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HUGO RENNER
Benekes Erkenntnistheorie
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"Insofern ein Urteil auf der Gleichsetzung gleicher Geistestätigkeiten beruth, welche als solche in jedem gleich sein müßten, der sie in sich auffindet, muß es notwendig auf jedermanns Zustimmung rechnen, was sich freilich bestreiten läßt. Hierin liegt der Keim einer Definition vom Begriff der Wahrheit, die das Kriterium der objektiven Gültigkeit eines Urteils streng genommen in nichts anderem sieht als in der Zustimmung der Masse."


I. Teil
Benekes Erkenntnistheorie

§ 1. KANT hatte einmal bemerkt: entweder richten sich unsere Begriffe - die Kategorien - nach den Dingen oder die Dinge richten sich nach den Begriffenm und wie oben gezeigt, gefunden, daß letzteres der Fall ist, weil die Dinge nur "Dinge" sind und in einem erfahrungsmäßigen Zusammenhang stehen unter Voraussetzungen der auf jenen Begriffen beruhenden Grundsätze.

Nach BENEKE ist das so nicht ganz richtig, und das hat seinen Grund, wie wir später sehen werden, darin, daß er den rein formalen, d. h. nicht seinswissenschaftlichen Charakter der transzendentalen Methode verkannte: er sah in ihr eine mehr oder weniger kümmerliche Begriffsmetaphysik, an deren Stelle eine auf Psychologie beruhende Erfahrungserkenntnis des Erkennens nach der objektiven und subjektiven Seite zu treten hat.

Zwar bedient er sich nicht in einem so grundlegenden und ausschließlichen Sinn des heute so vielfach gebrauchten Sophismas, daß Erkennen ein psychischer Vorgang ist und deshalb die Erkenntnistheorie eine von der Psychologie abhängige Disziplin bildet, wenn dieses Argument auch stark mit benutzt wird. Sein Ausgangspunkt ist vielmehr der, daß alles Erkennen ein Urteilen über Seiendes ist, das Seiende ist uns unmittelbar und in erster Linie aber nur als psychisches Sein gegeben, und deshalb ist dies die Grundlage, von der aus wir erst zur Erkenntnis des Seins kommen, und damit Psychologie die Grundwissenschaft aller Wissenschaften. Das natürliche Erkennen ist ein gesetzmäßiges und das gesetzmäßige ein richtiges.

Es gilt daher, die Gesetzmäßigkeit des psychischen Lebens zu erkennen, zu sehen, wie wir dazu kommen, objektive und subjektive zu trennen, die Empfindungen für die einzelnen Seinsaussagen im Wesentlichen festzustellen und die wesentlichen Aufgaben der Erkenntnislehre sind nach ihm erfüllt. Daß hiermit die eigentlichen Aufgaben der Erkenntnislehre verkannt sind, brauche ich nach meiner Einleitung nicht mehr auseinander zu setzen, auch wird sich hinreichend im Verlauf zeigen, daß mit diesen Mitteln der Zweck der Erkenntnistheorie nicht erreicht werden kann. Um aber schon hier die Schwäche der Position BENEKEs hinzustellen, setze ich hierher seine Erklärung vom Begriff der Wahrheit (Psychologische Skizzen, Seite 355f).
    "Die Norm dafür geben die allen menschlichen Seelen gemeinsamen Unvermögen und Entwicklungsgesetze, in Verbindung mit den für alle menschlichen Seelen gemeinsamen Entwicklungsverhältnissen; was in der einen oder der anderen dieser Beziehungen abweicht, ist unwahr."
Die Wahrheit dieser Bedeutung besteht also in einer durch die allen Menschen gemeinsamen Bildungsverhältnisse bedingten Form der Erkenntnis, die Unwahrheit in einer davon abweichenden Form, welche in der Einmischung individuell-unregelmäßiger Bildungsprozesse ihren Grund hat; z. B. die Differenz der Empfindung bei Farbenblinden und normal Sehenden (1). Nur entschieden Irrtum und Wahrheit aufgrund derselben psychologischen Gesetze, ja psychologisch läßt sich gar kein Unterschied zwischen beiden machen. Der Nachweis der psychologischen Gesetze kann also nie "Norm" für die Wahrheit sein, für die es ja überhaupt nur eine Norm geben kann, die KANT in dem Postulat aufgestellt hat: Im Zusammenhang der Erfahrung stehen.

Wir werden daher von einer Erkenntnislehre BENEKEs nicht im eigentlichen Sinn reden können, d. h. wir werden nicht den Begriff der Erkenntnistheorie ausgeführt finden, den wir seit KANT mit Recht anwenden, also keine kritische Philosophie, sondern eine psychologische Erkenntnismetaphysik. Unsere Aufgabe wird es sein, auszuführen, wie BENEKE die Probleme der Erkenntnis zu lösen sucht; dieser Aufgabe lassen wir den Entwicklungsgang vorangehen, soweit er hier von Interesse sein kann.


1. Die Entwicklung Benekes

§ 2. Nach zwei Richtungen konnte KANTs Philosophie falsch weiter entwickelt werden, nach der rationalistischen des deutschen Idealismus und nach der psychologischen, wie es FRIES, zum Teil KRUG und BOUTERWECK getan haben, und wenn auch diese Richtungen den Sinn der kantischen Philosophie verfehlen, so konnten sie sich doch an die teilweise unglückliche Terminologie KANTs anlehnen und dies haben sie auch getan.

Man mag über den Idealismus denken, wie man will, man mag ihn als den gedankentiefen deutschen Klassizismus preisen, man mag sie als die Zeit, in der alles in einem dunklen, unklaren Nebel verhüllt war, bezeichnen, in erkenntnistheoretischer Hinsicht hat sich jene Richtung hinreichend dadurch als unhaltbar charakterisiert, daß SCHELLING behauptete, seine Naturphilosophie beschäftige sich gar nicht mit der Natur des Naturforschers, sei aber doch allein Wissenschaft, während jene nur ein Vermuten, Meinen sei, daß HEGEL die Wissenschaft in Begriffsmetaphysik auflöste, in der für die Erfahrung kein genügender Platz blieb. Was aber soll Erkenntnistheorie anders als die Voraussetzungen der Erfahrungserkenntnis begründen? Kann sie das nicht, dann bleibt ein mehr oder weniger skeptischer Positivismus übrig, aber Philosophie hat damit nicht aufgehört zu sein.

Das große Mißverständnis der deutschen Idealisten ruht darin, daß sie KANTs transzendentales Ich, den Wechselbegriff der notwendigen Einheit der Natur und damit der Erfahrungsmöglichkeit zu einem produktiven Ich umgossen und damit ein formales Prinzip zum materiellen Grund machten. Wenn SCHELLING und HEGEL später noch weiter gingen und den Subjektivismus FICHTEs zu einem dialektischen Entwicklungsprozeß der Begriffe fortbildeten, so haben sie damit doch nur dasselbe wie jener getan, formale Prinzipien zu materialen Realgründen zu machen und die ganze Tiefe des Mißverständnisses von KANTs Kritik hat HEGEL in dem bekannten Ausspruch gezeigt: "Die Untersuchung des Erkennens kann nicht anders als erkennend geschehen; bei diesem sogenannten Werkzeug heißt dasselbe untersuchen nichts anderes, als es erkennen. (2)

Der deutsche Idealismus hat nicht fördernd, sondern verwirrend auf die positive Wissenschaft gewirkt und nie klafften Philosophie und Einzelwissenschaft mehr auseinander als zu jener Zeit, was seinen begrifflichen Grund darin hatte, daß die Philosophie jener Männer in einem unvereinbaren Widerspruch mit der Erfahrung stand.

§ 3. Gegen sie vor allem hatte sich die psychologische Philosophie von FRIES-BENEKE ausgebildet. Sie waren vom Idealismus insofern beeinflußt, als sie es als ihre Aufgabe betrachteten, gegen die idealistisch-rationalistische Umbildung des Kritizismus durch FICHTE und seine Nachfoger die anthropologische entwickelten. Und jener Einfluß konnte nicht ausbleiben, da sie gegen die rationalistischen Spekulationen jene Elemente forcieren mußten, die - sprachlich schon von KANT, wenn auch in veränderter Form gebraucht - geeignet erschienen die Philosophie auf dem Boden der Erfahrung zu halten. Es gilt vor allem von der von KANT - allerdings nicht im Sinne von realen Potenzen gebrauchten Einteilung der Seelenvermögen in Erkenntnis-, Willens- und Gefühlsvermögen, und ersteres in Vernunft, Verstand und Sinnlichkeit. Nicht darauf zielte KANTs Lehre, zu zeigen, daß durch die Tätigkeit jener Vermögen, Erfahrung, Sittlichkeit usw. entsteht, nicht also eine Art Seelenphysik wollte er uns geben; es
    "ist zuvörderst nötig, die Leser zu erinnern, daß hier nicht vom Enstehen der Erfahrung die Rede ist, sondern von dem, was in ihr liegt." (3)
Hierin liegt für die Erkenntnistheorie das Problem KANTs klar gezeichnet. Aber es war das Eigene seiner Philosophie, daß man sich allzusehr an den Ausdruck seiner Lehre klammerte und daß man als das Wesentlichste nur dieses Eine einseitig hervorhob, daß Begriffe ohne Anschauung leer sind. So hielt man sich an seine Vermögenstheorien und suchte nach dem genannten Ziel, das man festhielt, für jene begrifflichen Fiktionen den anthropologischen Unterbau oder ersetzte jene Theorie durch eine bessere psychologische Analyse (4). Deutich ausgebildet werden wir dies bei BENEKE finden; aber schon bei FRIES zeigt sich klar dieser Weg. Dieser scharfe Denker stand, was bei seiner mathematischen und naturwissenschaftlichen Bildung leicht begreiflich ist, in einem scharfen Gegensatz zum deutschen Idealismus. Er sieht in KANTs Kritizismus die tiefste philosophische Einsicht, aber
    "leider faßten die wenigsten seiner Schüler das Wesen der kritischen Methode auf, sondern hielten sich nur an das Resultat seiner kritischen Bemühungen, das Dogma des transzendentalen Idealismus, welches sie wieder dogmatisch behandelten." (5)
Bald entstand nun ein Streit zwischen dem kantischen Kritizismus und dem seiner Schüler, die den "unbestimmten" Begriff einer intellektuellen Anschauung in die Philosophie einführten. Diese Richtung mußte FRIES verfeht erscheinen, als er die Methode und die Gewißheit der Naturwissenschaften gefährdet sah.
    "Mit diesem Streit ist zugleich das Ansehen der Mathematik und der Physik angegriffen und stattdessen ein Anspruch philosophischer Hypothesen gemacht worden." (6)
Es gilt daher, statt in Begriffen zu spekulieren, sich an die Tatsachen zu halten. Denn alle Philosophie ist ein Nachdenken über unser Wissen, das dem Nachdenken den Inhalt gibt.
    "Das philosophische Wissen liegt schon verborgen im gemeinen Wissen und Denken da, die Kunst zu philosophieren besteht nur darin, es aus diesem heraus zu heben und deutlich darzustellen. Alles Philosophieren ist also ein inneres Beobachten unserer selbst, und alle Nachfrage in der Philosophie muß anfangen mit Selbsterkenntnis, mit der Frage: Was ist der Mensch? oder mit dem Zuruf: Erkenne dich selbst!" (7)
Somit kommt FRIES zu folgender Fortbildung der kantischen Erkenntnis:
    "Die ganze Kritik ist also eine Untersuchung unseres Vermögens zu spekulieren; diese setzt vor allen Dingen die Kenntnis der Gesetze des Denkens voraus, welche die Logik enthält, und Kenntnis unserer selbst, welche das Eigentum der Anthropologie und Logik sind, also die beiden Vorbereitungswissenschaften zu aller Philosophie." (8)
Auf diese Richtung hat vor allem JAKOBI einen bestimmenden Einfluß ausgeübt, der ähnlich wie SCHLOSSER im "Erleben, Erfahren" einen Beweisgrund für die Existenz des "Erlebten" (also Gottes usw.) gefunden zu haben glaubte, ein freilich ganz unklares Prinzip (9), das aber verbreiteten Bedürfnissen entgegenkam, und die psychologische Richtung zu verstärken geeignet war, weil es selbst eine psychologistische Ansicht aussprach.

§ 4. So kam es, daß das Wesen des Kritizismus am Anfang des vorigen Jahrhunderts so gut wir gar nicht richtig vertreten wurde. Man sah es nicht, daß die Kritik der reinen Vernunft eine formale Wissenschaft begründete, die reine Erkenntniskritik; daß sie nur die Form der Erkenntnis untersuchte, um ihre Objektivität, wenn's anging, zu begründen; daß sie also weder eine rationalistische Spekulation noch eine psychologische Theorie war. Und wenn man gegen die Identitätsphilosophie die Psychologie ausbildete, so trieb man zwar Wissenschaft, falls wir von der Metaphysik, die dem Psychologismus stets anhängt, absehen, - aber man trieb nicht die Wissenschaft, auf die es hier ankommt: Erkenntniskritik. Fruchtlos verharrte die Mahnung BOLZANOs in seiner Wissenschaftslehre, die "mit der Fichteschen nur den Namen gemein" (10) hat, daß wir nicht berechtigt sind, "die Psychologie zum Fundament der Philosophie zu machen, wodurch eigentlich auf alle objektive Erkenntnis verzichtet würde". (11)

Diese ganze Richtung hatte auf BENEKE einen entschiedenen Einfluß ausgeübt. Mit der kantischen Philosophie wurde er von den Hallensern Kantianern, den Professoren LUDWIG HEINRICH JAKOB und JOHANN CHRISTOPH HOFFBAUER bekannt gemacht, von denen jeder einen "Grundriß der Erfahrungsseelenlehre" geschrieben hat, die also beide psychologisch interessiert waren. Mit FRIES hat er sich eingehend beschäftigt, wie schon seine Auseinandersetzung mit ihm in seiner Erkenntnislehre beweist. Aber am eindringlichsten wirkte JAKOBI auf ihn ein. Das zeigt nicht nur die Widmung seiner psychologischen Skizzen (12), sondern vor allem sein liebevolles Eingehen in dessen Ansichten und die vielfache Ähnlichkeit der Grundüberzeugungen. Seine Richtung wurde im einzelnen auch vielfach bestimmt vom englischen common sense, von SCHLEIERMACHER und später zum Teil auch von HERBART und in einem abschreckenden Sinn von FICHTE, SCHELLING, HEGEL, in deren Philosophie er die konsequente Weiterentwicklung der Fehler KANTs sah.

Ich muß mich mit dieser Andeutung der Stellung BENEKEs zu den damaligen Philosophen begnügen und beginne die Darstellung seiner Entwicklung, soweit von Entwicklung bei ihm überhaupt die Rede sein kann mit der Darstellung der Grundsätze seiner Erkenntnislehre.

§ 5. BENEKE hat sich eingehend mit KANTs Philosophie beschäftigt, das zeigen nicht nur die vielen Zitate aus KANT, das zeigt auch die Richtung seines Jugendwerkes "Die Erkenntnislehre", ein geistvolles Werk des noch nicht 22 Jahre alten Phiosophen, das 1820 in der Öffentlichkeit erschien, wenn es auch in der Methode völlig verschieden von der Kritik ist. Vor allem hat die Lehre KANTs, daß zu aller Erkenntnis auch Anschauung gehört, bestimmend auf ihn eingewirkt. Freilich hatte er KANT in einer anderen Frage dahin mißverstanden, daß es diesem in seiner "Kritik der reinen Vernunft" um die Ermittlung derjenigen Vermögen und Kräfte, sowie ihrer Prozesse zu tun wäre, aus deren Zusammenspiel "Erfahrung" entsteht. Dieser Irrtum ist von KANT selbst durch die Ungenauigkeit seiner Sprache vorbereitet und durch FRIES und seine Schule fortgebildet worden. Unser Philosoph, dessen Lieblingsgebiet ja überhaupt die Psychologie war, nahm diese nicht korrekte Interpretation an und legte sie als Maßstab an die kantische Philosophie. Er bildete sie selbständig fort und stellt seiner Erkenntnislehre die Aufgabe: "Die wichtige Frage nach der Entstehung und den Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu beantworten."

Im allgemeinen hält BENEKE hiermit seine Aufgabe für identisch mit der, die KANT in seiner Kritik und FICHTE in seiner Wissenschaftslehre zu lösen gesucht hatten, obwohl es zweifelhaft ist, daß alle menschliche Erkenntnis sich von einem einzigen Grundsatz ableiten läßt, "und das menschliche Wissen ein so genau in sich gegliedertes Ganzes bildet".

Da alle Erkenntnis sich in Urteilen ausspricht, so kann die Frage mit KANT auch so gestellt werden, wie sind synthetische Urteile a priori möglich, obwohl allerdings diese Begriffe problematisch sind und es dahingestellt bleiben muß, - eine Konsequenz des genetischen Standpunktes - ob sich die Begriffe "synthetisch" und "a priori" scharf umgrenzen und für die Erkenntnislehre gewinnbringend verwenden lassen.

§ 6. Jede wahre Erkenntnis stellt sich als apodiktisches und allgemeingültiges Urteil dar, wenn auch nicht jedes derartige Urteil eine Erkenntnis ist. Es lassen sich solche wohl denken, die keine Erkenntnis sind; denn Urteile sind bloßes Denken und wollen sie eine Beziehung auf ein "Sein" haben, - was allein Erkenntnis ist, die ja eine reale Gültigkeit des im Urteil Gedachten besagt, - so muß noch etwas hinzutreten, was dieser Forderung genügt, nämlich Wahrnehmung. (13) Da sich also Erkenntnis stets im Urteil ausspricht, so muß man folgerichtig vom Wesen der Urteile ausgehen, will man wissen, was und inwieweit Erkenntnis möglich ist. Es muß gezeigt werden, wie allgemeingültige und apodiktisch gewisse Urteile entstehen, dann wie durch Wahrnehmung das Sein erreicht wird, um hieraus zu schließen, welchen Umfang ein Erkenntnisurteil hat, ob es von allen Dingen git, die in der Sphäre eines Begriffs liegen oder nur von einigen.

§ 7. Fragen wir uns nach dem Wesen des Urteils, so finden wir, das Urteilen besteht in der Gleichsetzung gleicher Geistestätigkeiten.' Jedes wahre Urteil folgt diesem Gesetz und ist daher allgemeingültig und apodiktisch gewiß. Diese Gleichheit ist nun nicht in einem strikt arithmetischen Sinn zu nehmen, sie ist keine völlige, sondern geht nur soweit, als die eine Vorstellung in der andern enthalten ist, so ist in dem Urteil: "diese Lilie ist weiß" die Vorstellung "weiß" in der Gesamtvorstellung der mir gerade vorliegenden weißen Lilie enthalten. Ich hebe das Merkmal "weiß" aus meinem Anschauungskomplex hervor und finde es also eine Teilvorstellung derselben (14). Der Ausdruck hierfür ist das Urteil, welches damit allgemeingültig und notwendig ist, "denn was kann gewisser sein, als daß der Teil im Ganzen ist?" "Insofern es auf der Gleichsetzung gleicher Geistestätigkeiten beruth, welche als solche in jedem gleich sein müßten, der sie in sich auffindet", muß es notwendig auf jedermanns Zustimmung rechnen, was sich freilich bestreiten läßt. Hierin liegt der Keim der schon zitierten Definition vom Begriff der Wahrheit, die das Kriterium der objektiven Gültigkeit eines Urteils streng genommen in nichts anderem sieht als in der Zustimmung der Masse. Wie steht es nun mit der Unterscheidung von analytischen und synthetischen Urteilen? Wenn alle wahren Urteile auf der Gleichsetzung gleicher Geistestätigkeiten beruhen, kann es dann überhaupt synthetische Urteile geben und sind nicht vielmehr alle analytisch. Folgerichtig müßte BENEKE die letzte Frage bejahen und kann nicht von einem fließendem Unterschied zwischen beiden reden.

Daß für ihn, der die Eigenart der Behandlungsweise erkenntniskritischer Probleme nicht hinreichend von der Logik und Psychologie trennte, der fundamentale Gegensatz zwischen analytischen und synthetischen Urteilen verschwindet, ist begreiflich. BENEKE kämpft gegen diesen Unterschied zum Teil mit denselben Gründen wie SIGWART (15); er hebt unter anderem auch das hervor, was SIGWART besonders betont, daß KANT die Urteile nicht berücksichtigte, die zum Subjekt eine gegebene Einzelvorstellung haben, bei denen die Urteile die Synthesis einer Analysis der Subjektvorstellung darstellen, also stets analytisch sind, und zeigt den Fluß der Unterscheidung.

Die Einwände mögen von einem psychologischen oder logischen Gesichtspunkt aus richtig oder falsch sein, so ist damit für die Erkenntnistheorie doch noch gar nichts ausgemacht. Denn wer zugibt, daß Erkennen und Denken zweierlei ist, muß auch für die Erkenntnistheorie die parallele Unterscheidung der Urteile in analytische und synthetische zugeben. Und nur im Hinblick auf letztere hat KANT sie geltend gemacht:
    "Diese Einteilung ist in Anbetracht der Kritik des menschlichen Verstandes unentbehrlich und verdient daher in ihr klassisch zu sein; sonst wüßte ich nicht daß sie irgendwie anderwärts einen beträchtlichen Nutzen hätte." (16)
Wer daher gegen KANTs Lehre in diesem Punkt von einem psychologischen und logischen Gesichtspunkt aus polemisiert, rennt offene Türen ein (17).

§ 8. Zur Erkenntnis gehört außer einem Urteil die Wahrnehmung, durch die dem Denken Stoff und Inhalt gegeben wird. Ohne sie bleiben wir in der Sphäre des Denkens, über die hinauszugehen erst jene möglich macht. Wo also von Erkenntnis die Rede ist, da muß zum Denken noch etwas hinzukommen, das im Denken selbst nicht begründet ist, d. h. im Sinne KANTs, Erkenntnisteile sind synthetisch. Aber die Wahrnehmung leistet für BENEKE noch mehr, als bloß dem Denken den Stoff zur Verarbeitung zu geben; für ihn ist vom Standpunkt der rein menschlichen Vernunft, d. h. aufgrund der Reflektion über das Seelenleben, Sein und Wahrnehmung dasselbe (18). Da das Erkennen die Aufgabe hat, über das Seiende zu urteilen, so ist hiermit Mittel und Aufgabe der Erkenntnis klar gestellt. Ist Sein und Wahrnehmung dasselbe, - was es freilich nicht ist, und gerade der Unterschied zwischen beiden erfordert eine Erklärung -, so ist auch ein Urteil, dem eine Wahrnehmung zugrunde, ein Erkenntnisurteil.

Bei allen empirischen Urteilen ist der Einschlag der Wahrnehmung offensichtlich. Auch die Mathematik muß die Gültigkeit ihrer Lehrsätze in der Wahrnehmung nachweisen, wenn sie ihre objektive Wahrheit zeigen will. Nicht anders verhält es sich mit der Philosophie. Nach KANTs Ansicht sollte diese eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen sein. Infolgedessen wurden die Grundanschauungen vernachlässigt und mit leeren Worten gespielt, denen in Wirklichkeit nichts entspricht. Dahin gehören z. B. in der kantischen Philosophie die Ausdrücke "Begriff a priori, Ding ansich, Raum und Zeit als Geistesformen, aus denen man die Dinge zusammensetzen wollte" (19). Aber Philosophie aus bloßen Begrifffen ist nun einmal für uns unmöglich. Was also Philosophen Wahres aufgestellt haben, ist aus innerer Wahrnehmung, und inwiefern sie "Subjekt und Objekt allgemein verbinden aus vollständiger Induktion hervorgegangen" (20). Die Erkenntnislehre hat als Teildisziplin der Philosophie denselben Anforderungen nachzukommen wie jene; auch sie muß ihre Sätze in der Wahrnehmung begründen, und das ist möglich, weil Urteile als innere Wahrnehmungen durch eine Beobachtung des Seelenlebens zu erfassen sind.

§ 9. Wir haben nunmehr die Allgemeingültigkeit und Objektivität der Urteile erledigt; es fragt sich jetzt, welchen Geltungsumfang eine Erkenntnis besitzt; ob es nur von einem Objekt gilt, oder von mehreren, oder von allen derselben Kategorie. Da ein Erkennen sich durch Wahrnehmung auf ein Sein bezieht, so gilt es streng genommen nur vom Einzelobjekt, welches wir vor uns haben, denn Wahrnehmung ist intuitiv und hat das räumlich und zeitlich Bestimmte, Individuelle, Konkrete zum Inhalt, welches die Grundlage aller unserer Erkenntnisse von Tatsachen bildet. Was wir von diesem aussagen können, kann auch nur von diesem gelten, und wollen wir den Umfang der Aussage auf alle Gegenstände derselben Art ausdehnen, so müßten wir dieselbe Wahrnehmung an allen machen. das ist uns aber unmöglich, da wir nie wissen können, ob wie alle Gegenstände derselben Art wahrgenommen haben, und da es immerhin möglich ist, Gegenstände einer Gattung wahrzunehmen, denen teilweise andere Eigenschaften zukommen, als wir gewohnt sind der Gattung zuzuschreiben. So müßte das Urtei: "Alle Raben sind schwarz" eigentlich lauten: wir haben bis jetzt immer nur schwarze Raben gesehen; und es gilt daher nur so lange allgemein, bis wir einmal Raben wahrnehmen, die nicht schwarz sind.

Zudem zeigt es sich, daß Gegenständen derselben Art verschiedene Prädikate zukommen können: es gibt weiße, gelbe, rote Rosen usw., wir müßten daher alle Prädikate kennen, die Gegenstände einer Gattung haben könnten, wenn wir ein schlechthin allgemeines Urteil von ihnen aussprechen.

Aus diesen Gründen sind die Erfahrungsurteile stets nur präsumtiv [wahrscheinlich - wp] allgemein.

Nicht anders verhält es sich mit der Mathematik. Auch bei ihren Urteilen muß für alle Gegenstände derselben Art das betreffende Prädikat in der Wahrnehmung nachgewiesen werden, wenn sie allgemein gelten sollen.
    "Um das Urteil: in diesem Dreieck sind die drei Winkel zwei rechten gleich, auf alle Dreiecke auszudehnen, muß ich daher erst die vorige Konstruktion und Kombination in Gedanken an allen möglichen Dreiecken mit absoluter Vollständigkeit vollziehen, was mir dadurch möglich wird, daß ich sie unter gewisse Klassen bringe nach der Art ihrer Entstehung." (Seite 36)
Hierbei ist der beweisende Charakter der Mathematik übersehen, die ihre Sätze nicht einfach aus einer zufälligen Anschauung abliest, ein Fehler, in den auch SCHOPENHAUER verfiel.

§ 10. Zur Erkenntnis gehört also neben der Gleichsetzung gleicher Geistestätigkeiten die innere oder äußere Wahrnehmung. Wo diese aufhört, dort hat auch jene ihre Grenze. Vom Übersinnlichen sind uns keine Wahrnehmungen gegeben; deshalb ist von ihm auch kein objektives Wissen möglich; nur subjektiv als psychische Erscheinungen werden sie Objekte der Forschung, ihre Realität läßt sich aber nicht ausmachen. Hierin findet BENEKE eine Übereinstimmung seiner Untersuchung mit dem Hauptresultat der kantischen Kritik (21), welches seinem Urheber für immer den Ruhm eines der größten Philosophen sichert, daß "von Ideen keine andere Wissenschaft möglich ist, insofern sie eben Ideen ... sind." Eben dasselbe gilt vom Wert der psychologischen Hypothesen, wie Formen von Raum und Zeit und von allen Dichtungen der früheren Phiosophie. Hierin zeigt sich das ganze psychologistische Mißverständnis unseres Denkers. In der Beschränkung der Wissenschaft auf das sinnlich Wahrnehmbare hat er stets KANTs größtes Verdienst gesehen, und indem er KANT psychologisch auffaßte, kam er folgerichtig dazu, seine Lehren vom Formalen in unserer Erkenntnis für psychologische Erdichtungen zu halten.

§ 11. Schon hier sehen wir die Abweichungen von KANT. Indem er die Bedeutung des Unterschiedes von Wahrnehmung und Erfahrung aus dem Auge verliert, verkennt er die isolierte Stellung, welche die Erkenntnistheorie einnehmen muß. Geben wir es auch zu, daß jede Einzelwissenschaft ihre Sätze an den Objekten der Erfahrung ausweisen muß - die falsche Auffassung der Mathematik abgerechnet -, so kann dies doch nicht von der Erkenntnistheorie gelten. Sie ist keine Wissenschaft von Tatsachen, also auch nicht von der Entstehung der Erfahrung und Erkenntnis, sondern, wie KANT einmal sagt, "von dem, was in ihr liegt". (22) Sie hat es also nicht mit dieser oder jener Erfahrung zu tun, sondern mit der Erfahrung überhaupt, mit der Möglichkeit der Erfahrung. Deren Voraussetzungen hat sie zu begründen, nicht durch Fakta, sondern durch eine Theorie. Sie kann daher auch nicht durch Tatsachen der Erfahrung widerlegt werden, sondern nur dadurch, daß gezeigt wird, daß unbezweifelbare Erfahrungen wirklich vorhanden sind, welche die in irgendeiner Erkenntnistheorie aufgestellten Forderungen nicht enthalten, oder gar ihr entgegengesetzte zur Voraussetzung haben. In diesem Fall hätte die Erkenntnistheorie ihre Aufgabe, die Möglichkeit der Erfahrung zu begründen, nicht erfüllt, was bei der kantischen noch niemand hat nachweisen können.

BENEKE übersah diesen prinzipiellen Unterschied und so gestaltete sich ihm die Erkenntnistheorie in eine Einzelwissenschaft, welche die Prozesse zum Objekt hat, durch die Erkenntnis entsteht. Dieser Auffassung ist er stets treu geblieben; seine späteren Schriften enthalten nur eine tiefere und reichere Auffassung dieser Aufgabe. Geändert hat sich seine Philosophie vor allem durch die Einführung des Realismus, welche sich ihm durch die Erkenntnis "nach Analogie" ermöglichte. In der hier besprochenen Schrift hält er an der immanenten Philosophie fest, und vielleicht zeigte sich darin der Einfluß FICHTEs. Wahrnehmen und Sein ist dasselbe:
    "Es ist für die rein menschliche Vernunft also gar kein Unterschied, ob sie sagt: wir stellen alles Seiende als zeitlich ausgedehnt vor, oder alles Seiende ist zeitlich ausgedehnt, und jeder Philosoph, der einen metaphysischen Unterschied zwischen beiden Ausdrucksarten gefunden zu haben meint, muß um die Erlaubnis seines Gebrauchs erst die strenge Gesetzgebung der reinen Vernunft befragen." (23)
§ 12. Wir hatten gesehen, wie BENEKE zu KANT stand, der ihm die Probleme stellte. Mit Recht sagt daher GRAMZOW (24):
    "Sein Ausgangspunkt war die Philosophie Kants; dieser gab er eine originelle Fortbildung in psychologischer Richtung." (25) "Hatte sich in Kants Erkenntnistheorie der menschliche Geist auf dem Umweg über die Außenwelt auf sich selbst zurückgezogen, um bei sich Aufschluß über die Grenzen seines Wissens zu erlangen, so schreitet dieser Prozeß der Subjektivierung der Erkenntnis weiter bei Beneke in logisch konsequenter Weise fort. In der inneren Selbstanschauung findet der menschliche Geist die Brücke, die ihn zum Ding-ansich führt." (26)
Diese "konsequente Fortbildung" läßt sich in der ganzen Tiefe ihres Irrtums dahin charakterisieren, daß BENEKE sich den Paralogismus [Widerspruch - wp] zu eigen machte, den KANT in seiner Kritik des Idealismus zu beseitigen gesucht hatte. Als ob das Selbstbewußtsein ohne Bewußtsein in der Außenwelt, das Ich ohne das Nicht-Ich sein könnte, gegen das er sich abgegrenzt fühlt. Die Realität der Außenwelt psychologisch zu begründen heißt demnach das Verhältnis von Ursache und Wirkung zu verkennen (27). Nun meinte zwar BENEKE nicht, daß das Ich das Nicht-Ich bildet, aber er meinte, daß sich erst das Ich gebildet hat, ehe das Nicht-Ich bewußt wird. Es gilt daher, das Ich gegen das Nicht-Ich abzugrenzen, will man wissen, wie weit unserem Wissen Objektivität zukommt. Den Weg dazu bildet die genetische Betrachtungsweise. Die vorzüglichste Aufgabe der Metaphysik ist es, alle ihre Urteile vollständig genetisch zu deduzieren, d. h. also die Bestandteile des Urteils und den Akt ihrer Verknüpfung und ihre Entwicklung in der inneren Erfahrung nachzuweisen. Das ist freilich weder ein Irrweg, denn mag auch alles in der Natur und das Bewußtsein selbst sich entwickelt haben, so ist damit der Wert der genetischen Methode noch keineswegs erwiesen. Was wir hier wissen wollen, wenn wir die Frage nach der Objektivität unserer Erkenntnisse stellen, ist der Grund der Gesetzmäßigkeit der Welt, als des Wechselbegriffs der Objektivität, und die Gesetze haben sich nie geändert, solange die Welt besteht, nur die Dinge änderten und entwickelten sich und zwar nach den ewigen Naturgesetzen. Auch die Einsicht in die allmähliche Erkenntnis jener Gesetze nützt hier nichts. Der Objektivitätswert der Mathematik wird nicht im geringsten vermehrt oder vermindert durch das Verständnis der Entwicklung des Raumbewußtseins.

Die Veranlassung für BENEKE, die genetische Betrachtungsweise auch dort anzuwenden, wo sie resultatlos bleiben mußte, war der unklare Gedanke, daß Erfahrung im wesentlichen eine Konstatierung von Tatsachen ist, kurz: die mangelnde Einsicht, die die Grundwurze all seiner Irrtümer ist, daß zwischen Wahrnehmung und Erfahrung, zwischen objektivem und subjektivem Erkennen ein prinzipieller Unterschied obwaltet. Vor allem beeinflußte ihn die Art und Weise, in der man bis dahin Psychologie getrieben hatte, jene hier fruchtbare Methode anzuwenden. Mit ad hoc [zu diesem Zweck - wp] geschaffenen Vermögen glaubte man alles erklärt zu haben, statt auf die Elemente des Seelenlebens zurückzugehen. Aber solche Vermögen gibt es nicht, alles im Seelenleben hat sich allmählich entwickelt; das Kind zeigt nichts von Verstand und Vernunft: erst nach langer Lehrzeit zeigen die seelischen Erscheinungen Richtungen, die sich unter jene Begriffe subsumieren lassen, die damit aber immer nur abstrakte Begriffe bilden und keine dinglichen Wesen, wie die Vermögen sind.

§ 13. Es ist bemerkenswert, daß der Philosoph, der aus dem Ich die Erkenntnis des Nicht-Ich ableitet, nur einen flüchtigen Versuch macht, das Ich begrifflich zu fixieren, was doch gerade seine Hauptaufgabe sein mußte, die freilich ohne Erkenntnis des Nicht-Ich als eines Wechselbegriffes des Ich nicht gelöst werden kann. Vielleicht nahm er den Unterschied als bekannt an und
    "ohne Rückhalt nimmt er (der Verfasser) vielmehr alles, durch das unverfälschte, unmittelbare Bewußtsein Verbürgte als Wahrheit an: nur daß er dasselbe nicht bloß nachsprechen, sondern auch erklären zu müssen glaubt. Seine Philosophie soll durchaus nur Philosophie des gesunden Menschenverstandes sein." (28)
Ein solcher Standpunkt ist sehr bequem, denn die Probleme hören hier größtenteils auf Probleme zu sein, und man wird HERBART (29) zustimmen müssen, wenn er sagt, es sei der Fehler BENEKEs, daß er die Gegenstände philosophischer Untersuchungen durchgehends zu leicht nimmt. Am klarsten hat sich unser Autor über den vorliegenden Punkt ausgesprochen in den "Psychologischen Skizzen", Bd. II, Seite 258f.

Das Selbstbewußtsein ist nichts Angeborenes, die Seele ist ein Bündel von so viel Vermögen, als es qualitativ verschiedene Bewußtseinsinhalte gibt, die selbst noch nicht Vorstellungen sind (30), aber doch infolge äußerer Reize Vorstellungen werden können. In ihnen ist das Selbstbewußtsein in keiner Weise prädisponiert [vorherbestimmt - wp], es entwickelt sich vielmehr aufgrund jener Zusammenhänge, die zwischen den einzelnen Urvermögen bestehen.
    "In der Auffassung dieser unmittelbar gegebenen Zusammen bilden wir an der Vorstellung von uns selber unser ganzes Leben hindurch." (31)
Wir gewinnen so die Vorstellung unseres Ich als Objekt (oder nach kantischem Sprachgebrauch wie es uns erscheint). Hiervon müssen wir das unsere seelischen Entwicklungen begleitende Selbstbewußtsein, das gleichsam den Mittelpunkt unserer Vorstellungen bildet, und die Vorstellung "Ich" unterscheiden, die
    "eine abstrakte ist und keinen anderen Inhalt hat als die Einheit des Vorgestellten mit dem Vorstellenden ... Das Vorgestellte also und das Vorstellende sind ein und dasselbe, nicht gerade identisch, sondern als Teile ein und desselben Seins in der innigsten Verbindung miteinander." (32)
Daß das Selbstbewußtsein im Gefühl charakterisiert ist, wird von BENEKE nicht klar erkannt, wenn es auch gelegentlich gestreift wird, geschweige gar, daß es gewürdigt würde. (33) Daß die Einheit des Selbstbewußtseins aber auch eine wesentliche Bedeutung für die Möglichkeit der Erkenntnis besitzt, wie KANT es uns gezeigt hat, dafür fehlt BENEKE jedes Verständnis.

§ 14. Die Seele, so hatten wir gesehen, ist ein Bündel von Vorstellungsvermögen, die durch äußere Reize zu bewußten Vorstellungen werden, die Empfindungen sind Wirkungen der Dinge-ansich. Für die Durchführung seiner psychologischen Ansichten scheint er die Realität der Dinge-ansich gebraucht zu haben, obwohl die Gründe nicht offensichtlich sind, die ihn dazu führten. Mit der Einführung einer Realität außerhalb des Bewußtseins tut er den wichtisten Schritt über die Erkenntnislehre hinaus, leider wird dadurch seine Auffassung von der Aufgabe einer Erkenntnistheorie noch trüber. Sie hat nicht mehr die Aufgabe, die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Erfahrung zu untersuchen und wenn es angeht, zu begründen, sondern setzt sich zum Zweck, zu erforschen, was in den Vorstellungen den Dingen ansich zukommt und was psychische Zutat ist. Damit erhalten wir einen neuen Begriff der Wahrheit, der in seiner metaphysischen Natur sich von dem in den Erfahrungswissenschaften gelten toto coelo [völlig - wp] unterscheidet.

Dieser Schritt zeigt sich schon in den psychologischen Skizzen und vor allem in der Jubelschrift von 1830 in den Einwänden gegen KANTs Fassung des Begriffs "objektiv". Was ihn veranlaßte, ihn zu tun, kann hier nicht untersucht werden. Ein Moment des Hinweises auf diese Entwicklung enthielt schon seine Interpretation KANTs in der Erkenntnislehre 1820. Wollte er auch dort von KANTs "Ding-ansich" nichts wissen, so lag doch seiner Auslegung dieser Begriff zugrunde, denn das liegt in der Natur jeder psychologischen Auffassung KANTs, und er hat später dies nur konsequenter gefaßt und ausgesprochen.

Man mag sich hierzu stellen,, wie man will, das eine ist klar, daß der Begriff die Erfahrung durch derartige metaphysische Grundlagen sich in keiner Weise ändert; hieraus folgt, daß die Aufgaben der Erkenntnistheorie dieselben bleiben, ob diese Philosophie wahr oder falsch ist und daß daher von hier aus eine Kritik der Erkenntnis falsch basiert ist. Der Fehler BENEKEs läßt sich mit einem Wort dahin charakterisieren, daß er die Bedeutung des Problems, die im Begriff des "Objektiv sein" liegt, nicht erkannte.

LITERATUR: Hugo Renner, Benekes Erkenntnistheorie, [Inauguraldissertation] Halle a. d. Saale 1902
    Anmerkungen
    1) Ein von BENEKE selbst gebrauchtes Beispiel. Derartige kleine Differenzen bedingen noch immer nicht die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer exakten objektiven Erkenntnis. Die objektive Größe der Dinge müßte dann bei dieser Betonung der psychologischen Beschaffenheit des Erkennenden für die Richtigkeit der Erkenntnis bei Kurzsichtigen größer sein als bei Normalsichtigen, was freilich absurd ist.
    2) HEGEL, Enzyklopädie § 10
    3) KANT, Prolegomena, § 21a
    4) Man trieb damit unzweifelhaft Wissenschaft, aber eine Wissenschaft, die für das vorliegende Problem "was ist Erfahrung dem Begriff nach" von keinem Nutzen ist. Es ist aber das Eigene des menschlichen Geistes, zu glauben, daß er dort, wo die Einsicht überhaupt erweitert wird, auch schon eine vertiefte Einsicht in ein vorliegendes Problem hat, selbst wenn dies mit jenem nichts zu tun hat. Hierin liegt das Täuschende des Psychologismus.
    5) JAKOB FRIES, System der Philosophie, Seite 28
    6) FRIES, System a. a. O., Seite 29
    7) FRIES, System a. a. O., Seite 10
    8) FRIES, System a. a. O., Seite 32f
    9) vgl. KANT, Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
    10) J. E. ERDMANN, Geschichte der Philosophie
    11) ERDMANN, a. a. O., Bd. 2, Seite 416
    12) "Den Manen unseres unvergeßlichen Friedrich Heinrich Jakobi als ein Totenopfer der dankbaren Liebe und Verehrung dargebracht." - Psychologische Skizzen, hg. von FRIEDRICH EDUARD BENEKE, Bd. 1/1825, Bd. 2/1827.
    13) Oder in KANTs Terminologie, das Denken muß durch Anschauung auf ein Sein bezogen werden. Hierin liegt die Unterscheidung von analytischen und synthetischen Urteilen begründet. ("Begriffs- und Erkenntnisurteile", RIEHL, Kritizismus, Seite 318f). Wer Denken und Erkennen scharf trennt, muß folgerichtig die scharfe Unterscheidung jener zugeben, da der Unterschied beider streng parallel geht.
    14) BENEKE, Die Erkenntnislehre, Seite 11f
    15) SIGWART, Logik I, Seite 128f.
    16) KANT, Prolegomena, § 3.
    17) Die Bedeutung dieser Unterscheidung KANTs für die Theorie der Erkenntnis wird übrigens von SIGWART zugegeben (Logik I, Seite 407).
    18) Was irrig ist, und den klaren Positivismus BENEKEs charakterisiert. (vgl. STAUDINGER, Der Widerspruch in theoretischer und praktischer Bedeutung, a. a. O., Seite 257f, besonders 274f; sowie NATORP, Über subjektive und objektive Erkenntnis, a. a. O.; dagegen REHMKE, Die Welt als Wahrnehmung und Begriff, Seite 64f
    19) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 100
    20) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 104
    21) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 118
    22) KANT, Prolegomena, § 21a
    23) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 78
    24) OTTO GRAMZOW, Friedrich Eduard Benekes Leben etc, Berner Studien zur Philosophie und ihrer Geschihte, Bd. XIII.
    25) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 39
    26) BENEKE, Erkenntnislehre, Seite 59
    27) Dies gilt vor allem von FICHTEs produktivem "Ich", dessen Fortbildung der kantischen Lehre vor allem in der Verdinglichung von KANTs "transzendentalem Ich" bestand. Psychologisch bleibt FICHTEs Fortbildung immerhin, wenn auch seine Dialektik eine schlechte, weil rationalisierende Psychologie ist.
    28) BENEKE, Psychologische Skizzen I, Seite X
    29) In seiner Rezension der Schrift BENEKEs Schutzschrift für meine Physik der Sitten, "Herbarts kleinere philosophische Schriften", Bd. III, Seite 606 - 615
    30) Psychologische Skizzen I, Seite 42 und 66
    31) Psychologische Skizzen, Seite 254.
    32) Psychologische Skizzen I, Seite 262.
    33) RIEHL, Der Kritizismus, Bd. II; THEODOR LIPPS, Das Selbstbewußtsein in "Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", Heft IX, Wiesbaden 1901; BENEKE, Logik I, Seite 289f und "Psychologische Skizzen I", Seite 25f