tb-1cr-2von AsterHerbartH. RickertP. Sternvon Malottki    
 
HEINRICH RICKERT
Die Methode der Philosophie
und das Unmittelbare

[Eine Problemstellung]
[2/2]

"Was heißt es, daß ein Wort etwas anderes, als es selbst ist,  bezeichnet? Wie kommt ein  Wort zu dieser Fähigkeit? Das bedarf doch der Erklärung. Die angedeutet Theorie wird erst verständlich, wenn sie sagen will, das Wort veranlasse  uns, die wir es wahrnehmen, dazu, an etwas anderes als das Wort zu denken, und das Wort, weil es das tut, zur Bezeichnung dieses anderen zu  gebrauchen. Vorausgesetzt ist dabei also ein Subjekt, das etwas anderes als das Wort mit dem Wort  meint. Erst wenn wir ein  Ich  oder seinen psychischen Akt  hinzudenken, können wir von  meinen reden und den Ausdruck  bezeichnen so verwenden, daß darunter soviel wie ein Hinweisen auf etwas zu verstehen ist. Das Wort selbst  meint streng genommen nichts. Es vermag auch als Wort nicht in dem Sinn auf etwas anderes, als es selbst ist,  hinzuweisen oder es zu  bezeichnen, wie ein Mensch etwas meint und es mit einem Wort bezeichnet."


IV. Wahrnehmbare
und verstehbare Zustände

Wissenschaft knüpft an schon geleistete Denkarbeit an. Ihr Beginn setzt vorwissenschaftliche Kenntnisse voraus, und die spätere Forschung benutzt die Einsichten der wissenschaftlichen Vorgänger. Das vor allem unterscheidet den Fachmann vom Dilettanten. Weil in der Philosophie das Suchen nach den letzten Elementen der Erkenntns im Interesse möglichst großer Voraussetzungslosigkeit nichts weniger als neu ist, dürfen wir annehmen, daß schon früher Gedanken entwickelt wurden, die auch für die Feststellung des Unmittelbaren in seiner Zuständlichkeit brauchbar zu machen sind.

Um an sie anknüpfen zu können, scheiden wir in ihnen zwei einander entgegengesetzte Richtungen. Die eine ging vom  Denken  aus, die andere von der  Erfahrung Die eine stieß dabei auf das, worauf alle Vermittlung beruth, und was insofern ein Letztes genannt werden kann, als darin die elementarsten  Formen  der Erkenntnis begründet sind. Die andere Richtung wendete ihre Aufmerksamkeit mehr dem  Inhalt  zu und war, soweit sie das tat, mit dem beschäftigt, was unmittelbar durch Anschauung oder Intuition erfaßt wird. Der  Rationalismus  ist mehr für die Gegenstandstheorie wichtig, die es mit den formalen Voraussetzungen der Erkenntnis zu tun hat, während die Zustandslehre, wie wir sie verstehen, Fühlung mit dem  Empirismus  suchen wird. Er kann als die philosophische Richtung bezeichnet werden, die bevor KANT das bis dahin übersehene Problem im Begriff der  Erfahrung  aufzeigte, mit dem meisten Erfolg das ohne eine Vermittlung des Denkens in die Erkenntnis eingehende Anschauliche zu Bewußtsein zu bringen suchte, um dessen Herrschaft in der Wissenschaft so weit wie möglich auszudehnen.

Mit dem vorkantischen Empirismus lassen auch wir hier das Rationale im üblichen Sinn des Formalen nach Möglichkeit beiseite. Das Zuständliche muß im Gebiet der irrationalen, denkunberührten Erfahrung des Inhalts liegen. Freilich ist auch nach dem Zuständlichen des Denkens selbst oder nach der Erfahrung des Rationalen zu fragen, ja das Unmittelbare in der Verstandeserkenntnis kann für unseren Gedankengang von entscheidender Bedeutung werden. Zunächst jedoch knüpfen wir an den Empirismus an und dürfen hoffen, dadurch weiter zu kommen, denn schon er hatte ein Interesse daran, das zu finden, was uns interessiert: den Inhalt der Anschauung oder Intuition in seiner denkunberührten Unmittelbarkeit.

Von den Empiristen früherer Zeiten besitzt HUME heute noch einen Einfluß, der sich weit über die eigentliche und sich selbst so nennende Erfahrungsphilosophie hinaus erstreckt, ja sogar dort zu spüren ist, wo man das empiristische  Prinzip  als unzulänglich radikal bekämpft. Denker, die eingesehen haben, weshalb Wissenschaft niemals allein durch Erfahrung im Sinne HUMEs zustande kommt, sind trotzdem geneigt, jene Erkenntnisfaktoren, die  nicht  aus dem Denken und seinen Formen stammen, so, wie HUME es getan hat, zu bestimmen. Es wird dann von ihnen ein nur  formaler  Rationalismus vertreten. In dieser Hinsicht blieb auch KANT von HUME abhängig. Zwar drang er in Bezug auf das durch Formen Vermittelte an der Erkenntnis weiter vor als irgendein früherer Philosoph. Er entdeckte dort Kategorien des Denkens, wo HUME es, wie z. B. bei der zeitlichen Aufeinanderfolge von sinnlichen Zuständen, mit reiner Erfahrung zu tun zu haben glaubte. Aber den nach Abzug aller Formen übrig bleibenden Inhalt oder den denkunberührten Stoff der Wissenschaft sah er als ein "Gewühl" an, das sich in seiner unmittelbaren Gegebenheit mit Begriffen HUMEs erschöpfend charakterisieren läßt. Ja, der Umstand, daß nach Abzug aller Formen lediglich ein solches Gewühl übrig bleibt, war ihm ein Argument für die Richtigkeit seiner Lehre, und darin sind ihm viele Philosophen bis heute gefolgt, selbst wenn sie sonst jede Übereinstimmung mit HUMEs Prinzipien weit von sich weisen. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, daß die Zustandslehre an HUME anknüpft. Läßt sich nämlich zeigen, daß bei ihm nicht nur der Begriff der Erkenntnisform oder des Rationalen unzulänglich bleibt, sondern daß auch der Begriff des unmittelbar anschaulichen Erkenntnisstoffes viel zu eng gefaßt ist, oder daß es intuitiv erlebte Zustände gibt, die HUME völlig übersah, so dürfte das einen prinzipiellen Fortschritt in der Philosophie des Unmittelbaren bedeuten.

HUME fand bekanntlich das theoretische Universum im Inbegriff der  Perzeptionen  oder  Impressionen  und der  Ideen  als deren Kopien. Oft hat man hervorgehoben, daß er kein Skeptiker sein wollte. Er war, wie mit Recht gesagt worden ist, der Absicht nach Impressionist. Zur Skepsis wurde er nur dort getrieben, wo die Wissenschaften mit Sinneseindrücken und ihren Derivaten nicht auskommen, sondern Denkformen brauchen, die aus Perzeptionen nie abzuleiten sind. Jedenfalls  wollte  HUME überall der Erfahrung zu ihrem Recht verhelfen, und da sich die ganze theoretische Welt für ihn aus Impressionen und deren Kopien aufbaute, mußte er festzustellen suchen, welche Wahrnehmungen es sind, die von den wissenschaftlichen Ideen abgebildet werden. Wo ein Verhältnis des Abbildes nicht zu konstatieren war, konnte er nur  Fiktionen  sehen. Damit vertrat er implizit eine Zustandslehre, die alles Unmittelbare den Sinneseindrücken oder ihren Derivaten gleichsetzt, und die zugleich eine allgemeine Lehre vom Sein der Welt überhaupt auf dem Boden des Impressionismus zu geben beanspruchte.

Nun kann man sich von HUME dadurch weit entfernen, daß man sich weigert, das Seiende nur im Wahrnehmbaren zu finden, und ebenso dadurch, daß man dem Denken und seinen Vermittlungen eine prinzipiell andere theoretische Bedeutung als er beilegt. Trotzdem ist es möglich, daß man dabei auf dem Boden von HUMEs Zustandslehre bleibt. Man sieht dann in den Impressionen und ihren Derivaten zwar nur die eine Seite der Erkenntnis, ja schreibt ihnen eventuelle eine untergeordnete theoretische Rolle zu. Aber man hält dennoch an ihnen als dem einzigen unmittelba gegebenen  Stoff  der Wissenschaft unverändert fest. Diese Ansicht dürfte recht verbreitet sein, ja viele geradezu als selbstverständlich gelten. Ist sie durchführbar?

Wenn wir so fragen, kritisieren wir HUME also nicht in der Weise, wie KANT es getan hat. Daß die Wissenschaft mit der anschaulichen Erfassung von Sinneseindrücken nicht auskommt, weil sie nicht allein intuitiv, sondern diskursiv verfährt und dabei Konstruktionen braucht, die sich als Kopien von Impressionen nie begreifen lassen, können wir voraussetzen. Das interessiert uns aber in diesem Zusammenhang weiter nicht. Wir wollen vielmehr wissen, ob sich uns nicht mit unzweifelbarer Ursprünglichkeit rein zuständliche, völlig denkunberührte Anschauungen aufdrängen, die deshalb jedem Versuch spotten, sie als Impressionen oder deren Derivate zu bestimmen, weil sie in ihrer inhaltlichen Beschaffenheit, schon als Stoff der Erkenntnis, von allen Sinneseindrücken und deren Kopien prinzipiell verschieden sind. Wir fragen mit anderen Worten, ob nicht im denkunberührten Material der Wissenschaft  Unsinnliches unmittelbar in der Anschauung  gegeben ist. Diese Frage dürfte, falls man sie überhaupt stellt, auch von solchen Denkern verneint werden, die sonst allem Sensualismus fern stehen. Sie glauben, im reinen  Inhalt  ihrer Erlebnisse nur  sinnliche  Zustände zu bemerken, und setzen dann notwendig alles Unsinnliche auf die Rechnung der  Form. 

Wir können diesen weitverbreiteten Standpunkt als Sensualismus des reinen Inhalts oder der  prote hyle  oder kurz als  hyletischen Sensualismus  bezeichnen (4). Bei dem Versuch, ihn zu überwinden, empfiehlt es sich, zunächst darauf zu reflektieren, warum der unsinnliche Stoff, auf den wir die Aufmerksamkeit lenken wollen, leicht übersehen, ja geleugnet wird. Vor allem ist dabei wohl maßgebend, daß man die Sinnesorgane für den einzigen Weg hält, auf dem  von außen  her, also ohne eine Vermittlung des Denkens, uns etwas zum Bewußtsein kommen kann, und dagegen läßt sich in gewisser Hinsicht auch nichts einwenden. Alles Erkennbare, das wir nicht selbst produzieren, tritt in der Tat zeitlich  zusammen  mit sinnlichen Zuständen auf. Ist es darum auch notwendig mit ihnen identisch? Solange man sich nicht die Frage vorlegt, ob mit den Sinneseindrücken zeitlich verbunden nicht noch etwas anderes unmittelbar gegeben ist, das sich prinzipiell von ihnen unterscheidet, muß man glauben, erst das Denken mache durch seine Vermittlung aus dem unmittelbar Angeschauten etwas Unsinnliches, und das Unmittelbare selbst könne nur sinnlich sein. Unter dem Einfluß solcher Voraussetzungen wird es aber zu einer  unbefangenen  Auffassung des Unmittelbaren nicht kommen. Man identifiziert es dann von vornherein mit dem sinnlichen Stoff, mit dem es zeitlich zusammen gegeben ist.

Daß hier ein Irrtum vorliegt, zeigen wir zuerst an einem besonderen Fall. Wir fragen, was das Unmittelbare am  Denken  selbst ist, und zwar nehmen wir das Gedachte in seiner primitivsten Gestalt, die überall dort vorliegt, wo wir irgendeinen Satz, ja nur ein einzelnes Wort, in seiner Bedeutung umittelbar verstehen. Ist es möglich, auch nur den zuständlichen Inhalt des dabei von uns Gedachten als rein sinnlich zu kennzeichnen? Zeigt nicht vielmehr die protophysische Betrachtung schon hier etwas  Unsinnliches,  das wir unmittelbar anschaulich oder intuitiv erfassen?

Wenn jemand das vorliegende Blatt liest, sieht er auf dem weißen Papier schwarze Buchstaben und zugleich die Worte  schwarz  und  weiß  als schwarze sinnliche Bilder auf einem weißen, sinnlichen Grund. Alles, was er inhaltlich  wahrnimmt,  ist dann schwarz und weiß, und das rein Zuständliche daran muß auch protophysisch rein sinnlich genannt werden, wenn man es überhaupt kennzeichnen will. Es ist ein sinnlicher Inhalt sinnlicher Gegenstände. Kann aber deshalb jemand behaupten, alles unmittelbar erfaßte Zuständliche  erschöpft  sich in diesem Fall im sinnlich Wahrgenommenen? Gewiß nicht. Es taucht vielmehr zusammen mit den sinnlichen Wortbildern etwas von ihnen prinzipiell Verschiedenes auf, das wir trotzdem ebenso unmittelbar wie das Sinnliche erfassen, sobald wir bei den Worten irgendetwas  denken.  Wir nennen das so Erfaßte eine  Wortbedeutung und wie sehr diese sich von den wahrgenommenen Wortbildern unterscheidet, ergibt sich schon daraus, daß genau dieselben Bedeutungen auftauchen und gedacht werden können, wenn wir die Worte  schwarz  und  weiß  nicht sehen, sondern hören. Niemand wird sagen, die mit einem optischen ebenso wie mit einem akustischen Eindruck verbundene Bedeutung  weiß  und  schwarz  sei selber ein Sinneseindruck von der Art wie das gesehene Weiß oder Schwarz oder das gesehene oder gehörte sinnliche Wort. Ein prinzipieller Unterschied ist hier nicht zu leugnen. Ja man sollte meinen, die Tatsache, daß Wortbedeutungen weder sichtbar noch hörbar sind, und daß man sie trotzdem beim Denken unmittelbar versteht, sei so selbstverständlich, daß sie nicht erst ausdrücklich konstatiert zu werden braucht. Ein Nominalismus, der unmittelbar verstandene Wortbedeutungen mit sinnlich wahrgenommenen Wortbildern identifiziert, ist absurd.

Hat man aus dieser Selbstverständlichkeit auch die notwendige Konsequenz gezogen? Folgt nicht schon daraus, daß es Zustände gibt, die in ihrer Unmittelbarkeit unsinnlich sind? Man wird, um den hyletischen Sensualismus zu retten, vielleicht sagen, sowohl das gesehene wie das gehörte Wort habe zwar eine unsichtbare und unhörbare Bedeutung, aber sie beweise für die Unsinnlichkeit eines unmittelbar gegebenen Inhalts oder Zustandes noch nichts, denn sie besteht lediglich darin, daß das Wort etwas anderes, als es selbst ist,  bezeichnet,  und falls dieses Andere zum sinnlich Wahrnehmbaren gehört, wie das bei der Wortbedeutung von  schwarz  und  weiß  nicht geleugnet werden kann, so sei damit die angebliche Unsinnlichkeit der Wortbedeutung mit Rücksicht auf ihren zuständlichen  Inhalt  auf etwas Sinnliches zurückgeführt oder als ein Derivat des Sinnlichen erwiesen.

Was haben wir dazu zu sagen? Wir wollen nicht bezweifeln, daß in solchen Sätzen etwas Richtiges gemeint sein kann, aber wir müssen die scheinbar so einleuchtende Behauptung doch etwas näher ansehen. Was heißt es, daß ein Wort etwas anderes, als es selbst ist,  bezeichnet?  Wie kommt ein  Wort  zu dieser Fähigkeit? Das bedarf doch der Erklärung. Die angedeutet Theorie wird erst verständlich, wenn sie sagen will, das Wort veranlasse  uns,  die wir es wahrnehmen, dazu, an etwas anderes als das Wort zu denken, und das Wort, weil es das tut, zur Bezeichnung dieses anderen zu  gebrauchen.  Vorausgesetzt ist dabei also ein Subjekt, das etwas anderes als das Wort mit dem Wort  meint.  Erst wenn wir ein Ich oder seinen psychischen Akt  hinzudenken,  können wir von  meinen  reden und den Ausdruck  bezeichnen  so verwenden, daß darunter soviel wie ein Hinweisen auf etwas zu verstehen ist. Das Wort selbst  meint  streng genommen nichts. Es vermag auch als Wort nicht in dem Sinn auf etwas anderes, als es selbst ist,  hinzuweisen  oder es zu  bezeichnen,  wie ein Mensch etwas meint und es mit einem Wort bezeichnet.

Die angedeutete Theorie führt also die Wortbedeutung darauf zurück, daß nicht das Wort, sondern ein Ich, welches seine Bedeutung versteht, sich mit dem Wort, woran sie haftet, auf etwas anderes, als das Wort ist, richtet. Von einer  Bedeutung des Wortes selbst ist dabei keine Rede. Wie sollte auch ein Wort etwas meinen oder auf etwas hinweisen und das Gemeinte mit sich selbst bezeichnen? Das wäre eine sonderbare Mythologie. Wir müssen vielmehr alles in das meinende, hinweisende und bezeichnende  Ich  verlegen, dem wir  Gegenstände  gegenüberstellen, und das sie auffaßt. Dann allein wird es verständlich, was es heißen soll, wenn man sagt, unsichtbare und unhörbare Bedeutungen besäßen die Worte  weiß  und  schwarz  nur insofern, als sie etwas Sichtbares bezeichnen, und damit sei die scheinbar unsinnliche Wortbedeutung auf etwas Sinnliches zurückgeführt.

Können wir uns dann aber nocht mit dieser subjektivistischen Theorie zufriedengeben? In unserem Zusammenhang, in dem wir nach dem Zuständlichen an der Wortbedeutung selbst fragen, offenbar nicht. Theorie benutzt jene Konstruktion, die das Unmittelbare in Subjekt und Objekt spaltet, und sie verläßt, indem sie in die Wortbedeutungen meinende, hinweisende und bezeichnende psychische Akte eines Subjekts und dessen Gegenstände hineinmischt, gänzlich das Gebiet des Zuständlichen oder  Unmittelbaren,  auf das es uns gerade in seiner unmittelbaren Zuständlichkeit ankommt. Den hier vollzogenen Sprung in das Gebiet des Vermittelten wollten wir ja bei der Einführung des Zustandsbegriffs ausdrücklich meiden, um unbefangen das vor Augen stehende Unmittelbare zu erfassen. Nicht der Umstand, daß ein zu den Wortbedeutungen  hinzugedachtes  Ich mit den Worten etwas meint und bezeichnet, interessiert uns, sondern nach dem  Zuständlichen der Wortbedeutungen selbst  fragen wir, die wir beim Verstehen unmittelbar erfassen, und darüber erhalten wir durch die Konstruktion eines Ich mit seinem meinenden psychischen Akt nicht den mindesten Aufschluß, ja hierin liegt nicht einmal eine formale Lösung des Problems, was die unhörbaren und unsichtbaren Wortbedeutungen ihrem zuständlichen Gehalt nach  sind. 

Die Frage ist also von vornherein anders zu stellen, als die angedeutete subjektivistische Wortbedeutungstheorie es will. Wie kommt es, daß ein Subjekt Worte zum Hinweisen auf etwas gebrauchen  kann?  Was taucht zusammen mit dem Wort auf und ermöglicht uns, es zur Bezeichnung von etwas zu verwenden? Dieses Element am Wort, das wir verstehen, und das es zur Bezeichnung brauchbar macht, nennen wir  Wortbedeutung und über sie selbst, nicht über das, was wir mit ihr machen, und wozu wir das Wort benutzen, an dem sie haftet, verlangen wir Aufschluß. Können wir ihren Gehalt dem anschaulichen Zustand nach, wie wir ihn unmittelbar erleben, zum Sinnlichen rechnen? Darauf allein kommt es hier an.

Wollen wir darüber Klarheit erhalten, so ist vor allem zu bemerken: mag auch das Wort nur zur Bezeichnung eines Sinnlichen verwendbar sein, so braucht doch darum seine Bedeutung in ihrer Zuständlichkeit nicht selbst als sinnlich zu gelten. Das ist vielmehr gerade die Frage, die wir zu stellen haben; verknüpft sich mit dem Wort nicht notwendig etwas, das deshalb nicht sinnlich sein kann, weil Sinneseindrücke als bloße Sinneseindrücke, ebenso wie bloß gesehene oder bloß gehörte Worte, stets bedeutungslos und unverständlich bleiben müssen? Wie sollten sinnliche Zustände die Worte, an denen sie haften, zur Bezeichnung von irgendetwas benutzbar machen? Ist nicht alles rein Sinnliche seinem Wesen nach unverständlich und daher bedeutungslos? Wer solche Fragen durch den Hinweis auf ein meinendes Ich für erledigt hält, läßt sich durch die Zweideutigkeit des Wortes  Bedeutung  täuschen. Ja die Behauptung, hörbare oder sichtbare Worte hätten lediglich deshalb unhörbare und unsichtbare Bedeutungen, weil sie etwas anderes  bedeuten,  als sie selber sind, spielt geradezu mit einem Doppelsinn.

Bedeutung  nennen  wir allerdings auch den Akt des Bedeutens, nicht allein den Gehalt dessen, was wir verstehen. Aber beides fällt nicht zusammen. Denselben Doppelsinn hat das Wort  Wahrnehmung und hier wird er meist sofort bemerkt. Mit Farbenwahrnehmungen können wir ebenfalls einmal den Akt des Wahrnehmens und das andere Mal die wahrgenommene Farbe meinen, und daß beide nicht dasselbe sind, sieht jeder leicht. Die Farbe ist als räumlich ausgedehntes Gebilde nie ein psychischer Akt. Denselben Unterschied von Akt und Gehalt sollte man beim Ausdruck  Bedeutung  machen. Dann wird klar: wie der zuständliche Gehalt der wahrgenommenen Farbe sich nicht zurückführen läßt auf den psychischen Akt, der ihn wahrnimmt, so wenig kann es gelingen, den zuständlichen Gehalt der Wortbedeutung, die wir verstehen, auf einen Akt des verstehenden Bewußtseins zurückzuführen. Sagt man: verstandene Wortbedeutungen seien ihrem zuständlichen Gehalt nach sinnlich, weil sie etwas Sinnliches  bedeuten,  so ist das entweder doppeldeutig oder gänzlich nichtssagend und erinnert im Übrigen an die berühmte Erklärung von der einschläfernden Kraft des Opiums in MOLIEREs Komödie.

Jedenfalls, auf solchen Wegen kommen wir nicht weiter, falls wir wissen wollen, was an den Wortbedeutungen  unmittelbar  als zuständlich angeschaut oder  intutitiv  erfaßt wird, und fragen, ob dieses Zuständliche sinnlich ist oder nicht. Wir müssen vielmehr von jedem Akt eines  bedeutenden,  d. h. meinenden und bezeichnenden Ich absehen und den zuständlichen Gehalt des Verstandenen für sich ins Auge fassen.

Doch wird man vielleicht auch dann noch versuchen, den hyletischen Sensualismus zu retten, indem man den Inhalt der verstandenen Wortbedeutung selbst auf den Gehalt von sinnlichen Wahrnehmungen zurückführt. Die Bedeutung des Wortes  weiß,  kann man sagen, sei zwar gewiß nicht weiß, gleiche aber trotzdem der gesehenen Farbe wie ein Abbild dem Original und bestehe demnach inhaltlich in nichts anderem als in einer farbenartigen, also inhaltlich sinnlichen  Vorstellung.  Damit würde man an Begriffen von HUME festhalten und hätte formal wenigstens, was sich von der vorher betrachteten Theorie nicht behaupten ließ, eine Antwort auf die hier zu stellende Frage. Man könnte dann weiter sagen, das Wort  weiß  sei zur Bezeichnung des wahrgenommenen Weiß deshalb zu gebrauchen, weil seine direkt unsichtbare Bedeutung das sichtbare Weiß kopiert und das scheint zumindest nicht von vornherein sinnlos.

Problematisch bleibt nur, ob wir wirklich, wenn wir Worte sehen oder hören und ihre Bedeutungen verstehen, auch Abbilder gerade dessen  vorfinden,  was von uns mit den Worten bezeichnet wird, oder ob nicht vielmehr bei der Abbildtheorie eine sensualistische Konstruktion vorliegt, die jeder unbefangenen Beobachtung des Unmittelbaren widerspricht. Man muß das Wort  Abbild  in einem sehr unbestimmten Sinn nehmen, falls man dieser Form des hyletischen Sensualismus zustimmen will, und dann ist mit der Charakterisierung der Wortbedeutungen als Abbilder sinnlicher Wahrnehmungen über die Sinnlichkeit ihres Gehaltes etwas  Bestimmtes  noch nicht gesagt. Es bleibt vielmehr alles in der Schwebe. Will man beweisen, daß das Zuständliche der Wortbedeutung  weiß  sinnlich ist, so muß man Bedeutung und Wahrnehmung miteinander vergleichen und dann die Gleichheit oder zumindest die Ähnlichkeit des in beiden unmittelbar erfaßten Zuständlichen aufzeigen können.

Ist das möglich? Solange man an einzelne Worte wie  schwarz  oder  weiß  denkt, mag in der Tat mit ihnen zusammen bisweilen etwas auftauchen, was mit dem zuständlichen Gehalt der durch sie bezeichnenden Wahrnehmungen vergleichbar und ihnen gleich oder ähnlich zu nennen ist. Die Behauptung aber, Worte verdanken ihre Bedeutung  grundsätzlich  dem Umstand, daß deren zuständliche Inhalte Abbilder sinnlicher Zustände sind, sollte man ernsthaft nicht mehr zu diskutieren brauchen. Schon oft hat man darauf hingewiesen, daß, wenn wir mehrere Worte schnell hintereinander verstehen, von einem Auftauchen sinnlicher Abbilder, in denen ein sinnlicher Zustand allein enthalten sein könnte, bei jedem einzelnen Wort keine Rede ist. Solche Abbilder gibt es nicht einmal dort, wo wir die Worte ausdrücklich auf sinnliche Wahrnehmungen beziehen. Verstandene Bedeutungen auch von Sinnlichem sind selber nicht sinnlich.

Was sollen wir vollends mit der sensualistischen Abbildtheorie machen, wo ein Wort zur Bezeichnung von etwas benutzt wird, das sich sinnlich gar nicht wahrnehmen läßt? Vielleicht entspricht dann der Wortbedeutung keine  Realität Das mag man zugeben. Aber darauf kommt es in diesem Fall gar nicht an. Selbst wenn wir mit dem Wort nichts Wirkliches bezeichnen, behält es doch seine Bedeutung, die auch, ja gerade ihrem inhaltlichen Zustand nach etwas prinzipiell anderes ist als das Wort selbst, und dieses Andere kann man in einem solchen Fall schon deshalb niemals in ein Abbild oder in irgendein Derivat sinnlicher Wahrnehmungen verlegen  wollen,  weil, falls das gelänge, es je falsch wäre, daß ein solches Wort sich wegen des Inhalts seiner Bedeutung zur Bezeichnung einer  Realität  nicht eignet. Worte, die sich nicht auf sinnliche Realitäten beziehen lassen, könnten nach der sensualistischen Abbildtheorie überhaupt keine verständlichen Bedeutungen haben. Doch es ist nicht nötig, daß wir die Konstruktionen des hyletischen Sensualismus im Einzelnen weiter verfolgen. Sie erweisen sich als undurchführbar, sobald man die Aufmerksamkeit auf das lenkt, dessen wir uns anschaulich oder intuitiv bemächtigen, und dann unbefangen festzustellen sucht, was wir an der Wortbedeutung unmittelbar als Inhalt erfassen. Dabei zeigt sich: inhaltliche Bedeutungen haben Worte erst, wenn mit ihnen Zustände verknüpft sind, die wir  nicht  wahrnehmen, trotzdem aber ebenso intuitiv und anschaulich erleben, wie wir Worte intuitiv oder anschaulich wahrnehmen, und die deshalb auch ihrem zuständlichen Inhalt nach  unsinnlich  zu nennen sind, weil dieser Inhalt sich nicht nur von dem der Worte Selbst, sondern ebenso vom Inhalt alles Sinnlichen, das mit den Worten aufgrund ihrer Bedeutungen von uns bezeichnet werden kann, prinzipiell unterscheidet. So wenig es gelingen wird, den verstehbaren Gehalt einer Wortbedeutung auf psychische Akte eines Subjekts zurückzuführen, welches mit den Worten etwas Sinnliches bezeichnet, so wenig läßt sich das, was wir an einem Wort als seine Bedeutung verstehen, seinem Gehalt nach als sinnlich dartun. Bloß Sinnliches bleibt stehts unverständlich.

Es ist freilich nicht leicht, dafür in unserem Zusammenhang strenge  Beweise  zu führen. Wir müssen uns bei der protophysischen Betrachtung im Gebiet des Zuständlichen halten und können lediglich etwas  aufweisen,  was jeder unmittelbar erlebt, der verständliche Wort sieht oder hört, ohne dabei viel über das Verstandene nachzudenken. Dieses Zuständliche der Wortbedeutungen wird in hohem Grad  unbestimmt  bleiben, solange es nicht vergegenständlicht ist, und die Unbestimmtheit haftet dann leicht auch den protophysischen Gedanken über das Zuständliche an. Um zu strengen Beweisen dafür zu kommen, daß wir Unsinnliches ebenso unmittelbar erfassen wie Sinnliches, wäre es nötig, auf unsinnliche  Gegenstände  einzugehen, also die Protophysik zu verlassen. Solche Gegenstände sind z. B. mit allen wahren wissenschaftlichen Sätzen verknüpft, und obwohl wir aus ihnen  direkt  für das Gebiet des Zuständlichen nichts lernen können, empfiehlt es sich doch, auch sie heranzuziehen, um zu sehen, was sich aus ihnen für unser Problem  indirekt  erschließen läßt.

Sätze haben wissenschaftliche Bedeutung als Träger theoretischer  Sinngebilde,  und diese sind deshalb nicht in Impressionen und ihre Derivate aufzulösen, weil Sinnliches seinem Wesen nach nie  wahr  sein kann. Die  Geltung  jeder Wahrheit liegt in einer prinzipiell anderen Sphäre als alles sinnlich Wahrnehmbare und ist auch nicht aus Sinnlichem abzuleiten. Selbst wenn man behaupten wollte, Wahres gäbe es dort allein, wo die Bedeutung eines Satzes sinnlich Wahrgenommenes abbildet, und Wahrheit bestehe ausschließlich in der Übereinstimmung des Gedankens mit dem sinnlich wahrgenommenen Sein, so wäre doch die  Übereinstimmung,  die zwischen Original und Abbild zu konstatieren sein soll, selber nicht sinnlich wahrnehmbar, und eine sensualistische Wahrheitstheorie ließe sich daher auf keinen Fall durchführen. Das Unsinnliche ist vom  Begriff  der theoretischen Wahrheit unabtrennbar.

Eine solche Argumentation dürfen wir, wie schon gesagt, in der Protophysik bei der Kennzeichnung des Zuständlichen ohne weiteres nicht verwerten. Aber wir können die Frage aufwerfen: will man annehmen, das theoretische Sinngebilde, das wir als wahr verstehen, wenn wir einen wahren Satz hören oder lesen, trage mit Rücksicht auf seinen  Inhalt,  der doch wie jeder Inhalt als unmittelbar zu erfassenden Zustand irgendwie  vorhanden  sein muß, rein sinnlichen Charakter, und alles Unsinnliche daran sei also ausschließlich auf Rechnung der Vermittlung durch Formen des Denkens zu setzen? Eine solche Behauptung schöbe der Form eine Rolle zu, die sie ihrem Wesen nach zu spielen nicht imstande ist. Das macht schon eine einfache Überlegung klar. Auch  sinnliche  Gegenstände zeigen unsinnliche Formen. Können unsinnliche Gegenstände sich von sinnlichen allein durch ihre  Formen  unterscheiden? Müssen wir nicht vielmehr annehmen, daß sie auch  inhaltlich  von ihnen grundsätzlich abweichen, also einen unsinnlichen Inhalt zeigen? Es ist nicht einzusehen, wie man der Bejahung dieser Frage entgehen will. Dann aber bleibt zugleich nichts anderes übrig, als zu sagen, daß es irgendwelche unsinnlichen Zustände gibt, die wir unmittelbar erfassen, und aus denen sic hdie unsinnlichen Gegenstände zusammen mit unsinnlichen Formen aufbauen, wie die sinnlichen Gegenstände aus sinnlichen Zuständen und unsinnlichen Formen aufgebaut sind.

So werden wir auch auf diesem regressiven Weg zu demselben Resultat geführt, das uns schon die unbefangene Beobachtung der primitivsten Wortbedeutung aufdrängt:  das Unsinnliche steht in unseren unmittelbaren Erlebnissen oder Intuitionen neben dem Sinnlichen als eine völlig selbständige Qualität  und wird in seiner unsinnlichen Zuständlichkeit ebenso anschaulich oder intuitiv erfaßt wie das sinnlich Wahrnehmbare. Man darf wohl behaupten: gäbe es keine sensualistischen  Theorien,  die mit Hartnäckigkeit als Dogmen vorgetragen werden, dann bräuchte man über diese schlichte Wahrheit nicht lange zu reden. Es wäre leicht, sich durch eine alle Vermittlungen nach Möglichkeit ausschaltende protophysische Einstellung davon zu überzeugen, wie zusammen mit jedem bedeutungsvollen oder verständlichen Wort etwas auftaucht, dessen Inhalt nicht nur in einer prinzipiell anderen Sphäre des Zuständlichen liegt als der Inhalt des gesehenen oder gehörten Wortes, sondern das inhaltlich auch sonst nicht zu den Inhalten der sinnlichen Wahrnehmungen oder deren Derivaten zu rechnen ist. Schon hierin tritt eine  Urdualität im unmittelbar Zuständlichen  zutage, die für jede Philosophie, welche der Anschauung oder Intuition gerecht werden will, von entscheidender Bedeutung sein muß.

Beim besonderen Fall dürfen wir jedoch nicht stehen bleiben. Es handelt sich um das allgemeine Prinzip und bei seiner Formulierung stoßen wir wieder auf terminologische Schwierigkeiten, die schon gestreift wurden, nun aber ausdrücklich zu erörtern sind. Die Beseitigung von Mißverständnissen ist bei einer protophysischen Betrachtung besonders wichtig. Handelt es sich doch dabei im Grunde um lauter Selbstverständlichkeiten, die nur schwer begrifflich klarzulegen sind.

Wir haben die Sinneseindrücke oder Impressionen als  Wahrnehmungen  bezeichnet und von Wahrnehmungskopien oder Wahrnehmungsderivaten gesprochen, um das Gebiet des Sinnlichen allgemein zu charakterisieren. Der Ausdruck  Wahrnehmung  erinnert wieder an das Subjekt, das die sinnlichen Zustände auffaßt, und das ist ein Übelstand, denn bei den Zuständen kommt es nicht auf das sie  habende  Ich an. Trotzdem können wir das Wort  Wahrnehmung  nicht vermeiden. Es gibt keine besseren Bezeichnungen, um die Unterschiede im Unmittelbaren oder Zuständlichen zu charakterisieren, als Ausdrücke, die zugleich Namen für Akte oder Tätigkeiten des sie erfassenden Subjekts sind. Das hängt mit der sich überall geltend machenden Subjekt-Objekt-Spaltung zusammen. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als beim Wort  Wahrnehmung  weder an das wahrnehmende Ich, noch an den ihm entgegengestellten wahrgenommenen  Gegenstand  zu denken, sondern lediglich an das, was den wahrgenommenen zustand, der gegen beide noch indifferent sozusagen in der  Mitte  zwischen Subjekt und Gegenstand liegt, seinem Gehalt nach als sinnlich zu charakterisiert. Dieses Zuständliche nennen wir das sinnlich unmittelbar  Wahrnehmbare  und reflektieren dabei ausschließlich auf das, was z. B. allen Farben gemeinsam ist, ohne daß wir sie schon als  Eigenschaften  von  Dingen  ansehen, und was sich nicht weiter definieren läßt.

Vor allem dürfen wir nicht glauben, Farben seien, weil sie von psychischen Wahrnehmungsakten  erfaßt  werden, selber zum Psychischen zu rechnen. Sie können schon deswegen nicht dazu gehören, weil sie stets ausgedehnt sind, und wir  psychisch,  falls das Wort eine prägnante Bedeutung behalten soll, nur das nennen dürfen, was sich nicht im Raum ausbreitet. Doch müssen wir noch mehr sagen. Alle Vermittlungen und gedanklichen Konstruktionen, welche die gegenständliche Sinnenwelt in physische und psychische Bestandteile zerlegen, gehen uns in diesem Zusammenhang überhaupt nichts an. Das ist vielmehr der Sinn der protophysischen Einstellung, daß sie uns das rein Zuständliche lediglich in seinem  Was  oder in seiner Qualität zum Bewußtsein bringt, und wenn wir bei seiner Darstellung Ausdrücke verwenden, die uns aus Theorien über sinnliche Gegenstände und ihre Erkenntnis geläufig sind, so haben wir von den Formen dieser Theorien ausdrücklich abzusehen und nur an ihren Stoff zu denken.

Doch werden wir uns nicht allein davor hüten, den Bereich der sinnlichen Zustände dadurch zu verengern, daß wir den Gehalt von Farben oder von Tönen in etwas Psychisches umdeuten, sondern es andererseits ebenso vermeiden, unter dem sinnlich Wahrnehmbaren das Zuständlich  nur  an körperlichen Gegenständen zu verstehen, vielmehr sine auch Gefühle wie Lust und Unlust, Leidenschaften wie Liebe und Haß, Freude und Trauer, Stimmungen und Willensakte protophysisch mit Rücksicht auf das rein Zuständliche an ihnen zu betrachten, wo es gilt, das Gebiet der sinnlichen Zustände an ihrer Unmittelbarkeit dem ganzen Umfang nach abzugrenzen. Mit anderen Worten: die sogenannte  innere  Wahrnehmung ist hier ebenso wichtig wie die  äußere.  Bei ihr mag es freilich schwerer sein, das sinnlich Wahrnehmbare vom  Zuständlichen  abzutrennen, das sich nicht wahrnehmen läßt, oder das wie die Wortbedeutung auch nicht Derivat einer Wahrnehmung ist, und wir können hier nicht daran denken, im einzelnen die Grenze zu ziehen. Aber das ist auch nicht nötig, denn lediglich darauf kommt es an, daß wir das Gebiet des wahrnehmbaren Sinnlichen so weit wie möglich fassen und zu ihm alle Zustände rechnen, aus denen sich durch Vermittlungen sowohl die physischen wie auch die psychischen Gegenstände oder die Bestandteile der ganzen realen Sinnenwelt aufbauen. Erst wenn wir den Begriff des sinnlich Wahrnehmbaren so universal nehmen, wird es möglich, einen umfassenden Begriff auch von den Zuständen zu bilden, die sich prinzipiell von allem Sinnlichen unterscheiden und deshalb unsinnlich zu nennen sind.

Suchen wir nun für dieses Gebiet nach einem  Namen,  der in allgemein verständlicher Weise seine positive Eigenart kennzeichnet, so steht uns dabei wieder nur ein Wort zur Verfügung, das ebenso wie  Wahrnehmung  zugleich für den Akt des auffassenden Subjekts gebraucht wird. Bei der geringen Zahl der Ausdrücke unserer Sprache, die als Termini für Unsinnliches verständlich sind, haben wir keine Wahl. Wir können jedoch den Mangel der Terminologie dadurch unschädlich machen, daß wir wieder daran denken: es kommt bei den Zuständen, die wir meinen, nicht auf den Akt an, mit dem ein Subjekt sie erfaßt, sondern allein auf die Qualität dessen was erfaßt wird, und auch diese Qualität ist wieder nicht als  Eigenschaft  eines dem Subjekt gegenüberstehenden Gegenstandes, sondern in ihrer rein zuständlichen Unmittelbarkeit zu charakterisieren, d. h. in dem, was, wir wir schon sagten, zwischen dem Akt des Subjekts und seinem Gegenstand noch indifferent in der  Mitte  liegt. Das ist nur ein Bild, aber solche bildlichen und daher begrifflich unbestimmten Ausdrücke werden sich in keiner Philosophie des Unmittelbaren ganz vermeiden lassen. Wir haben das Unmittelbare aus dem Komplex, in dem wir es vorfinden, herauszulösen, und nur der ganze Komplex mit seinen Formen und Vermittlungen ist gegenständlich genau bestimmbar.

Denken wir bei der Wahl des Terminus für die unsinnlichen Zustände wieder an den Unterschied von Wort und Wortbedeutung. Während wir das Wortbild sinnlich wahrnehmen, wird, wie wir sagten, seine Bedeutung von uns  verstanden.  Dieser Unterschied ist jetzt zu verallgemeinern. Wir haben also überall verstehbare Bedeutungen von wahrnehmbaren Sinneseindrücken zu trennen, und dabei den Ausdruck Verstehen so zu benutzen , daß nur Unsinnliches oder Unwahrnehmbares  unmittelbar verständlich  heißen soll. Da man beim Wort  Bedeutung  leicht schon an unsinnliche Gegenstände denken, ja sich eventuell weigern wird, alles Verstehbare eine Bedeutung zu nennen, halten wir uns vor allem an die Bezeichnung des  Verstehbaren  für die unsinnlichen Zustände. Wir könnten auch von  Verstehung  reden, damit der Terminus dem der  Wahrnehmung  genau entspricht und wie dieser oder wie das Wort  Bedeutung  es unbestimmt läßt, ob der Akt oder sein Gegenstand gemeint ist. Die Zweideutigkeit hebt dann die Indifferenz der Mitte vielleicht am besten hervor. Nur das beiden Bedeutungen des Wortes  Verstehung  Gemeinsame ist hier gemeint.

Das Gebiet des Zuständlichen wäre danach in sinnliche Wahrnehmungen und unsinnliche Verstehungen einzuteilen, und zwar so, daß diese beiden Reiche zumindest zunächst mit Rücksicht auf ihre Unmittelbarkeit völlig koordiniert nebeneinander stehen. Die unsinnlichen Verstehungen sind zumindest ebenso ursprünglich wie die sinnlichen Wahrnehmungen, und der Stoff oder die Materie, aus dem sich durch Vermittlungen die Welt der Gegenstände aufbaut, zerfällt schon beim ersten Schritt, den wir machen, um ihn seiner Qualität nach zu kennzeichnen, in zwei prinzipiell voneinander verschiedene Arten des Zuständlichen.

Mit dieser Einsicht ist der hyletische Sensualismus gründlich beseitigt und zugleich das Fundament für eine umfassende Philosophie des Unmittelbaren gelegt. Es kommt jetzt darauf an, daß wir auch den  Umfang  des verstehbaren Unsinnlichen genügend weit nehmen, wie wir das beim Umfang des wahrnehmbaren Sinnlichen getan haben. Dann dürfen wir hoffen, den anschaulichen oder intuitiven Elementen der Welt in umfassender Weise gerecht zu werden und uns damit dem Ziel zu nähern, von dem heute im Intuitionismus zwar viel die Rede ist, das aber bei einer Beschränkung auf die sinnliche Anschauung nie erreicht werden kann.

Bevor wir näher auf den Umfang des Verstehbaren eingehen, setzen wir unser Ergebnis noch zu Lehren in Beziehung, welche die Geschichte der europäischen Philosophie durchziehen, und bringen die Verbindung mit ihnen auch terminologisch zum Ausdruck. Es ist längst üblich, das Gebiet des  Sensiblen  von dem des  Intelligiblen  zu trennen, und obwohl der Ausdruck historisch sehr belastet ist, scheuen wir uns nicht, das Verstehbare, wie das dem Wortsinn durchaus entspricht, dem Intelligiblen gleichzusetzen. Da es sich nicht um ein Modewort handelt, dürfen wir das wagen. Von einem  mundus sensibilis  und einem  mundus intelligiblis  ist selbstverständlich dabei noch nicht die Rede, denn gegenständliche  Welten  sind mit den Zustandsgebieten nicht gemeint. Wohl aber dürfen wir vermuten, daß die Trennung einer intelligiblen von einer sensiblen  Welt  ihre letzte  Begründung  in der Unterscheidung findet, die wir als den Gegensatz des sinnliche Wahrnehmbaren und des unsinnlich Verstehbaren am Unterschied von Wort und Wortbedeutung aufzeigen konnten. Sollen wir einen  mundus intelligiblis  außerhalb der Sinnenwelt mit Recht annehmen, dann muß ein Dualismus schon im intuitiv und anschaulich erfaßbaren oder unmittelbar zugänglichen  Stoff  der Welt enthalten sein, d. h. wir haben bereits die  prote hyle  nicht nur als sensibel, sondern auch zum Teil auch als intelligibel zu bestimmen. Jedenfalls, solange uns die Augen nicht dafür aufgegangen sind, daß das Unmittelbare sich im Sensiblen und seinen Derivaten nicht erschöpft, ist unser Horizont nicht weit genug, und wir sind außerstand, die Fülle des ganzen Materials zu  sehen,  das wir brauchen, um Wissenschaft vom Universum zu treiben. Die Beseitigung jedes sensualistischen Dogmas bleibt für die Erreichung dieses Zwecks eine ebenso notwendige Vorbedingung wie die Beseitigung des Rationalismus. Ja man kann sagen, es beruth auf einer der bedenklichsten rationalistischen Konstruktionen, wenn man annimmt, der Stoff aller Erkenntnis muß im Gegensatz zum rationalen Denken durchweg sinnlich sein.


V. Der Umfang des Intelligiblen

Ist die Mauer der Vorurteile des hyletischen Sensualismus einmal niedergerissen, dann wird der Blick frei, und es kann gelingen, die ohne Vermittlung verstehbaren oder unmittelbar anschaulichen intelligiblen Zustände in ihrer Totalität zu bemerken. Dem Versuch, ihren Umfang zumindest im allgemeinen und schematisch festzustellen, wenden wir uns nun zu, und noch einmal gehen wir dabei von einer terminologischen Schwierigkeit aus, die sich an die Bedeutung des Wortes  Verstehen  knüpft. Doch handelt es sich jetzt nicht darum, von den verstehenden Akten abzusehen oder zu verhindern, daß aus den unmittelbaren Zuständen vermittelte Gegenstände werden, sondern die Qualität des Verstehbaren selbst, das  Was  des Anschaulichen, das wir unmittelbar als unsinnlich erfassen, kommt in Betracht. Wir müssen uns hüten, die Totalität des intelligiblen Gebietes mit einem seiner Teile zu identifizieren, der zwar sehr wichtig ist, aber als Material zum Aufbau eines umfassenden  mundus intelligiblis  nicht ausreicht. Es kommt mit anderen Worten darauf an, daß wir die Bedeutung der Worte verstehbar und intelligibel, nachdem wir sie vorher auf Unsinnliches eingeschränkt haben, jetzt nicht zu  eng  nehmen.

Denken wir zunächst an verstehbare Gegenstände, um später von ihnen auf verstehbare Zustände zurückzublicken. Die theoretischen Sinngebilde, die an wissenschaftlichen Sätzen haften, werden mit dem  Verstand  verstanden, und wenn wir vom Intelligiblen hören, so denken wir dabei an unseren  Intellekt.  Schon die Namen weisen darauf hin, daß  Verstehen  und  Verstand  ebenso wie  intelligibel  und  Intellekt  zusammengehören. Dürfen wir aber darum das Verstehbare mit dem Verstandesmäßigen, das Intelligible mit dem Intellektuellen einfach gleichsetzen, also Unsinnliches nur im  Theoretischen  suchen? Gerade das ist zu vermeiden, falls das Gebiet des Unmittelbaren umfassend genug bestimmt werden soll. Allerdings muß man sich zuerst an der theoretischen Sphäre orientieren, wo man mit logisch zwingender Notwendigkeit einsehen will, daß es überhaupt etwas Unsinnliches gibt. Das nur sinnlich Wahrgenommene bleibt für den Verstand undurchdringlich oder irrational, und wenn es nichts anderes als eine Sinnenwelt gäbe, dann wäre überhaupt nichts zu verstehen, ja so etwas wie eine  ratio  oder ein Intellekt könnte in der Welt gar nicht vorkommen. Vom Verstand aus dringen wir mit der größten Sicherheit, deren die Wissenschaft fähig ist, über die Sinneswelt hinaus zur Gewißheit einer unsinnlichen Sphäre. Unserem Intellekt erschließt sich ein Intelligibles, an dem wir so wenig zweifeln können wie an den Farben oder Tönen, die unseren Sinnen unmittelbar gegeben sind. Daran liegt es wohl auch, daß die  andere  Welt, von der die Philosophen reden, den  Namen  des  mundus intelligiblis  erhalten hat. Als Welt des Intellekts bleibt sie theoretisch unanfechtbar. An dem, was der Verstand versteht, kann der Verstand nicht rütteln. Im Zusammenhang damit wird man immer auch geneigt sein, das Unsinnliche mit dem Verstandesmäßigen, das Intelligible mit dem Intellektuellen zu identifizieren.

Auf die theoretische Unbezweifelbarkeit des Unsinnlichen kommt es jedoch, nachdem der Bann des hyletischen Sensualismus einmal durchbrochen ist, nicht mehr an. Wir dürfen beim  theoretisch  Verstehbaren nicht stehen bleiben, und zwar nicht nur deshalb nicht, weil uns allein die intelligiblen Zustände, nicht die theoretischen Sinngebilde als intelligible Gegenstände interessieren. Wir müssen jetzt auch einsehen: es gibt Unsinnliches, das wir  nicht  mit dem theoretischen Verstand auffassen, und das trotzdem verstehbar oder intelligibel zu nennen ist, weil für den Akt, mit dem das Subjekt sich des Unsinnlichen bemächtigt, uns kein anderer, besser verständlicher Ausdruck zur Verfügung steht. So sind wir gezwungen, zu sagen, daß wir nicht nur Verstandesmäßiges verstehen, und daß das Intelligible nicht nur das Intellektuelle ist. Gewiß klingt das paradox, aber dadurch dürfen wir uns über die Sache, die wir meinen, nicht täuschen lassen.

Übrigens ist es sogar mit dem paradoxen Klang nicht so schlimm bestellt, wie es zuerst scheinen könnte. Man spricht oft vom Verstehen eines Kunstwerks und meint damit nicht das theoretische Verständnis durch die wissenschaftliche Ästhetik, sondern das Verhalten des künstlerisch empfänglichen Menschen, mit dem er sich der künstlerischen Sinngebilde bemächtigt, wie Dichtungen, Musikwerke oder Gemälde sie ihm unmittelbar entgegenbringen. Bei einem solchen Verstehen braucht der Verstand keine wesentliche Rolle zu spielen. Die höchste Poesie enthält unter Umständen, theoretisch verstanden, sehr triviale Gedanken, und was wir an einer Melodie verstehen, muß eventuelle sogar in einen Gegensatz zu allem Verstandesmäßigen gebracht werden.  Verstehbar  im Unterschied von  wahrnehmbar  sind wir also schon gewöhnt, auch einen außertheoretischen künstlerischen Gehalt zu nennen, und wir empfinden das als berechtigt, da er sich von der sinnlich wahrnehmbaren Realität eines Kunstwerkes ebenso grundsätzlich unterscheidet, wie der theoretische Sinn eines wissenschaftlichen Satzes, den wir verstehen, von den sichtbaren oder hörbaren Worten, an denen er haftet, verschieden ist.

An diese üblich gewordene erweiterte Bedeutung von  verstehbar  knüpfen wir an, wenn wir das völlig unintellektuelle künstlerische Sinngebilde auch mit dem Fremdwort  intelligibel  bezeichnen und dann nocht weiter gehen, um schließlich ganz allgemein alle Gegenstände, aus denen die anschaulich gegebene Welt besteht, in sensible und intelligible einzuteilen. Danach gehört das, was wir z. B. an einer Handlung als sittlich verstehen, ebenfalls nicht zum Sensiblen, sondern zum Intelligiblen. Hat doch schon KANT von einem "intelligiblen Charakter" gesprochen. Dabei war freilich der Zusammenhang mit metaphysischen Gedanken wesentlich, und von ihnen ist abzusehen, wo es sich um das Intelligible als das unmittelbar Verstehbare handelt. Aber das hebt den Sinn des Wortes  intelligibel  nicht auf. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß bereits das Material, welches wir metaphysisch deuten, in seiner Unmittelbarkeit von allem sinnlich Wahrnehmbaren prinzipiell verschieden ist und insofern unter den Begriff des Verstehbaren oder Intelligiblen fällt, ohne daß es darum mit dem Verstand oder dem Intellekt aufgefaßt zu werden braucht. Besonders deutliche wird das in der religiösen Sphäre. Göttliches erschließt sich manchem Gläubigen ohne jede Verstandesbrücke, ja er glaubt eventuell daran, gerade weil es seinem Intellekt  absurd  anmutet. Trotzdem wird er es, falls er überhaupt darauf reflektiert, nicht zum sinnlich Wahrnehmbaren rechnen, sondern sagen, daß er es als unsinnlich  versteht.  Dementsprechend ist auch hier, solange wir an der Einteilung in sensible und intelligible Gegenstände festhalten, das Gebiet des Intelligiblen über das des Intellekts hinaus zu erweitern.

Doch sollten diese Beispiele von Gegenständen nur zur Rechtfertigung unseres Sprachgebrauchs dienen. Im Übrigen kommen, da bei der protophysischen Einstellung lediglich das Zuständliche am Verstehbaren oder Intelligiblen in Frage steht, die künstlerischen, ethischen und religiösen Sinngebilde nicht weiter in Betracht. Sie tragen einen eminent gegenständlichen Charakter und reichen als mannigfach geformte Gestaltungen nicht allein über alles Unmittelbare, sondern auch über alles Zuständliche weit hinaus. Wir achten im Folgenden auf das Elementare und Ursprüngliche am Verstehbaren und suchen, um uns seinen ganzen Umfang zu Bewußtsein zu bringen, nach einer Feststellung dessen, was jede wache Minute unseres atheoretischen Lebens uns an Unsinnlichem, also nicht Wahrnehmbarem, sondern Verstehbarem und insofern Intelligiblem aufdrängt.

Dabei werden die sprachlichen Schwierigkeiten, die sich jeder Lehre vom Unsinnlichen entgegenstellen, noch größer werden als bisher, und es ist notwendig, daß wir auf sie ausdrücklich reflektieren, falls wir sie überwinden wollen.

Es gibt keine völlig adäquaten Bezeichnungen für das, was wir im Folgenden meinen, und es kann sie aus naheliegenden Gründen nicht geben. Schon bei der Bildung eines  allgemeinen  Begriffs vom Zuständlichen in seiner Unmittelbarkeit hatten wir mit der Sprache zu kämpfen, deren Worte zum größten Teil nur auf Gegenstände passen. Noch schwerer muß es sein, vom Zuständlichen im  Besonderen  zu reden, und vollends fehlen die Ausdrücke, wenn es sich um Bezeichnungen für die verschiedenen  Arten  des Unsinnlichen und Verstehbaren in seiner Unmittelbarkeit handelt. Es besteht im praktischen Leben keine Veranlassung auf sie zu achten, und schon deshalb gibt es keine allgemein verständlichen Ausdrücke dafür, mit denen sie sich charakterisieren lassen. Wir suchen daher nach einem Umweg, der zum Ziel führt.

Der verstehbare Zustand taucht immer zusammen mit einer Wahrnehmung auf, an der er uns als an seinem Träger zu Bewußtsein kommt, und auf solche Wahrnehmungen weisen wir hin, wenn wir vom Unsinnlichen reden wollen, das an ihnen haftet. Freilich wird sich das Unsinnliche auch dann meist nur als Gegenstand charakterisieren lassen. Wir sagen infolgedessen notwendig mehr, als wir protophysisch meinen. Aber das ist unbedenklich, sobald wir jedesmal ausdrücklich darauf reflektieren, daß allein das Zuständliche an den unsinnlichen und verstehbaren Gegenständen in Betracht kommen soll, die wir als Beispiele heranziehen, um an ihnen zum Bewußtsein zu bringen, wie umfassend sich das Gebiet des Intelligiblen darstellt. Vergessen wir diesen doppelten Vorbehalt wegen des sinnlichen Trägers und der Gegenständlichkeit des Unsinnlichen nicht, dann werden die folgenden Ausführungen vor Mißverständnissen geschützt sein, und jedenfalls bedeutet es keinen Einwand, falls behauptet wird, es sei in ihnen nicht ausschließlich vom verstehbaren Zuständlichen die Rede, sondern es klängen zugleich viele gegenständliche Vermittlungen aus den Sphären des Unsinnlichen und Sinnlichen mit an. Für unseren Zweck genügt es, wenn nur nach Abzug all dieser Bestandteile nocht etwas Unmittelbares in der Form der unsinnlichen Zuständlichkeit übrig bleibt.

Wenden wir uns, um das zu zeigen, im Interesse der Universalität unserer Darlegungen zunächst einem Gebiet zu, das von dem des atheoretischen Unsinnlichen, wie es in künstlerischen, sittlichen oder religiösen Gebilden zum Ausdruck kommt, möglichst weit entfernt liegt. Wir denken uns zu diesem Zweck in das Gewühl einer Großstadt versetzt. Unsere Sinne werden dort von Eindrücken geradezu bestürmt, und zugleich verknüpft sich mit nahezu allem, was das Auge und das Ohr wahrnimmt, etwas Unsinnliches, Verstehbares, Intelligibles. Nicht allein die Worte auf Plakaten und Firmenschildern, sondern auch die farbigen Signale und Lichtreklamen haben verstehbare Bedeutungen und erregen daduch unsere Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt von den verschiedensten Tönen, wie vom Pfeifen der Eisenbahnen, dem Tuten der Automobile, dem Rollen der Räder, dem Heulen der Fabriksirenen usw. Das alles sind gewiß sehr  triviale  Gegenstände, und doch steckt in ihnen prinzipiell derselbe Dualismus von Sinnlichem und Unsinnlichem, den wir am Unterschied von Wort und Wortbedeutung klar machen konnten, denn auch was wir hier erleben, erschöpft sich nicht im sinnlich Wahrnehmbaren. Es ist vielmehr zugleich verstehbar und weist damit über das Sensible ins Intelligible hinaus, so sehr es unsere Sinne erregen mag. Hier muß es daher auch unmittelbar Zuständliches in Fülle geben, das zum Intelligiblen gehört. Ebenso sicher aber ist: an unser theoretisches Verständnis und an unseren Intellekt wendet sich dieses Intelligible nur zum Teil.

Dabei zu verweilen, haben wir jedoch keine Veranlassung. Ein kurzer Hinweis kann genügen. Wollen wir das Intelligible in seinem ganzen Umfang kennenlernen, so dürfen wir uns nicht auf Zustände beschränken, die an bewußt geschaffenen Gebilden der Kultur haften. Ja, diese haben als Beispiele sogar einen Nachteil, denn bei ihnen liegt der Gedanke besonders nahe, daß wir nicht das Unsinnliche in seiner Unmittelbarkeit, sondern die Absichten der Menschen  verstehen,  die uns damit etwas sagen wollen. Gerade davon aber ist hier zu abstrahieren. Wir kehren daher bei dem Versuch, das Intelligible in seiner Unmittelbarkeit auch dort aufzuzeigen, wo wir es nicht mit dem Intellekt auffassen, noch einmal zu den Worten und ihren Bedeutungen zurück.

Darauf, daß das Verstehbare an den Worten nicht allein verstandesmäßig sein kann, wies schon die Tatsache der Dichtkunst in unzweideutiger Weise hin. Doch ist sie hier nicht weiter zu erörtern, da sich mit ihren Sätzen gegenständliche Sinngebilde verknüpfen. Wir halten uns an einzelne Wörter und beachten an ihnen das, was nicht bereits gegenständliche Bedeutung hat. Dann zeigt sich: wir verstehen unmittelbar Anrufe wie  Halt, Komm  und ähnliche Befehle, auch insofern sie sich an unseren  Willen  wenden, und ebenso Ausdrücke der persönlichen Zuneigung wie  Freund, Liebster  oder Beschimpfungen wie  Lump, Schuft,  insofern sie  Gefühle  der verschiedensten Art erregen. Gewiß ist bei ihrem Verständnis der Verstand beteiligt, aber das Verstehbare oder Intelligible richtet sich nicht an den Intellekt allein. Wir brauchen vollends nur eine Seite des Wörterbuchs zu lesen und darauf zu achten, was an verstehbarem Unsinnlichem uns dabei zu Bewußtsein kommt, dann werden wir leicht merken, wie groß das Gebiet des Intelligiblen ist, das nicht mit dem Verstand verstanden wird, und welche Fülle von außertheoretisch verstehbaren Zuständen es gibt, die sich jeder sinnlichen Wahrnehmung entziehen.

Doch auch mit dem Hinweis hierauf ist erst ein kleines Gebiet des Unsinnlichen gekennzeichnet, das wir meinen. Lediglich deshalb haben wir wieder Wortbedeutungen vorangestellt, weil an ihnen der unsinnliche Charakter auch des atheoretischen Intelligiblen am leichtesten zu Bewußtsein kommt. Es ist unbedingt gewiß, daß die Wortbedeutung nicht mit dem Wortbild oder dem Wortklang zusammenfällt, und daß wir daher bei ihrem Verstehen auch auf dem Gebiet des Atheoretischen unsinnliche Zustände unmittelbar erleben. Hat man aber einmal an diesem besonderen Fall gelernt, das unbezweifelbare außertheoretische Intelligible zu sehen, dann wird man es auch an anderen Gegenständen in seiner von allem Sinnlichen prinzipiell verschiedenen Eigenart bemerken. So hat die menschliche Stimme einen verstehbaren Klang, d. h. sie ist nicht bloßer Klang, sondern mit dem akustischen Eindruck verknüpft sich ein Intelligibles, das ihr Bedeutung verleiht. Das menschliche Antlitz zeigt verstehbare Linien, d. h. es ist mehr als ein optisches Bild. Die Bewegungen des Auges, das Runzeln der Stirn, das Zucken der Mundwinkel und ebenso das Schütteln des Kopfes, das Winken der Hand, die Haltung der ganzen menschlichen Gestalt, das alles sind nicht bloß wahrnehmbaren Anschauungen, sondern zusammen mit dem Sensiblen tritt überall ein Unsinnliches auf, das zum Intelligiblen gehört, und auch bei seinem Verständnis braucht der Verstand keine wesentliche Rolle zu spielen. Nicht minder sind Tastempfindungen, die von einem Händedruck, einem Streicheln, einem Kuß stammen, Träger verstehbarer oder intelligibler Zustände. Ja wir dürfen, ohne noch andere Beispiele heranzuziehen, wohl sagen, daß uns nicht viel  Menschliches  bekannt ist, dessen unmittelbare Zuständlichkeit rein sensibel und nicht zugleich irgendwie intelligibel wäre.

Sind wir aber hiermit am Ende? Gewiß nicht. Mit dem Menschlichen ist die Grenze des Verstehbaren und damit der unsinnlichen Zustände noch lange nicht erreicht. Der Anblick von Tieren oder Pflanzen zeigt ebenfalls nicht selten etwas, das über alles Wahrnehmbare hinausführt. Hier kann man gewiß geneigt sein, die Grenze an verschiedenen Stellen zu ziehen. Doch darf man nicht meinen, das Intelligible höre in der kulturfreien Welt stets mit dem  Leben  auf, so daß die  tote Natur,  wie wir sie unmittelbar anschauen, unverständlich und bloß sinnlich bleiben muß. Wer das glaubt, läß sich durch  psychologische Umdeutungen  des Zuständlichen verwirren, die dessen Unmittelbarkeit aufheben und es unmöglich machen, das Intelligible in seinem ganzen Umfang zu bemerken. So wird z. B. gesagt, wir lebten in Jllusionen, wenn wir annehmen, die unbeseelte oder gar die unbelebte Natur sei verstehbar, denn wir legten dann etwas Seelisches in sie hinein, das es in ihr gar nicht gäbe.

Derartige Gedanken einer psychologistischen  Weltanschauung  sind sorgfältig fernzuhalten, wo es sich um die protophysische Aufweisung des Intelligiblen handelt. Jllusionen werden erst möglich mit Rücksicht auf vermittelnde Konstruktionen oder Deutungen, denen wir das Verstehbare unterziehen und damit seine Unmittelbarkeit zerstören. Irrtümer über das Intelligible können erst entstehen, wo  Theorien  darüber aufgestellt sind. Das Intelligible selbst dagegen, das wir in seiner Unmittelbarkeit intuitiv erfassen, liegt diesseits von Wahrheit und Irrtum all dieser Theorien oder, wenn man will, auch jenseits, und es ist in seiner unmittelbar verstandenen Zuständlichkeit noch völlig illusionsfrei. Als unsinnlich bleibt es schon deswegen bestehen, weil ein bloß sinnlicher Zustand sich gar nicht in der Weise deuten ließe, daß wir uns über ihn Jllusionen hinsichtlich seines  unsinnlichen  Charakters machen könnten. Wie sollte ein rein sensibler Stoff uns zu der Meinung verleiten, wir verständen daran etwas, wenn es gar nichts unmittelbar Verstehbares daran gibt? Nehmen wir das Wort  intelligibel  weit genug, und beschränken wir uns auf das Zuständliche, dann können wir uns all dessen als eine Intelligiblen völlig sicher sein, was wir zu verstehen  glauben Mißverständnisse sind in diesem Gebiet noch ausgeschlossen, oder ganz unmißverständlich ausgedrückt: auch das Mißverstehen bleibt immer ein Verstehen, und wo überhaupt etwas verstanden wird, da gibt es auch Verstehbares oder Intelligibles.

Wer das eingesehen hat, wird daher zustimmen müssen, wenn wir sagen: nicht allein mit Worten oder Stimmen oder Ausdrucksbewegungen beseelter und belebter Wesen ist Unsinnliches oder Intelligibles unmittelbar verknüpft. Nein, auch "wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, die Riesenfichte stürzend Nachbaräste und Nachbarstämme quetschend niederstreift, und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert", erleben wir unmittelbar Unsinnliches, das wir verstehen. Für jeden, der nicht psychologisch verbildet ist, leuchtet so in allen Teilen der Welt eine Fülle des Intelligiblen auf, und wir sind auch längst daran gewöhnt, es zum Ausdruck zu bringen, wenn wir davon reden, daß der Wind uns lau umschmeichelt, die Quelle lieblich murmelt, der Fels trotzig starrt, das Gewitter düster droht, die Woge sanft rauscht, das Meer ruhig atmet, der Mond uns freundlich anblickt, die Wolken hastik daran vorübereilen, die Sonne majestätisch am Himmel emporsteigt oder die Sterne still erhaben durch die fühllos kalte Winternacht glänzen. In solchen Sätzen mögen viele Jllusionen und Mißverständnisse, die auf falschen Deutungen des Verstandenen beruhen, mitklingen, aber sie klingen  mit  uns und sind nicht etwa das Einzige, was da an Verstehbarem gemeint ist. Ja, das rein  zuständliche  Unsinnliche, das wir in diesen Fällen falsch deuten und dann mißverstehen, bleibt davon völlig unberührt. Das trägt einen unbezweifelbar intelligiblen Charakter und ist für sich betrachtet ebensowenig sinnlich wahrnehmbar wie der verstandesmäßig verstehbare theoretische Sinn eines Satzes der Wissenschaft.

Was die Philosophie des Unmitelbaren mit all diesem intelligiblen  Material theoretisch  anzufangen vermag, wenn sie es wissenschaftlich vergegenständlicht, ist eine andere Frage. Zunächst galt es, das Unsinnliche als Stoff oder als Weltinhalt in seiner Zuständlichkeit zu Bewußtsein zu bringen, damit klar wird, wie hilflos der hyletisch-sensualistisch orientierte Intuitionismus der  Totalität  unserer Intuitionen oder Erlebnisse gegenübersteht.

Noch genauer den Umkreis des Verstehbaren in seiner Zuständlichkeit aufzuzeigen, ist nicht notwendig. An ein Ende kämen wir dabei doch nicht, denn weit mehr, als sich mit Worten sagen läßt, wird an verstehbaren Zuständen unmittelbar anschaulich erlebt. Es dürfte schwer sein, in unserem individuellen Bewußtsein eine Lage zu konstatieren, die völlig frei von Intelligiblem ist, und es bedarf jedenfalls erst der ausdrücklichen Besinnung auf das, was in den komplexen Zuständen unserer Erlebnisse zum rein sinnlich Wahrnehmbaren, also absolut Unverständlichen gerechnet werden kann. Der Grund dafür liegt nahe. Nur das in jeder Hinsicht Bedeutungslose ist rein sinnlich. Auf solche Zustände aber zu achten, haben wir als  lebendige  Menschen keine Veranlassung. Unsere  Aufmerksamkeit  wendet sich allein dem zu, womit sich irgendeine Bedeutung verknüpft, und da gibt es dann stets auch etwas, das wir irgendwie verstehen. Man könnte freilich denken, es müsse umgekehrt das Sinnliche aufdringlicher sein als das Unsinnliche, von dem manche Philosophen nichts wissen wollen. Wie wäre es denn sonst möglich, daß man das Unsinnliche so oft übersieht? Aber wird es in Wahrheit von vielen übersehen? Nur Dogmatiker des Sensualismus und Psychologen, die sich durch ihre Theorien den unbefangenen Blick verbaut haben, können, weil sie das Unsinnliche für sinnlich oder gar für psychisch halten, die Eigenart seiner ursprünglichen Zuständigkeit verkennen. Wer vorurteilslos in die Welt schaut, muß finden, daß gerade das Verstehbare das eigentlich  Aufdringliche  ist, denn erst das irgendwie mit Bedeutungen Verknüpfte vermag sich uns überhaupt aufzudrängen. Bedeutungen aber sind stets mehr als bloß sinnlich. So dürfen wir sagen, daß wir überall in einer Welt leben, die nicht allein sensibel, sondern zugleich intelligibel ist.

Vielleicht wird man trotzdem unsere  Darstellung  des unsinnlichen Gebietes sehr unbefriedigend finden. Sie lasse, kann man sagen, das Verstehbare als vereinzelt, fragmentarisch, ja zerrissen erscheinen, und das widerspricht seinem Wesen. Wenn irgendwo, dann gibt es im Intelligiblen Einheit, Ganzheit, Ordnung, Zusammenhang. Kann man das bestreiten?

Für den  mundus intelligibilis  ist das gewiß zutreffend. Doch darf man nicht vergessen, daß wir in der Protophysik mit ihrer besonderen Einstellung uns noch am Anfang befinden. Wir wollten lediglich das Zuständliche im Verstehbaren nach seiner Primitivität zum Bewußtsein bringen, wie es verknüpft mit Wahrnehmbarem sich uns auf Schritt und Tritt kund tut, und da konnten wir allein von willkürlich aufgegriffenen Einzelheiten reden, wie sie hier und dort auftauchen und wieder verschwinden. Es schadet unter diesen Umständen nichts, wenn wir sozusagen den Wald des Intelligiblen vor intelligiblen Bäumen nicht sehen. Der überschauende Blick, der die Teile zum Ganzen zusammenfaßt, ist nicht das, worauf es jetzt ankommt. Die Bäume stehen in Frage, aus denen der Wald besteht. Ja sogar das ist noch zuviel gesagt, da Bäume immer schon Gegenstände sind. Nur daß überall irgendein Unsinnliches so unmittelbar verstanden wird, wie wir Sinnliches unmittelbar wahrnehmen, war zu zeigen, und weil das zuständliche Unsinnliche sich für unser Bewußtsein stets mit Sinnlichem verknüpft, mußte bei der Beschränkung auf seinen Anblick das Verstehbare oder Intelligible ebenso fragmentarisch und zerrissen erscheinen wie das Wahrnehmbare oder Sensible in seiner Unmittelbarkeit.

Allerdings, die Philosophie hat sich davor zu hüten, daß sie nicht Charakteristika der sinnlichen Gegenstände kritiklos auf Unsinnliches überträgt. Das wird sogar von entscheidender Wichtigkeit bei der wissenschaftlichen Erforschung der intelligiblen  Welt.  Aber solange wir im Zuständlichen bleiben und von aller Vermittlung so weit wie möglich absehen, dürfen wir trotzdem behaupten, daß die Gebiete des Sinnlichen und des Unsinnlichen  beide  in ihrer Totalität für die bloße Anschauung nichts anderes als  Gewühl  sind. Vielleicht freilich bekommt schon dieses Wort für beide eine verschiedene Bedeutung, sobald wir näher zusehen. Vielleicht stecken in den allerelementarsten unsinnlichen Zuständen bereits Einheiten und Zusammenhänge, die jeder Auflösung in ihre Elemente, wie wir sie beim Sinnlichen vollziehen, spotten, aber sobald wir von der  Gesamtheit  der unsinnlichen Zustände in ihrer Unmittelbarkeit reden, bleibt ihr mit der Gesamtheit der unmittelbar wahrgenommenen sinnlichen Zustände dennoch der Mangel an Ordnung und Zusammenhang gemeinsam. Die Fülle dessen, was sich uns als unmittelbar verständlich aufdrängt, ist ein Haufen oder ein Aggregat. Es sind gewissermaßen nur intelligible Fetzen, die uns da zu Bewußtsein kommen. Auf sie aber wollten wir uns hier beschränken, weil von der Wissenschaft gerade sie oft übersehen werden. So gewiß wir noch keinen gegliederten  mundus sensibilis  von Gegenständen vor uns haben, wenn wir nur wahrnehmen, ebenso gewiß darf von keinem gegliederten  mundus intelligibilis  die Rede sein, wenn wir lediglich zuständliches Unsinnliches verstehen. Um das, was wir das intelligible Gewühl nennen können, zu Bewußtsein zu bringen, haben wir absichtlich von den heterogensten [uneinheitlichsten - wp] Bestandteilen des unsinnlichen Gebietes durcheinander gesprochen. Erst nachdem das geschehen und so die Unmittelbarkeit und Unableitbarkeit auch der unsinnlichen  hyle  herausgestellt ist, kann die Frage auftauchen: wie wird aus dem Gewühl des Verstehbaren eine intelligible Welt, ein Kosmos der unsinnlichen Bedeutungen oder Sinngebilde?


Nur bis zur Klarlegung dieses Problems einer Philosophie des Unmittelbaren sollte der Gedankengang geführt werden. Die Antwort auf die gestellte Frage gehört in einen anderen Zusammenhang. Wenige Worte sind über sie noch zu sagen, damit die Bedeutung der Problemstellung klar wird.

Von vornherein wiesen wir darauf hin, daß je mehr an Stoff wir intutiv erfassen oder erschauen, desto größere Sorgfalt auf die Ausbildung der Begriffe und Konstruktionen zu verwenden ist, die geeignet sein sollen, das Wesentliche in der Fülle des unmittelbar Gegebenen wissenschaftlich zu beherrschen, und es versteht sich wohl von selbst, daß die Methode, die vom intelligiblen Gewühl zur Erkenntnis der intelligiblen  Welt  führt, eine andere sein muß als die, mit welcher die Wissenschaft sich des Sensiblen begrifflich bemächtigt, um zur Erkenntnis der Sinnenwelt vorzudringen. Ohne Formen und Prinzipien gibt es keine Wissenschaft. Das bloße Schauen führt auch gegenüber dem Intelligiblen, falls man sich nicht willkürlich, also unwissenschaftlich, auf bereits vorwissenschaftlich geformte verstehbare Einzelheiten beschränkt, zu einem unübersehbaren Chaos. Welche Formen und Prinzipien brauchen wir, um der Eigenart des Intelligiblen bei seiner Erkenntnis gerecht zu werden? Muß nun doch die Metaphysik heran, falls nicht mehr protophysisch allein das Zuständliche zu konstatieren ist, sondern es sich um den Kosmos der unsinnlichen Gegenstände handelt? Darüber wird durch die prophysische Besinnung noch nichts ausgemacht. Oder sollte es gelingen, dem Intelligiblen empirisch, nämlich von Seiten der psychischen Akte beizukommen, mit denen wir es erfassen, und wäre also von einer  verstehenden Psychologie  die intelligible Welt, womöglich  exakt  mit Hilfe von Experimenten und jedenfalls aufgrund einer Erforschung der erfahrbaren sinnlich seelischen Wirklichkeit, aufzubauen? Oder führt keiner dieser beiden Wege zum Ziel, und läßt sich vielleicht zeigen, daß das  Wesentliche  in allen verstehbaren Bedeutungen oder Sinngebilden ein  Wert  ist, der unsinnlich  gilt so daß allein eine systematisch durchgeführte Philosophie der Werte imstande sein wird, in das intelligible Gewühl Ordnung und Zusammenhang zu bringen? Das sind Fragen, die sich unmittelbar an die Aufzeigung der Problematik des unsinnlichen Weltstoffes anschließen.

Doch wie sie auch beantwortet werden mögen, auf jeden Fall hat die Wissenschaft nicht allein über das bloße Schauen hinaus zur Bildung von Begriffen vorzudringen, sondern wenn sie zugleich Philosophie, d. h. Wissenschaft vom Weltganzen sein will, darf sie sich auch nicht auf die Formen und Prinzipien der psychophysischen Sinnenwelt beschränken. Sie wird sich vielmehr so zu gestalten haben, daß sie den Titel:  de mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis [Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen - wp] verdient. Das ist das Thema der immer wieder zu schreibenden  Inauguraldissertation  in jeder  Schule,  welche den Anspruch erhebt, eine  philosophische  Schule zu sein. Das Problem, das in diesem Thema steckt, durch einen Hinweis auf die unmittelbar anschauliche Fülle des Intelligiblen ein wenig anders zu formulieren, als es sonst geschieht, war der Zweck dieser Zeilen.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Methode der Philosophie und das Unmittelbare, Logos Bd. 12, Zeitschrift für internationale Kultur, Tübingen 1924
    Anmerkungen
    4) Zu seinen Vertretern scheint mir nicht nur KANT, sondern auch HUSSERL zu gehören (Vgl. "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", Seite 171f und "Logische Untersuchungen", zweite Auflage, Bd. II, 2 (1921) Seite 179f).