tb-4W. T. MarvinR. BaerwaldTh. NagelP. SternG. TeichmüllerE. König    
   
Laurent Verycken
F o r m e n   d e r  
W i r k l i c h k e i t


Tatsachen
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1. Raum-Zeit
2. Bewußtsein
3. Logik
4. Sprache
6. Moral
  7. Ordnung
  8. Recht
  9. Ökonomie
10. Anarchie
11. Religion
"Die Lehre vom Primat der Wiederholungen besagt, daß das wiederholte Auftreten von einer Erscheinung uns irgendwie zur Annahme eines allgemeinen Gesetzes berechtigt."


Die alte Erkenntnistheorie, die von ARISTOTELES bis zur Scholastik unumschränkt herrschte, beruhte auf dem Satz, daß ein Allgemeines das Bestimmende und gestaltgebende Innere der Dinge sei. Wissenschaft war durch die Anerkennung der unabhängig vom Subjektiven bestehenden objektiven Realität und der Anerkennung objektiver Gesetzmäßigkeiten definiert. Die Dinge-ansich waren Dreh- und Angelpunkt der Erkenntnis. Die alte Logik hielt sich an das positiv Gegebene, an das Wahrnehmbare und angeblich eindeutig, nämlich das mittels einer sinnlichen Erfahrung Beobachtbare. Die klassische, d.h. die aristotelische Logik, verkörperte die Theorie des wahren, gesicherten und zureichend begründeten Wissens. Die Methode der Naturwissenschaft galt als eine exakte. Exakte Wissenschaften wie Mathematik, Physik und Chemie erlangten ihre Erkenntnisse durch Messungen und eine logisch-mathematische Beweisführung, die nachgeprüft werden konnte. Mathematisierbarkeit galt als Index wahrer Wissenschaftlichkeit.

Im Zusammenwirken von KEPLER, GALILEI, DESCARTES und NEWTON bildete sich die mathematische Naturwissenschaft als Erkenntnis einer  Ordnung der Natur nach Gesetzen.  Das Buch der Natur liegt aufgeschlagen vor uns. Um es lesen zu können, bedürfen wir der Mathematik, denn es ist in mathematischer Sprache geschrieben. Das Weltsystem ist absolut geschlossen und entwickelt sich nach streng mathematischen Gesetzen. Das Credo der modernen Naturwissenschaft war: beobachten, messen, berechnen.  Ubi materia, ibi geometria,  wo Materie ist, da ist auch Mathematik. Überall entdeckten die Ahnherren der Wissenschaft in der Natur objektive Tatsachen.

Die wissenschaftliche Objektivität schien so einleuchtend, wie das Zählen von eins bis drei. Wissenschaft und Allgemeingültigkeit waren auswechselbare Begriffe. Wissenschaft wurde für die Methode gehalten, mit der sich von subjektiven Wünschen unabhängige, also unbestechliche Erkenntnis erreichen läßt. Wissenschaftliche Erkenntnisse waren für jeden Verstand als gleich anzusehen. Das reine Wissen, frei von allen weltanschaulichen Prämissen, erhob den Anspruch auf objektive Geltung. Die idealisierte Wissenschaft diente keiner Macht, keinen Interessen, keinen noch so  guten  Absichten, sie beantwortete keine Lebens- und Sinnfragen und enthielt sich scheinbar jeder Bewertung. Wissenschaftler sollten nur beobachten, aber keine Normen setzen. Über den Wert und Unwert von Tatsachen zu urteilen war nicht ihre Sache. Tatsachen galten als wertfrei. Objektiv hieß: unter Abziehung aller Wertbeziehung. Jede Form des Wertens galt als ideologieverdächtig. Wenn Wissenschaft Wertbilder liefert, hieß es, dann hat sie ihren Auftrag verraten. Die objektive Wissenschaft hatte den Anspruch, von  Tatsachen  auszugehen, nicht von  Prinzipien . Wer von Prinzipien anstatt von Tatsachen ausgeht, ist Ideologe.

Was wir gewöhnlich unter  Wissenschaft  verstehen, ist die gezielte Weiterentwicklung der Abstraktion als Methode. Die Abstraktion ist  die  Methode des rationalen Denkens und diese Methode wird, wie jede Methode, immer von der jeweiligen Anwendungssituation als losgelöst betrachtet. Weil wir diese Methode haben, müssen die einzelnen Situationen nicht jedesmal aufs Neue bewältigt werden. Wenn alles Naturgeschehen derart dem Wechsel unterläge, daß nicht zwei Ereignisse einander gleich sind, sondern jeder Gegenstand eigentlich gänzlich neu ist, hätten wir nicht die mindeste Vorstellung einer Verknüpfung zwischen den  Gegenständen . Kein Mensch kann sich etwas vorstellen, das er nicht schon in irgendeiner ähnlichen Weise kennt. Wo sich alle Dinge fortwährend verändern, ist es unmöglich, etwas Bestimmtes über eine Sache auszusagen. Wer nur das Verschiedene und nichts Gleiches feststellt, hätte es mit einer vollkommen zerissenen Welt zu tun, in der er sich unmöglich zurechtfinden könnte. Die Wissenschaft behauptet daher einen  Vorrang  der Methode vor der Sache und begründet daraus ihre Sachlichkeit. Das  Schema  und damit der Ordnungszweck tritt an die Stelle der lebendigen Wechselwirkung.

Die eigentliche Technik des angewandten Wissens ist die Methode der Trennung und Segmentierung. In der  Wissenschaft  werden die Abstraktionen immer nach dem gleichen Schema zu ganzen Theorien ausgebildet: durch das Herausgreifen einer singulären Beziehung und die Fernhaltung aller übrigen, in denen der Gegenstand faktisch steht. Isoliert betrachtet ist so mancher Gegenstand unveränderlich und damit zählbar. Erst wo wir die Wirklichkeit in Abschnitte von Zeit und Raum teilen, erhalten wir quantitative Einheiten, die sich logisch verarbeiten lassen. Die gedankliche Isolation ist aber ein künstlicher und willkürlicher Vorgang. Wir beobachten nur eine von uns gestellte Situation, nicht die Wirklichkeit. Eine Amöbe herauspipettiert auf einem Objektträger ist immer etwas anderes, als eine Amöbe in ihrem natürlichen Lebensraum. Das eigentliche Leben ist dem Denken immer voraus und kann auch niemals von ihm eingeholt werden. Alles Lebendige wandelt sich, nur die leblose und abstrakte Allgemeinheit hat Bestand. Was wir als  Leben  bezeichnen, läßt sich nicht aufteilen, es ist im Ganzen, nicht in den Teilen.

Die komplexen und organischen Ganzheiten der Wirklichkeit und des  Lebens  finden immer zu wenig Berücksichtigung. Im Gebiet der kleinsten Organismen gibt es keine scharfe Grenze zwischen lebendiger und toter Materie. Eine Grenzfrage der Lebensbestimmung zeigt sich z.B. in der Frage, ob Viren als lebende Wesen niederster Stufe, oder als chemische Stoffe von besonderer Komplexität zu betrachten sind. Alle diese Grenzbegriffe sind künstlich und entsprechen unserer menschlichen Zwecksetzung. Sie gehören zu einem abstrakten Gradnetz, das wir über die Natur geworfen haben, um in einer Fülle von Erscheinungen nicht die Übersicht zu verlieren. Der Lebensprozess selbst aber ist der kontinuierliche Übergang von einem Zustand in den anderen. Leben ist überall als Zusammenhang und ständiger Wandlungsprozess da. Leben heißt: sinnlich und geistig beeindruckt sein, heißt  erleben. 

Alles Seiende auf chemische oder physikalische Formeln bringen zu wollen ist immer ziemlich aussichtslos. Das Lebendige mag sein was es will, es ist aber auf keinen Fall linear. Es gibt kein Berwertungskriterium oder Maßsystem, mit dem das Unmeßbare im wirklichen Leben kommensurabel gemacht werden könnte. Wir  beschreiben  nur unseren Zwecken entsprechend,  erklären  aber nichts. Wo scheinbar die größte Ordnung herrscht, sind Verwirrung und Unklarheit schon vorprogrammiert. Die Logik eignet sich nicht zur Beschreibung biologischer Muster. Eine Belastung mit Qualitäten erschwert immer die methodische Aufgabe. Statische Gesetze sind etwas grundlegend anderes, als dynamisch-lebende Strukturen. "UnauflöslicheUnauflösliche Widersprüche entstehen (erst), wenn man die Tatsache des Flußes im Leben  erklären  will." 1) Wie Leben entsteht, hat noch niemand kausal erklären können.  Wie  das Ei den Organismus formt, bleibt eine offene Frage. Was immer wir messen ist nicht die lebende Wirklichkeit, sondern ein Mechanismus, der auf seine technischen Funktionsmöglichkeiten hin geprüft wird. Der Organismus wird zur Maschine, die nach abstrakten Prinzipien hin beurteilt wird.

Die rationale Vorgehensweise entkleidet die Natur jedoch ihrer Lebendigkeit und vitalen Wirksamkeit. Der problemfreie Zustand toter Materie ist bezeichnend für das lebensfeindliche  Wesen  der Objektivität. Je lebloser, desto mehr ist alles unter Kontrolle. "Wo Leben erstarrt, türmt sich das Gesetz." 2) Vor abgetrennten, toten Dingen brauchen wir weniger Ehrfurcht zu haben, als vor lebendigen Prozessen. Was einmal Leben war, wird ein Haufen toter Worthülsen, grundlegende Fragen aber bleiben weiter unbeantwortet. Menschliche Lebensäußerungen können mit quantitativen Methoden nur kläglich erörtert werden.  Leben  erschließt sich niemals einer rein wissenschaftlichen Betrachtung.

"Dahin schwinden Sicht, Klang, Geschmack, Berührung und Geruch, und mit ihnen sind seither dahin Ästethik und moralische Empfindsamkeit, Werte, Qualität; dahin sind auch Gefühle, Motive, Seele, Absichten, Bewußtsein, Geist. Die Erfahrung an sich (?) ist aus dem Reich wissenschaftlicher Forschung ausgestoßen worden." 3)
Menschliche Motive lassen sich nicht addieren oder subtrahieren, weil sie schon durch ihr Zusammenwirken anders werden, als sie für sich genommen sind. Ein konkreter Mensch ist ein Qualitativum und läßt sich nur unter großen Schwierigkeiten vorausplanen. Die Motive einer Person und ihre Zielsetzungen sind keiner Berechnung zugänglich. Entscheidende Handlungen eines Menschen lassen sich nicht nach Naturgesetzen erklären.  Existenz  ist ein Bereich, der sich kausal nicht erschöpfend erklären, sondern nur unter Zuhilfenahme von Zweckbegriffen verstehen läßt. Ein lebendes System hängt nach vielen Richtungen zusammen und ist nicht linear festgelegt. Die Natur ist kein Mechanismus, der sich aus isolierbaren Teilen zusammensetzt. Abstraktionen bleiben Abstraktionen, sie existieren nicht von selbst.

Alle Gesetzmäßigkeit geht auf menschliche Vorstellungen von quantitativen, bzw. abstraktiven Einheiten zurück. Naturgesetze können erst dann aufgestellt werden, wenn die Lücke im Gegebenen durch Nichtgegebenes gefüllt wird. Sämtliche, auch die genauesten Beobachtungen sind mit Fehlern behaftet, die uns die Prüfung, ob Naturgesetze  exakt  stimmen, eigentlich unmöglich machen. Alle gefundenen Gesetze sind immer auf einen ganz bestimmten Bereich beschränkt. Die Naturgesetze sind deshalb bloß logische Gesetze. Das Natürliche ist so beschaffen, daß kein Gesetz jemals absolut allgemeingültig sein kann. Die Naturgesetze zeugen bestenfalls von der psychophysischen Beschaffenheit unseres Erkenntnisapparates, aber nicht von einer  natürlichen  Ordnung. Der Naturvorgang ist einfach das, was er ist, nichts weiter. Die tatsächliche Wirklichkeit ist jedesmal eine andere. Naturgesetze sind nur angenommene konstante Beziehungen, sind ökonomische Zusammenfassungen von Erfahrungen. Vertraut ist uns nicht Wirklichkeit, sondern ihr gewohnter Anblick. Unser Denken verhärtet sich, während die Wirklichkeit beweglich ist. Naturgesetze sind ideale Grenzfälle, denen sich die Sachverhalte bestenfalls annähern, ohne sie aber jemals zu erreichen. "Was wir beobachten ist nicht die Natur selbst, sondern Natur, die unserer Art Fragestellung ausgesetzt ist." 4)

Was mit der Abstraktion erreicht werden soll, ist Allgemeinheit. In jeder Wissenschaft ist die Forderung nach Allgemeingültigkeit enthalten. Der Weg der Wissenschaft führt immer von der weniger allgemeinen Theorie zur allgemeineren Theorie. "Wissenschaftliche Theorien sind allgemeine Sätze." 5) Im sogenannten Induktionsschluß wird vom Besonderen auf ein allgemeines Gesetz geschlossen. Das Induktionsproblem besteht in der Frage nach der logischen Rechtfertigung allgemeiner Sätze. Auf das Induktionsproblem und das Abgrenzungsproblem gehen fast alle Probleme der Erkenntnistheorie zurück.

Wenn wir von allgemeiner Gültigkeit sprechen, so meinen wir damit die beliebige Wiederholbarkeit eines Vorgangs. Die Lehre vom Primat der Wiederholungen besagt, daß das wiederholte Auftreten von einer Erscheinung uns irgendwie zur Annahme eines allgemeinen Gesetzes berechtigt. Alle Wiederholungen sind aber nur  annähernde  Wiederholungen. Die Wiederholung B des Vorgangs A ist nicht mit A identisch, d.h. von A ununterscheidbar, sondern nur Vorgang A mehr oder weniger ähnlich.

"Allgemein gesprochen setzt Ähnlichkeit - und somit auch Wiederholung - stets die Einnahme  eines  Standpunktes voraus: manche Ähnlichkeiten oder Wiederholungen werden uns auffallen, wenn wir uns für ein bestimmtes Problem interessieren. ... Man kann hinzufügen, daß sich für jede gegebene endliche Gruppe oder Menge von Dingen, mag sie auch noch so regellos zusammengestellt sein, bei einiger Geschicklichkeit Standpunkte finden lassen, von denen aus alle zu der Menge gehörenden Dinge ähnlich oder teilweise gleich sind. Das bedeutet, daß jedes beliebige Ding oder Ereignis als  Wiederholung  jedes beliebigen anderen angesehen werden kann, wenn man nur den geeigneten Standpunkt einnimmt." 6)
Für logische Verallgemeinerungen gibt es keine zwingende Rechtfertigung. Eine verallgemeinernde Beweisführung ist unzulässig. Es ist ein Irrtum zu glauben, in den empirischen Wissenschaften könnte eine, über die Wahrscheinlichkeit hinausreichende Wahrheit erzielt werden. Die Gesetze der Physik und Chemie sind durchweg statistischer Natur. Allgemeine Sätze sind auf  jeder  Abstraktionsstufe hypothetisch. Abstraktionen sind Verallgemeinerungen und Verallgemeinerungen sind nur wahrscheinlich. "Je weiter die Verallgemeinerung vorwärts schreitet, desto stärker ist das Moment des Hypothetischen in ihr." 7) Eine absolute Wahrheit wäre nur als Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung sinnvoll. Wer die Wahrheit erkennen will, müßte die Wahrheit  sein.  Wahrscheinlichkeit dagegen gründet sich auf Häufigkeit, Mehrheit und Quantität. In der Statistik herrscht das  Gesetz der großen Zahl.  Die scheinbare Willkür der Einzelfälle gleicht sich auf einmal in einer wunderbaren Harmonie aus. Die Stabilität statistischer Häufigkeiten scheint fast sicher. Jede Gesetzmäßigkeit ist aber lediglich eine ideale Forderung.
"Keine Gesetzmäßigkeit ist nur eine besondere Form der Allgemeinheit: Allgemeinheit einer Beziehung, gegenüber der Allgemeinheit eines Merkmals. Der Gedanke der Gesetzmäßigkeit wurzelt ganz in der Eigenart des Denkens, Allgemeinheit zu sehen und zu suchen. Der Gesichtspunkt des  alle  ist überhaupt nur dem Denken eigen; und in ihm hat der Gedanke des Gesetzes als einen gleichen Verhältnisses in allen Fällen allein seinen Grund. Gesetzmäßigkeit ist im Grund nichts anderes, als das Denken selber, als die spezifische Art und Weise, in der das Denken sich geltend macht. Gesetzmäßigkeit heißt, daß ein Verhältnis in einer bestimmten Art von Fällen identisch ist. Die Statuierung eines solchen  multiponiblen  Verhältnisses enthält aber genau dasselbe wie das Phänomen eines allgemeinen Begriffs überhaupt." 8)
Gesetze sind  wenn-dann- Beziehungen, aber keine  weil- Beziehungen. Statt des Wortes  Gesetz  kann auch  Formel  gesagt werden. Naturgesetzlichkeit ist nichts anderes, als die Anwendung menschlicher Kategorien auf die Natur. Indem wir die Erscheinungen nach abstrakten Kategorien auffassen, kommen wir aber zu einem ganz einseitig verzerrten Bild der Welt. Aus der Natur läßt sich für uns Menschen nichts ableiten. Was die Naturerkenntnis ausmacht (in der Form der Kausalität, bzw. der Substanz etc.), ist nur eine Verknüpfung von Vorstellungen - bloß eine Herstellung von logischen Zusammenhängen zwischen den Sinnesdaten. Dieser Zusammenhang besteht aber nur in Gedanken und nur als Begriff. Alle sogenannten Tatsachen beziehen sich mehr auf den Sprachgebrauch als auf die Realität.  Substanz  ist weniger Realität, als die Bezeichnung für ein von uns geschaffenes Gesetz. Alle Begriffe sind im Prinzip Aufgaben und Probleme. "Unser Problem ist kein kausales, sondern ein begriffliches." 9) Unsere abstrahierten Erlebnisse machen keineswegs die physikalische Welt aus, sondern geben uns nur Kunde von einer anderen Welt, die  dahinterliegt. 
"Die Erkenntnis erschafft erst den Gegenstand, in ihr entsteht er erst, als eine Begriffsbildung zur Logisierung des sinnlich Gegebenen. ... Wissenschaft vermittelt uns überhaupt nicht irgendeine Realtität, sondern sie ist eine völlige Neuschöpfung - so wie die Kunst eine solche in einer anderen Art ist. Ihr Inhalt ist eine Gestaltung aus der erlebten Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt einer speziellen Bewertung. Die Realität läßt sich nicht durch Erkenntnis ersetzen, ganz in die Erkenntnis hineinnehmen und Erkenntnis läßt sich nicht restlos in Wirklichkeit auflösen. Erkenntnis und Realität sind immer zweierlei." 10)
Der logische  Charakter  des Wissens und die sinnliche  Erfahrung  der Physis schließen sich grundsätzlich aus. Organische Lebendigkeit und alle physiologischen Begriffe haften immer an einem konkreten Subjekt. Die Gegenstände der objektiven Erkenntnis haben aber nur ein gedankliches, von seinem existentiellen Zusammenhang getrenntes Dasein.

 Homogenität  und  Linearität  sind die Formeln der exakten Wissenschaften. In der linearen, rationalen Welt Welt kommt nichts vor, was nicht gerade, eben und gleichförmig ist. Im Grunde wird dabei nichts echt erkannt, sondern wir fassen eigentlich immer nur die Summe fortschreitender Veränderungen unter einem Zweckbegriff zusammen. Wir messen nie das wirkliche Geschehen, sondern immer nur die abstrakte Schlacke, die wir gedanklich erfassen können.

"Zur Markierung und Artikulierung des in beständigem Fluß befindlichen und in ununterbrochenem raumzeitliche Konnex stehenden Wirklichen, zur exakten Gliederung des Realen, zur Vermeidung vager Angaben, treffen wir unter den Elementen der Wirklichkeit eine willkürliche Auswahl, und ziehen Striche und Grenzen, wo keine sind." 11)
In der Natur selbst gibt es weder Messen noch Zählen. "Natur ist maßlos." 12) Die Natur passt sich unserem binären Denken nicht an. In der Natur ist alles einzig und unvergleichbar. Deshalb ist es unserem Verstand niemals möglich, die Wirklichkeit  voll  aufzufassen.

Organische Prozesse können nie exakt berechenbar gemacht werden. Wir können lediglich das Allgemeine vorhersagen, nie das Individuelle. "Punktgenaues  Hier-und-Jetzt  ist nur mathematische Idealisierung." 13) Wir messen nicht die Wirklichkeit, sondern bestimmen das Wirkliche nach definierten Maßen. Die Abstraktion ist das Maß. Messung und Begriff erhalten ihren Sinn aber erst durch eine Deutung. Naturgesetze sind deshalb aus Beobachtungssätzen logisch nicht ableitbar, sondern immer ein Produkt unseres Verstandes. Wir haben  Naturgesetze  sozusagen als bequeme Zusammenfassung von menschlichen Betrachtungen über die phänomenale Welt ersonnen. Ein Gesetz ist nie etwas, das direkt wahrgenommen werden kann. Gesetze sind begriffliche Gebilde. Die vermeintlich wahrgenommene Regelmäßigkeit eines Geschehens ist Ergebnis einer definierten Gleichheit. "So erkläre ich also, ... was Regel heißt durch  Regelmäßigkeit  ... Die Verwendung des Wortes  Regel  ist mit der Verwendung des Wortes  gleich  verwoben." 14) Gleichheit erhalten wir durch den Vorgang des Abstrahierens. Die Abstraktion ist deshalb der Inbegriff der Theoriebildung.

Gesetze sind immer außerhalb der Realität. Gesetze sind Erfindung. Mit Gesetzen wird nichts erklärt. Gesetze sind nur Formeln, die unserer Fassungskraft zu Hilfe kommen. Es handelt sich beim Schließen bloß um eine Veränderung der Form unseres Wissens. Logische Beziehungen besagen nur etwas über den Denkzusammenhang, aber nichts über die Wirklichkeit.  Vergleichung  und  Verallgemeinerung  entsprechen menschlicher Systemsucht und sind nichts, was den Dingen selber anhaftet. Die Logik ist nur die Lehre vom Denken in Begriffen, nicht vom Erkennen durch Begriffe. Die Welt existiert lediglich in unserer Vorstellung, aber weil wir es von Kindesbeinen nicht anders wissen, verkennen wir den Vorstellungscharakter unseres Wissens. "Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unserer Nase. Wir kommen gar nicht auf die Idee sie abzunehmen." 15)
LITERATUR - Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit - Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
    Anmerkungen
    1) WILHELM DILTHEY, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Ffm 1981, Seite 192
    2) FRIEDRICH NIETZSCHE, ohne Quelle
    3) RONALD LAING in Fritjof Capra, Wendezeit, München 1988, Seite 53
    4) WERNER HEISENBERG, Physik und Philosophie, 1973, Seite 40
    5) KARL R. POPPER, Logik der Forschung, Tübingen 1989, Seite 31
    6) KARL R. POPPER, Logik der Forschung, Tübingen 1989, Seite 375f
    7) WILHELM DILTHEY, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Ffm 1981, Seite 342
    8) VIKTOR KRAFT, Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, Leipzig 1912, Seite 103
    9) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen, Ffm 1977, Seite 325
    10) VIKTOR KRAFT, Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, Leipzig 1912, Seite 156f
    11) HANS VAIHINGER, Die Philosophie des Als-Ob, Berlin 1911, Seite 470
    12) FRITZ MAUTHNER, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II, Frankfurt/Berlin/Wien 1980 II, Seite 82
    13) RAYMOND RUYER, Jenseits der Erkenntnis, Wien/Hamburg 1977, Seite 71
    14) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen, Ffm 1977, Seite 130f
    15) LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen, Ffm 1977, Seite 76