cr-2tb-1ra-2L. NelsonG. NeudeckF. RittelmeyerL. SteinP. Stern     
 
ALBERT LEWKOWITZ
Die Krisis der
modernen Erkenntnistheorie


"Wenn der Empirismus in aller Theorie eine die reine Gegebenheit der Erfahrung verfälschende Verarbeitung der Tatsachen erblickt, deren Wert nur in der ökonomischen und pragmatischen Bedeutung der Theorie liegt, so hat die exakte Analyse gerade des Erfahrungsbegriffs bewiesen, daß alles Faktische als solches die Theorie zur logischen Voraussetzung seiner tatsächlichen Geltung hat, daß nur auf dem Weg wissenschaftlicher Methodik jene Begriffe konstituiert werden, die die Gegenstände der Erkenntnis zur Erkenntnisbestimmtheit determinieren."

"Die ansich seiende Realität der Natur, die Kant mehr metaphysisch voraussetzte, als wissenschaftstheoretisch deduzierte, hat der Neukantianismus als Rest von Dogmatik ablehnen zu können geglaubt."

Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Empirismus eines KIRCHHOFF, AVENARIUS, MACH hat seit den 70er Jahren der Neukantianismus auf dem Fundament einer strengen Wissenschaftsanalyse den synthetischen Charakter der Erkenntnis zu prinzipieller Geltung gebracht. Trotz tiefgreifender Differenzen im Ausgangspunkt der Untersuchung und hierdurch selbst im methodischen Verfahren des erkenntnistheoretischen Beweisganges ist es der entscheidende Grundgedanke der wissenschaftlichen Synthesis, der den Neukantianismus mit seinem historischen Vorbild, mit KANT systematisch unlöslich verknüpft, den Neukantianismus als den Vollender der kantischen Reform der Philosophie erscheinen läßt. Denn, wie sehr KANT die Kategorien, in denen sich Erkenntnis als solche konstituiert, zugleich als Funktionalgesetze des erkennenden Bewußtseins nachzuweisen suchte, das Schwergewicht der kantischen Leistung und selbst seiner Intentionen liegt in der transzendentalen Methodik seines Philosophierens, der Aufhellung der logischen Autonomie der Erkenntnis, welche von selbstgelegten Grundlagen ausgeht, in rationalen Synthesen dem Gegenstand der Erkenntnis ein logisch determiniertes "Sein" verleiht. Die logische Bestimmung durch die Erkenntnis der Natur, d. h. durch das System wissenschaftlicher Synthesen ist die fundamentale gemeinsame wissenschaftliche Position KANTs und des Neukantianismus.

Die Wahrheit dieser kantischen Erkenntnis gegenüber den viel subtiler gewordenen neueren empiristischen und pragmatistischen Theorien nicht nur aufrecht erhalten, sondern selbst strenger und umfassender herausgestellt zu haben, ist der erkenntnistheoretische Fortschritt, den der Neukantianismus bedeutet. Wenn der Empirismus in aller Theorie eine die reine Gegebenheit der Erfahrung verfälschende Verarbeitung der Tatsachen erblickt, deren Wert nur in der ökonomischen und pragmatischen Bedeutung der Theorie liegt, so hat die exakte Analyse gerade des Erfahrungsbegriffs bewiesen, daß alles Faktische als solches die Theorie zur logischen Voraussetzung seiner "tatsächlichen" Geltung hat, daß nur auf dem Weg wissenschaftlicher Methodik jene Begriffe konstituiert werden, die die Gegenstände der Erkenntnis zur Erkenntnisbestimmtheit determinieren. Die logischen Bedingungen dieser wissenschaftlichen Determination vom psychologischen Verlauf des Erkenntnisprozesses im erkennenden Individuum rein geschieden und gerade hierdurch die Rationalität und Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen Begriffsbildung in ein helles Licht gerückt zu haben, ist das Verdienst des Neukantianismus selbst KANT gegenüber.

Gerade diese strenge Konsequenz der kantischen Methodik aber führt zu Problemen, die KANT mehr vermieden, als theoretisch überwunden hat, und die die Krisis des Neukantianismus bedeuten.

KANTs Ausgangspunkt vom erkennenden Individuum ließ ihn zwischen dem Erkenntnisideal und der Form der Erkenntnis eine Scheidung treffen, die sowohl den konstruktiven Charakter der Erkenntnis, wie ihre empirische Bedingtheit zu erklären schien. Indem es nach KANT die Aufgabe der Erkenntnis ist, die "Gegebenheit" der subjektiven Empfindung zur Objektivität des Gegenstandes zur "formen", ist Naturwissenschaft durch die Gegebenheit der Erkenntnismaterie empirisch bedingt, wie zugleich in den Prinzipien und dem methodischen Gang der Objektivierung von apriorischer Rationalität. Indem der Neukantianismus seine Stellung im Kosmos der Erkenntnis selber nimmt, er in diesem den alleinigen Gegenstand der erkenntnistheoretischen Untersuchung erkennt, verliert das erkennende Individuum jede Bedeutung für eine Theorie der Erkenntnis, gehen, wie sein Denken, so seine Empfindungen die Erkenntniskritik nichts an. Nur als logisches Moment der Erkenntnis selbst läßt sich der Inhalt der Erkenntnis, die Erkenntnistheorie von der Form der Erkenntnis sondern. Die strenge Immanenz der Erkenntnistheorie ist die Konsequenz der Preisgabe des psychologischen Ausgangspunktes KANTs vom erkennenden Subjekt. Die Subjektivität der Empfindung kann im Erkenntniszusammenhang nur die Bedeutung einer wissenschaftlichen Problematik erhalten, wissenschaftliche Subjektivität nur das problematische Urteil bezeichnen.

Diese Bestimmtheit der Erkenntnis und diese Problematik des theoretisch noch nicht völlig Bestimmbaren eignet aber aller Erkenntnis, so gewiß alle Erkenntnis der Prozeß der von rationalen Axiomen in rationaler Methodik fortschreitenden begrifflichen Determination ist. Der qualitative Unterschied der Naturerkenntnis von den rein apriorischen Wissenschaften der Logik und Mathematik erfordert eine umfassendere und tiefer dringende Analyse der Methode der Naturwissenschaft.

So gewiß nun die mathematische Physik als Bedingung ihrer Rationalität in den konstruktiven Begriffen der Mathematik fundamentiert ist, und der Aufbau der theoretischen Physik um seiner wissenschaftlichen Rationalität willen keinen mathematisch unfaßbaren Begriff duldet, so evident ist, daß die Naturwissenschaft im Unterschied von Logik und Mathematik sich auf einen intentionalen Gegenstand ihrer Erkenntnis bezieht, dem im Unterschied von den intentionalen Gegenständen der Logik und Mathematik nicht nur eine intelligible, sondern auch eine metaphysische Existenz zukommt. Wie sehr auch immer das außerwissenschaftliche Dasein der Natur allein in den autonomen Methoden der Erkenntnis zum Sein der Erkenntnisbestimmtheit gelangt, ist gleichwohl der tiefste Sinn der naturwissenschaftlichen Begrife nicht allein der, Konstruktionen der Erkenntnis, sondern Symbole der in ihnen zur Erkenntniseinheit gelangenden Wirklichkeit zu sein.

Die Geschichte der Physik ist die Geschichte der immer strengeren Mathematisierung der Naturerkenntnis, der immer tiefer dringenden Symbolisierung des Seins der Natur in letztenendes algebraische Relationen von Gleichungen. Wie machtvoll hierdurch der konstruktive Charakter der Physik hervortritt, hat die Physik dennoch nie aufgehört, Wirklichkeitserkenntnis zu sein, d. h. in ihren mathematischen Schöpfungen die daseiende Wirklichkeit der Natur zu einer einheitlichen logischen Bestimmtheit zu bringen. Die Grundbegriffe der Physik, so sehr sie Begriffe sind, die aus einer hundertjährigen theoretischen Arbeit hervorgegangen sind und diese theoretische Arbeit konzentriert repräsentieren, sie haben zum Ziel die logische Bestimmung, die rationale Determination der existierenden Naturphänomene. Die daseiende Natur in der Mannigfaltigkeit ihrer dynamischen Prozesse ist das Erkenntnisobjekt der Naturwissenschaft, das in ihr für die Erkenntnis zur systematischen Einheit gelangt.

Darum datiert die Renaissance der Naturwissenschaft von der fundamentalen Vereinigung von theoretischem Räsonnement [Argumentation - wp] und planvoller Beobachtung und Experiment in der Methode der modernen Naturwissenschaft. Was es die Halbheit BACONs gegenüber der leeren Spitzfindigkeit der Scholastik allein auf das furchtbare Bathos [Tiefpunkt - wp] der Erfahrung hinzuweisen, dem gegenüber das Deuten nur die Aufgabe der ordnenden Klassifikation zu vertreten hat, so liegt GALILEIs ganze Denkergröße darin, daß er sein mathematisches Genie der Reformierung der naturwissenschaftlichen Methodik dienstbar machte, daß er experimentelle Beobachtung und mathematisches Denken in jene Korrelation setzte, die die Einheit der naturwissenschaftlichen Methodik konstituiert. Aber so gewiß demnach Beobachtung und Experiment zur Methode der Naturwissenschaft gehören, weist dieses empirische Fundament der Physik auf die daseiende Natur als Gegenstand der physikalischen Erkenntnis hin.

Konnte KANT gemäß seinem subjektiven Ausgangspunt vom erkennenden Individuum in den Empfindungen des Individuums das empirische Material erblicken, das in einer mathematischen Methode zu objektivieren das Ziel der Naturwissenschaft ist, so hat die moderne Erkenntnistheorie diesen psychologistischen Ausgangspunkt mit Recht aufgegeben und die Erkenntniskritik in einer strengen Scheidung von psychologischen Gesichtspunkten zur reinen Theorie der Erkenntnis erhoben. Dann aber ist die Konsequenz die reine Anerkennung der von der Naturwissenschaft in Beobachtung und Experiment selbst gemachten apriorischen Voraussetzung einer metaphysisch daseienden, in der Erkenntnis zu einer logischen Bestimmung gelangenden Natur. So gewiß Beobachtung und Experiment, wie sehr von Theorie geleitet und bestimmt doch nicht selbst Theorie, sondern eine wissenschaftlich notwendige Verifikation [Bewahrheitung - wp] der naturwissenschaftlichen Theorie sind, haben Beobachtung und Experiments beobachtende und experimentierende Individuen und zu beobachtende und experimentell zu untersuchende Naturvorgänge als außerwissenschaftlich daseiende Realitäten zur apriorischen Voraussetzung, intendiert die Naturwissenschaft die außerwissenschaftliche Existenz der Natur. Die ansich seiende Realität der Natur, die KANT mehr metaphysisch voraussetzte, als wissenschaftstheoretisch deduzierte, hat der Neukantianismus als Rest von Dogmatik ablehnen zu können geglaubt. Die Konsequenz war die methodische Nichtanerkennung von Beobachtung und Experiment als spezifisches Fundament der Naturwissenschaft, eben damit aber das Verwischen des charakteristischen Unterschieds von Mathematik und mathematischer Physik. Es ist die Krisis dieses mathematischen Monismus, mit der Existenz der Natur auch die methodische Eigenart selbst der mathematischen Naturwissenschaft vernichten zu müssen.

Von diesen allein mathematisch bestimmten Erkenntnisbegriff besteht kein Zugang zu denjenigen Naturwissenschaften, deren besonderer Erkenntnisgegenstand eine nicht mathematische Behandlungsart gebieterisch fordert. Ist schon die Essenz der beschreibenden Naturwissenschaften mit ihrer Notwendigkeit rationell undurchsichtiger qualitativer Begriffsbildung unter der Idee der absoluten Freiheit wissenschaftlicher Methodik eine nicht zu erklärende Selbstverdunkelung der wissenschaftlichen Erkenntnis, so sprengt vollend die Biologie als die Erkenntnis der organischen Wirklichkeit in ihren Grundbegriffen den Rahmen mathematisch-mechanischer Erkenntnisweise. Die eindringliche und vernichtende Kritik, die BERGSON an den pseudo-mechanistischen Begriffen einer die Erscheinungen des Lebens und der schöpferischen Entwicklung mathematisch-mechanisch erklärenden Biologie übt, hätte davor bewahren sollen, BERGSONs ebenso wahre, wie kühne Intuitionen allein von jenem bekämpften mathematischen Erkenntnisideal zu be- und verurteilen. So gewiß auch nach BERGSON die Biologie nie aufhören wird, den funktionellen Zusammenhang der Organe mechanisch zu bestimmen, so gewiß ist das Ganze der Lebensäußerung der Organismen, ist das Ganze der dynamischen Entwicklung der Lebenserscheinungen der mechanischen Erkenntnis entzogen, bedeuten alle mechanistischen Modelle nur gleichsam kinematographische Fixierungen der in Momente und starke Bestandteile zersplitterten Lebenskontinuität. Die Eigengesetzlichkeit der Biologie gegenüber aller Mechanik zu fundamentaler Anerkennung gebracht und hierdurch die Eigenbestimmtheit der organischen Wirklichkeit als schöpferischen Lebens auch dem wissenschaftlichen Bewußtsein nahe gebracht zu haben, ist eine wissenschaftliche Leistung, die mit der Kritik, philosophische Romantik zu sein, nicht aus der Welt geschafft ist. (1) Es ist die Krisis der modernen Erkenntnistheorie, daß sie, weil die Erkenntnis allein in den reinen Relationsbegriffen der Mathematik konstituierend, wie zu einer existierenden Wirklichkeit, so zur Anerkennung des schöpferischen Lebens der organischen Natur nicht vorzudringen vermag.

Die Erweiterung der methodologischen Untersuchung über das Gebiet der Naturwissenschaften zur selbständigen methodischen Begründung der Geschichtswissenschaft hat innerhalb der Methodologie der mathematischen Begriffsbildung ihre Schranken gezogen. Es gilt die erkenntnistheoretischen Konsequenzen dieser prinzipiellen methodologischen Einsicht zu ziehen.

Nicht angängig ist es, die wissenschaftlichen Formungen der Wirklichkeit in Natur- und Geschichtswissenschaft als nur reflexive, methodologische den konstitutiven Kategorien der vorwissenschaftlichen Wirklichkeit gegenüberzustellen. Denn einmal konstituieren Kategorien nicht die Wirklichkeit, sondern allein ihre Erkenntnis, welche nur in jenen Wissenschaften in objektiver Gültigkeit vorliegt. Das vorwissenschaftliche Bewußtsein aber ist so wenig die konstitutive Bedingung der Wirklichkeitserkenntnis, wie das Individuum die transzendentale Bedingung der Wissenschaft. Nur eine psychologistische Identifizierung des Bewußtseins überhaupt als der Geltungseinheit der Erkenntnis mit dem Ich des erkennenden Bewußtseins, welches allein als individuelles Ich existiert, kann den Schein einer transzendentalen Bedeutung des Ich und seiner logisch-seelischen Funktionen erwecken. Nicht einmal das Material für die Aufgabe der Erkenntnis liefert das vor- oder außerwissenschaftliche Bewußtsein als solches, sondern allein die durch die Theorie geleitete, planvolle Beobachtung und das auf der Gültigkeit umfassender Theorien bereits beruhende wissenschaftliche Experiment. Das Objekt der Beobachtung und des Experiments aber ist - außerhalb der Psychologie - nicht der Bewußtseinsinhalt, oder die Bewußtseinsform des Individuums, ebensowenig Inhalt oder Form des Bewußtseins überhaupt, welches selbst keine Existenz, also auch weder Subjekt, noch Objekt der Beobachtung, sondern lediglichc die logische Einheit der Erkenntnis bedeutet - Objekt der Beobachtung und des Experiments ist die in der Synthesis der Erkenntnis zur Erkenntniseinheit gelangende, selbst außerwissenschaftlich daseiende Natur. Alle objektive Bestimmtheit der Natur ist die Übertragung der Bestimmtheit der Erkenntnis auf die Wirklichkeit. So können in objektiver Weise nur die Bedingungen der Wissenschaft als Bedingungen der Wirklichkeit postuliert werden, nicht aber selbst subjektive Formen außerwissenschaftlicher Synthesen als Grundgesetze der Wirklichkeit ausgesprochen werden.

Darum geht es nicht an, die Natur- und Geschichtswissenschaft als methodologische Verarbeitungen eines ihnen beide zugrunde liegenden Weltbildes zu betrachten, so gewiß außerhalb der Wissenschaft keine objektiven Kategorien als Bedingungen eines objektiven Weltbildes vorhanden sind. Das vor- und außerwissenschaftliche Bewußtsein ist subjektiv und kann nicht Grundlage jener Wissenschaften sein, es müßte als das Paradoxon einer Natur- und Geschichtswissenschaft vor der Natur- und Geschichtswissenschaft gefunden werden.

Wenn nun mit Recht die fundamentale Verschiedenheit der naturwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Begriffsbildung hervorgehoben wird, und doch beide Wirklichkeitserkenntnisse, empirische Wissenschaften sind, so folgt nur das eine, daß Natur- und Geschichtswissenschaft keine vorwissenschaftliche Wirklichkeit voraussetzen, die in Natur- und Geschichtswissenschaften unter verschiedenen Gesichtspunkten zur Darstellung gelangt.

Während die Naturwissenschaft wohl das Individuum als Schnittpunkt genereller, wenngleich inhaltlich genau determinierter Gesetzlichkeit kennt, selbst aber ihre Essenz in der Erkenntnis der generellen Gesetzlichkeit besitzt, steht im Brennpunkt des geschichtlichen Interesses der qualitative Charakter des Individuums. Wie sehr nun die Idee der Kultur die Auswahl des in die geschichtswissenschaftliche Erkenntnis fallenden Wirklichkeitsgebietes bestimmt, und die durch die Kulturidee konstituierten geschichtlichen Begriffe methodisch bedingte begriffliche Schöpfungen sind, sind die geschichtlichen Begriffe doch keine apriorischen Konstruktionen, sondern gelangt in den Individualbegriffen der Geschichte die zur Idee der Kultur in Beziehung stehende qualitativ-individuelle Wirklichkeit zur Darstellung. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften intendiert die Geschichtswissenschaft die nicht nur symbolische Wirklichkeit der geschichtlichen Begriffe. So gewiß aber die Geschichtswissenschaft nicht allein eine teleologische Ordnung der geschichtlichen Phänomene, sondern zugleich die Erkenntnis des objektiven Werdegangs der Kultur ist, schließt die Geschichtswissenschaft den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen, individuellen Wirklichkeit ein. Hierdurch aber gliedert sich die geschichtliche Wirklichkeit dem Individualzusammenhang der Gesamtwirklichkeit ein, fundiert die Geschichtswissenschaft in der Darstellung des Kausalzusammenhangs der Kulturwirklichkeit auf den Erkenntnissen der die gesetzlichen Zusammenhänge der Natur konstituierenden Naturwissenschaften, die sie gleichfalls als Wirklichkeitszusammenhänge voraussetzt. So können wir keine von den Naturwissenschaften verschiedene individuelle Kausalität als Bedingung der geschichtlichen Wirklichkeit anerkennen, wohl aber ist das Interesse der Geschichtswissenschaft allein auf die Repräsentation der allgemeinen Naturgesetz in der Individualität der Geschichtswirklichkeit zum Zweck der Erkenntnis ihres konkreten Zusammenhangs gerichtet und zieht die allgemeinen Naturgesetze nur soweit in Betracht, als sie die Erkenntnis des individuellen Kausalzusammenhangs gewähren.

Über dem naturgesetzlichen Zusammenhang der Phänomene aber erhebt sich die durch die Kulturidee konstituierte geschichtswissenschaftliche Ordnung des individuellen Naturprozesses als des Werdegangs der Kultur. Hierdurch erhält die Wirklichkeit einen der bloßen Naturerkenntnis fremden Aspekt, wird die Wirklichkeit der Schauplatz und Kampfplatz der Realisierung der Werte, der Ideen durch sie repräsentierende Mächte der Wirklichkeit. Die Geschichtswissenschaft hat die Wirklichkeit als naturgesetzlich zusammenhängende, einmalige kulturelle Entwicklung zum Gegenstand ihrer Erkenntnis. Indem die Geschichtswissenschaft in einem intensiven Sinn Wirklichkeitserkenntnis ist, zieht aber auch sie nicht alles wirkliche Sein, sondern nur die kulturelle Wirklichkeit in ihre Darstellung. Es ist die Krisis der modernen Erkenntnistheorie, daß sie diese apriorische Voraussetzung der Geschichtswissenschaft, d. h. einer außerwissenschaftlich daseienden Kulturwirklichkeit durch einen unhaltbaren Immanenzstandpunkt nicht zur reinen Geltung gebracht hat.

Die transzendente Begründung der Ethik als der apriorischen Aufgabe der Objektivität von Gesinnung und Handlung hat die sittliche Idee aller Verquickung mit metaphysischen, sei es naturalistischen, oder idealistischen Gedankengängen als Grundlage ihrer Gültigkeit für immer entzogen. Als das Gesetz des Sollens ist der normative Sinn der sittlichen Idee unabhängig von allem Dasein der Natur und selbst des Menschen.

Wenn aber die sittliche Idee für uns gelten soll, wenn wir Menschen die sittliche Idee als das normative Gesetz unseres Lebens, die Idee unseres Seins anerkennen sollen, so fordert die sittliche Aufgabe die Existenz einer Welt, Natur- und Menschenwelt, die im Sinne der sittlichen Aufgabe zur sittlichen Wirklichkeit umzuschaffen ist. Die Existenz der Natur und des geschichtlichen Lebens ist die Bedingung, unter der eine Kultivierung der Wirklichkeit wie sittlich gefordert, so allein möglich ist. Die Ethik gerade in ihren kritischen Grundlagen durchbricht die reine Erkenntnisimmanenz der Wirklichkeit, die für die sittliche Idee kein Material der Pflicht gewährt, so gewiß Erkenntnissein kein Objekt möglichen Wirkens ist.

Die Konsequenz des starren Rationalismus, der alle Wirklichkeit auf das Sein der Erkenntnis reduzieren zu können meint, führt vollends zu Unmöglichkeiten auf dem Gebiet der Religionsphilosophie. Da nämlich alles sittliche Sein in der Wissenschaft der Ethik, alles Sein der Natur in der Naturwissenschaft beschlossen sein soll, sei das Problem der Religionsphilosophie das Problem des systematischen Zusammenhangs der Wissenschaften der Logik und Ethik. Dieser Zusammenhang von Logik und Ethik soll dadurch gewährleistet sein, daß die reinen Grundlagen beider Wissenschaften nicht zusammenhanglos nebeneinander verharren, sondern, weil apriorisch, im Grundsatz der Wahrheit oder der Gottesidee ihren systematischen Zusammenhang erlangen.

So weltenfern allem religiösen Erleben diese Philosophie der Religion zu sein und auch nicht durch die Definition der Religion als des gefühlsmäßigen Erlebens des Zusammenhangs jener Wissenschaften dem religiösen Bewußtsein näher zu kommen scheint, so ist doch unschwer erkennbar, daß in diesen theoretischen Verkleidungen ein ganz anderes, das wahrhafte Problem der Religionsphilosophie getroffen ist, das Problem des Zusammenhangs nicht von Logik und Ethik, sondern von Naturwirklichkeit und sittlicher Idee. So wenig die Logik die Ethik realisieren kann, wie behauptet wird, so wenig handelt es sich in der Religionsphilosophie um das Verhältnis von Naturwissenschaft und Ethik, sondern allein um das schwerwiegende Problem, daß die sittliche Idee ein Gesetz für uns Menschen nur sein kann durch den Glauben an die weltüberwindende Macht der sittlichen Idee. In der Religion, d. h. dem religiösen Erleben gelangen nicht zwei Wissenschaften, sondern zwei Wirklicheiten zu einer fundamentalen Einheit: Gott, d. h. die Macht des Sittlichen, und die Natur, d. h. der Inbegriff der geschichtlichen Wirklichkeit. Nicht die Ethik, aber die Religionsphilosophie führt notwendig zu einer metaphysischen Verankerung der sittlichen Idee in der die Welt in ihrer Gesetzlichkeit durchdringenden Macht Gottes. Weist die Ethik der sittlichen Aufgabe die Welt als wirkliches Objekt des sittlichen Handelns zu, so erlebt das religiöse Bewußtsein die sittliche Idee selbst wie den Sinn und Grund der Welt.

Es ist die Krisis der modernen Religionsphilosophie, daß sie Provinzen der Erkenntnis zur Einheit zu bringen sucht, wo die Einheit der natürlichen und sittlichen Wirklichkeit in Frage steht.

Es ist einleuchtend, daß Kunst und künstlerisches Schaffen einer erkenntnistheoretischen Untersuchung der von der Kultur apriorisch vorausgesetzten daseienden Wirklichkeit darum keinen objektiven Grund zu bieten vermag, weil die Objektivität der künstlerischen Natur die Souveränität der künstlerischen Schöpfung ist. Auch der Naturalismus in der Kunst hat einsehen müssen, daß die Wahrheit der Kunst keine Bezogenheit auf eine Naturwirklichkeit ist, sondern die Selbstgenügsamkeit einer in sich ruhenden, aus ihren eigenen seelischen Kräften lebenden Welt bedeutet. Nur wird man gleichwohl sagen dürfen, daß, wie künstlerisches Schaffen die gesteigerte Macht des Wirklichkeitserlebens zur Voraussetzung hat, aller große Stil der künstlerischen Kultur sich in einer metaphysischen Einheit mit den zentralen Tendenzen des kosmischen, auch den Menschen tragenden Lebens weiß. Die metaphysische Tendenz der großen Kunst, gestaltete Weltanschauung zu sein, zum bloßen Symbol menschlicher Ideen zu nivellieren, wie es in der modernen Ästhetik vielfach geschieht, heißt der künstlerischen Natur ihre machtvollste Tiefe, den gewaltigsten Sinn ihrer Wahrheit nehmen. Auch die Kunst kennt und anerkennt das Dasein der unendlichen, machtvollen Wirklichkeit, die Schöpfergewalt des kosmischen Lebensstrom als die Kunst und Künstler und die Wahrheit des Menschlichen tragende Realität.

Die kritische Erkenntnistheorie als Untersuchung der apriorischen Grundlagen der Kultur führt in Logik, Ethik, Religionsphilosophie und Ästhetik zur Negation der rationalistischen Auflösung der Wirklichkeit in Erkenntnissein, zur Anerkennung der metaphysischen Voraussetzungen der Wissenschaft, der sittlichen Aufgabe, des religiösen und künstlerischen Erlebens, zur Anerkennung der apriorischen Voraussetzung der daseienden Wirklichkeit als des Fundamentes aller Kultur. Es ist die Krisis der modernen Erkenntnistheorie, daß sie Kulturphilosophie zu sein glaubt bei Ablehnung der metaphysischen Voraussetzungen der Kultur. Die Transzendentalphilosophie selbst führt zur Überwindung des modernen Rationalismus.
LITERATUR - Albert Leschkowitz, Die Krisis der modernen Erkenntnistheorie, Archiv für systematische Philosophie, Bd. 21, Berlin 1915
    Anmerkungen
    1) Eine andere, hier nicht zu untersuchende Frage ist, welchen Erkenntniswert der Begriff der Dauer hat, durch den BERGSON das isopherische Leben definieren zu können glaubt.