cr-4P. RéeF. RittelmeyerW. EggenschwylerM. HavensteinNietzscheR. Eisler    
 
GEORG BRANDES
Friedrich Nietzsche
- eine Abhandlung über aristokratischen Radikalismus -
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"An und für sich gibt es weder Recht noch Unrecht. An und für sich ist ein Schadenzufügen, ein Vergewaltigen, Ausnutzen, Vernichten kein Unrecht, kann kein Unrecht sein, da das Leben in seinem Wesen, in seinen Grundfunktionen nichts als Überwältigen, Ausnutzen, Vernichten ist. Rechtszustände können nie etwas anderes als Ausnahmezustände sein, nämlich als Einschränkungen der eigentlichen Lebensbegierde, deren Ziel Macht ist."

"Für Zarathustra ist der Staat das kälteste aller kalten Ungeheuer. Die Grundlüge des Staates ist die, daß er das Volk ist. Jedes Volk ist eigentümlich, aber der Staat ist überall gleich. Staat ist für Zarathustra das, wo der langsame Selbstmord Aller Leben genannt wird. Der Staat ist für die Vielzuvielen. Erst wo der Staat aufhört, fängt der Mensch an, der nicht überflüssig ist."

"Die Engländer sind alle zusammen geduldige Geister, deren Wesen auf Aneinanderreihen und Umspannen einer Menge kleiner Tatsachen ausgeht, um dadurch ein Gesetz zu finden. Die besten unter ihnen sind aristotelische Köpfe. Sie wirken mehr durch das, was sie tun, als durch das was sie sind. Nietzsche dagegen ist (wie Schopenhauer) ein Errater, ein Seher, ein Künstler, weniger interessant durch das, was er tut, als durch das, was er ist. So wenig deutsch er sich auch fühlt, setzt er doch die metaphysische und intuitive Überlieferung der deutschen Philosophie fort und hegt den tiefen Widerwillen der deutschen Denker gegen jeden Nützlichkeitsgesichtspunkt."

IV. Eine Definition des Menschen würde für NIETZSCHE die folgende sein: Der Mensch ist ein Tier, das Gelübde geben und halten kann.

Er erblickt den eigentlichen Adel des Menschen darin, daß er etwas versprechen, für sich selbst einstehen, eine Verantwortung übernehmen kann - da der Mensch mit der Herrschaft über sich selbst, welche dieses Verhältnis voraussetzt, auch die Herrschaft über die äußeren Umstände und die übrigen Geschöpfe erlangt, deren Wille nicht so anhaltend ist.

Das Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit nennt der souveräne Mensch sein Gewissen.

Was ist nun die Vorgeschichte dieser Verantwortlichkeit, dieses Gewissens? Sie ist lang und blutig. Durch fürchterliche Mittel ist im Laufe der Geschichte ein Gedächtnis für das einmal schweigend oder laut Versprochene oder Gewollte aufgezüchtet worden. Jahrtausende hindurch wurde der Mensch in die Zwangsjacke der Gewohnheitssittlichkeit geschnürt und durch Strafen, wie Steinigung, Rädern oder Verbrennen, durch lebendig Begrabenwerden, durch Ertränken in einem Sack oder mit einem Stein am Hals, durch Zerrissenwerden von vier Pferden, durch Peitschen, Schinden, Brandmarken - durch alle diese Mittel wurdem dem vergeßlichen Tier Mensch ein langes Gedächtnis für das Versprochene eingebrannt - gegen den Ersatz, die Vorteile zu genießen, die mit dem Gesellschaftsverband verknüpft sind.

Nach NIETZSCHEs Hypothese entsteht das Schuldbewußtsein einfach als Bewußtsein einer Schuld. Das Vertragsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, das so alt ist wie die ältesten Grundformen des menschlichen Verkehrs in Kauf, Verkauf, Tausch usw., ist das Verhältnis, das hier zugrunde liegt. Der Schuldner verspricht (um Vertrauen auf sein Versprechen der Zurückzahlung einzuflößen) irgendetwas, was er besitzt: seine Freiheit, sein Weib, sein Leben; oder er gibt dem Gläubiger das Recht, im Verhältnis zur Schuld ein größeres oder kleineres Stück Fleisch aus seinem Körper zu schneiden (das Zwölftafelgesetz; noch im "Kaufmann von Venedig").

Die Logik hierin, die uns ziemlich fremd wurde, ist folgende: als Ersatz des Verlustes wird dem Gläubiger eine Art Wollustgefühl zugestanden, dasjenige, welches darin besteht, seine Macht an einem Machtlosen auszuüben.

Der Leser kann bei RÉE (a. a. O., Seite 13f) die Beweise für NIETZSCHEs Behauptung finden, daß die Auffassung der Menschheit Jahrtausende hindurch gewesen ist: Andere leiden sehen, tut wohl: aber Anderen Leiden zufügen, das ist ein Fest, währenddessen der Glückliche von Machtgefühl schwellt. Man kann dort auch die Beweise dafür finden, daß die Triebe zum Mitleid, zur Billigkeit, zur Milde, die später als Tugenden verherrlicht wurden, ursprünglich fast überall als moralisch wertlos, ja als Schwachheitssymptome betrachtet worden sind.

In Kauf und Verkauf und allem was seelisch dazu gehört und älter als jede Gesellschaftsordnung ist, liegt nach NIETZSCHEs Auffassung der Keim von Ersatz, Ausgleichung, Recht, Pflicht. Der Mensch ist früh darauf stolz gewesen, ein Werte abmessendes Wesen zu sein. Einer der frühesten Gemeingedanken war der: Jedes Ding hat seinen Preis. Und der Gedanke: Alles kann abbezahlt werden, war die älteste und naivste Richtschnur der Gerechtigkeit.

Nun steht die ganze Gesellschaft, wie sie sich nach und nach entwickelt, in demselben Verhältnis zu ihren Mitgliedern, wie der Gläubiger zum Schuldner. Die Gesellschaft beschützt ihre Mitglieder; sie sind vor dem friedlosen Zustand gesichert, wenn sie ihre Verpflichtungen gegen sie nicht brechen. Der, welcher seine Zusage bricht, der Verbrecher, wird dem vogelfreien Zustand übergeben, der den Ausschluß von der Gesellschaft mit sich führt.

Da NIETZSCHE mit seinem ausschließlich psychologischen Interesse allen gelehrten Apparat liegen läßt, können seine Behauptungen nicht direkt kontrolliert werden. Man findet bei RÉE in seinen Paragraphen über Rachlust und Gerechtigkeitsgefühl und im Abschnitt über das Abkaufen der Rache, das Ausgleichen durch Bußen, die historischen Data gesammelt.

Andere Denker als NIETZSCHE (so EDUARD von HARTMANN und RÉE) haben die Auffassung bestritten, daß die Gerechtigkeitsidee aus der Rachsucht entsteht, und NIETZSCHE hat kaum ein neues, überzeugendes Argument zutage gefördert; aber das für ihn als Schriftsteller Eigentümliche ist das Übermaß persönlicher Leidenschaft, womit er gegen diesen Gedanken protestiert, augenscheinlich aus dem Grund, daß derselbe dem modernen, demokratischen Gedankengang geläufig ist.

In vielen modernen Forderungen von Gerechtigkeit klingt ein Ton plebeijischen Grolls und Neides mit. Unwillkürlich hat mancher moderne Gelehrte von bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Abstammung etwas Größeres und Wertvolleres als vernünftig war in den Rückschlagsaffekten gesehen, die dem lange Unterdrückten eigentümlich sind, wie Haß, Groll, Neid, Rachsucht.

NIETZSCHE beschäftigt sich nicht einen Augenblick mit dem Zustand, in dem die Rache als einziges Strafrecht fungiert; denn die Blutrache ist ja kein Ergebnis von Sklavenhauß gegen den Herrn, sondern von Ehrbegriffen unter Ebenbürtigen. Er verweilt ausschließlich beim Gegensatz zwischen den herrschenden und der unterworfenen Klasse und nährt eine stets aufs Neue hervorbrechende Erbitterung gegen Theorien, welche  die  unter den Mitlebenden, die mit dem Fortschritt sympathisieren, nachsichtig gegen die plebeijischen Instinkte gemacht und mißtrauisch oder feindlich gegen die Herrschergeister gestimmt haben. Seine rein persönliche Eigentümlichkeit, das Unphilosophische und Temperamentbestimmte an ihm, verrät sich indessen in dem Zug, daß er, der nur Haß und Verachtung für die unterdrückte Kaste oder Rasse, für ihre "Rancune" [Feindschaft - wp] und die aus eingeklemmtem Neid entspringende Sklavenmoral hat, in der die Machtfreude der herrschenden Kaste förmlich schwelgt, die Atmosphäre von Gesundheit, Freiheit, Offenheit und Wahrhaftigkeit, in der sie lebt, nicht genug preisen kann. Ihre Übergriffe entschuldigt oder verteidigt er. Das Bild, das sie sich von der Sklavenkaste macht, findet er bei Weitem nicht so falsch, wie dasjenige, das diese sich von der Herrenkaste bildet.

Auch nicht von wirklichem Unrecht, das diese Kaste begangen hat, kann für ihn im Ernst die Rede sein. Denn an und für sich gibt es weder Recht noch Unrecht. An und für sich ist ein Schadenzufügen, ein Vergewaltigen, Ausnutzen, Vernichten keineUnrecht, kann kein Unrecht sein, da das Leben in seinem Wesen, in seinen Grundfunktionen nichts als Überwältigen, Ausnutzen, Vernichten ist. Rechtszustände können nie etwas anderes als Ausnahmezustände sein, nämlich als Einschränkungen der eigentlichen Lebensbegierde, deren Ziel Macht ist. NIETZSCHE ersetzt den SCHOPENHAUERschen "Willen zum Leben" und den DARWINschen "Kampf ums Dasein" mit dem Ausdruck "Wille zur Macht". Nicht um das Leben, das bloße Leben, wird nach seiner Auffassung gekämpft, sondern um die Macht. Und er hat viele - wenig treffende - Worte darüber, was für kleine und ärmliche Verhältnisse  die  Engländer vor Augen gehabt haben müssen, die den Begriff "struggle for life" mit seiner Genügsamkeit aufstellten. Es kommt ihm vor, als hätten sie sich eine Welt gedacht, in welcher jeder froh ist, wenn er nur das Leben fristen kann. Aber das Leben ist ja nur der Minimumausdruck. Ansich fordert das Leben nich bloß Selbstbewahrung, sondern Selbstvermehrung und solchermaßen ist es gerade ein "Wille zur Macht". Es leuchtet also ein, daß kein Grundunterschied zwischen dem neuen und dem alten Kunstwort vorhanden ist; der Kampf ums Dasein führt nowendigerweise den Kampf der Mächte und den Kampf um die Macht mit sich. Nun ist eine Rechtsordnung, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, ein Mittel im Kampf der Mächte. Als souverän, als Mittel gegen allen Kampf überhaupt gedacht, wäre sie ein lebensfeindliches, ein die Zukunft und den Fortschritt des Menschen niederbrechendes Prinzip.

Etwas Ähnliches meinte schon LASSALLE, als er den Ausspruch tat, der Rechtsstandpunkt sei ein schlechter Standpunkt im Leben der Völker. Das für NIETZSCHE Bezeichnende ist die Freude am Kampf als solchen im Gegensatz zur Betrachtungsweise des modernen Humanismus. Für NIETZSCHE mißt sich die Größe eines Fortschritts daran, wieviel ihm geopfert werden muß. Die Hygiene, die das Leben in Millionen schwacher und unnützer Wesen aufrechterhält, die eher sterben sollten, ist für ihn kein wirklicher Fortschritt. Ein Durchschnittsglück der Mittelmäßigkeit, das der größtmöglichen Anzahl der elenden Geschöpfe gesichert würde, die wir heutzutage Menschen nennen, wäre für ihn kein wirklicher Fortschritt. Aber für ihn, wie für RENAN, würde die Erziehung von einer stärkeren, höheren Menschenart, als die, welche uns umgibt ("der Übermensch"), selbst wenn sie nur dadurch erreicht werden könnte, daß Massen von Menschen, wie wir sie kennen, hingeopfert werden müßten, ein großer und wirklicher Fortschritt sein. NIETZSCHEs mit vollem Ernst ausgesprochene Zukunftsphantasien über die Erziehung des Übermenschen und dessen Eingreifen der Macht auf Erden, haben eine solche Ähnlichkeit mit RENANs halb scherzend, halb skeptisch entworfenen Träumereien von einem neuen  Asgaard [nordische Welt der Götter - wp], einer wirklichen Fabrik von  Asen [Göttergeschlecht der nordischen Mythologie - wp] (Dialogues phil. 117), daß man kaum an einer Beeinflussung zweifeln kann. Nur, daß man kaum an einer Beeinflussung zweifeln kann. Nur, daß RENAN unter dem überwältigenden Eindruck der Commune in Paris in Dialogform so schrieb, daß Pro und Contra zu Wort kommen, während bei NIETZSCHE der leichte Traum sich zu einer dogmatischen Überzeugung kristallisiert hat. Es verwundert und verletzt daher ein wenig, daß NIETZSCHE nie andere Äußerungen als antipathische über RENAN vorbringt. Er berührt kaum seine geistesaristokratische Tendenz, aber er verabscheut die Ehrfurcht vor dem Evangelium der Demütigen, die RENAN überall an den Tag legt und die freilich in einem gewissen Streit mit der gehofften Errichtung einer Brutanstalt für Übermenschen steht.

RENAN und TAINE nach ihm haben sich gegen die fast religiösen Gefühle gewandt, die im neuen Europa lange für die französische Revolution gehegt wurden. RENAN hat für aus nationalen Gründen die Revolution bedauert, TAINE, der ursprünglich mit ihr sympathisierte, schlug nach einem gründlicheren Studium um. NIETZSCHE geht in ihren Spuren. Es ist natürlich, daß moderne Schriftsteller, die sich als Kinder der Revolution fühlen, mit den Urhebern der großen Empörung sympathisieren, und sicher sind viele von diesen unter der gegenwärtigen, anti-revolutionären Stimmung in Europa nicht zu ihrem Recht gekommen. Aber die Schriftsteller haben u. a. in ihrer Scheu vor dem, was im politischen Jargon Cäsarismus genannt wird und in ihrem Aberglauben an Massenbewegungen übersehen, daß die größten Empörer und Befreier nicht die vereinten Kleinen sind, sondern die wenigen Großen; nicht die kleinen Mißgönner, sondern die großen Gönner, die den anderen Recht, Wohlergehen und geistiges Wachstum gönnen.

Es gibt zwei Klassen revolutionärer Geister, die, welche sich instinktiv zu BRUTUS und die, welche sich ebenso instinktiv zu CÄSAR hingezogen fühlen. CÄSAR ist der große Typus; FRIEDRICH II. und NAPOLEON besaßen jeder nur eine Gruppe seiner Eigenschaften. Die moderne Freiheitspoesie aus den vierziger Jahren wimmelt von Lobgesängen auf BRUTUS. Aber kein Dichter hat CÄSAR besungen. Selbst ein so antidemokratischer Dichter wie SHAKESPEARE war ganz ohne Blick für seine Größe, verherrlichte BRUTUS nach der Schrift PLUTARCHs auf seine Kosten und gab die Gestalt CÄSARs in einer großen Karikatur. Nicht einmal SHAKESPEARE hat verstanden, daß CÄSAR einen ganz anderen Einsatz auf den Tisch des Lebens warf, als sein armer Mörder. CÄSAR stammte von  Venus  ab, seine Form war Anmut. Sein Geist hatte die edle Einfachheit, die das Merkmal der Größten ist; sein Wesen war Adel. Er, nach dem noch heute alle höchste Macht ihren Namen trägt, konnte alles, wußte und kannte alles, was ein Heerführer und Herrscher ersten Ranges können und kennen muß. Nur einige Männer der italienischen Renaissance haben sich zu einer solchen Höhe von Genie erhoben. Für alle Fortschritte, die sich in jenen Tagen ausführen ließen, war sein Leben Bürgschaft. BRUTUS' Wesen war Doktrin, sein Merkmal die Beschränktheit, welche tote Zustände zurückführen will und die Vorbedeutung einer Berufung in der Zufälligkeit eines Namens sieht. Sein Stil war trocken und angestrengt, sein Geist unfruchtbar. Sein Laster war Habier; Wucher seine Lust. Für ihn waren die Provinzen rechtlose Beute. Er ließ fünf Senatoren in Salamin durch Hunger sterben, weil die Stadt nicht bezahlen konnte. Und dieser unfruchtbare Kopf ist wegen eines Dolchstoßes, der nichts ausrichtete und nichts von dem verhinderte, was er verhindern sollte, eine Art Genius der Freiheit geworden, nur weil man nicht verstanden hat, was die Ausstattung der stärksten, reichsten, königlichen Natur mit der höchsten Machtfülle bedeutet.

Es läßt sich aus dem Angeführten leicht verstehen, daß NIETZSCHE die Gerechtigkeit nur aus aktiven Gemütsbewegungen ableitet, da die Rückschlagsgefühle für ihn immer niedrige sind. Auf diesem Punkt hat er sich jedoch nicht aufgehalten. Die Älteren hatten den Ursprung der Strafe in einem Vergeltungstrieb gesehen. JOHN STUART MILL hatte in seiner Nützlichkeitsmoral die Gerechtigkeit von der bereits eingeführten Strafbestimmung (justum [Recht - wp] von jussum [Befehl - wp]) abgeleitet, welche eine Sicherheitsmaßregel, keine Vergeltung war. RÉE hat in seinem Buch vom "Ursprung des Gewissens" den verwandten Satz verteidigt, daß die Strafe keine Folge des Gerechtigkeitsgefühls, sondern das Gerechtigkeitsgefühl eine Folge der Strafe ist. Die englischen Philosophen im Allgemeinen leiten das böse Gewissen von der Strafe ab. Ihr Wert soll darin bestehen, das Gefühl des Vergehens im Schuldigen zu wecken.

Hiergegen protestiert NIETZSCHE. Er behauptet, daß die Strafe den Menschen nur verhärtet und kühlt, ja daß der Verbrecher sogar durch die Gerichtsverhandlung ihm gegenüber daran verhindert wird, sein Tun als verwerflich zu betrachten; denn er sieht genau dieselben Handlungen, welche er begangen hat: Spionage, Fallenlegen, Überlisten, Qual zufügen, im Dienste der Justiz gegen sich ausgeübt und dann gebilligt. Während langer Zeiten kümmerte man sich auch gar nicht um die Sünde des Verbrechers, man betrachete ihn nur als schädlich, nicht als schuldig, sah in ihm ein Stück Schicksal, und der Verbrecher seinerseits nahm die Strafe auch als ein Stück Schicksal, das über ihn hereinbrach und trug sie mit demselben Fatalismus, an dem die Russen noch heute leiden. Im Allgemeinen kann man sagen, die Strafe zähmt den Menschen, sie bessert ihn nicht.

Der Ursprung des bösen Gewissens ist also noch unerklärt. NIETZSCHE stellt folgene geniale Hypothese auf: Das böse Gewissen ist der tiefgehende Krankheitszustand, der im Menschen unter dem Druck der gründlichsten Veränderung zum Ausbruch kam, die er überhaupt durchgemacht hat, nämlich da er sich endgültig in eine Gesellschaft eingesperrt fand, die befriedet war. Alle die starken und wilden Triebe, wie Unternehmungslust, Tollkühnheit, Verschlagenheit, Raubsucht, Herrschsucht, die bis dahin nicht bloß geehrt, sondern förmlich aufgezüchtet wurden, waren plötzlich als gefährlich gestempelt und schrittweise als unsittlich und verbrecherisch gebrandmarkt. Wesen, die zu einem umherstreifenden, kriegerischen Abenteuerleben paßten, sahen auf einmal alle ihre Instinkte als wertlos, ja als verboten bezeichnet. Ein ungeheurer Mißmut, eine Niedergeschlagenheit ohne Gleichen bemächtigte sich ihrer. Und alle die Instinkte, die sich nicht nach außen Luft machen durften, wandten sich nun nach innen, gegen den Menschen selbst: das Feindschaftsgefühl, die Grausamkeit, der Drang nach Abwechslung, Wagespiel, Überfall, Verfolgung, Verwüstung - da entstand das böse Gewissen.

Als der Staat errichtet wurde - nicht durch einen Gesellschaftsvertrag, wie ROUSSEAU und seine Zeitgenossen voraussetzten - sondern dadurch, daß eine Eroberrasse mit furchtbarer Tyrannei auf eine zahlreichere, aber unorganisierte Bevölkerung niederschlug - da wandten sich alle Freiheitsinstinkte derselben nach innen; die aktive Kraft, die Begierde nach Macht kehrte sich gegen den Menschen selbst. Und in diesem Erdreich sprossen dann die Schönheitsideale: Selbstverleugnung, Selbstaufopferung, Uneigennützigkeit empor. Die Lust an der Selbstaufopferung ist in ihrem Keim eine Art Grausamkeitsdrang; das böse Gewissen ist die Begierde nach Selbstmißhandlung.

Man fühlte nun nach und nach das Verbrochene als eine Schuld, Schuld gegen die Vorzeit, die Vorfahren, welche durch Opfer bezahlt werden mußte, - anfangs durch Nahrung im gröbsten Verstand - durch Ehrenbezeugungen und durch Gehorsam; denn alle Gebräuche sind als Werke der Vorväter auch ihre Befehle (9). Man lebte in einer ewigen Angst, ihnen nicht genug zu geben, man opferte ihnen das Erstgeborene, den Erstgeborenen. Die Furcht vor dem Stammvater stiegt in dem Maße, wie die Macht des Geschlechts zunahm. Bisweilen wird er zum Gott umgeschaffen, wobei der Ursprung des Gottes aus der Furcht deutlich zu erkennen ist.

Das Schuldgefühl gegen die Gottheit ist Jahrhunderte hindurch stetig gestiegen, bis die Anerkennung der christlichen Gottheit als Universalgott ein Maximum an Schuldgefühlen zum Ausbruch brachte. Erst in unseren Tagen spürt man ein merkbares Abnehmen dieses Schuldgefühls; aber wo das Sündenbewußtsein seinen Höhepunkt erreicht hat, da hat das böse Gewissen um sich gefressen wie ein Krebs, indem das Gefühl der Schuld, für die Sünden unmöglich Genüge tun zu können, das alleinherrschende wurde, und der Gedanke einer ewigen Strafe sich mit ihm verband. Der Stammvater (Adam) wird nun von einem Fluch getroffen gedacht, die Sünde ist Erbsünde. Ja, in die Natur selbst, aus deren Schoß der Mensch hervorgeht, wird das böse Prinzip verlegt: sie ist verflucht, verteufelt - bis wir vor dem paradoxen Ausweg stehen, in dem die gemarterte Menschheit ein paar tausend Jahre Trost gefunden hat: Gott opfert sich für die Menschheit und macht sich in seinem eigenen Fleisch und Blut bezahlt.

Der nach innen gekehrte Grausamkeitstrieb hat sich hier in eine Selbstpeinigung verwandelt und alle tierisch-menschlichen Instinkte sind hier als Schuld gegen Gott gedeutet worden. Jedes Nein, das der Mensch zu seiner Natur, seinem wirklichen Wesen sagt, schleudert er hier als ein Ja, eine Wirklichkeitserklärung aus sich heraus, um die Heiligkeit des Gottes, sein Richterwesen und demnächst Ewigkeit, Jenseits, Qual ohne Ende zu bestätigen.

Um das Entstehen der asketischen Ideale recht zu begreifen, muß man außerdem bedenken, daß die ältesten Geschlechter geistiger und kontemplativer Naturen unter einem fürchterlichen Druck an Geringschätzung seitens der Jäger und Totschläger lebten. Das Unkriegerische an ihnen war diesen verächtlich. Sie konnten sich nicht anders helfen, als indem sie Furcht erweckten. Das konnten sie nur durch Grausamkeit gegen sich selbst, durch Kasteiung und Selbstqual in einem Einsiedlerleben tun. Als Priester, Wahrsager, Zauberer schlugen sie die Massen mit abergläubischem Entsetzen. Der asketische Priester ist also für NIETZSCHE die häßliche Larve, aus welcher sich der gesunde Denker entwickelt hat. Unter seiner Herrschaft wurde unsere Erde der asketische Planet: ein Rabennest im Himmelsraum, von mißvergnügten, hochmütigen Geschöpfen bewohnt, denen vor dem Leben ekelte, die ihren Planeten als ein Jammertal verabscheuten und, von einem Unwillen gegen Schönheit und Freude erfüllt, sich selbst soviel Böses wie möglich zufügten.

Nichtsdestoweniger ist der Widerspruch, den wir in der Askese finden: Das Leben gegen das Leben gebraucht, nur ein scheinbarer. In Wirklichkeit entspricht das asketische Ideal dem tiefen Hang und Drang eines hinsiechenden Lebens nach Pflege und Heilung. Es ist ein Ideal, das auf Schwächung und Müdigkeit hindeutet; auch mit seiner Hilfe kämpft das Leben gegen den Tod. Es ist ein Kunstgriff zur Selbsterhaltung des Lebens. Die Voraussetzung dafür ist der Krankheitszustand des gezähmten Menschen, der Ekel am Leben mit dem Wunsch, etwas anderes zu sein, irgendwo anders zu sein, zur höchsten Innerlichkeit und Leidenschaft potenziert.

Der asketische Priester ist die Verkörperung dieses Wunsches. Kraft desselben hält er die ganze Herde verstimmter, entmutigter, verzweifelter, verunglückter Wesen am Leben fest. Gerade weil er selbst krank ist, ist er ihr geborener Hirte. Wäre er gesund, würde er sich von all dieser Begierde: Schwäche, Neid, Pharisäismus, falsche Sittlichkeit als Tugend umzustempeln, mit Unwillen abwenden. Aber krank, wie er ist, ist er dazu berufen, Krankenwächter in dem großen Hospital von Sündern und Sünderinnen zu sein. Er geht beständig mit Leidenden um, die die Ursachen ihrer Qual außerhalb von sich selbst suchen; er lehrt den Leidenden, daß die schuldige Ursache seiner Qual er selbst ist. So gibt er dem Groll des mißglückten Menschen eine andere Richtung, macht ihn ungefährlicher, indem er ihn nötigt, einen großen Teil seines Grolls über sich selbst ergehen zu lassen. Einen Arzt kann man den asketischen Priester eigentlich nicht nennen; aber er mildert Leiden, erfindet Trost jeder Art, bald Betäubungs-, bald Reizmittel.

Sein Hauptmittel war immer, daß er das Schuldgefühl in Sünde umdeutete. Das innere Leiden wurde Strafe. Der Kranke wurde Sünder. NIETZSCHE vergleicht den Unglücklichen, der diese Erklärung seiner Qual erhält, mit dem Huhn, um das man einen Kreidestrich gezogen hat. Jetzt kann er nicht weiter kommen. Wohin man während einer langen Reihe von Jahrhunderten sieht, da sieht man den hypnotischen Blick des Sünders - trotz  Hiob - auf die Schuld als die einzige Ursache des Leidens starren. Überall das böse Gewissen, die Geißel, das Bußhemd und Tränen und Zähneknirschen und der Ruf: mehr Schmerz, mehr Schmerz! Alles diente dem asketischen Ideal. Und so entstanden epileptische Epidemien, wie die der St.-Veits-Tänzer und Flagellanten und die Hexenhysterie und die großen Massendeliriern in extravaganten Sekten (die noch in Erscheinungen wie der Heilsarmee und dgl. spuken).

Das asketische Ideal hat noch keine wirklichen Angreifer; es gibt noch keine bestimmten Verkündiger eines neuen Ideals. Insofern als die Wissenschaft seit KOPERNIKUS stets darauf ausgegangen ist, den Menschen ihren früheren starken Glauben an die eigene Bedeutung zu rauben, wirkt sie eher in Übereinstimmung mit ihm. Seine wirklichen Feinde und Untergraber hat das asketische Ideal zur Zeit im Grunde nur in Komödianten dieses Ideals, in heuchlerischen Verfechtern desselben, die das Mißtrauen dagegen erwecken und aufrechterhalten.

Da die Sinnlosigkeit der Leiden als ein Fluch empfunden wurde, gab das asketische Ideal ihnen einen Sinn; einen Sinn, der einen neuen Strom von Leiden mit sich führte, aber besser war, als keiner. Ein neues Ideal ist gegenwärtig im Begriff, sich zu bilden, ein Ideal, das im Leiden eine Lebensbedingung, eine Glücksbedingung sieht und im Namen einer neuen Kultur dasjenige bestreitet, was wir bisher Kultur genannt haben.

V. Es gibt unter NIETZSCHEs Werken ein sonderbares Buch, das den Titel "Also sprach Zarathustra" hat. Es besteht aus vier Teilen, in den Jahren 1883-1885 geschrieben.

Die Hauptperson und einiges in der Form ist der  Avesta [heiliges Buch - wp] der Perser entlehnt:  Zarathustra  ist der mystische Religionsstifter, der meist  Zoroaster  genannt wird. Seine Religion ist die Religion der Reinheit; seine Weisheit ist leicht und freimütig, wie die Weisheit dessen, der gleich nach seiner Geburt lachte; sein Wesen ist Licht und Lohe. Der Adler und die Schlange, die beiden Tiere, die er bei sich in seiner Berghöhle hat, das stolzeste und das klügste Tier, sind alte persische Symbole.

Dieses Werk enthält NIETZSCHEs Theorien sozusagen in Form von Religion. Es ist der Koran, oder richtiger die Avesta, die es ihm ein Bedürfnis war zu hinterlassen - dunkel und tief, hochfliegend und abstrakt, prophetisch und zukunftstrunken, bis an den Rand gefüllt mit dem Wesen seines Urhebers, das wiederum ganz von sich selbst erfüllt ist.

Von modernen Werken, die diesen Ton angeschlagen und diesen symbolisch-allegorischen Stil angewandt haben, sind zu nennen MICKIEWICZ' "Buch der polnischen Pilger", SLOWACKIs "Anheli" und "Das Wort eines Gläubigen" von dem von MICKIEWICZ beeinflußten LAMENNAIS. Aber alle diese Bücher sind biblisch in ihrer Sprache und ihrem Geist. "Zarathustra" dagegen ist ein Erbauungsbuch für freie Geister.

NIETZSCHE selbst stellt dieses Werk am höchsten unter seinen Schriften. Ich teile diese Auffassung nicht. Die Einbildungskraft, von der er getragen wird, ist nicht gestaltenbildend genug, und eine gewisse Monotonie ist unzertrennlich von der archaischen, in Typen sich bewegenden Darstellung.

Aber es ist ein Buch für diejenigen, welche die nur Gedanken enthaltenden Werke NIETZSCHEs nicht zu bewältigen vermögen; es enthält alle seine Grundgedanken in rhetorisch-dichterischer Form. Der Vorzug dieses Werkes ist ein Stil, der vom ersten bis zum letzten Wort volltönend, tiefklingend, starkstimmend ist; hie und da ein wenig salbungsvoll in seinem streitbaren Urteilen und Verurteilen; immer ein Ausdruck für Selbstfreude, ja Selbstberauschung, aber reich an Feinheiten, wie an Kühnheiten, sicher und zuweilen groß. Hinter diesem Stil liegt eine Stimmung wie Windstille in einer Bergluft, die so leicht, so ätherrein ist, daß keine Ansteckungsstoffe in ihr vorhanden sind, keine Bakterien in ihr gedeihen - und kein Lärm, kein Gestank, kein Staub, kein Stein, kein Steg hinaufreicht.

Droben reiner Himmel, am Fuß des Berges das freie Meer und drüber ein Lichthimmel, ein Lichtabgrund, eine Azurglocke, die sich stumm über brausende Wasser und mächtige Bergrücken wölbt. Droben ist  Zarathustra  mit sich allein, reine Luft in vollen tiefen Zügen atmend, allein mit der aufgehenden Sonne, allein mit dem Glühen des Mittags, das nicht die Frische vermindert; allein mit den blinkenden, sprechenden Sternen der Nacht.

Ein gutes, tiefes Buch ist es. Ein Buch, hell durch seine Lebensfreude, dunkel durch seine Rätselsprache, ein Buch für geistige Bergsteiger und Wagehälse und für die nicht Vielen, die in der großen Menschenverachtung aufgeübt sind, die das Gedränge und den Haufen geringschätzt, und in der großen Menschenliebe, die nur darum so tief verabscheut, weil ihr das Bild einer höheren tapfereren Menschheit vorschwebt, die sie aufziehen und aufzüchten will.

Zarathustra  ist hinaufgeflüchtet in seine Höhle auf dem Berg aus Ekel vor dem kleinen Glück und den kleinen Tugenden. Er hat gesehen, daß die Lehre der Menschen über Tugend und Zufriedenheit sie beständig kleiner macht: ihre Güte besteht meist darin, daß sie wollen, niemand solle ihnen Böses tun, darum kommen sie den andern zuvor, indem sie ihnen etwas Gutes tun. Das ist Feigheit und wird Tugend genannt. Freilich greifen sie auch gerne an und schaden gerne, aber doch nur denen, die ein für allemal preisgegeben sind, und denen man ohne Gefahr zu nahe treten darf. Das wird Tapferkeit genannt und ist nur noch tiefere Feigheit. Aber wenn  Zarathustra  die feigen Teufel aus den Menschen austreiben will, so rufen sie ihm entgegen: "Zarathustra ist gottlos."

Er ist einsam, denn alle seine früheren Gefährten sind von ihm abgefallen; die jungen Herzen wurden alt und nicht einmal alt, nur müde und träge, nur gemein - sie nennen das, auf's Neue fromm geworden sein.
    "Um Licht und Freiheit flatterten sie einst, gleich Mücken und jungen Dichtern. Ein wenig älter, ein wenig kälter, und schon sind sie Dunkler und Munkler und Ofenhocker."
Sie haben ihr Zeitalter verstanden. Sie wählten Zeit und Stunde gut. "Denn eben wieder fliegen die Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke."

Zarathustra  verabscheut die große Stadt wie eine Hölle für Einsiedlergedanken. "Alle Läster und Laster sind hier zuhause; aber es gibt hier auch Tugendhafte, es gibt viel anstellige, angestellte Tugend. Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Wartefleisch."

Und  Zarathustra  verabscheut den Staat, verabscheut ihn wie HENRIK IBSEN im Norden und tiefer als er.

Für ihn ist der Staat das kälteste aller kalten Ungeheuer. Die Grundlüge des Staates ist die, daß er das Volk ist. "Nein, schaffende Geister waren es, die das Volk schufen und ihm einen Glauben und eine Liebe gaben; so dienten sie dem Leben; jedes Volk ist eigentümlich, aber der Staat ist überall gleich." Staat ist für  Zarathustra  das, "wo der langsame Selbstmord Aller Leben genannt wird." Der Staat ist für die Vielzuvielen. Erst wo der Staat aufhört, fängt der Mensch an, der nicht überflüssig ist; der Mensch, der die Brücke ist zum Übermenschen.

Vor den Staaten ist  Zarathustra  auf seinen Berg geflüchtet, in seine Höhle.

In Schonung und Mitleid lag die größte Gefahr für ihn. Reich an den kleinen Lügen des Mitleids lebte er unter den Menschen.
    "Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Stein gleich, von vielen Tropfen Bosheit, so saß ich unter ihnen und redete mir noch zu: unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit. Sonderlich die, welche sich  die Guten  heißen, stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller Unschuld; wie vermöchten sie, gegen mich gerecht zu sein?"

    "Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist unergründlich."

    "Ihre steifen Weisen, ich hieß sie weise, nicht steif. Ihre Totengräber, ich hieß sie Forscher und Prüfer - so lernte ich Worte vertauschen. Die Totengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutt ruhen schlimme Dünste. Auf Bergen soll man leben."
Und mit seligen Nüstern atmet er wieder Bergfreiheit ein. Erlöst sind nun seine Atemzüge vom Geruch allen Menschenwesens. Da sitzt  Zarathustra  mit den alten zerbrochenen Tafeln des Gesetzes und neuen halbbeschriebenen Tafeln um sich herum und wartet auf seine Stunde, die Stunde, da der Löwe kommt mit dem Taubenschwarm, die Kraft mit der Sanftmut, und ihm huldigt. Und er reicht den Menschen eine neue Tafel, auf der solche Lehren, wie diese stehen:
    Schone nicht deinen Nächsten! Die große Liebe zu den Fernsten gebietet es. Der Nächste ist etwas, das überwunden werden muß.

    Sage nicht: Ich tue gegen andere, wie ich will, daß andere gegen mich tun sollen. Was  du  tust, kann keiner dir tun. Es gibt keine Wiedervergeltung.

    Glaube nicht, daß du nicht rauben sollst. Ein Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir niemals schenken lassen.

    Hüte dich vor den guten Menschen. Sie sprechen nie die Wahrheit. Denn alles, was sie böse nennen: das verwegene Wagen, das lange Mißtrauen, das grausame Nein, der tiefe Ekel vor den Menschen, die Fähigkeit und der Wille, in Lebendiges zu schneiden, das alles muß hinzu, woe eine Wahrheit geboren werden soll.
Alles Vergangene ist preisgegeben. Aber da es so ist, könnte es geschehen, daß der Pöbel Herr würde und alles in seinen flachen Wassern erstickt, oder daß ein Gewaltherrscher sich alles zueignet. Darum bedürfen wir eines neuen Adels, der allem Pöbel und allem Gewaltherrischen Widersacher ist, und der auf neuen Tafeln das Wort schreibt:  edel.  Sicherlich keines Adels, den man kaufen kann, oder dessen Vorväter Kreuzzüge ins gelobte Land machten, oder dessen Tugend nur diejenige ist, das Vaterland zu lieben. Nein, lehrt  Zarathustra,  vertrieben soll ihr sein von euren Vaterländern und von euren Großvaterländern und Urgroßvaterländern. Nicht eurer Väter Land sollt ihr lieben, sondern eurer Kinder Land. Diese Liebe, das ist der neue Adel, die Liebe zu einem neuen Land, dem unentdeckten, das fern liegt im fernsten Meer. An euren Kindern sollt ihr das Unglück gut machen, daß ihr eurer Väter Kinder seid. Alles Vergangene sollt ihr auf diese Weise erlösen.

Zarathustra  ist voll von Milde. Andere haben gesagt: du sollst nicht ehebrechen.  Zarathustra  lehrt: die Redlichen sollen zueinander sagen: "Laßt uns zusehen, daß wir einander lieb behalten, laßt uns einander eine Frist setzen, damit wir versuchen können, ob wir eine längere Frist wünschen." Was nicht gebogen werden kann, wird gebrochen. Ein Weib sagte zu  Zarathustra:  Wohl brach ich die Ehe; aber zuerst brach die Ehe mich.

Und  Zarathustra  ist ohne Gnade. Es heißt: Stoße nicht an den Wagen, der abwärts geht. Aber  Zarathustra  sagt: was reif zum Fall ist, daran sollt ihr stoßen. Alles, was unserer Zeit angehört, fällt und zerfällt. Keiner kann es aufhalten, aber  Zarathustra  will noch danach stoßen.

Zarathustra  lehrt die Tapferen. Aber nicht die Tapferkeit, die jeden Angriff beantwortet. Es gehört oft mehr Tapferkeit dazu, sich zurückzuhalten und vorbeizugehen und sich für den würdigeren Feind aufzusparen. Zarathustra lehrt nicht: Ihr sollt eure Feinde lieben, sondern: Ihr sollt euch nicht in einen Kampf mit Feinden einlassen, die ihr verachtet.

Warum so hart? rufen die Menschen  Zarathustra  zu. Er antwortet: warum so hart, sprach zum Diamanten einst die Küchenkohle: sind wir den nicht Nahverwandte? Die Schaffenden sind hart. Ihre Seligkeit ist, ihre Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs.

Keine Lehre empört  Zarathustra  mehr, als die von der Eitelkeit und Bedeutungslosigkeit des Lebens. Sie ist in seinen Augen altes Geschwätz, Altweibergeschwätz. Und die Lehre des Pessimismus von der überwiegenden Unlust als Summe des Lebens ist Gegenstand seines entschiedenen Abscheus.

Dieselbe schwärmerische Liebe zum Leben hat NIETZSCHE bewegt, den "Hymnus an das Leben" von seiner Freundin Frau ANDREAS-SALOMÉ für Chor und Orchester zu setzen. Es heißt darin:
    Gewiß so liebt ein treuer Freund den Freund
    Wie ich dich liebe, rätselvolles Leben,
    Ob ich gejauchzt in dir, geweint,
    Ob du mir Leid, ob du mir Lust gegeben.
    Ich liebe dich mit deinem Glück und Harm,
    Und wenn du mich vernichten mußt,
    Entreiß' ich mich schmerzvoll deinem Arm,
    Wie Freund sich reißt von Freundes Brust.
Und das Gedicht schließt:
    Hast dur kein Glück mehr übrig mir zu schenken,
    Wohlan, noch hast du deine Pein.
Wenn ACHILLES es vorzog, Tagelöhner auf der Erde, statt König im Reich der Schatten zu sein, so ist die Äußerung schwach und zahm im Vergleich mit diesem Ausbruch an Lebensdurst, der in seiner Paradoxie selbst nach dem Kelch der Qualen lechzt.

EDUARD von HARTMANN glaubt an den Beginn und das Ende des "Weltprozesses". Er meint, daß keine Ewigkeit hinter uns liegen kann; sonst müßten schon alle Möglichkeiten eingetreten sein, was - nach seiner Behauptung - nicht der Fall ist. Auch auf diesem Punkt in scharfem Gegensatz zu ihm, lehrt  Zarathustra  mit uralter, bei den alten Griechen wie bei KOHÉLET angedeuteter, nicht eben überzeugender Mystik das ewige Wiederkommen, d. h. daß alle Dinge ewig wiederkehren und wir selbst auch, daß wir schon seit ewigen Zeiten gewesen sind und alle Dinge mit uns. Die große Uhr der Welt ist für ihn eine Sanduhr, ein Stundenglas, das sich immer von  Neuem  umkehrt, um immer wieder auszulaufen. Es ist das genaue Gegenstück zu HARTMANNs Weltuntergangslehre.

Bei seinem Tod wird  Zarathustra  sagen: nun schwinde und sterbe ich; in einem  Nu  bin ich nichts, denn die Seele ist sterblich wie der Körper; aber der Knoten von Ursachen, in den ich hineinverknüpft bin, kehrt wieder und wird mich immer wieder hervorbringen.

Am Schluß des dritten Teils von  Zarathustra  ist ein Kapitel mit der Überschrift: "Das andere Tanzlied." Tanz ist in NIETZSCHEs Sprache immer der Ausdruck für den hohen Leichtsinn, der über der Erdenschwere und über all dem dummen Ernst erhaben ist. Dieses in sprachlicher Hinsicht sehr merkwürdige Lied ist eine gute Probe des Stils in diesem Werk, wo er sich zum höchsten dichterischen Flug erhebt.  Zarathustra  sieht das Leben vor sich als ein Weib; sie schlägt Kastagnetten und er tanzt mit ihr, all seinen Zorn auf das Leben und alle seine Liebe zum Leben hinaussingend
    Wer haßte dich nicht, dich große Binderin, Umwinderin, Versucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige, ungeduldige, windseilige, kindsäugige Sünderin!
In diesem Gespräch zwischen dem Leben und seinem Liebhaber Tänzerin und Tänzer, kommen die Worte vor: O  Zarathustra,  du liebst mich bei Weitem nicht so hoch, wie du sagst, du bist mir nicht treu genug. Es gibt eine alte schwere Brummglocke; die brummt Nachts bis zu deiner Höhle hinaus. Hörst du die Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du bis Mittag, daß du mich bald verlassen willst.

Und so folgt zum Schluß das Lied der alten Mitternachtsglocke. Aber im vierten Band des Werkes, im Abschnitt "Nachtwandlerlied" wird Zeile für Zeile jene kurze Strophe glossiert und kommentiert, die halb wie ein mittelalterliches Wächterlied, halb wie der Psalm eines Mystikers geformt, die geheimnisvolle Stimmung in NIETZSCHEs Geheimlehre zur kürzesten Formel zusammengedrängt enthält:

Es geht gegen Mitternacht, und so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie die Mitternachtsglocke zu  Zarathustra  redet, ruft er den höheren Menschen zu: Um Mitternacht hört man Vieles, was am Tag nicht laut werden darf, und die Mitternach spricht:  O Mensch, gib Acht! 

Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft. Und kälteschauern fragt es: Wer soll der Erde Herr sein?  Was spricht die tiefe Mitternacht? 

Die Glocke brummt, der Holzwurm pickt, der Herzenswurm nagt:  Ach! Die Welt ist tief. 

Aber die alte Glocke ist wie ein klangvolles Instrument, alle Qual hat sie ins Herz gebissen, der Väter und der Urväter Schmerz und alles Glück hat sie in Schwingung gesetzt, der Väter und der Urväter Glück - es steigt aus der Glocke wie Ewigkeitsduft, ein rosenseliger Goldweingeruch von altem Glück und dieses Lied:  Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht. 

Ich bin zu rein für die plumpen Hände des Tages. Die Reinsten sollten die Herren der Erde sein, die Unerkanntesten, die Stärksten, die Mitternachtsseelen, die heller und tiefer sind, als jeder Tag.  Tief ist ihr Weh. 

Aber Lust geht tiefer, als Herzensqual. Denn die Qual spricht: Brich mein Herz! Flieg weg, meine Klage!  Weh spricht: vergeh! 

Doch Ihr höheren Menschen! sagtet Ihr jemals Ja zu einer Lust, so sagtet Ihr auch Ja zu allem Weh. Denn Lust und Qual sind verkettet, verliebt ineinander, unzertrennlich. Und alles beginnt von Neuem, Alles ist ewig.  Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit. 

Also ist dies das Mitternachtslied:
    O Mensch! Gib Acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    "Ich schlief, ich schlief -
    Aus tiefem Traum bin ich erwacht.
    Die Welt ist tief
    Und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh -
    Lust - tiefer noch als Herzeleid:
    Weh spricht: Vergeh!
    Doch alle Lust will Ewigkeit -
    - Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
VI. So also ist er, dieser streitbare Mystiker, Dichter und Denker, dieser Immortalist, der nicht müde wird zu verkündigen. Kommt man zu ihm von den englischen Philosophen, so tritt man in eine ganz andere Welt hinein. Die Engländer sind alle zusammen geduldige Geister, deren Wesen auf Aneinanderreihen und Umspannen einer Menge kleiner Tatsachen ausgeht, um dadurch ein Gesetz zu finden. Die besten unter ihnen sind aristotelische Köpfe. Wenige fesseln persönlich; die meisten scheinen als Persönlichkeiten wenig zusammengesetzt zu sein. Sie wirken mehr durch das, was sie tun, als durch das was sie sind. NIETZSCHE dagegen ist (wie SCHOPENHAUER) ein Errater, ein Seher, ein Künstler, weniger interessant durch das, was er tut, als durch das, was er ist.

So wenig deutsch er sich auch fühlt, setzt er doch die metaphysische und intuitive Überlieferung der deutschen Philosophie fort und hegt den tiefen Widerwillen der deutschen Denker gegen jeden Nützlichkeitsgesichtspunkt. In seiner leidenschaftlichen, aphoristischen Form ist er unbedingt original; durch seinen Gedankeninhalt erinnert er hin und wieder an viele andere, sowohl im Deutschland, wie im Frankreich der Gegenwart; er hält es indessen augenscheinlich für rein unmöglich, daß er einem Zeitgenossen etwas zu danken hat und zürnt gegen alle, die ihm in dem einen oder anderen Punkt gleichen.

Es ist schon berührt worden, in wie hohem Grad er an ERNEST RENAN durch seine Auffassung der Kultur und seine Hoffnung auf eines Geistesaristokratie, welche die Herrschaft der Erde ergreifen könnte, erinnert. Nichtsdestoweniger hat er nie ein anerkennendes Wort für RENAN übrig.

Es ist gleichfalls berührt worden, daß er in seinem Kampf mit der SCHOPENHAUERschen Mitleidsmoral EDUARD von HARTMANN zum Vorgänger hat. In diesem Schriftsteller, dessen Ernst und großes Talent unbestreitbar sind, will NIETZSCHE nach Art einiger deutscher Universitätslehrer mit unkritischer Ungerechtigkeit einen Scharlatan sehen. HARTMANNs Wesen besteht aus schwereren Stoffen, als das NIETZSCHEs. Er ist schwerfällig, süffisant, grundgermanisch und endlich, im Gegensatz zu NIETZSCHE, ganz unberührt von französischem Geist und südlichem Sonnenbrand. Aber es gibt Berührungspunkte zwischen ihnen, die auf den historischen Verhältnissen in dem Deutschland beruhen, das sie beide erzogen hat.

In erster Linie ist etwas Gleichartiges in ihrer Lebensstellung, da beide als Artilleristen eine ähnliche Schule durchgemacht haben; demnächst in ihrer Bildung, insofern sie beiden von SCHOPENHAUER ausgegangen sind und nichtsdestoweniger eine große Ehrerbietung für HEGEL bewahrt haben, also diese beiden feindlichen Brüder in ihrer Verehrung vereinen. Weiter stimmen sie in ihrer gleich fremden Stellung zur christlichen Religiosität und christlichen Moral überein, ebenso in ihrer ganz modern deutschen Geringschätzung der Demokratie.

NIETZSCHE gleicht HARTMANN in seinen Angriffen auf 'Anarchisten und Sozialisten, nur daß HARTMANNs Haltung hier wissenschaftlicher ist, während NIETZSCHE sich in geschmackloser Weise darin gefällt, von den "anarchistischen Hunden" zu sprechen und das in demselben Atemzug, in dem er Abscheu für den Staat hegt und ausspricht. NIETZSCHE gleicht HARTMANN weiter in seiner immer wiederkehrenden Aufweisung der Unmöglichkeit des Gleichheitsideals und des Friedensideals, da das Leben nichts als Ungleichheit und Krieg ist: "Was ist gut? taper zu sein ist gut. Nicht die gute Sache heiligt den Krieg, sondern der gute Krieg heiligt jede Sache." Wie sein Vorgänger verweilt er bei der Notwendigkeit des Kampfes um die Macht und beim vermeintlichen Kulturnutzen des Krieges.

In diesen beiden doch verhältnismäßig so unabhängigen Schriftstellern, von denen der eine ein mystischer Naturphilosoph, der andere ein mystischer Immoralist ist, spiegelt sich der im neuen deutschen Reich vorherrschende Militarismus. HARTMANN nähert sich auf vielen Punkten dem gewöhnlichen deutschen Nationalgefühl. NIETZSCHE steht in einem prinzipiellen Streit sowohl mit ihm wie mit dem Schöpfer des deutschen Reichs; aber etwas von BISMARCKs Geist ruht gleichwohl über den Werken beider Männer. Was die Kriegsfrage angeht, so ist der Unterschied zwischen ihnen nur der, daß NIETZSCHE den Krieg nicht um einer phantastischen Welterlösung willen liebt, sondern damit die Mannheit nicht aus der Welt verschwindet.

In seiner Geringschätzung des Weibes, seinem Schmähen ihrer Befreiungsversuche begegnet sich NIETZSCHE wieder mit HARTMANN, doch nur insofern beide hierin an SCHOPENHAUER erinnern, dessen Schüler auf diesem Gebiet HARTMANN ist. Während HARTMANN indessen hier nur als Doktrinär mit einem gewissen Anstrich von Pedanterie auftritt, spürt man bei NIETZSCHE unter seinen Ausfällen gegen das weibliche Geschlecht einen feineren Sinn für die Gefährlichkeit des Weibes, der auf schmerzliche, persönliche Erfahrungen hindeutet. Viele Frauen scheint er nicht gekannt zu haben, aber die er gekannt hat, hat er augenscheinlich geliebt und gehaßt, doch am meisten geringgeschätzt. Immer wieder kommt er darauf zurück, wie ungeeignet der freie, genialische Geist für die Ehe ist. Es liegt in diesen Äußerungen an mehreren Stellen etwas stark Individuelles, so besonders in der hartnäckig betonten Notwendigkeit vom einsamen Leben des Denkers. Was aber das weniger persönliche Räsonnement über das Weib angeht, so spricht das altväterische Deutschland aus NIETZSCHE wie aus HARTMANN, dieses Land, dessen Frauen Jahrhunderte hindurch, im Gegensatz zu den Frauen Frankreichs und Englands, auf das häusliche und streng private Leben hingewiesen waren. Man muß an diesen deutschen Schriftstellern im Allgemeinen anerkennen, daß sie einen Blick für den tiefen Gegensatz und beständigen Krieg zwischen den Geschlechtern haben, den JOHN STUART MILL nicht sah und nicht verstand. Aber doch ist die Ungerechtigkeit gegen den Mann und die ziemlich flache Billigkeit gegen das Weib, in welche MILLs bewunderungswürdiger Befreiungsversuch zuweilen hinausläuft, bei weitem der brutalen Unbilligkeit NIETZSCHEs vorzuziehen, der es behauptet, daß wir in unserer Behandlung des Weibes zu der "ungeheueren Vernunft des alten Asiens" zurückkehren müssen.

In seinem Kampf gegen den Pessimismus hat NIETZSCHE endlich EUGEN DÜHRING (besonders in dessen Wert des Lebens") zum Vorgänger, und dieser Umstand scheint ihm so viel Unwillen, ja Verbitterung eingeflößt zu haben, daß er in einer bisweilen versteckten, bisweilen offenen Polemik DÜHRING als seinen Affen bezeichnet. DÜHRING ist ihm ein Greuel, als Plebejer, als Antisemit, als Racheapostel, als Schüler von COMTE und den Engländern; aber NIETZSCHE hat kein Wort übrig für das sehr bedeutende an DÜHRING, das nicht in Bezeichnungen wie jene aufgeht. Man versteht inzwischen recht wohl, wenn man NIETZSCHEs eigenes Schicksal bedenkt, daß DÜHRING, der blinde Mann, der lange ignorierte Denker, der auf die offiziellen Gelehrten herabsieht, der außerhalb der Universitäten lehrende Philosoph, der, obwohl ihn das Leben so wenig verwöhnt hat, seine Liebe zum Leben laut bekennt - vor NIETZSCHE wie seine eigene Karikatur dasteht. Das sollte indessen kein Grund für ihn sein, dann und wann selbst den DÜHRINGschen Scheltton anzuschlagen.

Merkwürdig ist es, daß dieser Mann, der so unendlich viel von den französischen Moralisten und Psychologen wie LAROCHEFOUCAULD, CHAMFORT und STENDHAL gelernt hat, sich so wenig von der Beherrschung in ihrer Form hat aneignen können. Er ist dem Zwang nicht unterworfen gewesen, den der literarische Ton in Frankreich jedem hinsichtlich der Erwähnung und Schilderung der eigenen Person auferlegt. Lange scheint er dafür gekämpft zu haben, sich selbst zu finden und ganz er selbst zu werden. Um sich zu finden, kroch er in seine Einsamkeit wie  Zarathustra in seine Höhle hinein. Als es ihm gelungen war, zu einer ganz selbständigen Entwicklung zu gelangen und er den eigentümlichen Gedankenborn reich in seinem Innern strömen fühlte, hatte er allen äußeren Maßstab für seinen eigenen Wert verloren; alle Brücken zur umgebenden Welt waren abgebrochen. Daß die äußere Anerkennung ausblieb, steigerte nur sein Selbstgefühl. Der erste Schimmer einer Anerkennung von außen her gab diesem Selbstgefühl noch einen Hochdruck. Zuletzt ist es über seinem Kopf zusammengeschlagen und hat für eine Zeit lan diesen so seltenen und ausgezeichneten Geist verdunkelt (10). Doch wie er im Augenblick in seinem unvollendeten Lebenswerk ausgeprägt dasteht, ist er ein Schriftsteller, der es wohl verdient, sorgsam studiert zu werden.
LITERATUR - Georg Brandes, Menschen und Werke, Frankfurt a. M. 1900
    Anmerkungen
    9) Man vergleiche LASALLEs Theorie des römischen Testaments.
    10) In NIETZSCHEs vorletztem Buch heißt es: "Ich habe den Deutschen die tiefsten Bücher gegeben, die sie überhaupt besitzen - Grund genug, daß die Deutschen kein Wort davon verstehen." Im letzten heißt es: "Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt."