tb-2p-4MFKSpirLiebmannKülpe    
 
MORITZ SCHLICK
Wirklichkeitsprobleme

"Ein Urteil ist ein Zeichen für eine Tatsache und nichts weiter. Ein Gegenstand wird unter einen Begriff subsumiert, dieser wird ihm zugeordnet, und das geschieht eben im Urteil, welches damit den ganzen Sachverhalt bezeichnet. Ein weiteres kann es niemals leisten. Wie man es auch anstellen mag, durch wie viele Urteile man auch die verwendeten Begriffe zu erläutern und zu klären versucht: immer gibt uns unser Erkennen, das ja in einem Urteilen besteht, nichts als Zeichen, niemals das Bezeichnete. Dieses bleibt ewig jenseits. Und wer vom Erkennen fordert, daß es uns das Wirkliche realiter näher bringen soll, der stellt damti nicht etwa eine zu hohe, sondern eine unsinnige Forderung."

"Die Unterscheidung der Wahrnehmungsvorstellung vom wahrgenommenen Objekt fällt auf dem naiven Standpunkt schlechthin zusammen. Der Mensch sagt nicht: «Ich habe die Wahrnehmung eines Tisches» und schließt dann erst auf das Vorhandensein des Tisches, sondern er sagt: «Ich sehe den Tisch», ohne daß er irgendeinen Schluß zieht, ist ihm das Objekt unmittelbar das Gegebene, und er unterscheidet es nicht von der Vorstellung des Objekts. Beides ist für ihn ein und dasselbe."

"Wenn wir das Kriterium der Wirklichkeit eines Gegenstandes in sein Dasein zu einer bestimmten Zeit setzen, so kommt dadurch der Zusammenhang alles Wirklichen mit dem schlechthin Gegebenen mit aller Kraft und Deutlichkeit zum Ausdruck. Dasein zu einer bestimmten Zeit bedeutet eben, zum Gegebenen, zum erlebten Jetzt in einer bestimmten Beziehung stehen."


A. Die Setzung des Wirklichen
21. Fragestellungen

Erkennen - so lautete das Ergebnis des ersten Teils unserer Untersuchungen - heißt, die Tatsachen durch Urteile bezeichnen, aber so, daß dazu eine möglichst geringe Anzahl von Begriffen benutzt wird und dennoch eine eindeutige Zuordnung erreicht wird.

Bisher haben wir das Reich der Tatsachen, der bezeichneten Gegenstände, ganz außer acht gelassen und uns nur mit jenen Zeichen und den Regeln ihrer Verknüpfung beschäftigt. Und dabei fanden wir, daß alles strenge Schließen eben nur in einer solchen Verknüpfung der Zeichen besteht; es substituiert die einen für die anderen und vollzieht damit den Prozeß der Analyse, dessen Gesetze die formale Logik entwickelt.

Wir erörterten ferner das Verhältnis der Zeichen, der Urteile und Begriffe, zu den psychischen Vorgängen, durch die sie im Bewußtsein dargestellt werden. Aber auch damit verließen wir nicht das Gebiet der Denkprobleme.

Nunmehr schreiten wir über dieses Gebiet hinaus: wir gehen von der Betrachtung der Form, in welcher sich uns Erkenntnis darstellt, zum Inhalt über, der in ihr dargestellt wird, wir wenden uns von den Zeichen ab und den bezeichneten Gegenständen zu. Und damit treten wir einer ganz anderen Klasse von Fragen gegenüber, Fragen, die wir als Wirklichkeitsprobleme bezeichnen wollen.

Eine solche Frage ist in jedem einzelnen synthetischen Urteil versteckt. Das analytische Urteil hat seinen Rechtsgrund nur in den ein für allemal festgesetzten Regeln der Bezeichnung, in den Definitionen. Im synthetischen Urteil aber werden Begriffe miteinander verbunden, die durch keine Definition in Beziehung gesetzt waren. Wenn ich das synthetische Urteil ausspreche: "Antwerpen wurde 1914 von den Deutschen erobert", so hat es seinen Rechtsgrund nicht in einer von vornherein bestehenden Verknüpfung der Begriffe - denn vergebens hätte man sich bemüht, aus den Merkmalen des Begriffs Antwerpen abzuleiten, daß es dereinst von den Deutschen genommen würde -, nicht auf einer Verknüpfung der Begriffe, sondern auf einer tatsächlichen Beziehung wirklicher Gegenstände ruht die Gültigkeit dieses Urteils.

Wie aber wissen wir von den Tatsachen der Wirklichkeit? Sind sie uns etwa unmittelbar gegeben, erschließen wir sie, oder auf welchem Weg sonst gelangen sie zu unserer Kenntnis?

Diese Fragen wiederholen sich bei jeder Tatsache, die wir beurteilen, und sie müssen beantwortet sein, ehe wir wissen können, ob unsere Urteile wahr sind. Denn bevor wir von einer eindeutigen Bezeichnung der Gegenstände sprechen können, müssen die Gegenstände doch überhaupt da sein. Die Fragen gipfeln aber alle in der einen: welches sind denn nun eigentlich diese Gegenstände, jene "Dinge" oder "Tatsachen", denen wir im Erkennen unsere Zeichen zuordnen? Was ist das Bezeichnete? welches ist die Wirklicheit?

Bei so fundamentalen Fragen kommt alles auf die Problemstellung an. Man kann nicht vorsichtig genug dabei verfahren. Ehe man nach der Auflösung forscht, tut man gut, sich klar zu machen, ob die Problemstellung überhaupt eine Lösung zuläßt, und wie sie möglicherweise beschaffen sein kann. Was für eine Antwort also kann ich überhaupt erwarten auf die Frage: was ist das Wirkliche?

Wie die Antwort auch lauten mag: sie muß ein Urteil sein. Ein Urteil aber, dies wissen wir längst, ist ein Zeichen für eine Tatsache und nichts weiter. Ein Gegenstand wird unter einen Begriff subsumiert, dieser wird ihm zugeordnet, und das geschieht eben im Urteil, welches damit den ganzen Sachverhalt bezeichnet. Ein weiteres kann es niemals leisten. Wie man es auch anstellen mag, durch wie viele Urteile man auch die verwendeten Begriffe zu erläutern und zu klären versucht: immer gibt uns unser Erkennen, das ja in einem Urteilen besteht, nichts als Zeichen, niemals das Bezeichnete. Dieses bleibt ewig jenseits. Und wer vom Erkennen fordert, daß es uns das Wirkliche realiter näher bringen soll, der stellt damti nicht etwa eine zu hohe, sondern eine unsinnige Forderung. Wir sahen ja seit langem ein (I, § 11): im Erkennen können und wollen wir das Erkannte gar nicht gegenwärtig haben, nicht eins mit ihm werden, nicht es unmittelbar schauen, sondern nur Zeichen zuordnen und ordnen. Daß die Erkenntnis eben dies leistet und nichts anderes, ist nicht ihre Schwäche, sondern ihr Wesen.

Wir sehen also: wer etwa mit unserer Frage den Sinn verbinden wollte: was ist das Bezeichnete unabhängig vom Bezeichnen? der wäre in ein hoffnungsloses Mißverständnis versunken. Er hätte ein sinnloses Problem gestellt, denn jede Frage erfordert als Antwort ein Urteil, ist also ein Wunsch nach einer Bezeichnung, und daher wäre jene Formulierung ebenso gescheit, als wenn einer fragen wollte: wie hört sich ein Ton an, wenn ihn niemand hört?

Das Wirkliche kann uns demnach niemals durch Erkenntnisse irgendwelcher Art gegeben werden. Es ist vor aller Erkenntnis da. Es ist das Bezeichnete, das vor allem Bezeichnen ist. Und dieser Satz selbst und alle Urteile, die man sonst darüber fällen mag, können es immer nur bezeichnen, nicht geben, nicht bestimmen, nicht schaffen. Das ist eine einfache Einsicht, die rein analytisch aus dem Erkenntnisbegriff folgt. Sie ist aber oft verfehlt worden und dadurch wurde die neueste Philosophie auf manchen sonderbaren Irrpfad gebracht. Wir werden darauf zurückkommen.

Einstweilen aber halten wir fest: Kenntnis des Wesens der Wirklichkeit wird nicht erreicht durch das Erkennen der Wirklichkeit. Sie muß diesem, wo sie überhaupt möglich ist, voraufgehen, weil das zu Bezeichnende früher ist als das Bezeichnen. So ist uns das gesamte Reich der eigenen Bewußtseinsdaten schlechthin bekannt, es ist einfach da, vor allem Fragen, vor aller Erkenntnis, die daran nichts ändern, nichts wegnehmen und nichts hinzusetzen kann. Diese unmittelbar gegebenen Daten sind die einzige und bekannte Wirklichkeit; aber ganz falsch wäre es darauf zu folgern, daß sie deswegen auch das einzig Wirkliche oder auch nur das einzig erkannte, erkennbare, bezeichenbare Wirkliche sein müßten. Man hat aber diesen Schluß oft gezogen. Auch darauf komme ich zurück.

Für jetzt wenden wir uns wieder unserer Frage zu: Welche Gegenstände sind wirklich? Die Frage muß wohl verstanden werden. Es kann nicht so sein, daß wir aus einer Mannigfaltigkeit gegebener Dinge nun die "wirklichen" auszusuchen hätten, um sie von den anderen als den unwirklichen zu trennen, denn nichtwirkliche sind uns eben überhaupt nicht gegeben, weil sie ja gar nicht da sind. Sondern es verhält sich offenbar so: im Laufe des Forschens werden wir dazu geführt, durch eine Kombination von Begriffen, die Gegebenes bezeichnen, neue Begriffe zu bilden, die nicht etwas unmittelbar Bekanntes bezeichnen. Und nun ist die Frage, ob diesen etwas "Wirkliches" zugeordnet ist, d. h.: ob mit den Merkmalen jener Begriffe auch das Prädikat "wirklich" verknüpft ist. Die Entscheidung darüber muß, wie wir sehen werden, aus dem Zusammenhang der Begriffe mit solchen von "Gegebenem" getroffen werden, nach denselben Methoden, die in anderen Fällen Anwendung finden, wo es sich darum handelt, ob einem Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft zukommt oder nicht. Daß z. B. Äther den Siedepunkt 39° besitzt, stellen wir durch eine ganz analoge Methodik fest wie die Tatsache, daß Elektronen wirklich sind, das Phlogiston oder das pythagoräische Zentralfeuer dagegen unwirklich.

Jedenfalls ergibt sich, daß die Frage nach der Wirklichkeit eines Gegenstandes tatsächlich wie jede andere sinnvolle Frage durch den Vollzug bestimmter Zuordnungen, Bezeichnungen beantwortet werden kann und daher selbst sinnvoll ist. Will man diesen Sinn noch näher bestimmen, so scheint es, daß alles auf die Definition des Wirklichkeitsbegriffs ankommt. Kann aber eine solche überhaupt gegeben werden? gehört der Begriff nicht vielmehr zu denen, deren Gegenstand sich nur in der Anschauung, im Erleben aufweisen läßt? So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Denn wie sollte man wohl das Wirkliche auf etwas anderes, das heißt doch also auf Nichtwirkliches, zurückführen können? Anzugeben, wodurch sich eigentlich das Seiende vom Nichtseienden unterscheidet - das scheint ein verzweifeltes Beginnen zu sein. In der Tat werden wir den Verdacht bestätigt finden, daß eine Analyse des Wirklichkeitsbegriffs zu den unerfüllbaren Forderungen gehört. Dies schließt aber nicht aus, daß ein Kennzeichen existiert und auffindbar ist, welches allem Wirklichen in gleicher Weise zukommt und es charakterisiert, so daß es stets als Kriterium für die "Wirklichkeit" eines Gegenstandes dienen kann. Welch ungeheure Bedeutung einem solchen Kriterium für die Zwecke des praktischen Lebens zukommt, leuchtet ein, denn das Leben will nur auch Wirklichkeiten Rücksicht nehmen, nicht auf Fiktionen. Dort ist man um derartige Kriteriun im Prinzip auch nie verlegen und bedarf keinerlei Hilfe von der Philosophie. Diese aber muß zusehen, ob jene Kriterien auch für die wissenschaftliche Erkenntnis Wert behalten und streng gültig bleiben; sie muß sie alsdann für ihre eigenen Zwecke auf eine gemeinsame Formel bringen. Gelingt ihr dies, so hat sie damit einen Schlüssel zur Lösung der fundamentalsten Wirklichkeitsprobleme gefunden.

Denn es ist kaum ein Punkt in der Philosophie mit größerem Eifer behandelt worden, keiner hat für den Charakter eines philosophischen Systems und für die Weltanschauung eine höhere Bedeutung als die Frage; wieweit sich das Reich der Wirklichkeit erstreckt, was alles als real zu gelten hat. (Die Worte wirklich und real gebrauche ich hier jederzeit als völlig gleichbedeutend.) Hier stößt man auf das große Problem der Transzendenz, d. h. auf die Frage, ob und in welchem Umfang es Realitäten gibt außerhalb oder jenseits des schlechthin Gegebenen, ob also auch solchen Gegenständen, die nicht unmittelbar Gegebens sind, das Zeichen "wirklich" zugeordnet werden darf oder muß. Diese Probleme sind mit einem Schlag gelöst, sobald man ein Kriterium der Wirklichkeit gefunden hat und anzuwenden weiß; und ich glaube, daß eine Einigung über diesen Punkt viel leichter zu erzielen ist als man glauben sollte, wenn man den heftigen Streit der Systeme über das Transzendenzproblem ansieht.

Die nächsten Paragraphen müssen sich also vor allem mit der Aufsuchtung eines charakteristischen Merkmals alles Wirklichen beschäftigen und aus dem Resultat dieses Suchens die weiteren Konsequenzen entwickeln; sie werden somit die Frage behandeln, welche KÜLPE (1) in der Form ausgesprochen hat: "Wie ist eine Setzung von Realem möglich?" Danach wird dann eine andere Gruppe von Wirklichkeitsproblemen in Angriff zu nehmen sein, die sich einordnen lassen in KÜLPEs Fragestellung (2): "Wie ist die Bestimmung von Realem möglich?" Da handelt es sich also darum, zu prüfen, was für Begriffe dem als wirklich Erkannten allgemein oder im einzelnen Fall noch weiter zugeordnet werden müsen, ob es z. B. als physisch oder psychisch, als Einheit oder Vielheit, als räumlich oder unräumlich, als geordnet oder chaotisch bezeichnet werden muß - oder wie die technischen Termini auch immer lauten mögen. Die Methode der Untersuchung wird überall darin bestehen, daß wir uns den möglichen und tatsächlichen Sinn jener Worte mit größter Sorgfalt feststellen und dann alle Probleme mit den Waffen angreifen, die wir uns im ersten Teil der Betrachtungen geschmiedet haben.


22. Naive und philosophische Standpunkte
in der Wirklichkeitsfrage.

Der Begriff der Wirklichkeit ist kein wissenschaftlicher Begriff. Er ist nicht erst durch eine besondere Forschungsarbeit geschaffen, wie etwa der Begriff der Energie oder des Integrals, er gehört nicht spezifischen Wissenschaften an, ja, so sonderbar es klingen mag, diesen ist an seiner Bestimmung gar nichts gelegen. Zwar erhält natürlich der Theoretiker den Anstoß zu seinen Untersuchungen immer durch die Wirklichkeit, aber für das eigentlich wissenschaftliche Interesse, welches sich am Spiel der Zurückführung der Begriffe aufeinander erfreut, ist es im Grunde belanglos, ob diese Begriffe Wirklichkeiten bezeichnen oder nicht; in beiden Fällen kann der Erkenntnisprozeß gleich energisch verlaufen. Der Mathematiker zeigt in der Beschäftigung mit seinen idealen Gebilden nicht geringeren Eifer als der Historiker oder Nationalökonom, deren Interesse ganz am Wirklichen haftet. Aber auch sie konstruieren ideale Fälle und bewegen sich bei der Untersuchung ihrer allgemeinen Prinzipien in vereinfachenden Abstraktionen. Alle Wissenschaft ist letzten Endes Theorie, und alle Theorie hat unwirkliche Abstraktionen zum Gegenstand.

Mit der konkreten Wirklichkeitsfülle hat es nur das Leben zu tun. Der Begriff der "Wirklichkeit" ist ein schlechthin praktischer; das Handeln ist es, das sich unaufhörlich und ausschließlich mit Realitäten beschäftigt und selber Realitäten hervorbringt. Es ist längst erkannt worden, daß der Wirklichkeitsbegriff ganz allein hier seine Wurzeln hat; vor allem DILTHEY hat großen Nachdruck auf diese Tatsache gelegt (3), und besonders FRISCHEISEN-KÖHLER hat gewichtige Konsequenzen daraus gezogen (4). Damit ist ein höchst bedeutsamer Punkt bezeichnet, wenn man auch den theoretischen Gebrauch, den die erwähnten Denker davon machen, nicht als berechtigt anerkennen mag.

Nicht die Einzeldisziplinen, nur die Philosophie macht den Begriff der Wirklichkeit zum Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses, weil sie sich eben um die Klärung der allgemeinsten Grundlagen bemüht, die auf allen anderen Gebieten ungeprüft hingenommen oder beiseite gelassen werden. Sie kann sich aber - dies geht aus dem eben Gesagten hervor - zur ersten Orientierung über den Begriff nicht an irgendwelche Einzelwissenschaften wenden, sondern muß aus dem Leben und Handeln Aufklärung zu schöpfen suchen. Sie muß ermitteln, was es für den naiven Menschen bedeutet, wenn er einem Gegenstand "Wirklichkeit" zuschreibt und dann muß überlegt werden, ob auch sie für ihre wissenschaftlichen Zwecke mit dem Wort eben dasselbe meinen kann, oder ob sie seine Bedeutung ändern muß, um die Präzision der Gedanken zu bewahren.

Für das naive Individuum bilden den Inbegrif des Wirklichen ohne Frage die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung. Dieser Satz soll aber - das ist wohl zu beachten - nicht etwa eine Aussage des naiven Menschen wiedergeben, nicht seine eigene Formulierung der Antwort auf die Wirklichkeitsfrage, sondern er bedeutet die nachträgliche wissenschaftliche Formulierung der natürlichen Ansicht des Naiven. Er besitzt nämlich zunächst gar nicht den Begriff der Wahrnehmung, dieser ist erst ein Produkt besonderer Reflexion, er entsteht durch die vergleichende Beobachtung der Abhängigkeit der Erlebnisse von den Sinnesorganen. Diese führt sehr bald zu einer Unterscheidung der Wahrnehmungsvorstellung vom wahrgenommenen Objekt; ursprünglich aber fällt auf dem naiven Standpunkt beides schlechthin zusammen. Der Mensch sagt nicht: "Ich habe die Wahrnehmung eines Tisches" und schließt dann erst auf das Vorhandensein des Tisches, sondern er sagt: "Ich sehe den Tisch"; ohne daß er irgendeinen Schluß zieht, ist ihm das Objekt unmittelbar das Gegebene, und er unterscheidet es nicht von der Vorstellung des Objekts. Beides ist für ihn ein und dasselbe. WUNDT gebraucht für diese Einheit den Namen "Vorstellungsobjekt". (5)

In diesem Stadium hat der Mensch überhaupt gar keine Veranlassung, den Begriff des Wirklichen zu bilden. Sie tritt erst ein bei ganz besonderen Erfahrungen, so bei Träumen, bei den sogenannten Sinnestäuschungen, bei falschen Aussagen eines andern, die es zu prüfen gilt. Hier entsteht die Vorstellung des Scheins, des Unwirklichen, und damit ein Motiv zur Bildung des Wirklichkeitsbegriffs, denn vorher gab es nichts, wogegen er abgegrenzt werden konnte. Begriffsbildung setzt ja, wie wir wissen, Unterscheidung voraus.

Sobald aber diese Abgrenzung nötig wird, benutzt der Mensch als Kriterium der Wirklichkeit dasjenige, was wir als Wahrnehmung bezeichnen, mag er selbst nun den Begriff der Wahrnehmung schon besitzen oder nicht. Glaubt jemand nicht and die Wirklichkeit irgendeines Gegenstandes, so gibt es zunächst nur ein Mittel, ihn von dessen Existenz zu überzeugen: wir müssen ihn hinführen oder den Gegenstand zu ihm bringen, damit er ihn sieht und betasten kann oder vielleicht hört; dann zweifelt er nicht länger. Glaubt einer im Traum in fernen Gegenden zu wandern, so kann ihn nach dem Erwachen der in der Hütte neben ihm wachende Gefährte belehren, daß jene Wanderung Schein war, denn das Zeugnis der Sinne sagte ihm, daß der Körper dessen, der da fern zu weilen glaubte, die ganze Zeit ruhig dalag. Es entsteht die Scheidung von Vorstellung und Gegenstand. Die Traumvorstellungen waren wirklich, ihr Gegenstand, die Wanderung, war unwirklich, sie existierte nicht.

Bald aber zeigt sich, daß es auch Fälle gibt, in welchen ein Gegenstand für wirklich erklärt wird, ohne doch sinnlich wahrgenommen zu sein. Der Naturmensch, der seinen Genossen zerfleischt im Wald findet, ist überzeugt, daß ein Raubtier existiert, welches ihn so zugerichtet hat, auch wenn kein menschliches Auge das Tier je zu Gesicht bekommt. Es genügt also das Kriterium der Realität, wenn statt des Gegenstandes selbst die Wirkungen wahrgenommen werden, die von ihm ausgehen. So verknüpft sich mit dem Begriff der "Wirklichkeit" derjenige der Ursächlichkeit, der Kausalität. Wie deutlich er dabei zu Bewußtsein kommt, ist eine Frage, die wir an dieser Stelle ganz unerörtert lassen können. Die Aufgabe, zu gegebenen Wirkungen die Ursachen zu finden, wird vom Leben unaufhörlich gestellt und in allen gewöhnlichen Lagen mit ausreichender Wahrscheinlichkeit von der Erfahrung schnell und leicht beantwortet; ja, Erfahrung ist gar nichts anderes als die Herstellung solcher Verknüpfungen.

Damit ist für die Zwecke des Lebens vollständig gesorgt. Die Wahrnehmung des Gegenstandes in erster, die Wahrnehmung seiner Wirkungen in zweiter Linie geben in allen Fällen ein hinreichendes Kriterium des Wirklichen. Indem aber nun nicht mehr dieses selbst, sondern nur seine "Wirkungen" gegeben zu sein brauchen, wird es doch bereits in so großer Unabhängigkeit vom Wahrnehmenden gedacht, daß das naive Individuum die Frage, ob denn Gegenstände auch wirklich sein können, ohne daß jemand sie oder ihre Wirkungen wahrnimmt, ohne Zögern bejaht. Natürlich werden zunächst die Dinge außerhalb der Wahrnehmung genau so fortexistierend gedacht, wie sie innerhalb der Wahrnehmung gegeben waren, das heißt: mit allen sogenannten primären und sekundären Qualitäten behaftet, räumlicher und zeitlicher Ausdehnung, Farben, Gerüchen usw. Die Dinge denken heißt ja auf einem vorwissenschaftlichen Standpunkt gar nichts anderes als sie sich anschaulich vorstellen, sie müssen daher mit den anschaulichen Qualitäten ausgestattet gedacht werden.

Damit ist die natürliche Weltansich auf dem Standpunkt angelangt, den man gewöhnlich als "naiven Realismus" bezeichnet.

Es ist beachteswert, daß die wirklichen Gegenstände auf diesem Standpunkt durchaus als "Dinge ansich" aufgefaßt werden. Das naive Individuum wird stets behaupten - wenn man es zur Stellungnahme in dieser Frage drängt -, Daß das Sein eines Steins, eines Himmelskörpers gar keine Abhängigkeitsbeziehungen zu anderen Dingen oder zu Wahrnehmungen voraussetzt, daß sie eben "ansich" existieren. In der Tat ist der Begriff des Dings-ansich durchaus eine populäre Konzeption, er ist keineswegs erst durch irgendein besonderes philosophisches System geschaffen worden, wie man zuweilen meint. Vielmehr haben KANT und vor ihm LOCKE ihn einfach dem vorwissenschaftlichen Denken entlehnt. Beachtet man, wie KANT diese Konzeption in seine Philosophie einführt: ohne Definition, ohne besonderen Hinweis auf einen spezifischen Grundbegriff seiner Theorie, so kann kein Zweifel darüber sein, daß er den Begriff - mit Recht - als einen geläufigen und wohlbekannten voraussetzte.

Kann nun die Philosophie die Wirklichkeitskriterien des gschilderten Standpunktes der natürlichen Weltansicht unverändert beibehalten?

Die erste Bestimmung des Naiven, daß das schlechthin Gegebene als wirklich gilt, muß natürlich einfach übernommen werden, denn hier liegt ja ohne Frage die Quelle des Wirklichkeitsbegriffs überhaupt. Das ist wohl von allen Denkern anerkannt, von einigen ausdrücklich hervorgehoben worden, so z. B. von BENEKE (6). Der Satz: "Die Bewußtseinsdaten sind wirklich" ist nichts als die ursprünglichste, wenngleich vorläufige Definition des Wirklichen, der Existenz. Vorläufig, weil man bald doch noch anderes als das unmittelbar Gegeben in den Umkreis des Wirklichkeitsbegriffs aufnimmt. Nur darin wird die philosophische Bestimmung die naive zwar nicht überschreiten, aber präzisieren, daß alle unmittelbaren Daten in gleicher Weise Anspruch auf Realität besitzen, die in der Wahrnehmung gegebenen Dinge also nicht mehr als die "subjektiven" Daten, wie etwa Gefühle oder Phantasievorstellungen. Die Wirklichkeit der letzteren wird natürlich auch von der naiven Ansicht nicht geleugnet, wohl aber nicht selten vernachlässigt und selbst übersehen gegenüber der Realität des sinnlich Wahrgenommenen, vor allem des "Körperlichen".

Den zweiten Schritt des naiven Denkens aber, durch welchen nicht nur das Gegebene selbst, sondern auch Ursachen des Gegebenen als wirklich angenommen werden, obwohl sie nicht gegeben, sondern nur aufgrund von Kausalvorstellungen gesetzt sind, diesen Schritt wird die Philosophie mit größter Vorsicht betrachten. Erstens nämlich tritt uns ja hier die Kausalidee entgegen, und sie müßte doch erst geklärt sein, ehe sie in die Bestimmungen des Wirklichkeitsbegriffs aufgenommen werden kann. Zweitens aber: wie diese Klärung auch ausfallen mag, es erscheint von vornherein ausgemacht, daß ein Zurückführen des Wirklichkeitsbegriffs auf die Kausalität erkenntnistheoretisch nicht befriedigen wird, denn diese ist offenbar ein komplizierterer Begriff als jener und setzt ihn als den ursprünglicheren immer schon voraus, da ja die Kausalbeziehung jedenfalls ausschließlich eine Beziehung zwischen Wirklichkeiten ist.

Wenn aber auch die Philosophie der natürlichen Anschauung mit dem besprochenen Schritt folgen wollte, so würde sie dadurch doch noch nicht völlig mit ihr einig sein, denn wir sahen ja eben, daß im vorwissenschaftlichen Denken selbst schon eine Wirklichkeit ansich statuiert wird, die weder selbst noch in ihren Wirkungen jemals zur Erfahrung gelangt und für die daher die früheren Kriterien nicht mehr in Betracht kommen. Sie werden also doch nicht mehr als wesentlich für das Wirkliche betrachtet, sie sind fallen gelassen, und zwar zunächst ohne Ersatz.

So gut also auch die geschilderte vorphilosophische Ansicht psychologisch begründet und erklärt ist, so wenig ist damit ihre erkenntnistheoretische Rechtfertigung gegeben. Die Mehrzahl der Denker ist dann auch nicht bei ihr stehen geblieben, sondern hat neue Standpunkte gesucht, auf denen sie bessere und einheitlichere Kriterien zu finden meinte. In zwei Richtungen ist die naive Anschauung verlassen worden. Man kann erstens über sie hinaus schreiten, indem man die populäre Meinung nach irgendeiner Seite hin zu vervollkommnen und zu ergänzen sucht, um zu wissenschaftlich brauchbaren Kriterien zu gelangen; und man kann zweitens die Schritte verwerfen, welche das naive Denken selbständig unternahm, und zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren, um ihn in seiner ganzen Reinheit festzuhalten. Durch das letztere Streben ist derjenige Standpunkt gekennzeichnet, welcher unter dem Namen des "idealistischen Positivismus" oder der "Immanenzphilosophie", weniger zweckmäßig auch als "Konszientialismus" bekannt ist. Die meisten Philosophen schlagen aber den zuerst genannten Weg ein und gelangen dadurch zu verschiedenen Systemen, die gewöhnlich als "realistische" bezeichnet werden. Wir wollen einen kurzen Blick auf einige Gedankenbildungen dieser letzteren Kategorie werfen, um dann später die Wirklichkeitskriterien der immanenten Philosophie besonders zu prüfen.

Ein sehr naheliegender Weg, den das Denken oft fast automatisch eingeschlagen hat, ist folgender. Wenn, wie wir sahen, in der Praxis des Lebens das Prädikat der Wirklichkeit zunächst dem unmittelbar Erlebten beigelegt wird, dann aber auch demjenigen, was man als Ursache des Erlebten annimmt, und man wirft die Frage auch, ob diese beiden Kriterien sich nicht vielleicht aufeinander zurückführen lassen, so ist klar, daß das zweite dem ersten nicht untergeordnet werden kann, sondern ihm gegenüber etwas Neues bedeutet. Das Umgekehrte aber ist wohl denkbar: das erste Kriterium könnte auf das zweite reduziert werden und bräuchte dann nicht mehr als selbständiges aufgeführt zu werden, nämlich dann, wenn alles Gegebene selbst auch wieder die Ursache von anderem Gegebenen wäre. Dann würde ja die Bestimmung des Realen als der "Ursache des Gegebenen" sowohl auf das erlebte wie auf das nicht erlebte Wirkliche passen. In der Tat ist die Behauptung wohl möglich, daß alles Erlebte Ursache oder Mitursache von anderem Erlebten ist; jedes Bewußtseinsdatum wird die späteren psychischen Prozesse irgendwie beeinflussen, denn im Prinzip kann man wohl sagen, daß niemals ein Erlebnis gänzlich "spurlos" aus dem Bewußtsein verschwindet, ohne irgendwelche Dispositionen hinterlassen zu haben.

Sehen wir einstweilen davon ab, ob mit dieser Bestimmung des Wirklichen viel erreicht ist und fragen wir uns, ob man auf dem eingeschlagenen Pfad der Bewegung des populären Denkens noch weiter folgen kann, welches geneigt ist, auch solchen Gegenständen Wirklichkeit zuzusprechen, die, soviel man weiß, überhaupt keine Erlebnisse bewirken, weil sie von niemandem wahrgenommen werden. Man hat dies in der Tat versucht, indem man den Begriff der Ursache oder des Wirkens als Sprungbrett zum weiteren Schwung in das Reich des Transzendenten hinein benutzt und nunmehr sagt: Was das gemeine Denken fallen läßt, das können auch wir aus unserer philosophischen Bestimmung fallen lassen, und wir behalten immer noch genug übrig. Sagten wir nämlich vorher, "wirklich" nennen wir alles, was Ursache von Erlebnissen ist, so können wir jetzt die Beziehung zum Erleben aufgeben, aber noch die Bestimmung aufrecht erhalten, daß alles Wirkliche Ursache ist. Was sich in keiner Weise bemerkbar macht, sich nicht irgendwie äußert, das ist in der Tat nicht da, nicht wirklich; ob aber die Äußerungen eines Dings von uns erlebt werden oder nicht, das ist zufällig. Wir treffen also das Wesentliche im Gegensatz zum Zufälligen, wenn wir formulieren: wirklich ist, was wirkt.

Schon die Sprache scheint zu dieser Auffassung zu drängen und zu beweisen, daß man mit ihr den Sinn der populären Anschauung richtig getroffen hat; ist doch im Deutschen das Wort wirklich vom Verbum wirken abgeleitet. Bei ARISTOTELES fällt der Begriff der energeia mit demjenigen der Wirklichkeit zusammen. Auch LEIBNIZ erklärt: "quod non agit, non exist." [Was nicht wirkt, existiert nicht. - wp] Als bekanntester Vertreter der besprochenen Auffassung ist wohl SCHOPENHAUER zu nennen. Er sagt (7) von der Materie: "ihr Sein nämlich ist ihr Wirken: kein anderes Sein derselben ist auch nur zu denken möglich". Und an einer anderen Stelle (8): Die Materie ist die "objektiv aufgefaßte Kausalität selbst". Die Wirklichkeit der Dinge erklärt er für ihre Materialität, also ist sie die "Wirksamkeit der Dinge überhaupt". In der Gegenwart finden wir dieselbe Bestimmung bei zahlreichen Denkern; so meint z. B. BENNO ERDMANN (9): "Wirklich sind die Gegenstände, die wir als wirksam erschließen". Und zweifellos ist die Gleichsetzung des Wirklichen mit dem Wirksamen de facto vollkommen richtig. Dennoch erfüllt sie nicht endgültig unseren Zweck. Wenn auch das Sein ohne Wirken in der Welt nicht vorkommt, so kann es doch unabhängig von ihm gedacht, begrifflich von ihm getrennt werden. Und gerade die naive Ansicht vollzieht diese Trennung durchaus (10), nicht fremd ist ihr der Gedanke, daß etwas wirklich sein kann, ohne doch die geringsten Wirkungen zurückzulassen (z. B. der letzte Gedanke eines Sterbenden). Wenn man die durchgängige Verknüpfung von Realität und Kausalität anerkennt, so könnte man freilich das Wirken als Kriterium des Seins benutzen, falls man nur wüßte, woran sich denn die Wirksamkeit oder Wirkfähigkeit eines Gegenstandes erkennen läßt. Man sieht, daß die Frage auf diese Weise nicht beantwortet werden kann, sondern nur zurückgeschoben ist, und zwar auf ein komplizierteres, schlechter überschaubares Gebiet. Denn das Wirken ist, wie bereits hervorgehoben, der speziellere Begriff, sein Kriterium setzt dasjenige der Realität bereits voraus; letzteres ist allgemeiner, weil das Sein sich ganz wohl ohne Wirken zumindest denken läßt (z. B. als spurlos verschwindend). Ein unerträglicher Nachteil der Bestimmung der Realität als des Wirkenden schlechthin liegt ferner darin, daß sie jede Verbindung mit dem unmittelbar Gegebenen gänzlich auflöst, von welchem der Begriff doch seinen Ursprung nahm, und an welches sie später doch wieder Anschluß suchen muß, um überhaupt eine Anwendung zu finden.

Trotzdem hat sich die Spekulation gelegentlich noch weiter vom Ausgangspunkt entfernt und die Vorstellung der Wirklichkeit noch weiter verflüchtigt, indem sie annahm, es sei nicht gerade nötig, das Wesen in Kausalbeziehungen zu suchen; diese Bestimmung lasse vielmehr noch eine Verallgemeinerung zu: das Sein könne nämlich ausreichend charakterisiert werden durch das Bestehen von Beziehungen überhaupt. Bekanntlich hat LOTZE das Wirkliche in dieser Weise als ein allseitiges Inbeziehungstehen aufgefaßt. Man tut ihm aber unrecht, wenn man sagt, er habe das Sein definiert als ein Inbeziehungstehen. Wohl klagte er, daß die gemeinhin über das Wirkliche gemachten Aussagen nur Kennzeichen des Seins angeben, nicht aber dieses selbst definieren (11), er gesteht dann aber zu (12), daß es undefinierbar und nur zu erleben ist, "was Sein im Sinne der Wirklichkeit und im Gegensatz zum Nichtsein bedeutet". In der Tat ist gerade die allseitige Bezogenheit keineswegs charakteristisch für das wirkliche Sein, denn wir wissen ja, und LOTZE wußte es ebenso gut: von den reinen Begriffen, denen doch kein wirkliches Sein zukommt, kann man dennoch Beziehungen zueinander aussagen, ja man kann weiter gar nicht von ihnen aussagen, ihr Wesen geht sicherlich darin auf, daß sie in bestimmten Beziehungen zueinander stehen. Zahlen sind keine wirklichen Dinge, aber niemand leugnet, daß Beziehungen zwischen ihnen stattfinden; eine ganze Wissenschaft, die Arithmetik, hat gar keine andere Aufgabe, als die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Beziehungen zu untersuchen. Nein, LOTZE definiert nicht das wirkliche Sein durch Beziehungen, sondern er kommt nur zu dem Resultat (das er - nach obigem allerdings fälschlich - zugleich mit der Überzeugung der natürlichen Weltansicht identifizierte), daß die Wirklichkeit des Seins in der Wirklichkeit von Beziehungen völlig aufgeht (13). Wie sich aber wirkliche Beziehungen von bloß idealen unterscheiden, das kann auch nach ihm keine Definition angeben, es muß vorausgesetzt, unmittelbar erlebt werden. Schließlich muß übrigens auch LOTZE die wirklichen Beziehungen de facto doch wiederum als kausale denken, und so ist sein Standpunkt sachlich nicht wesentlich von dem verschieden, auf welchem das Wirkliche einfach als Wirkendes bezeichnet wurde. Zur Lösung der Aufgabe, um welche wir hier bemüht sind, hat LOTZE eigentlich mehr geleistet durch seine gelungene Polemik gegen HERBART, der das Sein als "absolute Position" bestimmte - eine Formel, über deren Bedeutungslosigkeit wir hier kein Wort zu verlieren brauchen.

Es sei nun ein Blick geworfen auf einige andere Bestimmungsversuche des Realen, die sich in der entgegengesetzten Richtung bewegen. Sie bleiben in der Nähe der Quelle, aus welcher der Wirklichkeitsbegriff fließt, sie suchen nämlich Anschluß zu behalten an das schlechthin Gegebene, das unmittelbare Erleben, vor allem an die Wahrnehmung.

Wenn die natürliche Weltanschauung nicht bloß das in der Wahrnehmung Gegebene, sondern daneben noch etwas anderes als äußere Wirklichkeit annimmt, so wird doch dieses andere dabei ganz so vorgestellt, als ob es in einer Wahrnehmung gegeben wäre und tatsächlich in einer solchen auftreten würde, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt wären. Mit anderen Worten, die Dinge werden als Bedingungen möglicher Wahrnehmungen gedacht. Diese einfache Überlegung ist bekanntlich vor allem von JOHN STUART MILL in eine philosophische Formel gekleidet worden. Er erklärt die wirklichen Gegenstände für "permanente Möglichkeiten der Empfindungen". In seiner "Logik" (14) sagt er z. B.: "The existence of a phenomenon ist but another word for its being perceived, or fort the inferred possibility of perceiving it". [Die Existenz eines Phänomens ist nur ein anderes Wort für seine Wahrnehmung oder die daraus abgeleitete Möglichkeit, es wahrzunehmen. - wp] Da er hinter den Phänomenen kein Ding-ansich annimmt, so bedeutet dieser Satz eine Bezeichnung der Wirklichkeit überhaupt.

Daß die Dinge in der Tat Möglichkeiten von Empfindungen für uns bedeuten, wird man allgemein zugestehen, wobei unentschieden bleiben kann, ob sie daneben nicht noch etwas anderes sind. Aber mag die Theorie den Begriff der Wirklichkeit eindeutig bezeichnen oder nicht - unsere Frage löst sie nicht auf. Denn die Zurückführung des Wirklichen auf das Mögliche wird jederzeit als Hysteronproteron [das Spätere vor dem Früheren - wp] gelten müssen. Wir erläuterungsbedürftig ist nicht der Begriff der Möglichkeit in der Philosophie! Man wird ihn immer durch den Bezug auf eine Wirklichkeit erklären müssen; das Mögliche ist ja etwas, das unter gewissen Bedingungen zum Wirklichen wird, dessen Sein also von der "Wirklichkeit" gewisser Umstände abhängt. Es gibt mithin einen Zirkel, wenn man nun das Wirkliche seinerseits wieder durch das Mögliche bestimmen wollte. Um vollends die Theorie von den Möglichkeiten der Empfindungen irgendwie nutzbar zu machen, müßten wir die Bedingungen vollständig angeben können, unter denen dann Empfindungen wirklich auftreten; dazu sind wir aber nicht imstande - hier liegt vielmehr gerade das Problem versteckt, und so sehen wir leicht, daß die Formulierung MILLs uns unserem Ziel nicht im Geringsten näher bringt. Wenn übrigens MILL an einer anderen Stelle seiner Logik (15) bemerkt: "to exist, ist to excite, or be capable of excitung, any stats of consciousness" [Zu existieren bedeutet, einen Bewußtseinszustand zu bewirken oder beliebige Bewußtseinszustände zu bewirken. - wp], so setzt er damit, nicht ganz konsequent, das Kriterium für die Realität der Gegenstände in ihre Wirkungen, denn das Wort excite bedeutet ja eine Verursachung. Die im Begriff der Möglichkeit liegenden Schwierigkeiten sind bei der letzten Formulierung in dem Wort "capable" verborgen. MILLs Anschauungen entfernen sich in ungewisser Richtung vom unmittelbar Gegebenen, und wir können sie deshalb nicht als reinen Positivismus bezeichnen; diesem ist der Standpunkt der Immanenz eigentümlich.

Der Zweck aber, nach dem die besprochenen philosophischen Bemühungen zielen, nämlich die wissenschaftliche Formulierung des dem Leben entnommenen Wirklichkeitsbegriffes, ist bereits viel vollkommener erreicht durch den älteren einfacheren Satz KANTs: Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich". Dementsprechend erklärt er den Begriff der Möglichkeit durch die "formalen Bedingungen" (16). Die Möglichkeit wird also von ihm sozusagen bloß indirekt, die Wirklichkeit aber unmittelbar zurückgeführt auf Beziehungen zum Anschaulichen (denn dies bedeutet das Wort material), das heißt: zum schlechthin Gegebenen. Man erkennt die systematische Überlegenheit im Vergleich zu MILL. Freilich liegt in dem Wort "zusammenhängt" noch eine unerträgliche Unbestimmtheit, die auch nicht behoben wird durch die näheren Erklärungen, welche KANT angeschlossen hat (17):
    "Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist, zwar nicht eben unmittelbar vom Gegenstand selbst, dessen Dasein erkannt werden soll, aber doch den Zusammenhang desselben mit irgendeiner wirklichen Wahrnehmung, nach den Analogien der Erfahrung, welche alle reale Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen."
Hier wird also jener Zusammenhang näher erläutert als nach den "Analogien der Erfahrung" bestimmbar, d. h. nach den Grundsätzen der Substanzbeharrlichkeit, der Kausalität und der Wechselwirkung. Wir sehen uns also wiederum auf komplizierte synthetische Bestimmungen verwiesen, die vollkommen richtig sein mögen, und aus denen sich vielleicht das von uns gesuchte Kriterium finden läßt, die aber doch keine Antwort auf unsere Frage geben, weil sie eben dieses Kriterium nicht explizit herausstellen. Sie sagen zunächst nichts darüber, woran man denn nun das Bestehen jener Relationen erkennt, von denen in den Analogien der Erfahrung die Rede ist. Unmittelbar erlebt wird es doch nicht, wenn es aber erschlossen wird, so entsteht die Frage, auf welche Weise und aufgrund welcher Prinzipien ein solcher Schluß stattfinden kann. Indirekt ist nun freilich KANT die Antwort nicht schuldig geblieben; man kann sie aus seiner Lehre vom "Schematismus" entnehmen. Wir haben aber hier keine Veranlassung, auf diese etwas dunkle und in ihrer Gesamtheit anfechtbare Lehre einzugehen, denn es wird sich im nächsten Paragraphen ganz von selbst zeigen, was wir von jener Lehre für unseren Zweck verwenden können und billigen müssen.

An die allgemeine kantische Formulierung haben sich auch moderne Denker angeschlossen. So sagt z. B. RIEHL (18): "Wirklich sein und in den Zusammenhang der Wahrnehmungen gehören bedeutet ein und dasselbe". Diese Fassungen haben den großen Vorzug, daß in ihnen als fundamentaler Punkt die Notwendigkeit gebührend hervorgekehrt wird, die Bestimmung des Realen irgendwie an das unmittelbar Gegebene anzuschließen (nämlich an die Empfindung). Damit ist zugleich die Unmöglichkeit einer rein logischen Definition des Wirklichkeitsbegriffs richtig zum Ausdruck gebracht. Denn wo zur Inhaltsbestimmung eines Begriffs ein Zurückgehen auf schlechthin Gegebenes nötig wird, da bedeutet dies ja immer ein Hinübertreten über die Grenze des Definierens (vgl. oben Teil I, § 6), welche das Reich der Begriffe von dem der Wirklichkeit unüberschreitbar scheidet.

Es muß nun versucht werden, die besprochenen Formulierungen zu ergänzen und zu präzisieren durch die Einführung eines charakteristischen Merkmals, welches in jedem Fall eine Entscheidung darüber gestattet, ob ein Gegenstand mit Empfindungen (oder sonstigen Erlebnisen) in jenem ganz besonderen Zusammenhang steht, welcher seine Wirklichkeit verbürgt. ist es dann gelungen, den Wirklichkeitsbegriff des Lebens in eine strenge Form zu bringen, so wird sich leicht erkennen lassen, ob die Philosophie bei ihm stehen bleiben kann oder ob sie über ihn hinwegschreiten oder von ihm zum Ausgangspunkt zurückkehren muß - mit anderen Worten: ob die verschiedenen realistischen oder die streng idealistische, immanente Ansicht sich der strengen Kritik gegenüber als siegreich behaupten werden.


23. Die Zeitlichkeit des Wirklichen

Seit frühen Zeiten (schon im System PLATONs finden wir den Gedanken präformiert, wenn nicht ausgesprochen) sind das wesenlose Reich der Begriffe und die Welt der Wirklichkeit einander gegenübergestellt worden als das zeitlose und das zeitliche Sein. Damit ist eine Bestimmung von so allgemeiner und tiefgehender Bedeutung gemacht, daß es nicht möglich und nicht nötig ist, etwas daran zu ändern und zu bessern. Niemand bestreitet, daß alles Wirkliche für uns in der Zeit ist, und daß die Begriffe zeitlos sind. Hier können wir uns einfach auf den consensus omnium [allgemeiner Konsens - wp] stützen und die nächsten Schritte tun, ohne irgendeinen Widerspruch befürchten zu müssen. Es ist an diesem Punkt keine ausdrückliche Rechtfertigung und Begründung, sondern nur eine Erläuterung und Verdeutlichung erforderlich.

Die Zeitlichkeit alles Wirklichen ist in der Tat ein Merkmal, welches die Rolle des gesuchten Kriteriums voll und ganz übernehmen kann.

Alles, was da wirklich existiert, ist für uns zu einer bestimmten Zeit. Ereignisse oder Dinge - alles ist an einem gewissen Zeitpunkt oder während einer gewissen Zeitdauer. Das gilt, was man auch sonst vom "Wesen" der Zeit denken mag; es gilt unabhängig davon, wie die Bestimmung eines Zeitpunktes vor sich geht, oder ob man ihr relative oder eine absolute Bedeutung zuschreibt, ihr subjektive oder objektive Gültigkeit beilegt. Für den naiven Menschen wie für alle Wissenschaften ist jedes Wirkliche in der Zeit; für uns muß es daher auch stets an diesem Merkmal erkennbar sein. Und wenn ein Philosoph die Existenz unzeitlicher Realitäten behauptet, wie etwa von den Dingen-ansich tut, so ändert dies doch auch innerhalb seiner Lehre nichts daran, daß sich für unser Erkennen das Wirkliche nie anders als in der Zeitform offenbar.

Einem großen Umkreis des Realen kommt noch eine andere Bestimmung zu, an der nichts Unwirkliches teilhat: das ist die räumliche Ordnung. Alle wirklichen Dinge und Vorgänge der "Außenwelt" (dies selbst ist ja ein räumlicher Ausdruck) sind dadurch charakterisiert, daß ihnen ein ganz bestimmter Ort zugeschrieben werden muß. Bekanntlich gilt dies aber nicht für alle Realitäten; manche Bewußtseinsdaten, denen die volle Wirklichkeit alles unmittelbar Gegebenen zukommt, sind schlechthin unräumlich. Wenn ich Freude fühle oder Trauer, Zorn oder Mitleid, so sind diese Affekte nicht irgendwo im Raum, nicht an einem bestimmten Ort gegeben (vor allem natürlich nicht etwa "im Kopf"), es hat keinen Sinn, irgendwelche räumlichen Prädikate von ihnen auszusagen. Dieser Umstand, daß zwar die gesamte Wirklichkeit zeitlich bestimmt ist, aber nur teilweise räumlich, ist die Quelle einer Reihe philosophischer Fragen; er liefert z. B. auch zum psychophysischen Problem einen Beitrag. Davon wird später die Rede sein. Vorläufig lehrt uns jener Umstand, daß wir als hinreichendes Realitätskriterium sowohl die Zeitlichkeit wie auch die Räumlichkeit anzusehen haben, daß aber nur die erstere ein notwendiges Kriterium alles Wirklichen ist.

Bloße Begriffe sind niemals an einem Ort, nirgends zu einer bestimmten Zeit. Die Zahl 7, der Begriff des Widerspruchs, der Begriff der Kausalität, sind an keinem Ort der Welt aufzufinden, zu keiner Zeit anzutreffen, auch nicht, wie ich ja oft betonte, im Geist dessen, der die Begriffe denkt. Dort existieren nur reale psychische Vorgänge, welche die Funktion der fingierten Begriffe übernehmen. Das gilt natürlich nicht bloß von Allgemeinbegriffen, sondern ebensowohl von individuellen: der Schlacht bei Pharsalus kommt ein bestimmter Ort und eine bestimmte Zeit zu; der Begriff der Schlacht bei Pharsalus ist nirgendwo und nirgendwann.

Das Gleiche gilt auch für solche unwirklichen Gegenstände, die man gewöhnlich nicht als Begriffe bezeichnet: Dinge oder Vorgänge, die man für wirklich hält, von denen sich aber dann herausstellt, daß sie gar nicht existieren. Betrachten wir ein Beispiel. Ich denke etwa an eine Reise, die ich im nächsten Jahr unternehmen will. Diese ist dann etwas Unwirkliches, zumindest jetzt, und wenn wir annehmen, daß sie durch widrige äußere Umstände gänzlich verhindert wird, so ist es überhaupt unmöglich, ihr irgendwie das Prädikat der Realität beizulegen. Wodurch muß sich nun die gedachte Reise von einer wirklichen unterscheiden? Ganz gewiß nicht durch irgendwelche inhaltlichen Merkmale. Denn auf der wirklichen Reise kann mir schlechterdings nichts passieren, was ich mir nicht auch ebensogut in Gedanken vorstellen könnte. Das kleinste Vorkommnis, den geringfügigsten Nebenumstand, der sich auf einer Reise nur immer ereignen kann, vermag ich mir bis in alle Einzelheiten in der Vorstellung auszumalen. Jeder Inhalt einer Wahrnehmungsvorstellung kann auch Inhalt einer Erinnerungs- oder Phantasievorstellung sein. Die Einsicht, daß das Wirkliche sich von allem Unwirklichen nicht durch irgendein inhaltliches Moment unterscheidet, hat KANT in den so oft zitierten Satz gebracht: "Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das mindeste mehr als hundert mögliche." Der Ruhm aber, dieser Wahrheit zuerst Ausdruck verliehen zu haben, gebührt HUME, denn er sagt (Treatise of human nature, book I, Part II, section 6): "The ideal of existence ..., when conjoined with the idea of any object, makes no addition to it." [Die Idee der Existenz verbunden mit irgendeinem Gegenstand fügt diesem nichts hinzu. - wp] Ob also ein Begriff etwas Wirkliches bezeichnet oder nicht, kann nicht an irgendeinem Merkmal dieses Begriffs erkannt werden, sondern nur durch ein ganz neues Prädikat, durch irgendeine besondere Beziehung zu etwas anderem.

Wenn jemand angeben soll, welchen Unterschied es macht, ob ich an eine wirkliche oder an eine eingebildete Reise denke, so wird er vielleicht zuerst darauf hinweisen, daß im letzteren Fall meine Gedanken sehr unbestimmt sind; ich kann diese Reise so oder so denken, sie ist ein Produkt meiner Phantasie, nichts zwingt mich, sie gerade mit ganz bestimmten, genau festgelegten Einzelheiten in der Vorstellung auszustatten. Denke ich dagegen an eine wirkliche Reise, so muß auch der kleinste Umstand dabei ganz bis ins Detail bestimmt sein, denn wenn ich mir nur die geringfügigste Abweichung und willkürliche Änderung erlaube, so denke ich eben nicht mehr an einen Vorgang der wirklichen Reise, sondern substituiere dafür etwas Eingebildets.

Diese Ausführung trifft etwas Richtiges, aber sie ist noch zu vervollständigen und zu präzisieren; denn die ganz besondere Art der Bestimmtheit, welche das Reale vor der Willkürlichkeit des Eingebildeten voraus hat, muß gefunden werden. Und sie besteht nun eben in nichts anderem als in der festen räumlichen und zeitlichen Ordnung, die jedem Datum der wirklichen Reise seinen ganz bestimmten Platz anweist, jeden Vorgang der realen Welt in einen eindeutigen Zusammenhang mit allen anderen Vorgängen und Teilen der Welt bringt. Jedem Wirklichkeitselement kommt ein und nur ein Platz in der Zeit zu, der völlig fest bestimmt ist, sobald nur eine Maßeinheit und ein Bezugssystem der Zeit gewählt sind. Feste räumliche Bestimmung ist zwar den meisten Realitäten außerdem eigentümlich, da das aber nicht für alle zutrifft, z. B. nicht für die Gefühlserlebnisse auf der betrachteten Reise, so ist allein die eindeutige Zeitbestimmung als notwendiges Kennzeichen der Wirklichkeit anzusehen.

Nun wird man vielleicht einwenden, restlos vollkommene zeitliche Bestimmung könne auch einer bloß imaginären Reise sehr wohl zukommen. Die äußeren Umstände könnten z. B. so liegen, daß die zukünftige Reise notwendig an einem ganz genau festgelegten Zeitpunkt angetreten werden muß, an dem und dem Tag, um die und die Minute, ja Sekunde; und alles könnte so geplant und geordnet sein, daß jede einzelne Phase durch den Zwang der Verhältnisse sich nur in genau vorherzusehender Weise abspielen kann. Dann würde ich in Gedanken an die zukünftigen Ereignisse dieser Reise mir die einzelnen Vorgänge zu ganz bestimmten Zeitpunkten vorzustellen gezwungen sein, es bliebe gar kein Spielraum für meine Willkür - aber würde sie dadurch schon zu einer wirklichen?

Gerade die Erwägung eines solchen Falles bestätigt die Richtigkeit unseres Erlebnisses. Gesetzt nämlich, die natürlichen Zusammenhänge machten es tatsächlich absolut notwendig, daß die Vorgänge der Reise sich nur auf eine ganz bestimmte, vorher übersehbare Art und zu vorher genau bekannten Zeiten ereignen könnten, nun, so hieße dies eben gar nichts anderes, als daß sie sich mit Sicherheit so ereignen müssen und unmöglich ausbleiben oder anders ausfallen könnten, daß also die Reise überhaupt gar nichts bloß Eingebildetes ist, sondern zukünftige Wirklichkeit besitzt. Sobald die Naturumstände den Zeitpunkt eines Ereignisses mit Notwendigkeit bestimmen, so heißt das eben: das Ereignis tritt wirklich ein. Weder im betrachteten Beispiel der Reise noch streng genommen in irgendeinem anderen Fall werden freilich alle Umstände jemals so vollkommen übersehbar sein, daß irgendein vorausgeschautes Zukünftiges in seinem ganzen Verlauf mit Sicherheit an einer völlig bestimmten Zeitstelle eingeordnet werden müßte; immer wird es möglich bleiben, daß unerwartete Geschehnisse den vorausgesetzten Gang der Dinge durchkreuzen, so daß kein sicheres Urteil möglich ist, ob das zunächst nur Eingebildete auch wirklich werden wird - stets aber äußert sich das darin, daß für mein Vorstellen kein absoluter Zwang besteh, dem Vorgestellten einen Zeitpunkt eindeutig zuzuweisen, es bleibt eine Unsicherheit und Willkür bestehen. Ein Gleiches gilt auch vom Sein vergangener Wirklichkeiten. Niemals wird sich mit schlechthin vollkommener Gewißheit ermitteln lassen, ob das vorgestellte Gewesene auch in der Weise wirklich war, wie es vorgestellt wird; je genauer wir es aber räumlich und zeitlich lokalisieren können, desto sicherer sind wir, die Wirklichkeit getroffen zu haben.

So können wir nunmehr den Satz festhalten, daß alles, was in Leben und Wissenschaft als wirklich anerkannt wird, charakterisiert ist durch seine Zeitlichkeit, durch seinen festen Platz in der allgemeinen zeitlichen Ordnung der realen Dinge und Vorgänge. KANT hat diese Wahrheit (im Schematismuskapitel der Kr. d. r. V.) in die Worte gefaßt: "Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit."

Das gefundene Kennzeichen stellt, wie es nach den vorhergehenden Ausführungen sein muß, kein inhaltliches Merkmal dar, sondern es ist gleichsam ein Äußeres, das jedes Wirkliche mit allem anderen verwebt.

Erfüllt nun aber das gewonnene Resultat auch die andere Bedingung, die wir als unerläßlich für das Wirklichkeitskriterium erkannt haben? Diese andere Bedingung verlangte eine Verknüpfung eines Realen mit dem unmittelbar Gegebenen, weil in ihm der Begriff der Wirklichkeit wurzelt und sich überall wieder bis zur Wurzel zurückverfolgen lassen muß. Auf den ersten Blick scheint nun aber unser Kriterium dieser Forderung nicht zu genügen. Denn Zeitbestimmungen sind nicht unmittelbar gegeben, nicht bloß Sache des einfachen Erlebens; sie scheinen vielmehr nichts vorauszusetzen als ein wohldefiniertes objektives Maß und ein ebensolches Bezugssystem, Begriffe also, die außerhalb des direkt Gegebenen liegen. Aber der Anschluß an dieses letztere wird sofort erreicht und als notwendig erkannt, wenn wir uns klar machen, auf welche Weise denn eine Zeitbestimmung nur vorgenommen, ein Zeitpunkt nur definiert werden kann. Die Festlegung eines Zeitpunktes geschieht stets durch die Angabe eines Abstandes von einem anderen Zeitpunkt. Ich sage etwa: KANT wurde 13 Jahre nach HUME geboren. Frage ich weiter danach, wann HUME geboren wurde, so kann ich wieder nur durch die Beziehung auf einen anderen Zeitpunkt antworten; ich entgegne z. B.: 1711 Jahre nach Christi Geburt. Jedoch was nützt mir das, wenn ich nicht weiß, wann dieses letztere Ereignis stattfand? Aber auf welchen Zeitpunkt ich mich auch beziehen mag - immer bleibt die Angabe gleichsam im Leeren schweben und verlangt nach Antwort auf ein neues Wann: alle Zeitbestimmungen müßten haltlos und sinnlos bleiben, wenn es nicht einen Punkt gäbe, bei dem die Frage "wann"? keiner Antwort mehr bedarf. Einen solchen gibt es aber: es ist der Moment der Gegenwart. Ich kann nicht mehr fragen: Wann ist der gegenwärtige Augenblick? denn dieses Wann wird unmittelbar erlebt. Zeitbestimmung hat nur Sinn und Zweck für Ereignisse, die in meinem Bewußtsein nicht direkt gegenwärtig sind. Der Sinn eines jeden Wann ist in letzter Linie immer die Frage nach dem Abstand von dem Zeitpunkt, der für mich Gegenwart ist; er kann nicht weiter bestimmt werden, sondern dient als fester Beziehungspunkt für alle Festlegungen, als der einzige, den es gibt. Durch ihn ist die Relativität des Zeitbeginns für mich überwunden. (Die psychologische und die physikalische Relativität der Zeitdauer hat natürlich damit nichts zu tun, sie bleibt bestehen in dem von den Einzelwissenschaften gelehrten Maß.) Wir sehen also: wenn wir das Kriterium der Wirklichkeit eines Gegenstandes in sein Dasein zu einer bestimmten Zeit setzen, so kommt dadurch der Zusammenhang alles Wirklichen mit dem schlechthin Gegebenen mit aller Kraft und Deutlichkeit zum Ausdruck. Dasein zu einer bestimmten Zeit bedeutet eben, zum Gegebenen, zum erlebten Jetzt in einer bestimmten Beziehung stehen.

Unzweifelhaft ist also die Orientierung in der Zeit dasjenige Kennzeichen, welches sich überall die Orientierung in der Zeit dasjenige Kennzeichen, welches sich überall aufweisen läßt, wo wir von realer Existenz reden, wo wir Gegenständen jene "Wirklichkeit" zuschreiben, die sich nicht definieren läßt, deren Sinn aber doch von jedermann als ein völlig bestimmter überall vorausgesetzt wird und nach dem sich alles Handeln und Forschen richtet. Mag im Einzelnen dieses oder jenes Kennzeichen zur Konstatierung der Realität verhelfen, allen ist gemeinsam, daß dadurch dem Wirklichen eine bestimmte Stelle in der Zeit (meist auch ein bestimmter Ort im Raum) angewiesen wird; auf dieses laufen alle Methoden der "Realisierung" schließlich hinaus.

Indem nun dieses Resultat erreicht und aus dem Denken und den Verfahrensweisen der Praxis das Kriterium herausgearbeitet ist, durch das der Umkreis all dessen abgegrenzt werden kann, was da als "wirklich" gilt, so ist ddamit für die Behandlung des Wirklichkeitsproblems durch die Philosophie eine feste Basis geschaffen, die sie nicht ohne weiteres verlassen darf. Denn es versteht sich von selbst, daß der Philosoph - was immer seine Zwecke sein mögen - nicht das Recht hat, dem Wort "Wirklichkeit" von vornherein einen neuen Sinn zu geben, verschieden von dem, welchen das vorphilosophische Denken geschaffen hat und benutzt. Denn von dort aus werden der Philosophie ihre Probleme gestellt und Probleme lassen sich nicht lösen durch bloße neue Definitionen. Die philosophischen Lehren, mit denen das hier gefundene Realitätskriterium nicht im Einklang ist, geben in der Tat meist zu verstehen, daß sie nicht etwa einen neuen Wirklichkeitsbegrif aufstellen wollen, sondern daß eben gerade dasjenige, was jeder wahrhaft meint, wenn er von einem Wirklichen spricht, durch unser Kennzeichen nicht richtig getroffen wird und auf andere Weise zu bestimmen ist.

Es kann, wie ich glaube, gezeigt werden, daß diese Standpunkt im Unrecht sind. Sie verfahren durchweg dogmatisch, das heißt: sie machen sich von vornherein ihren besonderen Wirklichkeitsbegriff zurecht, um dadurch bestimmten Problemen auszuweichen, deren sie sonst nicht Herr werden können, und sie suchen dann hinterher diesen Sinn des Begriffs als den einzig natürlichen, selbstverständlichen, oder gar einzig möglichen hinzustellen.

Diese philosophischen Systeme, die da behaupten, daß sich der Begriff des zeitlich Bestimmten nicht mit dem des Wirklichen deckt, zerfallen naturgemäß in zwei Gruppen: die einen erklären ihn für zu eng, die anderen halten ihn für zu weit. Die ersteren müssen damit in der Philosophie die Entdeckerin eines neuen Reiches der Wirklichkeit sehen, das jenseits desjenigen der Wissenschaft und des Lebens steht, die anderen müssen dem unbefangenen Standpunkt des naiven Menschen und Forschers vorwerfen, daß sie bloße Einbildungen für "wirklich" halten, bloße Begriffe hypostasieren [Vergegenständlichen - wp] und reinen Hypothesen (bloßen "Hilfsmitteln der Beschreibung") eine reale Bedeutung beimessen. Beides ist oft genug geschehen, und beide Richtungen spielen im philosophischen Denken aller Zeiten eine Rolle.

Die Widerlegung der ersten der beiden Gedankenrichtungen war eine historisch wichtige Aufgabe der Philosophie, die in der Gegenwart im Wesentlichen als gelöst und abgeschlossen betrachtet werden kann, etwa seit der Zeit des kantischen Kampfes gegen die alte Metaphysik. Die Prüfung der zweiten Ansicht aber hat noch in der Gegenwart, und gerade in der Gegenwart, große Bedeutung. Einer solchen Prüfung sollen die nächsten Seiten gewidmet sein, und erst an sie wollen wir die Entwicklung der positiven Konsequenzen anschließen, die sich aus den bisher gewonnenen Einsichten ergeben. Diese Einsichten selbst werden sich dabei noch mehr befestigen. Unsere Stellungnahme zu jener anderen Richtung, die dem Begriff des Wirklichen einen ungebührlich weiten Kreis zuweisen möchte, wird sich ganz von selbst ergeben, ohne daß es nötig wäre, eine besondere Untersuchung darauf zu richten.
LITERATUR - Moritz Schlick, Allgemeine Erkenntnislehre, Berlin 1918
    dow Download mit den Kommentaren

    Anmerkungen
    1) Oswald Külpe, Die Realisierung, Bd. 1, Leipzig 1912, Seite 4.
    2) Külpe, a. a. O., Seite 5
    3) Dilthey, Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht, Sitzungsberichte der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Bd. 34, 1890, Seite 977.
    4) Max Frischeisen-Köhler, Wissenschaft und Wirklichkeit, 1912
    5) Wilhelm Wundt, System der Philosophie, Bd. 1, dritte Auflage, Seite 79.
    6) Friedrich Eduard Beneke, System der Metaphysik, 1840, Seite 76, 83, 90.
    7) Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, § 4.
    8) Schopenhauer, a. a. O., Bd. 2, 1. Buch, Kapitel 4. Ähnlich in der Abhandlung über den Satz vom Grunde gegen Ende des § 21.
    9) Benno Erdmann, Logik, Bd. 1, zweite Auflage, Seite 138.
    10) Hierauf weist nachdrücklich Erich Becher hin (Naturphilosophie, Seite 62, in Hinneberg (Hg), Kultur der Gegenwart, 1914).
    11) Lotze, Metaphysik, § 1
    12) Lotze, a. a. O., § 5, § 8.
    13) Lotze, Metaphysik, besonders § 10.
    14) Mill, Logik, 3. Buch, Kapitel 24, § 1.
    15) Mill, a. a. O., Buch 1, Kapitel 5, § 5, Anm.
    16) Kritik der reinen Vernunft, Kehrbach-Ausgabe, Seite 202.
    17) Kr. d. r. V., ebd. Seite 206f.
    18) Alois Riehl, Beiträge zur Logik, 1912, zweite Auflage, Seite 25.