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LEOPOLD ZIEGLER
Der Rationalismus der Antike
und das Erkenntnisproblem

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"Der Zustand, welchen  Sokrates in Leben und Wissenschaft antraf, ist damit bezeichnet, daß er alles, was bisher von gemeinsamer und objektiver Gültigkeit gewesen war, in seinen nur  relativen und bedingten Wert auflöste und so das Ansehen alter Kulte, alter Mythen und bis dahin ehrwürdiger Sittlichkeit der Zersetzung überantwortete. Der Sophist verkündet den Triumph der Vernünftelei, welcher zugleich den Triumph des einzelnen Subjekts bedeutet, das sich mit Hilfe der ersteren allen gemeinsamen Verbindlichkeiten zu entziehen bemüht ist."

"Platon hatte sich das durchgängige Gesetz von der Relativität der Sinneswelt aufgedrängt. Die  Idee war die zeitlose Ewigkeit, das stetige und ewige Sein, der ruhevoll in sich beharrende Geist von Gattungsurbildern, Gattungsgesetzen, wohingegen die unmittelbar erfahrene Welt der Sinnlichkeit das Reich des  Heraklit ist, wo ein Kleines in Beziehung auf ein noch Kleineres  groß ist, ein Großes in Beziehung auf ein Größeres klein, hier war alles nur durch  Beziehung, d. h. alles  relativ."

"Es hatte gegolten, die tiefen Einsichten einer das Allgemeine suchenden Metaphysik unbedingt sicher zu stellen gegen die Einwürfe der Sophisten - die von  Platon verkündete Lehre mußte daher über jeden Zweifel erhaben, von beweisbarer, unumstößlicher Gewißheit sein. Das drückt Platon völlig unmißverständlich dadurch aus, daß er alle wissenschaftliche Einsicht verwirft, die kein  Beweis ist, d. h. die sich in irgendeinem Sinn nur der Wahrscheinlichkeit anvertraut. Es kann sich beim  Wissen nur um unfehlbares, d. h. - im mathematischen Sinne - beweisendes Erkennen handeln, wogegen kein Einspruch möglich ist."

"Haben wir den Rationalismus vorhin noch deuten können als eine Weltanschauung, die  vor aller Erfahrung ein stetig logisches, intellektuales Apriori behauptet, das Sein einer  vor aller besonderten Sinnlichkeit bestehenden überräumlichen und überzeitlichen Gesamtheit von Gattungsurbildern oder Gattungsgesetzen - so muß man hinzufügen, daß der Rationalismus gleichzeitig eine unfehlbar sichere, mit mathematischer Gewißheit beweisbare Erkenntnisart  dieses Apriori unabdingbar erfordert."


Vorwort

"Ich wollte dieses Leben
Durch ein unendlich Streben
Zur Ewigkeit erhöh'n - -
      - Wilhelm Schlegel


Die vorliegende Arbeit ist keine im engeren Sinne geschichtliche. Um eine solche zu sein, fehlt ihr vor allem die beabsichtigte Vollständigkeit. Von den vielen Denkern, die sich in Europa während langer Jahrhunderte, ja, während Jahrtausenden, zum Rationalismus bekannt und ihn zu fördern gemüht haben, sind nur wenige behandelt worden, und diese wenigen durchaus unvollständig. Das liegt an der Art und Weise, wie hier die Frage gestellt wurde. Es handelt sich um den grundsätzlichen Entwicklungsgang, welchen ein Problem der Philosophie genommen hat, um die wenigen unbedingt entscheidenden Wandlungen, die ihm durch einige größte Denker widerfahren sind; - nicht umd die Darstellung oder gar Wiedergabe der Lebensarbeit dieser Denker selbst. Keine Geschichte des Rationalismus, etwa in der Anlage von FRIEDRICH ALBERT LANGEs "Geschichte des Materialismus", ist geplant gewesen, sondern die Beantwortung einer Frage, die früher oder später jeden einmal beunruhigt, der sich überhaupt mit Philosophie abgibt und der einmal verwundert vor der verworrenen Mannigfaltigkeit ihrer Meinungen, Glaubenssätze, Lehren und Lehrsysteme gestanden hat. Es ist die Frage:
    "Was ist eigentlich mit all diesen harten Kämpfen, Widerstreiten, Entwicklungen und Anstrengungen erreicht worden, was kommt in der Geschichte des spekulierenden Gedankens zum Ausdruck?"
Es ist also gleichsam eine Philosophie über die Geschichte der Philosophie, die gewünscht wird und die wenigstens über einen gewissen Teil der geschichtlichen Philosophie zu geben in der Absicht des Verfassers lag.

Denn mit der ansich richtigen und auch notwendigen Belehrung, daß dieser Denker dieses und jener jenes erdacht und verbreitet hat, daß einst THALES im Wasser und ANAXAGORAS im Nus das Urwesen der Welt erkannt zu haben glaubten, - mit all diesen Tatsachen kommen wir heute nun nicht mehr von der Stelle. Wir sind bestrebt, nicht nur das "Daß" der philosophischen Geschichte zu wissen, sondern das "Warum" ihrer Entstehung, den Beweggrund ihrer besonderen Gestaltungen, zu erkennen. Die Philosophie ist ungleich mehr als die übrigen Wissenschaften abhängig von der Art, dem Willen und den Neigungen des sie erfindenden Menschen; indem sie willkürlicher und unabhängiger von einem sicheren Objekt zu sein scheint, indem sie ferne und entlegene Wege betritt, welche dem gewohnten Gang wissenschaftlicher Forschung entfremdet sind, bedarf sie zweifellos einer inneren Rechtfertigung, gleichsam eine Zurückführung ihrer krausen und verschlungenen Ornamente auf die einfachen und bekannten Urformen geometrischer Elementargebilde. Wir sehen, wie die Weltbilder der Philosophen bedingt sind durch allgemeine Zeitideen und eine persönliche Charakterveranlagung, wir finden das ersehnte rein Wissenschaftliche bei ihnen verändert, umgeformt, wo nicht verdunkelt und getrübt durch die intellektuellen Leidenschaften des philosophierenden Geistes. Sind das lauter Schwierigkeiten, die bei den anderen Wissenschaften kaum beachtet zu werden brauchen, so haben sie hier nur zu oft einer Würdigung metaphysischer Gedanken und Errungenschaften behindernd das Verständnis genommen. -

Ziehen wir dieses Allgemeinere in Betracht, so ergeben sich für uns selbst aus unserer Aufgabe zwei Grundfragen:  Was  strebte der abendländische Rationalismus zu erkennen? Und:  Auf welche Weise  suchte er sich diesem Gegenstand seiner besonderen Erkenntnis zu nähern, ihn zu fassen, ihn ganz und gar zu begreifen? Die Betrachtung dieser Fragen genügt, um den Rationalismus sofort als eine durchaus eigenartige, bestimmte Geistesrichtung verstehen zu lassen. Sowohl der Inhalt und das Ziel seiner Lehre sind von außerordentlicher Art, wie auch die Methode, wodurch er sich diesem Ziel anzunähern gesucht hat. Gleichsam mit  einem  kühnen und ernsten Entschluß hat PLATON als das Ziel philosophischer Erkenntnis das Allgemeine oder das  Ewige  hingestellt. Was das wissenschaftliche Denken der europäischen Philosophie jeweils unter diesem Allgemeinen und Ewigen verstand, um eine hinlängliche Erkenntnis von ihm zu gründen und zu befestigen, das ist die Antwort, die auf unsere erste Frage zu geben sein wird. Und kaum weniger kühn und paradox als dieser  Inhalt  der rationalen Philosophie ist die  Methode,  die ihr derselbe Denker vorgezeichnet hat und die in dem endet, was wir hier  Eros  oder intellektuale Anschauung nennen werden. Diese Methode ist fortwährend die offene oder versteckte Erkenntnisart des Rationalismus geblieben und ist unlöslich mit seinem inhaltlichen Grundproblem eins geworden. Warum wir aber das mystische Verfahren einer Intellektualanschauung gerade mit dem Namen des alten hellenischen Liebesgottes, des  eros,  bezeichnet haben: das hoffen wir im Verlauf unserer Untersuchungen nicht nur zu rechtfertigen, sondern als eine gebotene Notwendigkeit zu erweisen.

Für die  Wissenschaft  hat demnach der abendländische Rationalismus die Bedeutung, daß er ein Objekt der Erkenntnis aufstellte, wie keine Wissenschaft der Erde vor oder nach ihm. In der Größe und strahlenden Erhabenheit des Zieles kommt ihm daher kaum eine andere menschliche Bewegung, sicherlich aber keine streng wissenschaftliche, mehr nahe. Zugleich ergibt sich aber aus der Betrachtung einer geschichtlichen Vergangenheit, wie immer, so auch hier, eine bedeutende Einsicht in das Gegenwärtige. Wir gewahren nämlich, daß dieses Ziel für uns Jetzige nur den Namen, nicht aber den Inhalt gewechselt hat, daß es gerade für unsere Philosophie höchsten Wert und höchste Wahrheit beanspruchen muß. Denn wir führen die geschichtlichen Wandlungen dessen, was PLATON das Allgemeine, das Ewige oder die Ideen genannt hat, bis dahin, wo alle diese vorläufigen metaphysischen Bestimmungen in den Begriff der "Synthesis" oder der "synthetischen kategorialen Funktion" einmünden, die heute wohl als tiefster Gegenstand philosophischer Betrachtung das platonische Ewige gleichsam ersetzt hat; - für heute ein ebenso ernstes, weitgreifendes und wichtiges Rätsel wie für die Vergangenheit die Mythe des herrlichen Atheners.

Aber neben dem Wissenschaftlichen, oder wenn man will:  über  ihm, steht ein Anderes. Die intellektuale Anschauung oder der Eros macht die abstrakte Geschichte abstrakter Kategorien zum wundervollen Bekenntnis eines tiefen und menschlich schönen Triebes. Dünkt es uns heute, als bedürfe die abstrakte Gedankenarbeit der Metaphysik noch einer höheren Rechtfertigung - - nun, hier wird sie durch die Geschichte selbst gegeben. Hinter dem entlegenen System kühler Verstandesarbeit erhebt sich die beharrliche Sehnsucht eines ewig, weil religiös Menschlichen, die mit einem Mal alles begreifen und alle dunklen Irrtümer entschuldbar erscheinen läßt. Sie bezeugt uns, daß auch die Philosophie ein Werk des Herzens ist, ein Werk letzter, allgemein gültigster und dauernd berechtigter Vorgänge und Zustände. Wenden wir uns mit unserer inhaltlichen Entwicklung des historischen Rationalismus ausschließlich an den philosophierenden  Intellekt,  so mit den Betrachtungen über den Eros zugleich unmittelbar an das  Gemüt  aller, denen das Verständnis unserer menschlichen Not und der aus ihr erwachsenden Bestrebungen noch wichtiger und noch köstlicher dünkt, als die bloße Einsicht in die Tatsachen der Geschichte des Denkens und der Wissenschaften. Nur wer mit dem Verfasser willens ist, dieses Höhere zu suchen, der wird nicht enttäuscht werden durch die mannigfachen Schwierigkeiten, die eine ernste Beschäftigung mit den großen Absichten einer Anzahl erlesenster Geister notwendig mit sich führt.


"Das einzig wahre Wissen
ist die Tugend."
- Platon


Der Rationalismus des Abendlandes hat den Vorzug, keine jener namenlosen Geistesbewegungen zu sein, deren Urheber sich uns verloren haben. Sein Beginn ist unzweideutig mit dem Namen eines einzigen Mannes verflochten, dessen seltsame und ursprüngliche Eigenart gerade der Gegenwart wieder zu denken gegeben hat: - SOKRATES! Die entscheidende Bedeutung dieses eigentümlichen Charakters für die Philosophie läßt sich wohl zunächst kurz dahin aussprechen, daß SOKRATES der Entdecker des  Begriffes  gewesen ist. Aber diese Andeutung über die philosophische Leistung des weisheitsvollen Atheners bliebe selbst ohne jeden Wert, wenn man sie nicht bezöge auf das tiefe Problem einer wichtigsten Epoche der abendländischen Geistesgeschichte überhaupt, wenn man ihren Zusammenhang mit der Lebensfrage des griechischen Denkens und des griechischen Volkes nicht zu entwickeln imstande wäre.

Die Philosophie des SOKRATES hat sich entfaltet im Kampf gegen die Sophisten, welche wiederum als die wissenschaftlichen Träger der hellenischen Aufklärung angesehen werden. Wie jede geistige Tat von wahrer Bedeutung ist das sokratische Denken die Folgerung aus einem allgemeinen Kulturzustand, aus einer tiefgefühlten und klar erkannten zeitlichen Not. Dieser Zustand, welchen SOKRATES in Leben und Wissenschaft antraf, ist damit bezeichnet, daß er alles, was bisher von gemeinsamer und objektiver Gültigkeit gewesen war, in seinen nur  relativen  und bedingten Wert auflöste und so das Ansehen alter Kulte, alter Mythen und bis dahin ehrwürdiger Sittlichkeit der Zersetzung überantwortete. Der Sophist verkündet den Triumph der Vernünftelei, welcher zugleich den Triumph des einzelnen Subjekts bedeutet, das sich mit Hilfe der ersteren allen gemeinsamen Verbindlichkeiten zu entziehen bemüht ist. Wenn indessen diejenigen Werte, welche gleichsam die metaphysischen Gemeinsamkeiten eines Volkes darstellen, wie die Religion und der Mythos, in Auflösung begriffen sind, so wird immer der Augenblick kommen, wo die Wissenschaft, das theoretische Denken die verlorene Einheit zu ersetzen bemüht ist. Sie wird dann von sich aus dem Volk die Grundlagen zu einem nationalen, d. h. gemeinsamen Handeln geben wollen, ohne welche weder ein Volk, noch eine Wissenschaft möglich sind. Dieselbe Wissenschaft, durch welche sich die Zersetzung alter Mythen, überlebter Götter- und Schöpfungssagen vollzieht, muß sich genötigt sehen, irgendwo in ihrer zerstörenden Arbeit Halt zu machen, um auf die Entdeckung eines objektiven, über alle atomistische Zerrissenheit erhabenen Maßes bedacht zu sein. Eben das Räsonnement [Argument - wp], d. h. das theoretische und rein logische Denken, welches sich bisher in der Zerstörung gefallen hat, wird in sich die Kraft finden, dieser vernichtenden Tendenz Einhalt zu gebieten, sobald nur ein Wille da ist, sich der Logik ehrlich und ohne fälschende Nebenabsichten zu bedienen.

Dies ist genau der Fall des SOKRATES und sein Verhältnis zur griechischen Aufklärung. SOKRATES ist Aufklärer, denn er bedient sich des Räsonnement der aufklärenden Methode, - er ist aber zugleich der Überwinder der Aufklärung in Athen, indem er das schließende Denken in den Dienst eines durchaus lauteren und reinen Willens stellt, eines Willens, dem ausschließlich an der Gesundung und Erneuerung seines attischen Volkes gelegen ist. War der Sophist in seiner späteren Entartung lediglich um das subjektive Rechthaben, um den Sieg  seiner  Logik und  seiner  Syllogismen bemüht, so erwuchs dem SOKRATES aus seiner schlichten, einfältigen und jeder Eitelkeit abholden Natur heraus die Möglichkeit, das logische Denken als einen in sich beruhenden Selbstzweck anzusehen, als ein Dasein von objektiver Unantastbarkeit: - - um hierdurch der Stifter des Rationalismus zu werden.

Diese uninteressierte, von allen persönlichen Absichten freie Art, das Schließen und Urteilen des Intellekts zu betrachten, befähigte SOKRATES dazu, im Grundelement aller logischen Deduktion, im  Begriff ein objektives Dasein zu erkennen, über welches die subjektive Willkür des Einzelnen nicht Herr zu werden vermochte. Der Begriff ist das Prinzip, durch welches die auflösende Arbeit der Aufklärung überwunden werden konnte, er ist  das  Logische schlechthin, welches über den Individuen und über allem rechthaberischen Räsonnement schwebt. War das geschichtliche Verdienst der Sophisten dies, daß sie überhaupt das Logische bewußtermaßen in seinen formalen Erscheinungen zum Mittel ihrer Untersuchungen erhoben, so vollendete sich dieser Prozeß in SOKRATES, indem aus dem sophistisch Logischen als Mittel für das persönliche Rechthaben das in sich selbst beruhende Da-Sein des objektiven Logos wird, der sich das menschliche Räsonnement selber dienstbar macht. Hiermit vollzieht SOKRATES den folgeschweren Schritt, das  Wissen  als die Erkenntnis des Begriffes zu bestimmen, womit das eigentliche Charakteristikum seines Grundgedankens ausgesprochen ist. Das Ziel aller Wissenschaft ist das objektiv Gemeinsame, das  Allgemeine, - das Allgemeine ist der Begriff, folglich ist die Wissenschaft (= Philosophie) nur eine Lehre vom Begriff oder der Dialektik. Dies ist der eine Grundsatz des Sokratismus.

Aber dieser ist gleichzeitig unlöslich verflochten in den andern, dem er seine Existenz verdankt. Ausgehend von der sittlichen Not eines verkommenden Staates, umgeben von einer schamlosen Unehrenhaftigkeit des rechtlichen und wissenschaftlichen Lebens, auf Schritt und Tritt die Tyrannei unredlichster politischer Dilettanten gewahrend, war ja das Ziel des SOKRATES die Wiedergeburt seiner Athener.

Er sucht nur deshalb nach dem objektiv Logischen, um es als Prinzip einer neu aufzustellenden Sittenlehre anwenden zu können, er behauptet den Primat des Logischen nur um der  Tugend  willen, welche durch das Logische verkündet und zu unverbrüchlicher Allgemeingültigkeit erhoben werden könnte. Das Wissen ist im Grunde nur tauglich als Wissen von der Tugend; der höchste und ehrwürdigste Begriff, zu welchem die menschliche Dialektik aufzusteigen vermag, ist eben der Begriff der  Tugend. 

Die Tugend ist Wissen und muß daher grundsätzlich lehrbar sein - es handelt sich nur darum, den Begriff der Tugend aufzufinden, damit dieselbe unangreifbar und unzugänglich für alle sophistischen Überfälle gemacht wird. Dies ist der zweite Hauptsatz, die Forderung des Sokratismus: die Wissenschaft vom Begriff als dem abstrakt Allgemeinen soll zur Erkenntnis der Tugend oder des Guten schlechthin gelangen. Aber hier ist auch die Schranke für SOKRATES, an der sein Denken scheitert. Er war dazu gelangt, das Allgemeine als das Logische schlechthin auszusprechen und dieses im abstrakten, von der sinnlichen Unmittelbarkeit und Relativität abgezogenen Begriff zu sehen, er hat ferner als den höchsten aller Begriffe den des Guten oder der Tugend hingestellt. Aber er vermag nicht, diesen Begriff der Tugend selbst zu entdecken, das eigentliche Problem seines Lebens, die Lehre von der Tugend und hiermit die Erneuerung seiner Volkheit, bleibt ihm eine Forderung, deren Verwirklichung ihm versagt ist. Sofern der Sokratismus  die Lösung  einer schwierigen Frage bedeutet, kann er mit der Lehre des Sokrates selbst nicht als vollendet angesehen werden: die Tugendlehre bleibt ihm ein Postulat, die Einsicht in das Wesen derselben, die höchste Wissenschaft vom höchsten Begriff war ihm nach seinem eigenen Geständnis verschlossen.

Die große, erlösende Eingebung, durch die ein Volk in letzter Stunde gerettet wird, bleibt dem Weisen versagt, sein Daimonion hat ihn nur vor dem behütet, was er  nicht  tun soll, ohne ihm je zu offenbaren, welches der Inhalt des tugendhaften Lebens ist. Hierdurch fällt schon auf das Leben des SOKRATES jener stille Schimmer edelster Resignation, mildesten Verzichts - jener unirdische Schein, der dann sein schuldig-unschuldiges Ende so himmlisch verklärt hat. Und hierdurch macht die Lebensarbeit des SOKRATES die Arbeit anderer Männer nötig; das Problem des Denkens bleibt in der Frage: "Wie ist eine Erkenntnis des Guten schlechthin oder der Tugend als des höchsten Allgemeinbegriffes möglich?"

Wir haben hier das Problem des Rationalismus in seiner ursprünglichsten und gleichsam noch unschuldigsten Form vor uns, die einfache Frage nach der Erkenntnis der Tugend, tief verstrickt in die sittliche Not eines Volkes und infolgedessen als ein Problem von durchaus lebendiger und praktischer Bedeutung, als die Frage eines Philosophen, der infolge dieser praktischen Veranlagung immer noch der Liebling aller Menschen ist, der Weise schlechthin und tatsächlich die "frag-würdigste Erscheinung des Altertums", wie man in unseren Tagen gesagt hat (1). Indem wir auf die Folgen seines Denkens näher eingehen, hoffen wir zugleich zu zeigen, inwiefern er wirklich der fragwürdigste aller antiken Menschen ist, - nämlich als der Gründer des Rationalismus.

Mit der Frage, welche der Sokratismus offen gelassen hatte, mußte sein größter Schüler notwendig beginnen. Um die Tugend  lehren  und damit den regenerativen Willen des SOKRATES verwirklichen zu können, mußte gesagt werden, was die Tugend ist und wie der Mensch zur Einsicht in ihr Wesen zu gelangen vermöchte. Indessen verliert diese Frage sofort ihre sittliche Besonderung und verwickelt sich in eine noch tiefere und grundsätzlichere Bedeutung, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Tugend bestenfalls bei SOKRATES sein  konnte  und was sie bei PLATON allein sein  mußte. 

Wenn der Meister des PLATON seinem Schüler auch keine inhaltliche Erkenntnis der Tugend hatte übermitteln können (2), so war doch eines durch ihn sicherlich entschieden: die Tugend konnte nur ein objektiver Allgemein-Begriff sein, ja, als höchster und oberster aller Begriffe  das  Allgemeine schlechthin. Verstand nun PLATON unter einem Allgemeinbegriff nichts anderes als SOKRATES, so war das Problem sicherlich kein unlösbares, denn in diesem Fall müßte eben in der induktiv dialektischen Methodes des SOKRATES verfahren werden, um kritisch den echten Begriff der Tugend zu erringen.

Aber hier beginnt sich das Problem sofort ungleich schwieriger zu gestalten. Die Frage nach der Tugend muß uns für das Verständnis des Platonismus geringfügig erscheinen neben der andern, die hierin verflochten ist: hat PLATON mit seiner Frage nach der Erkenntnis des Allgemein-Begriffes wirklich noch den Begriff, wie ihn SOKRATES verstanden hat im Sinn? Hat sich nicht unter seinem mächtigen Geist das Wesen des Begriffs selber verändert, so daß die Frage nach der Erkenntnis des Allgemeinen eine durchaus neue und tiefsinnigere Bedeutung erhalten hat?

Wenn dem so ist, so würde die Grundfrage des Platonismus zunächst auf die Bedeutung des  platonischen  Begriffs gerichtet sein in seinem Unterschied zu demjenigen des SOKRATES. Es ist bekannt, daß der sokratische Begriff durch PLATON seine langsame Umbildung zur  Idee  erfuhr - eine Umbildung, die etwa mit der Abfassung des "Phaidros" ihr vorläufiges Ende erreicht haben mag. Es ist auch sinnfällig, daß durch diese veränderte Auffassung von einem objektiv Allgemeinen das Erkenntnisproblem, welches SOKRATES seinen Schülern als sein philosophisches Vermächtnis hinterlassen hatte, auf jeden Fall eine veränderte Bedeutung gewinnen mußte und daß diese Bedeutung genau abhängig ist vom Sinn, welchen PLATON seiner  Idee  unterlegte. Ehe man daher an die Lösung des fraglichen  Erkenntnis problems denken kann, muß man sich einig geworden sein über den neuen Begriff der  Idee bevor man fragt, wie die Ideen erkannt werden möchten, muß man danach fragen, was die Ideen bei PLATON sind?

Das Allgemeine war bei SOKRATES der Begriff als logisches Abstraktum, der gewonnen werden konnte durch einen induktiven Aufstieg von der unmittelbaren Sinnlichkeit. Von diesem abgezogenen Wortsymbol, welches nur die allgemeinsten wesentlichsten Merkmale der besonderen Erfahrungsgegenstände unter sich barg, unterscheidet sich die platonische Idee gleich sehr bestimmt dadurch, daß sie  nicht  durch die Abstraktion aus der Sinnlichkeit gewonnen zu werden vermag, sondern vielmehr in irgendeinem Sinn der Sinnlichkeit vorhergeht - sei es, wie das Musterbild dem Abbild, oder wie die Idee der Gattung den einzelnen Individuen vorausgeht.

Damit gewinnt die platonische  Idee  nicht nur eine durchaus veränderte Stellung zum sokratischen  Begriff,  sondern auch zur ganzen erfahrenen Welt der Sinnlichkeit[mfk]. War die Sinnlichkeit als die Gesamtheit aller durch Sinnesorgane übermittelten Eindrücke bei SOKRATES das Dasein, aus welchem die Begriffe durch ein abstrahierendes Verfahren gewonnen werden konnten, so nahm sie jetzt eine direkt umgekehrte,  abgeleitete  Stelle ein. Konnte SOKRATES mit wahrster Berechtigung sein Allgemeines aus der gegebenen Sinnlichkeit ableiten, so war diese Methode für PLATON ein unbetretbarer Weg, da ihm nicht mehr das logisch Allgemeine aus der Sinnlichkeit  folgte,  sondern diese vielmehr nur irgendwie an jenem "teilhatte". Die Idee ist somit genetisch von der Sinneswelt abgeschnitten und nimmt, umgekehrt wie bei SOKRATES, dieser gegenüber die erste, nicht mehr ableitbare Stelle ein, sie folgt ihr als ewiges Musterbild voraus und ist ihr  Früheres (womit natürlich keine  zeitliche,  sondern eine  logische  Beziehung verstanden werden soll), - ein Früheres, welches wir füglich, ohne Furcht, mißverstanden zu werden, mit dem Ausdruck "a priori" bezeichnen können. (3)  Die platonische Idee ist das Apriori des sinnlich erfahrenen Da-Seins - hiermit ist der ganze veränderte Standpunkt des Platonismus kurz gekennzeichnet, dies ist die grundsätzliche Bedeutung jenes eine neue Welt einleitenden Idealismus, der das Denken des Menschen beschäftigt hat, wie nie mehr die Wahrheit der Philosophen. Hier ist aber auch, wie wir gleich gewahren, das Problem, welches hinfort nicht nur PLATON selbst sein Leben lang bewegen wird.

Mit der Deutung des Allgemeinen als des un-sinnlichen, intellektualen, rein logischen Apriori, d. h. als des der Sinnlichkeit auf irgendeine Weise vorausgehenden intelligiblen Wesens, hat PLATON diejenige Weltanschauung gegründet, zu welcher sein Meister den Weg gewiesen hatte: den Rationalismus. Man kann diesen daher vorläufig als diejenige Weltanschauung bezeichnen, welche das Dasein eines allgemeinen logischen, der Erfahrungswelt vorausgehenden Apriori behauptet - ohne damit auf eine später folgende, gründlichere Deutung dieser Geistesbewegung zu verzichten.

Aus der ausschließlich logischen Denkform des SOKRATES ist durch die platonische Idee eine objektive Wirklichkeit in einem metaphysischen Sinn geworden, d. h. ein Sein, welches im Vergleich zur Sinnenwelt tatsächlich "seiend",  ansich (auto kat auto) wirklich ist, eine Realität, die als unabhängig vom sinnlichen Inhalt menschlicher Erfahrung angesehen werden muß. Aus dieser apriorischen Stellung der Ideen gegenüber der erfahrenen Sinnenwelt folgt, daß diese zu einer Wahrheit zweiten Grades wird, zu einer Welt der Abbilder oder der Erscheinungen im Gegensatz zum Ansich (auto kat auto) der Ideen, zu einem Ort wechselnder Vergänglichkeit im Gegensatz zum Ewigen. Das Apriori ist mithin auch nicht in der erscheinenden Sinnenwelt unmittelbar aufzufinden, sondern verhält sich zu ihr als ihr metaphysisches Jenseits, von dem man soviel mit aller Bestimmtheit behaupten kann, daß es jedenfalls  außerhalb  dieses erfahrenen Daseins, wenn auch raumlos und zeitlos, in sich beharrt. Es ist neuerdings wieder der Streit darüber entbrannt, ob das Apriori der Ideen als ein transzendentes Ding im aristotelischen Sinn aufzufassen ist oder gar als transzendentales Apriori im Sinne KANTs, - ein Streit, der für uns hier ziemlich belanglos ist, da das rationalistische Problem bei PLATON, wie es uns hier beschäftigen soll, im einen wie im anderen Fall bestehen bleibt (4). Für uns mag völlig genügen, daß die Idee im Verhältnis zur Welt, die sich inhaltlich im menschlichen Bewußtsein vorfindet, weder unmittelbar innerhalb ihrer selbst angetroffen werden kann, noch genetisch aus ihr abzuleiten ist.

Vergegenwärtigen wir uns von hier aus die Frage, die PLATON gleich anfangs aufzuwerfen genötigt sein mußte, so hat sie jetzt einen unendlich schweren Sinn erhalten. Aus der sokratischen Frage nach der Lehrbarkeit und nach der hierzu notwendigen Erkenntnis der Tugend war die allgemeinere geworden, wie überhaupt eine Erkenntnis des Metaphysisch-Allgemeinen möglich ist. SOKRATES selbst konnte keinen allzu großen Schwierigkeiten begegnen, wenn er diese Frage für sein Allgemeines aufzulösen gedachte, da sein Allgemeines der Begriff als logisches Abstraktum war, der dadurch Jedermanns erkennendem Vermögen zugänglich blieb. Diese nahezu selbstverständlich einfache Erkenntnismethode verschwand aber mit einem Schlag, als PLATON aus dem Allgemeinen seines Meisters das ewig seiende, in sich beharrende, bewußtseinsjenseitige Apriori der Ideen machte. Die erste Frage, welche die nachsokratische Philosophie gestellt hatte, nämlich diejenige nach dem Wesen des objektiv Allgemeinen, ist durch PLATON beantwortet: das Allgemeine, Ent-Einzelte ist die Idee, ein intelligibles, logisch-gesetzmäßiges Apriori. Aber mit dieser metaphysischen Antwort entsteht sogleich die ungeheure Aufgabe des Platonismus: wie nun  dieses  Apriori zu erkennen ist?

SOKRATES' Weg der Erkenntnis war die Dialektik, der in der Hin- und Widerrede des Gespräches sich vollziehende Aufstieg von der sinnlichen Einzelheit zum Begriff. Aber die Zugänge zu dieser Art von Dialektik waren PLATON versperrt, seit er das Allgemeine als den Primat  vor  der Sinnlichkeit, als deren Apriori, bestimmt hatte. Jetzt vermochte man nicht mehr so ohne weiteres die steile Fahrt zu den Begriffen zu unternehmen: der Boden der sinnlichen Welt erwies sich als zu unsicher und zu trügerisch schwankend, um die starken Schritte des Wanderers aushalten zu können.

Dazu kam noch ein anderes.

Mit der rein erscheinungsmäßigen Beschaffenheit der Sinneswelt hatte sich PLATON das durchgängige Gesetz von der Relativität derselben aufgedrängt. Die Idee war die zeitlose Ewigkeit, das stetige und ewige Sein, der ruhevoll in sich beharrende Geist von Gattungsurbildern, Gattungsgesetzen, wohingegen die unmittelbar erfahrene Welt der Sinnlichkeit das Reich des HERAKLIT ist, wo alle Dinge leben und sterben, auftauchen und versinken, anschwellen und verklingen, näher kommen und enteilen, sich anziehen und wieder abstoßen, liebe und verfolgen, suchen und meiden. Hier war ein Kleines in Beziehung auf ein noch Kleineres groß, ein Großes in Beziehung auf ein Größeres klein, hier war alles nur durch Beziehung, d. h. alles  relativ.  Diese durchgehende Relativität der Erscheinungswelt, die für den Philosophen das Unbestimmte schlechthin,  apeiron,  wird, mußte PLATON noch bestärken in seiner Abneigung, sich dieser sinnlich erfahrenen Welt zum Aufstieg und damit zur Erkenntnis der Ideen zu bedienen.

Wenn jede Methode der Erkenntnis, welche von den gegebenen Tatsachen des sinnlich erscheinenden Da-Seins ausgeht,  Erfahrung  genannt wird (5), so ist es einleuchtend, daß PLATON sich der Erfahrung nicht bedienen konnte, wenn ihm daran lag, zum Ansich seines ewig seienden Apriori zu gelangen. In der Erfahrung seslbst ist das platonische Musterbild aller Erfahrung  unmittelbar  nicht aufzufinden, also bleiben dem Philosophen nur zwei Möglichkeiten, um zur Erkenntnis der Ideen zu gelangen: entweder benutzte er die Erfahrung trotz all dem Weiter, um aus ihre entweder  indirekt  und  mittelbar  auf das Dasein der Ideen zu schließen, und so auf die  unmittelbare  Erkenntnis des Ewigen zu verzichten, oder er hielt am Anspruch auf unmittelbare Erkenntnis fest und verwarf die Erfahrung auch als willkommene Vermittlerin des Wissens. Im ersteren Fal blieb seine Methode die aller Erfahrungswissenschaften, mutete ihm aber den harten Verzicht auf jede unmittelbare und darum untrüglich sichere Erkenntnis zu.

Im zweiten Fall entfernte sich PLATON vom induktiven Erkenntnisverfahren der übrigen Wissenschaften und seines Meisters SOKRATES und bürdete sich außerdem die unermeßliche Schwierigkeit auf,  eine Methode unmittelbaren, d. h. unfehlbar sicheren und in sich gewissen Erkennens der ansich seienden Ideen zu ersinnen.  Die Entscheidung dieser eigentlichen Lebensfrage des Platonismus hing davon ab, ob PLATON um jeden Preis eine sichere, untrügliche, keinerlei Täuschung unterworfene und daher  unmittelbare  Erkenntnis der Ideen forderte, oder ob er sich mit der bloß wahrscheinlichen, indirekten, mittelbaren, induktiven Erschließung der Ideen aus der Erfahrung zu begnügen gedachte, womit allerdings die Philosophie dem unsicheren Zweifel und der Anfechtung verfallen schien. Das Schicksal der abendländischen Wissenschaft, deren Stifter SOKRATES und PLATON waren, hing an dieser Entscheidung.

Wenn man das Bestreben der Philosophie seit SOKRATES kennt, so  durfte  PLATON keine Augenblick zaudern schwanken, welche Methode er wählen mußte. Es hatte ja gegolten, die tiefen Einsichten einer das Allgemeine suchenden Metaphysik unbedingt sicher zu stellen gegen die Einwürfe der Sophisten - die von PLATON verkündete Lehre mußte daher über jeden Zweifel erhaben, von beweisbarer, unumstößlicher Gewißheit sein. Das drückt PLATON völlig unmißverständlich dadurch aus, daß er alle wissenschaftliche Einsicht verwirft, die kein  Beweis (apodeixis) ist, d. h. die sich in irgendeinem Sinn nur der Wahrscheinlichkeit anvertraut. Es kann sich beim Wissen (episteme) nur um unfehlbares, d. h. - im mathematischen Sinne (6) - beweisendes  Erkennen handeln, wogegen kein Einspruch möglich ist. Unfehlbar und beweisend gewiß, wie die Geometrie, die PLATON hier im Sinn liegt, ist aber niemals das indirekte Verfahren der Erfahrung, sondern nur die unvermittelte Anschauung des ewigen Apriori der Idee.

Hiermit hat sich die Frage, wie eine Erkenntnis des Allgemeinen möglich ist, noch dahin verschärft, daß unter Erkenntnis nur Apodeiktik, d. h. unfehlbar beweisendes Wissen verstanden werden durfte. Die Philosophie als Wissenschaft vom Ewigen hat jetzt nicht nur die Ideen etwa auf irgendeine Weise aus der gegebenen sinnlichen Erfahrung zu erschließen, sondern eine Methode ausfindig zu machen, die das irdische Hiersein des Menschen mit dem ruhevollen Beharren des reinen apriorischen Wesens unvermittelt verbindet, die ihm die Idee selbst zum Objekt untrüglichster Anschauung überliefert. Haben wir den Rationalismus vorhin noch deuten können als eine Weltanschauung, die  vor  aller Erfahrung ein stetig logisches, intellektuales Apriori behauptet, das Sein einer  vor  aller besonderten Sinnlichkeit bestehenden überräumlichen und überzeitlichen Gesamtheit von Gattungsurbildern oder Gattungsgesetzen (die hier noch begrifflich verstanden werden) - so muß man hinzufügen,  daß der Rationalismus gleichzeitig eine unfehlbar sichere, mit mathematische Gewißheit beweisbare, d. h. apodiktische Erkenntnisart dieses Apriori unabdingbar erfordert.  Ich glaube, daß wir hierin schon zu einer Bestimmung des Wesens aller rationalen Philosophie gelangt sind, welche diese von allen nur erdenklichen Erscheinungsformen des wissenschaftlichen Geistes auf das Deutlichste unterscheidet. Durch diese Forderung des Platonismus wird der Philosophie eine methodische Aufgabe gestellt, die uns in immer neuer, verwandelter und bestimmterer Form hier vornehmlich beschäftigen soll, eine Aufgabe, deren furchtbare Schwierigkeit nicht nur das Leben des PLATON erfüllt, sondern die, immer wieder von Neuem aufgenommen, die größte Kraft des metaphysischen Geistes von den Jahrtausenden in Anspruch nehmen wird, die zwischen dem Leben des unvergleichlichen Atheners und unserer Gegenwart liegen.
LITERATUR stopper Leopold Ziegler, Der abendländische Rationalismus und der Eros, Jena und Leipzig 1905
    Anmerkungen
    1) Wenn man sich die durchaus praktisch-lebendige Wirkungsart des SOKRATES vergegenwärtigt, ausschließlich auf eine Verwirklichung eines national-sittlichen Zwecks gerichtet, so versteht man schwer, wie NIETZSCHE dazu kommen konnte zu sagen, SOKRATES sei der erste  theoretische  Mensch gewesen. Genau das Gegenteil wäre richtig, wenn es nicht ebenso einseitig und deshalb irrig wäre, wie das Paradoxon NIETZSCHEs. SOKRATES war beides, Mensch der Theorie und der praktischen Zweckdienlichkeit, und weil er beides in einer wunderbar harmonischen Weise in sich vereinigte, ist er der Typus des Weisen für das europäische Abendland geworden, der Denker, dessen Beweggründe allgemein menschlicher Art und deshalb allgemein verständlich und mitteilsam sind, der die Wissenschaft um der Erneuerung eines Volkes willen  erfand  und diese Erneuerung mit wissenschaftlichen Gründen durchzusetzen unternehmen wollte. - Es ist übrigens eigentümlich, wie gerade gegenwärtig die Persönlichkeit des SOKRATES das menschliche Interesse wieder erweckt hat. NIETZSCHE hat hier nur, wie es scheint, den Anstoß zu einer tieferen Auffassung dieser vollendeten Gestalt gegeben. Man vergleiche den Aufsatz "Über Sokrates" in WILHELM WINDELBANDs "Präludien", Seite 58f. Eine wunderschöne Würdigung des  Menschen  SOKRATES gibt neuerdings HEINRICH GOMPERZ, "Die Lebensauffassung der griechischen Philosophen", Seite 68f.
    2) Und  wollen! Bekanntlich hielt es SOKRATES für seine höchste Weisheit, zu wissen, daß er  nichts weiß. Nur hierin dünkte er sich des Orakels würdig, welches ihn den Weisesten aller Sterblichen genannt hatte.
    3) Nach der Untersuchung EUCKENs geht der Ausdruck "a priori" auf die Gepflogenheit des ARISTOTELES zurück, das Allgemeine als das begrifflich Frühere, das Besondere als das Spätere zu bezeichnen. Das Wort selbst findet sich wahrscheinlich zum erstenmal bei ALBERT von Sachsen, einem Gelehrten des 14. Jahrhunderts.
    4) PAUL NATORP hat in seiner "Ideenlehre Platos" nachzuweisen gesucht, daß die ganze vorher übliche, von ARISTOTELES gefälschte Auffassungsweise des Platonismus eine irrige ist, indem unter "Idee" nicht transzendente Dinge, wie ARISTOTELES meint, sondern transzendentale Kategorien im Sinne KANTs verstanden werden müßten. Man kann NATORP zugestehen, daß die Ideen keinesfalls "Dinge" sein können, - eine Tatsache, die eigentlich selbstverständlich ist angesichts der Prädikate, die PLATON stehend seinen Ideen gibt. Denn wie können rein geistige, überzeitliche, überräumliche, ansich seiende, apriorische Wesenheiten  Dinge sein, von denen doch nur geredet werden kann, wenn man an ein raumzeitlicches, kategorial bestimmtes Dasein denkt? Man kann auch zugeben, daß mit den Ideen  Gesetze gemeint sind, d. h. allgemeinste Ausdrucksformenn für das stetig Logische in der Sinnen- und Verstandeswelt. All das zugegeben, wird man jedoch NATORP schwerlich darin recht geben, daß die Ideen-Gesetze PLATONs schon identisch sind mit den auf das Bewußtsein bezogenen transzendentalen Kategorial-Funktionen KANTs. Ich führe drei Gründe an, die mir die NATORPsche Ansicht höchst unwahrscheinlich machen, ohne natürlich damit eine wissenschaftliche  Widerlegung dieses umfangreichen Werkes unternehmen zu wollen. - - - Zugegeben, daß PLATON die Idee als Kategorie, d. h. als ein transzendentales, auf "die Möglichkeit der Erfahrung" bezogenes Apriori aufgefaßt wissen wollte, so wäre doch damit der menschlichen Geistesgeschichte durchaus kein Dienst erwiesen, - denn:  erstens ist die ganze nachplatonische Philosophie hinter diese Entdeckung zurückgefallen; man hat den Platonismus über zwei Jahrtausende als die Philosophie des Transzendenten schlechthin aufgefaßt, und in dieser Weise ausgebaut. Daß ein Buch, wie das NATORPsche, erst erscheinen konnte, nachdem KANT seine Vernunftkritik geschrieben hatte, beweist zwar nicht, daß PLATON nicht seine Idee transzendental gemeint haben könnte, wohl aber, daß er es in einer für alle vorkantischen Menschen unerkennbaren Form ausgesprochen hat. Dies wird dadurch unterstützt, daß die transzendentale Verstandesform KANTs unbedingt den klaren Begriff des  Bewußtseins voraussetzt, wofür aber den Griechen nach NATORPs eigenem Geständnis das Wort vollständig fehlt (a. a. O. Seite 109). Wenn nun NATORP sich einfach, um den empfindlichen Mangel zu ersetzen, dergestalt hilft, daß er "Psyche" mit "Bewußtsein" übersetzt, so ist hiergegen Einspruch zu erheben.  Psyche ist bei PLATON ein sehr vieldeutiger und zusammengesetzter Begriff, der sich nicht soweit vereinfachen läßt, um ihn auch nur wesentlich mit "Bewußtsein" wiedergeben zu können. Man vergleich hiermit ERWIN RHODES klare und tiefsinnige Erörterungen zum platonischen Seelenbegriff (Psyche II, Seite 269f). - - - So fehlte  zweitens PLATON die sprachliche Möglichkeit, das ihm zugemutete wissenschaftliche Ziel deutlich auszusprechen. Bestenfalls bleibt die Idee als transzendentale Funktion eine Forderung des Denkens, deren Erfüllung ihm dunkel vorschwebt, die er aber nicht zu geben vermag. Ohne den Begriff einer synthetischen Verstandesfunktion kann die metaphysische Beziehung der allgemein-logischen Ideen zu den sinnlichen Einzeldingen nie verständlich gemacht werden, wenn auch noch so viele Versuche unternommen werden sollten, das Allgemeine mit dem Einzelnen genetisch zu verflechten Solange der Begriff einer kategorialen Funktion fehlt, muß ein wissenschaftliches Verfahren mit der dafür eingesetzten "Idee" immer dunkel und unfruchtbar bleiben, da das Denken der Sprache nie vorausgehen kann, sondern immer nur zu er-finden vermag, was ihm in der Sprache unbewußt gegeben ist. - - - Aber selbst wenn diese beiden Einwände hinfällig sein sollten, so bliebe noch ein  dritter: nämlich der, daß das Erkenntnisproblem bei PLATON durchaus nicht gelöst ist mit der Annahme NATORPs, sondern daß dieses Problem auch bei KANT bestehen bleibt in seiner schroffsten Unlösbarkeit, was eben meine Arbeit noch beweisen wird. Selbst wenn PLATON Neukantianer gewesen sein sollte - man verzeihe mir dieses seltsame  hysteron proteron! [das Spätere vor dem Früheren - wp] - so wäre das in Frage kommende Rätsel nicht gelöst. Wie sehr verfehlt es übrigens ist, der platonischen Idee ohne weiteres die Kategorie KANTs unterzuschieben, geht sinnfällig aus der Vieldeutigkeit dieses elementaren Grundbegriffs bei NATORP hervor, der sich die Kategorien bald als "Methoden", bald als "Urteilsarten", bald als "Gesetze", oder "Setzungen des Denkens", bald aber auch als "Funktionen" denkt, während doch die erste Aufgabe gewesen wäre, genau und unmißverständlich den Begriff der Kategorie zu untersuchen, damit man wisse, was mit ihm anzufangen sei. - - - Gewonnen ist also mit der Hypothese NATORPs im günstigsten Fall nichts als das niederschmetternde Bewußtsein, daß über zwei Jahrtausende menschlicher Geistesarbeit umsonst gewesen sein sollten, indem die ganze nachplatonische Metaphysik bis KANT nur Frucht eines großartigen Mißverstehens gewesen sein soll, ja, daß KANT selber eigentlich überflüssig ist, wenn PLATON so lange vorher dasselbe gesagt hat: eine Ansicht, die sozusagen a priori unannehmbar für unseren Verstand ist, der den Geist der Geschichte nicht Lügen zu strafen imstande sein kann.
    5) Man nennt gewöhnlich die Erfahrung den  Gegenstand und nicht die Methode der Erkenntnis, was mir aber einer falschen Auffassung vom Wesen der Erkenntnis zu entspringen scheint, da der Mensch weder das Erfahrene ohne weiteres erkennt noch sich überhaupt bei ihm beruhigt. Daraus allein schon folgt, daß der Gegenstand der Erkkenntnis nicht die Erfahrung ist!
    6) Ohne Zweifel wurde PLATON verhängnisvollerweise durch Mathematik (Geometrie) zur Forderung einer Apodeiktik gedrängt. Vgl. NATORP, a. a. O., Seite 132, auch WINDELBAND, "Platon", Seite 66f. Die Rolle, welche übrigens gerade die Geometrie bei den Griechen spielt, läßt deren spezifisch rationalistische Begabung genau erkennen. Der Wille, sich des ganzen Inhaltes der Geometrie mit unfehlbarster Apodeiktik zu bemächtigen, beherrscht offenkundig ihre ganze Methode, die hier lieber auf die volle Anschaulichkeit verzichtet, um nur ja recht beweisend zu sein. Bekanntlich haben sogar die Inder vielmehr auf eine Anschaulichkeit der Geometrie gedrungen als die Griechen, deren Beweise nahezu alle syllogistisch nach dem ersten Modus der ersten Schlußfigur verfuhren.