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GUSTAV STÖRRING
Moralphilosophische Streitfragen

"Die Forschungsmethoden in der Ethik haben dazu geführt, für das Zustandekommen des sittlichen Tatbestandes den Sympathiegefühlen eine wesentliche Bedeutung zuzusprechen. Einige Ethiker haben sogar in den Sympathiegefühlen die einzige Quelle der sittlichen Wertschätzung gesehen."


I. Die Entstehung
des sittlichen Bewußtseins


Einleitung

Unter dem Titel "Moralphilosophische Streitfragen" behandle ich drei Probleme: die Entstehung des sittlichen Bewußtseins, die sittlichen Zwecke und die Rechtfertigung der Forderung sittlichen Lebens. Diese einzelnen Untersuchungen stehen in naher Beziehung zueinander. Bei der Behandlung der Entstehung unserer sittlichen Wertschätzungen wird von uns neues Material zur Entscheidung der Frage nach den sittlichen Zwecken beigebracht, so zur Entscheidung der Kontroverse zwischen dem Hedonismus, für den der letzte Zweck in der Erzeugung eines Maximums von irgendwie beschaffener Lust liegt, und dem Energismus, für den als höchster Zweck die Entwicklung eines Maximums von irgendwie beschaffener kraftvoller Lebensbetätigung gilt. Was sodann die Beziehung des dritten unserer Probleme zum ersten betrifft, so werden uns, wenn wir durch eine Untersuchung der Entstehung des sittlichen Bewußtseins in die Abhängigkeitsbeziehungen der sittlichen Wertschätzungen Einblick gewonnen haben, dadurch Tatsachen an die Hand gegeben sein, die wir zur Rechtfertigung der Forderung sittlichen Lebens verwerten können.

In neuerer Zeit ist den Ethikern häufig der Vorwurf gemacht worden, daß sie Moral predigen, anstatt über Moral zu philosophieren, daß sie selbst sittliche Normen aufstellten, anstatt den gegebenen sittlichen Tatbestand einfach zu untersuchen, wobei sie dann die sittlichen Normen, die in diesem Tatbestand vorliegen, zu nehmen hätten, wie sie sind. Ich erkenne die hier aufgestellte Forderung als im Wesentlichen zur Recht bestehend an; ich halte es für die hauptsächlichste Aufgabe des Moralphilosophen, den ethischen Tatbestand, wie er vorliegt, zu analysieren und seine Abhängigkeitsbeziehungen festzustellen. Übrigens hat schon HUME in seiner Moralphilosophie diese Forderung selbst aufgestellt und ihr entsprochen. Ich glaube allerdings andererseits nach einer solchen Behandlung des sittlichen Tatbestandes als Moralphilosoph das Recht zu haben, auf Grundlage der Erkenntnis derjenigen Grundprinzipien, welche die sittliche Wertschätzung bedingen, die vorhandenen sittlichen Normen zu modifizieren. Den Beweis dieser Berechtigung werde ich bei der Behandlung der sittlichen Zwecke geben. Dabei bin ich aber auf eine reinliche Scheidung dieser beiden Arten des Sollens, des vom Moralphilosophen hingenommenen und des von ihm selbst gesetzten, bedacht. Diese Frage, ob der Moralphilosoph zur Aufstellung von sittlichen Normen berechtigt ist und eventuell unter welchen Bedingungen, ist für die Behandlung unseres ersten Problems, der Entstehung des sittlichen Bewußtseins, ganz irrelevant; sie ist von durchschlagender Bedeutung bei der Behandlung sittlicher Zwecke.

Was nun die Methode betrifft, die wir bei unserer Untersuchung der Entstehung des sittlichen Bewußtseins anwenden, so gebe ich eine Charakteristik und Rechtfertigung derselben zum Teil im Lauf der Untersuchung, zum Teil am Schluß derselben. Ich sage hier nur, daß es sich m ein wesentlich deduktives Verfahren handelt und zwar deduktiv von allgemeinen Prinzipien aus, die wir als causae verae [wahrer Grund - wp] in den sittlichen Wertschätzungsprozessen nachweisen können.

Sowohl die subjektive als auch die objektive Forschungsmethode in der Ethik hat dazu geführt, für das Zustandekommen des sittlichen Tatbestandes den Sympathiegefühlen eine wesentliche Bedeutung zuzusprechen. Einige Ethiker haben sogar in den Sympathiegefühlen die einzige Quelle der sittlichen Wertschätzung gesehen.

Ich werde deshalb zunächst einmal das Wesen und die Entstehung der Sympathiegefühle zu bestimmen suchen und sodann die Frage nach der Leistungsfähigkeit des Sympathieprinzips für die Erklärung des sittlichen Tatbestandes beantworten. Es wird sich herausstellen, daß das Sympathieprinzip in verschiedenen Beziehungen bei der Erklärung des sittlichen Tatbestandes herangezogen werden muß, daß es uns hier wesentliche Dienste leistet, aber auch negativ: daß das Sympathieprinzip nicht imstande ist, uns Rechenschaft über den gesamten Tatbestand des sittlichen Lebens zu geben.

Wir fragen also zuerst nach dem Wesen und der Genesis des Sympathiegefühls. Wir lasen unsere Auffassung hierüber aus der Kritik der Auffassung derjenigen Moralphilosophen hervorgehen, die für die Feststellung des Wesens des Sympathiegefühls und für seine Verwertung zur Erklärung des sittlichen Tatbestandes von klassischer Bedeutung geworden sind, ich meine die Entwicklungen von DAVID HUME und ADAM SMITH. -

Bevor ich zur Behandlung der Klassiker der Sympathie übergehe, ein Wort über das Sympathieprinzip SCHOPENHAUERs und seine Bekämpfung von Seiten NIETZSCHEs. NIETZSCHE hat für die Frage nach dem ethischen Wert der Sympathie, speziell des Mitleids die Kreise der Gebildeten interessiert. Er glaubt bekanntlich, daß SCHOPENHAUER mit seiner Mitleidsmoral den gegebenen sittlichen Wertschätzungen von allen bisherigen Ethiken am meisten gerecht geworden ist und meint gegen die vorliegenden sittlichen Wertschätzungen zu kämpfen, indem er gegen die Mitleidsmoral Front macht.

Für SCHOPENHAUER ist das Mitleiden das moralische Urphänomen. Alle Liebe ist Mitleid. Denn jede Befriedigung ist nur ein weggenommener Schmerz, kein gebrachtes positives Glück.
    "Was daher auch Güte, Liebe und Edelmut für andere tut, ist immer nur Linderung ihrer Leiden, und folglich ist es, was sie bewegen kann zu guten Taten und Werken der Liebe, immer nur die Erkenntnis fremden Leidens, aus dem eigenen unmittelbar verständlich und diesem gleichgesetzt. Hieraus ergibt sich, daß reine Liebe ihrer Natur nach Mitleiden ist." (1)
Dieses Mitleiden gründet sich nach SCHOPENHAUER auf die Erkenntnis, daß ich, der Zuschauer im Grunde kein anderes Wesen bin als der Leidende, auf die Erkenntnis: Tat tvam asi! (Das bist Du!) Mitleiden soll nur unter dieser Bedingung, bei dieser Erkenntnis entstehen, bei der das "Principium individuationis durchschaut" wird.

Gegen diese Sympathiemoral kämpft NIETZSCHE an.
    "Der Krieg und Mut haben mehr große Dinge getan als die Nächstenliebe, nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglückten. Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Läßt die kleinen Mädchen reden: gut sein ist, was zugleich hübsch und rührend ist" (Zarathustra) (2).

    "Wo heute Mitleiden gepredigt wird und recht gehört, wird jetzt keine andere Religion mehr gepredigt - möge der Psychologe seine Ohren aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch, der diesen Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er einen heiseren, stöhnenden, echten Laut von Selbstverachtung hören." (3)

    "Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämononisus: alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heißt nach Begleitzuständen und Nebensachen den Wert der Dinge messen, sind Vordergrundsdenkweisen und Naivitäten, auf welche ein jeder, der sich gestaltender Kräfte und eines Künstlergewissens bewußt ist, nicht ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleid mit euch! Das ist freilich nicht das Mitleid, wie ihr es meint: das ist nicht Mitleid mit der sozialen Not, mit der Gesellschaft und ihren Kranken und Verunglückten, mit Lasterhaften und Zerbrochenen von Anbeginn, wie sie rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger Mitleiden mit murrenden, gedrückten, aufrührerischen Sklavenschichten, welche nach Herrschaft - sie nennen es Freiheit - trachten. Unser Mitleid ist ein höheres, fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie der Mensch sich verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - Und es gibt Augenblicke, wo wir gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen Beängstigung zusehen, wo wir uns gegen dieses Mitleiden wehren, - wo wir euren Ernst gefährlicher als irgendeine Leichtfertigkeit finden, Ihr wollt womöglich - und es gibt kein tolleres "womöglich" - das Leiden abschaffen; und wir? - es scheint gerade, wir wollen es lieber noch höher und schlimmer machen als es war! ... Die Zucht des Leidens, des großen Leidens - wißt ihr nicht, daß nur diese Zucht alle Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat?" (4)
Doch mit dieser Polemik ist das Sympathieprinzip nicht gerichtet. Die Psychologie SCHOPENHAUERs und die Moralphilosophie muß die Sympathie mit dem Leiden einseitig hervorheben, weil nach ihr die Lust nur ausgeschlossen ist, und kann nicht die Sympathie mit der Freude würdigen. Es handelt sich bei dieser Sympathie mit dem Leiden sodann nur um eine Sympathie mit passiven Unlustzuständen, während, wie sich uns zeigen wird, beim sittlichen Wertschätzen die Sympathie mit kraftvollen aktiven Unlustzuständen eine große Rolle spielt. Weiter aber kennen wir nicht nur Sympathie mit (aktiver oder passiver) Lust und Unlust, sondern auch Sympathie mit kraftvoller Lebensbetätigung, Sympathie mit Selbstachtung der Persönlichkeit und anderen später näher zu besprechenden psychischen Vorgängen und Dispositionen.


I. Teil
Die Klassiker des Sympathieprinzips

1. Kapitel
David Humes Auffassung
des Wesens der Sympathie

Wie denkt DAVID HUME über das Wesen der Sympathie? Er sagt:
    "Die menschlichen Seelen sind alle in ihren Gefühlen und Wirkungen einander ähnlich, und es kann kein Mensch von irgendeiner Leidenschaft affiziert werden, in welcher nicht all die übrigen in einem gewissen Grad auch empfänglich sein sollten. Wie bei Saiten, die gleich gespannt sind, die Bewegung der einen den übrigen sich mitteilt, so gehen alle Leidenschaften sehr leicht von der einen Personen zur anderen und erzeugen in jedem Menschen übereinstimmende Bewegungen. Wenn ich die Wirkungen der Leidenschaft in der Stimme und dem äußeren Ansehen einer Person sehe, so geht meine Seele unmittelbar von diesen Wirkungen zu ihren Ursachen über und bildet einen so lebhaften Begriff von der Leidenschaft, der sogleich in die Leidenschaft selbst verwandelt wird. Ebenso, wenn ich die Ursachen einer Bewegung wahrnehme, so wird meine Seele zu den Wirkungen geführt und wird leicht auf eine gleiche Art bewegt. Wäre ich bei einer der schrecklichsten Operationen der Chirurgie gegenwärtig, so würde gewiß, selbst ehe sie angingen, schon die Vorbereitung der Instrumente, das Zurechtlegen der Bandagen, das Heißmachen der Eisen, nebst all den Zeichen der Angst und der Bekümmernis des Patienten und der Umstehenden, eine große Wirkung auf meine Seele haben und die stärksten Empfindungen des Mitleidens und Schreckens erwecken. Keine Leidenschaft eines anderen entdeckt sich der Seele unmittelbar. Wir können nur ihre Ursachen oder Wirkungen wahrnehmen. Von diesen schließen wir auf die Leidenschaft." (5)
HUME sagt also: die Ähnlichkeit der menschlichen Seelen bedingt eine Übertragung der Leidenschaft von der einen auf die andere, wie Schwingungen sich bei gleichgespannten Saiten übertragen - und zwar vollzieht sich diese Übertragung entweder so, daß wir ausgehen von der Wahrnehmung der Wirkung der Leidenschaft des Anderen auf die Vorstellung der Ursache dieser Veränderungen, auf die Vorstellung der Leidenschaft des Anderen; oder die Übertragung vollzieht sich so, daß wir von der Wahrnehmung der Ursache der Leidenschaft des Anderen ausgehen und übergehen auf die Vorstellung der Wirkung, die Vorstellung der Leidenschaft des Anderen. Es handelt sich also in den beiden Fällen um den Übergang auf die Vorstellung der Leidenschaft, ich meine um einen Übergang auf diese Vorstellung, der assoziativ vermittelt ist; - nicht etwa um ein Schlußverfahren, wie man nach dem Wortlaut von HUMEs Äußerung denken könnte. Man erinnert sich ja wohl, daß HUME in seiner Erkenntnistheorie häufig von einem Schluß aus Tatsachen spricht, wo es sich nach seinen genaueren Ausführungen durchaus nicht um ein logisches Verfahren handelt.

Wir kommen also auf die eine oder andere Weise zu einer Vorstellung der Leidenschaft des Anderen. Ist mit dieser Vorstellung des Affekts des Anderen nun schon das Sympathiegefühl gegeben? Nein. HUME unterscheidet die Vorstellung der Leidenschaft des anderen von der Entwicklung der Leidenschaft in uns. Letztere wird durch erstere vermittelt.
    "Wenn eine Leidenschaft durch Sympathie eingeflößt wird, so wird sie anfänglich nur durch ihre Wirkungen und durch solche äußere Zeichen in der Miene und im Umgang erkannt, welche eine Vorstellung davon geben. Diese Vorstellung wird jetzt in eine Impression verwandelt und bekommt einen solchen Grad von Stärke und Lebhaftigkeit als die wahre Leidenschaft und bringt eine gleiche Bewegung im Gemüt hervor, als eine ursprüngliche Leidenschaft. (So schnell diese Veränderung des Begriffs in eine Impression auch sein mag, so rührt sie doch von gewissen Betrachtungen und Reflexionen her, welche der genauen Nachforschung eines Philosophen nicht entgehen können, obgleich die Person selbst, welche sie macht, sie nicht bemerkt." (6)
Die Frage nach der Entstehung der Sympathie haben wir also erst vollständig beantwortet, wenn wir noch angeben, wie aus der Vorstellung des Affekts eines Anderen in uns ein wirklicher Affektzustand wird, eine Impression der Leidenschaft.

Die Umwandlung einer Vorstellung in eine Impression behandelt HUME genauer bei der Rechenschaftsablegung über die Entstehung der Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Die häufige Aufeinanderfolge der Wahrnehmung einer Ursache und einer Wirkung bringt es mit sich, daß sich uns bei der Wahrnehmung des Antezedens [Vorhergehenden - wp] die Vorstellung des Konsequens [Nachfolgenden - wp] aufdrängt. Diese Vorstellung des Konsequens wird nun aber durch die innige assoziative Beziehung zur Wahrnehmung der Ursache so in ihrer Lebhaftigkeit und Stärke gesteigert, daß sie Impressionscharakter, den Charakter einer Empfindung bekommt: es wird nämlich bei dieser innigen assoziativen Beziehung die Intensität der Impression der Ursache auf die Vorstellung der Wirkung übertragen. Ähnlich wie die Kausalbeziehung kann die Ähnlichkeitsbeziehung und die Kontiguitätsbeziehung [Berührung - wp] wirken. Welches ist denn nun hier in unserem Fall die Impression, welche die Vorstellung der Leidenschaft in eine Impression verwandelt und welche Beziehung vermittelt diese Umwandlung? Die Impression unserer selbst vollzieht hier diese Wirkung.
    "Man weiß, daß die Vorstellung oder vielmehr die Impression unserer selbst uns immer innigst gegenwärtig ist, und daß uns unser Bewußtsein eine so lebhafte Vorstellung von unserer eigenen Person gibt, daß es nicht möglich ist, sich irgendetwas einzubilden, das man in diesem Stück noch darüber gehen könnte. Jedes Ding also, das mit uns selbst verknüpft ist, muß nach den vorhergehenden Prinzipien mit gleicher Lebhaftigkeit vorgestellt werden." (7)
Welche Art der Beziehung besteht nun aber zwischen der Impression unseres Selbst und der Vorstellung des Affekts des Anderen? Hier kommt die Kausalbeziehung, die Ähnlichkeitsbeziehung und die Kontiguitätsbeziehung in Frage. Die Hauptrolle spielt hier die Ähnlichkeitsbeziehung. Zwischen den einzelnen menschlichen Individuen besteht eine mehr oder weniger große Ähnlichkeit, im speziellen sind auch die Affekte der einzelnen Individuen einander ähnlich. Wir finden nun den Grad der Sympathie mit den Affekten Anderer vom Grad der Ähnlichkeit der Individuen abhängig. Wir sympathisieren mehr mit Menschen von gleichen Sitten und gleichem Charakter, als mit Menschen von anderen Sitten und anderem Charakter (8). Wir hörten schon früher bei einer allgemeinen Charakteristik der Sympathie die Ähnlichkeit zwischen den menschlichen Individuen als Bedingung derselben hervorheben. (9)

Die Kontiguitätsbeziehung unterstützt in vielen Fällen die Ähnlichkeitsbeziehung. Menschliche Individuen, die räumlich oder zeitlich von uns entfernt sind, erregen nur ceteris paribus [in vergleichbaren Fällen - wp] einen geringeren Grad von Sympathie als Individuen unserer Umgebung. (10)

Die Kausalbeziehung spielt hier schließlich folgende Rolle. Sie wirkt im Gegensatz zur Ähnlichkeits- und Kontiguitätsbeziehung mittelbar: sie bewirkt, daß wir von der "Realität der Leidenschaft, mit der wir sympathisieren, überzeugt werden." (11) Diese Wirkung kommt nicht etwa durch eine Kausalbeziehung zwischen der Impression unseres Selbst und der Vorstellung der Affekte Anderer zustande - wie sollte sie das auch? - sondern, wie wir HUME wohl interpretieren dürfen, durch eine Kausalbeziehung zwischen den Ursachen oder Wirkungen der von uns vorgestellten Leidenschaft zur Leidenschaft selbst (12).

Wenn wir uns nun zur Kritik dieser Anschauungen von HUME wenden, so mag uns zunächst bedenklich erscheinen, daß durch nahe assoziative Beziehung zu einer Impression die Vorstellung der Leidenschaft zu einer Leidenschaft werden soll. Man fragt sich: ist mit der Vorstellung der Leidenschaft eine intellektuelle oder eine emotionale Größe gemeint? Handelt es sich hier um ein emotionales Phänomen, dann wäre die Beziehung, welche zwischen der Leidenschaft und der Vorstellung der Leidenschaft besteht, scharf zu scheiden gewesen von der Beziehung, die zwischen einer Wahrnehmung und ihrer Vorstellung besteht. Diese sind aber im einen Fall ganz andere wie im andern: wenn man eine Wahrnehmung mit ihrer Vorstellung der Intensität nach vergleichen will (vielleicht in ihren physiologischen Korrelaten), dann muß man sagen, es handelt sich um Größen ganz verschiedener Ordnung, die Intensität einer Vorstellung (oder vielmehr ihres physiologischen Korrelats) ist eine Größe ganz anderer Ordnung als die Intensität einer Wahrnehmung (oder ihres physiologischen Korrelats). Vergleicht man aber ein Gefühl oder einen Affekt in Bezug auf Intensität mit dem entsprechenden reproduzierten Gefühl oder reproduzierten Affekt, so hat man es mit Größen gleicher Ordnung zu tun, die Differenzen sind sogar gar nicht so sehr groß, wie man experimentell feststellen kann, indem man die körperlichen Begleiterscheinungen von Gefühlen oder Affekten mit den körperlichen Begleiterscheinungen der entsprechenden reproduzierten Gefühle oder Affekte vergleicht. (Ich habe derartige Feststellungen mit Lust- und Unlustgefühlen, die durch Geschmackslösungen erzeugt wurden und den Reproduktionen solcher Gefühle gemacht, indem ich die emotional bedingte Veränderung der Atmungskurven untersuchte.) - Hat man aber in der "Vorstellung der Leidenschaft" ein intellektuelles Phänomen vor sich, so muß man sagen, daß durch eine Steigerung der Intensität einer solchen Vorstellung natürlich nie ein emotionaler Vorgang entstehen kann.

Sodann läßt es sich als unmöglich erweisen, daß durch die Ähnlichkeitsbeziehung zur Impression unseres Selbst die Vorstellung der Leidenschaft auf die angebenene Weise einen Impressionscharakter bekommt. Es müßte hier dann ein ähnliches Verhältnis vorliegen wie nach HUME bei der Entwicklung der Vorstellung der notwendigen Verknüpfung von Antezedens und Konsequens; wie dort durch den infolge häufiger Assoziation erleichterten Übergang von der Impression des Antezedens auf die Vorstellung einer Wirkung, die Vorstellung der Wirkung so an Lebhaftigkeit und Stärke gesteigert wird, daß sie Impressionscharakter bekommt, indem die Intensität der Impression des Antezedens sich bei diesem Übergang auf die Vorstellung des Konsequenz überträgt, so müßte hier der Impressionscharakter der Vorstellung der Leidenschaft so erzeugt gedacht werden, daß ein durch Ähnlichkeitsbeziehung erleichterter Übergang stattfindet von der Impression unseres Selbst auf die Vorstellung der Leidenschaft, wobei sich dann die Intensität der Impression unseres Selbst auf die Vorstellung der Leidenschaft überträgt, sodaß daraus eine Impression der Leidenschaft entsteht.

Gegen diese Annahme spricht aber Folgendes: Unter der Impression unseres Selbst ist doch, wie man aus den Entwicklungen HUMEs über diesen Gegenstand weiß, nichts anderes zu verstehen, als das Bündel der in einem bestimmten Zeitpunkt in einem Individuum gegebenen psychischen Akte. Dieses Ich ist aber nur zufälligerweise dem Ich des von einem Affekt befallenen, mit dem wir sympathisieren, ähnlich. Wenn wir von einer Ähnlichkeit menschlicher Persönlichkeiten sprechen, so meinen wir nicht die Ähnlichkeit der aktuellen Bewußtseinszustände, sondern die Ähnlichkeit der potenziellen Bewußtseinszustände (der Begabung und des Charakters). Diese Ähnlichkeit aber macht sich nicht oder nur zufälligerweis geltend beim Übergang vom gegenwärtigen aktuellen Bewußtseinszustand auf die Vorstellung von Affekten, sondern auf dem umgekehrten Weg: beim Ausgang von der Vorstellung des Affekts kann aufgrund einer Ähnlichkeit des potenziellen Ichs eine aktuelle Ichmodifikation im betrachtenden Individuum entstehen, welche dem aktuellen Ichzustand des betrachteten Individuums ähnlich ist. Die Übertragung des Impressionscharakters einer Impression auf eine Vorstellung kann aber natürlich nur bei einem Übergang von der Impression auf die Vorstellung stattfinden, nicht bei einem umgekehrten Übergang. - Aber vielleicht läßt sich HUME in folgender Weise rechtfertigen: Wenn einmal die Vorstellung der Leidenschaft des Anderen eine Modifikation im betrachtenden Individuum zustande gebracht hat, und dann ein Übergang von dem so modifizierten aktuellen Ichzustand zur Vorstellung der Leidenschaft stattfindet, dann bekommt dabei die Vorstellung der Leidenschaft Impressionscharakter. Dann wäre allerdings die Ausdrucksweise von HUME eine sehr breviloquente [verkürzte - wp] im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Ausdrucksweise.

Zuletzt könnte man die Annahme gewagt finden, daß die "Vorstellung unserer eigenen Person" bei der Entstehung der Sympathiegefühle mitwirkend zu denken ist. Wir werden diese Annahme bei der kritischen Behandlung der Auffassung von ADAM SMITH näher prüfen und als ungerechtfertigt erkennen. Doch vielleicht handelt es sich hier bei HUME nur um eine ungenaue Ausdrucksweise, vielleicht will er nur das Ich, nicht die Vorstellung unseres Ichs, das Ichbewußtsein, für die Erklärung des Sympathiegefühls herangezogen wissen.

Wenn aber auch HUMEs Anschauung über Wesen und Entstehung der Sympathiegefühle sich nicht ganz halten läßt, so schließt das natürlich nicht aus, daß HUME mit der Verwendung des Sympathieprinzips für die Erklärung des ethischen Tatbestandes Großes geleistet hat.


2. Kapitel
Adam Smiths Auffassung des Wesens
der Sympathie. Das Wesen der Sympathie

Wir wollen uns weiter darüber informieren, wie ADAM SMITH über das Wesen und die Entstehung der Sympathiegefühle gedacht hat. Aus der Kritik der Anschauungen von HUME und SMITH hierüber wollten wir ja unsere Auffassung hervorgehen lassen. Sympathie kommt nach ADAM SMITH auf folgende Weise zustande:
    "Wir haben von dem, was Andere fühlen, ... keine unmittelbare Erfahrung. Wir können uns von der ARt, wie ihnen zumute sein mag, also keinen Begriff machen, ohne mittels der Vorstellung, was wir an ihrem Platz fühlen würden. Mag unser Bruder auf der Folter liegen - solange uns wohl ist, werden unsere Sinne uns von seinen Qualen nicht unterrichten. Unsere Sinne können uns nie über unsere Persönlichkeit hinausführen, und sollen wir von unseres Nächsten Martern einen Begriff bekommen, so muß es mittels der Einbildungskraft geschehen. Aber auch die Einbildungskraft vermag das nicht zu leisten als mittels der Vorstellung, was wir selbst empfinden würden, wenn wir an seiner Stelle wären. Nur die Eindrücke unserer eigenen Sinne kann sie hervorrufen, nicht die Eindrücke fremder. Vermöge der Einbildungskraft versetzen wir uns in des Bruders Lage; wir stellen uns vor, als ob wir seine Qualen empfinden. Wir denken uns in seinen Leib hinein, wir werden gewissermaßen Er selbst, und bilden uns danach einen Begriff seiner Gefühle, ja wir fühlen sogar etwas seinen Gefühlen Ähnliches, wenngleich in viel schwächerem Grad. So uns nahe gebracht, so auf uns übertragen und in unser Eigentum verwandelt, beginnt seine Todesangst zuletzt uns zu erschüttern, und der Gedanke an das, was er empfinden mag, verursaht uns ein Grausen." (13)
ADAM SMITH läßt also die Sympathie mit einem Mitmenschen zustande kommen "mittels der Vorstellung, was wir empfinden würden, wenn wir an seiner Stelle wären". Es entsteht dabei eine "eingebildete Vertauschung unseres Standpunktes mit dem Platz des Leidenden" im Fall von Sympathie mit Unlustzuständen.
    "Daß dies die Quelle unseres Mitgefühls mit fremdem Elend ist, daß nur eine eingebildete Vertauschung unseres Platzes mit dem Platz des Leidenden uns eine Vorstellung und Empfindung seiner Qualen verschafft, läßt sich aus mancherlei alltäglichen Beobachtungen erweisen, wobei es durch sich selbst nocht nicht genug einleuchten sollte. Wenn wir sehen, daß irgendjemandes Arm oder Bein ein gewaltsamer Schlag droht, so fahren wir zusammen und ziehen unser eigenes Bein oder unseren eigenen Arm zurück, und wenn der Schlag wirklich erfolgt, so fühlen wir uns gewissermaßen ebenso von ihm getroffen wie der Leidende." (14)
Auf die eingebildete Vertauschung unseres Platzes mit dem Platz des Leidenden führt ADAM SMITH auch die Tatsache zurück, daß das sympathische Mitempfinden schwächer ist als das ursprüngliche Leiden. Das ist eben deshalb der Fall,
    "weil das geheime Bewußtsein, daß die Verwechslung der Situation die Quelle der Sympathie, nur eingebildet ist, es nicht nur im Grad mindert, sondern auch gewissermaßen in der Art abändert und ganz verschieden modifiziert." (15)
Liegt wirklich beim Mitleiden eine eingebildete Vertauschung unseres Standpunktes mit dem des Leidenden vor, und Analoges bei der Mitfreude, so haben diejenigen Autoren Recht, welche das Sympathieprinzip für ein egoistisches Prinzip erklären. Eine solche Vertauschung unseres Standpunktes mit dem des Leidenden findet aber beim Mitleiden nicht statt: wir stellen uns durchaus nicht im Fall des Mitleidens mit einem Menschen vor, "was wir empfinden würden, wenn wir an seiner Stelle wären." Die Sache steht vielmehr so: Wenn wir jemanden leiden sehen, so bewirkt die Wahrnehmung der körperlichen Begleiterscheinungen des Leidens oder der Ursachen desselben die Reproduktion von Gefühlszuständen, die bei uns selbst in ähnlicher Situation bei ähnlichen Ursachen entstanden oder bei ähnlichen körperlichen Begleiterscheinungen vorhanden waren. Diese Reproduktion von Gefühlszuständen aufgrund von Wahrnehmungen an einer Person setzt, wie man sieht, nicht die Vorstellung voraus, daß wir die Schmerzen des Leidenden erdulden, sondern eben nur die Wahrnehmung der Begleiterscheinungen des Schmerzes oder der Ursachen, durch welche der Schmerz gesetzt wird. Die in uns reproduzierten Gefühle werden dann in den Leidenden hineingedacht, nicht aber "denken wir uns in seinen Leib hinein" und setzen so die Bedingungen für das Mitempfinden seiner Schmerzen; wir sind ebensosehr mit dem Objekt beschäftigt, daß wir die Gefühle nicht auf uns beziehen, sondern in die vorgestellte oder wahrgenommene Person hineindenken.

Für die Auffassung von SMITH spricht auch nicht etwa die von ihm angeführte Tatsache, daß wir, wo wir einen Schlag gegen eine Extremität eines Anderen geführt sehen, unwillkürlich unsere entsprechende Extremität zurückziehen. Diese Bewegung vollzieht sich aufgrund der innigen assoziativen Beziehung zwischen der Vorstellung eines gegen uns geführten Schlags und der Vorstellung der entsprechenden ausweichenden Bewegung; bei der Wahrnehmung eines Schlags gegen die Extremität einer anderen Person wird dann die betreffende Bewegungsvorstellung reproduziert und es schließt sich bei der innigen Beziehung zu einer Wahrnehmung daran eine Bewegung an. Weshalb soll hier in aller Welt die Vorstellung unserer Person, unseres Ichs, noch zur Erklärung des Tatbestandes herangezogen werden müssen? Wenn man deshalb das Sympathieprinzip als ein Prinzip des Egoismus auffaßt, so geschieht das aufgrund einer ganz intellektualistischen Deutung der Tatbestände!
LITERATUR - Gustav Störring, Moralphilosophische Streitfragen, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) SCHOPENHAUER, Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, Seite 444
    2) siehe ALOIS RIEHL, Friedrich Nietzsche, Seite 99f
    3) NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse, Seite 175
    4) NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse, Seite 179 und 180.
    5) HUME, Abhandlung über die menschliche Natur, Bd. 2, Seite 223f [übersetzt von JACOB].
    6) HUME, Abhandlung II, Seite 77, siehe auch 81.
    7) HUME, Abhandlung II, Seite 78, siehe auch 81 und 82.
    8) HUME, Abhandlung II, Seite 79
    9) HUME, Abhandlung III, Seite 223
    10) HUME, Abhandlung II, Seite 79 und 82
    11) HUME, Abhandlung II, Seite 82
    12) Man vergleiche HUME, Abhandlung II, Seite 78 mit II, 82 und III, 223
    13) ADAM SMITH, Theorie der sittlichen Gefühle, Seite 4 [übersetzt von KOSEGARTEN]
    14) ADAM SMITH, a. a. O., Seite 5
    15) ADAM SMITH, a. a. O., Seite 30