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ALOIS RIEHL
Über wissenschaftliche und
nichtwissenschaftliche Philosophie

[eine akademische Antrittsrede]
[2/2]

"Was Hume mit Recht geltend machte, ist der Satz, daß keine einzige Tatsache, nicht einmal die sicherste unter allen, aus puren Begriffen eingesehen und demonstriert werden kann. Das Sein, so will der feine Denker sagen, ist nicht beweisbar. Es wird empfunden, erlebt, erfahren und geht sonach allem Begreifen und Beweisen voran. Die Begriffe, aus denen man es ableiten wollte, stammen alle aus vorgängigen Erfahrungen, von dem, was ist."

"Kant erschien die Kritik Humes, die er als Skepsis auffaßte, einerseits zu weit gehend, da sie, wie er glaubte, in ihren Folgen auch die Möglichkeit des Erfahrungswissens aufhebt, - andererseits nicht tief genug erfaßt, insofern sie einen strengen Beweis des Nichtwissens in Bezug auf übersinnliche Gegenstände noch vermissen läßt."

"Kant hat unstreitig selber den Anstoß zur tumultarischen Bewegung der nach ihm folgenden Philosophie gegeben. Er wollte das Wissen von übersinnlichen Dingen nur darum aufheben, um dem Glauben an eben diese Dinge Platz zu machen. Dieser doppelten Absicht sollte sein Begriff von den Dingen-ansich dienen, der aus eben diesem Grund so schwankend und zweiseitig blieb."

"Mit ihrer substantivischen Form verwandelt die Sprache Begriffe von bloßen Verhältnissen und Grenzen des Vorstellens in eine Art von Wesenheiten oder Dingen. Diese Wortwesen üben auf unser Denken ein weit bestimmenderen Einfluß aus als man gewöhnlich glaubt und beachtet. Wer die Materie oder die Kraft, Begriffe, die als Abstraktionsreste nach Zerlegung der Erscheinungen übrig bleiben, in dieser abstrakten Form als wahrhaftige Wesen ansieht, ist einer Täuschung durch die Sprache verfallen, er denkt im Geist einer mythenbildenden Sprache."

Wo aber bleibt, so werden Sie mich, hochgeehrte Anwesende, fragen, wo bleibt die wissenschaftliche Philosophie, - die Philosophie als Wissenschaft?

Schon im Altertum hat es an Versuchen und Beispielen einer anderen, als der herrschenden Form der Philosophie nicht gänzlich gefehlt. Dahin gehören die Grundsätze einer kritisch-empirischen Erkenntnislehre, welche wie uns aus PLATOs Theaetet bekannt ist der "Sophist" PROTAGORAS ausgesprochen hat, - die Methode der Gewinnung und Bestimmung der Begriffe, welche SOKRATES lehrte und an sittlichen Beispielen übte, der Versuch EPIKURs, die Moralwissenschaft auf einer erfahrungsmäßigen Grundlage aufzubauen, dahin endlich auch die Kritik, welche alle dogmatische Philosophie in der antiken Skepsis erfahren hat. Diese Skepsis hatte nur die griechische Form der Wissenschaft vor sich; sie kann daher leicht zu weit gehend erscheinen; auch darf ihre Ausdehnung auf die praktische Lebensführung nicht gebilligt werden.

Doch ist die Schöpfung einer kritischen und wissenschaftlichen Philosophie der Hauptsache nach ein Werke erst der neueren Zeit. Sie wurde durch den Kontrast hervorgerufen, den man zwischen der sicher fortschreitenden, modernen Wissenschaft und der aus dem Altertum überlieferten Systemphilosophie, die sich beständig im Kreis ihrer leeren Abstraktionen drehte, bemerken mußte.

Ein zufälliger Anlaß, - eine Untersuchung über einen metaphysischen Gegenstand zwischen gelehrten Freunden, der er beiwohnte und die zu keinem Ergebnis führte - ließ in LOCKEs Geist den Gedanken entstehen, statt das Wesen der Dinge zu ergründen und metaphysische Objekte erkennen zu wollen, zuvor die nächste und dringendste Aufgabe zu lösen: die Frage, ob unser Verstand für so entfernte Gegenstände überhaupt eingerichtet ist und wie weit sein Vermögen in Wirklichkeit trägt. Mit der Stellung dieser Frage und ihrer durchaus besonnenen und verständigen Behandlung ist LOCKE zum Urheber der psychologischen Kritik der Philosophie geworden. Auf dieser von LOCKE eröffneten Bahn ist sodann HUME weiter geschritten. Er unterwarf sämtliche metaphysische Hauptbegrife einer höchst scharfsinnigen und durch ihre Methode ausgezeichneten Kritik. Er wies unwidersprechlich nach, daß das reine Denken der Metaphysiker unvermögend ist, irgendeine Wahrheit tatsächlicher Art zu beweisen. Sogar die Existenz einer vom Bewußtsein verschiedenen Außenwelt kann nicht demonstriert werden. Wer sich alos nach metaphysischer Art auf das Beweisen von allem und jedem einläßt, der kann den Zweifel am Dasein der Außenwelt nicht widerlegen. HUME selbst, dessen aus Ironie vorgenommene skeptische Maske fürwahr durchsichtig genug ist, hat niemals im Ernst an der Existenz der Außenwelt gezweifelt. Was er mit Recht geltend machte, ist nur der Satz, daß keine einzige Tatsache, nicht einmal die sicherste unter allen, aus puren Begriffen eingesehen und demonstriert werden kann. Das Sein, so will der feine Denker sagen, ist nicht beweisbar. Es wird empfunden, erlebt, erfahren und geht sonach allem Begreifen und Beweisen voran. Die Begriffe, aus denen man es ableiten wollte, stammen alle aus vorgängigen Erfahrungen, von dem, was ist.

So hatte eigentlich bereits die Kritik HUMEs zur Krise aller reinen Begriffsphilosophie geführt, als KANT, durch HUME angeregt, sich anschickte, das Werk der Auflösung einer angeblichen Erkenntnis aus reiner Vernunft auf seine Weise zu vollenden. Ihm erschien die Kritik HUMEs, die er als Skepsis auffaßte, einerseits zu weit gehend, da sie, wie er glaubte, in ihren Folgen auch die Möglichkeit des Erfahrungswissens aufhebt, - andererseits nicht tief genug erfaßt, insofern sie einen strengen Beweis des Nichtwissens in Bezug auf übersinnliche Gegenstände noch vermissen läßt. Und in der Tat! KANTs Kritizismus ist vielleicht weniger scharfsinnig, aber er verfährt unstreitig noch gründlicher, als die Kritik HUMEs. Das Eigentümliche desselben besteht darin, daß KANT die Metaphysik mit ihren eigenen Waffen bekämpfte, daß er sie in metaphyischen Methode widerlegte. Er zeigte, daß sich alle sogenannten reinen Vernunftwissenschaften von Seele, Welt und Gott in Fehlschlüssen ergehen, in Widersprüche verwickeln, daß die Metaphysik, wie er sich ausdrückte, notwendig dialektisch ist, daß man in ihr alles mit gleich gewichtigen Gründen beweisen und widerlegen kann - und er deckte die Quelle dieser Dialektik im Mißbrauch der Einheitsbegriffe oder Ideen der Vernunft auf. Durch ihn erst wurde die Unmöglichkeit einer Erkenntnis aus bloßer Vernunft, einer Erkenntnis, die über die Erfahrungswissenschaft hinausstreben will, zur demonstrierten Wahrheit erhoben. Und dieser Teil seiner Kritik wird bestehen bleiben, wenn deren sonstige Bestandteile und Voraussetzungen: die Vorstellung, die sich KANT vom Ursprung der Erkenntnis gebildet hat, seine schroffe Trennung von Anschauung und Begriff, der Rezeptivität der Sinne und der Spontaneität des Verstandes, seine selbst metaphysische Behauptung vom Stattfinden reiner Anschauungen und reiner Begriffe in unserem Bewußtsein - längst nicht mehr Elemente der wissenschaftlichen Philosophie bilden werden.

Wenn die deutsche Spekulation unmittelbar nach KANT sich in rasch aufeinander folgenden Systemproduktionen erging, so darf uns diese Erscheinung am Ergebnis der kritischen Philosophie überhaupt nicht irre machen. Denn davon abgesehen, daß eine neue Lehre, wie das Beispiel der Theorie des Kopernikus zeigen mag, in der Regel erst nach längerer Zeit zu durchgreifender Geltung gelagt, so hat KANT unstreitig selber den Anstoß zur tumultarischen Bewegung der nach ihm folgenden Philosophie gegeben. Er wollte das Wissen von übersinnlichen Dingen nur darum aufheben, um dem Glauben an eben diese Dinge Platz zu machen. Dieser doppelten Absicht sollte sein Begriff von den "Dingen-ansich" dienen, der aus eben diesem Grund so schwankend und zweiseitig blieb. Es konnte daher nicht schwerfallen, die Widersprüche, in welche sich dieser Begriff mit den Grundannahmen der Kritik verwickelt, zu zeigen, - was wieder FICHTEs Kühnheit veranlaßte, ihn ganz zu verwerfen und damit auch den letzten Rest wirklicher Sachlichkeit im eigenen System zu vertilgen. An der Stätte der zerstörten theoretischen Metaphysik hatte KANT auf Grundlage des von ihm nicht analysierten Pflichtbegriffs eine neue praktische oder Moral-Metaphysik zu errichten versucht. Aus seinem Pflichtbegriff schloß er auf ein reines, formales Vernunftgebot und glautbe mit demselben in den Besitz einer von der Kritik eximierten [von einer Verbindlichkeit befreiten - wp] Vernunfterkenntnis gelangt zu sein. Räumt manaber dem Metaphysiker auch nur eine einzige Erkenntnis aus reiner Vernunft ein, so leitet er uns weitere daraus ab, - so viele man will! Doch haben nicht KANTs Irrtümer allein den Anlaß zur Wiedererneuerung der Systemspekulation gegeben. Es besteht eine enge Gegenseitigkeit zwischen der poetischen Literatur und der dichterischen Philosophie - und so entspricht auch der Romantik, in welche die deutsche Posie geraten war, die gleichzeitige romantische Philosophie, wie man die idealistische Systemphilosophie im Unterschied zur klassischen der Griechen und SPINOZAs nennen muß.

Mit der kritischen Philosophie ist die Aera der philosophischen Systeme abgeschlossen. Was immer für Versuche dieser Art noch in der Zukunft von phantasievollen Köpfen ausgehen mögen, - das Urteil über ihren wissenschaftlichen Unwert steht von vornherein fest.

Und so wären wir am Schluß, nicht wahr? Die Philosophie hat die Philosophie aufgehoben; die wissenschaftliche die unwissenschaftliche beseitigt? Der Entwicklungsgeschichte ist damit abgeschlossen, daß er rückgängig gemacht wird?

Man würde die Tragweite der zunächst an der Philosophie ausgeübten Erkenntniskritik gewaltig unterschätzen, wollte man sie lediglich als eine interne Angelegenheit der Philosophie betrachten. In ihren Folgen erreicht und trifft sie die gesamte Wissenschaft. Dem natürlichen, undisziplinierten Erkenntnisvermögen des Menschen ist der Hang zum Übersinnlichen und Überempirischen sozusagen angeboren. In jeder Wissenschaft, die nicht kritisch geworden ist, gibt es daher eine latente Metaphysik, die aus der Neigung, unsere Begriffe über den wahren Umkreis ihrer Geltung hinaus zu gebrauchen, entspringt und besonders durch die Sprache gefördert wird. Denn mit ihrer substantivischen Form verwandelt die Sprache Begriffe von bloßen Verhältnissen und Grenzen des Vorstellens in eine Art von Wesenheiten oder Dingen. Diese Wortwesen üben auf unser Denken ein weit bestimmenderen Einfluß aus als man gewöhnlich glaubt und beachtet. Wer die Materie oder die Kraft, Begriffe, die als Abstraktionsreste nach Zerlegung der Erscheinungen übrig bleiben, in dieser abstrakten Form als wahrhaftige Wesen ansieht, ist einer Täuschung durch die Sprache verfallen, er denkt im Geist einer mythenbildenden Sprache. Die latente Metaphysik der Naturwissenschaft ist der Materialismus.

Die wissenschaftliche Philosophie ist jedoch nicht bei einer bloßen Kritik stehen geblieben. Sie konnte ihre nächste Aufgabe: die Möglichkeit einer metaphysischen, über die Erfahrung hinaus tragenden Erkenntnis zu prüfen, auch gar nicht in Angriff nehmen, ohne zugleich die Möglichkeit und die Bedingungen des Erfahrungswissens zu untersuchen. Ihre besondere Aufgabe hat sich ihr so unter der Hand in eine allgemeine verwandelt, welche die Wissenschaft überhaupt und als solche umfaßt. Die Erkenntnis, die Wissenschaft selber, bildet das Objekt der Philosophie.

In der Erforschung des Verstandes hat LOCKE der Philosophie ein neues, das ihr eigentümliche Untersuchungsfeld angewiesen und begrenzt; auf diesem Feld allein kann sich die Philosophie den übrigen Wissenschaften gegenüber selbst als Wissenschaft behaupten. Die alte Philosophie suchte die Welt und Natur auf ihre Weise zu begreifen. Aber eben dasselbe bildet auch die Aufgabe der positiven Wissenschaft. Auch diese sucht den Zusammenhang der Dinge in Natur und Welt zu erforschen. Also mußte die alte Philosophie entweder einfach mit der Wissenschaft zusammenfallen - da es über ein und denselben Gegenstand offenbar auch nur eine Wahrheit und Wissenschaft geben kann - oder sich auf eine Konkurrenz mit derselben einlassen, die nur zu ihrem Nachteil enden konnte. Die neue Philosophie dagegen findet sich weder der einen noch der anderen Gefahr ausgesetzt. Sie kann ihre Selbständigkeit wahren und sie braucht sich nicht in die positive Forschung einzumengen. Denn statt der Dinge untersucht sie den Verstand, der die Dinge erkennt, statt der Natur die Wissenschaft der Natur, statt der Erscheinungen ihre Bedingungen im Bewußtsein des Menschen. Die Alten und die in ihrem Geist Denkenden philosophierten über die Dinge selbst, wir erforschen die Dinge und philosophieren über die Wissenschaft. Mit Recht trennt die positive Wissenschaft die Natur vom Menschen, sie sucht statt die Natur aus dem Menschen vielmehr den Menschen aus der Natur zu begreifen. Mit Recht verwirft sie daher jede anthropomorphische [auf den Menschen bezogene - wp] Deutung und Erklärung der Naturerscheinungen. Aber mit ebenso gutem Recht verbindet die Philosophie den Menschen mit der Wissenschaft, weist sie das Anthropomorphe in aller Erkenntnis der Außenwelt nach.

Die Philosophie in ihrer neuen, kritischen Bedeutung ist die Lehre von der Wissenschaft, der Erkenntnis selbst. Sie ist die Erkenntniswissenschaft. Sie forscht nach den Quellen des Erkennens, ermittelt seine Bedingungen und bestimmt seine Grenzen. So aufgefaßt nimmt sie wirklich eine zentrale Stelle unter den Wissenschaften ein, welche sich die alte Philosophie über denselben angemaßt hatte. Während die übrigen Wissenschaften das Verständnis je einer besonderen Gruppe von Erscheinungen vermitteln, vermittelt die Philosophie das Verständnis der Wissenschaft selbst. Sie hat und erfüllt den Beruf, den einzelnen positiven Disziplinen gegenüber die allgemein-wissenschaftliche Bildung zu vertreten.

Es gibt eine Tatsache, welche die gewisseste, die unmittelbarste aller Tatsachen ist und nur deshalb so leicht von uns übersehen wird, weil sie zu nahe liegt. Diese Tatsache ist das Bewußtsein der Empfindung. In unsere Empindung kleidet sich alles, was von der Wirklichkeit zu unserer Erfahrung gelangt und je gelangen kann. In den Verhältnissen unserer Empfindungen muß sich alles ausdrücken, was von den Verhältnissen und Vorgängen der Dinge irgendwie erkennbar ist. Wir verkehren mit der wirklichen Welt nur durch das Medium und gleichsam das Reagens unserer Empfindung. Die Wissenschaft der äußeren Natur geht sofort von unseren gegenständlichen Vorstellungen aus, sie berücksichtigt nicht, oder zumindest nicht mit vollem Bewußtsein die erste und nächste Tatsache, daß alle gegenständliche Vorstellung aus dem Bewußtsein der Empfindung abgeleitet ist. Die Erkenntniswissenschaft macht diese Tatsache zu ihrem Prinzip und ihrem Ausgang. Sie darf sich daher eines zumindest im Prinzip überlegenen Ausgangspunktes rühmen. Aus dem Bewußtsein der Empfindung sucht sie das Auseinandertreten der Erfahrung in eine objektive und eine subjektive zu erklären. Eben dieses Bewußtsein weist sie als die Quelle unserer allgemeinen Erfahrungsbegriffe nach. Die Frage: ob diese Begriffe rein aus dem Verstand entspringen oder ausschließlich von den Sinnen geliefert werden, hat für unsere heutige Erkenntniswissenschaft keine Bedeutung mehr. Denken und Empfinden wirken bei der Entstehung jeder auch der abstraktesten Vorstellung zusammen -, und wie es keine Wahrnehmung gibt, die nicht bereits unter Denkbestimmungen fällt, so gibt es auch keinen Begriff, der nicht zugleich sinnlich bedingt wäre. Keine Vorstellung ist rein sinnlich, keine vollkommen intellektuell, weil das Bewußtsein der Empfindung, von dem sie alle ausgehen, sinnlich und intellektuell zugleich ist.

Die Richtigkeit des von der Erkenntniswissenschaft gewählten Ausgangspunktes ihrer Betrachtungen mag an einem Beispiel gezeigt werden.

Wenn ein sehr namhafter Naturforscher unserer Zeit die Frage gestellt und für schlechthin transzendent erklärt hat: wie gelangen wir vom Atom und von der Atombewegung zur Empfindung? so muß die Erkenntniswissenschaft, ohne sich irgendeine Einsicht in das "Wesen" der Dinge anzumaßen, wie die alte Philosophie sie zu besitzen glaubte, die Fragestellung selbst in Anspruch nehmen. Denn augenscheinlich sind uns nicht Atome gegeben und Atombewegungen bekannt, sondern Empfindungen und deren Verhältnisse, woraus wir unsere gegenständlichen Vorstellungen unter dem Zwang der Erfahrung ableiten und zur Erklärung der Erscheinungen unter anderen Grenzbegriffen den Begriff des Atoms bilden. Die Frage muß also vielmehr lauten: wie gelangen wir von unseren Empfindungen aus zur Annahme von Atomen? - und in diese, offenbar einzig richtige Form gebracht, ist die Frage keineswegs transzendent. So wie diese, werden auch andere Fragen, die zum Teil der früheren Metaphysik angehörten, von der Erkenntniswissenschaft ihres transzendenten Charakters entkleidet, dadurch, daß sie zunächst in eine richtige Form gebracht werden. Unser Satz, daß diese Wissenschaft die eigentliche theoretische Philosophie bildet, kann daher nicht länger auffallend erscheinen. Zugleich hat sich aber aus unserem Beispiel ergeben, daß es auch jenseits der "Grenzen des Naturerkennens" noch Erkenntnis und Wissenschaft gibt.

Die Erkenntniswissenschaft, welche sich im Gegensatz zur Systemphilosophie entwickelt, in welche die letztere sich transformiert hat, will mit der Form des Systems nicht auch die Ergebnisse zerstören, zu denen die alte Philosophie unabhängig von ihrem Streben nach einem unerreichbaren System gelangt ist. Innerhalb des stets veränderlichen Rahmens der philosophischen Systeme hat sich eine Gruppe von Wissenschaften entwickelt, deren verhältnismäßige Unselbständigkeit nicht zum geringsten Teil eben ihrer Unterbringung unter diese Systeme zuzuschreiben ist und die ihre Positivität und Selbständigkeit gerade durch die Beseitigung der hemmenden Systemform gewinnen werden.

Diese Wissenschaften, welche im geschichtlichen Zusammenhang mit der Philosophie auf eine gewisse Stufe der Entwicklung gebracht wurden, sind die Geisteswissenschaften, also der Logik und Metaphysik, der Psychologie, Ästhetik und Ethik nach der Zerstörung der alten Philosophie werden soll.

In wissenschaftlicher, statt in philosophischer Methode bearbeitet, wird sich ein Teil dieser Disziplinen ohne Zweifel zu besonderen, positiven Wissenschaften ausbilden, die bestimmt sind, ihren Platz neben den Naturwissenschaften einzunehmen. Niemand, der die gegenwärtigen Fortschritte der reinen oder deskriptiven und der physiologischen oder erklärenden Psychologie unter dem Einfluß insbesondere der modernen Entwicklungstheorie mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, kann länger daran zweifeln, daß die Psychologie schon heute auf gehört hat, nur eine philosophische Disziplin zu sein, daß sie bereits heute zu einer selbständigen positiven Wissenschaft geworden ist. Auch die Ästhetik hat sich schon der Fesseln des philosophischen Systems entledigt und verwandelt sich immer mehr in eine psychologisch-historische Disziplin. In neuester Zeit beginnt selbst die Ethik mit ihrem wissenschaftlichen Teil, namentlich unter dem Vorgang englischer Forscher, die Bahn einer positiven Geisteswissenschaft zu betreten, die ihre Grundlagen in der Biologie, der Psychologie, der Geschichte sucht.

Logik und Metaphysik aber bilden Bestandteile der allgemeinen Erkenntniswissenschaft. Die Logik ist der deskriptive Teil der Wissenschaftslehre. Sie beschreibt den Aufbau eines wissenschaftlichen Ganzen aus seinen Elementen und ihrer Verbindung. Sie ist die Darstellung des Verfahrens bei der Auffindung und dem Beweis wissenschaftlicher Wahrheiten, während es die Aufgabe der Erkenntnistheorie im engeren Sinne ist, die Prinzipien der Induktion oder Erklärung der Naturerscheinungen und der Generalisation oder Aufstellung von Naturgesetzen zu untersuchen, die das gesamte wissenschaftliche Verfahren leiten. Von der Metaphysik endlich, deren Name schon auf einem Mißverständnis beruhte, kann nicht länger bestritten werden, daß sie als positie Disziplin nicht möglich ist. Sie kann nur als kritische oder negative zugelassen werden. Als solche ist sie die Theorie der Grenzbegriffe der Erfahrung, wie ich dieselben genannt habe, der Vorstellungsgrenzen, wie sie PAUL DUBOIS-REYMOND nennt, um anzudeuten, daß es Grenzen sind, die von der Vorstellung zwar erreicht, aber von ihr nicht mehr umfaßt werden.

Ich weiß, hochgeehrte Anwesende, daß meine bisherigen Ausführungen Sie noch nicht völlig befriedigen können. Ihnen schwebt noch ein anderer, als der bloß wissenschaftliche Begriff der Philosophie vor, noch eine wesentlich höhere Aufgabe, an welcher zu arbeiten die Philosophie bestimmt ist. Wenn es irgendeiner Erkenntnisart zukommt, so muß es der Philosophie zukommen, im Bereich der Wissenschaft selbst die allgemein menschlichen, die idealen Interessen zu vertreten. Die Philosophie, so glauben Sie, hat mehr als sonst eine Wissenschaft, den Beruf, an den Idealen echter Humanität mitzuschaffen, das Bewußtsein der höchsten Ziele unseres Strebens und unserer Vervollkommnung wach zu erhalten und fortzupflanzen. Dieser Weltbegriff der Philosophie, den KANT so feinsinnig von ihrem Schulbegriff unterschieden hat, liegt Ihnen vor allem im Sinn, er vornehmlich zieht Ihr Interesse an der Philosophie überhaupt an sich, während der bloße Schulbegriff Sie nicht sonderlich kümmert, mehr gewiß nicht, als der Begriff irgendeiner anderen Spezialwissenschaft. Was Sie dabei im Sinn haben, ist nicht jene mehr oder weniger vage und immer rein persönliche Gemütserfassung der Dinge, die uns umgeben, der Ereignisse, in deren Strom wir eingetaucht sind. Sie denken an eine Aufgabe der Philosophie, die sich zwar einem streng wissenschaftlichen Beweis und der Berechnung entzieht, aber nach allgemeinverbindlichen Normen bestimmt und gelöst werden kann. Das Leben, nicht die Welt da draußen, soll von der Philosophie in seiner wesenhaften, innerlichen Bedeutung erfaßt werden.

Es liegt mir fern, der Philosophie diesen anderen Beruf absprechen und so dem Schulbegriff der Philosophie ihren Weltbegriff opfern zu wollen.

Wenn der Abglanz eines tiefen Seelenfriedens, der über den fünften Teil der Ethik SPINOZAs verbreitet ist, unsere Leidenschaften besänftigt, wenn der energische Pflichtbegriff, den uns KANT vorhält, unser Wollen stählt, so empfinden wird, daß damit Wirkungen auf unser Gemüt ausgeübt werden, die denjenigen verwandt sind, welche edle und reine Kunstwerke in uns hervorbringen, wir bemerken, daß die Betrachtung des Lebens noch eine andere, als die rein wissenschaftliche Bedeutung haben muß.

Das menschliche Leben ist in der Tat einer doppelten Erfassung zugänglich. Nach seiner objektiven, in die Sinne fallenden Seite, bildet es den Gegenstand einer Naturwissenschaft, der Physiologie des Menschen. So erfaßt, ist es nichts, als ein sehr verwickelter Zusammenhang physikalischer und chemischer Vorgänge, eine Mannigfaltigkeit einander angepaßter materieller Verrichtungen, deren Verbindung und scheinbare Zweckmäßigkeit die Entwicklungslehre unserer Zeit wenigstens im Großen und Ganzen als den notwendigen Erfolg allgemeiner mechanischer Gesetze des Lebens begreiflich macht. Aber das menschliche Leben ist außerdem für Jeden von uns auch der unmittelbaren Selbsterfassung durch das Bewußtsein zugänglich. Von diesem Standpunkt unmittelbarer Erkenntnis aus werden die inneren Lebensantriebe in völlig anderer Beschaffenheit gefühlt, als sie von der objektiven Seite aus angeschaut werden.

Der Mensch allein ist, soviel wir wissen, der Handlungen unter der Leitung abstrakter, nicht bloß anschaulicher Vorstellungen und direkt gefühlter Antriebe fähig. Er allein hat mittels seiner Sprache Reflexion, Besonnenheit, Überlegungsfähigkeit entwickelt. Er allein hat ein allgemeines, abstraktes Wissen von der Zeit. Er weiß von der Zukunft, von seiner Zukunft, von der seines Geschlechts. Er allein ist daher in höherem Grad befähigt, die Erfahrungen der Vergangenheit durch eine Kombination ihrer bekannten Folgen auf die Zukunft anzuwenden. Wir alle kennen die Form, unter dieses Veranstalten, dieses Handeln für die Zukunft erfolgt, es ist der Zweck. Der Mensch ist das zwecksetzende Wesen. Dies ist sein wahrer Vorzug vor den anderen Lebewesen, darauf beruth seine eigenste Würde, seine relative Freiheit, seine schöpferische Macht, seine Wissenschaft, seine Kunst, sein Glaube, seine Philosophie. Denn wir dürfen unter Zweck nicht allein seine niedrigste Form des Strebens nach Vorteil oder Nutzen verstehen, sondern haben unter ihm alles zu begreifen, was der Mensch zur Befriedigung seiner edelsten Bedürfnisse schafft, und alles, was aus seinem selbstlosen Interesse für das Leben seiner Gattung fließt.

Das Reich des Menschen ist das Reich der Zwecke in der Natur.

Mit den ersten Regungen des Bewußtseins ist zugleich der Zweck in die Welt getreten - zunächst als eine verschwindende, eine unendlich kleine Größe. Mit der zunehmenden Differenzierung der Vorstellungsorgane mußte sich auch die Möglichkeit erweitern, die Handlungen des Organismus statt seinen augenblicklichen Eindrücken allein, auch den vergangenen, in der Vorstellung nachwirkenden anzupassen. Der Zweck wird eine reelle Größe. Er unterstützt das Werk der natürlichen Zuchtwahl durch den Erfolg von Übung und Gewohnheit. Die unter der Leitung der Vorstellungen erworbenen zusammengeordneten Bewegungen werden in Gestalt von Bewegungsmechanismen vererbt, so daß jedes folgende Lebewesen noch unter dem Einfluß der zweckmäßigen Handlungen seiner sämtlichen Vorfahren steht. Aber erst beim Menschen, erst in seinem Gemeinleben und durch dasselbe ist der Zweck zu seiner entscheidenden Macht gelangt, - hat er seine beständig wachsende Größe erreicht.

Der Zweck beherrscht, oder, wie man ganz angemessen von ihm sagen kann, er soll alles menschliche Tun und Schaffen beherrschen. So weit er herrscht, so weit ist der Mensch human, ist er wahrhaftig Mensch. Die teleologische Betrachtung - aus der Wissenschaft der äußeren Natur schlechthin zu verbannen - herrscht unbestritten und unanfechtbar in der Selbsterkenntnis des menschlichen Lebens. Der Zweck ist kein Prinzip der Erklärung der Natur, sondern der Gestaltung des bewußten Lebens. Es ist daher keine Gefahr, daß die Wissenschaft jemals eine Überzeugung sittlicher Art, die einem Zweck entstammt, erschüttern, daß sie die Ideale antasten könnte, die sich der Mensch als die Ziele seines höchsten Strebens entwirft. Denn diese Ideale sind nicht aus der Kenntnis und Erforschung der äußeren Natur geschöpft. Sie sind vom Menschen im Verkehr mit dem Mitmenschen geschaffen worden, als die Normen seines Gemeinlebens. Sie haben ihre ganze Bedeutung und Geltung nur in dem Reich, das der Mensch auf der Basis der Natur errichtet hat. Die Natur hat den Menschen durch die ihm eingepflanzten Triebe der Selbsterhaltung und der Arterhaltung bis an die Grenze dieses Reiches geführt. Außerhalb desselben ist der Mensch wie alle anderen Lebewesen dem blinden Gesetz der Konkurrenz ums Dasein unterworfen, innerhalb desselben beginnt er die Natur außer und unter ihm seinen Zwecken zu unterwerfen.

Es gibt demnach eine Teleologie des menschlichen Lebens, eine Zweckmäßigkeitslehre der menschlichen Vernunft, wie sie KANT genannt hat, zu welcher die bloße Naturerkenntnis nicht ausreicht. Zu ihr gehören vor allem die sittlichen Ideen unserer gemeinschaftlichen Lebensführung, welche - geschichtlich erwachsen - auch nur im Fortgang der Geschichte selbst verändert und vervollkommnet werden.

Seit der Zeit des SOKRATES hat die Beherrschung der moralischen Welt durch die Lehre von den Zwecken des Menschen eine Hauptangelegenheit der Philosophie gebildet. Sie nennt sich Weisheitslehre und schreibt sich die Betrachtung und Gestaltung des menschlichen Lebens nach Vorschrift seiner Zwecke als den praktischen Teil ihrer Aufgabe zu. So hat die Philosophie eigentlich eine Doppelrolle durchgeführt, aber ihre doppelseitige Aufgabe nicht gehörig zu unterscheiden gewußt. Nach der einen Seite wollte sie die Gesamtheit der Erkenntnis umfassen und mußte sich schließlich bescheiden, neben den anderen Disziplinen als die Wissenschaft des Erkennens ihre Stelle einzunehmen. Mit dem anderen Teil ihrer Aufgabe tritt sie aus der Reihe der Wissenschaften heraus. Sie ist, von dieser Seite aus betrachtet, etwas wesentlich anderes als Wissenschaft, etwas, was der Idee nach höher ist, als bloße Wissenschaft. Als Entwurf einer wahrhaft humanen Lebensführung, als Teleologie des menschlichen Lebens, stellt sich die Philosophie neben die Wissenschaft und die Kunst und neben den Glauben des Gemüts als eine selbständige und eigenartige Hervorbringung des menschlichen Geistes. Ob man den Namen Philosophie - wie ich es für richtiger halten würde - ausschließlich zur Bezeichnung ihrer zweiten, ethisch-praktischen Aufgabe anwenden, oder wie bisher auch für ihren rein wissenschaftlichen Teil gebrauchen will, ist als eine Sache bloßer Benennung nur von geringer Erheblichkeit. -

Der Wert der Wissenschaft kann nicht leicht zu hoch geschätzt werden. Es würde jedoch ebenso überflüssig wie unangemessen sein, wollte ich hier in Ihrem Kreis das Lob der Wissenschaft verkünden, das köstliche Gut der Aufklärung und der Geistesfreiheit, das wir ihr allein verdanken, preisen. Ich will vielmehr von den Grenzen der Wissenschaft reden. Auch die Wissenschaft ist nicht zu vornehm dazu, nützlich zu sein - in jenem höheren Sinn, wonach dieses Wort alles, was zu unserer Vervollkommnung dient, umfaßt. Sie ist nur einer der Zwecke des Menschen. Sie würde ihre Grenzen verkennen, wollte sie störend in den Kreis der übrigen menschheitlichen Interessen eingreifen. Es besteht ein Reich der Kunst, ein Reich der Sittlichkeit neben ihr. Sie gehört nur als Teil in die Ordnung der Zwecke und hat den allgemein menschlichen Interessen zu dienen. Erst aus diesem Zusammenhang mit dem allgemeinen Geistesleben unseres Geschlechts erwächst der Wissenschaft ihr ganzer und voller Wert.

Nur im Augenblick auf das Leben und die Interessen der Gattung, auf jenes erhabene Leben, aus dem sich das Leben jedes Einzelnen nur wie eine vergängliche Welle erhebt, gewinnt der Forscher und Denker den Mut zu seiner entsagungsvollen Arbeit, empfängt er für dieselbe den höchsten Lohn.

In diesem Augenblick werde auch ich bestrebt sein, in Lehre und Schrift jene Wissenschaft zu vertreten, die wir als die eigentliche wissenschaftliche Aufgabe der Philosophie erkannt und umgrenzt haben - die Erkenntniswissenschaft.
LITERATUR stopper Alois Riehl, Über wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Philosophie, Freiburg i. Br. und Tübingen 1883