ra-1cr-4 F. H. JacobiE. PfleidererA. RiehlK. F. Stäudlin    
 
DAVID HUME
Von den skeptischen und
anderen Systemen der Philosophie

[ 1 / 4 ]

"Sollte mich nun aber jemand fragen, ob ich einer jener Skeptiker bin, welche dafür halten, alles sei ungewiß, unser Urteilsvermögen besitze in keiner Sache und in keinerlei Weise einen gültigen Maßstab für Wahrheit und Unwahrheit, so würde ich antworten, diese Frage ist vollkommen überflüssig; weder ich noch irgend sonst jemand ist jemals aufrichtig und konsequent dieser Meinung gewesen. Die Natur nötigt uns mit absoluter und unabwendbarer Notwendigkeit, Urteile zu fällen, ebenso wie sie uns nötigt zu atmen und zu empfinden."

Erster Abschnitt
Vom Skeptizismus in
Bezug auf die Vernunft

In allen demonstrativen Wissenschaften sind die Regeln sicher und untrüglich; wenn wir sie aber anwenden, so läßt uns die geringe Sicherheit und Zuverlässigkeit in der Funktion unserer geistigen Vermögen leicht von ihnen abweichen und damit in Irrtümer verfallen. Wir müssen deshalb bei jeder Schlußfolgerung dafür Sorge tragen, daß wir unser erstes Urteil oder unseren ersten Akt der Zustimmung durch neue Urteile prüfen oder kontrollieren. Wir müssen schließlich eine allgemeinere Betrachtung anstellen und eine Art Statistik all der Fälle aufnehmen, in denen unser Verstand uns getäuscht hat, um sie mit denen zu vergleichen, in welchen sich sein Zeugnis als zutreffend erwiesen hat. Unsere Vernunft muß als eine Art Ursache angesehen werden, deren natürliche Wirkung die Wahrheit ist; zugleich aber müssen wir annehmen, diese Wirkung kann vermöge der Dazwischenkunft anderer Ursachen und der Unbeständigkeit in der Funktion unserer geistigen Kräfte gelegentlich vereitelt werden. Damit schlägt alles Wissen in bloße Wahrscheinlichkeit um. Diese Wahrscheinlichkeit ist größer oder geringer, je nach unseren Erfahrungen über die Zuverlässigkeit oder Trüglichkeit unseres Verstandes und je nach der Einfachheit oder Schwierigkeit der Frage, um die es sich handelt.

Es gibt keine Algebraisten oder Mathematiker, der so sicher in seiner Wissenschaft wäre, daß er in die gefundene Wahrheit unmittelbar volles Vertrauen setzen würde, oder sie von vornherein als etwas anderes betrachtete, denn als bloße Wahrscheinlichkeit. Jedesmal, wenn er seine Gründe von Neuem durchgeht, wächst sein Vertrauen; noch mehr gewinnt es durch die Zustimmung sein Freunde; es wird schließlich zur höchsten Vollkommenheit erhoben durch die allgemeine Zustimmung und den Beifall der wissenschaftlichen Welt. Nun ist offenbar diese allmähliche Zunahme der Gewißheit nichts als ein Zuwachs an immer neuen Wahrscheinlichkeitsmomenten; und dieser Zuwachs stammt jedesmal aus einer konstanten Verbindung von Ursachen und Wirkungen, wie sie vorher gemachte Erfahrungen und Beobachtungen aufzeigten.

In Rechnungen von einiger Länge oder Wichtigkeit vertrauen Kaufleute, wenn sie ihrer Sache gewiß sein wollen, nicht leicht der untrüglichen Sicherheit der Zahlen, sondern suchen durch die Anwendung eines künstlichen Rechnungssystems einen Grad der Wahrscheinlichkeit zu gewinnen,der über denjenigen hinausgeht, den die Geschicklichkeit und Geübtheit des Rechnenden (unmittelbar) gewährleistet. Denn auch diese Geschicklichkeit und Geübtheit kann ansich nur Wahrscheinlichkeit ergeben, zugleich eine schwankende und veränderliche, je nach dem Maß der Übung und der Länge der Rechnung. Wenn nun (demgemäß) niemand meinen kann, daß bei langen Zahlenexempeln unsere Gewißheit die bloße Wahrscheinlichkeit übersteigt, so darf ich getrost behaupten, daß es kaum eine Aussage über Zahlen überhaupt gibt, bei der eine höhere Stufe der Sicherheit erreicht werden könnte. Denn leicht läß sich durch eine allmähliche Verkleinerung der Zahlenreihe das längste Additionisexempel auf die einfachste Aufgabe, die überhaupt gestellt werden kann, die Addition zweier einzelner Zahlen, reduzieren. Aufgrund hiervon müssen wir den Versuch, genaue Grenzen zwischen Wissen und Wahrscheinlichkeit festzustellen etwa die bestimmte Zahl zu bezeichnen, bei welcher das Wissen endet und die Wahrscheinlichkeit beginnt, für unmöglich erklären. Wissen und Wahrscheinlichkeit sind aber so entgegengesetzter und so sehr einander widerstreitender Natur, daß sie wohl nicht unmerklich ineinander übergehen können; sie können dies nicht, weil sie sich nicht teilen lassen, also entweder ganz und gar vorhanden sein oder ganz und gar fehlen müssen. Zudem müßte ja auch, wenn eine einzelne Addition (unbedingt) gewiß wäre, jede es in gleicher Weise sein; und damit gewänne auch das Ganze oder die Summe Gewißheit; da das Ganze nicht von der Gesamtheit seiner Teile verschieden sein kann. - (Es gibt also im Grunde gar keine unbedingte Gewißheit). Fast hätte ich gesagt, es ist (unbedingt) gewiß, daß es sich so verhält. Ich besinne mich aber noch zu rechter Zeit, daß das Ergebnis der soeben angestellten Überlegung, indem es jeden beliebigen Vernunftschluß auf die Stufe der Wahrscheinlichkeit herabsinken läßt, auch sich selbst auf diese Stufe herabdrückt, daß es also, ebensogut wie jedes Wissen, in bloße Wahrscheinlichkeit umschlägt.

Ist es nun so, daß sich alles Wissen in Wahrscheinlichkeit auflöst, also schließlich mit der Art der Gewißheit, die uns im gewöhnlichen Leben genügen muß, gleichartig erscheint, so müssen wir jetzt die Schlüsse des gewöhnlichen Lebens untersuchen, um zu sehen, wie es mit dem Grund ihrer Gewißheit bestellt ist.

Wenn wir Urteile fällen, mögen sie dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitserkenntnis oder dem des Wissens angehören, so sollten wir stets das erste, aus der Betrachtung des Gegenstandes gewonnene Urteil aufgrund eines anderen, das sich aus der Betrachtung unseres Verstandes ergibt, berichtigen. Gewiß darf, und wird auch in der Regel ein Mensch von gesundem Verstand und reicher Erfahrung größeres Vertrauen in seine Meinungen setzen, als der Törichte und Unwissende. Unsere Urteile haben, auch in unseren eigenen Augen, verschiedene Geltung, je nach dem Maß unserer Denkfähigkeit und Erfahrung. Aber auch bei einem Menschen, der den besten Verstand und die reichste Erfahrung besitzt, ist diese Geltung niemals eine absolute; auch er muß sich vieler Irrtümer, die er begangen hat, bewußt sein, also fürchten, daß ihm ebensolche auch in der Zukunft begegnen werden. Hieraus nun entsteht eine neue Art des Wahrscheinlichkeitsbewußtseins, das das ursprünglich vorhandene zu berichtigen und zu regulieren und einen Maßstab für die Beurteilung des Grades seiner Gewißheit an die Hand zu geben geeignet ist. Wie die Demonstration der Kontrolle durch eine Wahrscheinlichkeitserkenntnis fähig ist, so ist wiederum die Wahrscheinlichkeitserkenntnis einer Korrektur durch eine nach innen gerichtete Tätigkeit des Geistes zugänglich, eine Tätigkeit des Geistes, bei der die Natur unseres Verstandes und die Schlüsse, die wir zunächst aus einer gegebenen Wahrscheinlichkeit gezogen haben, ihrerseits Objekte unseres Nachdenkens werden.

Nachdem wir so in jeder Wahrscheinlichkeitserkenntnis neben dem Moment der Ungewißheit, das durch den Gegenstand bedingt ist, ein neues Moment der Ungewißheit gefunden haben, das aus der Schwäche des urteilenden Vermögens stammt; nachdem wir dann erkannt haben, wie diese beiden Momente sich zueinander verhalten, nötigt uns jetzt unsere Vernunft ein neues Zweifelsmoment hinzuzufügen, das darin begründet liegt, daß wir möglicherweise auch in dem Urteil irren, das wir uns über die Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit unserer geistigen Vermögen machen. Dies ist ein Zweifel, der uns unmittelbar aufstößt und hinsichtlich dessen wir, wenn wir den Forderungen unserer Vernunft völlig nachkommen wollten, notwendig zu einer Entscheidung gelangen müßten. Diese Entscheidung hätte aber wiederum nur den Wert einer Wahrscheinlichkeitserkenntnis; sie müßte darum, möchte sie auch dem Urteil, auf das sie sich bezieht, durchaus günstig sein, die ursprüngliche Gewißheit noch mehr schwächen; sie müßte dann selbst wiederum eine Abschwächung erfahren durch einen vierten Zweifel von gleicher Art und so weiter in infinitum, bis am Ende nichts mehr von der ursprünglichen Wahrscheinlichkeit übrig bleibt, mögen wir uns diese Wahrscheinlichkeit ansich noch so groß und die Verirrung durch jedes neue Moment der Ungewißheit noch so klein denken. Kein endliches Objekt kann ja einer unendlich oft wiederholten Verminderung standhalten; das höchste Maß der Gewißheit, dessen menschliche Vernunft fähig ist, muß auf diese Weise schließlich auf nichts reduziert werden. Unser ursprünglicher Glaube kann noch so stark sein, er muß unfehlbar zugrunde gehen, wenn er durch so mancherlei neue und immer neue Zweifel hindurchgeht, von denen jeder seine Stärke und Kraft um einen Bruchteil vermindert. Denke ich an die natürliche Trüglichkeit meines Urteils, so habe ich weniger Zutrauen zu meinen Meinungen, als wenn ich nur die Ungewißheit der Objekte ins Auge fasse; und gehe ich noch weiter und mache die Schätzung der Zuverlässigkeit meiner geistigen Vermögen wieder zum Gegenstand einer neuen Prüfung und so weiter, so ergibt sich daraus nach allen Regeln der Logik eine stetige Verminderung und zuletzt ein vollkommenes Erlöschen des Glaubens und der Gewißheit.

Sollte mich nun aber jemand fragen, ob ich selbst dieser Beweisführung, die eindringlich zu machen ich mir scheinbar so viel Mühe gebe, aufrichtig zustimme, ob ich also wirklich einer jener Skeptiker bin, welche dafür halten, alles sei ungewiß, unser Urteilsvermögen besitze in keiner Sache und in keinerlei Weise einen gültigen Maßstab für Wahrheit und Unwahrheit, so würde ich antworten, diese Frage ist vollkommen überflüssig; weder ich noch irgend sonst jemand ist jemals aufrichtig und konsequent dieser Meinung gewesen. Die Natur nötigt uns mit absoluter und unabwendbarer Notwendigkeit, Urteile zu fällen, ebenso wie sie uns nötigt zu atmen und zu empfinden. Wir können ebensowenig verhindern, daß gewisse Gegenstände vermöge ihrer gewohnheitsmäßigen Verbindung mit einem gegenwärtigen Eindruck in unserem Bewußtsein kräftiger und voller beleuchtet erscheinen, als wir uns enthalten können, zu denken, solange wir wach sind, oder die Körper um uns herum zu sehen, wenn wir bei hellem Sonnenschein unsere Augen auf sie richten. Hat sich je einer die Mühe gegeben, die Spitzfindigkeiten eines solchen gänzlichen Skeptizismus zu widerlegen, so hat er in der Tat ohne Gegner gestritten und durch Argumente ein Vermögen im Menschen festzustellen versucht, das die Natur lange vorher dem Geist eingepflanzt und zu seinem unvermeidlichen Besitztum gemacht hat.

Wenn ich trotzdem die Argumente jener phantastischen Sekte so sorgfältig darlege, so ist meine Absicht nur die, den Leser von der Wahrheit meiner Annahme zu überzeugen, daß alle Schlußfolgerungen, die Ursachen und Wirkungen betreffen, lediglich auf Gewohnheit beruhen und daß das Glauben viel eigentlicher dein Akt des fühlenden als des denkenden Teils unserer Natur ist. Ich habe hier gezeigt, daß genau dieselben Prinzipien, nach denen wir in irgendeiner Sache ein entscheidendes Urteil fällen und wiederum diese Entscheidung anhand der Betrachtung unseres Geistes, unserer geistigen Vermögen und der geistigen Verfassung, in der wir uns bei der Untersuchung jenes Gegenstandes befanden, korrigieren; ich sage, ich habe gezeigt, daß diese nämlichen Prinzipien, wenn sie weiter befolgt und auch auf das nach innen gerichtete, unsere geistige Tätigkeit betreffende Urteil immer wieder angewandt werden, die Gewißheit unseres Urteils beständig vermindern und so schließlich das ganze Urteil auf nichts reduzieren, also jeden Glauben und jedes Meinen vollständig vernichten müssen. Danach müßte der Glauben, wenn er ein einfacher Denk-(Vorstellungs-)Akt wäre, nicht zugleich eine bestimmte Art, die Vorstellung eines Objektes zu vollziehen, insbesondere keine Steigerung der Stärke und Lebhaftigkeit des Vorstellens, sich unfehlbar selbst vernichten und jedesmal in einer vollkommenen Aufhebung des Urteils enden. Da umgekehrt die Erfahrung jeden, der den Versuch für der Mühe wert hält, genugsam überzeugt, daß er fortfährt in der gewöhnlichen Weise zu glauben, zu denken und Urteile zu fällen, auch wenn er in der oben gegebenen Darlegung (der mancherlei Gründe des Zweifels) keinen Fehler finden kann, so dürfen wir daraus getrost entnehmen, daß unser Schließen und Glauben in einem Gefühl oder in einer Art des Vorstellens besteht, welche durch bloße Vorstellungen und Reflexionen nicht zerstört werden können.

Es könnte nun freilich die Frage aufgeworfen werden, ob sich nicht auch unter der Voraussetzung meiner Hypothese aus den oben dargelegten Argumenten ein vollständiger Verzicht auf jedes Urteil ergeben muß, oder in welcher Weise dem Geist durch sie irgendein Grad an Gewißheit irgendeinem Gegenstand gegenüber gewährleistet werden kann? Denn da jene neuen Momente eines bloßen Wahrscheinlichkeitsbewußtseins, die durch ihre Wiederholung die ursprüngliche Gewißheit beständig vermindern, auf denselben Prinzipien, sei es nun des Denkens oder des Gefühls, beruhen wie das ursprüngliche Urteil, so könnte es scheinen, daß sie das Urteil in beiden Fällen in gleicher Weise umstoßen, und dadurch, daß sie ihm widerstreitende Gedanken oder Gefühle erwecken, den Geist in einen Zustand vollkommener Ungewißheit versetzen müßten. Angenommen, irgendeine Frage sei gestellt. Nachdem ich die Eindrücke meiner Erinnerung und meiner Sinne hin und her betrachtet und meine Gedanken von ihnen auf solche Dinge gerichtet habe, die gewöhnlich mit ihnen verbunden waren, habe ich ein Gefühl der größeren Stärke und Aufdringlichkeit des Vorstellens, wenn ich diese als wenn ich beliebige andere Objekte vorstelle. In dieser stärkeren Vorstellungsweise besteht mein erstes Urteil. Jetzt prüfe ich mein Urteilsvermögen. Da mich die Erfahrung lehrt, daß es bisweilen richtig urteilt, bisweilen irrt, so betrachte ich es als von entgegengesetzten Faktorn oder Ursachen beeinflußt, von denen einige zur Wahrheit, andere zum Irrtum führen. Indem ich diese einander entgegenwirkenden Ursachen gegen einanader abwäge, vermindere ich durch ein neues Moment der bloßen Wahrscheinlichkeit die Gewißheit meines ersten Urteils. Diese neue Wahrscheinlichkeit unterliegt derselben Verminderung wie die vorige usw. in infinitum. Dies rechtfertig die Frage, wie es kommt, daß wir trotz allem noch zu unseren Urteilen soviel Vertrauen haben, als in der Philosophie sowohl wie im gewöhnlichen Leben für unsere Zwecke erforderlich ist.

Ich antworte darauf: Da nach dem ersten und zweiten Urteil die Tätigkeit des Geistes eine erzwungene und unnatürliche ist und die Vorstellungen anfangen schwach und verwischt zu werden, so mögen immerin die Prinzipien unseres Urteilens, insbesondere die Art wie einander entgegenstehende Gründe (im Geiste) sich entgegenwirken, dieselben bleiben, wie bei jenen ersten Urteilen; die Wirkung all dieser Momente auf die Einbildungskraft, der Nachdruck, den sie den Vorstellungen geben oder nehmen, ist doch keineswegs der gleiche. Wo dem Geist seine Objekte nicht bequem und leicht erreichbar sind, haben die gleichen Faktoren nicht die gleiche Wirkung wie dann, wenn die vorgestellten Objekte in natürlicherer Weise von ihm erfaßt werden könnten; es ergibt sich in jenem Fall für die Einbildungskraft kein Gefühl, das den Vergleich aushielte mit demjenigen, das sonst ihre Urteile und Meinungen begleitet. Die Aufmerksamkeit ist überangespannt, der Geist ist in einem Zustand inneren Zwangs und die Lebensgeister, von ihren natürlichen Wegen abgelenkt, werden in ihren Bewegungen nicht von denselben Antrieben beherrscht, oder werden zumindest von diesen Antrieben nicht in gleichem Maß beherrscht, als wenn sie in ihren gewöhnlichen Kanälen dahinströmten.

Es ist nicht schwer hierfür Analogien zu finden, wenn solche erwünscht sind. Die metaphysischen Untersuchungen, die wir hier anstellen, können uns dieselben reichlich darbieten. Eine Art des Argumentierens, die in einem historischen oder politischen Gedankenzusammenhang für überzeugend gehalten würde, hätte in diesen abstrakteren Dingen geringe oder gar keine Kraft, selbst wenn sie vollkommen verstanden würde. Dies darum, weil hier zu ihrem Verständnis geistige Arbeit und angestrengtes Denken erforderlich wäre; ein solches angestrengtes Denken aber die Wirksamkeit der Gefühle, auf denen der Glaube beruth, stört. Analoges ist auf anderen Gebieten der Fall. Eine angespannte Tätigkeit der Einbildungskraft hindert allemal den regelmäßigen Verlauf der Affekte und Gefühle. Ein Trauerspieldichter, der seine Helden in ihrem Mißgeschick als sehr geistreich und witzig darstellen wollte, würde nie auf unsere Affekte zu wirken vermögen. So wie gemütliche Erregungen jedes eingehendere Überlegen und Nachdenken hindern, so sind umgekehr die letzteren Tätigkeiten des Geistes nachteilig für die ersteren. Der Geist scheint ebensowohl wie der Körper mit einem bestimmten Maß an Kraft und Aktivität begabt zu sein, die er in einer einzelnen Handlung immer nur verwirklichen kann auf Kosten aller übrigen. Die Wahrheit dieser Behauptung tritt noch evidenter zutage, wenn die Handlungen von ganz verschiedener Natur sind, da in diesem Fall die verschiedenen Handlungen nicht nur eine Ablenkung der geistigen Kraft, sondern auch eine Änderung der geistigen Disposition erfordern. Dieser Umstand macht, daß wir unfähig sind, von einer Handlung plötzlich zu einer anderen überzugehen, und in noch höherem Maß, beide zu gleicher Zeit zu vollziehen. Kein Wunder also, wenn auch die Überzeugung, die durch eine schwierige Gedankenfolge hervorgerufen wird, abnimmt, im Verhältnis zu den Anstrengungen, welches es die Einbildungskraft kostet, eine Gedankenfolge zu durchlaufen und in allen ihren Teilen zu erfassen. Da der Glaube ein lebhaftes Erfassen ist, so kann er niemals vollkommen sein, wo er nicht auf einer natürlichen und leichten Gedankenfolge beruth.

Dies halte ich für die wahre Sachlage. Nicht billigen kann ich dagegen jene schnellfertige Art, die einige gegenüber den Skeptikern üben, ich meine jene Art, die Argumente derselben ohne Untersuchung oder Prüfung einfach abzuweisen. Wenn skeptische Schlüsse überzeugend sind, sagt man, so ist dies ein Beweiß, daß die Vernunft nicht ohne Kraft und Autorität ist; wenn sie nicht überzeugend sind, so können sie nicht genügen, die Schlüsse des Verstandes zu entkräften. Dieses Argument ist nicht stichhaltig. Vielmehr müßten die skeptischen Schlüsse, wenn sie überhaupt existieren könnten und nicht an ihrer eigenen Subtilität zugrunde gingen, nacheinander bald überzeugend sein, bald nicht, je nach den wechselnden Verfassungen des Geistes. Die Vernunft erscheint zunächst als die Herrscherin auf dem Thron, mit absoluter Macht und Autorität Gesetze vorschreibend und Grundsätze aufstellend. Darum begibt sich auch ihr Feind notgedrungen in ihren Schutz. Er verschafft sich durch die Geltendmachung vernünftiger Argumente für die Trüglichkeit und Beschränktheit gewissermaßen ein Patent, das von der Vernunft selbst ausgefertigt und mit ihrem Siegel versehen ist. Dieses Patent hat dann zunächst eben das Ansehen, das dem ursprünglichen und unmittelbaren Ansehen der Vernunft entspricht, von der es herstammt.

Da aber das Patent (in seiner Wirkung) gegen die Vernunft gerichtet ist, so vermindert es allmählich die Stärke dieser herrschenden Macht und damit zugleich seine eigene, bis zuletzt beide, regel- und ordnungsgemäß dahin schwindend, in nichts auflösen. Die skeptischen und die dogmatischen Vernunftgründe sind einander gleichwertig, obgleich sie sich in ihrer Wirksamkeit und ihrem Endzweck entgegenstehen; es haben also die letzteren, solange sie mächtig sind, einen Feind von gleicher Stärke in den ersteren zu bekämpfen. Wie die Stärke beider anfänglich gleich groß ist, so bleibt sich auch gleich groß, solange beide überhaupt standhalten; es können in diesem Widerstreit weder die einen noch die anderen an Stärke verlieren, ohne ihrem Gegner das gleiche Maß der Stärke zu rauben. Es ist deshalb gut, daß die Natur beizeiten die Stärke aller skeptischen Argumente bricht und sie verhindert, einen erheblichen Einfluß auf den Verstand auszuüben. Es wäre übel, wenn wir alle Hoffnung auf ihre Selbstvernichtung setzen wollten; denn diese kan nicht stattfinden, wenn nicht zuvor durch die skeptischen Argumente jede Überzeugung überhaupt vernichtet und die menschliche Vernunft vollkommen zerstört ist.
LITERATUR: David Hume, Traktat über die menschliche Natur [in deutscher Bearbeitung von THEODOR LIPPS] Bd. I, Hamburg und Leipzig 1904.