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EUGEN WECK
Der Erkenntnisbegriff bei Paul Natorp
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"Es gibt für uns keine Dinge, kein Sein, das nicht von uns erkannt ist; folglich, so lautet der Schluß, ist das Erkennen des Dings-ansich für uns unmöglich. Das ist der Ausgangspunkt des Idealismus und Subjektivismus. Ein Gegebensein darf nur als Charakter der zu lösenden Aufgabe aufgefaßt werden. Die Aufgabe selbst, der Gegenstand, ist ein zu bestimmendes X."

"Wäre es nicht denkbar, daß zwar unser ganzer Erkenntnisinhalt eine bloße Produktion rein subjektiver Art ist, aus der wir überhaupt nicht herauskommen können, so daß wir also zwar Schöpfer des Seins wären, daß es aber trotzdem eine objektive Welt gäbe, die wir allerdings dogmatisch vorauszusetzen hätten."


Einleitung

Wie beim entstehenden Kristall sich um den Kern Schicht auf Schicht aufhäuft, so fügt in der gesamten empirischen Forschung jeder Tag unserem Erkennen neues Material hinzu oder vertieft unser bisheriges Wissen. Mögen auch heute vielleicht noch als unumstößlich geltende wissenschaftliche Theorien morgen etwa durch eine neue Entdeckung als unbrauchbar aufgegeben werden, so verbleibt doch den empirischen Wissenschaften, wir möchten sagen, ein eiserner Bestand von Erkenntnissen, auf deren Grundlage immer weiter aufgebaut wird. Darum dürfte es kaum jemandem trotz etwaiger Meinungsverschiedenheiten im einzelnen oder katastrophaler Umwälzungen der Grundanschauungen (1) z. B. in der Chemie einfallen, an der Möglichkeit der Chemie als Wissenschaft zu zweifeln. Ganz anders die Philosophie.
    "Wie im wandelnden Jahr auf die Phasen des Wachsens und Blühens die des Verwelkens und Absterbens regelmäßig sich folgen, so sehen wir auch in der Philosophie einen beständigen Wechsel zwischen den Epochen des mächtigen Aufschwungs und des unaufhaltsamen Niedergangs." (2)
In der Tat scheint den Schlußstein der Zeiten der genialsten Kraftentfaltung des menschlichen Denkens regelmäßig die Erkenntnis zu bilden, daß der Mensch eine abschließende und zugleich befriedigende Lösung der letzten Fragen nach dem Sinn und der Bedeutung des Lebens nicht zu finden vermag. Und das ist gerade das Tragische in der Geschichte der Philosophie, daß sie zwar nicht nur Wissen um des Wissens willen sein soll, sondern Weisheit, d. h. der Wissenschaft für das Leben (3), daß sie sich aber immer wieder als unzulänglich zu erweisen scheint, dieser hohen Aufgabe zu genügen (4). Nur die Philosophie der peripatetisch-scholastischen Richtung kann als eine philosophia perennis [ewige Philosophie - wp] gelten; denn selbst die Zeiten ihres Niedergangs haben ihre Existenz nicht in Frage gestellt. Der Grund dieser Erscheinung liegt nicht so sehr in der philosophischen Spekulation als solcher, als vielmehr zum großen Teil am engen Anschluß an die Theologie. Die ein für allemal feststehende Grundlage des peripatetisch-scholastischen Denkens ist das feste Vertrauen auf die Zuverlässigkeit unserer Sinne und unserer Vernunft. Dazu kommt, was aber hier belanglos ist, die Anerkennung jener Autoritäten, die als glaubwürdig anzusehen sind. Man hat diese Grundanschauung "naiven Realismus" genannt. Soll hier "naiv" bedeuten, daß diese Grundanschauung auch die allgemein menschliche des ungelehrten Mannes ist, dem der Wahrnehmungsinhalt nicht ein Welt des Scheins, sondern des realen Seins bedeutet, so kann diese Bezeichnung sachlich nicht beanstandet werden (5). Sie ist aber dann unrichtig, wenn durch sie von der Scholastik ausgesagt werden soll, daß sich diese über jene Grundanschauung keine Rechenschaft gegeben hätte.

Erst KANT hat die Frage nach der Tragweite unserer Erkenntnis und damit nach der Möglichkeit der Metaphysik in ihrem ganzen Umfang einer systematischen, von den übrigen Teilen der philosophischen Wissenschaften abgesonderten Prüfung unterworfen. Allerdings ist nicht die unbedingte Annahme seines Systems das integrierende Moment der modernen Spekulation geworden, bietet doch allein schon die Interpretation seiner Schriften Anlaß zu fundamentalen Meinungsverschiedenheiten. Vielmehr ist heute seine Kritik, oder, wie es auch heißt, die Methode seiner Kritik oder seine Methode des Philosophierens Gemeingut fast der gesamten modernen philosophischen Welt.

Innerhalb des heutigen "Neukantianismus", der zu Ende der 50er und zu Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit seiner Losung: "Zurück zu Kant!" ein erneutes intensives Studium der Philosophie des Königsberger Philosophen anbahnte, ist vor allem die sogenannte "Marburger Schule" in den letzten Jahren produktiv hervorgetreten.

Vorliegende Arbeit soll von der Anschauung ausgehend, daß ein erkenntnistheoretisches System von vornherein durch den Begriff der Erkenntnis bedingt ist, den letzteren bei der "Marburger Schule" (6), insbesondere aber bei PAUL NATORP aufzurollen versuchen, um von diesem Grundproblem aus eine Auseinandersetzung über die Gültigkeit, sowie ein Urteil über die Bedeutung dieses neuen Erkenntnisbegriffs in der Geschichte der Philosophie zu ermöglichen.


Erster Teil
Philosophie der "Marburger Schule"
im Allgemeinen.

I. Abschnitt
Die "Marburger Schule" und die
transzendentale Methode

1. Kapitel
Natorps Auffassung von der Bedeutung
der "Marburger Schule" (7) und die
Hauptvertreter derselben.

Es ist in der vermittelnden Stellung der kantischen Philosophie begründet, daß ihr Phänomenalismus in der Folgezeit "entweder zu einem reinen Idealismus oder zu einem kritischen Realismus umgestaltet wird." (8) Innerhalb der idealistischen Auffassung des kantischen Systems lassen sich wiederum die beiden Richtungen des transzendentalen oder kritischen, objektiven oder logischen (9) Idealismus und des subjektiven Idealismus unterscheiden.

Der logische Idealismus setzt sich zusammen aus
    1) der fortgebildeten kantischen Transzendentalmethode und
    2) dem Idealismus.
Er beruth auf der Grundanschauung KANTs, daß eine wissenschaftlich gültige Aussage über das Transzendente, d. h. über die Dinge-ansich, aus dem Grund unmöglich ist, weil hierbei die Grenzen möglicher Erfahrung überschritten werden. (10) Dabei betrachtet er es als die Hauptaufgabe der Philosophie, mittels der Erkenntniskritik den methodischen Weg zu zeigen, durch den allein Erkenntnis, die sich lediglich als Produkt des Geistes darstellt, überhaupt möglich ist.

Zweifelsohne hat die "Marburger Schule" durch die transzendental-logische Betrachtungsweise in der Kantinterpretation Bedeutendes geleistet (11). Ihr Führer, HERMANN COHEN, hält zunächst einmal eine Klarstellung des buchstäblichen Sinnes der kantischen Sätze für erforderlich, damit diese aus ihrem eigenen urkundlich feststehenden Prinzipalgedanken verstanden werden (12). Der Ausgangspunkt der neukantischen Bewegung ist somit historisch orientiert. Für sie ist in KANT mehr als nur eine Tendenz wirksam; indessen soll bisher ein reiner Ausgleich unter den mancherlei in ihm arbeitenden Motiven noch nicht erreicht sein. (13) Als die hervorragende Tat KANTs, auf der allein seine historisch ausschlaggebende Wirkung beruhen, und in welcher der Keim zu einer Weiterentwicklung der kantischen Philosophie liegen soll,
    "als den Kerngedanken ..., zu dem alles andere in Kant in Beziehung zu setzen, von wo aus es zu verstehen und zu bewerten ist, begriff Cohen den Gedanken der transzendentalen Methode"
als die "bewegende, die vorwärtstreibende schöpferische Kraft" (14) seiner Gedankenbildung. Die einzelnen Lehrstücke der kantischen Philosophie jedoch sind für die "Marburger Schule" kein reiner, restloser Ausdruck dieser Methode (15), d. h. während die transzendentale Methode KANTs angenommen wird, verwirft man einen großen Teil seines Systems (16).

Derjenige Philosoph, welcher der neukantianischen Bewegung des vorigen Jahrhunderts zum Sieg verhalf, ist FRIEDRICH ALBERT LANGE. Er war es, der durch seine geistvolle "Geschichte des Materialismus" (17) am Meisten zur Überwindung des durch MOLESCHOTT, BÜCHNER und VOGT vertretenen naturwissenschaftlichen Materialismus beigetragen hat. Obgleich er kein Kantianer im strengeren Sinn ist, bewegt sich seine Denkweise hinsichtlich ihrer theoretischen wie praktischen Grundtendenz im großen Ganzen in der Richtung des kritischen Idealismus (18). Eine Schule zu begründen entsprach nicht LANGEs Wesen. COHEN, NATORP, STADLER, STAMMLER, LASSWITZ, STAUDINGER, VORLÄNDER verwerfen LANGEs Agnostizismus und unterscheiden sich "gerade was ihren Kantianismus angeht" (19) wesentlich von ihm.

Die eigentliche Fortbildung erhielt die kantische Erkenntnistheorie erst durch HERMANN COHEN. Die Auffassung, daß COHEN ein Schüler LANGEs ist, dürfte, wie seine schriftstellerische Entwicklung beweist, unrichtig sein (20). Der Grundzug der Philosophie der "Marburger Schule", das Hauptgewicht auf die Methode und weniger auf den materiellen Inhalt philosophischer Lehrsätze zu legen, tritt hauptsächlich in seinen späteren Werken hervor. Eben dieser Grundzug erklärt auch die relative Selbständigkeit der übrigen Vertreter der "Marburger Schule" sowohl COHEN gegenüber wie auch untereinander. Daher hat VORLÄNDER zweifellos recht, wenn er behauptet, daß die von COHEN beeinflußten Denker nicht als Schüler aufzufassen sind, die auf des Meisters Worte schwören, sondern als solche, die von ihm nur die methodische Grundrichtung empfangen, sich dann aber selbständig nach verschiedenen Richtungen weitergebildet haben. (21)

PAUL NATORP (22) hat wohl durch Wort und Schrift bisher am wirksamsten die "Marburger Schule" vertreten. Bei der Bearbeitung seines Systems vom Studium des klassischen Altertums ausgehend, ist er in größeren Kreisen durch seinen Versuch bekannt geworden, die Ursprünge des kantischen Kritizismus bis auf PLATO zu verfolgen. (23) Aber NATORP ist nicht nur historisch orientiert, sondern er sucht auch in der modernen Wissenschaft, besonders in der Mathematik und exakten Naturforschung eine unverrückbare Stütze zur Sicherstellung seines Systems (24). Zweifelsohne empfängt der Fachphilosoph und besonders der Erkenntnistheoretiker von der modernen wissenschaftlichen Detailforschung die fruchtbarsten Anregungen (25). Daß NATORP durch eine Annäherung an die exakten Wissenschaften eine Förderung der Erkenntnistheorie erhofft, erscheint uns daher als eine besonders wertvolle Seite seiner Bestrebungen überhaupt. Ist er sich auch der Unzulänglichkeit des Einzelnen gegenüber einer allseitigen Fühlungnahme mit der modernen Forschung bewußt, so glaubt er doch, daß sich durch das Prinzip der Arbeitsteilung eine befriedigende Lösung der ihm vorschwebenden Aufgaben ermöglichen läßt (26).

Nach NATORP stehen wir gegenwärtig in einer Zeit mächtiger Umwälzungen sowohl der Wissenschaft wie auch der Philosophie (27), ist heute ein neuer Drang nach Philosophie vor allem im jungen Geschlecht erwacht (28). Mit modernen Philosophen teilt NATORP das eigenartige Bestreben, den angeblich gegen früher völlig veränderten Bedürfnissen der Gebildeten durch die Schaffung einer neuen Lebens- und Weltanschauung gerecht zu werden. Für ihn ist jedoch
    "die Wahl zwischen der kritischen und der dogmatischen Ansicht der Erkenntnis nicht länger Meinungssache, sondern für jeden, für den die Jahrhunderte wissenschaftlicher Arbeit seit dem Beginn der neuen Zeit nicht vergeblich gewesen ist, unweigerlich und endgültig entschieden." (29)

2. Kapitel
Die transzendente Methode der
"Marburger Schule".

Die transzendentale Methode KANTs wird zwar von der Marburger Schule übernommen, indessen in wichtigen Punkten umgeändert. Ich hebe die wichtigsten hervor:

1. Die Marburger Schule verlangt für jede philosophische Aufstellung in einem strengeren Sinn als KANT eine transzendentale Begründung oder Rechtfertigung, eine "deductio juris" (KANT). Es wäre aber grundfalsch, bei dem Wort "Begründung" an einen Beweis zu denken, etwa im Sinne der aristotelischen Apodeixis (30). Vielmehr schließt die genannte Forderung folgende Stücke in sich.

a) Der Objektbereich der Philosophie deckt sich mit Erfahrung in einem weiten Sinn des Wortes (31). Die Erfahrung vollzieht sich innerhalb der gesamten menschlichen Kulturarbeit, der Wissenschaft, Religion, Sittlichkeit, Kunst (32). Nach COHEN besteht die welthistorische Bedeutung KANTs in der durch die "Kritik der reinen Vernunft" vollzogenen Scheidung zwischen Logik und Metaphysik. (33) Indessen finden wir schon bei ARISTOTELES eine klar ausgeprägte Trennung beider philosophischer Gebiete. Dabei bildet ARISTOTELES die Logik so vollkommen aus, daß man ihn als ihren eigentlichen Begründer anerkennen darf, der durch sie die Grundlage für alle Wissenschaft gelegt hat. Vor allem sucht er das Wesen und die Methode des wissenschaftlichen Beweises in voller Deutlichkeit zu bestimmen. Als höchstes Prinzip des Beweises, das durch sich absolut gewiß und selbst unbeweisbar ist, stellt er den Satz des Widerspruchs auf. (34) Auf dem Grund der Logik errichtet ARISTOTELES sein Lehrgebäude der Metaphysik. KANT dagegen schafft eine sogenannte kritische Logik und verwirft aufgrund dieser die Metaphysik. Nach KANTs Vorbild lehnt auch die "Marburger Schule" die Metaphysik als solche ab.

b) Das zweite Moment der transzendentalen Methode besteht in dem Nachweis des Grundes der Möglichkeit und damit des Rechtsgrundes zum Faktum (35). Der Gesetzesgrund, die Einheit des Logos, der Ratio in der gesamten schaffenden Kulturarbeit soll aufgezeigt und zur Reinheit herausgearbeitet werden (36). Die Philosophie bleibt streng und ausschließlich gerichtet auf jegliche Art von Objektgestaltung, die sie in ihrem reinen Gesetzesgrund erst zu erkennen und in dieser Erkenntnis zu sichern, d. h. vor Abweichungen aus ihrer Gesetzmäßigkeit zu bewahren sucht. (37) Die Philosophie soll sich einerseits auf die Erfahrung beziehen, sich andererseits "dem Gesichtspunkt nach" über sie erheben; sie transzendiert in diesem rein methodischen Sinn (38). Dieses zu einer höheren Stufe der Betrachtung führende, durch das Wort "transzendental" gekennzeichnete methodische Hinaufsteigen steht aber keineswegs mit der Immanenz des echten Erfahrungsstandpunktes in Widerspruch, sondern deckt sich geradezu mit ihr. Die transzendentale Methode will nicht dem empirischen Schaffen von außen her die zu befolgenden Gesetze vorschreiben, sondern will nur das Gesetz sein, "durch das sie überhaupt, selbst als Aufgabe allein möglich ist." (39) So wird die Philosophie lediglich zu einer Methode, die besagt, daß alles fixe "Sein" sich in einen "Gang", in eine Bewegung des Denkens nach einem Ziel oder in sonstwie sicherer Richtung lösen muß (40).

2. Aufgrund dieses Erfahrungsstandpunktes sollte man meinen, daß die Außenwelt als gegeben vorausgesetzt, d. h. eine realistische Weltanschauung vertreten wird. Indessen gehört es zu den meist betonten Lehrstücken der Marburger Schule: Nichts darf als "gegeben", d. h. ohne eine Rückführung oder zumindest überhaupt abzusehende Rückführbarkeit bis auf den letzten Einheitsgrund schaffender Erkenntnis hingenommen werden. (41) Was ist damit gesagt. Es ist so oft der Gedanke KANTs als eine epochemachende Tat bezeichnet worden: Es gibt für uns keine Dinge, kein Sein, das nicht von uns erkannt ist; folglich, so lautet der Schluß, ist das Erkennen des Dings-ansich für uns unmöglich. Das ist der Ausgangspunkt des Idealismus und Subjektivismus. Ein Gegebensein darf nur als Charakter der zu lösenden Aufgabe aufgefaßt werden (42). Die Aufgabe selbst, der Gegenstand, ist ein zu bestimmendes X (43). Das Ding-ansich ist ein Grenzbegriff, "der die Erfahrung in nichts anderem mehr als ihrem eigenen schöpferischen Gesetz begrenzt." (44) Es gibt kein Gegebenes im Sinne eines Fertigen, ein für allemal Abgeschlossenen, das der immer weiter vordringenden Bearbeitung der Erkenntnis durch seine absolute Bestimmtheit entzogen ist und es darf es der Natur der Erkenntnis nach auch nicht geben (45). Hieraus erklärt es sich, daß die "Marburger Schule" unter Wissenschaft nicht den Inbegriff des fertigen Wissens, sondern das Wissen-Schaffen selbst versteht, die sich nie erschöpfende Arbeit der Erforschung des bisher Unerkannten. (46)

3. Die gesamte Sachlage erhält durch den Umstand ihre besondere Prägnanz, daß die Philosophie zu einer bloßen Methode herabgedrückt wird und zwar zu einer Methode in einem objektiven Sinn. Das geht klar aus der Erörterung derjenigen Stücke hervor, in denen NATORP
gegen KANT polemisiert. KANT nimmt seinen Ausgangspunkt, man möchte im Sinne der Marburger Schule sagen, in naiver Weise von einem Dualismus der Erkenntnisfaktoren, von einem außerhalb der Erkenntnis gegebenen und das erkennende Subjekt affizierende Objekt. Dadurch überschreitet er aber nach NATORP die Grenze des Dings-ansich. (47) Für NATORP entspringt alle Beziehung auf den Gegenstand, aller Begriff vom Objekt und also auch vom Subjekt ganz allein der Erkenntnis selbst, ihrem eigenen Gesetz zufolge (48). Soll überhaupt für ihn eine gesetzmäßige Beziehung zwischen Gegenstand und Erkenntnis begreiflich werden, so muß sich der Gegenstand nach der Erkenntnis und nicht umgekehrt die Erkenntnis nach dem Gegenstand richten (49) (KANT).

4. Die "Marburger Schule" bekämpft ferner die kantische Unterscheidung zwischen Anschauung und Denken, indem sie davon ausgeht, "daß Zeit und Raum als Formen der Anschauung von reinen Denkbegriffen scharf unterschieden, dennoch nicht sinnliche Gegebenheiten sind." (50) KANT glaubte ja damit ein Apriori sogar der Sinnlichkeit entdeckt zu haben (51); für NATORP dagegen ist die Anschauung in der Erkenntnis gegenüber dem Denken kein "denkfremder Faktor"; sie ist ein Denken, nur nicht kein bloßes Gesetzesdenken, sondern ein volles Gegenstandsdenken. (52) Die Gegebenheit wandelt sich so zum Postulat der Wirklichkeit; sie gewinnt eine rein modale Bedeutung (53). Setzt beispielsweise die Naturwissenschaft zur Bestimmung irgendeiner Tatsache Zeit und Ort als feststehend voraus, so ist diese Voraussetzung nach NATORP lediglich ein Postulat. NATORP nennt die Gegebenheit von Raum und Zeit ein "Wagnis der Hypothesis", ohne welche der Prozeß der Erfahrung weder in Gang kommen wird, noch im Gang bleiben kann (54).

5. Auch die Materie der Erkenntnis ist nicht als gegeben oder wirklich in einem objektiven Sinne aufzufassen. Die Empfindung, welche in der transzendentalen Ästhetik KANTs der Materie korrespondiert, wird "selbst zum bloßen Ausdruck des Problems der Erfahrungsbestimmtheit, der Intention der Wirklichkeitsaussage auf das Einzelne der Quantität, der Qualität und der Relation." (55) Demnach bedeutet neben Anschauung und Empfindung nichts "denkfremdes", sondern ist Selbstdenken.

6. Endlich noch muß der Begriff der Kategorien eine "radikale Neubegründung" erfahren. Bedeuten für KANT die Kategorien Verstandesformen mit dem "Charakter einer angeborenen Geistesbeschaffenheit ansich" (56), die nur insofern Formen der Wirklichkeit sind, als "dieses Wirkliche in diese Formen eingehen muß, um überhaupt für uns Wirklichkeit zu sein" (57), so sind die Kategorien für die "Marburger Schule" keine starren Gegebenheiten, sondern Formen des Seins im Erkennenden, und zwar sind sie so aufzufassen, daß "eine Entwicklung" im Erkenntnisprozeß "ins Unendliche" möglich ist. (58) Die Kategorien selbst sind nicht als Erkenntnisse anzusehen, sie sind "methodische Mittel, um den Gegenstand der "Erfahrung" (d. h. der mathematischen Naturwissenschaft) zu denken." (59) Da sie keine angeborenen Begriffe sind, hat die Frage nach ihrer psychologischen Genese keine Stelle in der logischen Betrachtung: "nicht das Bewußtsein von Individuen wird analysiert und auf seine Entwicklung untersucht, sondern der Inhalt wissenschaftlicher Disziplinen." (60)

7. Für den methodischen oder kritischen Idealismus ist also die sogenannte objektive Wirklichkeit, der Gegenstand der Erkenntnis für das naive Denken, nicht gegeben, sondern sie wird durch das Denken erst erzeugt. Denken ist darum schaffende Objektivität in einem beständigen Entwicklungsgang zur Vollkommenheit. Aus der Erkenntnis ist jeder Faktor auszuschließen, der nicht aus der Erkenntnis selbst stammt. Denken heißt Bestimmung des Unbestimmten, in dem das vermeintlich Gegebene der Erfahrung zum X, zum erst zu Bestimmenden und zwar niemals schlechthin Bestimmbaren wird. (61) Die Objekterkenntnis ist deshalb stets bedingt, weil es weder Subjekt noch Objekt jenseits vor oder außerhalb der Erkenntnis gibt. Ist das Objekt zwar nur Erkenntnisgegenstand für die jeweilig erreichte Stufe der Erkenntnis, so wird damit der Objektivitätscharakter der Erkenntnis nicht zweifelhaft; Objektivierung bleibt Entsubjektivierung, Heraushebung aus dem Subjektiven. (62)

8. Wir schließen unsere allgemeinen Bemerkungen über die Philosophie der "Marburger Schule" mit einer kurzen Zusammenfassung ihrer hauptsächlichen Lehren ab.

a) Nach FICHTEs und HEGELs Vorbild versucht die "Marburger Schule" den durch das Apriori und das Gegebene der Empfindung bedingten Dualismus des kantischen Systems aufgrund der Ableitung beider aus der alleinigen Quelle der Erkenntnis auszugleichen un damit ein System des strengsten erkenntnistheoretischen Monismus zu schaffen. (63)

b) Sie verwirft jeden Denkinhalt, der nicht auf die Fakta der Wissenschaft, der Religion, der Sittlichkeit und der Kunst bezogen ist. Von einem positivistischen Standpunkt aus beantwortet sie die Frage nach der Existenzberechtigung einer Metaphysik als Wissenschaft in einem negativen Sinn (64), ist dagegen mit KANT von der Notwendigkeit der Erkenntnistheorie überzeugt.

c) Die eben angeführten Fakta sind Erfahrung im weitesten Sinn des Wortes. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, nicht nur die Möglichkeit der Erfahrung darzulegen, sondern letztere auch durch den Nachweis ihrer Gesetzmäßigkeit sicherzustellen.

d) Bei diesem Nachweis geht die "Marburger Schule" zwar von dem Grundgedanken KANTs, der transzendentalen Methode, aus; aber in der Durchführung desselben glaubt sie seine Lehre von bedeutenden Reststücken des Realismus und Empirismus reinigen zu müssen, was gleichbedeutend ist mit: Philosophieren wie KANT, aber Ablehnung des größten Teils seines Systems, d. h. Konstruktion des Erkenntnisbegriffs lediglich aus den subjektiven Faktoren des Erkenntnisprozesses, dagegen im Gegensatz zu KANT eine Ausschaltung aller gegenständlichen Elemente.


II. Abschnitt
Die Voraussetzungen des Natorpschen Erkenntnisbegriffes
1. Kapitel
Bildliche Darstellung des Erkenntnisvorganges
bei Realismus und Idealismus

1. Denken wir uns einen Künstler, der die Büste eines hervorragenden Mannes zu modellieren hat. Diesem Künstler ist das Objekt seiner Arbeit gegeben und seine Aufgabe besteht lediglich in der Nachbildung eines unabhängig von ihm vorhandenen Gegenstandes. Die von ihm geleistete Arbeit ist zwar das Werk des Meisters ihrer Form, nicht aber der Idee ihres Inhaltes nach, der ja vollkommen unabhängig in seiner Existenz vom Künstler vorhanden ist. Stellen wir uns nunmehr einen zweiten Bildhauer vor, der von der soeben erwähnten Arbeit keinerlei Kenntnis hat, ja ihren Schöpfer nicht einmal kennt, ebensowenig wie die modellierte Persönlichkeit. Nun wäre es denkbar, daß dieser zweite Künstler die Idee faßte, die Büste eines bedeutenden Menschen zu schaffen und zwar könnte zufällig die Idee von diesem Menschen, die der Künstler in sich in freier Schöpferarbeit hervorgebracht hat, vollständig übereinstimmen mit den Eigenschaften des zuerst genannten wirklich existierenden Mannes. Nehmen wir ferner an, daß es diesem Künstler gelingt, seine Idee vollkommen zu verwirklichen. Dann müßte sein Kunstwerk genau übereinstimmen mit dem des ersten Künstlers, und zwar wäre es nicht nur der Form sondern auch dem Inhalt nach seine Schöpfung. Während nun das erste Kunstwerk objektiven Charakters ist, d. h. etwas darstellt, was wirklich existiert, ist das zweite Bildnis zwar faktisch auch objektiv, aber vom Standpunkt seines Schöpfers aus rein subjektiv. Höchstens könnte letzterer für den objektiven Charakter seines Werkes eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Solange der zweite Bildhauer auf sich selbst beschränkt bleibt, könnte er nie zur Erkenntnis des objektiven Charakters seines Kunstwerkes gelangen.

2. Verstehen wir hier unter der Tätigkeit der beiden Künstler den Erkenntnisprozeß, so ergibt sich deutlich: Das Erkennen ist ein Schaffen, ein Produzieren eines Gegenstandes. Das Erkennen ist also in beiden Fällen nicht etwa eine bloße Affektion, eine Reizung, sondern eine Tätigkeit aufgrund einer äußeren Reizung, wie ja auch der Tätigkeit des Künstlers eine Anregung vorausgeht. Der erkenntnistheoretische Realismus erblick nun im Erkenntnisakt, besser gesagt im Produkt des Erkenntnisaktes, d. h. im Erkenntnisakt ein Etwas, das die Außenwelt widerspiegelt, sie in allen Zügen getreulich nachbildet. Dadurch tritt der ganze Geist mit der ganzen Welt in Zusammenhang und wird gewissermaßen alles. Für den Idealisten ist der Erkenntnisakt ebenfalls ein Schaffen, aber er kann nicht wissen, ob diesem Schaffensprodukt ein Inhalt in der Außenwelt entspricht. Das reale Sein ist hier weggefallen, das ideale allein ist geblieben.

Hieraus ergibt sich für unsere Untersuchung unmittelbar die Frage: Inwiefern ist in der Marburger Schule der Erkenntnisbegriff produktiv oder reproduktiv? Kann er nach dem einmal für alle Zeiten als richtig vorausgesetzten kritischen Standpunkt NATORPs überhaupt noch reproduktiv sein? Ist der Erkennende nach NATORP der erste oder der zweite Bildhauer?

3. Ist aber für den Idealisten kein Ausweg mehr aus dem Bannkreis des Subjektivismus möglich? Wäre es nicht denkbar, daß zwar unser ganzer Erkenntnisinhalt eine bloße Produktion rein subjektiver Art ist, aus der wir überhaupt nicht herauskommen können, so daß wir also zwar Schöpfer des Seins wären, daß es aber trotzdem eine objektive Welt gäbe, die wir allerdings dogmatisch vorauszusetzen hätten und daß wir nur die Annahme zu machen brauchen, daß unsere Erkenntnis so eingerichtet ist, daß sie wie der zweite Bildhauer die Welt objektiv reproduziert, ohne es selbst wissen zu können? Man denkt hier unwillkürlich an eine Art prästabilierte Harmonie oder auch Parallelismus. Wie stellt sich NATORP zu dieser Möglichkeit? Und damit gelangen wir zur zweiten Hauptfrage: Ist der Erkenntnisbegriff bei Natorp kritisch oder dogmatisch? Es ist ja KANT und seinen Nachfolgern immer und immer wieder vorgehalten worden, daß eine Krisis, d. h. eine Festsetzung der Grenzen im Erkenntnisgebiet allen Ernstes garnicht möglich ist. Beispielsweise hat LEONARD NELSON in seinem Vortrag über "*Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie" (65) die alte unseren Kritizisten stets unbequeme Tatsache aufs Neue betont, daß doch Erkenntnistheorie nur möglich ist durch Erkennen. Dasselbe Erkenntnisvermögen wäre also gleichzeitig Mittel der Erkenntnis und Kriterium der Erkenntnis. Gelänge es auch einwandfrei, den kantischen Kritizismus so durch ein System überzeugender, lückenloser Sätze nachzuweisen wie etwa einen geometrischen Satz, so bliebe doch die Tatsache bestehen, daß die einzelnen Bestandteile dieses Systems durch das Mittel der Erkenntnis geschaffen sind. Muß für diese Erkenntnis wiederum eine Erkenntnistheorie aufgestellt werden und so fort bis ins Unendliche, oder müssen wir die Richtigkeit dieses Erkennens dogmatisch voraussetzen, d. h. als richtig annehmen, ohne daß wir es beweisen können? Will man einmal grundsätzlich allen Dogmatismus aus der Wissenschaft entfernen, so ist auch dieser zu eliminieren. Und das will NATORP. Wir fragen also: Welchen außerdogmatischen Standpunkt nimmt NATORP ein, um einen Erkenntnisbegriff zu formulieren, der die Grundlage seines Systems bildet? Denn nach dem Standpunkt bei dieser Frage ist die Art der Bestimmung des Erkenntnisbegriffs völlig verschieden. Bei Ablehnung jeglicher Dogmatik ist die Aufstellung desselben eine Art Schöpfung. Im anderen Fall ist sie nur explikativer Natur, d. h. Darstellung oder Beschreibung von etwas Gegebenem.

4. Im Anschluß hieran wäre zu der Frage Stellung zu nehmen, ob die Marburger Schule berechtigt ist, einerseits grundsätzlich einen neuen Erkenntnisbegriff gegenüber der Vergangenheit zu fordern, andererseits die neue Begriffsbestimmung als einen Fortschritt über ARISTOTELES und KANT hinaus zu bewerten. Das Endziel unserer Untersuchung bildet schließlich die Beantwortung der Frage, ob dem System der "Marburger Schule" "für die großen und allgemeinen Probleme" (66) der Wissenschaft überhaupt irgendeine Bedeutung zukommt.


2. Kapitel
Die Philosophie Natorps

1. Um uns eine Vorstellung von der eigenartigen Gedankenwelt NATORPs zu machen, sei zunächst seine Erklärung des Begriffs Philosophie erörtert (67); sie führt uns mit einem Schlag mitten in seine Erkenntnistheorie hinein.
    "Philosophie ist nach ihrem historischen Begriff die Grundwissenschaft, d. h. diejenige Wissenschaft, welche die Einheit der menschlichen Erkenntnisse durch den Nachweis des gemeinsamen letzten Fundaments, auf dem sie alle ruhen, sicherstellen soll." (68)
Das ist die "vorläufige Begriffsbestimmung". Es sind jedoch nach NATORP zahlreiche Sonderauffassungen innerhalb dieses allgemeinen Begriffs der Philosophie möglich und auch in der Tat versucht worden. (69) Welche "dieser möglichen Auffassungen" entspricht nun der "wahren Aufgabe einer Grundwissenschaft"? NATORP stellt als Kennzeichen der "wahren Philosophie" zwei Kriterien auf:
    a) Das formale Kriterium. Die "wahre Philosophie" muß auf den "unangreifbaren Grundlagen" beruhen, d. h. sie muß sich sowohl selbst als Wissenschaft ausweisen als auch in einem strengen Zusammenhang mit "aller sonstigen festgegründeten Wissenschaft" stehen (70).

    b) Das materiale Kriterium. Der Standpunkt der "wahren Philosophie" muß so hoch sein, daß letztere für die Gesamtheit der in den Bereich der menschlichen Erkenntnis fallende Gegenstände als Fundament ausreicht, d. h. sie muß nicht nur eine Abgrenzung der verschiedenen Interessen gegeneinander treffen, sondern dieselbe auch "in zentraler Einheit" zusammenbegreifen. (71)
Diesen beiden Forderungen genügt nach NATORP diejenige Philosophie, welche die Einheit der menschlichen Erkenntnisse nicht an deren Peripherie sucht, d. h. in den zu erkennenden Gegenständen, sondern im Zentrum der Erkenntnis selbst und ihrer eigenen inneren Gesetzlichkeit. NATORP nennt diesen Weg der Philosophie in Erinnerung an KANT den kritischen (72).

2. Welche Philosophie für NATORP einzig und allein als "wahre Philosophie" historische Geltung beanspruchen darf, zeigt eine Stelle aus seiner Schrift "Platos Ideenlehre" (73), wo es heißt, daß die Einführung in PLATO gleichbedeutend ist mit der Erziehung zur Philosophie. Bei ihm erwächst zunächst ihr ganzer Begriff; die Philosophie aber nach diesem ihrem strengsten historischen Begriff ist keine andere als: der Idealismus.

3. Der bei NATORP häufige Ausdruck "Einheit der menschlichen Erkenntnisse" (vgl. später) ist durch sein System begründet (74). Ansich kann er eine formale wie auch materiale Einheit bedeuten. Im ersteren Fall sind alle Erkenntnisse gleichartig, im zweiten von gleichem Inhalt. Offenbar kann es sich hier nur um eine formale Einheit handeln, welcher die Einheit des Ursprungs der Erkenntnisse zugrunde gelegt ist.

4. Ich gebe zu: NATORPs Gedanke, daß alle Erkenntnisse auf einem gemeinsamen letzten Fundament ruhen, birgt einen Wahrheitskern in sich. Tatsächlich ist die Philosophie von den übrigen Wissenschaften durch das spezifische Merkmal unterschieden, daß sich ihr Gültigkeitsbereich nicht auf irgendein Gebiet beschränkt (75) und auch nicht auf die Gesamtheit aller Gebiete nach deren vollem Umfang ausgedehnt werden kann. Indem die Philosophie Anspruch auf den Rechtstitel einer Wissenschaft erhebt, will sie zugleich nicht eine besondere eines besonderen Gegenstandes sein, vielmehr wird ihr nach NATORP die Aufgabe zuteil, allen Sonderungen der vielen Wissenschaften gegenüber die Einheit der Wissenschaft auszumachen und zu begründen. (76)

5. Die Hauptaufgabe der Philosophie besteht für NATORP in der Sicherstellung aller menschlichen Erkenntnisse. Sind aber wirklich die menschlichen Erkenntnisse ohne Philosophie unsicher? Das Erfordernis ihrer Sicherstellung bewirkenden Erkenntnisse der Philosophie selbst sichergestellt? Waren vor KANT, mit dessen Auftreten erst die "wahre Philosophie" nach NATORP anheben dürfte, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse und nicht minder diejenigen der Philosophie unsicher? Wenn ja, sind wir dann überhaupt noch berechtigt, vor der Zeit KANTs von einer Wissenschaft und Philosophie im eigentlichen Sinn zu reden? (77)

6. Daß NATORP an keiner Stelle die Frage aufwirft, ob seine Philosophie nicht gleichfalls sichergestellt werden muß, ist erklärlich. Denn wollte er den Versuch der Sicherstellung machen, so käme er
    a) in einen circulus vitiosus oder aber
    b) in einen regressus in infinitum.
Im ersteren Fall würde er ein Etwas durch ein anderes Etwas sicherstellen, das selbst noch gar nicht sichergestellt ist; oder aber er müßte im letzteren Fall zur Sicherstellung seines Systems auf ein weiteres Prinzip zurückgreifen und so fort bis ins Unendliche.

7. Erwächst übrigens die Sicherstellung der Philosophie für NATORP nicht auf ihrem eigenen Boden, begnügt er sich vielmehr mit der Ansicht, daß es für die Philosophie keine größere Sicherung geben kann, als daß die von ihr behauptete Einheit der Erkenntnis sich in der gesamten wissenschaftlichen Arbeit, ihrem eigenen Wesen zufolge, immer klarer und kräftiger herausarbeitet (78), so ist damit das Dilemma hinsichtlich der Sicherstellung seiner Philosophie deutlich gekennzeichnet. Wir zweifeln daran, daß die Gesamtheit der modernen Wissenschaften als ein Beweis erachtet werden kann für die durch die Philosophie bewirkte Sicherstellung der Erkenntnisse. Was uns der große Aufschwung der Wissenschaften, vor allem der Naturwissenschaften und die auf Grundlage der letzteren vollzogene große Umwälzung unserer gesamten Kultur beweisen, ist nicht zuletzt das Recht, den Charakter der Außenwelt als objektiv und real zu deuten.

8. Überhaupt handelt es sich bei dem Versuch der absoluten Sicherstellung der menschlichen Erkenntnisse meiner Ansicht nach um einen Grundirrtum, der sich innerhalb eines großen Teils der neueren Philosophie vorfindet und umso bemerkenswerter ist, als letztere, welche nach NATORP die Sicherstellung bewirken soll, wohl kaum zu einer anderen Zeit in eine größere Anzahl von grundsätzlich verschiedenen und einander bekämpfenden Richtungen gespalten ist als gerade heute. Ich bin nicht davon überzeugt, daß jede Erkenntnis z. B. die abstraktive Erkenntnis der Denkgesetze, die in jedem einzelnen Denkakt, wenn auch zunächst unbewußt, zur Anwendung gelangen, einer Sicherstellung bedarf (79). Diese obersten Denkgesetze sind allgemeine Erkenntnisse, die in jeder Einzelerkenntnis eingeschlossen sind. Den Erkenntnisbesitz der sogenannten höchsten allgemeinen logischen Wahrheiten hat die Scholastik den habitus principiorum genannt (80). Ein solches Erkennen ist nicht aus den Gründen oder Ursachen seines Gegenstandes gewonnen, sondern es ist eine unmittelbare Einsicht (81), während alles andere Erkennen eine mittelbare Einsicht ist, d. h. aus den Gründen und Ursachen erfaßt. Ein Ding aus den Gründen und Ursachen erkennen, heißt aber nichts anderes als es durch Beweis erkennen. Und gerade innerhalb einer großen Zahl der neueren philosophischen Systeme sollen nur solche Erkenntnisse gelten, die auch bewiesen werden können, eine Unmöglichkeit.

9. Aus dieser vorläufigen Untersuchung ergibt sich für uns die bedeutsame Folgerung, daß eine Sicherstellung der menschlichen Erkenntnisse im Sinne eines Beweises im Allgemeinen und daher auch eine solche im Sinne NATORP, d. h. durch seinen methodischen Idealismus garnicht möglich ist. Ich vertrete daher einen Standpunkt, daß wir ohne bestimmte Voraussetzungen, ohne "Dogmatismus", in der Tat niemals für unser Denken auskommen werden.

10. Nehmen wir jedoch einmal mit NATORP an, die "wahre Philosophie" hätte tatsächlich die menschlichen Erkenntnisse sicherzustellen, so wären von ihr zwei Kriterien zu fordern:
    a) Sie soll sich als Wissenschaft ausweisen. Wodurch soll sie das aber, da sie es doch aus sich selbst heraus garnicht kann und es vor ihr auch keine eigentliche Wissenschaft gibt, da letztere doch erst sichergestellt werden muß?

    b) Sie soll dazu noch mit aller sonstigen festgegründeten Wissenschaft einen strengen Zusammenhang behaupten.
Woher ist die Wissenschaft aber festgegründet? Und ist sie es wirklich, warum bedarf es dann noch der Sicherstellung durch die Philosophie? Was soll ferner die Forderung des Zusammenhangs bedeuten, wenn die Sicherstellung erst durch die Philosophie erfolgen soll? Wie kann ferner bei einem solchen Zusammenhang die Philosophie auf eine festgegründete Wissenschaft angewiesen sein?

11. Diese wenigen Bemerkungen lassen deutlich erkennen, daß das Problem der Erkenntnis in der Philosophie PAUL NATORPs eine geradezu zentrale Stellung einnimmt. Der Erkenntnisbegriff kann daher als Ausgangspunkt und Endziel seines ganzen Systems bezeichnet werden.
LITERATUR - Eugen Weck, Der Erkenntnisbegriff bei Paul Natorp, [Inauguraldissertation] Ohligs 1914
    Anmerkungen
    1) Man denke an die Atom- und Innentheorie.
    2) Gideon Spicker, Die Ursachen des Verfalls der Philosophie, Leipzig 1892, Seite 1.
    3) Vgl. Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles I: "Sapientis est ordinare." "Aufgabe des Weisen ist zu ordnen", und zwar bedeutet das hier Hinordnung des Menschen auf seinen letzten Daseinszweck.
    4) Vgl. hierzu Natorp, Philosophie, ihr Problem und ihre Probleme, Göttingen 1911, Seite 7 und 8. Ich bezeichne Zitate daraus, Natorp, Philosophie, Seite 10.
    5) Sentroul sagt in seinem Buch "Kant und Aristoteles", Seite 29: "Die peripatetische Philosophie ist aber im Grunde nichts als vertiefter und kodifizierter gesunder Menschenverstand."
    6) Zur Orientierung über die "Marburger Schule" vgl. Überweg-Heinze, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Berlin 1906, Bd. 4, Seite 224f. Sowie Karl Vorländer, "Geschichte der Philosophie", Leipzig 1911, Bd. 2, Seite 418f und Al. Schmidt, Erkenntnislehre, Bd. 1, Seite 92f.
    7) Nach Natorps Vortrag: "Kant und die Marburger Schule", gehalten in der Sitzung der Kantgesellschaft zu Halle/Saale den 27. 4. 1912. Wir bezeichnen Zitate daraus: N, Vortrag, Seite X.
    8) August Messer, Geschichte der Philosophie, Bd. III, Leipzig 1913, Seite 131.
    9) Messer, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig 1909, Seite 96.
    10) Vgl. Oswald Külpe, Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland, Leipzig 1911, Seite 19.
    11) Messer, a. a. O. Seite 109.
    12) Natorp, Vortrag, Seite 1
    13) Natorp, Vortrag, Seite 1
    14) a. a. O., Seite 2
    15) a. a. O., Seite 2. Der Grund der mangelhaften systematischen Durchbildung der kritischen Methode Kants liegt für Cohen hauptsächlich in einem Ausgehen Kants von der reinen Sinnlichkeit in der transzendentalen Ästhetik. Vgl. auch Vorländer, a. a. O., Bd. II, Seite 424.
    16) Auch die der "Marburger Schule" verwandte Kantgesellschaft vertritt diesen Standpunkt. Vgl. hierzu den Prospekt Nr. 15 der Kantgesellschaft vom Januar 1912, hg. von Vaihinger. Natorp spricht es a. a. O., Seite 27 geradezu aus, daß der Leib der kantischen Philosophie begraben werden muß, damit ihr Geist leben kann. Vgl. dagegen die sogenannten "Altkantianer" Ludwig Goldschmidt und Ernst Marcus.
    17) Der vollständige Titel heißt: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Ich zitiere aus der Ellissen-Reklamausgabe.
    18) Vorländer, a. a. O., Seite 419.
    19) Vorländer, a. a. O., Seite 422.
    20) a. a. O., Seite 423. Im ersten Teil seines Werkes "System der Philosophie", Berlin 1902, wirft Cohen auch äußerlich den Namen Kants ab. Vgl. ebd.
    21) Vorländer, a. a. O., Bd. II, Seite 428.
    22) geboren 1854, seit 1885 Professor der Philosophie in Marburg.
    23) In seinem Buch "Platos Ideenlehre - eine Einführung in den Idealismus", Leipzig 1903.
    24) Vgl. Natorp, "Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften" (zitiert als "Grundlagen", Seite X, Berlin 1910.
    25) Vgl. Henry Poincaré, Wissenschaft und Hypothese, Leipzig 1904.
    26) Philosophie, Seite 7 und 8
    27) a. a. O., Einleitung, Seite III
    28) Philosophie, Seite 1
    29) Ideenlehre, Seite 387/88
    30) Natorp, Vortrag, Seite 4
    31) ders. Philosophie, Seite 171
    32) vgl. Natorp, Vortrag, Seite 5, "Denn im Anfang ... bis aufprägt."
    33) Vorländer, a. a. O., Bd. II, Seite 424.
    34) In einer dreifachen Form. Vgl. hierzu Aristoteles, "Metaphysik" IV 3 1002, IV 3 1005 b 23f, III, 995 b 9.
    35) Natorp, a. a. O., Seite 5
    36) Natorp, Vortrag, Seite 5
    37) ebd.
    38) ebd.
    39) ders. a. a. O., Seite 6
    40) Vgl. Natorp, Ideenlehre, Seite 436 und ders., Vortrag, Seite 7 und 8. Ähnlich faßt Deutingev (1815-1864) lange vor Natorp den Erkenntnisprozeß auf, nämlich als eine "Selbstbewegung". Vgl. hierzu Franz Richarz, Martin Deutinger als Erkenntnistheoretiker, Bonner Dissertation, 1911, Seite 21.
    41) Natorp, Vortrag, Seite 8. Die Einheit eines unerschöpflichen Quells gesetzmäßiger Gestaltung hat Cohen in seinem Prinzip des "Ursprungs" zum Ausdruck gebracht.
    42) ebd.
    43) a. a. O., Seite 15, 16 und 19; ders. Philosophie, Seite 15 und 16.
    44) ders. Vortrag, Seite 7
    45) ders. Vortrag, Seite 8
    46) ders. a. a. O., Seite 2
    47) a. a. O., Seite 9 und 10; vgl. auch ders. Philosophie, Seite 26 und 171.
    48) ebd. Vortrag
    49) Vortrag, Seite 10; vgl. auch Vorländer, a. a. O., Seite 185
    50) ebd., vgl. auch Cohen, Logik, Seite 11
    51) Natorp, Vortrag
    52) ebd. a. a. O., Seite 12
    53) Natorp, a. a. O., Seite 12.
    54) ebd. Seite 11
    55) ders. Vortrag, Seite 13
    56) Külpe, Einleitung in die Philosophie, Seite 35
    57) Richarz, a. a. O., Seite 89
    58) Natorp, a. a. O., Seite 17; vgl. ferner Cohen, Logik, Seite 342.
    59) Messer, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig 1909, Seite 99.
    60) ebd.
    61) Natorp, a. a. O., Seite 15; ders. Philosophie, Seite 166 und 167.
    62) ders. Vortrag, Seite 16; ders. Philosophie, Seite 140, 142, 154, 155; ders. Logik, Seite 6.
    63) Natorp, Philosophie, Seite 160, 161.
    64) Külpe, Einleitung in die Philosophie, Leipzig 1910, Seite 144; Otto Liebmann läßt eine kritische Metaphysik zu. Er versteht darunter die kritische Diskussion über die Ergebnisse der Untersuchung menschlicher Ansichten über die Dinge. Vgl. von Aster, "Große Denker", Bd. II, Seite 370.
    65) Gehalten am 11. April 1911 auf dem 4. internationalen Kongreß für Philosophie in Bologna, Göttingen 1911.
    66) Max Verworn, Kausale und konditionale Weltanschauung, Jena 1912, Seite 4.
    67) Aus Natorps Schrift "Philosophische Propädeutik".
    68) a. a. O., Seite 3.
    69) a. a. O. Seite 3
    70) ebd.
    71) ebd.
    72) ebd. Seite 4.
    73) ders., Platos Ideenlehre, Vorwort, Seite V.
    74) Vgl. F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, Bd. II, Seite 226.
    75) Vgl. Natorp, Philosophie, Seite 6 und 7 und ders. "Philosophie und Pädagogik", Seite 240, 245f, 284f; Überweg-Heinze, a. a. O., I. Teil, Seite 1.
    76) vgl. Natorp, Philosophie, Seite 3.
    77) Kant erkannte selbst an, daß es vor dem Auftreten seines Kritizismus eine exakte Wissenschaft gegeben hat. Vgl. Sentroul, "Kant und Aristoteles", Seite 9.
    78) Natorp, Philosophie, Seite 6
    79) Aristoteles sagt: Nicht von allem kann es einen Beweis geben, da Beweis immer von gewissen Prinzipien ausgehen muß, die selbst nicht wieder bewiesen werden können. Vgl. "Metaphysik", IV, 3 1005a 29; Bonitz, Natorp, Ideenlehre, Seite 373f.
    80) Vgl. Schütz, "Thomas Lexikon", zweite Auflage, Paderborn 1895, Seite 353.
    81) Vgl. Limbourg, "Begriff und Einteilung der Philosophie", zweite Auflage, Innsbruck 1893, Seite 13.