich, daß wir, wie bekannt, das Fehlen von Erscheinungen feststellen können: wir sprechen dann von Lücken, von Pausen, von Ruhe, Geräusch-, Geruch- und Schmerzlosigkeit, von Temperaturdifferenz usw.

Dies ist wichtig, weil es Fälle gibt, wo wir nur noch sagen können, daß etwas da war, dessen Qualität wir als Erscheinungscharakter, als Anschaulichkeit bezeichnen müssen - zu dem wir aber keine Verwandten finden können oder wo uns nur das Prinzip der Verdeutlichung, wie es in § 22 gelegentlich der Besprechung von Keim- und Krüppelformen dargestellt ist, mitunter in der Klassifikation weiterhilft (dann müssen wir von "Bewußtseinslagen" sprechen, wie sie MARBE (6) definiert hat). - Derartige Fälle sind bisweilen ungemein schwer zu bestimmen - und dann gerade zeigt sich das Fehlen von Erscheinungen von besonderem Wert. Ich meine die Fälle, wo wir nicht wissen, ob eine Erscheinung da war oder nicht. - Wir fragen dann:
    "Ist es so, wie wenn wir nichts wahrnehmen, wie z. B. bei der Pause? oder ist etwas da, das einen Anschaulichkeitsgrad hat, wie wir das von Keim- und Krüppelformen her kennen?"
Durch den Vergleich dieser Fälle kommen wir zur Klarheit und Sicherheit, wo es uns sonst unentscheidbar gewesen wäre. - Völlige Sicherheit aber müssen wir haben, wenn wir von Gedanken oder Bewußtheiten sprechen wollen! Erst wenn wir es einmal erlebt haben, daß wir sagen müssen, ich habe hier etwas erlebt, aber etwas Erscheinungsmäßiges habe ich nicht vorgefunden: erst dann dürfen wir von Bewußtheiten oder Gedanken reden.

Hiermit ist die Überleitung zum folgenden Abschnitt über Bewußtheiten und Gedanken gegeben. Doch bevor wir dazu weitergehen, möchte ich noch kurz zusammenfassen, wie wir Erscheinungen definieren und negativ abgrenzen können.

Zunächst das Letztere!


§ 9. Mißverständnisse im Ausdruck Erscheinung sind für den
Physiker möglich, weil bei ihm Erscheinung nicht
Bewußtseinsinhalt bedeutet, sondern Erscheinendes.

Es sagt uns z. B. der Astronom im Gravitationsgesetz: Die Erscheinungen (z. B. der Planeten) verhalten sich zueinander, wie wenn ihre Massen sich umgekehrt proportional zum Quadrat ihrer Entfernungen (zumindest innerhalb gewisser Fehlergrenzen) verhielten. Der Psychologe sagt hierzu: Diese "Erscheinungen" sind grundverschieden von dem, was ich Erscheinung nenne. Denn die astronomischen Berechnungen begründen sich auf relativ wenige Erscheinungen; von diesen waren die einen vielleicht im Fernrohr des einen Astronomen in Paris, des andern in Prag, des dritten in Greenwich lokalisert. Vielleicht lagen sie auch etwas vor oder außerhalb dieser Röhren. Sie allein entsprechen den oben bezeichneten "Erscheinungen", die individuell verschieden sind und untereinander in gar keinem oder so gut wie gar keinem gesetzmäßigen Zusammenhang stehen. Ferner besitzen meine Erscheinungen keine Masse, treten nur kurze Zeit und nur für den Einzelmenschen auf (wenn auch bisweilen für viele zugleich und in ähnlicher Weise).

Jedenfalls ist der Zusammenhang, der im Gravitationsgesetz formuliert ist, ohne irgendeine Beziehung zu den Gesetzen, die der Psychologe findet. Hier liegt somit eine ungenügende Scheidung vor vom erscheinenden Objekt und Erscheinung als Bewußtseinsinhalt. Dieser Fehler erklärt sich aus der Zweideutigkeit der deutschen Wörter mit der Endung - ung. "Ausgrabung" z. B. ist die Tätigkeit des Ausgrabens und das Produkt derselben. Ursache und Wirkung oder Transzendentes und Repräsentant sind hier verwechselt worden.

Der Gegenstand Mond, von dem die Gravitationsgesetze gelten, wird hier mit der sinnlichen, nur dem Einzelindividuum gegebenen Erscheinung verwechselt. Der Physiker irrt sich, wenn er meint, seine Gesetze gelten von Erscheinungen im letzteren Sinn: er redet von Erschienenem, von dem die Erscheinung Bedingenden, nicht von der Erscheinung selbst. Damit zeigt sich, daß die Physik ihren Gegenstand nicht unmittelbar vorfindet, sondern erst erschließt (7); daß sie dem Gegenstand nach im Sinne von MACHs Metaphysik und nur der Methode nach Wissenschaft ist (d. h. frei von subjektiven heuristischen Prinzipien und frei von Forderungen ohne zureichenden Wahrscheinlichkeitswert oder ohne Notwendigkeit).

Von anderer Seite können wir noch die Fragen nach der Berechtigung des stolzen Wortes: hypotheses non fingo behandeln. - Wir können den Prozeß wissenschaftlicher Forschung in der Astronomie so darstellen, daß wir sagen: Der Astronom geht aus von der Erscheinung des Psychologen und bildet unvermerkt den Begriff, z. B. des Mondes. (Vielleicht begründet er diese Begriffsbildung auch mit zwingenden Schlüssen.) - Nun bringt er diesen Begriff zu anderen auf astronomischen Gebieten gebildeten Begriffen in einen gesetzmäßigen Zusammenhang. Die Erscheinung des Psychologen kümmert ihn nicht mehr. Und nun findet er seine Gesetze! - Der Psychologe hingegen kümmert sich nur um die "Erscheinungen" und stellt ihre gesetzmäßigen Zusammenhänge fest. Dadurch, daß er den Ausgangspunkt des Astronomen (und verwandte Gebilde) zum alleinigen Gegenstand seiner Forschung macht, bekommt er andere Zusammenhänge als der Astronom, der die aufgrund des Ausgangspunktes gebildeten Begriffe untersucht.

Diese Lehre erfährt noch Modifikationen. Darüber sollen die nächsten Abschnitte berichten, zunächst sollte nur jene schwerwiegende, Voraussetzungslosigkeit vortäuschende Äquivokation des Astronomen dargestellt sein.


§ 10. Voraussetzungslose Wissenschaft gibt es selbst
beim unmittelbar Vorgefundenen des Psychologen nicht!

Es fragt sich nun, da gezeigt ist, daß vom Erschienenen des Astronomen keine Voraussetzungslosigkeit der Bestimmung gilt, ob wenigsten für die Erkenntnis der Erscheinung des Psychologen eine volle Voraussetzungslosigkeit besteht.

Auch das dürfte nicht der Fall sein! Denn das Bestimmen der Merkmale einer Erscheinung dauert eine gewisse Zeit! Die Erscheinungen verfliegen ungemein schnell - und bei konstanten Erscheinungen können wir schon nach wenigen Momenten Phasen unterscheiden: die Erscheinung, wie sie zuerst war, wie sie sich daraufhin verhielt, wie sie dann war usw.

Allerdings ist sie dann in den einzelnen Zeitabschnitten qualitativ gleich, auch numerisch ist sie dieselbe - und doch ist sie nicht die absolut gleiche, denn wir können gedanklich Phasen abgrenzen, und die sind qualitativ gleicht, aber numerisch verschieden.

Wenn wir nun Analysen machen, so beziehen sich diese stets auf verflossene Erscheinungen oder auf verflossene Phasen derselben. Damit ist eine Voraussetzung gegeben, die absolut für unsere Analysen entscheidend ist, nämlich die, daß wir Angaben über nicht mehr vorhandene Erscheinungen machen können, und daß diese Angaben doch richtig sein können. Also auch hier besteht keine volle Voraussetzungslosigkeit. Unsere Beschreibung hat somit zur Bedingung, daß unser Gedächtnisbild uns nicht trügt. Ohne Reproduktion in irgendeinem Sinn ist keine Beschreibung möglich. Die Veränderung der Gedächtnisspuren durch reproduktive Einflüsse sind jedoch so mannigfaltig, daß eine systematische Untersuchung derselben notwendig ist.

Beim Beschreiben von Erscheinungen können
Fehler durch Gedächtnisverfälschung der Erscheinungsresiduen vorkommen.

Bei der Aufgabe der Beschreibung eines Erlebnisses sind nämlich zwei Möglichkeiten gegeben. Entweder geben wir unmittelbar und anstrengungslos in Worten wieder, was wir erlebt haben, oder wir besinnen uns und versuchen, uns anschaulich das Erlebte zu vergegenwärtigen. Bei schwierigen Analysen ist dieser letzte Weg unvermeidlich. Am Besten merkt man dies bei der Beobachtung der Aufmerksamkeits- und Willenserscheinungen: man muß mit vollster Anspannung aller Kräfte diese subtilen Erscheinungen zu reproduzieren suchen, um zu Angaben zu kommen. Man fühlt aber schon nach wenigen Versuchsstunden, sobald man nur die Fragestellung einigermaßen kennt, eine Zunahme in der Sicherheit und gibt dann ziemlich schnell und leicht selbst schwierige Analysen.

Die Voraussetzung der Beschreibung ist also nicht bloß deshalb auf eine Gedächtniswirkung gegründet, weil das zu beschreibende Erlebnis nicht mehr in der Erscheinung gegeben, wenn wir unser Protokoll darüber geben, mit anderen Worten, weil es den Bewußtseinsumfang überschritten hat, sondern auch, weil zu seiner Feststellung auch Übung nötig ist.

Offenbar können hierin sehr große Fehlerquellen liegen. Man denke an einen geübten Klavierspieler von schlechtem optischem Gedächtnis, der eben ein sehr schwieriges Stück "spielend" vom Blatt gespielt hat. Sicher hat er die Noten gelesen und kann doch die gesehenen Bilder so gut wie nicht reproduzieren. Die optischen Bilder der Noten sind also Erscheinungsinhalte gewesen, und trotzdem können wir ihren Erscheinungscharakter nur mit Hilfe eines Schlusses feststellen. Aus der Tatsache, daß er richtig gespielt hat, schließen wir auf den Erscheinungscharakter des eben gesehenen Notenbildes. - Uns geht es ähnlich, wenn wir ganz neue eigenartige Eindrücke empfangen haben. Wir können dann meist so gut wie nichts aussagen oder wiedergeben. Erst ganz allmählich müssen wir uns mit der Erscheinung vertraut machen. Denken wir an den Unterschied, den wir beim Erlernen fremder Sprachen haben: zu Beginn ist es uns unmöglich, auch nur einen einzigen kurzen Satz der fremden Sprache, so wie ihn der Eingeborene spricht, uns genau vorzustellen oder ihn wiederzugeben. Nach einiger Zeit können wir mühelos selbst über sehr lange Satzgebilde bei einmaliger Wahrnehmung äußerst eingehende Angaben machen. So setzt die einfachste Tatsachenkonstatierung nicht bloß eine Gedächtnis-, sondern auch eine Übungswirkung voraus.

Eine besondere Form von störender Gedächtniswirkung zeigt sich auf dem Gebiet der optischen, akustistischen sonstigen Begleitvorstellungen. Sehr oft habe ich beobachtet, daß sich mir während des Protokollgebens optische Erscheinungen aufdrängten, von denen ich nicht sagen konnte, ob sie während der Hauptphase des Versuchs erlebt worden waren oder nicht. Die Entscheidung war umso schwerer, als der Inhalt der Erscheinungen ganz gut in den Zusammenhang paßte, denn es handelte sich um wohl begründbare Assoziationen. Im weiteren Verlauf der Protokollgabe war ich zuerst meist im Zweifel, sicher konnte ich nur sagen, daß sie damals nicht deutlich gewesen waren. Erst nach einiger Zeit des Besinnens wurde ich dann sicher, ob ich sie erlebt oder bloß gedacht hatte, oder ob sie mir gar nicht gegeben waren. - Es wäre ja sehr wohl denkbar, daß die große Anzahl der angeregten Reproduktionen verhinderte, daß alle in Erscheinung traten oder zu voller Deutlichkeit gelangten, und daß nachträglich durch das Besinnen, also durch einen neuen, weiteren Reproduktionsreiz einige Gedächtnisspuren so stark erregt wurden, daß sie nun auch zu Erscheinungen führten. Es ist offenbar, daß hier eine große Ungenauigkeit in der Tatsachenfeststellung vorliegt und Irrtümer leicht eintreten können.

Eine weitere Täuschung tritt bei der Reproduktion durch eine Verstärkung der subjektiven Faktoren ein. Häufig werden Erscheinungen der Aufmerksamkeit, der Einstellung und des Wollens, wenn sie im Urbild schwach waren, in der Reproduktion verstärkt. Vielfach treten sie in der Reproduktion erst neu hinzu. So scheint es mir z. B. unmöglich, ein eben gehörtes rhythmisches akustisches Gebilde willkürlich anschaulich ohne dynamische Begleitergebnisse vorzustellen. - Ich habe eine große Anzahl von Versuchen in dieser Richtung gemacht. Die Aufgabe bestand darin, daß die VP das Erlebnis, das sie eben zu Protokoll gegeben hatte, sich anschaulich vergegenwärtigt. Abgesehen von mannigfaltigen wesentlichen Änderungen des Gedächtnisbildes, die merklich blieben, ist diese Änderung durch eine Verstärkung der subjektiven Faktoren besonders häufig aufgetreten, und zwar sehr oft unvermerkt.

Besonders bezeichnend ist hier die Art und Weise der rein introspektiven Psychologen, die, um ein Erlebnis zu beschreiben, es sich möglichst anschaulich gestalten. Wenn LIPPS z. B. eine Relation bestimmen will, so macht er sich dieselbe in Form bestimmter Übergangs- und Zusammenfassungserlebnisse klar. Dieser Weg ist didaktisch zweifellos äußerst wertvoll. Aber falsch wäre es, daraus den Schluß zu ziehen, daß Relationen stets derartige Apperzeptionserlebnisse sind. Schon die primitiven Erlebnisformen des Laboratoriumsexperiments widerlegen diese Theorie. Sie haben eben den Vorzug vor den Konstruktionen der reinen Introspektion, daß sie dem Alltagsleben wesentlich näher kommen als diese.

Damit hat die Erscheinung als Gegenstand des Psychologen eine ähnliche Bestimmung erhalten, wie der Mond als Gegenstand des Astronomen; beide sind sie im Fall der näheren Bestimmung nicht selbst da und unmittelbar gegeben, sondern nur gedacht. Der Unterschied aber zwischen beiden Gegenstand des Astronomen; beide sind sie im Fall der näheren Bestimmung nicht selbst da und unmittelbar gegeben, sondern nur gedacht. Der Unterschied aber zwischen beiden Gegenständen liegt darin, daß wir in verschiedenen Beziehungen zu ihnen stehen: das Verflossene ist vergangen, der Mond aber z. B. noch gegenwärtig. Oder in einem anderen Sprachgebrauch: die Intention auf Vergangenes ist verschieden von der Intention auf ein Gegenwärtiges, das nicht sinnlich gegeben ist. Um dieses Unterschiedes willen müssen diese Intentionen terminologisch besonders gekennzeichnet werden. Der Sprachgebrauch hat darum das Wort Transzendenz geprägt.

Wenn man nun versucht, eine kurze Definition des Wortes "Erscheinung" zu geben, so findet man die bekannte Schwierigkeit vor, die allen letzten Begriffen gegenüber besteht. Zurückführen auf Einfacheres ist unmöglich. Erscheinung sein, Erscheinungen vorfinden sind letzte Tatsachen. Wie man den Begriff "rot" nicht definieren kann, so auch nicht den Begriff "Erscheinung". Wir können nur auf anschauliche Beispiele verweisen und sagen: Erscheinung ist alles, was so gegeben ist wie Empfindung, Gefühl, Vorstellung und Wirkungsakzente, nämlich unmittelbar und anschaulich.


§ 11. Weitere Forderungen, die an die Beschreibung
im Protokoll zu stellen sind (Innenich und Außenich).

Wie wir vorhin (in § 10) aus dem Begriff der Beschreibung eine Anzahl Forderungen für die im Protokoll festzulegende Beschreibung abgeleitet haben, so kann uns jetzt auch der Begriff der Erscheinung, insbesondere der der Lokalisation, dazu dienen, bestimmtere Züge im Schema der Beschreibung zu fixieren.

Wir hatten oben den Strom der Erlebnisse mit dem Weg des Phonographenstiftes verglichen und hatten die zeitliche Folge der Bewußtseinsquerschnitte als ersten Gesichtspunkt der Ordnung des zu Beschreibenden aufgestellt. Die Lokalisation der Erscheinungen ist nun wichtig, weil sie uns innerhalb des einzelnen Bewußtseinsquerschnittes schnell Orientierung schafft.

In jedem Bewußtseinsquerschnitt werden wir die Erscheinungen in zwei mehr oder weniger deutlich getrennte Gruppen scheiden können: phänomenalen Außenraum und Körperraum oder Ichkomplex. Das eine Mal hängen sie scheinbar zusammen, das andere Mal sind sie durch eine weite Lücke getrennt. Dann wieder ist das eine deutlich und das andere verschwommen oder umgekehrt.

Diese Scheidung ist leicht verständlich; ihr folgt sofort eine zweite, die des Ichkomplexes in Außenich und Innenich.

Wenn wir die einfache Tatsache hernehmen: ich beachte einen Gegenstand, z. B. die Stahlfeder, mit der ich jetzt schreibe -, so finde ich deutlich das Gesichtsbild meiner Feder und der Hände und Arme (dieses letzteren seitlich verschwindend) und das taktile Bild meines Körpers. Das taktile Bild meines Körpers ist lückenhaft, von einigen Teilen spüre ich nichts, von anderen Undeutliches; nur die Hand und mein Kopf sind deutlich da. Zwischen dem taktilen Bild des Kopfes und dem optischen Bild der Stahlfeder ist eine Lücke; es finden sich hier gar keine Empfindungsinhalte (zumindest meist!). Nun kann ich zweifellos in diesem Fall aufgrund der Erscheinungen nur meinen Kopf, nicht die Hände, nicht die Füße als Sitz der Erscheinungen des Beachtens bezeichnen: er ist unmittelbar, aufgrund gewisser Erscheinungsmerkmale als beachtend zu bezeichnen. Er ist das Zentrum meiner Persönlichkeit, soweit sie sich unmittelbar in Erscheinungen kundgibt. - Wie beim Beachten, so auch oft beim Fühlen und Wollen. Nicht stets! Dies weiß ich - ich muß es aber summarisch hier so darstellen, weil eine eingehende Darstellung dieser sehr verwickelten Tatbestände den Blick verwirren würde. (Ich darum zwei bald erscheinende Arbeiten der Analyse dieser Tatsachen gewidmet!) Nur das möge man darum festhalten: ich fühle mich wollend, fühlend, beachtend - ist eine Tatsache zunächst der Erscheinung von mehr oder weniger deutlicher Lokalisation. Sie ist deutlich anders lokalisiert als das Beachtete! Dieses liegt im phänomenalen Außenraum, nicht im Ichkomplex.

Wie ist es nun, wenn ich meinen Körper beachte? Dann tut sich jene Lücke zwischen Beachtendem und Beachtetem gewissermaßen in meinem Körperbezirk auf. Am deutlichsten ist es, wenn ich meine Zungenspitze beobachte, die ich gegen die Zähne presse. Dann sitzt das beachtende Ich (Erscheinungsich!) im Gehirn- und Augenteil des Schädels und ist auf die Zungenspitze gerichtet, und zwischen beiden ist eine Lücke, die wohl beachtbar ist, aber im allgemeinen stark im Beachtungsverlauf untergeordnet bleibt.

Diese zwei Bezirke im Ichkomplex sind zu trennen - auch terminologisch: Innenich und Außenich möchte ich sie zu nennen vorschlagen. - Wie der Bestand im Einzelnen hierbei ist, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Es ist dafür auf die kommenden, im Druck befindlichen Arbeiten verwiesen. Insbesondere wird daselbst festgestellt werden, was uns von und an den Erscheinungen veranlaßt, bestimmte Teilinhalte gerade als Ichinhalte zu bezeichnen.

Hier sei nur dieses Grundschema des Bewußtseinsquerschnittes entworfen:

    phänom. Außenraum Ichkomplex
        Außenich Innenich
           
Da man nun nach vielfachem Gebrauch das Beachtete als die Gegenstandsseite bezeichnet, ergibt sich, daß entweder die Inhalte des Außenraums für sich oder die Inhalte des Außenichs für sich oder beide zusammen die Gegenstandsseite bilden. - Die Grenze zwischen Ichseite und Gegenstandsseite würde also - bei Anwendung eines derartigen Sprachgebrauchs für diesen Fall im Ichkomplex selbst zu suchen sein!

Ohne weiteres ist zuzugeben, daß diese Scheidung nicht immer deutlich ist. Der Ichkomplex hat undeutliche Grenzen, ebenso das Innenich. AUch hier ist die Deutlichkeit der räumlichen Umgrenzung oft unscharf. Trotzdem sind diese Gesichtspunkte nicht wertlos. Sie sollen ja auch nur Hilfsmittel der Orientierung sein.

Man kann sie mit anderen Zusammenfassungen vergleichen, die uns gleichfalls den Überblick erleichtern. So wird un im Sternenhimmel durch die Zusammenfassung in Sternenbildern Klarheit geschaffen. Wir wissen sofort, wohin wir unsere Aufmerksamkeit zu richten haben, sobald wir vom großen Bären, vom Orion und von der Milchstraße sprechen. Das Heer kleiner Sterne tritt zurück und erscheint den großen Herrschern untergeordnet. Dabei sind für den Forscher keine Krafteinheiten, d. h. geschlossene dynamische Systeme, mit den Sternenbildern behauptet.

Oder ein anderes Bild: der Arzt hat oft zahlreiche Symptome vor sich. Seine nächste Aufgabe ist es, sie zu lokalisieren und dann aufgrund der Schemata, die er in der Anatomie erlernt hat, ihren Zusammenhang herzustellen. Er braucht die Systeme der Blut- und Lymphgefäße, der Nervenstränge, Knochen- und Muskelzüge, um im Bild klar zu werden. Ähnlich also tut es der Psychologe mit der eben gegebenen Unterscheidung.

Die Vorteile dieser Unterscheidung werden bei häufigerer Verwendung bald klar, umso mehr, als sie sich mit der bald folgenden Scheidung von Gedanken und Erscheinungen leicht vereint. Die einzelnen Aufgaben der Beschreibung sind demnach:
    1) Aufzählung der Bewußtseinsquerschnitte in ihrer rein zeitlichen Ordnung,

    2) Gliederung jedes Bewußtseinsquerschnitts in
Gedanken Erscheinung
    phänom. Außenraum Ichkomplex
        Außenich Innenich
           
Ein besonderer Grund der Scheidung von Außen- und Körperraum ist der Übergang der Icherlebnisse ineinander genannt worden. WUNDT hat mit großer Nachdrücklichkeit diese Tatsache für die Gefühle betont. Sie gilt aber für alle Erscheinungen des Ichkomplexes, besonders für die des Innenich. Wer sich gewohnt hat, seine Erlebnisse derart zu Protokoll zu geben, daß er streng analytisch Phase für Phase beschreibt, ist oft über die Einfachheit und Klarheit der Ordnung selbst hochkomplizierter Erlebnisse erstaunt, wie sie sich aus dieser Unterscheidung ergibt. Es ist, als wenn man aus der Vogelschau mehrere Ströme nebeneinander fließen sähe und als ginge man in seiner Schilderung bald mit diesem und bald mit jenem.

Eine weitere Bedeutung hat diese Unterscheidung auch für die Frage der Aufmerksamkeits- und Willenserscheinungen, für die Frage der Organempfindungen und der Gefühle. Sie sind den angezeigten Arbeiten vorbehalten.


§ 12. Gedanken (oder Bewußtheiten) werden zwar
unmittelbar vorgefunden, sind aber unanschauliche seelische Gebilde.

Nachdem ich versucht habe, den Begriff der Erscheinung darzustellen, habe ich mich zu dem weiteren Begriff der Bewußtheit oder des Gedankens zu wenden. Es ist bereits weiter oben darauf hingewiesen worden, daß die Bewußtheit oder der Gedanke gewissermaßen die Negation der Erscheinung ist. Soweit ich nun sehe, will der deutsche Sprachgebrauch unserer ZZeit mit dem Wort Denken stets das Geistige, Nichtsinnliche, Nichtanschauliche hervorheben (8). Am meisten bezeichnend ist dafür der Unterschie zwischen den beiden Wendungen: "Ich kann an eine Erscheinung denken" und: "Ich kann mir eine Erscheinung vorstellen". Ich sage hier, ich denke an eine Erscheinung, nur dann, wenn ich kein Erinnerungs"bild" des Gedachten erzeuge, dagegen stelle ich es mir vor, wenn ich ein mehr oder weniger deutliches Erinnerungs"bild" des Wahrgenommenen erzeuge und "vor mich" in den phänomenalen Raum "hinstelle"; oder wenn es so ist, wie wenn ich ein derartiges anschauliches Erinnerungsbild vor mir hätte.

ACH definiert die Bewußtheit (9) als "das Gegenwärtigsein eines unanschaulich gegebenen Wissens". Er hat mit dem Wort unanschaulich den Kernpunkt getroffen, worum es sich handelt.

Die Schwierigkeit in der Feststellung von Bewußtheiten liegt nämlich darin, daß wir traditionell den Bewußtseinsinhalt, das unmittelbar Vorgefundene und die Erscheinung as Eins nehmen. Auch allen meinen Versuchspersonen machte deshalb z. B. die Aufgabe, zu beschreiben, was die Pause als Bewußtseinsinhalt ist, die größten Schwierigkeiten. Man nimmt zwar, zumindet wenn man darauf achtet, während der Pause Organ- und sonstinge Empfindungen wahr, aber es ist sinnlos zu sagen, die Pause ist das Vorhandensein von leisen Organempfindungen. Ein weiterer Grund für die Selbständigkeit der Bewußtheiten ist der Umstand, daß man die Organempfindungen, die man während der Pause oder während der Bewußtseinsleere erlebt, nur mit größer Mühe oder Übung angeben kann; die Tatsache der Pause aber und der Bewußtseinsleere ist leicht festzustellen.

Neben der Tatsache der Pause besteht nun die eigentümliche Tatsache der Bewußtseinsleere, sie ist nicht die Angabe davon, daß Sinnesinhalte gefehlt haben, denn wir können während der Bewußtseinsleere mannigfache Empfindungsinhalte wahrnehmen. Bewußtseinsleere heißt: es fehlen einem Gedanken (10), Bewußtheiten. Die Angabe aber nun, ein Wort gelesen, einen Ruf gehört, eine Pause wahrgenommen und eine Bewußtseinsleere erlebt zu haben, werden mit der gleichen Sicherheit gemacht, wie die Angabe, einen Gedanken ohne gleichzeitige Empfindung vorgefunden zu haben.

Als ich mich selbst mit diesen Tatsachen zum ersten Mal beschäftigte, schien mir der Umstand am meistend bezeichnend zu sein, daß ich im Protokoll mehr Angaben machen mußte, als ich durch Erscheinungen belegen konnte, anders gesagt als ich aus den Erscheinungen ablesen konnte oder daß mit der Angabe der Erscheinungen das Erlebte durchaus nicht vollständig angegeben war. Ich hielt also Erscheinungen ursprünglich für das einzig unmittelbar Gegebene. Aufgrund des unmittelbaren Erlebens zu sagen, Erscheinungen oder Anschaulichkeiten sind nicht das einzig Erlebbare, kostete mich einen großen Entschluß, allein schließlich mußte ich mich in mein Schicksal ergeben.

Hiermit scheint ein Widerspruch aufzutauchen; ich konnte ja auch sagen: daraus daß ich mehr Angaben machen mußte, als ich durch Erscheinungen belegen konnte, schloß ich, daß es noch etwas anderes gab als Erscheinungen. Mit anderen Worten: Gedanken habe ich mit Hilfe eines Schlußverfahrens festgestellt.

Dies ist insofern richtig, als ich mir ausdrücklich klar machen mußte, daß hier ein Plus vorlag. Dies berührt aber nicht den Umstand, daß ich, nachdem ich mir über diesen Tatbestand klar geworden war, doch bei der Feststellung von Gedanken mich von der Evidenz des Unmittelbar-Erlebten leiten ließ! Es ist genau die gleiche Sicherheit, mit der man angibt, ich habe soeben ein Rot gesehen (sofern man den Empfindungsinhalt meint!) - wie wenn man sagt: ich habe das und das gedacht - oder ich habe eine Bewußtseinsleere durchgemacht!

Es ist also die gleiche Evidenz des Unmittelbar-Erlebten, die einen zwingt - mag es sich darum handeln anzugeben, daß man eben eine Farbe gesehen hat, oder daß man einen Gedanken, eine Bewußtheit erlebt hat. Die oben berührte Tatsache der Feststellung des Fehlens von Erscheinungen muß in ihrer Bedeutung erfaßt und zumal auf undeutliche Erscheinungen angewendet werden!

Auch bei den Gedanken besteht die gleiche Schwierigkeit wie bei den Erscheinungen: sie sind verflossen (gegenständlich geworden - wie man auch mißverständlich sagt -), wenn sie konstatiert werden. Auch hier besteht keine absolute Voraussetzungslosigkeit, wie sie irrtümlich im hypotheses non fingo behauptet ist. -

Diese Gedanken sind nun auf das Schärfste abzugrenzen gegen andere Gedanken und Erscheinungsresiduen, die ich als an mir gegeben erschließen muß! Wir werden diese Unterscheidung noch näher berühren; zunächst sei nur noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es unanschauliche Bewußtseinsinhalte gibt, die wir unmittelbar vorfinden und feststellen wie Sinnesinhalte und Gefühle, zu deren gültigem Nachwie wir keine Schlüsse nötig haben!


§ 13. Weitere Beispiele von Gedanken
und literarische Bemerkungen

Es ist nach der Anführung der 2 Beispiele der Pause und Bewußtseinsleere wünschenswert, zunächst eine Anzahl von Beispielen zu geben, bevor zu einer systematischen Einteilung der Bewußtheiten geschritten werden kann.

ACH führt in seiner Arbeit eine Anzahl Beispiele an, auf die ich bloß verweisen brauche. WATT (11) hat Erlebnisse erwähnt, die sich gleichfalls als hierher gehörig erweisen dürften. Er sagt z. B.: "Mit dem Wort ... war etwas gemeint, das man verwenden kann." Eine derartige Bestimmung, eine Bedeutung kann ganz erscheinungslos gegeben sein! - Ebenso ist es mit dem Bewußtsein, daß "das nicht recht stimmt", daß "das kommende (Wort) richtig ist." - Wir können verallgemeinern: Die Erlebnisse der Beziehung, der Verneinung, viele Vergleichsurteile sind oft nicht anders gegeben als in der Form von Bewußtheiten.

Die Erkenntnis von Angaben über Tatbestände als falsch und richtig, Urteile über Ähnlichkeit und Verschiedenheit, Größe und Ausdehnung, kurz die ganze Frage der Relationen und Kategorien, soweit es sich um psychologische Prozesse handelt, muß von diesem Standpunkt aus untersucht werden: Sie sind die Bewußtseinsfundamente für die kategorischen Urteile Erscheinungen oder Gedanken? Es wird sich zeigen, daß im Alltagsleben fast ausnahmslos fundierende Erscheinungen fehlen. Daran ist vielfach die automatische Einfachheit unseres Urteilsmechanismus schuld; teilweise aber auch der Umstand, daß überhaupt spezifische fundierende Erlebnisse bei vielen Kategorien fehlen.

Der von LIPPS (12) unternommene Versuch, diese Erlebnisse aufzuweisen, ist insofern sehr wertvoll, als er das Problem für den Psychologen aufgeworfen hat. Er zeigt auch, daß man als rein introspektiver Psychologe derartige Prozesse anschaulich darstellen kann; er weist uns aber nicht den Mechanismus dieser Geschehnisse im Alltagsleben nach. - Die Apperzeptionserlebnisse, die er uns aufweist, sind begleitende Aufmerksamkeitserscheinungen und zwar gelegentlich eintretende; der Kern des Problems ist also damit noch nicht erfaßt. -

Bereits diese Bemerkungen zeigen, daß die Frage der Bewußtheiten oder Gedanken ein uraltes Problem ist. Noch mehr wird das klar werden, wenn wir später zu der Frage der mentalen Inexistenz des Gegenstandes oder zu seiner Pseudo-Existenz (13) kommen. Dies sind aber nur Sonderfälle der Frage nach der Bedeutung, nach dem Aktcharakter; Fragen, die in den letzten Dezennien im Anschluß an die ältere Literatur, wesentlich von einem logischen Standpunkt aus durch BRENTANO (14), MEINONG (15) und HUSSERL (16) aufgegriffen worden sind. - Handelt es sich bei diesen Forschern und ihren Anhängern aber vorläufig noch um eine eindeutige Bestimmung, wesentlich ohne Rücksicht auf die Eingliederung in ein psychologisches Geschehen, so ist in dieser Arbeit gerade diese Frage geflissentlich außer Acht gelassen und nur die psychologische Seite herangezogen, erst am Schluß werden einige erkenntnistheoretische Folgerungen gezogen. - Der Hauptpunkt dieser Arbeit liegt nun in der phänomenologischen Repräsentation, d. h. in der Frage: was finden wir unmittelbar vor?

In dieser Frage hatten mir meine Selbstbeobachtungen im Alltagsleben schon seit Jahren die häufige Unzulänglichkeit und das Fehlen von anschaulicher Repräsentation gezeigt. Die Gelegenheit, mit Herrn Professor AUGUST MESSER als dessen VP zu arbeiten, bestätigte mir dies schlagend, die Veröffentlichung von BINET und ACH gleichfalls. In der vorliegenden Arbeit suche ich nun die Folgerungen zu ziehen, die die zweifache Art des unmittelbaren Vorfindens, die anschauliche und die unanschauliche, gebietet.

Bei HUSSERL (17) 7scheint mir eine Angabe besonders wichtig, weil sie psychologisch gemeint ist:
    "Die Apperzeption ist uns der Überschuß, der im Erlebnis selbst, in seinem deskriptiven Inhalt gegenüber dem rohen Dasein der Empfindung besteht; es ist der Aktcharakter, der die Empfindung gleichsam beseelt und es macht, daß wir diesen Baum gesehen, jenes Klingeln hören, den Blütenduft riechen usw."
Bei MEINONG ist eine andere Bemerkung entscheidend (Seite 216):
    "Wir nehmen nicht bloß wahr, daß wir urteilen, sondern auch, worüber wir urteilen -. In dem Sinne wahrnehmbar wie etwa Gefühle und Begehrungen, kurz etwas Wirkliches, sind die Pseudo-Existenzen nicht." (Seite 218)
Das rohe Dasein der Empfindungen ist für HUSSERL klar verschieden vom unmittelbar gegebenen Aktcharakter, das Gefühl ist für MEINONG anders da als das immanente Objekt. - Dies ist der Unterschied, den ich im Wort Anschaulichkeit herauszuheben versucht habe!

Das Experiment hat nun den großen Wert, zu zeigen, daß Bedeutungen als Erlebnisse, Gedanken, Bewußtheiten, immanente, pseudo-existente Gegenstände, oder wie man es auch nennen mag, ohne jedes Symbol unmittelbar vorgefunden werden können. Es ergibt sich daraus eine Lehre von der doppelten Repräsentation des Ansichseienden in unserem Bewußtsein, einer anschaulichen und einer unanschaulichen!

Die rein introspektive Psychologie leidet darunter, daß ihr Vertreter sich meist nur am Schreibtisch beobachtet: dann sind allerdings immer Symbole da, ja da werden sie erst recht deutlich. Von diesem Umstand aus aber nun die ganze Lehre des Denkens entwickeln zu wollen - geht nicht; das ist eine Tatsachenvergewaltigung. - Was introspektive Psychologen nur durch den Vergleich von Erlebnissen nachweisen (ob ich eine Schachtel von einer oder einer anderen Seite ansehe, sie bleibt immer dieselbe), zeigt das Experiment besser und reiner: das Auftreten von Aktcharakteren in absoluter Isolierung! Wenn ich den Ausdruck intentionales Erlebnis für diese psychologische Arbeit nicht annehme, so begründet sich das in dem bildlich weniger ablenkenden Ausdruck Gedanke.

LITERATUR - Friedrich Emil Otto Schultze, Einige Hauptgesichtspunkte der Beschreibung in der Elementarpsychologie, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 8, Leipzig 1906
    Anmerkungen
    1) Dieser Ausdruck stammt bekanntlich von ACH.
    2) Warum ich das tue, zeigt erst § 10 und zum Teil § 32.
    3) BRENTANO fordert reine Scheidungen von Gefühlen und Gefühlsempfindungen aus einem anderen Grund. Vgl. hierüber die "Wirkungsakzente" in Bd. 9 dieses Archivs.
    4) ORTH z. B. hat LIPPS gegenüber - im Anschluß an WUNDT u. a. - dieses Merkmal aufrecht erhalten. - Näheres hierüber vgl. ORTHs Arbeit "Gefühl und Bewußtseinslage", Berlin 1903 und in meiner Seite 339-384 folgenden Arbeit über Wirkungsakzente.
    5) Vgl. die Vorlesungsdiktate von G. E. MÜLLER in der Arbeit von FRIEDRICH SCHUMANN, "Zur Psychologie der Zeitanschauung", Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 17, 1898, Seite 107f.
    6) siehe ORTHs bereits genannte Schrift "Gefühl und Bewußtseinslage".
    7) Eine Zweideutigkeit des Ausdrucks "Vorfinden des Gegenstandes" kann erst am Schluß dieser Arbeit klar werden!
    8) Wie tief diese Scheidung im Sprachgebrauch steckt, beweist auch der Umstand, daß man die wahnhaften Einbildungen Geisteskranker oft selbst bei Ungebildeten durch eine Frage auf ihren Ausgangspunkt (Halluzination oder echte Wahnidee) zurückführen kann. Man fragt: Wie kommen Sie dazu (dies anzunehmen)? Haben Sie bloß gedacht oder haben Sie das irgendwo gehört oder gesehen? Die Patienten verstehen hier das Wort Denken sofort leicht im Sinn des Unanschaulichgegebenen.
    9) NARZISS ACH, Über die Willenstätigkeit und das Denken, Göttingen 1905, Seite 210.
    10) Ich behalte den Ausdruck Gedanke neben dem Wort Bewußtheit bei, weil ich es dem Sprachgebrauch überlassen möchte, das besser passende Wort zu wählen.
    11) Vgl. HENRY JACKSON WATT, Experimentelle Beiträge zu einer Psychologie des Denkens, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. IV
    12) Vgl. THEODOR LIPPS, Einheiten und Relationen, Leipzig 1902
    13) § 24 und folgende
    14) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1874.
    15) MEINONG, Über Gegenstände höherer Ordnung, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 21, 1899.
    16) HUSSERL, Logische Untersuchungen, Halle 1900/01
    17) HUSSERL, ebd. Bd. II, Seite 363