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FRIEDRICH EMIL OTTO SCHULTZE
Erscheinungen und Gedanken
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"Die bildliche Beschreibung geht individuell sehr verschieden weit. Es gibt Menschen, die in dieser Weise ihre alltäglichsten Erlebnisse irgendwie ausschmücken müssen, um sie darzustellen, und andere, die über die knappsten und nüchternsten Angaben so gut wie nie hinauskommen. Letzere erhebt ein besonders seltener Schwung poetischer Begeisterung vielleicht einmal für einen Augenblick zu einer Schilderung im Bild - im Unterschied zum zuerst genannten Typus, wo mitunter eine Abgrenzung von Wirklichkeit und Phantasie unmöglich ist."


Kapitel III
Fälle enger Verknüpfung von
Erscheinungen und Gedanken

Wenn wir den Begriff des Gedankens oder der Bewußtheit weiter verfolgen wollen, ist es nötig, ihn aus den vielen Verflechtungen und Verfilzungen herauszupräparieren, in denen er vorkommt.

Zunächst können wir zwei Gruppen von Fällen hierbei scheiden, solche, wo die Gedanken die Erscheinungen gleichsam überlagern und verdecken und andere, wo sie auf das Engste mit ihnen verflochten sind.

Zunächst die erste Gruppe von Fällen! Sie finden sich sehr deutlich bei Erzählungen, besonders in Protokollen über Erlebnisse während eines Versuchs. Man wird im Folgenden sehen, wieviel man über Erscheinungen, besser im Anschluß an Erscheinungen, Angaben machen kann, die als Schilderung des Erlebten gelten - während sie etwas ganz anderes sind: Gedanken über Erlebtes! - Der Nachteil dieser "Nachurteile" (wie man sie wegen ihrer Gefahr für den introspektiven Psychologen in Analogie zum Wort Vorurteil nennen könnte) ist der, daß wir eine Menge Angaben von den VP erhalten und auch das Gefühl haben, schöne Versuchsprotokolle zu besitzen, daß wir aber tatsächlich von den erlebten Erscheinungen nichts hören!


A. "Überlagerungen" von Erscheinungen
durch Gedanken


§ 14. Beschreibung mit Hilfe
von Vergleichen

Die Sprache bedient sich oft, gern und mit viel Vorteil des Umstandes, daß Bewußtseinsinhalte und -bestände durch den Vergleich mit anderen deutlicher und verständlicher werden. - Das geschieht so automatisch, daß wir uns dessen meist gar nicht bewußt werden. Erst wenn man mit Hartnäckigkeit an der Frage festhält: "Aufgrund welchen Bewußtseinsinhaltes ist diese Aussage gemacht worden?" oder: "Wie weit ist diese Aussage zur Rekonstruktion des fundierenden Bewußtseinsbestandes verwertbar?" - erst dann wird einem Vor- und Nachteil dieser Methode klar.

Sagt z. B. jemand bei Versuchen über Zeitschätzungen: "dieses Intervall ist länger als das vorige" - "ich habe den Reiz mühelos aufgefaßt, ohne mich dabei gehemmt oder übereilt zu fühlen", so habe ich damit über das erlebte Intervall gar nichts erfahren, denn ich weiß gar nicht, ob es ihm ausdrückllich zu Bewußtsein gekommen ist, welchen Bewußtseinsinhalt er Pause nennt, ob sie ihm lang oder kurz vorgekommen ist. Vor allem weiß ich nicht, was es psychologisch heißt: es kommt mir das Intervall zum Bewußtsein; es kommt mir lang vor!

Der Vorteil ist somit ein rein negativer. Ich weiß nur, daß ich die Bestimmungen über das vorige Intervall nicht auf das jetzige übertragen darf. - Schlimm ist aber, daß ich über den Bewußtseinsbestand hinweggetäuscht werden; denn ich werde durch eine solche Beschreibung nicht darauf hingewiesen, daß das Urteil "länger" "meist" durch eine Erwartungsentspannung bedingt ist, daß aber auch ganz andere Faktoren vorliegen können, nämlich außerbewußte. Und doch wiegt diese Beschreibung in das Gefühl ein, beschrieben und seine Pflicht getan zu haben.

Besonders gefährlich ist die negatives Bestimmung eines Bestandes. Es sagt jemand: "Bei dieser Geschwindigkeit fehlt das Pausenerlebnis", "fehlt die Erwartungspause", "komme ich nicht zur Ruhe", "schweindet die selbständige Auffassung für den einzelnen Reiz" usw. - Ja, aufgrund welches Bewußtseinsinhaltes ist die Aussage gemacht? - Jedesmal kann man hier bei Beginn der Untersuchung dem Beobachter die Schwierigkeit dieser Frage und ihre Berechtigung für den Psychologen am Gesicht ablesen! Die Aussage geschieht oft so rein autormatisch, ohne daß man sich das zu Beschreibende vergegenwärtigt und das Erlebte bewußt zum Ausgangspunkt seiner Beschreibung macht.

Unser Augenmerk kann sich in diesem Zusammenhang nur auf die Gefahren dieser Aussagen für den Psychologen richten.
    1) Einmal kann der Beobachter schlechthin keinen Bewußtseinsinhalt finden, der ihm als Grundlage seiner Aussage dient. Nur durch einen unbemerkten (unbewußten) Vergleich muß er zu seiner Aussage gekommen sein. Und doch ist sie richtig; das sagt ihm sein Gefühl und der Ausfall des Urteils nach der gleichen Seite bei ihrer Prüfung. Für die Bewußtseinsanalys ist also durch eine solche "Beschreibung" nichts gewonnen. (nur für die Psychologie des Unbewußten.)

    2) Man kann Bewußtseinsinhalte vorfinden, wiewohl der Wortlaut des Satzes das Gegenteil zu sagen scheint, z. B. in der Wendung: "es trat hierauf eine Bewußtseinsleere auf!" - Für uns bedeutet hier die Behauptung eines Nichts die Setzung eines Ichts, sogar eines rech wertvollen positiven Inhalts.

    3) Eine weitere Fehlerquelle ist die Beschreibung eines Defekts, der bloß gewußt und nicht in besonderen Repräsentanten erlebt worden ist, durch einen positiven Ausdruck. - So wurde einmal zu Protokoll gegeben: "Der Eindruck der unmittelbaren Folge dieser zwei Schallreize besteht diesma darin, daß die beiden Reize gewissermaßen in einen Akt der Aufmerksamkeit aufgenommen wurden." - Die Frage des Versuchsleiters mußte lauten: "Aufgrund welchen Bewußtseinsinhaltes haben Sie dies ausgesagt?" - Die Antwort lautet: "Wegen der Aufnahme in einen Akt der Aufmerksamkeit." - Dieser Ausdruck mußte als bildlich beanstandet werden. Die gleiche Frage!
Das Ergebnis der sich anschließenden Erörterung war, daß hier keine Tatsachenkonstatierung innerhalb des Bewußtseins vorgelegen hatte, sondern ein Urteil. Schon das mußte überraschen; denn ebensogut wäre es denkbar und mit dem Wortlaut vereinbar gewesen, daß die zwei Reize so schnell aufeinander gefolgt wären, daß die Aufmerksamkeitssymptome erst nach dem zweiten Reiz eintreten konnten und so die beiden Reize ineinander überzugehen schienen. Die Annahme dieses sonst häufigen Aufmerksamkeitstyps wäre aber falsch gewesen, denn die VP fand nichts davon vor. Sie begründet ihr Urteil schließlich damit, daß nur ein konstanter, indifferenter psychischer Zustand bezeichnet werden sollte, in dem keine Änderung eingetreten ist; das Individuum sollte als konstante Aufnahmequelle bezeichnet werden, das Kriterium sollte ein rein negatives sein! -


§ 15. Beschreibung mit Hilfe
von Möglichkeiten.

Ein ähnliches Hinausgehen über den Bewußtseinsbestand wie bei den vorigen Fällen liegt in den folgenden Angaben vor: "Die Auffassung scheint mir die Grenze zweier unmittelbar aufeinanderfolgender Akte überschritten zu haben." - "Es schien mir gerade noch möglich, die Aufmerksamkeit auf den folgenden Reiz einzustellen." - "Es war nahe daran, daß ich nicht mehr in jener Weise zusammenfassen konnte." - "Von einer Erwartungspause konnte nicht die Rede sein; es ging viel zu schnell."

Wenn man die VP fragt, ob sie jene Möglichkeiten vorgestellt hat, so ergibt sich, daß gar nichts davon im Bewußtsein gewesen zu sein braucht. Die VP haben sich sogar nicht eigentlich damit denkend beschäftigt und auch nicht das Gefühl einer abwägenden Tätigkeit gehabt. Sie haben nur eben die Möglichkeit ausgesprochen. Am wenigsten wichtig ist dabei die mannigfaltige sprachliche Verklauselung ("Grenze" - "nahe bei" - "eben nicht mehr"). -

Ähnlich ist es mit dem Ausdruck: "Die Aufmerksamkeit schien mir gut eingestellt." "Ich war gut vorbereitet." - Will man der VP beweisen, daß mit diesen Worten oft nur eine Möglichkeit ausgesprochen wird, so leitet man den Versuch ein, bis man annimmt, daß die VP gut auffaßt; - und bricht ihn dann unvermutet ab. Damit ist die Möglichkeit ausgeschlossen, die Leistung der Aufmerksamkeit an der Beobachtung selbst zu messen. Nun fragt man: "Waren Sie gut eingestellt? Nicht selten bekommt man dann zur Antwort - ein unbefangenes "Ja!", und bei der Frage: Aufgrund welchen Bewußtseinsinhalts geben Sie das an? findet man, daß entweder Spannungszustände in der Stirn oder sonstigen Körpermuskulatur, Erwartungen, Gefühle der Sicherheit und der Ruhe da waren; - oder daß tatsächlich kein Bewußtseinsinhalt da war; der die Aussage begründen konnte.


Experimenteller Nachweis der
synonymischen Natur von Ausdrücken

Bisweilen fühlt sich die VP unsicher, ob sie mit ihren Worten genau den gleichen Bewußtseinsinhalt gemeint hatte, wie in früheren Fällen, wo sie andere Ausdrücke gebraucht hatte. Um nun hierin Sicherheit zu geben, kann man sich bisweilen eines experimentellen Versuchs bedienen. Bei meinen Versuchen am Zeitsinnapparat wurde die VP aufgefordert, sich den Eindrücken hinzugeben und während der ganzen Versuchsreihe nur daran zu denken, ob der Eindruck, den sie nach ihrem Sprachgebrauch mit dem einen Synonym zu bezeichnen pflegte, vorlag oder nicht, oder ob er zweifelhaft war. In einer weiteren Reihe wurde die gleiche Folge von Geschwindigkeiten unter der im zweiten fraglichen Synonym liegenden Fragestellung beobachtet usw. So ergaben sich als häufigste Geschwindigkeit für die drei fraglichen Ausdrücke: "Eindruck der Unabgeschlossenheit des ersten Reizes", "Schwinden des Pausenerlebnisses" und "Eindruck der unmittelbaren Folge" etwa 250, 200 und 265 σ [tausendstel Sekunde - wp]. (Dieses nach dem Verfahren der Sprungreize; die Methode der auf- und absteigenden Geschwindigkeiten ergab: 250, 220, 275 σ) (18). Ein Umfang der Schwankungszone von 30-50 σ dürfte bei diesen Geschwindigkeiten nicht zu groß sein. - Am Schluß der Versuchsreihen gab die VP an, daß ihr die synonymische Natur der Ausdrücke während der Versuche klar geworden ist.

In anderen Fällen wird es nicht schwer sein, ähnlich Versuchsreihen zur Entscheidung solcher Fragen einzurichten. -


§ 16. Behauptung von
Begründungszusammenhängen.

Wiewohl zur Genüge bekannt ist, daß die Beziehung von Grund und Folge nie wahrgenommen wird, so finden wir doch so gut wie stets in längeren Protokollen Angaben hierüber.

Der Grund hierfür ist ein zweifacher. Entweder das menschlich verzeihliche Versehen, eine Nachgiebigkeit gegen die alltägliche Sprachweise oder ungenügendes Denen an den Sinn des Protokolls, nur Erscheinungen und die bei Versuch selbst erlebten Gedanken zu geben. -

Bei Nichtpsychologen ist die Neigung, Zusammenhänge zu geben, besonders groß. Sie geht so weit, daß die Beantwortung der Frage, obe ein Bewußtseinsinhalt da war, nicht durch Introspektion, sondern durch eine gedankliche Begründung geschieht. So lautete einmal die Frage, ob eine Erwartung da gewesen wäre. Ja! - Weshalb? - "Die ist doch mehr oder weniger immer da; - ich habe doch gewußt, daß zwei Reize kommen würden; also mußte doch eine Erwartung da sein!" - Offenkundig ist hier nicht geschieden zwischen dem Einstellungszustand und seinen Symptomen.

Weniger deutlich sind die Zusammenhänge in folgenden Redewendungen: "Die beiden Reize bilden eine Einheit insofern sie ...", "die Einstellung der Aufmerksamkeit war recht schwierig, dies zeigt sich ..." Diese Angaben möchten nicht so bedenklich sein, wenn sie nich so oft falsch wären. Dafür kann die naive VP aber nichts. Es zeigt sich z. B. bei der Untersuchung von Schlagreihen ganz spontan bei vielen die Neigung, Regeln für solche Zusammenhänge aufzustellen, z. B. über das Verhalten des zweiten Schlages zur Erwartung, zur Atmung u. a. - Es müssen dann besondere Versuche mit Unterdrückung oder Anhalten von Atem, Ausschaltung der Erwartung gemacht werden, um die VP von der Irrtümlichkeit der Zusammenhänge zu überzeugen.

Hier zeigt sich der große Wert des vergleichenden Experiments. Aber es kann auch hier vorkommen, daß sich wochenlang Irrtümer durchschleppen.

So bedenklich es also ist, die Angaben über Zusammenhänge zu verwerten, die im unmittelbar Erlebten nicht gegeben sind, so wenig werdden sie doch für die Analyse entbehrlich sein. So ist zweifellos die Analyse eines assoziativen Mechanismus ohne die genaue Kenntnis des Vorlebens der VP oft nicht möglich. Wir sind damit auf Theorien der VP angewiesen, die sie uns konstruiert. So gibt FREUD (19) in seiner Psychopathologie des Alltagslebens Fälle, die im Prinzip denkbar sind; aber wir müssen doch ehrlich gestehen, daß der assoziative Zusammenhang oft gesucht und hypothetisch erscheint.

Ähnlnich ist es mit der Gefühlsanalyse. Zweifellos kann uns die kurzzeitige Exposition von ästhetisch wertvollen Bildern durch den Ausschluß von Augenbewegungen viel nützen. Es wäre jedoch höchst bedenklich, dieses Verfahren z. B. für ästhetische Versuche ausschließlich anzuwenden, weil die Latenzzeit der Gefühle gerade bei den hohen Kunstwerken eine sehr lange Dauer besitzt. Wir können Gefühlsanalysen großer Kunstwerke nur durch langes Betrachten gewinnen, und da sind wir auf Zusammenhänge angewiesen, die der Beobachter konstruiert.

Besonders wichtig ist dieses Konstruieren bei der Analyse von Gefühlen, die aus mehreren Quellen stammen: so kann ein Gefühl sowohl durch "unangenehme" als auch durch "angenehme" (und sogar durch mehrere mehr oder weniger angenehme und unangenehme) Teilinhalte bedingt sein; die Beziehung des ansich durchaus einheitlichen Gefühls zu mehreren Quellen kann aber nur durch ein derartiges Konstruieren und Nachdenken der VP über die Zusammenhänge festgestellt werden. - Am meisten Schwierigkeit machen hier die Analysen von Stimmungsschwankungen, die sich an hochkomplizierte Erlebnisse anschließen - z. B. an Streitigkeiten oder lange Erwägungen. Hier müssen wir oft tagelang (leider oft erfolglos) darüber nachdenken, wie die Gefühlswirkung zustande gekommen ist.


§ 17. Bildliche Beschreibung

Die bildliche Beschreibung geht individuell sehr verschieden weit. Es gibt Menschen, die in dieser Weise ihre alltäglichsten Erlebnisse irgendwie ausschmücken müssen, um sie darzustellen, und andere, die über die knappsten und nüchternsten Angaben so gut wie nie hinauskommen. Letzere erhebt ein besonders seltener Schwung poetischer Begeisterung vielleicht einmal für einen Augenblick zu einer Schilderung im Bild - im Unterschied zum zuerst genannten Typus, wo mitunter eine Abgrenzung von Wirklichkeit und Phantasie unmöglich ist.

In unseren Protokollangaben finden wir deutlich diese Unterschiede in der Auffassung der Erlebnisse wieder. Am leichtesten können wir die bildlichen Ausdrücke ausschließen, sobald wir uns der Frage bewußt sind: Aufgrund welcher Erscheinung ist diese Aussage gemacht worden? Und schildert die Aussage eindeutig diesen ihren Gegenstand? - Wenn wir z. B. von Aufmerksamkeit sprechen, so gebrauchen wir leicht Ausdrücke wie Folgen und Mitgehen, wo tatsächlich ein Bewegungserlebnis weder im Sinn des äußeren noch des inneren Erlebens vorliegt. - Ein anderes Mal sagen wir: Vorübergehend trat die Erscheinung zurück; sie wurde verdunkelt durch vorübergehende andere Erscheinungen. Dies soll streng genommen heißen, daß die Intensität der einen Erscheinung abnahm, oder daß die Erscheinung schwand; es klingt aber fast, als wenn eine Erscheinung existieren könnte, ohne Erscheinung zu sein.

Anders verhält es sich mit einer anderen Gruppe von bildlichen Ausdrücken, wo wir deutlilch die Gewißheit haben, daß wir durch sie den Erscheinungen näher treten als ohne sie; daß mit der Schilderung der grob Wahrnehmbaren der Bestand nicht erschöpft ist; und wo wir andererseits wissen, daß wir über das Wahrnehmbare hinausgehen, wenn wir das Bild gebrauchen. - Es gibt allerdings VP, bei denen man große Schwierigkeiten hat, die unnötige Verwendung von bildlichen Ausdrücken zu verhindern.

Entscheiden sind für unseren Gesichtspunkt jedoch die Fälle, wo der bildliche Ausdruck unvermeidbar ist und der Ausgangspunkt für die Feststellung eines Unbekannten wird, das vom bildlichen Ausdruck her seinen Namen bekommt. So gab ein Beobachter an, daß zwei Töne durch eine gewisse "Innigkeit der Aufeinanderfolge" in ihrer gegenseitigen Beziehung charakterisiert wären. Er sagte: "Es ist, als wenn eine Brücke von einem Ton zum andern geschlagen wird, oder als wenn ich eine Brücke schlagen würde." - Jeder sieht sofort, daß dies ein Bild ist, und daß der Beobachter weit über seinen Bewußtseinsbestand hinausging und mehr gab, als vorlag. Hier half nun der Versuch der "morphologischen Zergliederung". Wir mußten am Bild allgemeinste heraussuchen und in die allgemeine Schrift- und Wissenschaftssprache umzuprägen versuchen. So fand sich hier, daß mit dem Ausdruck Brücke mehr gegeben war, als die bloße schnelle zeitliche Folge: es lag ein Wirkungsakzent, ein sogenannter Kollektionsakzent (20) vor. Das Passivum "die Brück wird geschlagen" hieß, der Akzent ist im phänomenalen Außenrauem lokalisiert; "ich schlage die Brücke" sollte sagen: die Einheitlichkeit der Eindrücke ist durch mich, durch meine Erwartung bedingt, ist subjektiv. Hätte der Beobachter gesagt: der Abstand der zwei Schläge ist sehr kurz und eine Aufmerksamkeitserscheinung fehlte bzw. war vorhanden, so hätte er dieses wesentliche Merkmal übersehen. Erst die genaue Analyse des bildlichen Ausdrucks hat hier ein wesentliches, bisher unbekanntes Merkmal zutage gefördert.


B. Kombinationen von Erscheinungen
und Gedanken

Die Beispiele des letzten Abschnitts haben gezeigt, wie die Gedanken (Nachurteile) unvermerkt von den Erscheinungen ablenken können -, und wie man darum die Erscheinung förmlich erst aus einer sprachlichen Hülle herauslösen muß. - Die folgenden Fälle zeigen das Umgekehrte: die Erscheinungen hindern uns, das Gedankliche zu sehen; vor lauter Bäumen sehen wir den Wald nicht.

Es wird sich zeigen, daß mit allen Erscheinungen: Vorstellungen, Gefühlen und Wahrnehmungsinhalten Gedanken verbunden sind, ja daß sie recht eigentlich die Erscheinungen beseelen!


§ 18. Vereinheitlichungen von Gedanken
und Vorstellungsinhalten.

Zunächst führt uns der Weg zum Begriff der "Vorstellung". Dieses mannigfach gebrauchte und darum mißverständliche Wort scheint dem Sprachgebrauch nach das Moment des Vor-einen-hinstellens in dem Sinne zu enthalten, daß etwas, was nicht selbst (wie z. B. in der Wahrnehmung) gegeben ist, eben "bloß vorgestellt" ist. Damit ist das Merkmal der sinnlichen Anschaulichkeit, wie es sich in unserer Wahrnehmung findet, ausgeschlossen - aber auch das der vollen Unanschaulichkeit, wie es dem Begriff und der Bewußtheit eignet. Die Vorstellung ist damit durch die Verblasenheit der Erscheinungen gekennzeichnet, wie wir sie bei Erinnerungs- und teilweise bei Phantasiegebilden vorfinden.

Wollte man aber meinen, daß die Vorstellung nichts als Erscheinung ist, so wäre das als irrig zu bezeichnen; denn von ihr kann man das Gleiche wie von der Wahrnehmung aussagen: hier liegen noch andere Komponenten im unmittelbar Gegebenen vor, Gegenstands- und Merkmalsbegriffe. Dies wird alles sogleich unter der Frage: "Wie weit denken wir in Symbolen?" verhandelt werden. Einige Beispiele dieses Paragraphen beziehen sich allerdings nicht auf Vorstellungen, sondern auf Wahrnehmungen! Dies ändert am Hauptresultat nichts. Jedenfalls müssen wir das Vorhandensein von einem Etwas neben der Erscheinung hervorheben; außerdem kommt es uns darauf an, zu betonen, daß dieses Etwas zugleich mit der Erscheinung eine engste Einheit bildet.


Wie weit denken wir in Symbolen?

Für die Besprechung der Vorstellungen können wir so die in der Überschrift gegebene Fragestellung wählen, weil Vorstellungen im Sinne von verblasenen, verwaschenen Erscheinungen ohne sinnliche Frische fast nur im Denken vorkommen, eben als seine interessanten, aber nicht integrierenden Begleiterscheinungen. - Gelegentlich werden hierbei schon die Wahrnehmungen erwähnt werden, die nächsten Verwandten der Vorstellungen.

Ich möchte zunächst nur von alltäglich vorkommenden Fällen sprechen, wie man sie dem Experiment noch mehr zugänglich machen kann und muß, als das bisher geschehen ist. Mir waren sie vorläufig nur als Nebenprodukte von Alltagsbeobachtungen und Experimenten gegeben, aber ich benutzte diese Beobachtungen, weil es vielleicht überhaupt nicht möglich ist, daß man im Experiment über die Benutzung von Gelegenheitsfällen weit hinaus kommt. Immerhin ist damit bereits ein unschätzbarer Fortschritt gegenüber der "reinen Introspektion" gegeben. Ich versuchte, von mir und meinen VP durch genaues Fragen Aufschluß zu erhalten.

Bei der Aufgabe, einfache Situationen zu beschreiben, kam folgender Fall vor, der hier im Auszug mitgeteilt sein soll. Die VP geht im Zimmer hin und her, während ich als Versuchsleiter mich scheinbar anschickte, die Vorbereitungen zu Ende zu führen. Sie waren tatsächlich bereits fertig, und ich wartete bloß eine möglichst indifferente Stellung der VP ab. Ich sagte dann ganz ruhig: "warte einmal!" Mein Beobachter blieb stehen und sah mich an. Ich schlug mit dem Bleistift auf den Tisch und forderte ihn auf, den Bewußtseinsquerschnitt vor meinem Aufschlagen zu beschreiben. Hierbei waren u. a. gerade flüchtige Wortbilder aufgetreten, die den ungefähren Sinn hatten: "Was wird er wollen?" Als nun die VP später, nach Abschluß der Beschreibung, aufgefordert wurde, sich (sitzend bei geschlossenem Auge) die gleiche Situation anschaulich zu vergegenwärtigen, waren diese letzten Wortbilder in gotischer Druckschrift, in der Mitte schwarz, an den Rändern farbig deutlich in der Form wie auf Plakatbildern, gegen Ende zu kleiner werdend, gegeben. Lokalisiert waren sie dicht vor dem Auge des Beobachters und dicht unterhalb des von ihm vorgestellten, sehr kleinen optischen Bildes seiner eigenen Person. - Die gleiche VP wies oft ähnliche Erscheinungen auf: Sätze und Worte, an denen sie deutlich den Klang, den Tonfall der eigenen Stimme unterscheiden konnte. Den gleichen Deutlichkeitsgrad fand ich jedoch bei anderen VP selten.

Von diesen Fällen nun können wir den Übergang bilden (durch Übergangsglieder hindurch, die nicht aufgezählt zu werden brauchen) zu den häufigen Formen, wo optische oder akustische oder akustisch-motorische Wortbilder in mehr oder weniger scharfer Bestimmtheit auftreten. Schließlich sind sie so unscharf, daß man "aus ihnen nichts ablesen kann". Und doch weiß man ihren Sinn ganz genau.

Hierunter sind die Fälle oft ganz interessant, wo die VP im Verlauf des Protokolls wiederholt die gesehenen und gehörten Wortbilder verschieden angibt, sei es, daß sie es gar nicht merkt, wie sie die verschiedenen Umschreibungen für denselben Sinn gebraucht, sei es, daß sie sagt, ich weiß nicht, ob es so oder so hieß. So fiel mir als VP einmal während eines Versuchs der Gedanke ein, daß ich zu reagieren hätte. Dabei war es mir unmöglich, zu sagen, ob die repräsentierenden Wortbilder hießen: "du sollst reagieren" oder: "du hast zu reagieren". - Logisch wäre das gleich, psychologisch ganz verschieden.

Bei Reihenversuchen gab VP V an, daß auf das Reizwort Rippe die Wortbilder "der Tod" (mit eigener Stimme gesprochen) auftraten, zusammen mit dem Gedanken, man könnte doch ein Gedicht machen, wo Tod, Rippe und Hippe vorkommen. Ob es "käme" oder "zu tun haben" hieße, wußte die VP nicht zu sagen. Deutlich waren als Repräsentanten nur Tod, Rippe und Hippe als Wortbilder gewesen. "Von anderen Inhalten war nichts Deutliches da, aber der Gedanke war ganz klar."

Sehr häufig ist es sogar unmöglich zu sagen, ob die Wortbilder akustisch oder optisch gegeben waren, ob die optisch gegebenen in lateinischer oder deutscher Schrift, ob sie hell oder dunkel in Farben, ob sie geschrieben oder gedruckt waren.

Am Ende der Reihe stehen die Fälle, wo der Nachweis eines Symboles selbst sofort nach dem Erleben nicht mehr möglich ist, wo man sich vergeblich nach Sinneserscheinungen optischer, motorischer, akustischer Qualität, nach Gefühlen und allem Möglichen fragt und nichts findet. In meinen Protokollen kann ich für zwei VP Fälle nachweisen, die ich als einwurfsfreie und geeignete Beobachtungen von vorhandenen Gedanken ohne jegliche Repräsentation bezeichnen darf. Sie beziehen sich auf das Denken an die Aufgabe und auf einzelne Erlebnisse. Aus der MESSERschen Versuchsanordnung ist mir eine Selbstbeobachtung in Erinnerung.

Ich dachte beim Reizwort "Reif" an eine bestimmte Stelle in Leipzig, wo ich einst einen herrlichen klaren Wintermorgen mit dickem Reif auf den Bäumen und strahlend blauem Himmel gesehen hatte. Das gleichzeitige optische Bild jener Stelle war jedoch nicht das jenes Morgens, sondern das eines öden trockenen Spätsommertages. Ohne weiteres dachte ich auch daran, daß ich dort einen Rauhreif gesehen hatte. Dieser letzte Gedanke war gar nicht repräsentiert, aber klar, bevor ich ihn ausgesprochen hatte. - Ganz besonders wichtig ist es, zu vermeiden, daß man solche Fälle aus dem Gedächtnis beurteilt. Dann treten infolge der Reproduktion besonders motorische Impulse ein, z. B. hier das Wort Rauhreif auszusprechen, und man glaubt dann ermächtigt zu sein, die Behauptung symbollosen Denkens schlechthin verwerfen zu können. Die Reproduktion verfälscht gerade hier ungemein leicht das Bild. Leider läßt sich von ihr die sogenannte introspektive, d. h. die rein introspektive Psychologie bestimmen. Ihr ist die gedankliche Reproduktion mit dem Erleben gleichwertig!

An dieser Stelle sind wohl die meisten Fälle des Denkens vieler Menschen im Alltagsleben anzuführen. Zweifellos werden, entsprechend der Treibhausnatur unserer Laboratoriumsexperimente die Prozesse durch die mannigfaltigen Nebenumstände geändert. Es mag wohl Menschen geben, die vorwiegen in Worten oder anderen Symbolen (sei es akustisch, sei es optisch oder akustisch-motorisch) denken. Allein ich glaube, diese Leute behaupten das meist aufgrund der seltenen deutlichen Fälle; die undeutlichen Fälle aber sind psychologisch ebenso wichtig. Man kann ihnen nur beikommen, wenn man sie bei einer passenden Gelegenheit überrascht und sie nach einem wohldurchdachten Schema ausfragt, oder man nimmt sich selbst als VP und grenz, wenn es einem einfällt, einen Moment oder eine kurze Phase seines Gedankenganges ab und analysiert systematisch. Es ist einer der Hauptzwecke dieser Arbeit, auf die Selbstbeobachtung im Alltagsleben hinzuweisen. Sie ist ersprießlicher als Analysen, die man am Schreibtisch anstellt, wenn man gerade über einer derartigen Frage arbeitet, und wo man sich Beispiele konstruiert. Diese Methode ergibt auf diesem Gebiet weder Treibhausgewächse, noch so verbildete Züchtungen wie die üppigen und bisweilen auch so spärlichen Reinkulturen des Laboratoriumsexperimentes.

Eine besondere Bedeutung hat das nachträgliche Einfallen der Begleiterscheinung eines Begriffs; z. B. in den Versuchen von WATTs trat die Erscheinung des Oberbegriffs oft erst beim Aussprechen, als der Oberbegriff bereits gefunden war, ein.

Bisher sind die Fälle betrachtet, in denen eine Vorstellungsinhalt verschieden deutlich war oder fehlte, in dem aber stets der Gedanke sicher und klar war. Ebenso gibt es nun Fälle, wo der Gedanke die Verschiedenheiten aufweist: er kann wechselnd und fehlend, deutlich und unklar sein, ohne daß die Erscheinung dabei wesentlich beteiligt ist. Daß der Gedanke wechselt, ohne daß sich dabei die Erscheinung ändert, wird nicht selten angegeben. Man versteht die Reizwörter nur in dem einen Sinn und in keinem andern und denkt dabei nicht an einen weiteren Sinn. Ja, man ist erstaunt, wenn man entdeckt, daß dasselbe Wort einen so mannigfaltigen Sinn hat. Man hat dasselbe Wort in so vielfacher Bedeutung verstanden, ohne es zu merken. Diesen Wechsel des Sinnes erlebt man oft in kurzen Bruchteilen einer Sekunde. Das andere Mal liegen Stunden, Tage oder Monate dazwischen. Das Wort Feder versteht man zunächst als Hutfeder, dann als Stahlfeder; Mark (21) als Geldstück, dann als geographischen Begriff (Gemarkung), ja als Individualbegrifff: die Mark (d. h. die Mark Brandenburg). Man kann hierbei die Symbole der einzelnen Momente miteinander vergleichen und findet, daß sie sich nicht geändert haben. Ein anderes Mal aber ändern sie sich; wie, soll hier nicht bestimmt werden (22); denn diese Änderung erschöpft nicht den Begriff oder das gedankliche Moment.

Weiterhin ist die Deutlichkeit der Gedanken bisweilen recht gering, die Deutlichkeit der Erscheinungen groß. "Ich sehe ganz deutlich, was da ist, aber was es bedeutet, weiß ich nicht recht; ich muß dabei an dies und das denken, es ergibt sich aber kein einheitliches Bild der Bedeutung." An dieser Stelle sind die Durchgangsstufen in der Gedankenentwicklung, in denen wir uns zur Klarheit durcharbeiten, zu erwähnen. Wir können den Stand der Überlegung nicht bestimmen und quälen uns damit ab; wir machen Ansätze, aber kommen nicht zu Ende. Die gegebenen Bestimmungen erschöpfen nicht das Gemeinte; sie decken sich nicht. Es sind Unterschiede da, es bleibt ein Rest. - Auch hier entscheidet die Zufallsbeobachtung, doch sind gleichfalls Experimente in dieser Richtung gut brauchbar. Fälle, in denen man sich besinnen muß, wie etwas ist, sind leicht zu konstruieren. Gleichfalls wichtig sind die Fälle, wo der Gedanke erst nachträglich bewußt wird, wo also der zeitliche Eintritt von Repräsentanten und Repräsentiertem, Gedachtem verschieden ist. Bei den Reaktions- und Leseversuchen geben die VP wiederholt zu Protokoll, daß sie erst während oder nach dem Aussprechen gemerkt hätten, was sie sagen: das Lautbild hätten sie gelesen, gesprochen oder gehört, dann erst wäre ihnen der Sinn eingefallen. - "Ich habe buchstabiert und es nicht verstanden", "die Linien habe ich gesehen, aber ein Sinn war nicht darin; erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, was gemeint war". Dieses Erstaunen ist also nicht durch die Erscheinung, sondern durch die mit der Erscheinung verbundenen Gedanken zu verstehen.

Die dritte Gruppe von Fällen ist die, wo der Sinn der Erscheinung teilweise, ganz und dauernd fehlt. Im eingangs zitierten Fall (mit der gotischen Druckschrift) ließ ich die Situation ein zweites Mal reproduzieren. Hierbei traten die Wortbilder anders ein.
    "Deutlich waren nur die beiden Worte was und wollen; sie waren motorisch-akustisch mit dem Klang der eigenen Stimme gegeben, lokalisiert in Mund und Ohren, wie gehörte Worte lokalisiert zu werden pflegen. Dazwischen trat ein unbestimmtes Geräusch ein, aus dem ich zuweilen die Worte er wird herauszuhören meinte. Das Ganze blieb eine reine Erscheinung. Der Sinn wurde nicht mit reproduziert. Am Schluß der Beobachtung mußte ich die völlige Sinnlosigkeit des akustisch-motorischen Gebildes feststellen."
Etwas derartiges ist im alltäglichen Leben nichts Seltenes. Unbekannten Erscheinungen gegenüber erleben wir sie oft. Wir sprechen von einem Ochsen vor dem neuen Tor, von Verständnislosigkeit, Gedankenlosigkeit, vom Starren ins Lerchenfeld; oder wir sagen: "Es tut uns wohl, eine Zeitlang nichts zu denken." Offenbar sind die Fälle von Seelenblindheit genau der gleichen Art hinsichtlich des Erlebens; wenigstens glaube ich es aus dem mimischen und sprachlichen Verhalten eines mir aus der Zeit vor seiner Krankheit genau bekannten Patienten schließen zu können, der diese eigenartige Störung deutlich zeigte. Ebenso wäre es mir ohne die Annahme von Gedanken unverständlich, wie wir sagen können: "Es tut so wohl, einmal nichts zu denken", während wir uns dabei körperlich oder im Spiel stark anstrengen. - Als Psychologen gehen wir leicht an diesen Erscheinungen vorüber; und doch haben sie die größte Bedeutung. Eine genaue Analyse ist schwer; auch hier sind gute Gelegenheitsbeobachtungen mit dem Taschenprotokollbuch in der Hand entscheidend. Sofort systematisch analysieren!

Weiterhin sind die Fälle zu erwähnen, wo sich Gedanke und Erscheinung inhaltlich nicht decken. Man denkt an einen allgemeinen Gegenstand, z. B. an den Begriff Pulverhorn, Feder, Haus und man hat zugleich das optische Bild eines bekannten oder unbekannten Gegenstandes der zugehörigen Gruppe, oder man denkt an den bestimmten Teil einer Situation. Derselbe ist jedoch nicht selbst im Vorstellungsinhalt repräsentiert, sondern ein Teil seiner Umgebung ist an seine Stelle getreten. So dacht ich einmal als VP von MESSERs Versuchsanordnung an die Apoll von Belvedere. Gegeben war dabei optisch der in der Nähe des römischen Exemplares befindliche Giardino della Pigna im Vatikan. - Ein anderes Mal dachte ich an ein Schlüsselloch; und gegeben war das optische Bild einer Tür ohne ein solches. Wir finden von derartigen Erscheinungen leicht den Übergang zu den reinen Begleiterscheinungen und symbolischen Vorstellungsinhalten, wie sie in meiner Arbeit "Beiträge zur Psychologie des Zeitbewußtseins", geschildert werden.

Endlich kommt noch für die Analyse eine wichtige Gruppe von Fällen in Betracht, nämlich die, wo der Vorstellungsinhalt sehr bestimmt und deutlich ist und genau mit seinem Inhalt dem entspricht, woran wir gedacht haben: "wir meinten den Bekannten so, wie wir ihn uns in dem Moment vorstellten"; wo uns aber das gleichzeitig Vorgestellte absolut nebensächlich vorkommt. Das Meinen kann sich dabei in doppelter Weise verhalten: wir meinen den Begriff oder Gegenstand ohne Rücksicht auf seine Vorstellungsbilder, oder wir meinen im Vorstellungsbild eigentlich ihn. - Auch zum Wahrnehmungsinhalt können wir das gleiche Verhältnis haben. Er kann uns als das erscheinen, was wir im Augenblick meinen, oder nur als Durchgangspunkt, als ein Anhaltspunkt für irgendeine gar nicht wahrnehmbare Eigenschaft. - Man kann dementsprechend die VP direkt fragen: "Wie weit sind Sie durch die Symbole in Ihrer Aussage bestimmt worden?" - "Ich kann bestimmt sagen, daß die Beschreibung des Status in der Richtung, die durch die Symbole repräsentiert ist, auch ohne dieselbe möglich gewesen wäre", war die Antwort einer zuverlässigen VP. Hiermit ist natürlich nur die Aussage der VP, nicht das Resultat wissenschaftlicher Analyse über einen psychologischen Mechanismus gegeben. Aber auch solche Aussagen dürften sehr wichtig sein. Denn die Eindringlichkeit der Erscheinung ist sehr schwer abzuwägen und somit nur mit einer gewissen Willkür bestimmbar; aber jedenfalls ist sie eine psychologische Tatsache. - Daß sie ohne Beziehung zum seelischen Mechanismus steht, darf man nicht a priori behaupten; wir wollen sie nur als Adjuvans [Hilfsstoff - wp] verwerten. Denken wir aber an die Unterschiede von abstrakt und anschaulich denkenden Menschen, an den Einfluß der Übung und die dabei stattfindende Automatisierung, zumal an den dabei stattfindenden Wegfall von anschaulichen Begleiterscheinungen und schließlich daran, daß wir uns bei schwierigem Denken bemühen, anschaulich zu bleiben, ja daß wir uns förmlich an die Anschauungen klammern -, so dürften schon diese Tatsachen genügen, unsere Bemerkung als nicht ganz unbegründet hinzustellen.


§ 19. Das Verhältnis von Gefühlen und Gedanken

Daß das Gefühl selbst kein Gedanke ist, ist nicht ohne weiteres klar, denn wir sprechen davon, daß uns viele Gedanken unklar und gefühlsmäßig gegeben sind. Dies kann nur heißen: die Gedanken sind uns durch Gefühle repräsentiert oder fundiert. Denn z. B. die Prädikate gut, schön, richtig usw. sind Bestimmtheiten der Gegenstände, also Gedanken über sie (vgl. hierzu § 28 dieser Arbeit). Die Gefühle hingegen sind im Körper lokalisierte Erscheinungen (wie das in der folgenden Arbeit über Wirkungsakzente näher bestimmt werden soll). Wenn Gefühle und Begriffsbildungen, die durch Gefühle fundiert sind, dasselbe wären, so könnte man z. B. sagen, es ist dasselbe, ob ich ein Gefühl der Lust habe oder ob das Wahrgenommene oder Gedachte schön ist.

Dies ist aber nicht der Fall, denn wir können die gedankliche Bestimmung als schön, schlecht usw., wie sie dem Sinn eines Gefühles entspricht, machen, ohne daß wir ein Gefühl erleben. Gerade die Fälle des Alltagslebens sind hier überzeugend. Wenn wir z. B. Stoffproben für Kleider, Schlipse und ähnliches aussuchen, zumal in der Eile, können wir viele Werturteile über neue Gegenstände fällen, ohne Gefühle zu erleben. Wer sich selbst zu beobachten gewöhnt ist, ist oft erstaunt, wenn er sagt: "das ist schön", ohne daß er ein Gefühl vorfindet; - in anderen Fällen muß er lange suchen und sich dem Eindruck hingeben und ihn so (nach dem Prinzip der Innenkonzentration (23)) verstärken, bis er bemerkt, daß er tatsächlich ein schwaches Lustgefühl erlebt hat. Ferner ist der Unterschied der Zeit die für die Konstatierung der Eigenschaft nötig ist, und der anderen, weit längeren und mühevolleren Zeit, die ihn vom Vorhandensein eines Gefühls überzeugt, so groß, daß er die Scheidung von Lustgefühllen und gedanklicher Wertprädikation zwingend unterstützt. - Wie vorsichtig man in der Konstatierung derartiger Gefühle sein muß, beweist mir die Tatsache, daß es mir wiederholt unmöglich gewesen ist, im Fall eines natürlichen, unwillkürlichen Lachens Lustgefühle nachzuweisen. Dieser Fall scheint mir für mich selbst sicher genug, daß ich ihn veröffentliche mit der Bitte, ihn an sich selbst zu untersuchen und nachzuprüfen.

Auf der anderen Seite stehen Fälle, in denen wir Gefühle erleben, ohne daß Prädikationen damit verbunden wären. Am deutlichsten ist dies in Fälle von unbegründeten oder unerklärten Gefühlserlebnissen. Wir wissen nicht, weshalb wir das betreffende Gefühl haben. In solchen Fällen ist es durchaus nicht nötig, vielfach auch unmöglich, eine durch dieses Gefühl bedingte Wertprädikation auszuführen. Man kann dann wohl sagen, ich fühle mich glücklich, es ist heute so schön, aber psychologisch notwendig ist der Eintritt dieser Aussage nicht. - Schließlich kann eine Prädikation aufgrund des Gefühls auch erst nachträglich nach Wochen oder Jahren erfolgen.

Der dritte Grund zur Scheidung von Gefühlserscheinungen und dadurch bedingten Gedanken oder Bewußtheiten ist der, daß sich beide hinsichtlich des Deutlichkeitsgrades, hinsichtlich des Vorhandenseins und der Dignität genauso unterscheiden können, wie wir das bei den sinnlichen Erscheinungen und den damit verbundenen Gedanken oder Bewußtheiten in § 18 gesehen haben. Eine besondere Ausführung dieser Fälle an Beispielen scheint mir hier nicht nötig zu sein.

Die Scheidung von Gedanke und Erscheinung muß man so grundsätzlich mit äußerster Schärfe durchführen. Zweifellos -
    "finde ich mich anders bestimmt, wenn ich das Bewußtsein habe, ein Gegenstand fordere von mir mit dieser bestimmten Qualität vorgestellt zu werden, als wenn ich es erlebe, daß der Gegenstand des Vorgestelltwerdens überhaupt oder das Vorgestelltwerden in einem bestimmten Zusammenhang als sein Recht beansprucht usw." (vgl. Theodor Lipps, Leitfaden der Psychologie, Seite 251)
Sicherlich hat LIPPS mit der Feststellung der Gegenstandsgefühle wichtige Bewußtseinstatsachen klassifiziert. Allein mit Unrecht hat er den Anspruch erhoben eine elementare Gefühlsklasse abzugrenzen. Alle die "Bewußtseinsinhalte", die er hierbei nennt, sind wohl "Bewußtseinsinhalte" und untereinander verschieden. Ihr Gehalt aber erschöpft sich nicht in Erscheinungen, am allerwenigsten in Gefühlen. Sie unterscheiden sich klar voneinander (und ihre Unterscheidung verlangt LIPPS mit vollstem Recht) - aber nicht als spezifische Gefühlsformen; wenn Gefühle hierbei vorkommen sollten, so sind sie äußerst inkonstant und selten und nicht charakteristisch. - Hiermit ist auch die Unhaltbarkeit größerer Teile der Gefühlsklassifikation von LIPPS im Kern behauptet; eine Einzeldurchführung ist hier nicht am Platz.

Bei BINET sind Gedanken oder Bewußtheiten das Bekanntheitsbewußtsein - das Bewußtsein des Nein. - Auch hier können sich Gefühle im strengen Sinn mit dem Gedanken verbinden; vielleicht können die Gefühle sogar zum Teil eine spezifische Qualität haben, zumindest scheint es mir nicht unmöglich, daß es Bekanntheitsgefühle gibt, und daß wir sie gelegentlich erleben. Ein spezifisches Gefühl der Verneinung (und ebenso der Bejahung) scheint mir aber nicht vorzukommen, sondern die so bezeichneten Erlebnisse sind Gedanken, die unmittelbar, aber erscheinungslos vorgefunden werden, und die sich nur gelegentlich mit Unlust (Lust-) und Aufmerksamkeitsgefühlen (24) vereinheitlichen. Derjenige, der glaubt, spezifische Gefühle in dieser Richtung zu erleben, hat die Aufgabe, Gelegenheiten aufzuweisen, in denen wir sie vorfinden; mir ist es bisher (trotz eifrigen Suchens) nicht gelungen, sie zu finden. Die Begleit"erscheinungen" konnte ich stets in anderweitig rubrizierte Gruppen unterbringen.

Was an zweiter Stelle bei BINET hervorgeht, ist die Tatsache, daß diese Erlebnisse unmittelbar vorgefunden werden.

Drittens ist bei BINET im Wort inconscient offenbar der Charakter des Unanschaulichen gegeben. Inconscient dürfte nicht unbewußt im Sinn des "Realen", Erschlossenen heißen; denn es ist unmittelbar vorgefunden, nur nicht als Erscheinung nachweisbar!

Einer besonders eingehenden Analyse bedarf der Tatbestand, den wir mit den Worten belegen: "ich freue mich an etwas". Leider ist diese Frage ohne die Besprechung des Gefühls als Erscheinung und seiner zwei verschiedenen Lokalisationsmöglichkeiten im phänomenalen Raum - und ohne die Abgrenzung des Wert"begriffs" nicht möglich; daß hier Bewußtheiten vorliegen können, sei bereits hier vermerkt; ich habe bei der Frage der Wirkungsakzente in der folgenden Arbeit hiervor zu sprechen.


§ 20. Der Anteil der Bewußtheiten
an der Wahrnehmung

Daß äußere Wahrnehmung nicht dasselbe wie Erscheinung in dem bisher bestimmten Sinn ist, beweist die klinische Tatsache der Seelenblindheit. Die Psychologie hat sich mit dieser Frage eigentlich schon lange im Problem des Wiedererkennens und in dem der Apperzeption abgegeben. Daß hier eine weitere Verarbeitung der Eindrücke vorliegen muß, scheint allen Forschern gesichert, aber das Was und Wie ist unsicher.

Wenn jemand meinen wollte, es liegt eine absolute Verständnislosigkeit in allen Fällen von Seelenblindheit vor, so befände er sich im Irrtum. Es gibt wohl Fälle, wo einige Gegenstände, die dem Patienten absolut geläufig waren, absolut unbekannt erscheinen - daß er aber gar keinen von den möglichen optischen, akustischen und sonstigen Teilinhalten des Gebietes seiner Kranheit erfaßt, ist wohl nie der Fall. Und besonders wichtig ist es, daß er viele Erscheinungen in beschränkter Weise erkennen kann, seinen Bruder als Menschen oder als Mann, aber nicht als seinen Bruder, Häuser als Häuser, aber nicht als individuell charakterisiert usw.

Durch diese Gruppe von Fällen finden wir die Parallele zu den Alltagserscheinungen, wo wir in Stumpfsinn und Gleichgültigkeit oder in einer Gedankenkonzentration Erscheinungen des seitlichen Gesichtsfeldes der äußeren und inneren Wahrnehmung ebenfalls nur beschränkt auffassen: z. B. einen Menschen auf der Straße als Offizier, aber nicht als den uns wohl bekannten Offizier. Es treten nun derartige innere Bedingungen der Auffassung in die gleiche Reihe mit anderen Bedingungen: z. B. dem Dämmerlicht, das uns Einzelheiten verhüllt, insofern sie uns hindern, die "assoziativen" Prozesse weiter als bis zu den allgemeinsten Bestimmungen des Gesehenen gehen zu lassen.

Von gleicher Natur erscheinen dem Psychologen die Hemmungen bei der anatomisch bedingten Seelenblindheit: Blutungen, Gewebezerstörungen, Narben usw. sind der Grund, daß die wohl eingeübten "assoziativen" Prozesse nicht weiter ablaufen. Sie werden an einer Stelle, die sonst unbemerkt überschritten wurde, aufgehalten.

Was wir sonst nur durch logische Bestimmungen erreichen konnten, hat uns hier das experimentum naturae in anschaulichster Weise gegeben: die komplexe Natur eines scheinbar einfachen seelischen Gebildes, der Wahrnehmung.

Von Bewußtheiten dürfen wir nun hier sprechen, weil eine Änderung der Erscheinung bei der Auffassung eines Inhaltes in bestimmter Hinsicht nicht eintritt, wohl aber weil sich hier etwas Neues, das bisher fehlte, findet. Dieses Plus ist keine Erscheinung, ist unanschaulich, aber unmittelbar vorgefunden - also eine Bewußtheit, ein Gedanke. Wir können damit diese Fälle der Wahrnehmung unmittelbar an die der Vorstellungen anschließen, wie sie in § 18 untersucht wurden. Wir fragten uns dort: "Wie weit denken wir in Symbolen?" - Wir "denken" somit auch in der Wahrnehmung - doch nicht in dem Sinne, daß wir Erscheinungen gedanklicher Tätigkeit erleben, sondern die Faktoren dieser Tätigkeit arbeiten in uns, ohne daß wir uns dabei aktiv spüren und fühlen.

Eine nähere Ausführung dieses Punktes erfolgt später (§ 24) unter der Überschrift: Die Gegenstandsfrage in der Auffassung des Naiven. Es darf nur noch kurz darauf hingewiesen werden, daß naturgemäß Halluzination und Jllusion gleichfalls Arten der Wahrnehmung, Einheiten aus Erscheinung und Bewußtheit sind. Sie unterscheiden sich von der Seelenblindheit dadurch, daß eine Hemmung der Prozesse hier nicht stattfindet, wie das eben beschrieben ist. Der Wahrnehmung sind sie psychologisch durchaus gleichartig, denn die unvermerkt mit der Erscheinung sich vereinheitlichenden Gebilde sind psychologisch gleicher Natur wie bei der normalen adäquaten Wahrnehmung des Erwachsenen. Der Unterschied liegt in der erkenntnistheoretischen Dignität, d. h. nur, wenn an den Prozeß der Halluzination sich weitere Prozesse anschließen, die diesen Halluzinationsprozeß und zwar seinen Bewußtseinsanteil, zum Gegenstand machen und fragen: wie verhält sich der hier halluzinatorisch wahrgenommene Gegenstand zu unseren sonstigen Erfahrungen? dann tritt ein Widerspruch ein, dessen Ergebnis dahin lautet, daß die auf jenen Halluzinationsprozeß gebauten Urteil falsch sind. -

In diesen beiden Fällen scheint eine Vermengung vom psychologischen und erkenntnistheoretischen Standpunkt vorzuliegen. Leider ist es unmöglich, rein psychologisch vorzugehen, ohne erkenntnistheoretisch mißverständlich zu sein. Die Klärung hierfür sollten die folgenden Paragraphen bringen: eine gleichzeitige Behandlung mit einer Scheidung beider Standpunkte ist keine Vermengung. Erst das Schlußkapitel kann Klarheit bringen!



LITERATUR - Friedrich Emil Otto Schultze, Einige Hauptgesichtspunkte der Beschreibung in der Elementarpsychologie, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 8, Leipzig 1906
    Anmerkungen
    18) Näheres hierüber ergibt sich aus meiner Arbeit "Beitrag zur Psychologie des Zeitbeswußtsein. Hier genügt, daß die Zahlen bei selbständiger Untersuchung des Grundes dieser Prädikation annähernd gleich waren!
    19) vgl. FREUD, Psychopathologie des Alltagslebens, Berlin 1904.
    20) vgl. hierzu meinen demnächst erscheinenden Beitrag zur Psychologie des Zeitbewußtseins.
    21) Aus AUGUST MESSERs Versuchsanordnung
    22) vgl. hierüber den § 30.
    23) vgl. hierzu die folgende Arbeit über "Wirkungsakzente" (§ 12).
    24) Man erlabe mir diesen vagen Ausdruck, um subjektive Erlebnisse intellektueller Beteiligung zu benennen; für eine genauere Besprechung darf ich auf eine der späteren, in diesem Archiv erscheinenden Arbeiten verweisen.