cr-2ra-2V. KraftW. DiltheyF. PaulsenE. ZellerA. RiehlH. Bergmann     
 
WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
[1/11]

Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Es ist ja gerade charakteristisch für die Philosophie und darum wird sie von der einen Seite als der Abschluß, das Ziel alles wissenschaftlichen Forschens, von der anderen als die Grundlage, ja notwendige Voraussetzung der Wissenschaft überhaupt hingestellt, daß sie solche Fragen erörtert, deren Fraglichkeit nicht nur dem naiven Menschen, sondern auch einem großen Teil der Wissenschaftler noch gar nicht aufgegangen ist, daß sie Probleme da findet, wo andere nichts als Selbstverständlichkeiten sehen."

Einleitung

In den Besprechungen meiner im Jahre 1902 erschienenen Arbeit über den Realismus und das Transzendenzproblem, soweit sie mir zu Gesicht oder zu Ohren gekommen sind, wird der Nachdruck fast ausschließlich auf diejenige Seite gelegt, welche ich selbst als nebensächlicher behandelt habe. So wenig ich verkannte, daß die Frage nach der Existenz und Erkennbarkeit der Außenwelt, das ist die Frage des Realismus, in den philosophischen Erörterungen zu allen Zeiten stark in den Vordergrund geschoben, ja vielfach geradezu als das eigentliche philosophische Problem angesehen wird, so sehr war ich und bin ich noch überzeugt, daß dieser merkwürdigen Frage eine andere, allgemeinere zugrunde liegen muß. Ich stellte mir daher die Aufgabe, die Ansatzpunkte aufzuspüren, die Gründe, welche zur Stellung und dann meistens auch zu Verneinung unserer Frage geführt haben und fand sie in gewissen Schwierigkeiten, die dem Problem des Denkens ganz allgemein anhaften, in dem, was man als Frage nach der Transzendenz bezeichnen kann. Ich meinte, ist man sich erst darüber klar geworden, daß das Denken nicht aufgeht im Vorhandensein psychischer Inhalte, daß es stets diese psychischen Inhalte, das im Denken und für das Denken gegebene, überschreitet, so kann keine grundsätzliche Schwierigkeit mehr bestehen, auch ein Transzendieren des Denkens auf Dinge der Außenwelt zuzugeben, wenn doch die gegen die Beziehung des Denkens auf die Außenwelt vorgebrachten Gründe sich im wesentlichen vielmehr als gegen die Transzendent des Denkens überhaupt gerichtet erweisen.

Die Frage nach dem Wesen des Denkens, nach seiner Transzendenz ist nun eine logische und darum ausgesprochen philosophische Frage und ihr habe ich deshalb als Philosoph meine volle Aufmerksamkeit gewidmet; was nach ihrer Erledigung noch für den Realismus zu tun übrig bleibt, das ist nicht mehr allein Sache der Logik, sondern kann und muß ebenso etwa den Physiker angehen - es gehört mehr in das Grenzgebiet der Logik und so konnte ich mich, dem Plan meiner Arbeit entsprechend, begnügen, den Zusammenhang der hierher gehörigen besonderen Fragen mit jener allgemeinen logischen aufzuzeigen und aus diesem Zusammenhang heraus eine Antwort auf sie zu geben oder anzudeuten.

Wenn daher bemerkt worden ist, daß ich auf manches der sogenannten erkenntnistheoretischen Probleme gar nicht oder nicht ausführliche genug eingegangen bin, so will ich diese Tatsache nicht in Abrede stellen, sondern im Gegenteil betonen, daß das nicht meiner Absicht entsprochen hätte, die ich ja auch in jener Arbeit deutlich auseinander zu setzen mich bemüht habe.

Was ich aber damals absichtlich unterlassen habe, um alle Gedanken um einen Mittelpunkt, die Transzendenzfrage, sammeln zu können, das will ich nun in der vorliegenden Schrift zu leisten versuchen, indem ich hier die mannigfaltigen erkenntnistheoretischen Probleme von der durch das Schlagwort "Realismus" bezeichneten Problemstellung aus betrachte. Denn die scheinbar so einfache und in ihrer Einfachheit so seltsam klingende Frage nach der Existenz der Außenwelt erweist sich bei näherem Zusehen - das hat auch jene frühere Arbeit gezeigt -, als außerordentlich zusammengesetzt und darum auch als gar nicht so einfältig, wie man wohl zunächst denken möchte.

Es ist ja gerade charakteristisch für die Philosophie und darum wird sie von der einen Seite als der Abschluß, das Ziel alles wissenschaftlichen Forschens, von der anderen als die Grundlage, ja notwendige Voraussetzung der Wissenschaft überhaupt hingestellt, daß sie solche Fragen erörtert, deren Fraglichkeit nicht nur dem naiven Menschen, sondern auch einem großen Teil der Wissenschaftler noch gar nicht aufgegangen ist, daß sie Probleme da findet, wo andere nichts als Selbstverständlichkeiten sehen.

Wir haben gezeigt, welch interessantes und für die gesamte Wissenschaft - denn alle Wissenschaft ist Denken - wichtiges Problem als allgemeinstes der Frage des Realismus zugrunde liegt, aber wir haben zugleich darauf hingewiesen, daß damit noch nicht alles erledigt ist, was den Realismus zu einer Frage macht. Freilich das, was noch zu tun bleibt, hat nach der Lösung des Grundproblems ein anderes Aussehen gewonnen. Der Realist ist, wenn ich ein Bild gebrauchen darf, nicht mehr der unter schweren Verdachtsgründen Angeklagte, der zufrieden sein muß, wenn es ihm gelingt, den Richter zur Fällung des  non liquet  [es ist nicht klar, wp] zu bewegen, sondern er hat mit der Widerlegung der Anklagegründe zugleich die gegnerische Partei ins Unrecht gesetzt; sein Sieg ist entschieden, es erübrigt ihm nur noch, die Dinge so zu ordnen, daß nicht etwa aufgrund eines Formfehlers oder sonstiger ungeklärt gebliebener Verhältnisse der Prozeß erneuert und ins unendliche verschleppt werden kann.

Der Sieg ist entschieden. Gewiß ist in unserem Sinne die Frage der Transzendenz nicht identisch mit der des Realismus: die erstere betrifft das Denken, die letztere die sogenannte Außenwelt und so wenig aus dem bloßen Begriff auf die Wirklichkeit geschlossen werden darf, noch weniger folgt aus einer allgemeinen Eigentümlichkeit des Denkens, wie sie in der Transzendenz vorliegt, unmittelbar etwas über die Existenz besonderer Gegenstände des Denkens, etwas über die Außenwelt. Aber wenn diese Unmöglichkeit auch nach formalen logischen Gesetzen unzweifelhaft besteht, so wird man sich doch andererseits der weiteren, nach dem Beweis der Transzendenz unwidersprechlichen Erkenntnis nicht entziehen können, daß das Denken und sein Gegenstand doch füreinander da sind, daß eine so wichtige Eigenschaft des Denkens wie die Transzendenz doch auch einen entsprechenden Wert haben muß, um sich überhaupt entwickeln zu können, kurz, daß auch ein Gegenstand für die Transzendenz des Denkens existieren muß, der durch Umfang und Bedeutung die so verwickelte Einrichtung des Denkens notwendig gemacht hat. Aus den psychischen Inhalten können wir das Denken nicht erklären, somit, wollen wir auf eine Erklärung nicht verzichten, müssen wir eine nichtpsychische also die Außenwelt zu Hilfe nehmen. Wenn nun solche und ähnliche Erwägungen die Ergänzung der psychischen Welt durch die Annahme einer nicht-psychischen, der Außenwelt, unumgänglich notwendig machen, so ist doch mit solcher Erkenntnis das Problem noch nicht gelöst, wohl aber die Möglichkeit gegeben, seinen eigentlichen Sinn tiefer und genauer festzustellen. Denn sofort erhebt sich die Frage, in welcher Weise denn die Ergänzung vorgenommen wird und vorgenommen werden darf. Was heißt es, eine Außenwelt existiert und was ist das für eine Außenwelt, wie sieht sie aus? Fast noch wichtiger aber, jedenfalls für die Gesamtauffassung des Wesens der Wissenschaft, daher für die Philosophie von unmittelbarer Bedeutung, ist die Frage, in welchem logischen Verhältnis denn diese Ergänzung zu dem steht, was man unmittelbare Erfahrung oder Erfahrung schlechthin nennt. Handelt es sich hier überhaupt um etwas logisches, um etwas, das begriffen, bewiesen werden kann und nicht und nicht vielmehr um eine biologische Tatsache, die einfach hingenommen werden muß, allenfalls psychologisch oder physiologisch zu erklären ist?

Diese Andeutungen werden genügen, um einen Begriff von der Art zu geben, in der auf den folgenden Seiten das alte Problem von der Außenwelt behandelt werden soll, eine Art, die ja wesentlich mit der in der früheren Schrift angewandten übereinstimmt. Das dort gegebene zu ergänzen und, wo nötig, klarer zu stellen oder zu verbessern, ist das nächste Ziel der vorliegenden Arbeit; das weitere aber, die dort entwickelten Gedanken noch näher an diejenigen Gesichtspunkte heranzubringen, die von der heutigen Philosophie im großen und ganzen noch immer als die fruchtbarsten oder interessantesten betrachtet werden und ihnen damit zugleich eine stärkere Wirksamkeit zu verleihen im Kampf der Parteien, die sich von diesen Gesichtspunkten aus gebildet haben.

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904