cr-4P. RéeF. RittelmeyerW. EggenschwylerR. EislerNietzscheM. Stingelin    
 
GEORG BRANDES
Friedrich Nietzsche
- eine Abhandlung über aristokratischen Radikalismus -
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"Heutzutage wird Bildung als Innerlichkeit bezeichnet, weil sie ein toter inwendiger Klumpen ist, der seinen Besitzer nicht bewegt. Die am meisten  Gebildeten sind Konversationslexikons. Wenn sie handeln, geschieht es kraft einer allgemein anerkannten Erlaubtheit oder aus der flachen Roheit heraus."

"Es nützt nichts, uns zu sagen:  Handle, wie andere in diesem Fall handeln sollten. Denn wir wissen, daß es keine gleichen Fälle gibt oder geben kann, sondern daß jede Handlung einzig in ihrer Art ist, so daß alle Vorschriften sich nur auf die grobe Außenseite der Handlung beziehen."

"Vornehm, edel im Sinne des Standesgefühls einer höheren Kaste ist der Grundbegriff, woraus  gut sich als seelisch hochgeboren entwickelt. Die Niedrigstehenden werden als  schlecht (nicht als böse) bezeichnet.  Schlecht erhält erst spät seine unbedingt herabsetzende Bedeutung. Es ist von Seiten des gemeinen Mannes ein lobendes Wort: schlecht und recht." 

II. Vier von NIETZSCHEs Jugendschriften führen den gemeinsamen Titel: "Unzeitgemäße Betrachtungen", ein Titel, der bezeichnend ist für seinen früh gefaßten Vorsatz, gegen den Strom zu gehen.

Eins der Gebiete, auf dem er sich gegen den Zeitgeist in Deutschland gekehrt hat, ist das der Erziehung, indem er auf unbändige Art die umfassende historische Erziehung, auf die Deutschland stolz ist und die man in der Regel überall als wünschenswert betrachtet, gänzlich verurteilt.

Sein Grundgedanke ist der: Was das Geschlecht frei zu atmen und kühn zu wollen verhindert, ist die allzu lange Vorzeit, die es hinter sich, wie eine Kugel am Bein, herschleppt. Er meint, die historische Erziehung verhindert das Geschlecht sowohl daran zu handeln wie zu genießen, da  der,  welcher sich nicht im Augenblick ganz sammeln und in ihm leben kann, weder selbst Glück zu fühlen noch etwas auszurichten vermag, das Andere glücklich macht. Ohne die Fähigkeit, unhistorisch zu empfinden, kein Glück. Und ebenso gehört zu allem Handeln ein Vergessen, das Unhistorische ist wie die einhüllende Luft, der Dunstkreis, in dem allein Leben entstehen kann. Man denke, um das zu verstehen, sagt NIETZSCHE, an einen Jüngling, der von Leidenschaft für ein Weib, oder an einen Mann, der von Leidenschaft für eine Aufgabe ergriffen wird. Für beide existiert, was hinter ihnen liegt, nicht mehr, und doch ist dieser Zustand, der völlig unhistorische, derjenige, in dem jede Handlung jede Großtat ersonnen und vollbracht wird. Dem analog aber gibt es, wie NIETZSCHE meint, einen gewissen Grad historischen Wissens, der vernichtend für die menschliche Tatkraft und verderblich für die schöpferische Kraft eines Volkes ist.

Man hört den gelehrten Philologen, dessen Beobachtungen meist auf deutsche Gelehrte und Künstler gerichtet gewesen sind, aus diesem Räsonnement [Argumentation - wp] heraus. Denn daß der deutsche Kaufmannsstand oder Bauernstand, das deutsche Militär oder die deutschen Industriellen unter einem Übermaß an historischer Bildung leiden sollten, wäre es ungereimt anzunehmen. Indessen dürfte selbst für deutsche Dichter, Forscher und Künstler das Übel, worauf hier hingewiesen wird, von der Art sein, daß ihm nicht durch eine bloße Abschaffung des historischen Unterrichts beizukommen ist. Die, deren Schaffenstrieb durch das historische Wissen gehemmt und getötet werden kann, waren sicher von vornherein so ohnmächtig und tatunkräftig, daß die Welt durch ihre Erzeugnisse nicht bereichert worden wäre. Und was da lähmt, ist ja außerdem nicht so sehr die ungleichartige Masse von toten historischen Kenntnissen (über Regierungshandlungen, politische Schachzüge, Kriegstaten, künstlerische Stilarten usw.), wie die Bekanntschaft mit einzelnen großen Geistern der Vergangenheit, mit deren Taten verglichen Alles, was der Mensch noch leisten kann, von so verschwindender Bedeutung zu sein scheint, daß es gleichgültig wird, ob seine Arbeit zur Welt kommt oder nicht. GOETHE allein kann einen beginnenden deutschen Dichter zur Verzweiflung bringen. Aber ein Heldenverehrer wie NIETZSCHE kann folgerichtig die Bekanntschaft mit den Größten nicht verringert wünschen.

Der Mangel an künstlerischem Mut und geistiger Kühnheit hat tiefer liegende Ursachen, unter ihnen vor allem das Zerbröckeln der Persönlichkeit, das die moderne Gesellschaftsordnung mit sich führt. Starke Menschen vertragen eine große Summe Geschichte ohne zum Leben ungeeignet zu werden.

Was indessen interessant und für NIETZSCHEs geistigen Standpunkt bezeichnend ist, das sind seine Untersuchungen darüber, in welchem Grad das Leben überhaupt für die Geschichte Gebrauch hat. Die Geschichte gehört nach seiner Auffassung dem, der einen großen Kampf kämpft und Vorbilder, Lehrer, Tröster nötig hat, die er unter seinen Zeitgenossen nicht findet. Ohne die Geschichte würde der Höhenzug von großen Augenblicken großer Menschen, der sich durch die Jahrtausende erstreckt, nicht lebendig und klar vor mir stehen können. Einer, der sieht, daß ungefähr kaum hundert Menschen die Kultur der Renaissance herbeiführten, wird z. B. zu der Überzeugung gelangen können, daß hundert produktive Menschen, in einem neuen Geist erzogen, dem Bildungsphilisterium ein Ende machen könnten. Verderblich dagegen kann die Geschichte wirken in der Hand unfruchtbarer Menschen. Man jagt z. B. die jungen Künstler in die Galerien hinein, anstatt in die Natur hinaus, sendet sie mit noch unbefestigtem Sinn in Kunststädte, wo sie den Mut verlieren. Und in allen ihren Formen kann, seiner Ansicht nach, die Geschichte zum Leben untauglich machen: als  monumentale,  indem sie den Irrtum hervorruft, daß es bestimmte, immer wiederkehrende Konstellationen gäbe, so daß, was einmal möglich war, jetzt unter ganz veränderten Umständen wieder möglich ist; als  antiquarische,  durch ein Erwecken der Pietät für das Alte und Vergangene, welche den Handelnden lähmt, der immer die eine oder andere Pietät kränken muß; endlich als  kritische  Geschichte durch das von ihr hervorgerufene niedergeschlagene Gefühl, daß wir gerade die Irrtümer der Vergangenheit, über die wir uns zu erheben streben, als Erbschaft und Kindheitseindrücke in unserem Blut tragen, also beständig in einem inneren Streit zwischen unserer alten und neuen Natur leben müssen.

Auf diesem Punkt, wie auf anderen früher berührten, will NIETZSCHE in letzter Instanz der Kreuzlahmheit der modernen Bildung zu Leibe. Daß "gebildet" und "historisch gebildet" in unserer Zeit fast gleiche Begriffe sind, ist ihm ein trauriges Symptom. Es ist, sagt er, spurlos vergessen, daß Bildung sein sollte, was sie bei den Griechen war: Beweggrund, Fähigkeit zum Entschluß; heutzutage wird Bildung als Innerlichkeit bezeichnet, weil sie ein toter inwendiger Klumpen ist, der seinen Besitzer nicht bewegt. Die am meisten "Gebildeten" sind Konversationslexikons. Wenn sie handeln, geschieht es kraft einer allgemein anerkannten Konvenienz [das Schickliche, Erlaubte - wp] oder aus der flachen Roheit heraus.

An diese auf den allgemeinen Zustand zielende Betrachtung knüpft sich dann eine Klage, die vielleicht besonders im modernen Deutschland enstpringen mußte, die Klage darüber, wie drückend die historische Größe im Epigonenbewußtsein der Nachgeborenen wirkt, in jener Überzeugung, ein Spätling, eine Nachgeburt einer größeren Zeit zu sein, Einer, der wohl Geschichte lernen, aber nie Geschichte hervorbringen kann. Sogar die Philosophie, klagt NIETZSCHE, mit einem Seitenblick auf die deutschen Universitäten, sei mehr und mehr zu einer Geschichte der Philosophie geworden, zu einer Mitteilung darüber, was alle Welt über alles Mögliche gemeint hat. Man betont in den verschiedenen Ländern wie eine Ehrensache, daß man Gedankenfreiheit habe. In Wirklichkeit sei das nur eine dürftige Freiheit. Man darf auf hundert Arten denken - handeln dagegen darf man nur auf eine einzige Art, - und dieser Zustand ist es, der als Zustand der Bildung bezeichnet wird und in Wirklichkeit nur eine Form, "und zudem eine schlechte Form, Uniform" ist.

NIETZSCHE greift jene Auffassung an, nach welcher die historische Bildung vor unserem Bewußtsein als die vor allen anderen gerecht urteilende steht. Man liebt den Historiker, welcher der reinen Erkenntnis zustrebt, aus welcher nichts folgt. Aber es gibt viele gleichgültige Wahrheiten, und es ist ein Unglück, wenn ganze Bataillone von Forschern sich über derartige Wahrheiten hermachen, selbst wenn diese engen Geister ehrliche Charaktere sind. Man hält den Historiker für objektiv, der die Vergangenheit an den Lieblingsmeinungen seiner Zeitgenossen mißt, und den für subjektiv, der diese Meinungen nicht als Muster betrachtet. Man hält den für am meisten berufen, ein Moment der Vergangenheit darzustellen, dem diese ganz gleichgültig ist. Aber nur wer an der Zukunft mitbaut, versteht die Vergangenheit, und nur zum Kunstwerk umgebildet kann die Geschichte Instinkte aufrechterhalten oder erwecken.

Wie die historische Erziehung jetzt betrieben wird, vermittelt man eine solche Fülle von Eindrücken, daß Stumpfheit, ein Gefühl, alt in einem alten Volk geboren zu sein, die Folge ist - obgleich uns nicht dreißig Menschenleben, jedes auf siebzig Jahre berechnet, vom Beginn unserer Zeitrechnung trennen. - Und hiermit verbunden ist der ungeheure Aberglaube an den Wert der Weltgeschichte. Unaufhörlich wird der SCHILLERsche Satz: "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" wiederholt, als könnte es ein anderes historisches Gericht geben als den Gedanken; und hartnäckig hat sich die HEGELsche Auffassung von der Weltgeschichte als der immer deutlicheren Selbstoffenbarung der Gottheit gehalten, bloß daß sie nach und nach in eine reine Bewunderung für den Erfolg, in Billigung eines jeden noch so brutalen Faktums übergegangen ist. Aber Größe hat nichts mit dem Resultat zu schaffen und nichts mit einem glücklichen Ausgang. DEMOSTHENES, der umsonst redete, ist größer als PHILIPP, der immer siegte. Alles scheint, behauptet NIETZSCHE, in unseren Tagen in der Ordnung, sobald es eine fertige Tatsache ist; selbst wenn ein Genie in seinem blühenden Alter stirbt, findet man Beweise dafür, daß es zur rechten Zeit gestorben sei. Und das bißchen Geschichte, das wir haben, nennt man den "Weltprozeß"; man zerbricht sich den Kopf über den Ursprung und das Endziel desselben - was doch ein Zeitverlust sein dürfte. Weshalb du da bist, denkt NIETZSCHE wie SÖREN KIERKEGAARD, das kann die niemand in der Welt im Voraus sagen; aber da dur nun einmal da bist, so suche deinem Dasein einen Sinn zu geben, indem du dir ein so hohes und edles Ziel steckts, wie du es vermagst.

Bezeichnend für NIETZSCHEs später so ausgeprägt aristokratische Tendenz ist sein Eifern gegen den Respekt, welche die moderne Geschichtsschreibung vor den Massen hegt. Ehemals, räsonniert er, schrieb man Geschichte aus dem Gesichtspunkt der Regenten und verweilte ausschließlich bei ihnen, wie mittelmäßig oder schlecht sie auch waren. Nun ist man dazu übergegangen, sie aus dem Gesichtspunkt der Massen zu schreiben. Für NIETZSCHE ist die Masse nicht  1 + 1 + 1 ... (bis die Zahl derselben herauskommt), sondern  1 + 1 + 1 ... + x,  d. h. die Bestialität, die in den Einzelnen dadurch entwickelt wird, daß sie Masse werden. So aufgefaßt sind ihm dann die Massen entweder Kopien großer Persönlichkeiten, schlechte Kopien, verwischte Kopien aus schlechtem Material, oder sie sind Widerstand gegen die Großen, oder sie sind Werkzeuge der Großen. Im Übrigen sind sie etwas für die Statistik, die in den Massentrieben: Nachäffen, Faulheit, Hunger und Geschlechtstrieb sogenannte historische Gesetze findet. Groß nennt man dann, was während langer Zeit eine solche Masse in Bewegung gesetzt hat. Und man tauft es historische Macht. Wenn z. B. die plumpe Masse sich den einen oder anderen Religionsgedanken angeeignet oder ihren Bedürfnissen angepaßt, ihn mit Zähigkeit verteidigt und durch Jahrhunderte mit sich geschleppt hat, so nennt man den Erfinder dieses Gedankens groß. Das Zeugnis von Jahrtausenden spricht dafür, heißt es. Aber - das ist NIETZSCHEs und KIERKEGAARDs gemeinsamer Gedanke - das Edelste, Höchste wirkt überhaupt gar nicht auf die Massen, weder gleich noch später. Darum spricht der historische Erfolg, die Zähigkeit und Dauerhaftigkeit einer Religion eher gegen die Größe ihres Stifters als für sie.

Will man eins der historischen Ereignisse nennen, die vollständig geglückt sind, so nennt man gern die Reformatrion. NIETZSCHE macht gegen die Bedeutung dieses Erfolges nicht die gewöhnlich angeführten Tatsachen geltend: LUTHERs frühzeitige Verweltlichung derselben, seine Kompromisse mit den Machthabern, das Interesse der Fürsten, sich von der Obermacht der Kirche zu befreien und sich zugleich des Kirchengutes und einer untertänigen, abhängigen Geistlichkeit zu versichern, anstelle der ehemaligen freien und von der Staatsgewalt unabhängigen. Er erblickt die Hauptursache des Gelingens der Reformation in einem Mangel an Kultur der nordeuropäischen Volksstämme. Der Versuch, im Altertum neue griechische Religionen zu stiften, scheiterte wiederholt. Obgleich Männer wie PYTHAGORAS, PLATO, vielleicht EMPEDOKLES Eigenschaften von Religionsstiftern besaßen, waren die Individualitäten zu verschiedenartig, als daß ihnen mit einer Durchschnittsanweisung auf Glauben und Hoffnung hätte geholfen werden können. Daß LUTHERs Reformation im Norden gelang, war dementsprechend ein Zeichen, daß die Kultur des Nordens hinter der Südeuropas zurückstand. Entweder gehorchte man blind, wei im skandinavischen Norden, der Losung von oben, oder, wo der Umschlag eine Gewissenssache war, offenbarte diese, wei wenig individualisiert die Bevölkerung, wie einseitig sie in ihren geistigen Bedürfnissen war. Solchermaßen war auch ursprünglich die Bekehrung des heidnischen Altertums nur wegen der kürzlich stattgefundenen reichlichen Vermischung des römischen Blutes mit Barbarenblut gelungen. Die neue Lehre von Barbaren und Sklaven den Weltherrschern aufgezwungen.

Hier hat nun der Leser Probem der Argumente, mit denen NIETZSCHE seine Behauptung begründet, die Geschichte als Geschichte gäbe nicht das gesunde und stärkende Erziehungselement für die jungen Generationen ab, wie man glaubt: nur der, welcher das Leben kennen gelernt hat und zum Handeln gerüstet ist, braucht die Geschichte und versteht sie anzuwenden. Die Anderen drückt sie, macht sie unfruchtbar, indem sie ihnen das Epigonengefühl mitteilt und sie veranlaßt, auf allen Gebieten dem Erfolg zu huldigen.

NIETZSCHEs Polemik in dieser Sache ist eine Polemik gegen jeden historischen Optimismus, aber er wendet sich energisch vom gewöhnlichen Pessimismus ab, der seiner Ansicht nach aus dem Verfall, aus entarteten oder geschwächten Instinkten, entspringt. Er schwärmt jugendlich vür die siegreiche Durchführung einer "tragischen" Kultur, getragen von einem aufwachsenden Geschlecht mit unerschrockenem Sinn, in dem das griechische Altertum wiedergeboren werden kann. Er verwirft den SCHOPENHAUERschen Pessimismus, denn er verabscheute früh jede Askese; aber er sucht einen Pessimismus der Gesundheit, der aus der Stärke, der überströmenden Kraft herstammt, und er glaubt ihn bei den Griechen zu finden. Er hat diese seine Auffassung in seiner gelehrten und tiefsinnigen Jugendschrift "Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus" entwickelt, in der er zwei neue Bezeichnungen "apollinisch" und "dionysisch" einführte: die beiden Kunstgottheiten der Griechen,  Apollo  und  Dionysos,  deuten den Gegensatz zwischen der bildenden Kunst und der Musik an. Der erstere entspricht dem Traum, der andere dem Rausch. Im Traum traten die Göttergestalten zuerst vor die Menschen hin; der Traum ist die Welt des schönen Scheins. Sehen wir dagegen in den tiefsten Grund der Menschen unter der Sphäre des Gedankens und der Phantasie hinab, so begegnen wir einer Welt von Grauen und Entzücken, dem Reich des  Dionysos.  Oben herrscht Schönheit, Maß und Grenze, darunter aber wogt frei das Übermaß der Natur in Lust und Leid. Von einer späteren Entwicklungsstufe NIETZSCHEs betrachtet, offenbart sich das tiefere Motiv dieser forschenden, spürenden Versenkung in das griechische Altertum. Schon auf jenem Zeitpunkt findet er in dem, was für  Moral  gilt, ein Verkleinerungsprinzip der Natur gegenüber, sucht den prinzipiellen Gegensatz davon und findet ihn in einem rein künstlerischen, vom Christentum entferntesten Prinzip, das er das "dionysische" tauft.

Psychologisch gesehen treten schon hier die Grundzüge dieses Schriftstellers deutlich hervor. Was für eine Natur ist es, die mit einem so wilden Haß das Philistertum bis hinauf zu FRIEDRICH DAVID STRAUSS verfolgt? Eine Künstlernatur augenscheinlich. Was für ein Schriftsteller ist es, der mit so tiefer Überzeugung vor den Gefahren der historischen Bildung warnt? Ein Philologe augenscheinlich, der sie an sich erlebt hat, sich selbst davon bedroht gefühlt hat, Epigone zu werden, und nahe daran gewesen ist, den historischen Erfolg zu verehren. Was für ein Wesen ist es schließlich, das so leidenschaftlich Kultur als Geniekultus definiert? Gewiß kein ECKERMANN-Naturell, aber ein Schwärmer, der anfangs willig war zu gehorchen, wo er nicht befehlen konnte, dem bald aber sein eigener Herrschertrieb klar wurde, und der früh begriff, daß die Menschheit noch weit davon entfernt ist, über den alten Gegensatz: gehorchen und befehlen, hinausgekommen zu sein. NAPOLEONs Auftreten ist ihm, wie vielen Anderen, ein Beweis davon: die Freude, die Tausende ergriff, daß endlich wieder Einer gekommen war, der zu befehlen verstand.

Aber er ist nicht dazu angelegt, auf dem Gebiet der Moral Gehorsam zu predigen. Im Gegenteil, wie er veranlagt ist, leitet er die Schlaffheit und Niedrigkeit unserer modernen Moral davon ab, daß sie noch immer als höchstes Gebot Gehorsam setzt, anstatt der Fähigkeit, sich selbst eine Moral zu schreiben.

Es gab ursprünglich viel Weibliches, viel Passives in seiner Natur. Er lebte auch lange nur von Frauen umgeben. Die militärische Schule und die Teilnahme am Krieg haben ihn wahrscheinlich in sich selbst etwas Hartes und Männliches entdecken lassen, und ihm einen weitgehenden Abscheu vor Weichlichkeit und Feminismus beigebracht. Er wandte sich dann mit Unwillen von der Mitleidsmoral in SCHOPENHAUERs Philosophie und vom Romantisch-Katholischen in WAGNERs Musik ab, denen er früher beiden gehuldigt hatte. Er sah ein, daß er in seiner Phantasie beide Meister nach seinen Bedürfnissen umbildete, und er verstand recht wohl den Instinkt der Selbsterhaltung, der sich darin geltend gemacht hatte. Der strebende Geist formt sich die Helfer zurecht, deren er bedarf. So widmete er später sein Buch "Menschliches, Allzumenschliches", das zum hundertjährigen Gedächtnistag VOLTAIREs herausgegeben wurde, den "freien Geistern" unter seinen Zeitgenossen; er träumte sich die Bundesgenossen zu, die er im Leben noch nicht getroffen hatte.

Die schwere, schmerzvolle Krankheit, die mit seinem zweiunddreißigsten Jahr beginnt und ihn für lange Zeiten zum Einsiedler macht, löst ihn von der früheren Romantik und befreit seinen Geist von allen Banden der Pietät. Sie führt ihn dazu, das Leben zu lieben, kraft seines stolzen Gedankens: "Ein Leidender hat kein Recht zum Pessimismus." Diese Krankheit macht ihn in einem strengeren Sinn zum Philosophen. Sein Gedanke schleicht fragelustig auf verbotenen Wegen: dies gilt für einen Wert. Kann man ihn nicht umkehren? - Dies wird für ein Gutes gehalten. Ist es nicht eher ein Böses? - Ist Gott nicht widerlegt? Aber kann man sagen, daß der Teufel es ist? - Sind wir nicht Betrogene? Und betrogene Betrüger, Alle? ...

Und so steigt aus langer Kränklichkeit eine leidenschaftliche Begierde nach Gesundheit, die Freude des Genesenden am Leben, an Licht, an Wärme, an Leichtigkeit und Freiheit des Geistes, am Überblick und den weiten Horizonten des Gedankens, am Schauen "neuer Morgenröten", an der Gestaltungsfähigkeit, an der dichterischen Kraft, empor. Und er tritt in das hohe Selbstgefühl und den Entzückungszustand einer lange ununterbrochenen Produktion hinein.

III. Es ist weder möglich noch notwendig, die ganze Reihe seiner Schriften hier durchzugehen. Für den, der das Interesse auf einen noch wenig gelesenen Schriftsteller hinleiten will, handelt es sich nur darum, seine eigentümlichsten Gedanken und Ausdrücke in Relief zu stellen, damit der Leser sich mit geringer Mühe eine Vorstellung von seiner Art und Weise als Denker und Geist bilden kann. Die Arbeit wird in diesem Fall dadurch erschwert, daß NIETZSCHE in Aphorismen denkt, und dadurch erleichtert, daß er jedem Gedanken einen Hochdruck zu geben pflegt, der ihm eine paradoxale Physiognomie verleiht.

Die englische Wohlfahrtsmoral hat in Deutschland nicht angeschlagen; unter den lebenden Denkern sind wohl EUGEN DÜHRING und FRIEDRICH PAULSEN ihre hervorragendsten Vertreter. EDUARD von HARTMANN hat sich in seiner "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins" bestrebt, die Unmöglichkeit darzulegen, zugleich für den Kulturfortschritt und für das Menschenglück zu arbeiten. NIETZSCHE findet neue Schwierigkeiten bei einer Untersuchung des Begriffs  Glück.  Das Ziel der Wohlfahrtsmoral ist, den Menschen so viel Lust und so wenig Unlust wie möglich zu schaffen. Aber wie, wenn Lust und Schmerz so verknüpft sind, daß  der,  welcher so viel Lust wie möglich haben will, auch eine entsprechende Summe Unlust mit in Kauf nehmen muß? Es heißt in  Clärchens  Lied: "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt." Wer weiß, ob das Letztere nicht die Bedingung für das Erstere ist? Die Stoiker glaubten es und verlangten, um der Qual zu entgehen, so wenig Lust wie möglich vom Leben. Offenbar muß man daher auch in unseren Tagen dem Menschen keine starken Freuden versprechen, wenn man sie vor großen Leiden bewahren will.

Man sieht, NIETZSCHE spielt die Frage auf das höchste geistige Gebiet hinüber, ohne Rücksicht darauf, daß das niedrigste und verbreitetste Unglück: Hunger, körperliche Verkümmerung, überanstrengende, die Gesundheit zerstörende Arbeit keinen Ersatz in heftigen Freuden bietet. Selbst wenn aller Genuß teuer erkauft wird, ist damit noch nicht gesagt, daß jegliche Qual durch heftigen Genuß unterbrochen und aufgewogen wird.

In Übereinstimmung mit seiner aristokratischen Geistesrichtung greift er demnächst die BENTHAM'sche Formel: "Das größtmögliche Glück, für die größtmögliche Anzahl" an. Das Ideal war ursprünglich, das Glück  aller  Menschen zu schaffen. Da sich das nicht tun läßt, erhält das Prinzip die angeführte Begrenzung. Aber warum Glück für die größte Anzahl? man könnte sich denken, für die Besten, die Edelsten, die Genialsten, und es muß erlaubt sein, zu fragen, ob dürftiger Wohlstand und dürftiges Wohlsein wirklich jener Ungleichheit der Lebensbedingungen vorzuziehen sind, deren Stachel die Kultur zu stetigem Schweigen zwingt.

NIETZSCHE mag hierin Recht haben, ohne deshalb mit diesem Angriff Entscheidendes gegen das Wohlfahrtsprinzip in der Moral vorgebracht zu haben. Er faßt die Begriffe  Lust  und  Glück  zu eng. Wenn der Kulturfortschritt auch manchmal auf seiner Bahn das Glück der Individuen vernichtet, so zielt es doch in letzter Instanz darauf, die allgemeine Wohlfahrt zu fördern. Das sogenannte Glück des Wilden ist nicht nur nicht das höchste, sondern auch kein echtes. Man nenne den höheren Zustand Glück, oder man gebe ihm einen anderen Namen: das Entscheidende ist, daß die höhere Empfänglichkeit auch für den Schmerz kein zu teurer Preis ist für die Steigerung des ganzen Lebensinhalts.

Und ebenso wenig streitet die Ansicht NIETZSCHEs von der großen Persönlichkeit als geschichtlichen Zweck prinzipiell gegen das Moralprinzip der Wohlfahrt. Ich huldige zwar durchaus nicht der Betrachtungsweise, nach welcher die große Persönlichkeit nur als Mittel zum Zweck oder als Diener der Menschheit aufgefaßt wird. Der große Mensch ist insofern Selbstzweck, als er (wie LEONARDO oder GOETHE) vor allem sich selbst befriedigen will und muß. Aber nicht desto weniger bringt er eben dadurch etwas hervor, das auf irgendeine Weise unzähligen Geschlechtern zugute kommt.

Gewichtiger ist NIETZSCHEs Polemik gegen die Entsagungsmoral. Es wird Selbstlosigkeit gelehrt. Moralisch sein heißt uneigennützig sein. Es ist gut, selbstlos zu sein, heißt es. Aber was heißt das: gut? gut für wen? Nicht für den sich selbst Aufopfernden, aber für seinen Nächsten. Wer die Tugend der Selbstlosigkeit preist, preist Etwas, was der Gesellschaft zugute kommt, aber dem Einzelnen zum Schaden gereicht. Und der Nächste, der uneigennützig geliebt werden will, ist selbst nicht uneigennützig. Der Grundwiderspruch in dieser Moral ist, daß sie ein Verzichtleisten auf das Wohl des Ichs fordert und empfiehlt, was zum Besten eines anderen Ichs stattfindet.

Der wesentliche und unschätzbare Wert aller Moral besteht für NIETZSCHE ursprünglich nur darin, daß sie ein langwieriger Zwang ist. Wie die Sprache durch den metrischen Zwang Kraft und Freiheit gewinnt, wie alles, was in der bildenden Kunst, der Musik, dem Tanz usw. von Freiheit und Feinheit sich findet, kraft willkürlicher Gesetze geworden ist, so gelangt auch die Menschennatur nur durch Zwang zur Entwicklung. Damit wird der Natur nicht Gewalt angetan; das ist selbst Natur.

Das Wesentliche ist, daß gehorcht wird, lange, und in einer Richtung. Du sollst gehorchen, irgendwem und lange, sonst gehst du zugrunde, das scheint das moralische Gebot der Natur zu sein, das zwar nicht kategorisch ist (wie KANT meinte), auch nicht sich an den Einzelnen), sondern das an Völker, Stände, Zeitalter, Rassen, ja an die Menschheit gerichtet zu sein scheint. Alle Moral dagegen, die sich an den Einzelnen zu seinem eigenen Besten, um seines Wohlergehens willen wendet, ist, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, nichts anderes, als eine Klugheitsregel, ein Rezept gegen Leidenschaften, und all diese Moral ist in ihrer Form ungereimt, da sie sich an alle wendet und verallgemeinert was sich nicht verallgemeinern läßt. KANT gab mit seinem kategorischen Imperativ eine Richtschnur. Aber diese Richtschnur ist in unseren Händen geborsten. Es nützt nichts, uns zu sagen: "Handle, wie andere in diesem Fall handeln sollten." Denn wir wissen, daß es keine gleichen Fälle gibt oder geben kann, sondern daß jede Handlung einzig in ihrer Art ist, so daß alle Vorschriften sich nur auf die grobe Außenseite der Handlung beziehen.

Aber die Stimme und das Urteil des Gewissens? Die Schwierigkeit ist nur, daß wir ein Gewissen hinter unserem Gewissen haben, ein intellektuelles hinter dem moralischen. Wir haben entdeckt, daß das Urteil von N. N.'s [Platzhalter - wp] Gewissen eine Vorgeschichte in seinen Trieben, Sympathien, Antipathien, Erfahrungen oder Mangel an Erfahrungen hat. Wir sehen recht wohl ein, daß unsere Ansichten über das Rechte und Gute, unsere moralischen Wertbestimmungen kräftige Hebel sind, wo es sich um Taten handelt; aber wir müssen damit anfangen, unsere Ansichten zu läutern und uns selbständig neue Werttafeln zu schaffen.

Und was das Moralpredigen für alle angeht, so ist es ganz ebenso leer wie das moralische Geklatsch der geselligen Persönlichkeiten übereinander. NIETZSCHE gibt den Morallehrern den guten Rat, daß sie, anstatt sich mit der Erziehung des Menschengeschlechts zu bemühen, lieber wie die Pädagogen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert tun sollten, die ihre ganze Kraft darauf konzentrierten, einen einzelnen Menschen zu erziehen. Aber in der Regel sind die moralischen Schreihälse selbst ganz unerzogene Menschen und ihre Kinder erheben sich selten über die moralische Mittelmäßigkeit.

Wer da fühlt, daß er in seinem innersten Wesen außerhalb eines Vergleichs mit anderen steht, der will sein eigener Gesetzgeber sein. Denn eins ist vonnöthen: seinem Charakter Stil geben. Diese Kunst wird von dem geübt, der mit Blick für die starken und schwachen Seiten seiner Natur dies und jenes aus seinem Wesen entfernt, demnächst durch tägliche Übung und erkämpfte Gewohnheit Neues hinzufügt, das ihm zur zweiten Natur wird, sich also einem Zwang unterwirft, um nach und nach sein Wesen unter sein eigenes Gesetz zu beugen. Nur so erlangt ein Mensch Zufriedenheit mit sich selbst, und nur so wird er erträglich für andere. Die Unzufriedenen und Mißglückten rächen sich nämlich in der Regel immer an anderen. Selbst saugen sie Gift aus Allem, aus ihren schwachen Fähigkeiten, wie aus ihren geringen Mitteln, und leben mit einem beständigen Durst nach Rache gegen  die,  in deren Wesen sie Harmonie ahnen. Immer führen solche Menschen die Moralworte im Mund, die ganze Janitscharenmusik: Sittlichkeit, Ernst, Keuschheit, die Forderungen des Ideals; immer rast in ihrem Herzen der Neid gegen  die,  welche Gleichgewicht erlangt haben und deswegen genießen können.

Jahrtausende hindurch war Sittlichkeit der Gehorsam gegen die herrschende Sitte, Ehrfurcht vor den ererbten Gewohnheiten. Der freie, originale Mensch war unsittlich, weil er mit der Überlieferung brach, vor der die anderen eine abergläubische Furcht hegten. Häufig sah er sich selbst auch für unsittlich an und wurde selbst von einem Schauder ergriffen, den er erweckte. Unbewußt wurde dann eine solche Volksmoral der Gewohnheitssittlichkeit von all denen ausgearbeitet, die zum Stamm gehörten, indem man beständig neue Beispiele und Beweise dafür fand, daß das angebliche Verhältnis zwischen Schuld und Strafe vorhanden war: Führt man sich so und so auf, so geht es einem schlecht. - Da es einem nun häufig schlecht geht, wurde die Behauptung nie entkräftet und die Volksmoral immer auf's Neue bestätigt.

Sitte und Gebrauch vertraten die Erfahrungen früherer Geschlechter hinsichtlich des vermeintlich Nützlichen oder Schädlichen; aber das Gefühl für das Sittliche steht in keinem Verhältnis zu diesen Erfahrungen als solchen, sondern zu ihrem Alter, ihrer Ehrwürdigkeit und ihrer daraus folgenden Unbestreitbarkeit.

In einem Kriegszustand, in dem ein von allen Seiten bedrohter Stamm im Altertum lebte, war unter der Herrschaft der strengsten Gewohnheitssittlichkeit kein Genuß größer als Grausamkeit. Grausamkeit gehört zu den ältesten Fest- und Siegesfreuden der Menschheit. Man dachte sich auch die Götter ergötzt und festlich gestimmt, wenn man ihnen das Schauspiel von Grausamkeiten bot - und so schlich sich die Vorstellung in die Welt ein, daß auch freiwillige Selbstplagerei, Kasteiung, Askes von großem Wert sind, nicht als Zucht, sondern als ein süßer Geruch in der Nase des Herrn.

Das Christentum hat als Religion des Altertums ununterbrochen die Seelenqual gepredigt und angewendet. Man denke sich den Zustand eines Christen des Mittelalters, der voraussetzt, daß er der ewigen Qual nicht mehr entrinnen kann. - Eros  und  Aphrodite  waren in seinen Augen Höllenmächte, und der Tod ein Entsetzen.

Der Grausamkeitsmoral ist die Mitleidsmoral gefolgt. Das Mitleid wird als unegoistisch gepriesen, so z. B. ganz besonders von SCHOPENHAUER.

Schon EDUARD von HARTMANN hat in seinem gedankenreichen Werk "Die Phänomenoloie des sittlichen Bewußtseins" (Seite 217-240) die Unmöglichkeit nachgewiesen, im Mitgefühl die wichtigste moralische Triebfeder zu sehen, geschweige denn die einzige, wie SCHOPENHAUER will. NIETZSCHE greift die Mitleidsmoral aus anderen Gesichtspunkten an. Er beweist, daß sie nichts weniger als unegoistisch ist. Das Unglück des anderen peinigt uns, kränkt uns, stempelt uns vielleicht als feige, wenn wir nicht Hilfe bringen. Oder es liegt in ihr ein Fingerzeig einer möglichen Gefahr für uns selbst. Wir fühlen außerdem Lust, wenn wir unseren eigenen Zustand mit dem des Unglücklichen vergleichen, und Lust, wenn wir als die Mächtigen, die Helfenden auftreten können. Die Hilfe, die wir bringen, wird von uns selbst als ein Glück empfunden, oder entreißt uns vielleicht einfach der Langeweile.

Das Mitleid als wirkliches Mitleiden wäre eine Schwäche, ja ein Unglück, denn es würde die Leiden in der Welt vermehren. Der, welcher sich im Ernst dem Mitleid mit den ihn umgebenden Qualen ergeben wollte, würde einfach dadurch zugrunde gehen.

Unter den Wilden hat man ein Grauen davor, Mitleid zu erwecken. Der, welcher es tut, gilt als verächtlich. Mitleid mit einem zu fühlen bedeutet im Gedankengang der Wilden, daß man ihn verachtet. Aber man findet kein Vergnügen daran, ein verächtliches Geschöpf leiden zu sehen. Dagegen einen Feind leiden zu sehen, der unter Qualen seinen Stolz nicht aufgibt, das ist ein Genuß; das erweckt Bewunderung.

Man predigt gern die Mitleidsmoral unter der Formel: "Liebe deinen Nächsten!"

NIETZSCHE klammert sich im Interesse seines Angriffs an das Wort  der Nächste.  Er betont nicht bloß, was KIERKEGAARD "eine teleologische Suspension des Ethischen" nannte, sondern er fühlt sich dadurch gereizt, daß das wahre Wesen des Sittlichen darin liegen sollte, daß wir den Blick auf die nächsten Folgen unserer Handlungen richteten und die zur Richtschnur nähmen. Dem Engen, Spießbürgerlichen in dieser Moral stellt er diejenige gegenüber, die über die nächsten Folgen wegsieht und sogar durch Mittel, die dem Nächsten eine Qual verursachen, ferneren Zielen zustrebt, z. B. Einsicht fördert, obgleich dieselbe Sorge und Zweifel und böse Leidenschaften beim Nächsten erweckt. Wir brauchen deswegen nicht ohne Mitleid zu sein, aber wir können unser Mitleid um des Ziels willen gefangen nehmen.

Und so ungereimt es ist, das Mitleid als unegoistisch zu bezeichnen und es heilig zu sprechen, so ungereimt ist es, eine Reihe Handlungen in die Gewalt des bösen Gewissens zu geben, bloß weil sie als egoistisch gebrandmarkt sind. Und was anders ist in letzter Zeit geschehen, als daß man den Selbstverleugnungs- und Selbstaufopferungsinstinkt und alles, was unegoistisch ist, verherrlicht hat, als wären das die wahren moralischen Werte.

Die englischen Moralisten, die zur Zeit Europa beherrschen, erklären den Ursprung der Moral auf folgende Weise: unegoistische Handlungen wurden ursprünglich gute von denen genannt, denen sie erwiesen wurden und zum Nutzen gereichten; später hat man die ursprüngliche Ursache, weshalb sie gelobt wurden, vergessen und die unegoistischen Handlungen an und für sich als etwas Gutes betrachtet.

Es war nach NIETZSCHEs eigener Aussage die Schrift eiens der englischen Richtung angehörenden deutschen Schrifstellers "Der Ursprung der moralischen Empfindungen" (Chemnitz 1877) von Dr. PAUL RÉE, die ihn zu einem so leidenschaftlichen Widerspruch Punkt für Punkt aufstachelte, daß er durch diese Schrift den Stoß empfing, seine eigenen Gedanken über diese Frage zu klären und zu entwickeln.

Was indessen verwundert, ist Folgendes: mißvergnügt mit jener ersten Schrift arbeitete RÉE ein anderes und weit bedeutenderes Buch über dasselbe Thema aus: "Die Entstehung des Gewissens" (Berlin 1885), in dem der Standpunkt, an welchem NIETZSCHE ein Ärgernis nahm, verlassen ist und mehrere der Grundgedanken, die dieser gegen RÉE geltend macht, mit einer Menge Beweisstellen aus verschiedenen Schrifststellern und Völkern ausgesprochen werden.

Die beiden Philosophen haben einander gekannt und sind persönlich miteinander verkehrt. Es befremdet deshalb, daß NIETZSCHE 1887 seinen Unwillen gegen RÉEs 1877 ausgesprochene Anschauungen berührt, ohne zu erwähnen, wie nah dieser in dem ein paar Jahre vor seinem eigenen herausgegebenen Werk seiner Auffassung gestanden hat.

Schon RÉE hat eine Menge Beispiele dafür angeführt, daß die verschiedensten alten Völker keine andere moralische Klassifikation der Menschen kannten, als die in Vornehme und Geringe, Mächtige und Schwache, so daß die älteste Bedeutung von  gut  sowohl in Griechenland wie auf Island,  vornehm, mächtig, reich  war.

NIETZSCHE baut seine ganze Lehre auf dieser Grundlage auf. Sein Gedankengang ist folgender:

Die Bezeichnung "gut" rührt nicht von dem her, dem Güte erwiesen wurde. Die älteste Wertbestimmung war folgende: Die Vornehmen, Mächtigen, Hochgestellten, Hochgesinnten hielten sich selbst und ihr Tun und Lassen für "gut" - ersten Ranges - im Gegensatz zu allem Niedrigen und Niedriggesinnten. Vornehm, edel im Sinne des Standesgefühls einer höheren Kaste ist der Grundbegriff, woraus "gut" sich als seelisch hochgeboren entwickelt. Die Niedrigstehenden werden als "schlecht" (nicht als böse) bezeichnet.  Schlecht  erhält erst spät seine unbedingt herabsetzende Bedeutung. Es ist von Seiten des gemeinen Mannes ein lobendes Wort: schlecht und recht.

Die herrschende Kaste nennt die ihr Angehören zuweilen bloß die Mächtigen, zuweilen die Wahrhaftigen; so der griechische Adel, dessen Organ THEOGNIS ist. Bei ihm hat  schön, gut, edel  immer die Bedeutung von adelig. Die vornehme Moral-Wertbestimmung geht von einem triumphierenden Bejahen aus, wie wir es bei den homerischen Helden finden: wir Vornehmen, Schönen, Tapheren - wir sind die Guten, die von den Göttern geliebten. Es sind starke, mit Kraft geladene Menschen, deren Lust es ist, zu handeln und streiten, für die das Glück mit anderen Worten etwas Aktives ist.

Es war selbstverständlich unvermeidlich, daß diese Vornehmen die gemeine, von ihnen beherrschte Schar verkannten und verachteten. Doch spürt man nach der recht willkürlichen Behauptung NIETZSCHEs in der Regel bei ihnen ein Beklagen der unterjochten Kaste von Arbeitssklaven und Lasttieren, eine Nachsicht mit denen, für die das Glück ein Ausruhen, etwas Passive ist.

In den Niedrigstehenden lebt notwendigerweise umgekehrt ein durch Haß und Neid entstelltes Bild der Herrenkaste. In dieser Entstellung ist Rache. (8)

Im Gegensatz zur aristokratischen Wertschätzung (gut = vornehm, schön, glücklich, gottbegnadet) formuliert sich die Sklavenmoral folgendermaßen: die Elenden allein sind die "Guten"; die, welche leiden und beschwert sind, die Kranken, die Häßlichen, die sind die einzigen Frommen. Dagegen Ihr, Ihr Vornehmen und Reichen, Ihr seid in alle Ewigkeit die "Bösen", die Grausamen, die Unersättlichen, die Gottlosen und nach dem Tod die Verdammten. Während die vornehme Moral der Ausschlag des großen Selbstgefühls war, ein beständiges Bejahen, ist die Sklavenmoral ein beständiges Nein gegen etwas anderes, ein "du sollst nicht", eine Negation.

Dem  gut - schlecht  (schlecht = wertlos) der vornehmen Wertschätzung entspricht die Gegenüberstellung der Sklavenmoral: gut - böse. Und wer sind die Bösen für diese Moral der Unterdrückten? Eben dieselben, die für die andere Moral die Guten waren.

Man lese die isländischen Sagen, vertiefe sich in die Moral der alten Nordländer und stelle ihr die Klagen über die Untaten der Wikinger gegenüber. Und man wird sehen, daß NIETZSCHE insofern Recht hat, wie diese Aristokraten, deren Sittlichkeit in vielen Punkten hoch stand, ihren Feinden gegenüber nicht besser waren, als losgelassene Raubtiere. Auf die Bewohner der christlichen Küstenländer schlugen sie nieder wie Adler auf Lämmer. Man kann sagen, sie folgten einem Adlerideal. Aber man wird sich dann auch nicht darüber wundern, daß die, welche diesen fürchterlichen Übergriffen ausgesetzt waren, sich um ein ganz entgegengesetztes moralisches Ideal scharten, nämlich das des Lammes.

Im dritten Kapitel seiner Nützlichkeitsmoral versucht JOHN STUART MILL zu beweisen, wie das Gerechtigkeitsgefühl sich aus der tierischen Begierde, einen Schaden oder einen Verlust zu vergelten, entwickelt hat. In einer Abhandlung über "die transzendente Befriedigung des Rachegefühls" (Anhang zur ersten Ausgabe vom "Wert des Lebens") hat EUGEN DÜHRING nach ihm versucht, die ganze Strafrechtslehre auf dem Wiedervergeltungstrieb zu begründen. In seiner "Phänomenologie" hat EDUARD von HARTMANN nachgewiesen, wie dieser Trieb, streng genommen, immer nur ein neues Leiden, eine neue Kränkung herbeiführt, um Genugtuung für die ältere zu gewinnen, daß also das Vergeltungsprinzip nie zu einem sittlichen Prinzip werden kann.

NIETZSCHE macht einen gewaltsamen, leidenschaftlichen Versuch, die Hauptsumme falscher moderner Moral nicht auf den Vergeltungstrieb oder das Rachegefühl im Allgemeinen, sondern auf eine engere Form derselben: Groll, Neid, "Rancune" zurückzuführen. Für ihn ist, was er Sklavenmoral nennt, die reine Neidmoral. Und diese Neidmoral hat alle Ideale umgeprägt: Ohnmacht, die nicht vergilt, wurde Güte; ängstliche Niedrigkeit Demut; Unterwerfung unter den, welchen man fürchtet, wurde Gehorsam; Sich-nicht-rächen-können wurde Sich-nicht-rächen-wollen, wurde Vergebung, wurde Liebe zu den Feinden. Die Erbärmlichkeit wurde eine Auszeichnung, eine Distinktion; Gott züchtigt, wen er liebt. Oder sie wurde eine Vorbereitung, eine Prüfung, eine Schule, noch mehr: Etwas, das einmal mit Zinsen aufgewogen, als Seligkeit zurückbezahlt wird. Was diesen Demütigen auf Erden zu lieben blieb, waren ihre Brüder und Schwestern im Haß, die sie ihre Brüder und Schwestern in der Liebe nannten. Den von ihnen erwarteten, kommenden Zustand nannten sie ein Kommen ihres Reiches, des Reiches Gottes. Worauf sie hofften, das war nicht die Süßigkeit der Rache, sondern der Sieg der Gerechtigkeit.

Wenn NIETZSCHE die Absicht gehabt hat, mit dieser Schilderung das historische Christentum zu treffen, so hat er - wie jeder sehen kann - eine Karikatur im Geist und Stil des 18. Jahrhunderts geliefert. Aber daß seine Beschreibung einen gewissen Typus der Apostel der Neidmoral trifft, läßt sich nicht leugnen, und selten ist all der Selbstbetrug, der sich unter einer Moralverkündigung bergen kann, mit größerer Energie entschleiert worden. (Man vergleiche: "Jenseits von Gut und Böse", "Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft" und "Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift")

LITERATUR - Georg Brandes, Menschen und Werke, Frankfurt a. M. 1900
    Anmerkungen
    8) NIETZSCHE unterstützt seine Hypothese mit einigen zweifelhaften Etymologien. Das lateinische  malus,  neben das er  melas (schwarz) stellt, geht, meint er, auf die vorarischen Bewohner von Italiens Erde im Gegensatz zur blonden, arischen Erobererrasse. Im Gälischen bedeutet  fin (Adelsmann, Fingal) ursprünglich Blondkopf, später der Gute, Edle, Reine im Gegensatz zu den schwarzhaarigen Ureinwohnern. Seine Etymologie gut von  gothisch  ist entschieden unrichtig.  Got  ist Hengst, Mann.