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AUGUST MESSER
Husserls Phänomenologie
in ihrem Verhältnis zur Psychologie

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"Seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert wird die empirische Psychologie verwirrt durch das Trugbild einer naturwissenschaftlichen Methode nach dem Vorbild der physikalisch-chemischen Methode. Das führt aber dazu, das Bewußtsein zu verdinglichen."

"Die phänomenologische Deskription hat das reine Bewußtsein zum Gegenstand; sie blickt auf das im strengsten Sinn Gegebene hin, auf das Erlebnis, so wie es in sich selbst ist. So analysiert sie z. B. die Erkenntniserlebnisse, in welchen der Ursprung der logischen Ideen liegt, unter Fernhaltung aller über ihren reellen Inhalt hinausgehenden Deutung und bringt die eigentliche Meinung der logischen Ideen zur Evidenz."

EDMUND HUSSERL hat in seinem Aufsatz "Philosophie als strenge Wissenschaft" (Logos, Bd. 1, Heft 3) an der experimentellen Psychologie eine scharfe Kritik geübt. Er hat es dabei unterlassen, seine Anklagen gegen die "experimentellen Fanatiker" durch literarische Belege zu begründen. Bei der gewaltigen Ausdehnung der experimentell-psychologischen Literatur und der ausgeprägten Eigenart zahlreicher Forscher kann es von vornherein zweifelhaft erscheinen, ob seine kritischen Ausstellungen in ihrer allgemeinen Fassung berechtigt sind (1). Andererseits aber darf man auch voraussetzen, daß ein so gründlicher Forscher wie HUSSERL nicht ohne gewichtige Gründe so scharfe Urteile fällt. Und da es für eine vorwärtsstrebende wissenschaftliche Disziplin ebenso wie für einen sittlich strebenden Menschen wertvoll ist, wenn sachliche Kritik ohne Empfindlichkeit aufgenommen und ehrlich gewürdigt wird, so soll hier geprüft werden, was für den experimentellen Psychologen aus dieser Kritik zu lernen ist, und insbesondere welche Bedeutung die von HUSSERL vertretene "Phänomenologie" für ihn hat.

Zunächst setzt sich HUSSERL mit der Ansicht auseinander, die experimentelle Psychologie sei das "wissenschaftliche Fundament" der Logik und der Erkenntnistheorie, der Ästhetik, Ethik und Pädagogik, ja die Grundlage aller Geisteswissenschaften und - neben der physischen Naturwissenschaft - auch die der Metaphysik als allgemeinster Wirklichkeitslehre (Seite 297f).

In der Tat dürfte die empirische Psychologie (als deren wissenschaftlich entwickeltste Form uns die experimentelle gilt) diesen Anspruch hinsichtlich der philologischen und historischen Disziplinen wie hinsichtlich der Metaphysik erheben dürfen. Ich finde auch nicht, daß ihn HUSSERL in Bezug auf diese Wissenschaften als unbegründet erwiesen hätte. Anders steht es mit der Behauptung, die Psychologie sei auch das Fundament der Normwissenschaften: Logik (mit Erkenntnistheorie), Ästhetik, Ethik, Pädagogik. Zahlreiche Vertreter wird diese Ansicht unter den ernst zu nehmenden Psychologen schwerlich haben. Jedenfalls ist sie unrichtig, wie auch HUSSERL in schlagender Weise darlegt (2). Die Psychologie als Tatsachenwissenschaft kann nicht die Gültigkeit von Normen begründen; aus der umfassendsten und genauesten Kenntnis dessen, was ist und geschieht, folgt nicht mit innerer Notwendigkeit, was sein und geschehen soll.

Was insbesondere das Verhältnis der Psychologen zur Erkenntnistheorie betrifft, so argumentiert HUSSERL folgendermaßen (298f): Die Aufgabe der Psychologie ist es, das Psychische im psychophysischen Naturzusammenhang (in dem er für uns "selbstverständlich da ist")
    "wissenschaftlich zu erforschen, es objektiv gültig zu bestimmen, die Gesetzmäßigkeiten seines sich Bildens und sich Umbildens, seines Kommens und Gehens zu entdecken. Stets sind die psychischen Vorgänge als solche der Natur gedacht, d. h. als zugehörig zu menschlichen oder tierischen Bewußtseinen, die ihrerseits eine selbstverständliche und mitaufgefaßte Anknüpfung an Menschen- und Tierleiber haben".

    "Jedes psychologische Urteil schließt eine existentiale Setzung der Natur in sich, ob nun ausdrücklich oder nicht."
Da nun diese Setzung der Natur in der Naturwissenschaft "naiv" erfolgt, so unterscheidet sich die wissenschaftliche Einstellung des Naturwissenschaftlers wie des Psychologen prinzipiell von der des Erkenntnistheoretikers. Denn während jene "naiv" eine psychophysische Wirklichkeit als gegeben und erkennbar voraussetzen, werden in der Erkenntnistheorie die Fragen aufgeworfen, wie denn Erfahrungserkenntnis als Bewußtsein einen Gegenstand treffen kann; wie Bewußtseinsvorgänge objektiv Gültiges für ansich existierende Wirklichkeiten haben können usw.

An dieser Beweisführung scheint uns der Satz, daß jedes psychologische Urteil die Setzung der Natur in sich schließt, also eigentlich psychophysisch ist, anfechtbar zu sein. Damit wäre eine "reine" Psychologie, die sich auf eine Bestimmung der Bewußtseinserlebnisse selbst beschränkt, für prinzipiell unmöglich erklärt. Wir werden aber später sehen, daß HUSSERLs "Phänomenologie" eine solche reine Psychologie in sich enthält und daß diese sehr wohl für sich durchführbar ist; was natürlich nicht ausschließt, daß nachher die Bewußtseinsvorgänge dem Zusammenhang der physischen Geschehnisse zugeordnet werden. Jedenfalls ist diese Bestreitung der Möglichkeit einer reinen Psychologie gar nicht nötig, wenn es gilt darzulegen, daß die Psychologie nicht die Grundlage der Erkenntnistheorie sein kann. Dazu genügt es, darauf hinzuweisen, daß der Psychologe so gut wie der Vertreter irgendeiner anderen Einzeldisziplin die Existenz seines Gegenstandes wie seine Erkennbarkeit einfach voraussetzt. Das Recht dieser Voraussetzung prüft die Erkenntnistheorie. Für sie werden also die Einzelwissenschaften nach ihrem ganzen Umfang selbst Problem; und dieses Problem kann natürlich nicht durch irgendeine Einzelwissenschaft gelöst werden. -

Es ist sicher im wahren Interesse der Psychologie, wenn sie sich von allem Psychologismus und damit von einer sachlich unbegründeten Ausdehnung ihrer Betrachtungsweise auf ganz andersartige Probleme fernhält. Aber der Psychologismus verwirrt nur die Grenzen zwischen Psychologie und anderen Disziplinen, er muß nicht die psychologische Forschung selbst schädigen. HUSSERL glaubt aber auch in dieser selbst einen prinzipiellen Fehler zu entdecken. Seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert wird, wie er meint, die empirische Psychologie verwirrt durch "das Trugbild einer naturwissenschaftlichen Methode nach dem Vorbild der physikalisch-chemischen Methode" (309). Das führt aber dazu, "das Bewußtsein zu verdinglichen." (310)

Gewiß ist die Versuchung dazu eine ernste Gefahr für den Psychologen. Aber sie ist nicht unbemerkt geblieben. Man denke etwa daran, mit welcher Energie WUNDT gegen die Verdinglichung der Vorstellungen, wie sie in der Psychologie HERBARTs vorliegt, ankämpft. Es wird darum eine allgemeine Zustimmung unter den Psychologen finden, wenn HUSSERL ausführt, die psychischen Phänomene (3) seien nicht Erscheinungen von Dingen und auch nicht selbst substantielle Einheiten, die in einem kausalen Zusammenhang stehen. Vielmehr sei das Psychische
    "Erlebnis und in der Reflexion erschautes Erlebnis ... in einem absoluten Fluß, als Jetzt und schon abklingend, in schaubarer Weise stetig zurücksinkend in eine Gewesenheit." (312f)
Die "monadische" Einheit des Bewußtseins aber, in die sich alles Psychische einordnet, hat in sich gar nichts "mit Natur, mit Raum und Zeit, Substantialität und Kausalität zu tun". Freilich lassen sich die unmittelbar geschauten psychischen Phänomene mit den erfahrbaren Dingen, deren Inbegriff die "Natur" bildet, in Beziehung setzen. -

Eine weiteren "durchgehenden Grundzug" der modern exakten Psychologie findet HUSSERL darin, daß sie
    "jede direkte und reine Bewußtseinsanalyse ... zugunsten all der indirekten Fixierungen psychologischer oder psychologisch relevanter Tatsachen beiseite schiebt";
daß sie sich "gegen die Methode der Selbstbeobachtung ereifert" und alle Energie daran setzt, durch die experimentelle Methode deren Mängel zu überwinden.

Aber auch in diesem Punkt dürfte der Gegensatz zwischen den modernen Psychologen und HUSSERL lange nicht so scharf sein, als er meint. So konstatiert z. B. ANSCHÜTZ (4), daß die innere Wahrnehmung oder Selbstbeobachtung trotz der mannigfachen Angriffe von Seiten der naturwissenschaftlich Denkenden, doch
    "ihre Stellung als die eines prinzipiellen Mittels zur Erforschung der Tatsachen des Seelenlebens bis in die Neuzeit herein behauptet hat".
Und er kommt nach einer gründlichen Erörterung der Selbstbeobachtung zu dem Ergebnis, daß sie
    "als unmittelbare, primäre, fundamentale oder prinzipielle Methode den anderen als mittelbaren, sekundären und gleichsam akzidentiellen [zufälligen - wp] gegenübersteht",
und daß diese letzteren lediglich imstande sind, "sie zu ergänzen, nicht aber sie zu ersetzen". Der Versuch, sie "beiseite zu schieben", würde in der Tat bedeuten, daß der Psychologe auf die Hauptquelle seiner Erkenntnis verzichtet. Aber freilich, über die Frage, in welchem Maß sie der Ergänzung und Korrektur durch die anderen bedarf, bestehenden Meinungsverschiedenheiten unter den Psychologen (5). Indessen eine allzu weitgehende kritische Vorsicht gegenüber der Selbstbeobachtung würde noch keinen prinzipiellen methodischen Fehler bedeuten. Man kann dabei doch mit HUSSERL darüber einig sein, daß die Aussagen der Versuchspersonen vom Psychologen aufgrund seiner eigenen früheren Selbstwahrnehmungen interpretiert werden müssen, und daß ebenso alle die durch Experimente festgestellten psychophysischen Tatsachen und Regelmäßigkeiten eine Analyse des Bewußtseins selbst voraussetzen und nur von hier aus zu verstehen und zu würdigen sind.

Die Bewußtseinsanalyse selbst wird nun freilich, wie HUSSERL meint, von den Vertretern der experimentellen Psychologie in ganz unzulänglicher Weise vorgenommen. Sie bemühen sich nicht um eine
    "systematische Analyse und Deskription der in den verschiedenen Richtungen immanenten Schauens sich darbietenden Gegebenheiten";
wo aber der Zwang der Sachen sie doch zu solchen Bewußtseinsanalysen treibt, da werden sie nur "zwischendurch" nur mit großer "Naivität" vollzogen. Die Folge aber ist, daß bei den Fragestellungen wie bei der Formulierung der experimentellen Ergebnisse mit "rohen Klassenbegriffen", wie Wahrnehmung, Phantasie-Anschauung, Aussage, Rechnen und Verrechnen, Größenschätzungen, Wiedererkennen, Erwarten, Behalten, Vergessen usw." operiert wird (303).

Auch hier dürfte HUSSERL etwas allzu pessimistisch urteilen; er dürfte insbesondere übersehen, daß gerade durch die experimentellen Untersuchungen diese "rohen Klassenbegriffe" eine mannigfache Klärung und Bereicherung erfahren. Aber unbestreitbar ist allerdings, daß HUSSERL hier auf eine hochbedeutsame, ja grundlegende Aufgabe der Psychologie hinweist, deren Lösung noch sehr viel ernste Arbeit fordert. Er selbst hat diese Aufgabe in erfolgreicher Weise in Angriff genommen, und zwar in seiner "phänomenologischen" Betrachtungsweise. Es kann meines Erachtens der Psychologie nur reichen Gewinn bringen, wenn diese in dem von HUSSERL gewollten Sinn erfaßt und in Anwendung gebracht wird. Mannigfache Mißverständnisse hindern das vorläufig noch, und es gilt, vor allem diese hinwegzuräumen. Was will also die von Husserl vertretene "Phänomenologie"?

HUSSERL bezeichnet sie als eine "systematische, das Psychische immanent erforschende Bewußtseinswissenschaft", auch als systematische Analyse der im immanenten Schauen sich darbietenden Gegebenheiten (6). Aber er will sie nicht ohne weiteres mit "deskriptiver Psychologie" identifizieren. Denn ihre Deskriptionen betreffen nicht Erlebnisse oder Erlebnisklassen von empirischen Personen (7). Die Psychologie ist nach ihm als Naturwissenschaft des Bewußtseins von der Phänomenologie zu scheiden. Beide beschäftigen sich mit dem Bewußtsein, aber in verschiedener "Einstellung". Die Psychologie hat es mit dem "empirischen" Bewußtsein zu tun, also mit Erlebnissen, die mir oder anderen Personen angehören und die als "daseiend im Zusammenhang der Natur" gefaßt werden (8). Die phänomenologische Deskription hat das "reine Bewußtsein" zum Gegenstand; "sie blickt auf das im strengsten Sinn Gegebene hin, auf das Erlebnis, so wie es in sich selbst ist" (9). So analysiert sie z. B.
    "die Erkenntniserlebnisse, in welchen der Ursprung der logischen Ideen liegt, unter Fernhaltung aller über ihren reellen Inhalt hinausgehenden Deutung und bringt die eigentliche Meinung der logischen Ideen zur Evidenz."
Wenn der Phänomenologe objektivierende Ausdrücke gebraucht wie: "Wir finden im Erlebnis dieses und jenes", so hat das nicht den Sinn einer naturwissenschaftlichen oder metaphysischen Objektivation. Vielmehr will er (so dürfen wir wohl zur Erläuterung dieser Worte HUSSERLs hinzufügen) klar machen, was denn mit psychologischen Ausdrücken wie Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartung, Vermutung eigentlich gemeint ist. Und diese Klärung erfolgt, indem derartige Erlebnisse herbeigeführt oder in der Erinnerung rekonstruiert und innerlich angeschaut werden; wobei dann auch das Gegenständliche, auf das alle diese Erlebnisarten zielen, charakterisiert werden muß nach den verschiedenen Weisen, in denen es gemeint ist - "bald klar, bald unklar, bald gegenwärtig oder vergegenwärtigend, bald signitiv oder bildlich, bald schlicht, bald denkmäßig vermittelt usw. (10)

Es scheint mir nun allerdings nicht sachlich notwendig zu sein, daß HUSSERL seine Phänomenologie des Bewußtseins so sorglich von der Psychologie trennt. Gewiß ist es dem Phänomenologen nicht darum zu tun, irgendein bestimmtes Erlebnis eines bestimmten Individuums als wirkliches Geschehen im Naturzusammenhang zu fixieren, zu analysieren und etwa noch zu erklären. Der Psychologe kann sich eine solche Aufgabe stellen, aber - so frage ich - muß er dies? Entspricht nur dies den Aufgaben seiner Wissenschaft? Er strebt doch allgemeine Erkenntnisse an, er will Regelmäßigkeiten im Bestand und Verlauf der psychischen Erlebnisse feststellen. Das einzelne wirkliche Erlebnis im eigenen Bewußtsein oder im Bewußtsein von Versuchspersonen interessiert ihn doch zunächst nur als Beispiel, als einzelner Fall, um Allgemeines daran zu erkennen. Es kommt ihm gar nicht darauf an, diese Erlebnisse, die er analysiert, als wirkliche Geschehnisse wirklicher Personen in den einen großen Zusammenhang des Naturprozesses an bestimmter Stelle einzuordnen. (11) Diese Tendenz waltet erst bei demjenigen vor, der psychologische Kenntnisse anwendet, um etwa als Historiker oder Jurist bestimmte seelische Vorgänge in bestimmten Personen festzustellen. Daß der Psychologe bei seinem Streben nach allgemeinen Erkenntnissen ganz anders eingestellt ist, geht schon daraus hervor, daß er unter Umständen auch vom - Romanschriftsteller lernen kann. Natürlich will er Regelmäßigkeiten im seelischen Geschehen wirklicher Menschen erfassen, er will nichts erfinden, nichts erdichten, sondern Wirklichkeit erkennen; aber ist das bei den "Phänomenologen" wesentlich anders? Die Begriffe, deren Klärung dieser unternimmt, sollen doch auf wirkliche Erlebnisse anwendbar sein; und eben darum zieht er auch zum Zweck ihrer Erklärung wirkliche Erlebnisse heran. Dabei kann er freilich für seinen Zweck von manchen Fragen, die den Psychologen auch noch interessieren, absehen, z. B. von der Erklärung des Zustandeskommens der Erlebnisse, von individuellen Verschiedenheiten an ihnen, von der Korrelation solcher Verschiedenheiten in mehreren Erlebnisklassen derselben Individuen usw.; vor allem aber wird er jeglicher Untersuchung des Zusammenhangs der psychischen Vorgänge mit den physischen fernbleiben. Also nicht sowohl von der Psychologie schlechthin, als vielmehr von der physiologischen Psychologie wäre Husserls Phänomenologie zu sondern. Und diese Sonderung hat den Zweck, eine naturalistische Verdinglichung des Psychischen abzuwehren. Dieses ist nicht in demselben Sinn "Natur" wie das, was als Träger der Erscheinungen der sinnlichen Wahrnehmung herausgearbeitet wird; es ist nicht in "objektiver" Identität bestimmbar als die substantielle Einheit von realen Eigenschaften, die wir immer wieder in der Erfahrung erfassen und bestimmen können.
    "Die Physik schaltet eben prinzipiell das Phänomenale aus, um die in ihm sich darstellende Natur zu suchen; die Psychologie will Wissenschaft von den Phänomenen sein." (12)
Eben in diesem Satz aber spricht HUSSERL das aus, was wir zu zeigen suchen, daß die Phänomenologie, soweit sie die psychologischen Begriffe mit Hilfe eines immanenten Schauens zu klären sucht, selbst - Psychologie, ja deren grundlegender Teil ist. Die Phänomene haben eben ein im unmittelbaren Schauen faßbares "Wesen" und die Begriffe, vermittels deren wir sie beschreiben, müssen sich "in Wesensanschauung einlösen lassen (13), d. h. sie müssen sich in dieser Anschauung als gültig erweisen, insofern diese als unmittelbar gegeben enthält, was sie bloß "meinen". Dabei wird hier
    "das Psychische in der reinen statt in der psychophysischen Einstellung zum Gegenstand der schauenden Forschung gemacht" (14),
d. h. wir treiben "reine" (Deskription) - und nicht erklärende und physiologische - Psychologie, und indem wir unsere (vorwissenschaftlichen) psychologischen Begriffe klären, vertiefen und bereichern wir zugleich unser Wissen vom Psychischen.

Freilich kann man die Frage aufwerfen, ob wirklich das immanente Schauen das "absolut (15) Gegebene" "adäquat" erfaßt, wie HUSSERL betont (16). Sein Begriff der "Wesensschauung" scheint mir das nicht notwendig zu fordern. Er führt z. B. aus:
    "Wenn wir von Wahrnehmung zu Wahrnehmung blickend, zur Gegebenheit bringen, was Wahrnehmung, Wahrnehmung ansich - dieses Identische beliebiger fließener Wahrnehmungssingularitäten - ist, so haben wir das Wesen Wahrnehmung schauend gefaßt." (17)
Indem wir aber so mit dem Begriff entsprechende Anschauungen verbinden, können wir uns sehr wohl "zu voller Klarheit, zu voller Gegebenheit" bringen, was in einem Begriff gemeint ist, ohne daß doch die innere Anschauung das im Bewußtsein Gegebene stets "adäquat" erfassen müßte. Erschwert wird dies durch den - auch von HUSSERL scharf betonten - fließenden Charakter der psychischen Phänomene und durch den Umstand, daß die innere Wahrnehmung meist rückschauender Art ist (18). Aber wenn wir auch den adäquaten Charakter der inneren Anschauung bezweifeln, so können wir doch dem Satz HUSSERLs beistimmen:
    "Der Herrschaftsbereich der reinen Intuition umspannt auch die gesamte Sphäre, die sich der Psychologe als die der psychischen Phänomene zurechnet, sofern er sie nur rein für sich, in reiner Immanenz nimmt."
Eben dieser Satz bestärkt uns aber auch wieder in unserer Auffassung, daß die Phänomenologie HUSSERLs nicht von der Psychologie zu sondern, vielmehr als ihr grundlegender Teil anzuerkennen ist. Zur weiteren Bestätigung dafür kann die Schrift von HUSSERLs Schüler, WILHELM SCHAPP, "Beiträge zur Phänomenologie der Wahrnehmung" (19), dienen, die im Wesentlichen der psychologischen Deskription der Wahrnehmung dient und darin recht Beachtenswertes leistet.

Wenn CARL STUMPF gelegentlich den Vorschlag gemacht hat, eine Disziplin, die er als "Phänomenologie" bezeichnet, von den Natur- und Geisteswissenschaften und also auch von der Psychologie zu scheiden, so darf dies nicht zugunsten der von HUSSERL vertretenen Scheidung von Phänomenologie und Psychologie angeführt werden; denn der Begriff der "Phänomenologie" ist bei STUMPF und HUSSERL ein ganz verschiedener. STUMPF versteht nämlich unter "Erscheinungen" oder "Phänomenen" lediglich die Inhalte der Sinnesempfindungen und die gleichnamigen Gedächtnisbilder (einschließlich der, beiden Klassen zukommenden, räumlichen Eigenschaften und räumlichen und sonstigen Verhältnisse) (20). Die Phänomenologie im Sinne HUSSERLs dagegen umfaßt alles unmittelbar Gegebene (21), d. h. "alles, was als Tatsache unmittelbar einleuchtet" (um mit STUMPF zu reden). Der Begriff der Phänomenologie bei HUSSERL ist also viel weiter als der bei STUMPF, er erstreckt sich auf den Gesamtumfang der Bewußtseinserlebnisse mit ihren korrelaten "Gegenständen". Eben darum möchte HUSSERL Phänomenologie auch nicht ganz zutreffend als "Spezialwissenschaft im Gesamtgebiet der Psychologie" von GEORG ANSCHÜTZ bezeichnet sein (22). Eher dürfte noch ihre Charakterisierung als "Spezialbetrachtungsweise" passend sein, nur wird diese ihrem grundlegenden Charakter nicht gerecht (23). Ihre Bezeichnung aber als "eine Art propädeutischer Disziplin für die speziellere psychologische Forschung" verweist sie in die Vorhalle der Psychologie, während sie doch ihr unterstes Stockwerk bildet. Übrigens schreibt auch ANSCHÜTZ der von HUSSERL vertretenen Phänomenologie "eine wesentliche Bedeutung" zu.

Beiläufig sei bemerkt, daß diese Würdigung sich vorteilhaft unterscheidet von Urteilen, die von anderen Psychologen über HUSSERLs phänomenologischen Untersuchungen gefällt worden sind. Diese sind wirklich nicht "bloß verbalistische", "bloß grammatische" und "scholastische" Analysen. Mit Schlagworten wie "Schreibtischpsychologie" sollte man in der Tat so bedeutsame und gründliche Forschungen nicht abtun wollen. Solche Zeugnisse mangelnden Verständnisses und oberflächlichen Absprechens mögen zum Teil die scharfen Urteile, die HUSSERL über die experimentelle Psychologie fällt, hervorgerufen haben. Im wahren Interesse der psychologischen Forschung aber wäre es, wenn statt des Streites bald eine Verständigung zwischen den beiden Richtungen einträte, die berufen sind, sich gegenseitig zu ergänzen und zu fördern. -

Wir haben uns bisher darauf beschränkt, das Verhältnis von HUSSERLs Phänomenologie zur Psychologie zu betrachten. HUSSERL schreibt seiner Phänomenologie jedoch noch eine viel zu weitergehende Bedeutung zu, die wir noch kurz erwägen müssen. Er nennt sie
    "eine große, beispiellos folgenreiche Wissenschaft, die einerseits die Grundbedingung für eine vollwissenschaftliche Psychologie und andererseits das Feld der echten Vernunftkritik ist." (24)
Die Aufgabe der letzteren besteht aber nach ihm darin: die Möglichkeit der Erkenntnis, welche von den rein logischen Begriffen und Gesetzen umgrenzt wird, durch einen Rückgang auf ihren "Ursprung" verständlich zu machen und auf diese Weise die Schwierigkeiten zu lösen, welche den Gegensatz zwischen der Subjektivität des Erkenntnisakte - und der Objektivität des Erkenntnisinhaltes und Gegenstandes (Wahrheit und Sein) anhängen." (25) Die Phänomenologie hat so die Erkenntnis - von allen metaphysischen Tendenzen absehend - aufzuklären, indem sie die eigentliche Meinung der logischen Ideen zur Evidenz bringt. Sie geht dabei von dem Grundsatz aus, daß alle Begriffe (d. h. Wortbedeutungen) "sich in einer Wesensanschauung müssen einlösen lassen" (26) daß sie ihre Gültigkeit im unmittelbar Gegebenen irgendwie dartun (27) müssen. Das gilt für die Begriffe Dingheit, Substantialität so gut wie für sinnliche und nichtsinnliche Anschauungen, Denken und Anschauung, Physisches und Psychisches usw. (28) Das phänomenologische Verfahren besteht also darin, daß von den "sprachüblichen Bezeichnungen" ausgegangen und dann, im Einleben in ihre Bedeutungen, nach den Phänomenen gefragt wird, auf die sich solche Bezeichnungen zunächst vage und äquivok [bedeutungsgleich - wp] beziehen. Dabei hat man nicht die Absicht, neue Erkenntnis von Tatsachen durch eine Analyse von Wortbedeutungen zu gewinnen - das war der Irrtum des scholastischen Ontologismus -, sondern
    "man will in die Phänomene hineinschauen, welche die Sprache durch die betreffenden Worte anregt oder sich in die Phänomene vertiefen, welche das vollanschauliche Realisieren von Erfahrungsbegriffen, mathematischen Begriffen usw. ausmachen."
Dabei kommt es vor allem auch darauf an, Äquivokationen klarzulegen und damit die Vieldeutigkeit der in der Wissenschaft verwendeten Worte in steigendem Maß zu beseitigen. Das ferne Ziel ist eine "endgültige Fixierung der wissenschaftlichen Sprache", die nur aufgrund einer vollendeten Analyse der Phänomene geschehen kann. (29)

Durch alle diese Untersuchungen wird erst ein von konsequenten Empiristen wie HUME aufgestellter Grundsatz von einer zu engen Fassung befreit und in seiner wahren Bedeutung erkannt und durchgeführt. Es ist der Grundsatz, daß man für alle Begriffe in "Impressionen", d. h. in anschaulichen Eindrücken, ihren "Ursprung" und damit ihren wahren Sinn und ihre Gültigkeit dartun muß. Jedoch ist der Begriff der "Impressionen" nicht weit genug, um alles unmittelbar Gegebene zu bezeichnen, was zur Verifikation von Begriffen dienen kann. Aber berechtigt ist in der Tat die Forderung, daß man für alle Begriffe einen ähnlich festen Halt zu gewinnen sucht, wie ihn die Impressionen für Begriffe von sinnlich wahrnehmbaren Dingen bietet. (30) -

Mit einer solchen Klärung und Verifikation von Begriffen durch die Aufweisung ihres "Ursprungs" im Gegebenen wird der Phänomenologe auch die Aufklärung von Beziehungen der Begriffe untereinander verbinden. Schon die Aufgabe, die verschiedenen Bedeutungen bestimmter Worte reinlich zu scheiden, nötigt ihn auf solche Begriffsbeziehungen einzugehen. Damit aber gelangt er zur Feststellung a priori geltender Sätze. Denn nicht um Tatsachen handelt es sich dabei - über solche können nur a posteriori geltende Erkenntnisse gewonnen werden -, sondern um Wesens-, d. h. Begriffszusammenhänge. Da die Fixierung der Begriffsinhalte Sache des wissenschaftlichen Denkens ist, so können die Beziehungen, die zwischen den fixierten Begriffen bestehen, auch a priori erkannt werden; wir sind dafür nicht auf eine "Erfahrung" angewiesen. Ganz zutreffend bemerkt SCHAPP:
    "A priori ist eine Beziehung, die im Wesen (d. h. im Begriff) der bezogenen Gegenstände begründet liegt, bei der man von Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit vollkommen absieht." (31)
Durch diese Untersuchungen apriorischer Begriffsbeziehungen greift die Phänomenologie aber in das Gebiet ein, auf dem die Hauptleistung des "kritischen" oder "methodischen" Idealismus liegt, wie er gegenwärtig vor allem durch COHEN, NATORP und die Anhänger der "Marburger Schule" vertreten wird. Es wäre wünschenswert, wenn die "Phänomenologen" auch mit dieser Richtung innere Fühlung suchen würden. Sie könnten ihr einen festeren Unterbau schaffen durch die Ausführung des ihnen eigenen Grundgedankens, Sinn und Geltung der Begriff am anschaulich Gegebenen darzutun. Sie könnten ihrerseits reichen Gewinn entnehmen aus der gründlichen Arbeit, die in jener Schule über die apriorischen Beziehungen zwischen Begriffen geleistet worden ist und weiter geleistet wird.

Nach dem Gesagten erscheint es aber begreiflich und berechtigt, daß HUSSERL der Phänomenologie - oder (wie man zutreffender sagen würde) der phänomenologischen Methode - nicht nur für die Psychologie, sondern auch für die Erkenntnistheorie und andere Disziplinen eine grundlegende Bedeutung beimißt. Doch sollte darauf hier nur kurz hingewiesen werden; unsere eigentliche Aufgabe sahen wir darin, das Verhältnis der Phänomenologie zur Psychologie klarzustellen und den großen Wert des phänomenologischen Verfahrens für die deskriptive Aufgabe der Psychologie und die Klärung der psychologischen Begriffe und ihrer Beziehungen darzutun.
LITERATUR August Messer, Husserls Phänomenologie in ihrem Verhältnis zur Psychologie, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 22, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    1) Daß dies nicht der Fall ist, ließe sich z. B. anhand des lehrreichen Aufsatzes von Georg Anschütz, "Über die Methoden der Psychologie", Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 20, 4. Heft) leicht zeigen.
    2) Es sei hier auch an die eingehende Kritik erinnert, die Husserl im ersten Band seiner "Logischen Untersuchungen" am "Psychologismus" geübt hat.
    3) Also sind sie streng genommen keine "Phänomene" im Sinne von "Erscheinungen" eines Erscheinenden.
    4) Anschütz, a. a. O., Seite 426f. Vgl. auch G. E. Müller, "Zur Analyse der Gedächtnistätigeit", Bd.1, Leipzig 1911, Seite 72f.
    5) Es sei hier an die Kontroverse zwischen Wundt und Bühler über die Methoden der psychologischen Untersuchung des Denkens erinnert (vgl. Psychologische Studien III und "Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. IX
    6) a. a. O. Seite 303.
    7) Husserl, Bericht über die deutschen Schriften zur Logik in den Jahren 1875-79, "Archiv für Philosophie", Abt. 2, Neue Folge, Bd. 9, 1903, Seite 399 (Im Folgenden zitiert: "Bericht").
    8) "Logos", a. a. O. Seite 302.
    9) "Bericht", Seite 399.
    10) "Logos", Seite 301.
    11) Übrigens liegt auch dem Naturforscher, der irgendwelche chemische oder physikalische Vorgänge untersucht, dieses Interesse ganz fern.
    12) "Logos", Seite 309; zum Vorhergehenden vgl. Seite 314.
    13) "Logos", Seite 314.
    14) a. a. O. Seite 315.
    15) Es ist dies doch wohl im Sinne von "unmittelbar" gegeben zu verstehen.
    16) "Logos", Seite 315.
    17) a. a. O.
    18) Vgl. zu dieser Frage Anschütz, a. a. O., Seite 431f und Müller, a. a. O.
    19) Göttinger Dissertation von 1910
    20) Vgl. "Erscheinungen und psychischen Funktionen", Abhandlungen der preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahr 1906, Seite 4 und "Zur Einteilung der Wissenschaften", ebd. Seite 26.
    21) "Logos", Seite 303. Schapp, Seite 1.
    22) a. a. O., Seite 442f.
    23) Der sie (wie wir sehen werden) auch außerhalb der Psychologie anwendbar macht.
    24) "Logos", Seite 315.
    25) "Bericht", Seite 400
    26) "Logos", Seite 314
    27) Schapp, Seite 1
    28) a. a. O., Seite 3
    29) "Logos", Seite 304f.
    30) Schapp, Seite 2
    31) a. a. O. Seite 12