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OTTO HINTZE
(1861 - 1940)
Über individualistische und
kollektivistische Geschichtsauffassung


"Es gibt keine anderen treibenden Kräfte in der Geschichte, als die, deren Träger der Mensch ist und zwar nicht nur der Mensch in seiner Einzelexistenz, sondern vor allem auch in seiner gesellschaftlichen Verbindung, in der jene geistigen Kollektivkräfte erzeugt werden, die der lebendige Kern aller Institutionen sind."

Unter dem Titel: "Was ist Kulturgeschichte?" hat Professor LAMPRECHT in der "Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" (Heft 2) einen umfangreichen Aufsatz veröffentlicht, in dem er seine Ansichten über die Aufgabe und die Methode unserer Disziplin klarer und vollständiger dargelegt hat, als es bisher von ihm geschehen ist. Der Aufsatz ist meiner Meinung nach nicht das Schlechteste, was über diese Fragen geschrieben worden ist und enthält auch für die prinzipiellen Gegner des LAMPRECHTschen Standpunktes manches Lehrreiche. Aber er gelangt in der einseitigen Durchführung eines ansich richtigen Prinzips zu Konsequenzn, die im Interesse einer besonnenen und vorsichtigen Erforschung der wissenschaftlichen Wahrheit nicht unbeanstandet bleiben können.

Es ist im Grunde die alte Streitfrage nach dem gesetzmäßigen Charakter der historischen Erscheinungen, um die es sich handelt. Sind die geschichtlichen Vorgänge in dem Maße genereller Natur, daß sie sich in ein typisches Schema regulärer Entwicklung einfügen lassen oder überwiegt im großen und ganzen doch der singuläre Charakter? Das ist die große Frage, die alle Erörterungen der historischen Methode beherrscht und die mir auch in LAMPRECHTs Ausführungen die eigentliche Triebkraft zu sein scheint.

In den Diskussionen der letzten Zeit ist viel die Rede gewesen vom Zusammenhang der Methode und der allgemeinen Weltanschauung. LAMPRECHT bestreitet von seinem rigoros-empirischen Standpunkt aus diesem Zusammenhang. Gewiß mit Recht, soweit es sich um die elementaren Metoden zur Feststellung des Tatsächlichen handelt. Aber unter Methode hat er doch selbst auch immer die Feststellung der Forschungsziele, gerade auch der letzten und höchsten, verstanden; und er wird zugeben, daß diese in der Regel mit Hilfe hypothetischer Schlüsse erfolgt, die auf gewissen, unseren subjektiven intellektuellen und Gemütsbedürfnissen entsprechenden Postulaten beruhen und durch die empirische Forschung immer nur bis zu einem gewissen Grad der Wahrscheinlichkeit erhoben werden können.

Auf so einem intellektuellen Bedürfnis - das keineswegs alle Forscher gleichmäßig empfinden, weil es eben vom individuellen geistigen Habitus abhängt - beruth auch im Grunde die immer wieder und unabweisbar sich aufdrängende Frage nach den typischen Regelmäßigkeiten in der historischen Entwicklung. Bei der Diskussion darüber handelt es sich heute nicht mehr um den krassen Gegensatz materialistischer und idealistischer Geschichtsauffassung. Aus dem Gebiet er metaphysischen Spekulation ist der Streit in den windstilleren Bezirk psychologischer Untersuchung verlegt worden, wobei allerdings nicht minder starke Gegensätze hervortreten, aber Gegensätze, bezüglich derer man doch eher auf eine gegenseitige Verständigung hoffen darf.

LAMPRECHT hat seine ganzen Untersuchungen auf dem Gegensatz der individualistischen und der kollektivistischen Psychologie aufgebaut. Die Übertreibung eben dieses Gegensatzes scheint mir die einseitgen und darum verkehrten Konsequenzen in seinen Ausführungen verschuldet zu haben. Daß beide psychologischen Betrachtungsweisen jede für sich einseitig und unzulänglich sind, daß nur ihre Kombination den Gegenstand in seiner wahren Natur zeigt, das scheint mir LAMPRECHT merkwürdigerweise gänzlich übersehen zu haben.

Die sozial-psychologische Betrachtungsweise ist vielleicht die bedeutendste Errungenschaft auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften seit dem Ausgang des vorigen Jahrhunderts. Ihre Wurzeln liegen schon in unserer idealistischen Bildungsepoche: wenn HEGEL vom objektiven Geist, JAKOB GRIMM von der Volksseele sprach, so meinten sie damit geistige Kollektivkräfte, die ein Produkt massenpsychologischer Vorgänge sind. Die klassische Philologie ist in ihrer Blütezeit durchtränkt von ähnlichen Vorstellungen. Aus dem Zusammenwirken der Gedankenkreise von WILHELM von HUMBOLDT und HERBART ist eine völkerpsychologische Schule hervorgegangen, deren Bestrebungen freilich mehr der Ethnologie und Sprachwissenschaft als der Historie zu gute gekommen sind. Unter dem Einfluß von COMTE und SPENCER sind diese Vorstellungen realistischer ausgebildet worden; in Frankreich hat TAINE ihnen einen Ausdruck gegeben, der nahezu als Kanon gelten kann, während sie bei uns GUSTAV FREYTAG in einer spezifisch deutschen Färbung popularisiert hat. Auch bei uns ist die idealistische Einseitigkeit der früheren Zeit durch sachkundige, empirische Erforschung des Staatslebens und neuerdings auch des Wirtschaftslebens korrigiert worden. Mir wenigstens scheint, daß LAMPRECHTs Deutsche Geschichte - trotz allem, was man gegen das Buch sagen mag - in dieser Richtung einen merklichen Fortschritt darstellt. nach den theoretischen Auseinandersetzungen des Autors, die wir hier vor uns haben und deren Inhalt sich ihm offenbar erst während der Arbeit allmählich festgestellt hat, darf man seine Anschauungsweise keineswegs - wie es oft geschehen ist - als eine einseitig ökonomische im Sinne etwa der MARXschen Schule bezeichnen. Was ihn, und man kann hinzusetzen das ganze moderne Geistesleben, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa, von diesen etwas rückständigen Anschauungen trennt, das ist eben die ungeheure Kluft, die zwischen dem groben Objektivismus der Marxisten und der subjektiv-psychologischen Betrachtungsweise, dieser charakteristischen Frucht der ganzen modernen Bildung, besteht. Für diese Betrachtungsweise lösen sich die starren, als objektiv vorgestellten Produktionsverhältnisse, die als unverständliche, unheimliche Mächte alles geschichtliche Leben beherrschen sollen, in Produkte massenpsychologischer Vorgänge auf, in denen auch das ethische Moment nicht fehlt.

Das ist die eminente Bedeutung der sozial-psychologischen Betrachtungsweise. Es gibt keine anderen treibenden Kräfte in der Geschichte, als die, deren Träger der Mensch ist und zwar nicht nur der Mensch in seiner Einzelexistenz, sondern vor allem auch in seiner gesellschaftlichen Verbindung, in der jene geistigen Kollektivkräfte erzeugt werden, die der lebendige Kern aller Institutionen sind.

Es kommt nun freilich darauf an, wie man sich diese massenpsychologischen Vorgänge denkt. Auch FRIEDRICH ENGELS hat einmal gesagt, daß natürlich die verursachenden Momente, die in den Produktionsverhältnissen liegen, immer erst durch die Köpfe der Menschen hindurchgehen müßten, um ihre Wirkungen zu äußern. Aber dieses psychische Medium, das sie passieren müssen, faßte er als ein indifferentes, als ein überall gleichförmig reagierendes auf, das eben deshalb ganz vernachlässigt werden könne. Diesen groben Irrtum teilt LAMPRECHT nicht. An die Stelle der objektiven Verhältnisse setzt er als verursachendes Moment die psychischen Kollektivkräfte. Aber um die Art und Weise, wie diese selbst entstehen und sich verändern, hat er sich nicht weiter bekümmert: das individuelle und das Gemeinschaftsleben stehen in seiner Auffassung fremd und ohne organische Verbindung einander gegenüber. Aus dem subjektiven Gegensatz individualistischer und kollektivistischer Betrachtungsweise hat er den objektiven Gegensatz einer individuellen Lebenssphäre gemacht. Und für die Betrachtung des "kollektivistischen Geschehens" innerhalb der sozialen Gruppen und Verbände, die einen Gemeingeist ausgebildet haben, glaubt er doch auch das individuelle Moment (dessen Vorhandensein er natürlich anerkennt) ganz eliminieren zu dürfen; er will die Angehörigen solcher Gruppen schlechthin als unter sich gleichwertige Gattungsexemplare betrachten, die lediglich von den der Gruppe gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Willensimpulsen beherrscht werden.

Eine solche Betrachtung mag nun wohl für gewisse Gegenstände und in gewissen Grenzen ihrer Berechtigung haben; aber als allgemeiner methodischer Grundsatz ist sie einseitig und daher irreführend. Denn jene gemeinschaftlichen Motivkomplexe, die das Leben einer eng verbundenden Gruppe von Menschen beherrschen, stammen doch in letzter Linie aus individuellen psychischen Akten her; sie sind der jeweilige Ausdruck für das Gemeinsame in diesen Akten, das in ihnen zu einer Art von objektiver geistiger Macht verschmilzt; auch wo sie durch Institutionen gewissermaßen befestigt worden sind, stellen sie keine konstante, unveränderliche Kraft dar, sondern sie sind in beständiger Umbildung begriffen und zwar infolge einer Veränderung in den individuellen Impulsen, auf denen sie beruhen. Je primitiver die soziale Entwicklung, desto gleichartiger mögen die einer Gruppe angehörigen Individuen sein, desto unfreier mag der Einzelne den Gesamttendenzen gegenüberstehen: dennoch beruth aller Fortschritt auf der vorhandenen Differenzierung und auf dem damit zusammenhängenden Gegensatz des individuellen und des kollektiven Geistes. Das individuelle Moment darf also auch für das kollektivistische Geschehen keineswegs vernachlässigt werden: wie in ihm überhaupt die Quelle der spezifischen Gruppenindividualität zu suchen ist, so ist es auch der wichtigste Motor für die weitere Entwicklung.

Diese Erwägungen sind nun namentlich unter dem folgenden Gesichtspunkt von Wichtigkeit.

LAMPRECHT macht einen scharfen Unterschied zwischen dem Gebiet des individuellen Handelns der eminenten Persönlichkeiten und dem des kollektivistischen Geschehens. Das erste ist ihm das Gebiet des Singulären, das andere das des Generellen. Hier herrscht die Freiheit (im Sinne eines inneren Determinismus), dort die Notwendigkeit (im Sinne einer erweisbaren Kausalität). Diese Trennung halte ich für falsch. Ich glaube vielmehr, daß es sich hier nur um die entgegengesetzten Endpunkte einer kontinuierlichen, im wesentlichen gleichartigen Reihe handelt, um die beiden Pole, zwischen denen alles geschichtliche Leben sich bewegt. Das individuelle Moment macht sich auch im kollektivistischen Geschehen geltend; es spielt in der Ausbildung und Veränderung von Sprache und Sitte, von Wirtschaft und Recht eine Rolle, wie in den Staatengründungen und Machtkämpfen der Völker, nur versteckter, minder sichtbar, aber kaum minder bedeutend. Und andererseits ist auch das bewußte Handeln der geschichtlichen Persönlichkeit in die engen Grenzen gebannt, die durch die Entwicklung des öffentlichen Geistes und der durch ihn bestimmten Verhältnisse gegeben sind. Das geschichtliche Leben beruth im letzten Grund überall auf - mehr oder minder bewußt hervortretender - individueller Lebensbetätigung; und das individuelle Leben erscheint dabei überall eingebettet in das Leben der Gemeinschaften, mehr oder minder abhängig von den Kollektivkräften, die sie beherrschen. Zwischen dem sozusagen organischen Werden und Wachsen historischer Bildungen und der anscheinend ganz freien Tat eines führenden Willens im öffentlichen Leben ist in dieser Hinsicht nicht ein prinzipieller Gegensatz, sondern nur ein Gradunterschied. Dort zeigt sich das individuelle Moment in einer Summe unzähliger, an sich unscheinbarer Akte, die jeder für sich nicht allzuweit aus dem Rahmen des Herkommens heraustreten, in ihrer Gesamtwirkung aber doch einen erheblichen Effekt darstellen; hier erscheint es in eminenten Handlungen, die aber, um historisch folgenreich zu sein, immer der Verstärkung durch begleitende psychische Massenbewegungen in weiteren oder engeren Kreisen bedürfen. In diesen Massenbewegungen wird das erzeugt, was wir gewöhnt sind als die historischen Ideen zu bezeichnen. Ich weiß nicht, weshalb man diese Bezeichnung aufgeben sollte; daß es sich dabei nur um immanente, nicht um transzendente Kräfte handelt, dürfte unter den Historikern aller Richtungen ziemlich allgemein anerkannt sein. Ich kann auch nicht finden, daß RANKE in seiner Auffassung der Ideen etwas Mystisches habe. Freilich, vor einem undurchdringlichen Geheimnis stehen wir zuletzt immer: dem Geheimnis des Lebens, das weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften zu lösen vermögen. Auch DUBOIS-REYMOND hat von den Welträtseln geredet: will man ihn darum für einen Mystiker erklären?

Alle Kausalerklärung der historischen Zusammenhänge vermag nur bis zu dem Punkt vorzudringen, wo wir vor der ursprünglichen qualitativen Bestimmtheit des individuellen Lebens als der letzten Ursache historischen Geschehens angelangt sind. Das Problem dieser individuellen Besonderheit, auf das wir in allen Schichten des historischen Lebens stoßen, können wir wohl durch Generationen zurückschieben, aber lösen können wir es nicht. Auch die neuere Richtung einer erklärenden Psychologie vermag das nicht, wie nur DILTHEY neuerdings überzeugend dargetan zu haben scheint. Für den Historiker sind ohnedem diese Bestrebungen, die Entstehung des Selbstbewußtseins aus einfachen psychischen Elementen zu erklären, ziemlich belanglos. Niemals können wir mit den Mitteln unserer Wissenschaft hinter das Geheimnis kommen, wie eine Individualität entsteht. Die Historie hat es nur mit Menschen im Stadium des völlig ausgebildeten Bewußtseins zu tun. Zu ihrem Verständnis gelangen wir nicht anders, als durch einen auf Forschung begründeten Akt künstlerischer Apperzeption, deren Berechtigung und Notwendigkeit für das historische Erkennen übrigens auch LAMPRECHT anerkannt hat.

Mit der Anerkennung der psycho-physischen Lebenseinheiten als der Elemente aller sozialen Gebilde sind wir mitnichten zu der einseitig-individualistischen Auffassung der Gesellschaft zurückgekehrt, wie sie im vorigen Jahrhundert herrschte. Wir setzen nur das psychische Leben des Individuums in eine organische Verbindung mit dem der gesellschaftlichen Gruppen. Wir wissen, daß die potenzierte Individualität, deren Wirksamkeit so oft die Geschichte der Völker bestimmt hat, im mütterlichen Boden des psychischen Gemeinschaftslebens wurzelt; aber wir wissen auch, daß dieses Gemeinschaftsleben durch individuelle Lebensäußerungen erzeugt und fortgebildet wird und daß eminente Individualität unmöglich wäre ohne jene latente Individualität, die wir auch den primitivsten Gesellschaftszuständen zuschreiben.

Es gibt im historischen Leben ebensowenig Vorgänge rein genereller Natur, wie solche rein individueller Natur. Überall handelt es sich um ein Mit- und Gegeneinanderwirken der Kräfte des individuellen Lebens und der Kräfte des Gemeinschaftslebens, nur in sehr verschiedenem Verhältnis und in mannigfacher Abstufung und Mischung beider Reihen. Es ist ein ungeheuer kompliziertes Geschehen, das man wohl zu beschreiben und zu zergliedern, aber nicht in seiner Gesamtheit aus wenigen einfachen Elementen rational zu erklären vermag.

Von diesem Standpunkt aus also kann ich auch nicht zugeben, daß es zwei verschiedene historische Methoden gebe, eine kollektivistische und eine individualistische; und ebensowenig, daß es zwei verschiedene historische Disziplinen gebe, die sogenannte politische und die sogenannte Kulturgeschichte. Darin freilich stimme ich LAMPRECHT zu - und das dürfte doch schließlich praktisch die Hauptsache sein -, daß die historische Wissenschaft auf die breite Basis einer möglichst in die Tiefe reichenden sozialpsychischen Forschung gesetzt werden muß. Darin sehe ich einen Fortschritt auch RANKE gegenüber, wie ja auch schon die sogenannten politischen Historiker, SYBEL und TREITSCHKE, einen Fortschritt in verwandter Richtung bedeuten. Wir wollen - in einem geographischen Bild gesprochen - nicht nur die aufgesetzten Ketten und Gipfel, sondern auch den Grundstock des Gebirges, nicht nur die Höhen und Tiefen der Oberfläche, sondern die ganze kontinentale Masse kennen lernen. Aber das ist eine Ergänzung der bisherigen wissenschaftlichen Bestrebungen, nicht eine Umwälzung der historischen Wissenschaft. Auch so wird sie, wie mir scheint, nicht zur Erkenntnis regulär wiederkehrender genereller Vorgänge führen, sondern zur Ergründung einer im großen und ganzen doch singulären Entwicklung. In dem, was wir Weltgeschichte nennen - d. h. im Zusammenhang der Kulturentwicklung einer Gruppe antiker und moderner Völker - repräsentieren die einzelnen Nationen eher bestimmte Entwicklungsstadien eines größeren Ganzen als den wiederkehrenden Typus einer regulären nationalen Entwicklung. Nach allem, was wir bisher von der Völkergeschichte wissen, ist es überhaupt noch nicht möglich, einen solchen normalen Entwicklungsgang einer Nation zu konstruieren, wenn man sich nicht mit vagen biologischen Analogien begnügen will. Die natürliche Tendenz zu einer solchen regulären Entwicklung ist unzweifelhaft vorhanden; sie hat aber, wie es scheint, nirgends über Ansätze hinausgeführt, die im wesentlichen der Frühzeit der Völker angehören, der Zeit, wo sie noch nicht in den Strom der weltgeschichtlichen Entwicklung eingemündet sind. Die Nationen, mit denen es die Geschichte zu tun hat, sind überhaupt keine rein natürlichen Bildungen, sondern Produkte weltgeschichtlicher Begebenheiten; so ganz besonders die englische, die französische, die amerikanische Nation. Nation und Staat lassen sich in der historischen Betrachtung nicht so trennen, wie LAMPRECHT will: die Nation bildet den Staat, aber der Staat bildet auch die Nation und beeinflußt ihr Kulturleben aufs tiefgehendste. Man denke nur an die wirtschaftlichen Resultate des Merkantilismus! In den Gegensätzen und in der Verkettung der Nationen und Staaten schreitet die Weltgeschichte fort; und diese erscheinen in ihr mehr als große Gesamtindividualitäten, denn als gleichartige Gattungsexemplare. Wo eine parallele Entwicklung vorhanden ist, wie innerhalb der romanisch-germanischen Völkerfamilie, da beruth sie auf gemeinsamen Kulturgrundlagen, die aber keine Naturausstattung, sondern weltgeschichtliche Errungenschaften sind. Diese Auffassung, die RANKE in so genialer Weise zur Anschauung gebracht hat, wird auch die Fortbildung der Geschichte auf breiterer Basis nicht zerstören können. Die große weltgeschichtliche Entwicklung ist nicht bloß das Abfallprodukt der nationalen Entwicklung, sondern sie hat eine selbständige Bedeutung; sie wird nicht bloß von den Nationen erzeugt, sondern sie erzeugt selbst wieder Nationen; sie beruth auf einem besonderen, universalen, massenpsychologischen Prozeß, der den nationalen Entwicklungsprozeß häufig durchbricht, ihn jedenfalls, sobald erste eine Verflechtung stattgefunden hat, auf das gewaltigste beeinflußt. In Renaissancen, Rezeptionen und "Diosmosen" [gegenseitiger Austausch - wp] erschöpft sich die Wirkung der weltgeschichtlichen Kulturmächte doch mitnichten; sie bewirken vielmehr, daß die Nationen, die sie beherrschen, gewissermaßen ein gemeinschaftliches Leben führen, fast wie die Individuen eines sozialen Verbandes. In diesem Sichkreuzen und Verflechten der nationalen und der universalen Entwicklung liegt meines Erachtens die Unmöglichkeit begründet, die Weltgeschichte als eine vergleichende Geschichte der Nationen zu konstituieren: sie ist und bleibt doch wohl ein großer singulärer Prozeß.
LITERATUR Otto Hintze, Über individualistische und kollektivistische Geschichtsauffassung, Historische Zeitschrift, Bd. 78, München und Leipzig 1897