p-4LowtskyMaierStörringDöringChristiansen    
 
JONAS COHN
(1869-1947)
Voraussetzungen und
Ziele des Erkennens

[Untersuchungen über die Grundlagen der Logik]
[ 1 / 2 ]

"Man fordert vom Erkennen, daß es voraussetzungslos verfährt, und meint damit, daß kein Satz vor der Untersuchung als wahr angesehen werden darf, keiner der Nachprüfung sich zu entziehen das Recht hat. Aber jede Prüfung einer Erkenntnis braucht anerkannte Grundsätze."

"Da sich alles Erkannte und alles zu Erkennende den Bedingungen des Erkennens fügen muß, sind die logischen Grundsätze wie die gewissesten, so auch die allgemeinsten Aussagen, die behauptet werden können. Vernünftige Gedanken von allen Dingen überhaupt können nur logische Sätze sein."

"Wenn alle philosophischen Wissenschaften es mit Werten zu tun haben, so nimmt unter ihnen die Logik eine ausgezeichnete Stellung ein. Hier und nur hier ist die untersuchende Tätigkeit derselben Art wie der untersuchte Wert. Das Denken besinnt sich auf die selbstgewissen Grundsätze seines eigenen Tuns. Diese Selbstgewißheit fehlt notwendig allen anderen philosophischen Wissenschaften."


Vorwort

Der Weg zur philosophischen Klarheit führt notwendig durch logisches Gebiet - diese Einsicht, zum Erlebnis geworden, zwang mich zu den Untersuchungen, die ich im vorliegenden Band veröffentliche. Die Antinomien [Widersprüche - wp] des Unendlichen hatten mich noch als Studenten der Naturwissenschaft zur Philosophie hingeführt. Von hier aus erkannte ich die Dualität in unserem Erkennen, die ich dann bis in jedes einzelne Urteil hinein verfolgte. Neben dem so gefundenden Satz des Utraquismus [Bildungskonzept, nach dem gleichermaßen geistes- und naturwissenschaftliche Bildungsinhalte vermittelt werden sollen - wp] wurde mir der als inhaltlich wertvolle Einsicht, nicht als bloße Tautologie genommene Satz der Immanenz und die Relationstheorie des Urteils wichtig. Der Begründung dieser Sätze dient wesentlich der erste Teil, während die drei übrigen zeigen sollen, wie sich von diesen Grundsätzen aus die schwierigeren Probleme der Wissenschaftstheorie und transzendentalen Logik lösen lassen. Natürlich bedarf es zu diesem Zweck ergänzender Untersuchungen verschiedener Art, die ich absichtlich bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander führte. Mir selbst hat sich gerade auf diese Weise die Fruchtbarkeit und Notwendigkeit meines Ausgangspunktes bewährt. Auch für den Leser wird, so hoffe ich, die Nachprüfung dieser späteren Teile eine Handhabe für die so ungemein schwierige Verständigung über die Prinzipien bieten. Absichtlich habe ich an einigen Stellen über das rein logische Gebiet hinausgewiesen. Denn, wie schon gesagt, als Grundlage aller Philosophie ist mir die Logik wichtig. Es ist also mein Bestreben, die Grundzüge meines Systems der Logik durch meine Untersuchungen zu gewinnen und die Fasern bloßzulegen, die die Logik organisch mit den übrigen Teilen der Philosophie verknüpfen.

Daß ich nun Untersuchungen veröffentliche, kein System, rechtfertige ich in der Einleitung. Nur eines möchte ich an dieser Stelle hinzufügen. Das wahre System ist ein komplexes mehrdimensionales Gebilde. Das System der Darstellung ist notwendig eine eindimensionale Reihe. Also läßt sich das wahre System adäquat gar nicht, inadäquat aber auch verschiedene Weise durch eine Darstellung "abbilden" (wie es verschiedene Projektionen der Erdkugel auf das Kartenblatt gibt, die alle adäquat sind). Darum muß man bei systematischen Streitigkeiten stets unterscheiden, worauf sie sich beziehen - ob auf das System der Erkenntnisse oder auf das zweckmäßigste System der Darstellung. Dem echten System arbeiten manchmal Untersuchungen, die von verschiedenen Seiten her zu ihm aufstreben, am besten vor. Ob meine Untersuchungen diesen Vorzug haben, das zu beurteilen, ist die Sache anderer. Nur daß sie danach strebten, darf ich eingestehen.

Die Form der Untersuchung gestattet mir auch ein freieres Verhalten zu den Arbeiten anderer. Ich darf an sie anknüpfen, wo es mir für die Sache oder für die Form der Mitteilung zweckmäßig erscheint, ohne daß ich zu einer vollständigen Berücksichtigung verpflichtet bin. Daß im Text nur sparsam auf fremde Meinungen eingegangen wird, möge man nicht eitler Originalitätssucht zuschreiben. "Narr auf eigene Hand" zu sein, ist wahrlich nicht mehr Ehrgeiz. Aber fast immer hätte, bei dem chaotischen Wirrwarr der logischen Terminologie, eine genaue Darstellung der fremden Meinung der Auseinandersetzung mit ihr vorangehen müssen und dadurch wäre der Umfang des Buches ins Maßlose angeschwollen. Die Anmerkungen sollen vor allem die Pflicht der Dankbarkeit einigermaßen erfüllen und den "geordneten Gang einer Wissenschaft" für die Logik zumindest vorbereiten helfen. Literaturübersichten zu geben, war nicht meine Absicht; eher schon den mit der Literatur weniger Vertrauten hier und dort ein wenig zu orientieren. Im Jahre 1908 erschienene Arbeiten konnten nicht mehr berücksichtigt werden.

Ich habe mich bemüht, so zu schreiben, daß ich meine Voraussetzungen selbst entwickle, also auch dem weniger vorbereiteten Leser verständlich bin. Die Ausführungen über Philosophie der Mathematik im zweiten Teil sind zwar zur Begründung meiner Überzeugungen durchaus notwendig; doch kann der dritte und vierte Teil allenfalls auch ohne sie verstanden werden.



Einleitung

Die Untersuchungen, mit denen sich der erste Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt, wollen absolut grundlegende Sätze auffinden und genau formulieren. Sie gehören demnach sachlich durchaus der "ersten Philosophie" an, haben nichts vor sich, bedürfen also auch keiner Einleitung im Sinne einer Aufzählung dessen, was sie als aus anderen Teilen der Wissenschaft bekannt voraussetzen. Der Leser dagegen, der aus dem Inhaltsverzeichnis den Plan des Ganzen vielleicht vergeblich zu erraten sucht, hat Anspruch darauf, daß ihm gleich am Anfang Rechenschaft über Absicht und Gliederung gegeben wird.

Es sei gestattet, diese erste Orientierung an den Titel anzuknüpfen. Man fordert vom Erkennen, daß es voraussetzungslos verfährt, und meint damit, daß kein Satz vor der Untersuchung als wahr angesehen werden darf, keiner der Nachprüfung sich zu entziehen das Recht hat. Aber jede Prüfung einer Erkenntnis braucht anerkannte Grundsätze. Man widerlegt etwa eine wunderbare Erzählung, indem man nachweist, daß sie wohlbeglaubigten Tatsachen widerspricht oder den Naturgesetzen widerstreitet. Im zweiten Fall ist die Gültigkeit der Naturgesetze vorausgesetzt, aber auch im ersten stützt man sich auf ein Axiom, das sich irgendwie aus dem Satz des Widerspruchs und der eindeutigen Erfüllung einer räumlich und zeitlich bestimmten Stelle der Wirklichkeit zusammensetzt. Bedarf so jede Erkenntnis der Voraussetzungen, und soll andererseits das Erkennen als Ganzes voraussetzungslos sein, so wird die Aufsuchung und der Beweis der Voraussetzungen selbst zu einer Erkenntnisaufgabe, und zwar zu einer absolut grundlegenden. Freilich besteht hier eine besondere Schwierigkeit: die Grundvoraussetzungen allen Erkennens überhaupt müssen auch in einer Untersuchung, die sie selbst zum Ziel hat, implizit vorausgesetzt werden (1). Es kann also hier nicht um ihren Beweis im Sinne einer Ableitung aus noch ursprünglicheren Prinzipien handeln, sondern lediglich um ihre Aufzeigung als in jedem Erkennen mitbehauptet. Augenscheinlich ist dabei zu oberst vorausgesetzt, daß es überhaupt ein Erkennen, daß es eine Wahrheit oder wahre Urteile gibt. Dieser Satz aber läßt, wie schon PLATON gezeigt hat (2), einen indirekten Beweis zu. Wer behauptet: es gibt keine wahren Urteile, spricht eben damit ein Urteil aus, das den Anspruch erhebt, wahr zu sein, widerspricht sich also selbst. Wollte er sich dann damit ausreden, daß er den Satz des Widerspruchs nicht anerkennt, so müßte man ihm entgegnen, daß ohne eine Anerkennung dieses Satzes nicht einmal seine Nichtanerkennung Sinn hat; denn es wäre dann möglich, denselben Satz zugleich zu bejahen und zu verneinen. Ich bezeichne dieses Grundverhältnis, das uns noch wiederholt beschäftigen wird, als Selbstgarantie der Wahrheit. Sie ermöglicht uns ein regressives Verfahren, eine analytische Aufsuchung der Grundsätze, ohne die ein Erkennen nicht möglich wäre. Ist aber nicht schon zuviel behauptet, wenn wir die Voraussetzungen allen Erkennens als Grundsätze und demnach als Urteile bezeichnen? Keineswegs; denn, wenn sie im Erkennen auftreten sollen, müssen sie Erkenntnisse sein, und es wird nachgewiesen werden, daß alle Erkenntnisse Urteile sind.

Bei der analytischen Aufsuchung der Voraussetzungen ist Erkenntnis im Allgemeinen als Ziel genommen. Die spezielle Gestalt dieses Ziels wird nun aber von den Voraussetzungen her bestimmt werden müssen, während umgekehrt die besonderen Voraussetzungen einzelner Erkenntnisgebiete sich aus der Eigenart der zugehörigen Ziele werden ableiten lassen. Schon dieses ganz allgemeine Verhältnis zeigt, daß Voraussetzungen und Ziele des Erkennens nicht getrennt voneinander aufgesucht werden können. So wird also vorläufig die Nebeneinanderstellung beider im Titel dieser Arbeit gerechtfertigt erscheinen. Deutlicher noch wird dies, wenn wir Wesen und Geltungsart der Grundsätze allen Erkennens untersuchen. Es liegt heute vielen derselben nahe, sie als Naturgesetze des Denkens zu bezeichnen. Nun ist aber ein Naturgesetz stets dadurch gekennzeichnet, daß es sich ausnahmslos erfüllt. Gegen das Gravitationsgesetz läßt sich kein Fehler begehen. Bekanntlich tragen die logischen Normen diese Gewähr ihrer Befolgung nicht in sich. Wenn man sich durch die Wendung zu helfen sucht, daß, wo gegen diese Gesetze gefehlt wird, eben keine Erkennen vorhanden ist, so legt man dadurch in das Erkennen selbst einen Wert hinein und trennt es damit völlig von den wertfreien Begriffen der Naturwissenschaft. Überdies zeigt jede erkenntnistheoretische Analyse, daß die Naturgesetze selbst sich nur aus den Erkenntnisgesetzen rechtfertigen lassen, es führt also zu einem Zirkelschluß, wenn man die Erkenntnisgesetze ihrerseits auf Naturgesetze zurückführt. Schon die ersten Erwägungen zeigen uns, daß das Verfahren der naturwissenschaftlich arbeitenden Psychologie nicht das unsere sein kann. Aber die bloße Zurückweisung des Psychologismus, die in den letzten Jahren von den verschiedensten Seiten geleistet wurde (3), genügt nicht. Vielmehr müssen die Grundbegriffe wirklich psychologiefrei aufgestellt werden. Bei diesem Bemühen ergeben sich große Schwierigkeiten, die zeigen, wie eng doch psychologische und logische Begriffsbildung miteinander verflochten sind. Was an diesen Verwicklungen nur eine historische Bedeutung hat, fällt bei der Ausbildung einer sachgemäßen Terminologie von selbst weg. Aber es bleiben positive Bezüge, die sich erst nach der prinzipiellen Trennung der Aufgaben exakt darstellen lassen. Erst wenn man auch diesen gerecht wird, hebt man den Psychologismus im vollen Sinn des HEGELschen Terminus auf.

Ihrem Wesen nach sind also die Grundsätze des Erkennens von Werten und Zielen abhängig; sie sind entweder selbst Ziele oder Voraussetzungen, deren Geltung für die Erreichbarkeit der Ziele erforderlich ist. In diesen beiden Formen treten sie in Vergangenheit und Gegenwart auf. So ist z. B. in MACHs sensualistischem Positivismus die Sinnesempfindung Voraussetzung, die denkökonomische Beschreibung Ziel. Vielfach entstehen die Hauptschwierigkeiten eines Systems daraus, daß die Ziele des Erennens doch zugleich als alles Erkennen erst ermöglichend vorausgesetzt werden. Diese Doppelstellung hat z. B. die platonische Idee und die eigentümliche Vieldeutigkeit der Ideenlehre läßt sich zumindest zum Teil von hieraus verstehen.

Indessen begegnet die Bezeichnung des Erkennens als eines auf ein Ziel gerichteten Handelns einem gewissen Widerstreben. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß beim wissenschaftlichen Menschen ein Wille zum Erkennen besteht, so wird doch nicht nur einem Anhänger SCHOPENHAUERs der Wille als solcher in einem entschiedenen Gegensatz zum Erkennen zu stehen scheinen. Man könnte sagen: erkennen wollen, sei im Grund ein Nichtwollen-Wollen, wozu dann allerdings subjektiv eine nicht unerhebliche Willensanstrengung gehört. Nur diese subjektive Anspannung verführt zur Unterordnung des Erkennens unter das Handeln. Seinem eigentlichen Wesen nach steht es in einem vollen Gegensatz zu all dem, was man sonst Handlung oder Tätigkeit nennt. Alle Handlung will etwas verändern. Das Erkennen will gerade seinen Gegenstand rein und unverändert erfassen. Es wird an einer späteren Stelle meine Aufgabe sein, diesen Einwänden gegenüber endgültig Stellung zu beziehen. Hier beschäftigen sie uns nur insofern, als sie auf eine Schwierigkeit in der Bestimmung des Verhältnisses von Erkenntnisvoraussetzung und Erkenntnisziel aufmerksam machen. Die Bestimmung der Erkenntnisziele ist stets mit von der Art abhängig, in der die Voraussetzungen erfüllt sind. Es ist zum Beispiel eine notwendige Voraussetzung des Erkennens, daß die Erkenntnisinhalte vergleichbar sind. Die verschiedene Art und der verschiedene Grad aber, in dem diese Voraussetzung auf den verschiedenen Sinnesgebieten erfüllt ist, wird Grund für den verschiedenen Anteil dieser Empfindungsgattungen am Aufbau eines objektiven Weltbildes und damit am Erkenntnisziel. So scheint überall in den Voraussetzungen schon das Ziel zu stecken, oder das Ziel des Erkennens scheint vorausgesetzt werden zu müssen, damit es erstrebt werden kann. Dieses paradoxe Verhältnis hat PLATON zu seiner Lehre von der Wiedererinnerung an das vorzeitige Schauen der Ideen geführt. Spätere, die nicht so naiv die Ziele hypostasierten [vergegenständlichten - wp], haben doch alles zu Erkennende als in den Erkenntnisvoraussetzungen angelegt gedacht und so versucht, den echten Begriff der Entwicklung auf das Erkennen anzuwenden. Ich darf hier flüchtig an HEGEL erinnern. Ich begnüge mich am Anfang mit den vorläufigen Andeutungen, die ich über Voraussetzung und Ziel vorangestellt habe; zu einem Aufschluß über ihr wahres Verhältnis zueinander kann ich nicht eher kommen, als bis ich ihren Inhalt bestimmt habe. Nur daß beide innig zusammenhängen, daß die einen nicht ohne fortwährende Beziehung auf die anderen gesucht werden können, muß schon an dieser Stelle betont werden.

Ich habe im Unterschied ferner diesen Versuch, Voraussetzungen und Ziele des Erkennens klarzustellen, als Untersuchungen über die Grundfragen der Logik bezeichnet. Auch hieran bedarf mehreres der Rechtfertigung. Zunächst, warum ich Untersuchungen anstelle, anstatt ein System zu erbauen, dann aber, mit welchem Recht ich diese Untersuchungen als den Grundfrgen der Logik gewidmet bezeichne.

Was den ersten Punkt betrifft, so sei hervorgehoben, daß das Ziel der Untersuchungen durchaus im System liegt. Weit entfernt,, dem systemfeindlichen Modegeist Zugeständnisse zu machen, bin ich vielmehr fest überzeugt, ddaß alle Philosophie, ja alle Wissenschaft immer wieder zum System strebt. So hoffe ich auch, daß der Wille zum System nicht nur, sondern auch die systematische Einheit aller Teilresultate dem Leser deutlich entgegentreten wird. Aber das System, dem diese Untersuchungen zustreben, ist das System der Logik, in innerlich, sachlich begründeter Zusammenhang, nicht ein zufälliges, persönliches System des Verfassers. und diesem System glaube ich besser zu dienen, wenn ich die Untersuchungen so gebe, wie sie sich mir notwendig gemacht haben, von verschiedenen Ausgangspunkten beginnend, doch aber in steter Wechselwirkung miteinander stehend. Vor allem brauche ich auf diese Weise keine Lücken durch Verlegenheitsbehelfe zu verstopfen. Es liegt mehr im Interesse der weiteren Forschung, einzugestehen, wo zurzeit noch ungelöste Probleme sind, als durch einen Schematismus (dieses gefährliche Surrogat des echten Systems) über die mangelnde Kenntnis andere und, was am schlimmsten ist, sich selbst zu täuschen.

Etwas weiter ist bei der Verteidigung des zweiten Punktes auszuholen. Gerade über den Begriff und das Wesen der Logik besteht ein lebhafter Streit. Natürlich kann die hier vertrtetene Auffassung sich auch erst im Fortgang der Untersuchungen selbst rechtfertigen, in der Einleitung soll sie nur vorläufig dargestellt werden. Ausgehen können wir dabei von dem Anspruch der Logik, eine philosophische Grundwissenschaft zu sein. In doppelter Art läßt sich dieser Anspruch verteidigen. Da sich alles Erkannte und alles zu Erkennende den Bedingungen des Erkennens fügen muß, sind die logischen Grundsätze wie die gewissesten, so auch die allgemeinsten Aussagen, die behauptet werden können. "Vernünftige Gedanken von allen Dingen überhaupt" können nur logische Sätze sein. Zugleich sind aber die Grundsätze der Logik Prinzipien zielbewußten Handelns. Der Geist orientiert sich hier über das letzte Wesentliche seines eigenen Bestrebens. Wenn alle philosophischen Wissenschaften es mit Werten zu tun haben, so nimmt unter ihnen die Logik eine ausgezeichnete Stellung ein. Hier und nur hier ist die untersuchende Tätigkeit derselben Art wie der untersuchte Wert. Das Denken besinnt sich auf die selbstgewissen Grundsätze seines eigenen Tuns. Diese Selbstgewißheit fehlt notwendig allen anderen philosophischen Wissenschaften; in Ethik und Ästhetik sucht das Denken die Grundwerte eines ihm fremden Geistesgebietes zu erforschen. Während es logisch widersprechend ist, den Gegensatz von Wahrheit und Falschheit und damit die Geltung logischer Grundsätze überhaupt zu leugnen, liegt kein logischer Widerspruch darin, wenn man die allgemeine Geltung ethischer Werte bestreitet (4). Diese besondere Gewißheit der Logik hat zur Folge, daß ihre Ergebnisse den anderen Wertwissenschaften Ausgangspunkte der Orientierung werden. So wenig Berechtigung die sachliche Zurückführung aller Werte auf die der Erkenntnis hat, so notwendig ist die formale Orientierung aller Wertwissenschaften an der Logik.

Die eben geschilderte doppelte Bedeutung gewinnt aber die Logik nur, wenn man ihr die Untersuchung der Erkenntnisprinzipien selbst zuweist. Der Schulbetrieb der formalen Logik hat uns vielfach daran gewöhnt, die Grundsätze als selbstverständlich vorauszusetzen und die feine Durchführung eines bloßen Formalismus für das Wesentliche zu halten. Auf dieser Stufe steht auch oder stand doch bis ganz vor Kurzem die mathematische Logik, nur daß sie die Schlußformeln durch einen Algorithmus ersetzen will. Man könnte dieses Absehen von den prinzipiellsten Untersuchungen durch Analogien aus der Geschichte der Mathematik zu rechtfertigen suchen. Der Zusammenhang der Sätze eines mathematischen Gebietes ist fast stets viel früher entwickelt worden, ehe man es für nötig fand, das vollständige System seiner Grundsätze und die Tragweite jedes einzelnen Axioms festzustellen. Aber die einfache Beherrschbarkeit des Quantitativen konnte den Mangel einer vollständigen Erkenntnis der Axiome einigermaßen ersetzen, und vor allem ist die Abzweckung der Mathematik, wie schon PLATON erkannte, zumindest nicht zunächst auf die Prinzipien gerichtet, sondern auf das System begründeter Folgerungen; die Philosophie dagegen bewegt sich innerhalb der Prinzipien. Vom philosophischen Standpunkt aus kann daher ein logischer Algorithmus nur ein sekundäres Interesse haben und nur von prinzipiellen Untersuchungen her gerechtfertigt werden. Diese Überlegungen zeigen zugleich, daß die Trennung von Erkenntnistheorie und Logik nicht wesentlich, sondern höchstens praktisch pädagogisch bedeutsam ist. Man weist zuweilen der Logik die Erkenntnisformen, der Erkenntnistheorie die allgemeinen und wesentlichen Eigenschaften der Erkenntnisinhalte zu. Aber diese ganze Unterscheidung von Form und Inhalt muß gerechtfertigt werden, und es ist ein wesentliches Ziel der folgenden Untersuchungen, zu zeigen, daß diese beiden Begriffe nur in einer beständigen Korrelation zueinander untersucht und erfaßt werden können. (5)

Umgekehrt ist es ganz unmöglich, die "erkenntnistheoretischen" Probleme zu lösen, ohne fortwährend auf "logische" Fragen Rücksicht zu nehmen. Wenn man die Voraussetzungen der Wirlichkeiteserkenntnis untersucht, so muß überall der leitende Gesichtspunkt sein: welche Anforderungen stellt die Möglichkeit des Erkennens an das zu Erkennende. Dazu aber ist vor allem nötig, eben die relativ zur Wirklichkeitserkenntnis formalen Denkgesetze richtig zu erfassen. Wie innig beides zusammenhängt, davon kann uns ein flüchtiger historischer Rückblick überzeugen.

Solange man in der aristotelischen Logik eine sichere und genügende Grundlage zu haben glaubte, war zumindest die Formulierung des Erkenntnisproblems klar. da es sich überall umd das Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen handelte, so fragte es sich, wie in der Wirklichkeit das Allgemeine existieren kann (Universalienproblem). Aber dabei war eine Auffassung des Erkennens als eines Abbildens der Wirklichkeit naiv vorausgesetzt.

Die Opposition der Renaissance gegen die Scholastik war in den ersten Generationen, soweit es sich überhaupt um Philosophie handelte, wesentlich naturphilosophisch orientiert. Gerade von hier aus jedoch entstand eine tiefere logische Untersuchung, da das aristotelisch-scholastische Schema der wirklichen Arbeit der Forschung nicht entsprach. In DESCARTES vereinigt sich das Streben nach einer Methode der Forschung mit dem andern nach den sicheren Grundlagen allen Erkennens. Aber es blieb bei genialen Ansätzen - in der Fassung des Ich sowohl wie in der Theorie des Urteils - zum großen Teil, weil DESCARTES einerseits das Ich als Voraussetzung des Erkennens psychologisch-metaphysisch hypostasierte, andererseits weil er logische Grundsätze und praktische Vorschriften für den Forscher nicht auseinander hielt (6). LEIBNIZ, durch und durch systematischer Denker trotz seiner unsystematischen Schreibart, zugleich gegen ARISTOTELES gerechter, als es die Führer einer neuen Zeit sein konnten, versucht eine Verbindung seiner neuen Einsichten mit der alten Logik, die sehr folgenreich hätte werden können, wenn LEIBNIZ nicht identischen Sätzen und analytischen Folgerungen echt rationalistisch eine ganz falsche Bedeutung beigemessen hätte. Zudem wurde nirgend sein tiefstes Streben verstanden. Man sah nicht, daß sein Rationalismus nur darum so verwickelt wurde, weil er sich mit allen Gegengründen auf das Ernsteste auseinandersetzte. Hätte man dies erkannt, so wäre LEIBNIZ aus unter Negation des Ontologismus ein direkter Übergang zur kritischen Philosophie möglich gewesen (7). So aber diente LEIBNIZ einer ganz reaktionären Wiederaufnahme der logischen Tradition zum willkommenen Vorwand. Wichtig wurde diese Reaktion, weil KANT in ihren Bann geriet. Seine transzendentale Logik blieb so wesentlich unverbunden neben der gewöhnlichen stehen und an der Stelle, an der beide nun doch verknüpft wurden, bei der Ableitung der Kategorientafel aus der Tafel der Urteile, wurde der geniale Gedanke, die Formen der Wirklichkeitserkenntnis vom Urteil her zu gewinnen, durch die wesentlich traditionelle, sachlich unbegründete Form der Urteilstafel verdorben. FICHTE und HEGEL haben diesen Grundschaden des Kritizismus erkannt, sie haben eine neue Logik geben wolen, aber zum zweiten Mal mischte sich ein metaphysischer Rationalismus in den Plan des Neubaus - diesmal unter Anerkennung der Unmöglichkeit, aus Identitäten fruchtbare Erkenntnisse zu gewinnen. Der Sturz des HEGELschen Systems führte in der Logik die bei allem Scharfsinn so gedankenleere Reaktion der Herbartianer zum Sieg. Freilich blieb dieser Sieg auf die Logik beschränkt, die übrige Wissenschaft kümmerte sich kaum darum. Und auch innerhalb der Logik erhob sich der Widerstand der Empiristen. MILL wirkte trotz aller Schwächen als Anstoß mächtig. SIGWARTs Werk bedeutete für jeden, der es sich wirklich zu eigen macht, den Sturz, die endgültige Vernichtung der logischen Tradition. Zum Aufbau freilich fehlte 'SIGWART die sichere erkenntniskritische Grundlage. Sie haben die Kritizisten in ihrem Kampf gegen den Psychologismus zurückerobert, indem sie mehr und mehr den kritischen Kern des kantischen Gedankens von seinen historischen Umschlingungen befreiten. Wird dieser dritte Ansturm gegen die traditionelle Logik gelingen? Mir scheint, daß von der Beantwortung dieser Frage wesentlich die Zukunft der Philosophie abhängt. Aber - das muß uns die Geschichte lehre - gelingen kann er nur, wenn es zu einem systematischen Neubau kommt, und wenn dieses System in allen seinen Teilen streng kritisch geprüft und begründet wird. Hiermit ist die Aufgabe gestellt. Bei den Prinzipien gilt es zu beginnen, sie gilt es streng zu formulieren, zu beweisen und in ihrer Tragweite darzulegen.

Der Gang meiner Untersuchungen führt zuerst zu den allgemeinsten Voraussetzungen, von ihnen aus wird zugleich die Notwendigkeit eines Urteilszusammenhangs als des Zieles bewiesen. Unter den Systemen dieser Art sind die rein konstruktiven durch ihre Einfachheit vorbildlich. Über den Charakter eines solchen Zusammenhangs und seiner besonderen Voraussetzungen soll uns dann die Mathematik belehren. aber sie bietet uns noch mehr: Aufschluß nämlich über die so wichtigen Begriffe: Zahl, Raum, Unendlichkeit, ohne deren Klärung eine Untersuchung des Verhältnisses von Wissenschaft und Wirklichkeit der Unterlagen entbehrt. Diese Untersuchung erfüllt den dritten Teil. Dabei wird die Kategorie in ihrer Bedeutung erfaßt werden. Endlich ist noch zu zeigen, wie die einzelnen Ergebnisse einen systematischen Zusammenhang untereinander und mit anderen philosophischen Einsichten gewinnen. Dieser vierte Teil gibt nachträglich den einzelnen Ergebnissen der vorangehenden Untersuchungen Einheit und Ganzheit, erst in ihm ist auch die letzte Klärung vieler Begriffe möglich.
LITERATUR Jonas Cohn, Voraussetzungen und Ziele des Erkennens, Leipzig 1908
    Anmerkungen
    1) Es muß hier auf Lotzes berühmten Ausspruch verwiesen werden, Logik (System der Philosophie, I. Teil) zweite Auflage, 1880, Seite 525: "die Prüfung der Wahrheit unserer Erkenntnis im Ganzen ist unmöglich, ohne die zu prüfenden Grundsätze als Entscheidungsgründe aller Zweifel vorauszusetzen. Diesen Zirkel, nach welchem unsere Erkenntnis sich die Grenzen ihrer Kompetenz selbst zu bestimmen hat, haben wir als unvermeidlich gelernt" - und - mit polemischer Wendung gegen eine fälschliche Ausfüllung dieser angeblichen Lücke durch genetische Untersuchungen: "Da folglich dieser Zirkel unvermeidlich ist, so muß man ihn reinlich begehen."
    2) Eine Selbstgarantie des Denkens als Widerlegung der radikalen Skepsis bei Platon (im Euthydem Steph. 278/8) mehr andeutungsweise im Theaetet (Steph. 179). Dieser Gedanke kehrt dann in verschiedenen Varianten oft wieder, z. B. bei Spinoza: De intellects emendatione. Sehr gut formuliert und gegen die antike Skepsis gewendet bei Lotze, Logik, Seite 486 (vgl. auch Seite 492).
    3) Eine psychologische Begründung der Logik ist nach Kants Vorbild, z. B. von Herbart, "Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie", Königsberg 1813, § 34, Seite 22f, zurückgewiesen worden: "In der Logik ist es notwendig, alles Psychologische zu ignorieren, weil hier lediglich diejenigen Formen der möglichen Verknüpfung des Gedachten sollen nachgewiesen werden, welche das Gedachte selbst nach seiner Beschaffenheit zuläßt". In demselben Sinn äußert sich Lotze: Logik, Seite 11f. Lotzes Gegnerschaft gegen die Erkenntnistheorie wird man nur dann richtig würdigen, wenn man versteht, daß er überall nur eine psychologistische Erkenntnistheorie kennt. - - - Die anti-psychologistische Bewegung der neueren Zeit bemüht sich nun darum, wirklich die psychologischen Begriffe aus Erkenntnistheorie und Logik auszuschalten. Wichtige Vorarbeit leistete dabei die Herausarbeitung des echt kritischen Grundgedankens aus Kants Darstellung. In diesem Zusammenhang hat besonders Hermann Cohen den Psychologismus bekämpft (vgl. z. B. "Kants Theorie der Erfahrung", erste Auflage, Berlin 1871, besonders Seite 87f. Ferner Riehl: "Der philosophische Kritizismus", Bd. 1, erste Auflage, 1876, Seite 8; Windelband, Kritische oder genetische Methode, Präludien. Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, erste Auflage, 1892, Seite 34f. Ausführlichste Diskussion bei Husserl, Logische Untersuchungen, Bd. 1, Halle/Saale 1900. Eine kurze und klare Auseinandersetzung bei Broder Christiansen, Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens, Hanau 1902; vgl. auch Cohen, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, Seite 4. Von mathematischer Seite her bekämpft den Psychologismus mit sehr treffend formulierten Argumenten: Gottlob Frege, Grundgesetze der Arithmetik, Bd. 1, Jena 1893, Vorwort, Seite XIVf. - - - Im Folgenden bemühe ich mich überall, die einzelnen logischen Grundbegriffe gegen eine psychologistische Mißdeutung zu schützen, und, wo psychologische Hilfsbegriffe gebraucht werden, dies ausdrücklich hervorzuheben. Erst in § 28 wird dann der Versuch gemacht, das Verhältnis beider Wissenschaften zueinander allgemein darzustellen.
    4) Näher habe ich diesen Gedanken ausgeführt in "Beiträge zur Lehre von den Wertungen", Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 110, Seite 232 und "Allgemeine Ästhetik", Leipzig 1901, Seite 41f.
    5) Durch den Gegensatz von Form und Inhalt trennt Erkenntnistheorie und Logik z. B. Benno Erdmann (Logik, Bd. 1, zweite Auflage, Halle/Saale 1907, Seite 19 und 22. - Wenn man sich überzeugt, daß die "materialen" Grundlagen allen Erkennens sich nur von den Aufgaben her (formal-teleologisch) gewinnen lassen, und daß die Voraussetzungen des logischen Formalismus überall mit diesen "materialen" Grundlagen zusammenhängen, so verflüssigt sich der Gegensatz völlig. - - - Eine ganz prinzipielle Trennung von Logik und Erkenntnistheorie behauptet Alois Riehl: "Logik und Erkenntnistheorie", in Hinneberg (Hg) "Die Kultur der Gegenwart", Systematische Philosophie, Berlin und Leipzig 1907, Seite 88: "Die Logik bedarf nicht der Erkenntnistheorie zu ihrer Begründung." Diese Scheidung wird möglich, weil Riehl die ganze Logik aus dem Satz der Identität ableitet. Vgl. Seite 76: "Ihr (der Logik) einziges Prinzip ist der Satz der Identität, oder negativ ausgedrückt: der Satz vom Widerspruch". Es wird im Fortgang dieser Untersuchungen ausführlich dargelegt werden, daß und warum ich dies für falsch halte. Damit aber fällt auch Riehls Trennung. - - - Die Einheit von Logik und Erkenntnistheorie fordern z. B. Wilhelm Schuppe, Erkenntnistheoretische Logik, Bonn 1878, Seite 3 und Cohen, Logik der reinen Erkenntnis, Seite 34.
    6) Vgl. zu Descartes: Christiansen: Das Urteil bei Descartes, Hanau 1902. Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Bd. 1, Seite 375f, Berlin 1906.
    7) Vgl. Ernst Cassirer, "Leibniz' System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen, Marburg 1902 und meine Rezension dieses Werkes in "Göttingische Gelehrte Anzeigen", 1903, Seite 377. - Viel einwandfreier ist Cassirers neue Darstellung in "Das Erkenntnisproblem", Bd. 2, Berlin 1907, Seite 47f; vgl. auch Seite 520.