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MAX SCHELER
Der philosophische Pragmatismus
[2/3]

"Der Pragmatismus ist eine Neuauflage des alten Bacon-Mill'schen Empirismus und sensualistischen Positivismus, der allen Bildungsprozeß des menschlichen Geistes und der Persönlichkeit auf die assoziative Verarbeitung von Empfindungen zurückführt."

"Der Reichtum der Bedeutungsdifferenzierung, die Genauigkeit oder Vagheit der Wortbedeutungen hängt an erster Stelle nicht von den sinnlichen Wahrnehmungen des Subjekts ab - die ja selbst unter dem Richtung gebenden Einfluß der Trieb- und Interessengliederung des Subjekts stehen -, sondern von dem, was man die Gliederung seiner Interessenperspektive nennen könnte. Wo das Interesse, das Bedürfnis intensiv ist, ist der Reichtum und die Genauigkeit der Bedeutungen (als subjektiver Intentionen) umso größer. Eine gute Flasche Bordeaux als Alkohol zu bezeichnen, ist zwar richtig, aber ebenso roh, wie wenn man seine Geliebte ein Säugetier nennt."


B) Die Irrtümer des Pragmatismus

1. Die Verfälschung der Idee des Wissens

Ich komme jetzt zu einer Gesamtbetrachtung der spezifischen Irrtümer des Pragmatismus. Das erste, was der Pragmatismus vornimmt, ist ohne Zweifel eine totale Verfälschung der formalen Ideen des "Wissens", der "Erkenntnis", der "Wahrheit". Wissen ist sicher nicht eine Abbildung (oder Repräsentatio) der Dinge in "immateriellen Bildern", die ihrerseits nur Zustände unseres Bewußtseins oder Inhalte einer Art Bewußtseinskastens wären und die alle Dinge noch einmal - nur eben in "inmaterieller Form" - ganz oder teilweise in sich enthalten. Weder existieren solche "Bilder" aufweisbar in uns, zum Beispiel "Wahrnehmungsbilder", die vom Sosein des wahrgenommenen Gegenstandes selbst als Daseiendes verschieden sind, bzw. verschieden wären anders als nach einem Teil dieses Soseins der Sache selbst; - die genaue innere Beobachtung sucht ein solches "Bild" vergebens. Ferner könnte die bloße Inhaltsgleichheit oder Ähnlichkeit solcher immaterieller Bilder ja auch nie mit den Dingen verglichen und festgestellt werden; schon der Gedanke einer solchen Feststellung wäre sinnwidrig. Anders als eben durch Wissen können wir uns ja eben in das Sosein der Dinge gar nicht versetzen. Gerade nach der falschen scholastischen Definition der Wahrheit als "adaequatio intellectus cum re" [Übereinstimmung von Intellekt und Realität - wp] könnten wir immer nur Bilder wieder mit Bildern vergleichen. Und wäre selbst jene Beziehung der Gleichheit zwischen immateriellen Bildern und den Dingen zu konstatieren möglich, so läge die Intention des Geistes auf die Sache, die Kern und Nerv des Wissens ist, immer noch nicht vor. Das "Bild" wäre eine stumme intentionsfreie Wirklichkeit, gleichsam ein Gemälde aus Seelenstoff; es deutete nicht über sich hinaus. So wenig ein Gemälde etwas "weiß" von dem Gegenstand, dessen Gemälde es ist, so wenig "wüßte" jenes "Bild" etwas von den Dingen. Als eine Intention und eine Erfüllung dieser intentio im "Haben" des Soseins der Sache selbst ist aber umgekehrt Wissen prinzipiell möglich auch ohne ein solches "Bild. Wissen - das heißt das Ziel allen "Erkennens" als spontaner Tätigkeit - ist also nicht "Abbildung", weder der Dinge selbst noch ihrer Beziehungen, wie HEINRICH HERTZ (1) meinte, wenn er fordert, daß die "Folgen unserer Bilder von den Dingen mit den Bildern ihrer Folgen" zusammenstimmen müssen. Wissen ist vielmehr im formalsten Sinn die Teilhabe eines Seienden am Sosein eines anderen Seienden - ohne Veränderung dieses Soseins. Nur das Dasein eines Dings bleibt stets und notwendig jenseits des Wissens und Bewußtseins und ist als solches transintelligibel. Das Sosein der Sache aber vermag prinzipiell selber - und nicht nur als Bild in unserem Geist einzutreten, indem es Gegenstand einer Intention wird, die kein Bild ist, sondern ein Akt. Es ist daher falsch, mit dem sogenannten "kritischen Realismus" nicht nur das Dasein (worin er recht hat), sondern auch das Sosein der Dinge ausschließlich jenseits des Bewußtseins zu setzen, als könne dieses Sosein (adäquat oder inadäquat) nicht selber auch "in mente" [im Kopf - wp] sein, sondern nur ein "Bild" des Soseins. Und es ist ebenso falsch, mit dem Bewußtseinsidealismus aller Arten nicht nur das Sosein der Dinge selbst in mente für setzbar zu halten (worin der Idealismus gegen allen kritischen Realismus recht hat), sondern auch das Dasein, und damit alle dem Wissen und Bewußtsein transzendente Realität zu leugnen (worin der Idealismus gegen den kritischen Realismus unrecht hat). Indem aber auch der Pragmatismus diese Idee des Wissens verkennt, hat er nichts Geringeres unterschlagen als die "menschliche Vernunft" selber. Beider Theorien - des kritischen Realismus wie des Bewußtseinsidealismus - proton pseudos ist die Untrennbarkeit von Sosein und Dasein in Bezug auf das "in mente" sein, d. h. in Bezug auf das Verhältnis beider (des Soseins und Daseins) zum Geiste. Decken sich das volle Anschauungsphänomen eines Gegenstandes und der volle Gedankensinn von ihm gegenseitig, so ist eben diese Deckung das Kriterium dafür, daß das Sosein des Gegenstandes "selbst" in unseren Geist hereinleuchtet; und eine "Evidenz" des Wissens ist nur das reflexive Wissen von diesem "Einleuchten" des Gegenstandes. Wenn der Pragmatismus die sogenannte Abbildungstheorie des Wissens scharf bekämpft (2), diese Abbildungen eine unnötige und eitle "Weltverdoppelung" nennt, so hat er also darin durchaus recht. Wahre Teilnahme unseres Seins am Sosein der Welt aber ist nicht unnötig und eitel, wenn auch praktisch ansich nicht notwendig "nützlich". Es ist zunächst eine Erweiterung und Steigerung unseres Seinsverhältnisses zur Welt und zugleich ein Hinaufführen der Dinge zu ihrer (objektiven) "Bedeutung", zu jener Bedeutung, die ihnen objektiv zukommt, auch ehe wir sie begrifflich "bedeuten" (3). Spontanes Erkennen aber ist nur die Hinbewegung des Geistes auf ein Wissen, nicht also etwas, was zum Wissen noch nachträglich hinzutritt und was etwa gar "mehr" wäre als Wissen. Wissen selbst ist nicht wahr oder falsch; es gibt kein "falsches Wissen". Wissen ist evident oder nicht evident, ferner adäquat oder inadäquat in Bezug auf die Soseinsfülle des Gegenstandes. Wahr oder falsch sind vielmehr nur die Sätze, das heißt die unseren Urteilen immanenten idealen Sinnkorrelate; diese Sätze sind wahr, wenn sie mit dem evidenten und maximal adäquaten anschaulichen Sosein eines Wissensgegenstandes "übereinstimmen", falsch, wenn sie ihm "widerstreiten".

Dieser Sachverhalt wird vom Pragmatismus ganz und gar verfälscht. Da er die "Abbildung" mit Recht leugnet, meint er darum schon etwas anderes einführen zu dürfen: die faktischen oder nur gedachten praktischen "Folgen" des Gedankens respektive der Anschauung; die mögliche "Veränderung der Welt" durch ihn. Der "Sinn" eines Satzes wird ihm auf diese Weise identisch mit seinen möglichen praktischen Folgen hinsichtlich einer möglichen Veränderung der Welt (BOOLE); und die "Wahrheit" des Gedankens soll darin bestehen, daß diese möglichen Folgen nützliche lebensfördernde Folgen sind. Analog soll die Anschauung eines Dinges die adäquate "gute" sein, die uns die besten Angriffspunkte des Dings für unsere möglichen Bewegungsakte und unser Handeln auf es aufweist.

Prüfen wir diese Thesen. Sie sind im doppelten Sinn falsch. Setzen wir den Fall, es betrage sich ein psychophysischer Organismus gegen alle Reize seiner Umwelt stets und immer optimal zielmäßig und zweckmäßig, also so, wie es ja annähernd schon die Pflanzen und niederen Tiere sicher ohne ein "Wissen von den Gegenständen tun, von denen die Reize herkommen. Es ist nicht einzusehen, warum und wozu sich zwischen Reiz und Reaktion über deren zweckmäßige je typische Verbindung hinaus noch etwas in die Mitte schieben müßte wie ein "Wissen vom Gegenstand". Und setzen wir umgekehrt ein alles wissendes Wesen: Es ist nicht einzusehen, wieso bloßes und reines Wissen von den Dingen diesem Wesen irgendetwas nützen sollte zu jenem Bewegen und Handeln, durch das sich ein Wesen seiner Umwelt anzupassen vermag, bzw. seine Umwelt seinen Wünschen und Bedürfnissen anzupassen vermag. Beide Fälle sind klare Denkmöglichkeiten, die zeigen, daß in der Idee des Wissens ansich noch gar keine Beziehung auf das Handeln liegt - und ebensowenig umgekehrt. Die Leistungen der absoluten und "bedingten" Reflexe und noch mehr der Instinkte, die als sinnhaltige Leistungswerte in vieler Hinsicht weit hinausgehen über die feinste bewußte technische Kunst des Menschen (mit und trotz all seiner Wissenschaft), zeigen uns ja vollständig klar, wie biologisch unnötig ein Wissen um das Sosein des Gegenstandes prinzipiell für zweckmäßiges Handeln ist. Und so mancher ganz unpraktische Gelehrte zeigt uns, wie ohnmächtig Wissen, bloßes, reines Wissen auf das Handeln sein kann. Gewiß! Wir finden de facto eine weitgehende Korrelation zwischen dem, was ein Wesen wissen kann (aufgrund schon seiner Sinnesfunktionen, deren Reichweite, Reiz- und Steigerungsschwellen, ferner des Maßes und der Richtung der Ausbildung seiner "Intelligenz", d. h. der Fähigkeit, sich neuen atypischen Situationen ohne Probieren anzupassen), und dem, worauf es objektiv sinnvoll zu handeln vermag. Ja, diese Korrelation kann sogar als wesensgesetzlich für alles Wissen um eine zufällige Realität und alles mögliche Handeln auf sie nachgewiesen werden. Von dieser Parallelkorrelation aber gelten drei Sätze, die der Pragmatismus verkennt:
    1. Diese Parallelkonstellation betrifft nicht das Wissen und Handeln als solche, sondern unter der Voraussetzung von deren Dasein (und einer je bestimmten Organisation dazu) nur die je besonderen Inhalte und Gegenstände eines möglichen Wissens und Handelns; das heißt sie betrifft die Auswahl gerade "dieser" soseinsbestimmten Gegenstände unter den objektiv möglichen der Gegenstandswelt des Subjekts. Sie betrifft nur "Dieses oder Anderes", nicht aber das "Was" im Sinne eines puren Wissensinhalts und erst recht nicht das "Daß" von Wissen überhaupt.

    2. Es besteht ein wahrer Parallelismus, das heißt eine umkehrbare gegenseitige Beziehung der Abhängigkeit von Wissen und Handeln - im oben beschränkten Sinn -, nicht aber eine nicht umkehrbar einseitige Beziehung, also so, daß der praktische "Widerstand" den theoretischen "Gegenstand" oder umgekehrt dieser jenen einseitig bestimmen könnte.

    3. Der gemeinsam identische Grund dieses Parallelismus der Wissens- und Handlungsinhalte aber ist eine Werthaltung und Liebe, bzw. Haß zu den Gegenständen und die durch diese Akte gerichtete unwillkürliche und willkürliche Aufmerksamkeits- und Interessenfunktion. Diese Tätigkeiten der bloßen Werthaltung als solche sind aber noch kein "praktisches Verhalten" und in ihrer "Tätigkeit" steckt insbesondere noch gar nichts von irgendeiner Willenstätigkeit.


2. Falsche Ansetzung des Grundfolge-
verhältnisses von Wissen und Handeln.

Wir sehen also, daß es nicht falsch ist, wenn der Pragmatismus lehrt, daß mit jeder aktuellen Sinneswahrnehmung immer auch eine bestimmte praktisch-motorische Haltung, zumindest der Anfang eines psychomotorischen Prozesses notwendig verknüpft ist. Eben das ist richtig. Falsch ist nur der Gedanke, der sich sowohl bei BERGSON (4) wie bei MÜNSTERBERG (5) findet, daß diese Haltung der notwendige Grund ist für die Sinneswahrnehmung als Folge: daß, wie es BERGSON ausdrückt, die Sinneswahrnehmung - als "reine", d. h. befreit von allen "sensations affectives" und allen dazu sich einmischenden Gedächtnisbildern - nur die praktische Auswahl ist, die der Geist an der Mannigfaltigkeit der objektiven "Bilder" vornimmt; oder daß, wie es MÜNSTERBERG ausdrückt, der Beginn des der Reizung entsprechenden motorischen Nervenprozesses eine Bedingung der "Lebhaftigkeit" der Empfindung über Null ist. Die Minimumbedingung für die Realisierung einer Sinnesanschauung neben dem Reizprozeß, dem normalen zentripetalen Nervenprozeß und einem psychischen Perzipienten überhaupt ist vielmehr noch ein hinzutretender Aktus des psychophysischen Organismus, mit dessen Richtung, Art, Quantum auch der Inhalt dieser Anschauung gesetzlich variiert. Die Empfindung ist in der Tat jeweils nur ein Element im Strukturganzen eines Wahrnehmungsgehalts - ein Element, das mit diesem Strukturganzen variiert -, d. h. sie ist kein summenhafter addierbarer Stückteil des Inhalts; und sie ist zweitens nicht einfach proportional dem Reiz, auch nicht dem Reiz plus Nervenprozeß und physiologischer Zuständlichkeit des inneren und äußeren Sinnesapparates allein. Wäre es so, so gäbe es - wie WUNDT lehrte - in der Tat ein Perzeptionsfeld, in dem es aktuelle Empfindungen geben könnte, und ein dazutretendes, durch dieses Feld fundiertes Apperzeptionsfeld, in das die Empfindungsinhalte erst eingehen müssen, wenn sie außerdem noch Gegenstände einer triebhaft oder willkürlichen Aufmerksamkeit werden wollen. Aber eben das gibt es nicht. Der spontane (triebhafte oder willkürliche) Impuls des Vitalseelenzentrums ist vielmehr eine Bedingung schon der bloßen "Empfindungsrealisierung eines Reizes, die nur als "Möglichkeit" - nicht schon als Wirklichkeit - durch den Reiz und den zentripetalen Prozeß gesetzt ist. Ist dieser Impuls gleich Null, so gibt es keine Wahrnehmung und Empfindung. Irrig aber ist die Annahme, dieser Impuls sei notwendig ein Willensimpuls, - anstatt eine Werterfassung, bzw. ein (wahlfreies) triebhaftes Vorziehen und Nachsetzen, das seinerseits durch die Interessenrichtung und ihre Betätigung, durch die sogenannte Aufmerksamkeit, geleitet ist. Und eben dieser Impuls ist es, der ebensowohl das Werden von Wollen und Handeln (bzw. Willens- und Handlungsbereitschaft) als das Werden einer Sinneswahrnehmung bedingt und leitet. Darum können sich auch Apraxie [Bewegungsunfähigkeit durch geschädigte Nervenbahnen - wp] und Agnosie [Unfähigkeit Sinnesempfindungen als solche zu erkennen - wp] voneinander sehr wohl trennen (was sie nach BERGSON und MÜNSTERBERG nicht können); und es genügt keineswegs die Apraxie, um schon eine der möglichen Agnosien zu begründen.


3. Verkennung des Unterschiedes
zwischen Wesenswissen und induktivem Wissen

Aber damit ist noch nicht der allgemeinste philosophische Irrtum des Pragmatismus erschöpft. Fundamental ist hier vielmehr die Tatsache, daß auch der angegebene Parallelismus der bloßen Sonderinhalte von Handeln und Wissen nicht für alles Wissen und nicht für alles Handeln gilt, sondern nur für einen bestimmten engeren Bereich beider. Und dieser Bereich ist abgesteckt durch das Wissen um die "zufällige" Weltwirklichkeit und ihr Jetzt-Hier- und Sosein; er ist auf sie abgesteckt sowohl für das mögliche Wissen als auch für das Wollen und Handeln auf sie als zufällige Weltwirklichkeit. Aber es gibt eben auch ein "Wissen" - und es ist das höchste, reinste, schlechthin evidente und aller möglichen induktiven Erfahrung (also der Beobachtung und dem Vergleich der "Fälle") ebenso wie dem mittelbaren schließenden Denken vorangehende Wissen -, dessen Sinn und mögliche Folgen nichts verändern könnte; ein Wissen, das evident bleibt, wenn wir den uns durch die Sinne zugängigen Weltinhalt und ebenso unsere Handlungen auf die Welt in völlig beliebiger Weise variieren lassen. Ja noch mehr: Wir können dieses Wissen geradezu definieren als dasjenige Wissen, das bei aller möglichen Veränderung des Quale und Quantum unserer möglichen Sinnes- und Beobachtungsinhalte der Welt genau dasselbe wäre, in dieser Veränderung völlig konstant erhalten bliebe. Es ist das Wissen um jene Soseinskonstanten aller Gegenstände, das wir Wesens- und Ideenwissen, bzw. Wissen um bloße Wesens- und Ideenzusammenhänge nennen. Aus ihm folgt eben darum nichts Bestimmtes und Differentes für die zufällige Weltwirklichkeit, da es seinerseits "für" alle mögliche zufällige Weltwirklichkeit a priori gilt und verbindlich ist. Und es gibt - analog - eine materiale Wertschätzung und ein auf sie fundiertes "Wollen" der möglichen Realisierung dieser Werte, das als Wertschätzung und Wollen der "reinen Gesinnung" besteht und autonom ist - auch autonom bleibt, selbst wenn alle die ihm entsprechenden empirischen Handlungs- und Willensakte einen schlechthinnigen Mißerfolg und beliebig großen Schaden für den Handelnden und alle Gemeinschaft aufweisen. Und nur dieses Wissen ist der erste und unmittelbare Träger der Prädikate "evident". Und nur das in es etwa eingehende Urteil ist der unmittelbare Träger des Prädikates "wahr" (= gegensatzlos oder evident wahr). Und nur diese Werthaltung und dieses Wollen - in ihrer Übereinstimmung - ist der unmittelbare und direkte Träger der "sittlichen" Attribute "gut" und "böse".

Wenn so der Pragmatismus schon die Idee des "Wissens" fälscht, so verkennt er als neue Form des Empirismus nicht minder die fundamentale Scheidung des Wissens in "Wesenswissen" und zufälliges "Tatsachenwissen", eine Scheidung, die zusammenfällt mit der in "Apriori-Wissen" [von vornherein - wp] und "Aposterioriwissen" [im Nachhinein - wp]. In dieser letzten Hinsicht ist der Pragmatismus nur eine Neuauflage des alten BACON-MILLschen Empirismus und sensualistischen Positivismus, der allen Bildungsprozeß des menschlichen Geistes und der Persönlichkeit auf die assoziative Verarbeitung von Empfindungen zurückführt. Da aber alle apriorischen sogenannten "Denkformen" auf immer neuer Erwerbung von Aprioriwissen, d. h. auf einer Funktionalisierung von gegenständlichem und ontologischem Wesenswissen beruhen, so muß der Pragmatismus auch schon die formale Idee des "philosophischen" und "Bildungs"-Wissens verfehlen. Daß der menschliche Geist in und an der Betätigung seines Erkennens in der Geschichte des Erkennens selbst in sich wächst und sich entwickelt, nicht aber nur neue Resultate der Erkenntnis einer zufälligen Wirklichkeit übereinandertürmt - ein Vorgang bloßer "Kumulation" von Wissensstoff -, und daß dieses Wachstum, diese wahr "Evolutio" des Geistes selbst, auch ein höherer Wert ist als die Anwendung der Resultate der Erkenntnis für praktische Ziele, dies verkennt der Pragmatismus nicht weniger als es die neukantischen Denkrichtungen tun, die der Vernunft eine "konstante" Urmitgift von apriorischen Funktionalgesetzlichkeiten zuschreiben - eine Mitgift, die innerhalb der Kulturkreise und Zeitalter stets ein und dieselbe wäre und im höchsten Fall nur sukzessive erkannt und begriffen werden könnte. Endlich verkennt der Pragmatismus auch die strenge Gesetzmäßigkeit, die zwischen der praktisch möglichen Veränderbarkeit der Dinge und der Stufe ihrer Daseinsrelativität besteht. Dieses Gesetz lautet: Die Dinge sind umso eher einer praktischen Veränderbarkeit (auch nur "möglicher") unterworfen, je mehr sie daseinsrelativ auf den Menschen sind und je weiter die Stufe ihrer Daseinsrelativität von der Stufe der absoluten Realität und ihres Wesens absteht. Für die Rangordnung und mögliche Realisierungsstufen der Werte habe ich den gleichsinnigen Satz schon in meiner Ethik nachgewiesen (6). Auch die Erfüllungserlebnisse der Lust und Unlust sind umso weniger praktisch herstellbar und in ihrem Gang zu beeinflussen, je mehr sie den geistigen Person- und Personwertgefühlen nahestehen. Nur die Gefühlsempfindungen sind unserer praktischen Herrschaft fast völlig unterworfen; die Gefühle für das Nützliche und Schädliche schon um eine Stufe weniger; die Lebensgefühle noch erheblich weniger; und die seelischen Gefühle wiederum sind um eine weitere Stufe weniger beherrschbar und intendierbar. Und die geistigen Persongefühle sind es überhaupt nicht; sie sind gleichsam pure "Gnade" und "Ungnade" und können wesensgesetzlich nicht praktisch intendiert werden. Wenn also der Pragmatismus nur dasjenige Wissen gelten lassen will, das Folgen haben kann, die eine veränderte Welt praktisch zu setzen ermöglichen, so liegt hier ohne Weiteres auch eingeschlossen, daß er nicht nur auf alles Wesenswissen, sondern auch auf das Wissen von einer absoluten Realität, das heißt auf metaphysisches und religiöses Wissen verzichtet. Denn gewiß ist, daß die absolute Realität, wenn überhaupt veränderbar, nur durch sich selbst veränderbar sein kann und nicht durch Wesen, die sie selbst erst ins Dasein gesetzt und deren Sosein sie bestimmt hat - die also ausschließlich von ihr abhängen. Nur so weit die Persönlichkeit selbst eine Funktion des göttlichen Geistes wäre, könnte sich der göttliche Geist durch sie, d. h. sich selbst durch sie verändern, zum Beispiel wachsen, erlösen - so er erlösungsbedürftig ist.


4. Die falschen Grundsätze
der pragmatistischen "Logik".

Endlich sind auch die beiden logischen Prinzipien, die der erste Logiker des Pragmatismus BOOLE aufgestellt hat, ohne Zweifel falsch, ja sogar widersinnig; nämlich erstens: daß zwei Sätze sinnidentisch sind, die zu denselben Handlungen führen, und zweitens: daß ein Satz wahr ist, wenn er ein Handeln bestimmt, das nutzbringende oder lebensfördernde Folgen hat. Hiergegen ist Folgendes einzuwenden: Der Sinn eines Satzes oder einer Frage ist nicht einmal mit seinen logischen Folgen, bzw. dem Maß seiner "logischen Fruchtbarkeit" irgendwie "identisch" oder gar "gleichwertig"; und erst recht ist er es nicht mit der praktischen Anwendungsmöglichkeit zu einer realen Veränderung der Welt. Schon die unverbrüchliche logische Regel, daß mit den Folgen keineswegs der Grund, mit der Wirkung keineswegs die Ursache eindeutig gesetzt ist, enthält die Widerlegung selbst der milderen pragmatistischen Definition des "Sinnes" eines Gedankens, die den Sinn mit seinen logischen Folgen, bzw. seiner "logischen Fruchtbarkeit" gleichsetzen möchte. Doppelt falsch aber ist es, den Sinn eines Satzes gleichsetzen zu wollen mit der "praktischen Fruchtbarkeit", da es ja vielmehr ganz unzweifelhaft ist, daß ganz verschiedene theoretische Voraussetzungen über den Weltverlauf zu genau denselben praktischen Verhaltensweisen bestimmen können und ganz dieselben Voraussetzungen zu ganz verschiedenem praktischen Verhalten - je nach den durch bloßes Wissen nie eindeutig bestimmten Zwecken, deren Verwirklichung unser Handelns dienen soll. Wahr ist nur, daß wir da, wo wir den "Sinn" eines das Verhalten leitenden Gedankens aus den uns allein unmittelbar zugänglichen Verhaltensweisen eines Organismus zu erschließen suchen - die sprachliche und schriftliche oder sonst fixierte Mitteilung des Sinnes, ferner die Mitteilung durch eine "Darstellung" bei einem Kunstwerk, durch den objektiven "Sinn", den ein Ding durch eine Bearbeitung erhalten hat, also fehlt -, niemals eindeutig den Sinn des Gedankens erfassen können, sondern auf einen Spielraum von verschiedenen Sinneinheiten angewiesen sind, die uns alle gleichmäßig das "Verhalten" verständlich machen. Es haben daher auch alle Fragen bzw. alle interindividuellen "Fraglichkeiten" oder "Probleme", deren alternative oder disjunktive "Folgen" sich durch uns Menshen zugängliche Beobachtung und (direkte oder indirekte, d. h. durch eingeschobene Mechanismen und Maßinstrumente vermittelte) Messung nicht entscheiden lassen, sehr wohl einen "Sinn". Sie haben nur keinen "positiv wissenschaftlichen" Sinn: und es ist daher notwendig und sollte noch viel strenger gefordert werden, als es gegenwärtig schon in der Mathematik und der theoretischen Physik gefordert wird, daß sie aus dem Bereich der positiven Wissenschaft radikal ausgeschaltet werden. Durch diese Ausscheidung verliert die betreffende Frage aber nicht ihren "Sinn", sondern sie wir, sofern sie auf Reales geht, nur eben eine philosophische, bzw. "metaphysische" Frage, für deren Beantwortung eine andere, aber nicht weniger genaue und bestimmte Methodik existiert wie für die positiv-wissenschaftliche Frage. Die positive Wissenschaft hat gerade die eminente Bedeutung auch für die Metaphysik, daß sie das metaphysische Fragegebiet immer genauer umgrenzt, indem sie die nicht-metaphysischen Fragen immer genauer und sicherer herausstellt gemäß dem großen Prinzip, alle Fragen auszuscheiden, die durch mögliche Beobachtung und Messung zufälliger Wirklichkeiten und formal mathematische Operationen prinzipiell unbeantwortbar sind. Die positive Wissenschaft ersetzt daher nie die Metaphysik oder macht sie überflüssig - wie der Pragmatismus meint -, sondern setzt durch zunehmenden Ausschluß der metaphysischen Fragen, vor allem der Wesensfragen aus ihrem Bereich das Problemgebiet der Ontologie und Metaphysik erst frei, in ähnlicher Weise wie Physik und Chemie der Vorgänge und Einrichtungen des Organismus die spezifisch "biologischen" Fragen erst freisetzen.

Betrachten wir noch einige andere logische Theoreme des Pragmatismus, so findet sich fast überall derselbe Grundirrtum wieder: Unser Denken von Bedeutungen soll nach unserer pragmatistischen Lehre in nichts anderem bestehen als in einem ursprünglich gleichartigen äußeren und inneren Verhalten bei verschiedenen Situationen - aufgrund der Wiederkehr derselben Trieb- bzw. Bedürfnisregung; in höchstentwickelter Form aber in der Hervorbringung derselben Lautkomplexe bei verschiedenen, aber in irgendeiner Hinsicht praktisch ähnlichen sinnlichen Wahrnehmungskomplexen; das heißt objektiv ausgedrückt: in der Anwendungsregel eines Wortzeichens bzw. eines für es stehenden Zeichens. Sage ich etwa "diese Wiese ist grün", so soll den Wortzeichen (die als Zeichen selbst schon identisch wiederkehrende "Gestalten" eines sinnlichen variablen Materials sind, eines akustischen, optischen, muskulären) "Wiese" und "grün" keine selbstständige "Bedeutung" inhärieren [innewohnen - wp], die durch die Wahrnehmung der grünen Wiese nur anschaulich "erfüllt" würde, sondern das, was wir die Bedeutung der Worte "Wiese" und "grün" nennen, soll in Nichts bestehen als in der triebhaft-motorischen Tendenz, bei einer Wahrnehmung von Dingen, die sich in der grünen Farbe gleichen, das Wort "grün" als puren Lautkomplex, bei Dingen, die sich in den Merkmalen gleichen, die der Wiese zukommen, den Lautkomplex "Wiese" hervorzubringen. Daß die Lehre in dieser Form falsch ist, zeigt schon die offenkundige Tatsache, daß derselbe Wahrnehmungsinhalt "grüne Wiese" einer unbegrenzten Anzahl ganz verschiedener Urteilssinngehalte und ganz verschiedener Bedeutungen (grüne Fläche, farbige Fläche, Gras usw.) doch ebensowohl Erfüllung geben könnte, weshalb diese Differenzierung in der Bedeutungssphäre ganz unbegreiflich ist, wenn es nichts geben soll als die rein tatsächlichen sinn- und bedeutungsblinden Lautkomplexe und die in bestimmten Verhaltensweisen fundierten sinnlichen Wahrnehmungsinhalte. Auch wenn man Auffälligkeitsstufen, Pointierungsarten und -grade der sinnlich gegebenen Bestände durch die triebhafte und willkürliche Aufmerksamkeit und ihre motorischen Begleiterscheiniungen noch hinzunimmt, um die "scheinbare" Bedeutungsdifferenzierung der Sprachlaute und anderer als "Zeichen" fungierender Komplexe vor und unabhängig von ihrer okkasionellen [gelegentlichen - wp] Anwendung begreiflich zu machen, wird die Lage nicht günstiger. Denn entweder steht die Aufmerksamkeit dabei schon unter der Determination [Bestimmung - wp] einer vorschwebenden Bedeutung (wie es bei aller "Beobachtung" der Fall ist, bei der ein sinnhafter Frageinhalt die Richtung der Aufmerksamkeit offensichtlich leitet) - und das ist das Deklarandum [Erklärte - wp] vorausgesetzt -, oder die triebhaften Aufmerksamkeitspointierungen sind so blind und regellos, daß sie uns die Konstanz der Bedeutung im wechselnden Spiel dieser Aufmerksamkeitspointierungen nicht zu erklären vermögen. ADHÉMAR GELB und KURT GOLDSTEIN beschrieben jüngst zwei Fälle "farbenschwacher" Frauen, d. h. von Patienten, die aufgrund von Hirnverletzungen (im zweiten Fall einer Hinterhauptverletzung) farbige Bogen erst nach längerer Zeit, als der Normale dazu braucht, als farbig und so oder anders gefärbt zu erkennen vermochten. In der ersten Zeit - bis zu einer je bestimmten Grenze - erschienen den Patienten die Bogen als farblos. Bei schwächeren Reizen kam es im zweiten der Fälle auch bei anhaltender Betrachtung nicht zu einem farbigen Eindruck (7).
    "Sprach sich der Patient jetzt verschiedene Farbennamen vor, so nahm beim Aussprechen des richtigen Namens das Objekt die Farbe an; beim Aussprechen eines falschen Namens veränderte sich das Objekt nicht. Dieses Farbigwerden eines Objekts bei einem bestimmten Farbnamen galt dem Patienten als Zeichen dafür, daß der Name der Farbe richtig war. Ähnlich verhielt sich die zweite Patientin Vorstellungen von Farben gegenüber."
Es ist nun aber sehr beachtenswert, daß diese Wirkung keineswegs am bloßen Aussprechen des Namens selbst haftet.
    "Es besteht", sagen die Verfasser, "doch gewiß kein Zweifel, daß man ein Wort, auch einen Farbnamen, benutzen kann, ohne damit sagen zu wollen, daß mit dem betreffenden Wort eine bestimmte Farbe gemeint ist. So z. B. kann man Farbnamen in irgendeiner Reihenfolge aufzählen oder beim Anblick eines Gegenstandes von charakteristischer Färbung, etwas einer Kirsche, sagen: die rote Kirsche. Das Wort wird hier nicht in seiner Darstellungsfunktion im Sinne Bühlers gebraucht, es stellt sich vielmehr im Zusammenhang der Gesamtsituation ein." (Seite 159)
Es ist aber nicht genügen für die Beeinflussung der Farbenschwelle durch das Wort, daß es die Patienten überhaupt aussprechen und benutzen können, daß also der Sprechvorgang intakt ist; vielmehr erfolgt nur dann diese Wirkung, wenn das Wort nicht die singulären Farbenphänomene bezeichnet, sondern die Kategorie, der die Farbe angehört, und wenn das Wort nicht nur eine Reaktion ist, die mit dem Sehen der Farbe reproduktiv verknüpft ist, sonder außerdem in einer Nenn- oder Darstellungsfunktion zur Farbe steht. Die angeführten Tatsachen zeigen uns mit größter Schärfe den Irrtum der pragmatistischen-nominalistischen Begriffstheorie. Sie zeigen einmal, daß Bedeutung und Wahrnehmungsinhalt schon bei den einfachen Qualitäten in gegenseitiger dynamischer Beziehung zueinander stehen, keineswegs nur die Wortbedeutung sich nachträglich auf die fertigen und unveränderlichen Sinneseindrücke erst summativ aufbaut. Und sie zeigen zweitens, daß die Kategorialfunktion des Wortzeichens und die Nenn- bzw. Darstellungsfunktion in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen, das Wort also schon in sich eine Bedeutung besitzt, zu der die Wahrnehmung in echter Erfüllungs- bzw. Nichterfüllungsfunktion steht -, daß die pragmatistische Bedeutungstheorie also falsch ist.

Auch in anderer Hinsicht vermag gerade eine Reihe von Abbauerscheinungen des normalen Seelenlebens die pragmatistische Lehre zu widerlegen. So zeigt sich, daß da, wo die Wortbedeutung vermöge amnestischer Aphasie ausfiel, die Kranken häufig noch das anzugeben vermögen, was man mit den betreffenden Dingen "tun" kann. So bezeichnet ein Kranker einen Federhalter als "zum Schreiben", ein Metermaß "zum Messen", eine Schere "zum Schneiden" -; diese Art Wortreaktionen sind dabei meist von lebhaften pantomimischen Gesten, die das Schreiben, Messen usw. nachahmen, begleitet. Aber gerade in diesen Fällen, die wir andererseits in der Entwicklung auch als Vorstufe des Bedeutungsdenkens bestimmter Bedeutungen wiederfinden, so zum Beispiel, wenn das Kind alles "Vogel" nennt, was das vage aufgefaßte Flugphänomen in sich enthält (Schmetterling zum Beispiel), haben für die betreffenden Subjekte keineswegs den Sinn, Allgemeines zu bezeichnen, also anzugeben, daß die Gegenstände zu Gruppen von Dingen gehören, mit denen man messen, schneiden usw. kann, bzw. alles zu bezeichnen, was fliegt. Sie bezeichnen vielmehr das Vorliegende durchaus aus etwas Singuläres, bzw. sie drücken einen "konkreten Verhalt" zum Gegenstand aus (8). Darum hat auch derjenige, der die Operationen angeben kann, mit denen man zum Beispiel das spezifische Gewich eines Körpers bestimmt, oder derjenige, bei dem diese Operationen anklingen, noch keineswegs einen "Begriff" des spezifischen Gewichts. Gerade das "noch nicht" bzw. "nicht mehr" dieser Entwicklungserscheinungen zeigt scharf und genau die Sonder- und Eigenart des Bedeutungsdenkens.

Wie EDMUND HUSSERL scharfsinnig zeigte, kann die sogenannte Aufmerksamkeitstheorie der Abstraktion - die der Pragmatismus nur in derber Form erneuert - uns das Denken einer Bedeutung weder im positiven noch im negativen Sinn des Abstraktionsvorgangs erklären. Die abstrakten Teile, zum Beispiel das Rotsein einer Vielheit roter Gegenstände, behalten ihre Vielheit auch dann, wenn ich alle sonstigen Merkmale der betreffenden Gegenstände bis auf Null für die Aufmerksamkeit verdunkelt sehe; sie wachsen dadurch nicht zu einer Einheit zusammen, wie sie in dem Wort "das Rot" oder die "Farbe Rot" doch zweifellos gemeint ist. Wenn man also in unser Triebleben nicht schon die Vernunft hineinlegt, die man ableiten will, wird man sie auch nicht zum Schein abzuleiten vermögen. Eine Bedeutungssphäre überhaupt und irgendeine vage Gliederung dieser Sphäre muß also schon in jedem Bewußtseinsaugenblick eines menschlichen Bewußtseins vorausgesetzt werden. Darum sind aber auch alle Thesen der Art wie: eine Größenart hat in der Natur erst Bestand, wenn ein Messungsverfahren und ein Maßstab für sie angegeben ist; eine Zahl ist nichts anderes als das X, das ich durch die Operationsregel gewinnen kann, die ihrer Erzeugung und Identifizierung dient; oder der "Sinn" der Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse ist erst gegeben, wenn die Methode ihrer praktischen Feststellung (durch einen reversiblen [umkehrbaren - wp] Lichtstrahl bei einer Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) festliegt - logisch schwer Irrtümer.

Das Recht der pragmatistischen und triebpsychologischen Ableitung beginnt erst da, wo die besondere Art der Differenzierung der Bedeutungssphäre eines Subjekts (und einer Gruppe) verständlich gemacht werden soll, bzw. die Auswahl, die es aus dem objektiven Bedeutungsreich vollzieht. Da ist es ganz zweifellos: der Reichtum der Bedeutungsdifferenzierung, die Genauigkeit oder Vagheit der Wortbedeutungen hängt an erster Stelle nicht von den sinnlichen Wahrnehmungen des Subjekts ab - die, wie wir zeigen, ja selbst unter dem Richtung gebenden Einfluß der Trieb- und Interessengliederung des Subjekts stehen -, sondern von dem, was man die Gliederung seiner Interessenperspektive nennen könnte. Wo das Interesse, das Bedürfnis intensiv ist, ist der Reichtum und die Genauigkeit der Bedeutungen (als subjektiver Intentionen) umso größer. Haustiere, Jagdtiere haben eine Fülle von bedeutungsmäßiger Unterscheidung gefunden bei Naturvölkern, die andere Tiere nur im Sinne einer vagen Allgemeinheit bezeichnen. "Geliebte Kinder haben viele Namen." Eine gute Flasche Bordeaux als Alkohol zu bezeichnen, ist zwar richtig, aber ebenso roh, wie wenn man seine Geliebte ein Säugetier nennt - soll E. T. A. HOFFMANN gesagt haben. Dieses wichtige Gesetz der Interessenperspektive des jeweiligen Bedeutungsbestandes eines Subjekts betrifft aber nicht den Ursprung der Bedeutung und der Bedeutungssphäre überhaupt, sondern nur ihre Gliederung; und es trifft die Bedeutungssphäre so ursprünglich wie die Wahrnehmungswelt des Subjekts, so daß das "Aufeinanderpassen" der Gliederungen beider Sphären sich eben aus der Identität dieser vorstellungsdifferenzierenden Triebkräfte ableitet. Nur die Auswahl der subjektiv gedachten Bedeutungsn aus dem objektiv idealen Bedeutungsreich vermag der Pragmatismus verständlich zu machen, weder dieses objektiv-ideale Bedeutungsreich selbst noch die subjektive Bedeutungssphäre, die sich gemeinsam mit der Wahrnehmungssphäre in gegenseitiger Determination differenziert und entwickelt, keinesfalls aber "aus" ihr (9).

Wie die Gliederung des Bedeutungsbestandes zunächst der Interessengliederung der Gruppe entspricht, so ist auch das Urteil zunächst gewiß nicht die schlichte prädikative Gliederung zweier sich mit einem Sachverhalt deckender Bedeutungen (rein theoretisches schlicht positives Urteil), sondern dem Gegenstand gegenüber der Ausdruck für ein ideelles Einwirken auf das ichartig und lebendig aufgefaßte Kraftzentrum, das sich im wahrgenommenen Bild des Gegenstandes nicht anders zu "äußern" scheint als unser eigenes lebendiges Ich in seinen Ausdrucksäußerungen. Der Primitive faßt ja die ihn umgebende Natur in allen ihren Erscheinungen als Ausdruck und Manifestation einer "Gesellschaft" von Geistern und Dämonen auf, gleichsam als Gesprächspartner, auf den er mit seinen eigenen Urteilen und Worten einzuwirken vermag. Daher sein "Wortaberglaube", daher die Auffassung der Namen der Dinge als Kräfte und Eigenschaften der Dinge selbst. Und auch im sozialen Verkehr ist das Urteil nicht primär die Mitteilung eines Tatbestandes, zu der sich der Andere sinn-verstehend und dann erst ("kritisch") bejahend oder verneinend verhält, sondern ein Einwirken auf ihn, ja eine "Suggestion", die das Mit- und Nachurteilen zur unmittelbaren Folge hat. Der "Einwortsatz" des Kindes, zum Beispiel "Mama", hat stets den Sinn des Ausdrucks eines Bedürfnisses mit dem Begleitwunsch, es durch das "Genannte" befriedigt zu erhalten; und die frühe Stufe, die Verbalworte und Verbalsätze in aller Sprachentwicklung wahrscheinlich einnehmen, deutet darauf hin, wie innig Denken und Tun ursprünglich vereinigt sind. Daß aber auch nach dem Prozeß der Differenzierung von Denken und Tun und nach der steigenden Individualisierung des Menschen gegenüber seiner Gruppe (welche Differenzierung und Individualisierung die Gespinste von Suggestion, Tradition, Ansteckung, ja erst beseitigt, die zuerst zwischen Ich und Seinverhalt wie trübende Medien stehen) das Urteil jenen pragmatischen Charakter behalten müßte, den es ursprünglich genetisch besitzt - den Sinn einer Nachgestaltung und Mitgestaltung des Gegenstandes, bzw. sozial den Sinn einer Aufforderung an den Anderen, sich so oder anders zu verhalten -, das ist ein Irrtum des Pragmatismus. Die Differenzierung von Tun, Nachtun, Mittun und Denken ist eine für beide Prozesse gleichursprüngliche.

Ähnliche Irrtümer stecken in der Deutung, die der Pragmatismus an den kategorialen Seins- und Denkformen, Ding, Kausalität, als sogenannten "Erwartungszusammenhängen" für bestimmte Sensationen vornimmt; in seiner Theorie des Schließens als eines inneren Experimentierens und Konstruierens mit Zeichen der Dinge und ihrer Beziehungen, das künftige Handlungen vorausentwerfen soll; in seiner Lehre von den Axiomen als impliziten Definitionen solcher Art, daß man ein Maximum von Sätzen und Theoremen daraus ableiten kann; in seinen Lehren über den Sinn des "*Naturgesetzes" als eingeschränkter Erwartung und aus nach dem Prinzip von Erfolg und Mißerfolg erfolgten Selbstbeschränkungen der eigenen praktischen Tätigkeit. Doch soll hier nicht länger bei diesen Irrtümern im Einzelnen verweilt werden.
LITERATUR: Max Scheler, Der philosophische Pragmatismus, Die Wissensformen und die Gesellschaft, Leipzig 1926
    Anmerkungen
    1) HEINRICH HERTZ, vgl. die Vorrede zu seiner "Mechanik".
    2) vgl. JAMES, "Der Pragmatismus", ferner F. C. SCHILLER, "Humanismus".
    3) Insofern sind "res nobiliores in mente quam in se ipsis" [In unserem Kopf erscheinen die Dinge edler, als sie ansich sind. - wp] (THOMAS VON AQUIN).
    4) vgl. BERGSON, "Materie und Gedächtnis".
    5) vgl. MÜNSTERBERG, "Grundzüge der Psychologie"; die sogenannte "Aktionstheorie".
    6) SCHELER, Der Formalismus in der Ethik usw., zweite Auflage, Seite 345f.
    7) GELB/GOLDSTEIN, Über Farbennamenamnesie" in "Psychologische Forschung", Bd VI, Heft 1 und 2.
    8) vgl. die Untersuchungen von GELB und GOLDSTEIN, a. a. O., Seite 178.
    9) Vgl. zur Kritik des logischen Pragmatismus neuerdings auch Dr. med. ERWIN STRAUS, "Wesen und Vorgang der Suggestion", Abhandlungen aus der Neurologie, Psychiatrie, Psychologie, herausgegeben von KARL BONHOEFFER, Berlin 1925. STRAUSS zeigt richtig: Der Pragmatismus nimmt die Urteile auch in sozialen Verkehr nicht nach ihrer Funktion, Sachverhalte wiederzugeben, sondern in ihrer ursprünglichen suggestiven Funktion, den Anderen zu beeinflussen, zu überreden